Schoftim 14 שופטים
Kommentar (R. Breuer)
Kap. 14. V. 1—4. Das Erste, was wir von Simson hören, ist eine Verirrung. Denn als einen schweren Verstoß gegen die Heiligkeit seines Nasirtums, als Empörung gegen Gott haben die Weisen (Sota 9b, Berachoth 12b) sein Werben um die Philisterin von Timnah aufgefaßt. Ja, die Weisen der Mischna und Boraitha (Sota das.) sehen in Simsons Augenblendung vor seinem Lebensende eine Strafe für die Leidenschaft, mit der ihn der Anblick der Philisterin erfüllte. שמשון הלך אחר עיניו לפיכך נקרו פלשתים את עיניו, die Verblendung seiner Augen hatte die Strafe ihrer Blendung zur Folge. Gleichwohl war Simsons Leidenschaft für die Philisterin von Timnah eine von Gott gewirkte Vorbereitung seines künftigen Zusammenstoßes mit den Philistern. Denn nur dann, wenn es so aussah, als ob Simsons Angriff auf die Philister eine rein persönliche Angelegenheit Simsons sei, konnte der Verdacht vermieden werden, daß Simson im Auftrage Gesamtisraels handle, ein Verdacht, der bei der damaligen Gewaltherrschaft der Philister über Israel verhängnisvoll werden konnte. Wie soll man sich aber den Widerspruch erklären, der darin liegt, daß einerseits Simsons Liebeswerbung um die Philisterin als Empörung gegen Gott, andererseits aber doch als eine Fügung Gottes bezeichnet wird? ת"ר שמשון בעיניו מרד שנאמר ויאמר שמשון אל אביו אותה קח לי כי היא ישרה בעיני לפיכך נקרו פלשתים את עיניו שנאמר ויאחזוהו פלשתים וינקרו את עיניו איני והכתיב ואביו ואמו לא ידעו כי מה' הוא כי אזל מיהא בתר ישרותיה אזל (Sota das.). Daß Simson etwas unternahm, was ein Anlaß zum Streite mit den Philistern werden konnte, war von Gott gefügt; daß er aber hierbei einseitig dem Urteil seiner Augen folgte, war eine Empörung gegen Gott. Durch die göttliche Vorausbestimmtheit alles menschlichen Tuns wird die Freiheit des menschlichen Willens nicht aufgehoben. Vgl. das zu 16, 1 zu Bemerkende.
Kommentar (R. Breuer)
V. 5. Ohne seine Eltern wollte Simson sein Vorhaben nicht ausführen. Vgl. V. 2, wo er seine Eltern ersucht, ihm die Philisterin zur Frau zu geben. Sie gehen mit ihm nach Timnah und als sie zu den Weinbergen des Ortes gelangen, zweigt Simson von ihnen ab, um, wie Malbim trefflich bemerkt, als Nasir die Nähe der verbotenen Weintraube zu meiden (כענין סחור סחור לנזירא אמרינן לכרמא לא תקרב), da kommt ihm, wie er allein seines Weges geht, ein brüllender junger Löwe entgegen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 6. וישסעהו. Vgl. Lev. 1, 17: ושסע אתו בכנפיו. Dieses Auseinanderreißen an den Flügeln mußte mit der Hand geschehen, אין שסוע אלא ביד, wie Sebachim 65b aus unserem Verse abgeleitet wird.
ולא הגיד וכו'. Was einst als ein unklares Gefühl sich pochend und drängend in ihm angemeldet hatte (vgl. das zu 13, 25 Bemerkte), kam ihm jetzt zum ersten Male zu klarem Bewußtsein: die übermenschliche Kraft, die er zum ersten Mal betätigte, rief die Gewißheit in ihm wach, daß diese erste Großtat nicht die letzte sei, zu der ihn Gott bestimmt habe. Gleichzeitig empfand er zum ersten Male eine Schranke der Fremdheit, die zwischen ihm und seinen Eltern lag. Nichts erzählte er seinem Vater und seiner Mutter von dem, was er vollbracht hatte. Soeben erst hatte er sein Innerstes seinen Eltern in kindlichem Vertrauen geoffenbart — „Gebt mir dieses Mädchen zum Weibe“ — jetzt aber wirft ihn sein erwachendes Heldentum auf sich selbst zurück.
Kommentar (R. Breuer)
V. 7. Der günstige Eindruck, den der Anblick des Weibes auf Simson gemacht hatte (V. 1), wurde bestärkt, als er bei seiner Brautwerbung mit ihm redete. Nach ת"י (Raschi) unterredete er sich mit den Verwandten des Weibes, bei denen er um die Erwählte seines Herzens anhielt: eine Auffassung, die לאשה im Sinne von על האשה begreift.
Kommentar (R. Breuer)
V. 8. Nachdem Simson um die Hand der Philisterin angehalten hatte, war er in seine Heimat zurückgekehrt. Nach einiger Zeit kam er wieder, um die Philisterin heimzuführen. Diese persönliche Angelegenheit füllte ihn aber nicht so völlig aus, wie man es bei einem zur Hochzeit fahrenden Jüngling erwarten sollte. Das Bewußtsein seiner Auserwähltheit und die Erinnerung an das wunderbare Erlebnis mit dem jungen Löwen, wobei er sich zum ersten Male seines zu Großem berufenen Heldentums bewußt wurde, lebte so ungeschwächt in ihm fort, daß er bei dieser Hochzeitsfahrt nicht umhin konnte, vom Wege abzubiegen und sich umzuschauen, ob noch Spuren seines Kampfes mit dem Löwen vorhanden seien. Wer beschreibt seine Überraschung, als er im Kadaver des Löwen, der noch an Ort und Stelle lag, wie in einem Bienenstock einen Bienenschwarm mit Honigwaben entdeckte!
Kommentar (R. Breuer)
V. 9. Simsons Eltern waren sicherlich nach der Brautwerbung ihres Sohnes mit ihm in die Heimat zurückgekehrt und jetzt zur Hochzeit wieder mit ihm nach Timnah gekommen, wenn dies auch in V. 8 im Gegensatz zu V. 5 nicht ausdrücklich gesagt ist. Wie das erste Mal (vgl. das zu V. 5 Bemerkte) war Simson auch jetzt vom Wege abgebogen und hatte seine Eltern allein weiter gehen lassen. Nachdem er den Ort seines Kampfes mit dem Löwen besichtigt hat, trifft er mit seinen Eltern wieder zusammen und giebt ihnen von dem Honig zu essen, den er dem Aase des Löwen entnommen hat, ohne ihnen zu verraten, was es mit dem Honig für eine Bewandtnis hat. Wie nach seiner Begegnung mit dem Löwen fühlt Simson auch jetzt, daß der Geist Gottes, der auf ihm ruht, ihn erhöht aber auch vereinsamt hat. Das Gefühl dieser Vereinsamung schließt redselige Vertraulichkeit selbst zwischen Sohn und Eltern aus. (Die Bemerkung des Malbim: בעבור שהלך לקחת אשה מפלשתים נכשל לאכול דבש טמא וכמ"ש חז"ל הוא נתאוה לדבר טמא וכו' übersieht offenbar, daß der Ausspruch הוא איוה לדבר טמא לפכך נתלו חייו בדבר טמא (Sota 9b) sich auf V. 19 des folgenden Kapitels ויבקע אלקים את המכתש אשר בלחי bezieht.)
Kommentar (R. Breuer)
V. 10. Wie Malbim bemerkt, war es dort Brauch, daß der Vater des Bräutigams sich zur Braut begab, um sie aufzufordern, sich für die Hochzeit zu rüsten, und daß der Bräutigam vor der Hochzeit in seinem Hause ein siebentägiges Mahl veranstaltete, dem sich nach der Eheschließung das siebentägige Hochzeitsmahl (שבעת ימי המשתה), von der Braut veranstaltet, anschloß.
Kommentar (R. Breuer)
V. 12—13. Dreißig Philisterjünglinge sind an Simsons Tafel versammelt. Während sie vergnügt schmausen, geht ihm das Erlebnis mit dem Löwen nicht aus dem Kopf. Wie ein heiliges Geheimnis, das er nicht einmal seinen Eltern preisgiebt, verschließt er es in seiner Brust. Denn er ahnt, daß in diesem Erlebnis seine göttliche Berufung sich angekündigt hat, Israel aus der Hand der Philister zu befreien. Und er ahnt weiter, daß dieses gesellige Zusammensein mit den Philistern nichts anderes als ein von Gott gewirkter Vorwand sei, unauffällig das Werk der Befreiung zu beginnen. Sinnend sitzt er da, dann erhebt er sich, fängt an zu sprechen und giebt den Versammelten ein Rätsel zu raten auf. Wie ein harmloser Hochzeitsscherz hört sich das Rätsel an. Die Philister ahnen nicht, daß Simson keinen Augenblick vergißt, daß er mit Israels Tyrannen zusammensitzt, daß sein Rätsel eine — Kriegserklärung, der Beginn seines Freiheitskampfes ist.
שבעת ימי המשתה. Die sieben Tage der Hochzeitswoche nach der Eheschließung sind hier gemeint, wie sich aus dem Zusammenhang mit den Zeitangaben der folgenden Verse ergiebt. Während der sieben Tage des Jünglingsmahles hatten sie Zeit, über des Rätsels Lösung nachzudenken, nach Ablauf der darauf folgenden Hochzeitswoche mußten sie Simson die Lösung mitgeteilt haben, wenn sie aus der Vereinbarung als Sieger hervorgehen wollten.
ומצאתם. Malbims Bemerkung, daß Simson mit diesem Worte den Philistern einen Fingerzeig geben wollte, wie sie dem unlösbaren Rätsel auf die Spur kommen könnten —: suchet die Umgebung von Timnah ab, dann werdet ihr die Lösung „finden“ — scheint uns wenig einleuchtend zu sein, weil Simson einen solchen Fingerzeig doch wohl in eine andere Satzform gekleidet hätte und das מצאתם in der vorliegenden Satzkonstruktion von den Philistern doch wohl so aufgefaßt wurde, wie wir's in unserer Übersetzung angedeutet haben: Wenn ihr bei eurer Lösung des Rätsels das Richtige gefunden haben werdet.
שלשים סדינים וגו'. Simson war sicherlich fest davon überzeugt, daß seine Gäste das Rätsel nicht raten werden, sonst hätte er sich wohl nicht auf das für ihn so nachteilige Übereinkommen eingelassen, im Falle des Unterliegens als Einzelperson dreißig leinene Unterkleider und dreißig Gewänder zu liefern, während sich seine dreißig Partner insgesamt zur Lieferung der gleichen Zahl von Kleidern eventuell verpflichten mußten, wobei auf jeden Einzelnen nur eines von den zu liefernden Gewändern kam. (vgl. Malbim).
Kommentar (R. Breuer)
V. 14. Des Rätsels Witz liegt in dem ungewöhnlichen Vorgang, daß ein Fresser, der alles Eßbare dem eigenen Konsum zuführt, Fraß abgiebt und daß Starkem nicht nur Robustes sondern auch mild Süßes entstammen kann. Simson weiß, daß seine Gäste unmöglich durch noch so intensives Nachdenken das Ereignis erraten können, worauf er anspielt. Das Ganze ist ein hohnvolles Spiel mit ihrer Harmlosigkeit. Die Philister ahnen nicht, daß sie an der Tafel eines gefährlichen Feindes sitzen, der, wenn Gott es will, mit einem Löwen so leicht wie mit einem Ziegenböcklein fertig wird. Drei Tage lang denken sie über das Rätsel nach, ohne seine Lösung zu finden.
Kommentar (R. Breuer)
V. 15. ביום השביעי. Raschi: לימות השבת ולא שביעי למשתה והוא רביעי לימי המשתה. „Es war der siebente Tag der Woche, nicht der siebente Tag des Mahles, sondern der vierte Tag des Mahles“. Malbims Hypothese des Doppelmahles wird von Raschi nicht geteilt. Nach Raschi ist in der ganzen Erzählung nur von einem, dem Hochzeitsmahle die Rede. Raschi muß darum ביום השביעי als den siebenten Tag der Woche begreifen, der der vierte des Hochzeitsmahles war, an welchem die Gäste sich an Simsons Frau heranmachten, nachdem sie während der drei ersten Tage des Mahles die Lösung des Rätsels vergebens versucht hatten. Wenn es dann weiter in V. 17 heißt, daß Simsons Frau ihren Gatten sieben Tage lang durch weinendes Bitten gequält habe, so muß Raschi zum Ausgleich dieser Schwierigkeit sich mit der Erklärung helfen, daß diese sieben Tage הנותרים משבעת הימים מרביעי ואילך in Wirklichkeit nur drei Tage waren, vom vierten Tage ab gerechnet, an welchem die Gäste ihre Aufforderung an Simsons Frau richteten. Aus dieser Schwierigkeit gerade ist Malbims einleuchtende Hypothese erwachsen. Während der ersten drei Tage des Jünglingsmahles denken die Gäste über das Rätsel nach. Vergebens. Sie geben das Nachdenken als zwecklos auf und warten auf den siebenten Tag, an welchem Simson seine Gattin heimführt. Nun erst ist sie אשת שמשון, Simsons Gattin. Nun erst kommen sie auf den Gedanken, Simsons Gattin aufzufordern, die Lösung des Rätsels aus ihrem Gatten herauszulocken. Sie benutzt die sieben Tage der Hochzeitswoche, um dieser Aufforderung zu entsprechen.
ויגד לנו את החידה. Uns scheint Malbim darin zu weit zu gehen, wenn er meint, daß die Philister die Absicht hatten, Simson durch seine Gattin zu vorzeitiger Preisgabe seines Geheimnisses zu bewegen und damit das ganze Übereinkommen umzustoßen, weil sie nicht voraussetzen konnten, daß die Gattin sich dazu hergeben werde, Schuld zu sein, wenn ihr Gatte die Wette verliere. ויגד לנו את החידה muß doch nicht heißen: daß er uns unmittelbar die Lösung des Rätsels mitteile, vielmehr heißt es doch offenbar: daß er uns mittelbar durch dich des Rätsels Lösung gebe. Die Philister sprechen in großer Aufregung. Sie bedrohen die Frau und ihr Vaterhaus mit Feuertod. Sie zittern beim Gedanken, um dreißig Unterkleider und dreißig Gewänder ärmer zu werden. Am liebsten möchten sie Simson gewaltsam zwingen ויגד לנו את החידה, ihnen sein Rätsel zu deuten, wenn sie eben dadurch nicht die ganze Wette verlieren würden. Sie versuchen es nun, auf dem Schleichwege, durch Vermittlung der Gattin, ans Ziel zu kommen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 16. לבני עמי. Auch als Gattin Simsons fühlt sie sich als Philisterin. Auf diese unlösliche Verknüpftheit mit ihrem Volke haben die Philister spekuliert, als sie an Simsons Gattin das Ansinnen stellten, ihnen zuliebe ihren Gatten zu betrügen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 17. Sieben Tage lang wurde Simson von seiner Gattin unter Tränen gequält, ihr die Lösung seines Rätsels zu verraten. Am siebenten Tage gab er nach. Den brüllenden Löwen hatte er spielend bezwungen, die weinende Gattin war stärker als er.
Kommentar (R. Breuer)
V. 18. Die Philister haben sicherlich die Lösung des Rätsels vollständiger wiedergegeben, als der Text hier berichtet. Sie haben Simson sicherlich gesagt, was unter dem Fraß, das vom Fresser kommt, unter dem Süßen, das vom Starken kommt, zu verstehen sei. Nachdem seine Gattin ihnen alles verraten hatte, war ihnen ja sein Erlebnis mit dem Löwen und sein Honigfund in dessen Kadaver bekannt geworden. Die Bibel berichtet nur kurz, wie die Philister versucht haben, Simson weis zu machen, daß sie durch eigenes Nachdenken die Lösung des Rätsels gefunden haben. Denn was ist süßer als Honig und was stärker als der Löwe? Dein Rätsel ist nicht so schwer, man muß nur reiflich nachdenken, sicherlich hast du irgendwo im Aase eines Löwen einen Bienenschwarm mit Honig gefunden! Simson läßt sich aber nicht irre führen und ruft ihnen zu, daß sie ihre Weisheit nur der Untreue seiner Gattin verdanken.
לולא חרשתם בעגלתי. Es steckt viel bittere Ironie in diesem Ausruf. עגלה ist ein Ausdruck zärtlicher Liebe. (Vgl. Sanhedrin 21a: עגלה זו מיכל ולמה נקרא שמה עגלה שחביבה עליו כעגלה וכן הוא אומר לולא חרשתם בעגלתי וגו') Wenn meine liebe Gattin mich nicht verraten hätte, hättet ihr die Lösung des Rätsels nicht gefunden. — Es mag vielleicht auch sein, daß עגלה mit dem vorausgehenden ארי psychologisch verknüpft ist: mit dem Löwen bin ich fertig geworden, ein Kälbchen hat mich wehrlos gemacht.
Kommentar (R. Breuer)
V. 19. Simsons Tat in Askalon war nicht der Ausdruck seines Zornes — der ist erst nach vollendeter Tat erwacht — sondern des Gottesgeistes, der über ihn gekommen war. Zum ersten Mal trat er in Askalon den Philistern in offener Feindschaft entgegen. Er schlug dreißig Mann und gab die Gewänder, die er ihnen auszog, seinen Hochzeitsgästen. Ob er ihnen neben חליפות auch die versprochene Anzahl von סדינים gab, wird nicht klar berichtet. Vielleicht umfaßt חליצותם beides, vielleicht aber glaubte Simson nur zur halben Erfüllung seines Versprechens verpflichtet zu sein, nachdem ja die Philister in Wirklichkeit das Rätsel gar nicht selbständig gelöst hatten. Von Rechtswegen wäre er ja zu nichts verpflichtet gewesen, allein sollte er einen langen Rechtsstreit mit den Philistern anfangen? Verächtlich warf er ihnen die Kleider hin und kehrte zornerfüllt in das Haus seines Vaters heim.
Kommentar (R. Breuer)
V. 20. Simson sagte sich auch von seiner ungetreuen Frau los, die sich dann einer seiner Hochzeitsgäste aneignete. Malbim bezieht den Nebensatz אשר רעה לו auf Simsons Frau: sie hatte mit einem der Hochzeitsgäste schon vor ihrer Ehe mit Simson ein Liebesverhältnis, das sie jetzt wieder aufnahm.