Nechemjah 8 נחמיה
Kommentar (R. Breuer)
Kap. 8. V. 1—2. Der Aufbau der Mauer war vornehmlich ein politisches Werk, wenn er auch zu seiner Vollendung jenes geistigen Schwunges nicht entraten konnte, den Israel nur aus den Quellen der Thora gewinnt. Umso tiefer empfanden sie nunmehr das Bedürfnis, durch eine religiöse Demonstration ihrem politischen Tun auch den Anschein einer aus rein nationalistischen Motiven erwachsenen Handlungsweise zu nehmen. Die Versammlung auf dem Platze vor dem Wasserthore war eine impulsive Tat des Volkes, nicht verursacht durch den Willen seiner Führer, sondern ויאספו, ein selbsttätiges Drängen des Volkes zum geistigen Mittelpunkte seines nationalen Daseins, zum Buche der Lehre Moses, als deren berufenen Verkünder das Volk in dieser Stunde nicht den Politiker Nehemia, sondern Esra, den Schriftgelehrten herbeirief.
Das Volk berief den „Schriftgelehrten“ Esra, daß er herbeibringe „das Buch der Lehre Moses“. Esra aber entsprach dem Willen des Volkes, indem er als „Priester“ die „Thora“ herbeibrachte. Es liegt in diesem Wechsel des Ausdrucks eine leise Korrektur des Volksbegehrens: Nicht bloß eine Wissenschaft ist die Thora, dazu bestimmt, von Schriftgelehrten theoretisch erforscht zu werden, sondern eine Lebenslehre, dazu bestimmt, vom Volke nach dem Vorbilde des ihm beispielgebend voranschreitenden Priesters erfüllt zu werden.
Dem ganzen Volke sollte am ersten Tage des siebenten Monats, am ראש השנה, die Thora vorgelesen werden, Männern und Frauen und „allen, die sie verstehen konnten“. Malbim meint, daß unter den כל מבין לשמע die Thorakundigen im Volke zu verstehen seien, die imstande waren, auch der in die Tiefen des Schriftwortes eindringenden und sie erläuternden mündlichen Überlieferung zu folgen. Liegt es nicht näher, bei מאיש ועד אשה an den Kreis der Erwachsenen und bei וכל מבין לשמע an die reifere Jugend zu denken? Allerdings dürfte die Auffassung Malbims durch das והמבינים in V. 3, מבינים in V. 7 und ויבינו in V. 8 bestätigt werden.
Kommentar (R. Breuer)
V. 3—8. Nach רב חסדא (Joma 69 b und Sotah 41 b) fand diese Vorlesung in der עזרת נשים statt. V. 3 berichtet allgemein, daß diese Vorlesung vom frühen Morgen bis zum Mittag unter gespannter Aufmerksamkeit des ganzen Volkes stattfand. In V. 4-8 werden die Einzelheiten berichtet. Esra stand auf einer eigens zu diesem Zweck errichteten Holztribüne, sechs Männer zu seiner Rechten, sechs zu seiner Linken. An diese sechs Männer erinnert uns noch heute die Sechszahl derer, die am Versöhnungstage zur Thorah gerufen werden. Vgl. Megilla 23 a: הני ששה דיה"כ כנגד מי: כנגד ששה שעמדו מימינו של עזרא וששה משמאלו. Auf den Einwand הני שבעה הוו, daß auf Esras linker Seite doch sieben Männer standen, antwortet der Talmud: היינו זכריה היינו משלם ואמאי קראו משלם דמישלם בעובדיה, daß Secharjah und Meschullam identisch sind, daß Secharjah den Beinamen Meschullam, der „Vollkommene“ besaß, weil er ein Mann sonder Fehl und Makel war. (Mit dieser talmudischen Tradition ist aber, wie Malbim bemerkt, die Stelle ולזכריה ולמשולם ראשים Esra 8, 16 schwer zu vereinen.)
Auf der Tribüne stehend, die ihn über alles Volk emporhebt, öffnet Esra das Buch unter schweigender Andacht des ganzen Volkes. Auf diesen Bericht (רבי זירא אמר רב חסדא auf den Schlußsatz in V. 3) gründet רבא בר רב הונא die Vorschrift, jedes Gespräch zu unterlassen, sobald die ספר תורה zur Vorlesung geöffnet ist. Vgl. Sotah 39a: כיון שנפתח ספר תורה אסור לספר אפילו בדברי הלכה. Das ganze Volk stand auf, d. h. das ganze Volk schwieg. ואין עמידה אלא שתיקה (das.)
Doch bevor Esra anfängt zu lesen, segnet er Gott, den großen Gott. מאי גדול, fragt der Talmud (Joma 69 b), was heißt „großer Gott“? שגדלו בשם המפורש, er sprach in dieser Stunde den vierbuchstabigen Gottesnamen aus, um Gott in seiner ganzen Größe dem Volke zum Bewußtsein zu bringen. War er dazu berechtigt? Heißt es nicht im Gesetz: אין אומרים שם המפורש בנבולים, daß außerhalb der עזרה der vierbuchstabige Gottesname nie ausgesprochen werden darf? הוראת שעה היתה, Esra hielt sich und er war zur vorübergehenden Aufhebung dieses Gesetzes befugt. Wars ein Wunder, wenn das Volk im Augenblick, als der שם המפורש aus Esras Munde erklang, nicht nur, die Hände hoch hebend, ein doppeltes Amen sprach, sondern auch, wie am יום כפור, wenn aus dem Munde des כהן גדול der שם המפורש erklingt, sich vor Gott zur Erde niederwarf?
Auf diese Eröffnung voll tiefster religiöser Weihe, die von vornherein der „Vorlesung“ den akademisch-wissenschaftlichen Charakter nahm und sie in die höhere Sphäre einer gottesdienstlichen Handlung erhob, war es zurückzuführen, wenn auch während der ganzen nun beginnenden Vorlesung והעם על עמדם, das Volk, wie im Augenblick, als Esra das Buch geöffnet hatte, in schweigender Andacht verharrte.
Die Vorlesung war kein bloßes Rezitieren des Schriftwortes. Dazu hätte Esra nicht eines ganzen Stabes von Mitwirkenden bedurft. Das Gotteswort wurde erläutert und dem Verständnis des Volkes näher gebracht. Vgl. Megilla 3a: ויקראו בספר תורת האלקים זה מקרא, מפורש זה תרגום, ושום שכל אלו הפסוקין, ויבינו במקרא אלו פסקי טעמים. Der Vorlesung des Textes schloß sich eine Übersetzung an, und die Erläuterung ging aus von einer genauen Erwägung der Übergänge von Vers zu Vers und der נגינות (Raschi das.), der Accente, die erst ein sinngemäßes, verständnisvolles Lesen ermöglichen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 9—12. Esras Vorlesung hat auf das ganze Volk einen erschütternden Eindruck gemacht. Sie trauerten und weinten, als sie die Worte der Thora vernahmen. Das Bewußtsein ihrer Entfremdung von dieser Thora erfüllte sie mit einem quälenden Schuldgefühl, das in Thränen der Trauer sich ergoß. So liefen sie Gefahr, diesen ersten Tag ראש השנה als einen Tag der Trauer zu verbringen. Das durfte nicht sein. Es widerspricht dem Geiste der Thora, Reue und Zerknirschung in trostlose Verzweiflung einmünden zu lassen, vielmehr entspricht es dem Geiste der Thora, den Weg der Rückkehr zu Gott mit dem Lichte der aus Gott zu gewinnenden Freude zu erhalten. Da trat Nehemia vor, der Statthalter, der Politiker, der Kenner des Volkes und seiner Seele, und ihm schloß sich an Esra, der Priester, der Schriftgelehrte, den sein Priestertum und seine Gelehrsamkeit nicht hinderte, frei von allem welt- und lebensfremden Doktrinarismus — der an den Thränen des Volkes sein Genüge gefunden und es seiner Trauer als einer willkommenen Frucht der priesterlichen Lehre überlassen hätte — sofort mit kundigem Blick die heilige Absicht des Politikers Nehemia zu durchschauen, und ihnen schlossen sich an die Leviten, die, mitten im Volke stehend, das von Esra verkündete Wort seinem Verständnis näher zu bringen wußten, und sie alle, Esra, Nehemia und die Leviten, sie machten sich ans Werk, das Volk aus seiner gedrückten Stimmung zur „Heiligkeit des Tages“ und zur „Freude Gottes“ aufzurichten. Ihr dürft diesen Tag nicht vertrauern. Mit Weinen und Trübsinn werdet ihr der Heiligkeit dieses Tages nicht gerecht. Wie Heiligsein im Geiste der Thora tatkräftige Bereitschaft zu nimmermüder Aufwärtsbewegung zur Höhe des Thoraideals bedeutet, so entspricht der Heiligkeit dieses Tages nur eine aus Ernst und Freude gemischte frohgemute Aufschau zu Gott, die חדות ד' oder שמחה של מצוה heißt. Die Heiligkeit des Menschen beginnt mit der Heiligung seiner sinnlichen Freuden, nicht aber mit ihrer Verwerfung. Geht darum hin und esset und trinket. Wohlschmeckend sollen eure Speisen und süß eure Getränke sein. Und weil die „Heiligkeit des Tages“ und die „Freude Gottes“ es ist, aus der die Heiligung eurer sinnlichen Freuden quillt, darum sollt und werdet ihr bei eurer Freude auch derer gedenken, die eurer spendebereiten Hilfe bedürfen, um teilzuhaben an eurer Freude.
So sprachen Nehemia, Esra und die Leviten. Die Losung des Tages ging von Nehemia und Esra aus. Den Leviten lag die besondere Aufgabe ob, diese Losung an das ganze Volk, in dessen Mitte sie standen, von Mann zu Mann belehrend und beschwichtigend heranzubringen. Und wenn dann wirklich das ganze Volk, von Einsicht getragen in den Geist der Worte, die man es gelehrt, hinging, um so zu handeln, wie Nehemia und Esra es gelehrt hatten, wenn nicht nur äußerlich die Thränen der Trauer schwanden, sondern auch innerlich Resignation und Trübsinn vor der „Freude Gottes“ wichen, wenn nicht nur die Mahnung des אל תתאבלו ואל תבכו, sondern auch die des ואל תעצבו befolgt wurde, so war dies nicht zuletzt der Seelsorge der Leviten zu verdanken, die kraft ihrer unmittelbaren Berührung mit dem Volke den Weg zu seinem Herzen zu finden wußten.
Bezah 15 b wird von ר' אליעזר erzählt, der am י"ט am Schlusse seiner דרשה, als die letzte Gruppe seiner Schüler das Lehrhaus verließ, ihnen die Worte unseres V. 10 nachrief: לכו אכלו משמנים וכו' Daselbst wird von רב חסדא der Satz ושלחו מנות לאין נכון לו bezogen auf למי שלא הניח ערובי תבשילין, und von ר' יוחנן wird zu dem Satze כי חדות ד' היא מעזכם daselbst auf die Kraft des Vertrauens hingewiesen, die auch kostspielige Zurüstungen von י"ט-Mahlzeiten nicht scheut, im starken Bewußtsein, daß derselbe Gott, dessen heiligem Willen die Heiligkeit der heiligen Tage entstammt, zur Bestreitung der hierzu erforderlichen finanziellen Mittel, auch dann, wenn sie auf dem Wege des Darlehens beschafft werden müssen, seine Hilfe nicht versagt: אמר להם הקב"ה לישראל בני לוו עלי וקדשו קדושת היום והאמינו בי ואני פורע.
Kommentar (R. Breuer)
V. 13—18. Am zweiten Tag ראש השנה fand im engeren Kreise, unter dem Vorsitze Esras, in Gegenwart der Stammhäupter, der Priester und Leviten, ein abermaliges Eindringen in das Gesetz der Thora statt. Hierbei stieß man wie auf unbekanntes Neuland auf das Gebot des Hüttenwohnens am Sukkothfeste und sofort wurden die erforderlichen Anordnungen zur thoragemäßen Feier dieses Festes erlassen. Diese Ausführungsbestimmungen wurden mit der gleichen autoritativen Kraft, wie sie dem Gottesworte selber eignet, hinausgegeben. Derselbe Gott, der einst dem Mose befahl, אשר ישבו בני ישראל בסכות וכו', erließ jetzt an Esra und seine Genossen den Befehl, ואשר ישמיעו וכו'.
Die auffallende Tatsache, daß V. 17 wiederholt erzählt: ויעשו סכות, nachdem dies bereits in V. 16 berichtet wurde, daß es ferner in V. 16 ויעשו להם סוכות heißt, während in V. 15 und V. 17 das Pronomen להם (resp. לכם) nicht gebraucht wird, hat Hoffmann, Leviticus II. S. 291 f. auf den Gedanken geführt, „daß in Nehemia der Ausdruck עשה סכות (ohne ergänzendes pron.) nicht „Hütten machen“, sondern, wie עשה חג הסכות (Deut. 16, 13; Esra 3, 4), „das Hüttenfest feiern“ bedeutet und außer dem Wohnen in Hütten noch die anderen Zeremonien des Hüttenfestes in sich begreift. Ebenso heißt ja auch der Ausdruck עשה פסח (das ursprünglich nur „ein Peßachopfer machen“ bedeutete) wenigstens in den späteren Schriften (vielleicht aber schon Deut. 16, 1) „das Peßachfest feiern“ (vgl. z. B. 2 Chron. 30, 1 mit 30, 13). In Neh. 8, 14; 15 wird sonach erzählt: Die Stammhäupter, welche zu Esra kamen, um auf die Worte der Thora aufzumerken, haben vorgeschrieben gefunden, wie man nach dem Befehle Gottes in Hütten wohnen und das Volk mahnen müsse, alles herbeizuschaffen, um das Sukkothfest nach der Vorschrift zu feiern. (לעשות סכות ככתוב muß schon deshalb so übersetzt werden, weil die Schrift nicht befiehlt: „machet euch Hütten“, sondern „wohnet in Hütten“, wie ja Neh. 8, 14 ebenfalls אשר ישבו וגו' lautet). Zu diesem Zwecke mußte man aufs Gebirge gehen, um sich mit Laub zu den Hütten und mit den Pflanzen zum Feststrauße vorzusehen. Die Frucht vom Baume Hadar wird nicht genannt, weil zum Feste „der Einsammlung der Früchte“ jeder damit vorgesehen war; ebenso war die Bachweide überall zu finden; nur Palmenwedel und Abotbaum-Laub mußten, wie das schöne grüne Laub von Oliven, Oleaster und Myrten, vom Gebirge geholt werden. Mit Recht hat daher auch der Talmud (Sukka 12a) Neh. 8, 15 so aufgefaßt, daß die drei ersten Arten zur Laubhütte und die zwei letzten zum Feststrauße genommen wurden. V. 16 erzählt darauf: Das Volk machte sich (להם) Hütten. Dies geschah natürlich vor dem Feste, da es am Festtage unstatthaft war. V. 17 und 18a erzählen dann von der Festfeier: „Und es feierte die ganze Versammlung, welche aus der Gefangenschaft zurückgekommen war, das Sukkothfest, und zwar in folgender Weise: 1) Sie wohnten in Hütten, was die Kinder Israel (in solch allgemeiner Beteiligung, vgl. die Comment. von Ibn Bachja....) seit den Tagen Josuas nicht getan hatten; 2) es war eine sehr große Freude (mit dem Feststrauße, wie Lev. 23, 40 vorschreibt); 3) man las ihnen täglich aus den Gesetzbüchern vor. V. 18 b schließt dann die Erzählung mit den Worten: „Und sie feierten den חג sieben Tage und am achten Tage Azeret nach Vorschrift“.
Was aber an dieser ganzen Erzählung am auffallendsten erscheint, der Bericht von dem Auffinden des Gesetzes über das Sukkothfest, das auf die damalige Generation des jüdischen Volkes wie eine neue Offenbarung wirkte, und die Feststellung der Tatsache, daß seit den Tagen Josuas die Kinder Israel nicht so getan bis auf jenen Tag, woraus doch nach dem einfachen Wortsinn zu entnehmen ist, daß während der ganzen Zeit von Josua bis Esra die Feier des Sukkothfestes unterblieben wäre, das wird weder durch die Hypothese der „allgemeinen Beteiligung“, noch durch die Hypothese Malbims, wonach in den Tagen Esras die Einrichtung getroffen worden sei, daß von nun ab im Gegensatz zu früher die Hütten des Sukkothfestes auch ברשות הרבים, auch an den öffentlichen Plätzen errichtet werden durften (s. das.), hinreichend erklärt. Beide Hypothesen widersprechen überdies der talmudischen Überlieferung in ערכין 32 b, in die man sich gründlich vertiefen muß, wenn man diese Erzählung richtig verstehen will. Dort werden zwei Auffassungen des Satzes כי לא עשו מימי ישוע בן נון וכו' vorgetragen und zwar entsprechend der bekannten talmudischen Meinungsverschiedenheit über die Frage, ob קדושה ראשונה קידשה לשעתה וקידשה לעתיד לבא oder nicht, d. h. ob die von Josua vorgenommene heiligende Bereitstellung des Landes für das Thoragesetz auch bei der zweiten Besitznahme des Landes durch Esra fortwirkte oder ob durch Esra jene Bereitstellung wiederholt werden mußte. Daß die Feier des Sukkothfestes während der ganzen Zeit zwischen Josua und Esra unterblieben wäre, ist ausgeschlossen. אפשר בא דוד ולא עשה סוכות עד שבא עזרא, ist es denkbar, daß ein David die Feier des Sukkothfestes unterlassen hätte und sie erst durch Esra wieder eingesetzt worden wäre? Zwei Möglichkeiten sind denkbar.
Erstens: Esra mußte die קדושת הארץ in der gleichen Weise zu wiederholten Male proklamieren, wie sie zum ersten Male durch Josua verkündet worden war. מקיש ביאתם בימי עזרא לביאתם בימי יהושע מה ביאתם בימי יהושע מנו שמיטין ויובלות וקדשו ערי חומה אף ביאתן בימי עזרא מנו שמיטין ויובלות וקדשו ערי חומה וכו'. Demnach war das neue Erlebnis, worauf der Satz כי לא עשו מימי ישוע בן נון וכו' hinweist, die durch Esra proklamierte Wiedergeburt Erez Jissraels als das Land des Thoragesetzes.
Zweitens: Eine Wiederholung der קדושת הארץ-Proklamation war überflüssig, denn Josuas Verkündung wirkte noch in Esras Tagen fort. Ein anderes war's, was durch Esra bewirkt wurde und worin seine Größe selbst die Josuas übertraf. דבעי רחמי על יצר דע"א ובטלין ואנין זכות' עלייהו כי סוכה והיינו דקא קפיד קרא עילוי דיהושע דבכל דוכת' כתיב יהושע והכא כתיב ישוע בשלמא משה לא בעא רחמי דלא הוה זכותא דארץ ישראל אלא יהושע דהוה ליה זכותא דארץ ישראל אמאי לא ליבעי רחמי. Esra erflehte und bewirkte das Erlöschen des (mit Unzucht verbundenen) heidnischen Götzentriebes im Volke. (Vgl. Sanhedrin 64 a). Seine wundervolle sittliche Persönlichkeit war's, die wie einer Suckoh schützendes Dach das Volk vor dem Versinken in den Abgründen heidnischer Zuchtlosigkeit bewahrte. (Vgl. die ersten Verse des folgenden Kapitels.) Ein gleiches geschah niemals seit den Tagen Josuas bis zu jenem Tage. Seit den Tagen Josuas! Nicht umsonst wird aus den Tagen der Vorzeit der Name Josuas herausgegriffen. Josua wäre berufen gewesen, schon in seiner Zeit zu vollbringen, was später Esra vollbrachte. Moses konnte es nicht vollbringen, weil ihm die Heiligkeit und die sittliche Atmosphäre von Erez Jissrael nicht zur Seite stand, wohl aber stand sie Josua zur Seite. Und weil er die Chance ungenützt ließ, wird er an dieser Stelle nicht mit seinem vollen Namen יהושע, sondern, tadelnd, verkleinernd ישוע genannt. Demnach war das neue Erlebnis, worauf der Satz כי לא עשו מימי ישוע בן נון וכו' hinweist, die durch Esra bewirkte sittliche Wiedergeburt Israels als das Volk des Thoragesetzes.
Welche von diesen beiden Möglichkeiten dem Erzähler auch vorgeschwebt haben mag, eines steht fest: כי לא עשו מימי ישוע בן נון כן בני ישראל עד היום ההוא, so wie sie damals das Suckothfest gefeiert haben, unter dem Eindruck der Wiedergeburt des Landes oder des Volkes stehend, sodaß sie das alte Gesetz wie eine neue Offenbarung empfanden, ist dieses Fest, seitdem das Land Erez Jissroel geworden war, nie gefeiert worden.