Nechemjah 2 נחמיה
Kommentar (R. Breuer)
Kap. 2. V. 1—2. Der König sitzt an der Tafel. Wein steht vor ihm. Den Wein zu erheben und dem König zu reichen, ist das Vorrecht des berufenen Mundschenks Nehemia. Mit heiterer Miene, denn „Majestät braucht Sonne“, ist Nehemia gewohnt, seines Amtes zu walten. Auch heute bemüht er sich, eine heitere Miene aufzusetzen. Es gelingt ihm nicht. Er hat wahrhaftig nichts Böses im Schild. „Nicht war ich böse vor seinem Angesichte.“ Gleichwohl keimt im Herzen des mißtrauischen Königs, der wie alle Despoten auf Schritt und Tritt von Lebensgefahr sich umwittert glaubt, ein finsterer Verdacht empor. Dieser Jude kommt ihm heute so seltsam vor. Sollte der Wein, den er ihm reicht, vergiftet sein? So verstört sieht er heute aus, wie noch nie. Krank, das weiß er, ist er nicht. Sonst wäre er heute zum Dienste nicht erschienen. Was also kann der Grund seiner Verstörtheit anders sein als ein böses Gewissen? Er spricht seinen Verdacht nicht deutlich aus. Er wählt ein doppelsinniges Wort: רע לב. Das kann „Herzeleid“, kann aber auch wie in Sam. I. 17, 28 „Herzenstücke“ bedeuten. Nehemia erschrickt bei diesem Worte. Nun muß er dem König sagen, welch tiefes Herzeleid ihn quält.
Kommentar (R. Breuer)
V. 3. „Der König lebe ewig!“ Diese übliche Einleitung einer Anrede an den König (vgl. Kön. I. 1, 31; Dan. 2, 4; 3, 9) hat hier nicht nur formelle, sondern im Hinblick auf den V. 2 angedeuteten Verdacht auch eine sachliche Bedeutung: Heilig ist mir das Leben des Königs. Mein Gewissen ist rein. Nur mein Aussehen ist verstört. Wie sollte es auch nicht? Verwüstet ist der Ort, wo die Gebeine meiner Väter ruhen — Nehemia weiß, daß eine Berufung auf die Heiligkeit des Grabes ihre Wirkung nicht verfehlen wird. Am Anfang aller Religionsgeschichte steht der Totenkult.
Kommentar (R. Breuer)
V. 4—5. Nehemia hat sich in V. 3 etwas unklar ausgedrückt. Wohlweislich hat er die Gräber seiner Väter in den Vordergrund seiner Bitte geschoben. Der König weiß nicht recht, worauf er hinaus will. Liegt ihm bloß der Gräberkult am Herzen, oder schwebt ihm da irgend eine politische Aktion vor Augen? Was willst du eigentlich? Erkläre dich deutlicher! — Nehemia fühlt die Schicksalsschwere des Augenblicks, spricht leise ein kurzes Stoßgebet zu Gott, dann antwortet er zögernd, holt weit aus — אם על המלך טוב ואם יטב וגו' — bis er das entscheidende Wort יהודה spricht, ohne dabei eine nochmalige Betonung der Gräberstätte zu unterlassen: Um Judääs Zukunft willen laß mich die Gräberstätte meiner Ahnen erbauen!
Kommentar (R. Breuer)
V. 6. והשגל wird allgemein als königliche Gemahlin verstanden. Ja, Malbim vermutet, daß unter שגל hier Esther zu verstehen sei, die nach talmudischer Überlieferung die Mutter des Königs Darius war. Dementsprechend bezieht Malbim den Satz ויאמר לי המלך auch auf Esther — ähnlich wie ויאמר אבימלך ופיכול שר צבאו — und glaubt, daß der günstige Ausgang der Unterredung Nehemias mit dem Könige vornehmlich auf den Einfluß Esthers zurückzuführen sei, deren Liebe zu ihrem Volke auch hier zum Segen ihres Volkes sich bewährte. Jedoch abgesehen von der Unmöglichkeit einer Bezeichnung der königlichen Mutter mit dem Worte והשגל ist diese Auffassung Malbims mit der Überlieferung des Talmuds nicht zu vereinbaren. Rosch-Haschanah 4a wird die moralische Minderwertigkeit des persischen Königs (מנלן דאחמיץ) aus unserem Verse abgeleitet, und zwar auf Grund einer Tradition des רבה בר לימא משמיה דרב, wonach hier unter שגל nicht die Gemahlin des Königs, sondern כלבתא, eine Hündin zu verstehen sei. Wohl kommt das Wort שגל auch in edlem Sinne vor, nämlich Ps. 45, 10. Dort aber muß es entweder in übertragener Gleichnisbedeutung verstanden werden — בשכר שחביבה תורה לישראל כשגל לאומות העולם זכיתם לכתם אופיר — oder aber ist שגל in der Tat im allgemeinen als königliche Gemahlin zu verstehen, und nur hier in unserem Verse hat es auf Grund einer feststehenden Überlieferung den Sinn von כלבתא, Hündin: ואיבעית אימא לעולם שגל מלכְתא היא ורבה בר לימא גמרא גמיר לה ואמאי קרי לה שגל שהיתה חביבה עליו כשגל אי נמי שהושיבה במקום שגל.
Komm. Ps. 45, 10: „שגל, als Zeitwort wohl nur im unedlen Sinne gebraucht, weshalb, wo es in der Schrift כתיב vorkommt, es als קרי: שכב gelesen wird, muß ihm als Hauptwort diese unedle Bedeutung nicht eigen gewesen sein, sonst würde es ja auch hier nicht vorkommen, und ist ja auch als Substantiv dafür kein קרי überliefert. Sehr wahrscheinlich ist auch diese unedle Bedeutung nicht die ursprüngliche, vielmehr dürfte die Wurzel שגל mit סגל verwandt sein, welches ja die innige, ausschließende Aneignung eines wertvollen Gegenstandes bedeutet. Vgl. Pent. 2. B. M. 19, 5.“ Was hier als wahrscheinlich vermutet wird, findet in der zitierten Talmudstelle seine Bestätigung.
Fraglich ist bloß, was Nehemia bewog, in seinem Berichte zu erwähnen, daß im Augenblick, wo der König seiner Bitte willfahrte, והשגל יושבת אצלו. Wäre es die Gattin gewesen, dann läge es nahe, die gnädige Stimmung des Königs ihrem Einfluß zuzuschreiben. Nachdem aber die talmudische Überlieferung שגל im Sinne von כלבתא versteht, mag es die Absicht dieses Berichtes sein, an einem krassen Beispiele zu zeigen, wie Gott, zu dem Nehemia soeben erst um ein glückliches Gelingen seiner Mission gebetet hat, auch Menschen von der sittlichen Artung eines altpersischen Königs als Schergen seines Willens nicht verschmäht. Nehemias politische Aktion in Palästina wurde eingeleitet in einem Augenblick, als der persische König in froher Weinlaune neben seiner — Lieblingshündin saß. Diese eine Szene genügt, um uns Weltgeschichte in einem höheren Aspekt als dem der Seelenzergliederung ihrer Akteure begreifen zu lehren.
Kommentar (R. Breuer)
V. 7—9. Um ungefährdet an das Ziel seiner Reise zu kommen und den Zweck seiner Reise zu erreichen, erbat sich Nehemia vom König Vollmachtsbriefe an die Statthalter jenseits des Euphrat, die für ein bewaffnetes Geleit bis nach Judäa sorgen sollten, außerdem ein Schreiben an den Hüter der königlichen Waldungen, der ihn mit Bauholz für einen dreifachen Zweck versorgen sollte: Nur der Tempel selbst war erbaut, noch aber mußte die Burg des Tempels mit Toren versehen werden; ferner mußten an der Stadtmauer die Tore errichtet werden; und schließlich mußte für Nehemia selbst ein Amtsgebäude bestimmt und auch dieses mit Toren versehen werden. Der allgütige Gott fügte es, daß sämtliche Bitten Nehemias bewilligt wurden. Nehemia kommt zu den Statthaltern jenseits des Euphrat und übergibt ihnen seine Vollmachtsbriefe, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Im Namen des Königs geben sie ihm Heerführer und Reiter als Geleite auf die Reise mit. — Manche Erklärer beziehen den Satz וישלח עמי המלך וגו' auf das Geleite, das der König aus freien Stücken sofort beim Aufbruch Nehemias ihm mitgegeben habe. Indessen bietet für diese Auffassung der Text keine Handhabe, vielmehr bezieht sich dieser Satz offenbar auf die Wirkung, welche die Briefe des Königs bei den Statthaltern ausgelöst haben, und wenn die Heerführer und Reiter nicht als Entsandte der Statthalter, sondern des Königs bezeichnet werden, so soll damit nichts anderes gesagt werden, als daß die Statthalter im Auftrag und im Namen des Königs gehandelt haben.
ערכין 6a wird entschieden, daß man zu Beginn einer בדק הבית-Unternehmung einen עכו"ם von der Beteiligung ausschließen muß, weil es hierbei leicht zu einer Störung der Arbeit kommen könnte, דשמא לרפיון ידים מתכוונין (Raschi das.). Wenn gleichwohl Nehemia gleich zu Beginn seiner Expedition den königlichen Forst um Überlassung von Bauholz anging, so erklärt dies אביי mit dem offensichtlichen Wohlwollen des Königs, das einen Zweifel an seiner Dauer von vornherein ausschloß: שאני מלכותא דלא הדרא ביה.
Kommentar (R. Breuer)
V. 10. Die צרי יהודה (vgl. Esra 4, 1) regten sich wieder. Ihnen war Nehemia und das Werk, zu dessen Ausführung er sich anschickte, ein Dorn im Auge. Sie konnten es nicht ertragen, ja, sie empfanden es als ein großes Unglück, daß da „ein Mensch“ gekommen war, der sich herausnahm, den Kindern Israels Gutes erweisen zu wollen. Dieses אדם ist von Verachtung und Wut durchtränkt, wie auch heute noch im Deutschen verhaltener Grimm explodierend „dieser Mensch“ zu fauchen pflegt.
An der Spitze dieser verbissenen Widersacher standen Sanballat, ein assyrischer Mann aus Beth-Choron, einem Orte im Gebiete Ephraim, und Tobia, ein ammonitischer Sklave, von dem weiter berichtet wird, daß er zu einer angesehenen Stellung in Judäa sich emporzuschwingen verstand: „Denn viele in Judäa waren ihm geschworene Freunde, da er ein Eidam Sechanjas, Sohnes Arachs, war, und sein Sohn Jochanan hatte die Tochter Mesullams, Sohnes Berachjas, genommen“ (6, 18).
Im Talmud, Kidduschin 70a, wird die Überlieferung der Mischnah, daß mit Esra ממזרים aus Babel nach Palästina gezogen seien, zuerst unter Hinweis auf die Familie Tobias zu begründen versucht. Dagegen wird aber eingewendet: 1. daß nicht ausgemacht sei, daß die Kinder aus der Ehe eines Sklaven mit einer Jüdin als ממזרים betrachtet werden; 2. daß nirgendwo berichtet werde, daß Tobia wirklich Kinder gehabt habe; 3. daß es zweifelhaft sei, ob Tobias Familie zu den aus Babel Heimgekehrten oder zu den unter Gedalja in Palästina Zurückgebliebenen gehört habe.
Kommentar (R. Breuer)
V. 11—12. Wie einst Esra (8, 32), so verbrachte auch Nehemia zunächst drei stille Tage in Jerusalem, bevor er etwas unternahm. Er mußte seine Unternehmung sehr vorsichtig einleiten, denn schon waren Sanballat und Tobia auf ihn aufmerksam geworden. Das erste, was er unternahm, war eine Besichtigung der Mauern und Tore der Stadt. Ohne das von Gott in sein Herz gesenkte Vorhaben einer Menschenseele zu verraten, brach er nachts in aller Heimlichkeit zur Besichtigung auf. Nur Nehemia ritt auf einem Tiere, die wenigen Männer, die ihn begleiteten, gingen zu Fuß.
Kommentar (R. Breuer)
V. 13—15. Daß die Mauern Jerusalems durchbrochen und ihre Tore vom Feuer verzehrt waren, das wußte jedermann. Um ihre schadhafte Verfassung festzustellen, dazu hätte es keiner nächtlichen Expedition bedurft. Nehemias Absicht aber war, den an die vorhandenen Trümmer längst Gewohnten ad oculos zu demonstrieren, daß auch die vorhandenen Reste der Befestigung morsch und brüchig waren und nicht einmal einer energisch zupackenden Untersuchung, geschweige einem feindlichen Angriff, standzuhalten vermochten. Dazu bedurfte er der Begleitung einiger Männer, die ihm bei der Untersuchung der Mauern, die mehr als eine Besichtigung, die als eine Niederlegung des noch scheinbar Festen gedacht war, behilflich sein sollten.
Die Lesart Iben Esras ואהי שבר (mit שי"ן שמאלית, vgl. Malbim) würde nur Besichtigung bedeuten. Unsere Lesart ואהי שׁבר bedeutet: ich zerbrach. Wir haben in unserer Übersetzung beide Lesarten zu kombinieren versucht.
Den Weg zum Taltore hinaus, gegen die Drachenquelle und das Misttor hin konnte Nehemia reitend zurücklegen. Der Weg aber zum Quellentor und Königsteiche war von Schutt und Geröll so versperrt, daß Nehemia reitend nicht durchkommen konnte. So stieg er vom Tiere ab und legte den Weg zu Fuß zurück. Nachdem er die Untersuchung beendet hatte, kehrte er auf dem gleichen Wege durch das Taltor wieder heim.
Kommentar (R. Breuer)
V. 16. Das Vorhaben Nehemias konnte nur dann gelingen, wenn er zunächst seine Absichten in den Schleier des tiefsten Geheimnisses hüllte. Wie leicht konnte die Opposition seiner Feinde schon im Keime ersticken, was nur bei äußerster Vorsicht langsam gedeihen und sich vollenden konnte. Er sprach darum, mit Ausnahme der wenigen, die ihm persönlich nahestanden und ihn auf seinem nächtlichen Gange begleiten durften, zu keiner Menschenseele ein Wort. Die Gemeindevorsteher von Jerusalem, die Vornehmen unter den Judäern, die Priester, die Edlen, die Vorsteher auswärtiger Gemeinden (in diesem Sinne wird das wiederholte ולסגנים wohl zu verstehen sein) und die übrigen maßgebenden Personen, von deren Zustimmung und Mitarbeit das Gelingen der geplanten Bauarbeiten abhing —: Niemand ahnte bis jetzt, wozu Nehemia gekommen war und was er plante.
Kommentar (R. Breuer)
V. 17—18. Nehemia beginnt sein Werk mit einem Appell an das Ehrgefühl. Den verwahrlosten Zustand der Mauer Jerusalems bezeichnet er als ein Unglück und eine Schmach. Und er ist von Gott und vom König berufen, hier Wandel zu schaffen. Seine Worte, von denen er hier in kurzem Auszug berichtet, verfehlten ihre Wirkung nicht. Mutig gingen die Führer des Volkes ans Werk.
Kommentar (R. Breuer)
V. 19—20. Ihren Spott und ihre Verachtung verbrämten die Feinde mit politischen Motiven. Sie hätten sich doch sagen müssen, daß Nehemia ohne Erlaubnis des persischen Königs es niemals gewagt hätte, sein Werk des Aufbaus zu beginnen. Gleichwohl kalkulierten sie, daß nichts leichter ist, als ein abhängiges Volk bei seinem Herrn politisch in Verruf zu bringen und als eine Empörung gegen den König zu denunzieren, was doch nur mit seiner ausdrücklichen Erlaubnis vollbracht werden sollte. Gegenüber diesen beginnenden Widerständen berief sich Nehemia auf den Gott des Himmels, der sein Vorhaben allen Schwierigkeiten zum Trotz gelingen lassen werde. Toren, die ihr glaubt, ein von Gott gesegnetes Werk stören zu können. Noch immer ist und bleibt Jerusalem die Stadt Gottes und seines Volkes. Ihr habt kein Teil und kein Recht daran. Diese Stadt wird noch die Stadt Gottes und seines Volkes sein, wenn schon längst der Schutt der Jahrtausende das Gedächtnis eures Namens bedeckt! — Vgl. Schekalim 5b: אין מקבלין מהן לאמת המים ולחומות העיר ומגדלותיה על שם שנאמר ולכם אין חלק וגו'.