Nechemjah 9 נחמיה
Kommentar (R. Breuer)
Kap. 9. V. 1—3. Schon Esras Thoravorlesung hatte auf das Volk einen so niederschmetternden Eindruck gemacht, daß es eines energischen Dazwischentretens Nehemias, Esras und der Leviten bedurfte, um die qualvolle תשובה-Stimmung des Volkes nicht zu einer Verzweiflung ausarten zu lassen, die mit dem Wesen der beginnenden Festtage nicht vereinbar gewesen wäre. (Vgl. 8, 9 ff.). Jetzt, am 24. Tischri, nachdem die Feste vorüber waren, brach jene Stimmung wieder hervor. Mit allen Zeichen der Trauer und Buße versammelte sich das Volk, um nachzuholen, was ihm durch den Eintritt der Feste verwehrt war zu tun. Eine sittliche Erhebungsaktion ward eingeleitet, die in Israels Geschichte nicht ihresgleichen hat. Am Anfang war die Tat. Was schon früher unter Esra einmal unternommen wurde, wurde jetzt wiederholt: die Ausscheidung aller heidnischen Glieder aus Israels Ehe und Familienkreis. Und erst nachdem diese Tat vollbracht war, reihten sich ihr die üblichen Programmpunkte einer allgemeinen תענית-Kundgebung an. (Vgl. das zu Esra 9, 3—5 Bemerkte). Mit den Worten ויקומו על עמדם knüpft der Bericht an die Worte והעם על עמדם 8, 7 an: die Stellung, die damals verlassen werden mußte, wurde jetzt wieder eingenommen; die Aktion, die damals unterbrochen werden mußte, wurde jetzt fortgesetzt und vollendet.
Kommentar (R. Breuer)
V. 4. Der allgemeinen Kundgebung des Volkes schloß sich eine besondere der Leviten an. Eine Gruppe von Leviten betrat die für den Levitengesang bestimmte Tribüne und schrie mit lauter Stimme zu Gott. Was der Inhalt ihres ungestümen Flehens war, wird vom Erzähler verschwiegen, doch vom Talmud (Sanhedrin 64a) überliefert: Es war eine zu Gott aufschreiende Klage über die unheimliche Kraft des יצר הרע של עכו"ם, die selbst die Zerstörung des Tempels und Staates zu überdauern vermochte. Diese Klage blieb nicht ungehört. Ihr war's zu verdanken, wenn der heidnische Götzentrieb im Volke in Esras Tagen erlosch. (Vgl. das zu 8, 17 Bemerkte).
Kommentar (R. Breuer)
V. 5. Eine andere Gruppe von Leviten, die zum Teil aus denselben zusammengesetzt war, wie die erste, forderte das Volk zu einem den Namen Gottes segnenden und verherrlichenden Gebete auf, von dem noch heute in unserem täglichen Gottesdienste einzelne vertraute Laute unsterblich weiterklingen. Während der Aufruf קומו ברכו unmittelbar an das Volk gerichtet war, wandten sich die Leviten mit ויברכו וכו', das Volk zum Anschluß an ihren Segen ladend, zu Gott. — Aus dieser Form ihres gemeinsamen Gebetes folgert der Talmud (Berachoth 63, Taanith 16, Sotah 40), שאין עונין אמן במקדש, daß im Heiligtum nicht die בגבולין übliche Anschlußformel „Amen“ sondern die ausführlichere ברוך שם כבוד מלכותו לעולם ועד gebräuchlich war.
Kommentar (R. Breuer)
V. 6—8. Die Huldigung Gottes beginnt mit dem Bekenntnis zu seiner Einheit. Es ist derselbe Gott, der in Natur und Geschichte waltet. Der Gott der Geschichte, ד', hat die Natur geschaffen und waltet fortdauernd in ihr, und der Gott der Natur, אלקים, hat Abraham erwählt und waltet fortdauernd in Israels Geschichte.
Der Himmel und שמי השמים, „jene Himmelswelt, zu welcher unser Himmel sich also verhält, wie die Erde zu ihm, für welche somit unser ganzer Himmel zu einem Punkt zusammenschwindet“ (Komm. Ps. 148, 4), Festland und Meer und alles, was sie füllt, sie alle wurden nicht bloß durch Gott, sie sind auch durch Gott, der מחיה את כלם, dessen Wille sie fortbestehen läßt. Nicht mechanisch gehorcht das Heer des Himmels den immanenten Gesetzen der Natur, vielmehr וצבא השמים לך משתחוים die Natur beugt sich huldigend vor Gott, dem Schöpfer und Erhalter ihrer Gesetze.
Während der Talmud in בבא בתרא 25 a u. a. auch aus unserem Verse folgert, daß im Gegensatz zur unhaltbaren Ansicht des ריב"ל, wonach die שכינה im Westen weile, שכינה בכל מקום, die göttliche Herrlichkeit überall vorhanden sei, wird in Sanhedrin 91 b von אנטונינום erzählt, der einst רבי gefragt habe, מפני מה שוקעת במערב, warum die Sonne im Westen untergehe, worauf ihm רבי geantwortet habe: כדי ליתן שלום לקונה שנאמר וצבא השמים לך משתחוים, um die im Westen weilende שכינה sich verneigend zu begrüßen. וצ"ע.
Wie eine neue Weltschöpfung ging Israels Urahn Abram aus Gottes Werderuf hervor. Vgl. Berachoth 13 a: בתחלה נעשה אב לארם ולבסוף נעשה אב לכל העולם כלו Ursprünglich der Vater Arams (Abram), ward er am Ende der Vater der ganzen Welt (Abraham). Eine עשה und ein לאו übertritt, כל הקורא לאברהם אברם, wer aus dem Namen אברהם das weltgeschichtliche ה eliminiert. Wenn gleichwohl in unserem Verse der Erzähler es wagt, von אברם zu reden, so geschieht es ja nur, um zum Preise Gottes einen Rückblick auf die Vergangenheit zu werfen, התם נביא הוא דקא מסדר לשבחיה דרחמנא מה דהוה מעיקרא (das.)
Auffallend ist das zweimalige לתת in V. 8. Vielleicht soll damit angedeutet werden, daß das verheißene Land den Nachkommen Abrahams um des Verdienstes ihres Stammvaters willen verliehen wurde? Gott fand Abraham würdig, mit ihm den Bund zu schließen, לתת וכו', zu geben das Land usw. Wem? Abraham? Nein, לתת לזרעו, seinen Nachkommen zu geben. Durch die Unbestimmtheit des ersten לתת, das sich auch auf Abraham beziehen könnte, wird dem Gedanken Raum gewährt, daß sein Verdienst es war, dem seine Nachkommen die Besitznahme des Landes zu verdanken hatten.
Kommentar (R. Breuer)
V. 9-15. Im Fluge durchmißt das Gebet Israels Vergangenheit. Das Elend in Mizrajim, die Zeichen und Wunder an Pharao und seinem Volke, das Hangen und Bangen am Ufer des Meeres, die Meeresspaltung mit ihren Folgen, Rettung der Einen, Untergang der Anderen, die Wolkensäule bei Tag und die Feuersäule bei Nacht, die Offenbarung des Gesetzes am Sinai, die Wunderspeisung während des Ganges durch die Wüste und als dessen Ziel die von Gott eidlich verheißene Eroberung des Landes: wie ein kurzer geschichtlicher Leitfaden die Hauptmomente jüdischer Vergangenheit in wenigen Sätzen zusammenfaßt, so zaubert die Erinnerung der Betenden die wichtigsten Erlebnisse ihres Volkes in gedrängter Kürze vor das Auge. Wenn aber bei diesem die Vergangenheit wie im Fluge durcheilenden Rückblick aus all den Gesetzen, Geboten und Lehren, die am Sinai geoffenbart wurden, der „heilige Sabbath“ zu besonderer Betonung herausgegriffen wird, so lehrt uns ein Hinblick auf das letzte Kapitel dieses Buches, das von der im Volke eingerissenen Sabbatentweihung erzählt, daß dieser spezielle Hinweis auf den Sabbath aus einem das Herz der Betenden durchbohrenden Schuldgefühle sich erklärt.
Kommentar (R. Breuer)
V. 16-23. Der Weg von Mizrajim in das verheißene Land war durch ein immer wieder von neuem anhebendes Abgleiten von Gott und seinem Worte auf der einen, durch unerschöpfliche Bekundungen der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit auf der anderen Seite gekennzeichnet. Frevel, Hartnäckigkeit, Ungehorsam, Trotz, Pläne zur Fahnenflucht und Rückkehr nach Mizrajim, Aufruhr gegen Gott, der sich beim goldenen Kalbe in unerhörten Schmähungen entlud: das war der Dank des Volkes für die Großtaten, die es von Gott erfahren hatte. Gott aber verließ sie nicht. Unerschöpflich war seine Gnade und Huld. Die Wolkensäule am Tage und die Feuersäule in der Nacht, die Ausstrahlungen des Gottesgeistes, die Moses zur Höhe einer später nie wieder erreichten Prophetie erhoben und das Volk zu verständnisvoller Aufnahme seiner Lehren befähigten, das Manna für ihren Hunger und das Wasser für ihren Durst, eine vierzigjährige Versorgung, die zu einem wundervollen Schutz vor den zermürbenden und auflösenden Wirkungen der Wüstenstrapazen gedieh, sodaß ihre Gewänder nicht zerfielen und ihre Füße nicht anschwollen, dazu die Vertreibung und Zerstreuung von Königreichen und Völkerschaften, deren Länder sie in Besitz nahmen, während sie selbst mit sternengleich vermehrter Volkszahl einziehen durften in das den Vätern verheißene Land: das waren die Bekundungen der Liebe, mit welchen der Gott der Vergebung das ewig schwankende Volk aus den Niederungen der Gegenwart zu der Höhe einer besseren Zukunft erhob.
Kommentar (R. Breuer)
V. 24-37. Die Eroberung des Landes durch Josua, die Zeiten der Richter und Propheten mit ihren Licht- und Schattenbildern, das dauernde Schwanken des Volkes zwischen Treue und Abfall, sein Übermut im Glück und seine zu Gott emporschreiende Verzweiflung im Unglück, der Zorn Gottes und seine zur Vergebung stets bereite Liebe, Israels nationale Katastrophe, die in den Tagen der Könige von Assyrien begann und mit der Fülle ihres Ungemachs sich fortsetzte bis auf diesen Tag: die Geschichte Judäas, sein staatlicher Auf- und Niedergang zieht in dieser Stunde an den betend Bekennenden und bekennend Betenden vorbei, und die Frucht dieser berauschend erhebenden und zugleich quälend erschütternden Erinnerungen ist die niederschmetternde Erkenntnis, daß Israels Galuth nur die wohlverdiente Folge seines Abfalls von Gott und Gottes Thora ist. „Als sie noch in ihrem Reiche waren.... dienten sie dir nicht.... Siehe, heute sind wir Knechte....“