Schoftim 13 שופטים
Kommentar (R. Breuer)
Kap. 13. V. 1—2. Noch bevor Simson geboren war, hatte die neue Leidenszeit für Israel begonnen, das wieder einmal infolge seines abermaligen Abfalls von Gott in die Hand der benachbarten Philister gefallen war. Wer sich zu Beginn dieser Leidenszeit umschaute, woher wohl einmal die Befreiung Israels kommen werde, ahnte nicht, daß in Manoachs, des Daniten, stiller Hütte zu Zoreah die Rettung sich vorbereitete, daß seine kinderlose Frau von Gott bestimmt war, den Befreier zu gebären. „Dan war der politisch unbedeutendste Stamm. Sein Stammland war eine kleine, teilweise von dem mächtigen Juda umschlossene Enklave. Es dürfte nicht ohne Bedeutung sein, daß die hier verkündete Hülfe aus dem bescheidenen reinen Hause gerade einer dem kleinsten Stamme angehörigen Familie hervorgehen sollte. (Komm. Haftoroth S. 253).
Kommentar (R. Breuer)
V. 3—5. Manoachs unfruchtbarem Weibe wird von einem Engel Gottes die Geburt eines Kindes angekündigt, das schon vom Mutterschoß an ein Gott geweihter Nasir sein soll. Zu diesem Zwecke wird der künftigen Mutter anbefohlen, während der Zeit der Schwangerschaft sich selbst, gleich einem Nasir, von Wein, Rauschtrank usw. fernzuhalten. Ist ja auch sonst bei der Regelung des jüdischen Ehelebens durch das Gottesgesetz „die hohe Bedeutung der Reinheit und des auf Gott gerichteten Sinnes schon der Mutter für die seelische Ertüchtigung der ungeborenen Menschenknospe“ (Komm. a. a. O. S. 252) als der maßgebende Gesichtspunkt zu begreifen.
ואל תאכלי כל טמא. Unter טמא ist hier nicht Unreines im gewöhnlichen Sinne zu verstehen, da Manoachs Gattin, wie in Sota 9 b bemerkt wird, auch bisher nichts Unreines gegessen hatte, vielmehr sind darunter דברים האסורים לנזיר Dinge, die nur dem Nasir zum Genusse verboten sind, zu verstehen, z. B. משרת ענבים, Wasser, worin Weintrauben so lange eingeweicht werden, bis es Weingeschmack erhält. S. Raschi das.
והוא יחל להושיע את ישראל. Hierzu bemerkt רבי חמא ברבי חנינא (Sota das.) הוחל שבועתו דכתיב אם תשקר לי ולניני ולנכדי, in Simsons Tagen ist der zwischen Abraham und dem Philisterkönig Abimelech geschlossene Bund hinfällig geworden und zwar durch die Schuld der Philister, לפי שהם עברו על השבועה תחילה (Raschi das.), die Simsons Kampf gegen sie herausgefordert haben. Auch רבי חמא wußte, daß והוא יחל übersetzt werden muß: er fing an. Wenn er gleichwohl das Wort יחל im Sinne von לא יחל דברו auffaßt, so geht er dabei von dem Gedanken aus, daß die Bibel unmöglich berichten kann, daß Simson der erste war, der Israel aus der Hand der Philister befreite — die Philister waren alte Feinde Israels, deren es sich schon in früheren Zeiten zu erwehren hatte — vielmehr sieht er in diesem והוא יחל angedeutet, daß in Simsons Tagen die Philister zum ersten Male Israel nicht nur, wie früher, bedrängten, sondern es ganz in ihre Gewalt bekamen und damit erst eigentlich das Bündnis zwischen Abraham und Abimelech in die Brüche ging. (S. מהר"שא z. St.) Insofern nun Simson berufen war, die zu drückendster Gewaltherrschaft ausgeartete Macht der Philister zu brechen, kann von ihm gesagt werden, daß er der erste war, der Israel wirklich aus der Hand der Philister befreite.
Kommentar (R. Breuer)
V. 6. Sie glaubte mit einem Gottesmanne, einem Propheten, es zu tun gehabt zu haben, der aber doch von solch furchteinflößendem Aussehen wie ein Engel Gottes war. Sie fragte ihn nicht, woher er sei, und seinen Namen gab er ihr nicht kund. Wäre es ein gewöhnlicher Mensch gewesen, dann hätte sie ihn wohl nicht nach seinem Namen, aber doch, was weniger aufdringlich ist, nach seiner Heimat gefragt, und sicherlich hätte auch er nicht gezögert, ihr seinen Namen zu nennen. So aber traute sie sich aus Ehrfurcht vor seiner außergewöhnlichen Erscheinung mit keiner Frage an ihn heran.
Kommentar (R. Breuer)
V. 7. In ihrem Berichte an den Gatten verschweigt die Gattin manches von dem, was der Engel zu ihr gesprochen. So fehlen die Worte הנה נא את עקרה ולא ילדת (V. 3). Vgl. Midrasch Rabba צו פ"ט, wo es als ein Zeichen des Taktes angesehen wird, wenn hier die Gattin dem Gatten gegenüber zartsinnig davon schweigt, daß ihre Ehe bis jetzt kinderlos geblieben ist. (Vgl. auch Malbim hier z. St.). Ferner fehlt der Satz ומורה לא יעלה על ראשו (V. 5). Die Erklärung Malbims, daß dieser Satz bereits in den Worten כי נזיר אלקים יהיה הנער enthalten sei, übersieht, daß diese Worte auch in der Rede des Engels vorkommen (V. 5), wo der Satz nicht fehlt. Unseres Erachtens dürfte sich das Fehlen dieses Satzes aus dem Streben nach Verdeutlichung des Grundgedankens der Rede des Engels erklären lassen. In V. 5 erscheinen die Worte כי נזיר אלקים וכו' als eine Begründung des Satzes ומורה וכו'. Hier in V. 7 ist der Satz כי נזיר אלקים וכו' eine Begründung des Befehls ועתה אל תשתי וכו': die Frau soll während ihrer Schwangerschaft die Nasirgesetze beobachten, damit das zu erwartende Kind vom Mutterschoße an zum Nasir prädisponiert sei. Auch die weitere Bemerkung Malbims, daß der Satz והוא יחל להושיע וכו' (V. 5) hier deshalb fehle, weil die Frau für das Leben ihres Kindes gefürchtet habe im Fall es im Kreise der Philister ruchbar würde, daß ihr Kind von Gott bestimmt sei, Israel aus der Hand der Philister zu befreien, will uns nicht recht einleuchten, weil dann Manoachs Gattin die erste Frau gewesen wäre, die im stande war, ein solch stolzes Geheimnis vor ihrem eigenen Gatten zu verheimlichen. Psychologisch dürfte es wohl dem weiblichen Charakter entsprechender sein anzunehmen, daß eine Frau, der nach langen Jahren vergeblichen Harrens auf Mutterglück die Geburt eines Kindes angekündigt wurde, von dieser beseligenden Aussicht so vollkommen erfüllt ist, daß der Gedanke, dieses Kind werde ihr Kind sein, den Gedanken daran, was dieses Kind der Gesamtheit Israels sein werde, in einem Augenblick verdrängt, wo sie ihren Gatten in hastiger Aufregung zum Teilhaber ihres Geheimnisses macht. Eine Mutter hört ja niemals auf, in ihrem Kinde vor allen Dingen ihr Kind zu sehen, auch wenn es, zum Manne herangewachsen, mit seinen Taten die Welt bewegt. — Auffallend sind schließlich in dem Berichte der Gattin die Worte עד יום מותו, die in V. 5 fehlen. Malbim bemerkt, daß der Engel diese Worte absichtlich unterdrückt habe, weil er wußte, daß Simson sein Nasirtum nicht bis zum Tode aufrecht erhalten werde. Damit ist aber nur erklärt, warum diese Worte in der Rede des Engels fehlen, nicht aber, warum sie in dem Berichte der Gattin vorkommen, wodurch sich die Gattin zu diesem Zusatz bewogen fühlte. Liegt es nicht nahe, auch hier an die Instinkte einer mit dem Schicksal ihres Kindes fühlenden Mutter zu denken? An Israels künftigen Befreier denkt sie nicht, wohl aber denkt sie an die schweren Pflichten der Enthaltsamkeit, die das Leben des geliebten Kindes von der Wiege bis zum Grabe belasten werden: Bis zu seinem Todestage wird das Kind ein Nasir Gottes sein. Ein warmer Hauch echt mütterlichen Mitgefühls weht uns aus den Worten עד יום מותו entgegen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 8. Manoach ist aus den Worten seiner Gattin nicht klug geworden. Er merkte es ihren Worten an, daß sie nicht alles vollständig wiedergaben, was der Gottesmann zu ihr geredet hatte und ihr selber nicht klar war, wie im einzelnen mit dem zu erwartenden Kinde zu verfahren sei. Daher bittet er Gott um eine abermalige Entsendung des Gottesboten.
Kommentar (R. Breuer)
V. 9—10. Offenbar hatte der Engel die Absicht, auch beim zweiten Male nur Manoachs Gattin zu erscheinen. War ja der göttliche Auftrag, den er zu überbringen hatte, nur an sie gerichtet. Sie aber hielt es im Interesse einer möglichst genauen Ausführung des Auftrages für geboten, diesen in Gegenwart ihres Mannes entgegenzunehmen, und sie beeilte sich, Manoach herbeizurufen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 11. Die Bemerkung des מהרי"א, daß der Engel deshalb nicht Manoach, sondern seiner Gattin erschien, weil sie für eine Unterredung mit einem Gottesboten innerlich besser disponiert war, als ihr Gatte, dürfte vielleicht durch die trocken nüchterne Art, wie Manoach zu dem „Manne“ hintritt und die Personalien des „Mannes“ feststellt, bestätigt werden. Vgl. das zu den folgenden Versen zu Bemerkende.
Kommentar (R. Breuer)
V. 12—14. Der Engel hat seiner ersten Rede nichts weiter anzufügen. Nur mit noch größerem Nachdruck wiederholt er seinen an die Frau ergangenen Befehl, unterstreicht insbesondere das Verbot des Weingenusses, indem er es auf alles ausdehnt, was vom Weinstock kommt, und empfiehlt im übrigen eine peinlich genaue Befolgung seiner Anweisungen: eines mehreren bedarf es nicht, um des Knaben Weise und Tun, noch bevor er das Licht der Welt erblickt hat, für seine Nasiraufgabe vorzubilden.
Kommentar (R. Breuer)
V. 15—23. Während Manoachs Gattin gleich beim ersten Auftreten des Engels sein göttliches Wesen instinktiv empfunden hatte (vgl. V. 6), stand Manoach selbst ihm skeptisch gegenüber, bis er von seiner Göttlichkeit sich unwiderleglich überzeugen mußte. Zuerst sucht er seinem Wesen dadurch auf die Spur zu kommen, daß er ihn zu längerem Verweilen bei einem Mahle einlud. Bei Speise und Trank öffnen sich die Herzen: vielleicht gelang es ihm dabei, den seltsam einsilbigen Gast zur Offenbarung seines Wesens zu bewegen. Die Einladung wird ausgeschlagen. Auch wenn ich bliebe, könnte ich von deinem Mahle nicht genießen. Willst du aber unbedingt ein Opfer darbringen, so bringe es Gott dar. Manoach merkt noch immer nicht, wen er vor sich hat, obwohl die Wendung ואם תעשה עלה durch die darin liegende Andeutung, daß diesem Gaste gegenüber kein gewöhnliches Ziegenböckleinmahl sondern ein heiliges Opfer am Platze wäre, ihn hätte stutzig machen müssen. Im Gegensatz zu seiner Gattin, die nicht einmal die Frage nach der Herkunft geschweige die nach dem Namen des Engels gewagt hatte (V. 6), fragt Manoach geradezu: Wie heißt du? Und er begründet diese neugierige Frage mit seiner Absicht, ihm Ehre zu erweisen, wenn seine Verheißung sich bewahrheitet haben sollte. Verblümt gibt er ihm damit zu verstehen, daß er ihn für einen berufsmäßigen, auf Honorar erpichten Wahrsager halte. Von weiteren zudringlichen Fragen nimmt er erst Abstand, als ihm der Engel die Nennung seines Namens mit der Begründung verweigert, daß ja doch kein sterblicher Geist in die Verborgenheit seines Wesens einzudringen vermöchte und es daher zwecklos sei, einen Namen zu nennen, der nichts anderes als ein Ausdruck dieser Verborgenheit sei. Schweigend bereitet nun Manoach ein Opfer für Gott. Und als nun durch des Engels wunderbares Wirken aus dem Felsen, auf dem Manoach sein Opfer niedergelegt hat, Feuer himmelwärts steigt und die so urplötzlich hervorbrechende Altarflamme den Engel selbst in die Höhe hebt, wo er den erstaunten Blicken der Beiden entschwindet —: da erkennt Manoach, nachdem er mit seiner Gattin ehrfürchtig zur Erde auf das Angesicht niedergefallen war, daß es ein Engel Gottes war, in dessen Geheimnis er eindringen wollte. Nach diesem wunderbaren Erlebnis tritt nun eine sehr bezeichnende Reaktion ein. Manoach ist fassungslos, er glaubt sterben zu müssen, weil er Gott geschaut habe: seine Skepsis löst sich in Zerknirschung auf, an die Stelle des Zweifels tritt die Verzweiflung. Seine Gattin dagegen, der es von vornherein klar gewesen ist, daß nicht ein „Mann“, sondern eine übersinnliche Erscheinung ihr erschienen war, gewinnt ihre Fassung sofort wieder und zwar auf Grund der vernünftigen Erwägung, daß unmöglich Gott ihren Tod beschlossen haben könne, nachdem er das Opfer angenommen und sie eines so wunderbaren Erlebnisses und einer so wunderbaren Verheißung für würdig gehalten habe. — Sollte dieses gegensätzliche Verhalten der beiden Ehegatten nicht eine Bestätigung des psychologischen Weisheitssatzes der Weisen sein שנתן הקב"ה בינה יתירה באשה יותר מבאיש (נדה מה'), wonach Gott dem Weibe ein größeres Maß von „Zwischensicht“ verliehen habe als dem Mann?
Kommentar (R. Breuer)
V. 24—25. Manoachs Gattin führte den göttlichen Auftrag, der ihr geworden war, gewissenhaft aus: Ein Knabe kam auf die Welt, den sie Simson nannte und der so geartet war, daß Gott ihn segnen konnte. In Dans Lager war's, zwischen Zoreah und Eschthaol, wo Simson zum ersten Mal seiner göttlichen Sendung sich bewußt wurde. Mit keinem Worte deutet die Schrift an, wozu ihn der Geist Gottes antrieb. Simsons körperliche Reife (s. Sota 10 a zu ויברכהו ד') fiel mit dem Erwachen seines göttlichen Triebes zusammen. Wohin und wozu ihn dieser Trieb drängte? Er wußte es selber nicht. Es waren dunkle Dranggefühle eines von Gott Erwählten und Gesegneten.
במחנה דן. Vgl. Midrasch Rabba zu Gen. 49, 16 f., wo Simsons Wesen und Wirken aus seiner Zugehörigkeit zum Stamme Dan heraus verstanden wird.