Schoftim 12 שופטים
Kommentar (R. Breuer)
Kap. 12. V. 1. Nach dem Kriege mit den Ammonitern war Jifthach in seine Heimat zurückgekehrt; doch Ruhe war ihm nicht beschieden. Neben dem schmerzlichen Erlebnis mit seiner Tochter war es ein vom Zaun gebrochener Bürgerkrieg, der den soeben abgeschlossenen Krieg mit den Ammonitern ablösen sollte. Der Haß der Efraimiten gegen Jifthach, aus welchem dieser Bürgerkrieg aufloderte, war äußerlich in politischer Eifersucht begründet —: sie stellten sich beleidigt wegen der Zurücksetzung, die ihnen angeblich dadurch widerfahren war, daß Jifthach sie nicht zum Kampfe gegen die Ammoniter gerufen hatte — in Wirklichkeit ging er, wie aus V. 4 hervorgeht, auf jene alte Familienzwietracht zurück, die einst Jifthach als minderwertiges Familienglied aus dem Vaterhause vertrieben hatte (11, 2 f.). Was damals als Streit zwischen den Söhnen Gileads erschien, trat nunmehr als Stammesstreit zwischen Efraim und Menasse auf oder, genauer gesagt, zwischen Efraim und jenem halben Stamme Menasse, der sich, von seinen Stammesbrüdern territorial getrennt, jenseits des Jardens angesiedelt hatte. Die Animosität, von der die Efraimiten gegen Jifthach erfüllt waren, gelangt in ihrer ganzen Tiefe in der brüsken Kampfansage „dein Haus werden wir über dir im Feuer verbrennen“ zum Ausdruck und wird erst unter dem Gesichtspunkt verständlich, daß die Männer Efraims weniger darüber, was sie offiziell vorbrachten, als darüber, was sie im Innern ihres haßerfüllten Herzens verbargen, erbost waren: der ganze Mensch behagte ihnen nicht, sie konnten sich nicht mit dem Gedanken befreunden, daß ein Mann von Jifthachs Abkunft blos deshalb, weil er als siegreicher Held aus den Kämpfen mit den Ammonitern hervorgegangen war, an der Spitze des Josephshauses stand.
Kommentar (R. Breuer)
V. 2—3. Was wollt ihr denn von mir, ruft Jifthach den Efraimiten zu. Die Feindschaft zwischen Gilead und den Ammonitern liegt schon lange Zeit zurück. Der Kampf, der jetzt zum Siege führte, war nicht der erste, den ich mit den Ammonitern auszufechten, allein auszufechten hatte. איש ריב הייתי וגו' zu einem „Mann des Streites“ gegen sie war ich geworden. Weit und breit war ich als der zum Kampf gegen die Ammoniter Verurteilte bekannt. Wie gerne hätte ich Helfer gehabt! Wie oft habe ich euch gerufen! Ihr aber kamt nicht und überließet mich allein meinem Geschick. Da sprach ich in meiner Vereinsamung: Ich wag’s, im Vertrauen auf Gott und meine Kraft holte ich zum letzten großen Schlage aus, und Gott segnete mein Werk. Was wollt ihr nun mit einem Male heute von mir?
Kommentar (R. Breuer)
V. 4. Vielleicht wären die Efraimiten einer weiteren Verhandlung mit Jifthach nicht abgeneigt gewesen, aber Jifthach erkannte, daß ihr Haß gegen ihn so tief saß, daß nur eine gewaltsame Entscheidung des alten Zwistes möglich war. Jifthach wußte genau, wofür sie ihn und sein Haus hielten, er kannte ihren überheblichen Adelsstolz, mit welchem sie auf Gilead als einen Auswurf Efraims herabschauten, der sich angemaßt habe, בתוך אפרים בתוך מנשה, Efraims und Menasches Mittelpunkt zu sein. Darum brach er die Verhandlung ab, ging sofort zum Angriff über und errang den Sieg.
Kommentar (R. Breuer)
V. 5—6. Die harte Vergeltung, welche die Gileaditen an den Efraimiten übten, erklärt sich aus der ungemeinen Erbitterung, mit welcher die in ihrer persönlichen Ehre als פליטי אפרים (V. 4) gekränkten Gileaditen die Straferpedition gegen Efraim unternahmen. Der Atem einer heißen Rache weht uns aus פליטי אפרים (V. 5) entgegen: Einst waren die Gileaditen פליטי אפרים, der „Auswurf“ Efraims, jetzt waren die geschlagenen Efraimiten פליטי אפרים, die „Flüchtlinge“ Efraims.
Infolge der Besetzung der Jordanfurten durch die Gileaditen waren die Flüchtlinge Efraims ihren Feinden ausgeliefert. Nur dann, wenn es ihnen gelungen wäre, sich als Nichtefraimiten auszugeben, wäre es ihnen möglich gewesen, sich über die Jordanübergänge zu retten. Ihren Feinden stand aber ein einfaches Mittel zur Verfügung, die Identität ihrer Persönlichkeit festzustellen. Die Efraimiten sprechen den Zischlaut ש wie ס aus. So konnten die Gileaditen an ihrer Aussprache des Wortes שבלת (Strom), wenn sie um die Erlaubnis, den „Strom“ zu überschreiten baten, sofort erkennen, wen sie vor sich hatten. 42000 Efraimiten fielen so in jener Zeit, da auch die Flüchtlinge, als Efraimiten erkannt, an den Jordanfurten niedergemacht wurden.
Kommentar (R. Breuer)
V. 7. בערי גלעד. Jifthach konnte doch nur in einer Stadt begraben werden. Was heißt das nun, daß er in den Städten Gileads begraben wurde? Raschi bemerkte zu 11, 39: ויפתח הוכה בשחין וניפול איברים שנאמר ויקבר בערי גלעד. „Jifthach wurde durch Aussatz und Gliederverfall bestraft, denn es heißt: er wurde in den Städten Gileads begraben.“ Nach dieser Tradition ist Jifthach zur Sühne seines Vergehens gegen seine Tochter durch eine furchtbare Krankheit bestraft worden: sein Körper zerfiel, allmählich brach er auseinander, sodaß einzelne Leichnamsteile an den verschiedenen Orten seines Aufenthaltes gesondert geborgen werden mußten.
Kommentar (R. Breuer)
V. 8. אבצן זה בועז, bemerkt Raschi, Ibzan ist nach der Überlieferung identisch mit Boas. Vgl. Komm. Ruth 1, 1. Raschis Bemerkung geht auf Baba bathra 91 a zurück, wo die Gemara, nachdem sie den Ausspruch von רבה בר רב הונא: אבצן זה בועז citiert hat, in höchst charakteristischer Weise fragt: מאי קמ"ל, was soll damit gelehrt werden, und hierauf den Nachweis führt, daß רבה בר רב הונא mit seiner Überlieferung nicht im Dienste der historischen Wissenschaft sondern der jüdischen Pflichtenlehre steht. (s. das.) Ebensowenig wie die Gemara eine voraussetzungslose Wissenschaft kennt — denn aller Weisheit Anfang ist Gottesfurcht — ebensowenig kennt sie eine tendenzlose Wissenschaft. Wenn ihr eine historische Tatsache überliefert wird, dann weiß sie mit dieser Wissenschaft an sich nichts anzufangen und sie fragt: מאי קמ"ל, was Raschi in unübertrefflicher Weise mit den Worten erläutert: מה ריוח יש בדבר ומה אנו למידין שום מצוה מכאן „Was kommt dabei heraus? Welche Mizwa kann man daraus lernen?“
Kommentar (R. Breuer)
V. 11—15. Von Ibzan wissen wir durch Überlieferung, daß er identisch mit Boas ist, von dessen Wirken und Wesensart uns ein deutliches Bild aus der Megillath Ruth entgegenstrahlt. Allein seine Nachfolger Elon und Abdon — wer und was waren und taten sie? Die Bibel schweigt, nur von Abdon berichtet sie kurz, daß er vierzig Söhne und dreißig Enkel hatte, die auf Eselsfüllen ritten, seine Zeit darum wohl eine Zeit des Friedens, geruhsamer Lebensfreude, ungestörten Familienglückes war. Weh den Zeiten, die Zeugen großen welthistorischen Geschehens sind! Heil den Zeiten, von deren Menschen die Chronik nichts anderes zu berichten weiß, als daß sie Kinder und Enkel hatten, die auf Eselsfüllen ritten!