Nechemjah 3 נחמיה
Kommentar (R. Breuer)
Kap. 3. V. 1. Die Bauliste beginnt mit dem Anteil der priesterlichen Familie, an deren Spitze der Hohepriester Eljaschib stand. Sie erbauten das Schaftor, das (vgl. V. 32; 12, 39) nördlich vom Tempel lag. Vermutlich rührt der Name von den Opfertieren her, die durch dieses Tor zum Tempel getrieben wurden. Nach seiner Fertigstellung wurde das Tor geweiht. Die Weihung bestand wohl zunächst darin, daß die Einbeziehung des Tores in die Heiligkeit der heiligen Stadt mit ausdrücklichen Worten verkündet wurde. Vielleicht mag aber auch die Einsetzung der Türen, die das Tor gebrauchsfertig machten, den Akt der Weihung vollendet haben. Die Weihung des Schaftores wurde aber, wie der Text berichtigend hinzufügt, erst vollzogen, nachdem der Bau bis zu den Türmen Hammeah und Chananel fortgeschritten war. Die beiden Türme lagen nach 12, 39 zwischen dem Fischtor und Schaftor. Der Turm Chananel wird auch Jirm. 31, 37 und Secharjah 14, 10 erwähnt, doch geht über seine Lage aus diesen Versen nichts Bestimmtes hervor.
Kommentar (R. Breuer)
V. 2. Den einzelnen Gruppen der Bauleute waren bestimmte Mauerstücke zugewiesen. So bauten Eljaschib, dem Hohenpriester, zur Seite die Männer von Jericho und ihm zur anderen Seite (auch das zweite ועל ידו bezieht sich wohl auf Eljaschib, da es mit Bezug auf אנשי ירחו doch ועל ידם hätte heißen müssen) baute Sakkur, der Sohn des Imri.
Kommentar (R. Breuer)
V. 3. Zur Lage des Fischtores vgl. 12, 39.
V. 3. Hier unterläßt es der Erzähler, den Inhalt des Gebetes mitzuteilen, wie um anzudeuten, daß in Stunden unmittelbarer Gefahr das Gebet die sofortige Einleitung von Schutzmaßregeln nicht verzögern darf.
עליהם bezieht sich auf die Bauleute, מפניהם auf die Feinde (Raschi).
Kommentar (R. Breuer)
V. 4. Während בנה den Neubau einer eingefallenen Mauer bedeutet, ist unter החזיק die Ausbesserung einer brüchigen Mauer zu verstehen (Malbim).
V. 4. Es war höchste Zeit, daß zur Verteidigung etwas geschah. Denn schon kam eine offizielle Abordnung der Judäer — das liegt in dem seltsamen ויאמר יהודה — und berichtete, daß unter dem Eindruck der drohenden Gefahr die Kraft der mit dem Wegschaffen des massenhaften Bauschutts sich abmühenden Arbeiter nachzulassen beginne, wodurch die Fortsetzung des Baues unmöglich geworden sei.
Kommentar (R. Breuer)
V. 5. Die Vornehmen von Thekoa hielten es unter ihrer Würde, sich an der Ausführung des Mauerbaues zu beteiligen. Sie bedachten nicht, daß Gott der Bauherr war, unter dessen Willen sie ihren Nacken hätten dienend beugen müssen.
V. 5. Hier nimmt der Erzähler das erst im folgenden Vers zu Erzählende vorweg, wonach man auf jüdischer Seite über die Vorgänge im feindlichen Lager durch Spione unterrichtet war. Die Feinde planten einen plötzlichen Überfall, sie unternahmen es, die Bauenden zu erschlagen, um den Bau zu vernichten.
Kommentar (R. Breuer)
V. 6. Malbim weist nach, daß das „alte Tor“ identisch ist mit dem Chr. II 26, 9 erwähnten שער הפנה.
V. 6. Die Judäer, die mitten unter der heidnischen Bevölkerung wohnten, wußten aus nächster Nähe, was die Feinde planten. Im Augenblick der Gefahr erwachte in ihnen das jüdische Gemeinschaftsgefühl zu solcher Stärke, daß sie ungeachtet des Spionenschicksals, das sie bedrohte, zu den an der Mauer Jerusalems bauenden Stammgenossen überliefen von allen Orten her, wo sie siedelten, und jene mit aller Eindringlichkeit, nicht ein-, sondern zehnmal beschworen: Bleibt nicht an dem gefahrvollen Orte, wo euch der feindliche Überfall unversehens bedroht, verlaßt ihn und flieht und kehrt zurück zu uns!
אשר ist hier nicht relativische Anknüpfung an המקמות, sondern von ויאמרו abhängige Partikel zur Einleitung der direkten Redeform des תשובו עלינו.
Kommentar (R. Breuer)
V. 7. Die Männer von Gibeon und Mizpah werden, wie Malbim bemerkt, in Esra 2 nicht unter den aus Babel Heimkehrenden genannt: sie hatten die Heimat nie verlassen und standen unter der Herrschaft des über die in der Heimat Verbliebenen eingesetzten Landpflegers, während die mit Serubabel und Esra Heimgekehrten unter Serubabels und Nehemias Statthalterschaft standen.
V. 7. Nehemia folgt dem Rufe der Überläufer nicht. Er verharrt mit den Seinen bei dem teuren Orte, dessen Befestigung das Ziel ihres heiligen Strebens ist. Die Stellung, die er von den Seinen, nach Geschlechtern geordnet, mit vielfältigem Kriegsgerät bewaffnet, für die Zurückschlagung des erwarteten Überfalls beziehen läßt, wird mit aller Vorsorge bestimmt: sie befindet sich unterhalb des Geländes, wo sie der Feind zu überraschen plante, hinter der Mauer auf felsigem Grunde. Hier läßt er sie sich aufstellen und auf die Dinge warten, die da kommen würden. Bei dieser Verteidigung rechnet er mehr auf die Gunst der Stellung als auf die Zahl und Kampfkraft der Menschen, was der Erzähler durch das wiederholte ואעמיד andeutet: Bei der Aufstellung schwebte ihm zuvörderst die günstige Lage des für die Verteidigung gewählten Ortes und erst in zweiter Linie das nach Geschlechtern geordnete Volk mit seiner Waffenausrüstung vor.
Kommentar (R. Breuer)
V. 8. ויעזבו ist ein sehr schwieriges Wort. Raschi erklärt: מלאוה עפר. Im מצודת ציון wird auf מעזיבה Estrich hingewiesen. Unsere Übersetzung dürfte der überlieferten Auffassung entsprechen.
V. 8. Der Aufruf, den Nehemia an das zur Verteidigung aufgestellte Volk von hoch bis niedrig ergehen ließ, muß nicht, wie Raschi und Malbim erläutern, durch den Anblick des heranrückenden Feindes veranlaßt worden sein. Objekt von וארא können auch die ängstlichen Mienen sein, denen er bei einer Umschau begegnete: sie mögen ihn bestimmt haben, aufzustehen und sie aufzuraffen zum Vertrauen auf Gott, den Großen und Furchtbaren, der sie und die Ihren, für die sie ja kämpfen würden, nicht verlassen werde.
Kommentar (R. Breuer)
V. 9. So sehr war der Plan der Feinde auf Überrumpelung aufgebaut, daß, als sich herausstellte, daß ihre Berechnung falsch war, ihr ganzer Plan in sich zusammenfiel. Wieder einmal hatte Gott seine schützende Hand über Israel gebreitet. Alles kehrte zur Arbeit an der Mauer zurück.
Kommentar (R. Breuer)
V. 10. ונגד ביתו. Entweder befand sich das Mauerstück, das Jedajah ausbesserte, gegenüber seinem Hause (Raschi), oder es wurde neben dem Stück, das Jedajah dem Refajah zur Seite ausbesserte, von ihm auch noch ein anderes bearbeitet, das gegenüber seinem Hause lag (מצודת דוד und Malbim). Nach der ersteren Auffassung müßte das ו von ונגד mit „und zwar“, nach der letzteren mit „und außerdem“ wiedergegeben werden. Unsere Übersetzung läßt die Frage, welche Auffassung die richtige ist, offen.
V. 10. Hatte es der Feind auch nicht gewagt, seinen Plan auszuführen, so war doch mit seiner Feindseligkeit nach wie vor zu rechnen. Vorsorglich traf Nehemia darum die Einrichtung, daß von den jungen Leuten seiner Umgebung, die ursprünglich, wie es scheint, samt und sonders zu Wachleuten bestimmt waren, nunmehr zur Beschleunigung des Aufbauwerkes die Hälfte zur Arbeit an der Mauer abkommandiert wurde, während die andere Hälfte unter den Waffen blieb und auch die Obersten des Volkes kampfbereit bei ihren Abteilungen zu verbleiben hatten.
Kommentar (R. Breuer)
V. 11-12. Die Verteidigung für den Fall eines feindlichen Angriffs überließ Nehemia den bewaffneten jungen Leuten nicht allein. Auch die Bauleute und Lastträger waren bewaffnet. V. 11 schildert dieses Arbeiten unter Waffen in jener dramatisch einprägsamen Form, in der es auf die Nachwelt kam und noch heute als geflügeltes Wort lebendig ist: in der einen Hand die Kelle, in der andern das Schwert. Die geschichtliche Wahrheit aber gebietet das Eingeständnis, daß Bauleute, die in der einen Hand das Schwert tragen, auch mit der anderen nicht arbeitsfähig sind. Darum fährt V. 12 fort und berichtet berichtigend: Sie hatten die Schwerter um die Hüften gegürtet, während sie arbeiteten, und wenn es in V. 11 hieß, daß sie die Waffe in der Hand hielten, so sollte damit nur die sofortige Kampfbereitschaft der Arbeiter eindrucksvoll gezeichnet werden, die in jedem Augenblick darauf gefaßt waren, sich auf das Signal des Posaunenbläsers an Nehemias Seite zur Abwehr des Feindes sammeln zu müssen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 12. ובנותיו wäre man geneigt im Sinne von „Tochterstädte“ aufzufassen, wenn nicht das vorausgehende הוא sich offenbar auf שלום bezöge und dementsprechend ובנותיו eben die Töchter dieses שלום wären, die es sich nicht nehmen ließen, ihren Vater bei seiner heiligen Arbeit zu unterstützen. Eben die ungewöhnliche Tatsache, daß bei der Ausbesserung des von Schallum bearbeiteten Mauerstücks auch Frauen beteiligt waren, veranlaßte wohl den Erzähler, dies besonders hervorzuheben.
V. 14f. Während Malbim sich redlich bemüht, die hier verzeichneten Örtlichkeiten festzustellen, bemerkt Raschi mit einer gewissen Resignation: הם היו מכירים מקומות הללו, sie kannten diese Örtlichkeiten: sie waren dort heimisch, sie gingen dort ein und aus, wie nur Eingeborene und Seßhafte mit jedem Weg und Steg ihres Wohnsitzes vertraut sein können; wir aber tasten im Dunkeln, wenn wir heute nach Jahrtausenden feststellen wollen, wo Malkijah, Schallum usw. gewandelt sind und sich aufgehalten haben, um ihr Aufbauwerk zu verrichten.
Kommentar (R. Breuer)
V. 13-14. Die Aufgabe des Posaunenbläsers war, im Falle eines feindlichen Angriffs die zu einem großen und umfangreichen Werke auf der Mauer Zerstreuten aus ihrer Vereinzelung und gegenseitigen Entfernung an den Ausgangspunkt des Posaunenschalls zu sammeln. Daß dieser Schall nicht bloß Sammelruf der Kämpfer, sondern auch als Aufruf der Herzen zu Gott, als dem obersten Kriegsherrn, empfunden werden würde, dafür bürgte das von Thora und Tradition zu vielfältiger heiliger Mission geweihte Instrument, das Nehemia hier verwenden ließ: das Schofar.
Kommentar (R. Breuer)
V. 15-17. Bei der Erklärung dieser ungemein schwierigen Verse möchten wir zu vermuten wagen, daß Nehemia hier einen Unterschied macht zwischen „wir“ und dem „Volke“. Im Gegensatz zu so manchen Volks- und Heerführern, die in schweren Zeiten die Hauptlast den Schultern des „Volkes“ aufbürden, während sie selber hinter der Front ein behagliches Etappendasein führen, bewährte sich Nehemia in jener schweren Zeit, als mitten unter den Arbeiten des Aufbauwerks täglich und stündlich mit einem feindlichen Angriff zu rechnen war, als einer jener אלופים, jener Fürsten, deren fürstlicher Vorzug darin besteht, daß sie מסבלים, die meistbelasteten sind. (Vgl. Komm. Ps. 144, 14). Nehemia und die Leute seiner nächsten Umgebung arbeiteten mit am Werke, ja, die eine Hälfte von ihnen war, wie schon oben V. 10. berichtet wurde, ausschließlich zum Dienste mit der Waffe bestimmt. Arbeitend und kampfbereit harrten sie aus im Dienste vom Anbruch des Morgengrauens bis zum Aufgang der Sterne. (Aus dieser Wendung מעלות השחר עד צאת הכוכבים in Verbindung mit dem Satze des folgenden Verses והיו לנו הלילה משמר והיום מלאכה folgert der Talmud Berachoth 2b, daß die Nacht mit dem Aufgang der Sterne beginnt.)
Ja, seiner nächsten Umgebung mutete Nehemia eine dienstliche Opferbereitschaft zu, die er von den anderen, dem „Volke“ nicht erwarten zu dürfen glaubte. Selbst in dieser Zeit, wo im Angesichte des drohenden Feindes höchste Alarmbereitschaft Tag und Nacht geboten war, gestattete er dem Volke von alt bis jung, die gefahrvolle Stelle an der Mauer zu verlassen und in Jerusalem zu übernachten. „Uns“ aber, Nehemia und seine Leute trafen Tag und Nacht auf dem Posten. (והיו bezieht sich auf הלילה und והיום). Für „uns“ gab es keine Ruhe und keinen Schlaf. „Uns“ war die Nacht eine Zeit der Wache und der Tag eine Zeit der Arbeit. Ohne unsere Kleider abzulegen, harrte ich und harrten meine Brüder usw. im Dienste aus bei Tag und bei Nacht.
איש שלחו המים. Raschi und Malbim ergänzen hier das Wort ואין aus dem Vordersatze: sie entkleideten sich nicht, weder zum Zwecke der Ruhe, noch um die Kleider im Wasser zu waschen, wobei שלחו im Targumsinne, wie הפשטו, zu verstehen wäre. Wir haben im Sinne dieser Auffassung übersetzt. Dagegen faßt מצודת דוד diesen fast unerklärlichen Satz als einen selbständigen, von ואין unabhängigen auf: sie entkleideten sich nur, wenn sie טבילה-bedürftig waren. Diese Erklärungen sind so unbefriedigend, daß wir versucht wären, שלחו von שלח Waffe (s. o. V. 11) abzuleiten und etwa folgendes zu meinen: In übermenschlicher Anstrengung harrten diese Menschen Tag und Nacht im Dienste aus. Sie legten ihre Kleider nicht ab und sie schliefen nicht. Sie waren bewaffnet mit Lanzen, mit Schilden, mit Bogen und mit Panzern. Doch was halfen ihnen diese Waffen im Kampfe mit dem gefährlichsten Feind, der sie des Nachts bedrohte, dem Schlafe? Hier half ihnen nur eine Waffe: sie hielten sich künstlich wach, indem sie, wenn sie der Schlaf zu übermannen drohte, ihre brennenden Augen mit erfrischendem Wasser wuschen: איש שלחו המים, ein jeder dieser Schwerbewaffneten fand im Wasser die einzige Waffe, die ihn künstlich wach und kampfbereit erhielt. —
Kommentar (R. Breuer)
V. 16. בית הגברים. Unter diesem „Haus der Helden“ wird man sich wohl ein Versammlungshaus der Heeresführer vorzustellen haben, so ähnlich wie in unseren Tagen die Offiziere in besonderen Klubräumen sich zu versammeln pflegen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 17. In לפלכו ist das כ mit Dagesch versehen, gemäß der grammatischen Regel für die Buchstaben בג"ד כפ"ת. In unserer Raschi-Ausgabe wird auf תום' זבחים קי"ז ד"ה פלכו verwiesen, wo das כף דגושה in לפלכו mit נסך נסכו verglichen wird. In זבחים das. ist die Rede vom בן לוי שהרג גולה מפלך לפלך ואם גולה לפלכו פלכו קולטו. Wenn ein Levite unabsichtlich getötet hat, dann flieht er von einem Levitenbezirk in den andern; ist er aber in seinem eigenen Bezirk von einem Ort zum andern geflohen, dann übt sein eigener Bezirk die Funktion des Aufnehmens aus. Im Anschluß an dieses פלכו קולטו verweist die zitierte Toßafoth-Stelle auf unseren Vers in Nehemia 3. Vielleicht verbreitet dieser Hinweis Licht über das an und für sich ganz überflüssige לפלכו in unserem Verse. Auch חשביה, der Oberste des halben Bezirks von Keilah, war offenbar Levite, wie aus der Mehrzahlform הלוים erhellt (vgl. auch das אחיהם im folgenden Verse), das sich nicht nur auf רחום beziehen kann. Das überflüssige לפלכו dürfte sich nun vielleicht aus der Tatsache erklären, daß die Leviten durch ein im ערי מקלט-Gesetz begründetes Zusammengehörigkeitsgefühl so verwachsen waren, daß wenn חשביה an der Mauer Jerusalems sein Aufbauwerk verrichtete, in ihm und durch ihn sein ganzer Bezirk sich vertreten fühlte.
Kommentar (R. Breuer)
V. 19. מדה שנית. Das Stück, das Eser ausbesserte, war so groß wie das von Bawai (V. 18) bearbeitete.
הנשק. Hängt offenbar, wie aus Raschi hervorgeht, mit dem בית הגבורים (V. 16) zusammen. Wie es ein Versammlungshaus für die Heeresführer gab, so waren auch die Kriegsgeräte in einem besonderen Gebäude (Arsenal, Zeughaus) untergebracht.
Kommentar (R. Breuer)
V. 20. החרה wird vom Malbim seltsamerweise als Personenname aufgefaßt und mit ויחזק im vorigen Vers verbunden. Unsere Übersetzung „mit glühendem Eifer“ folgt dem Hinweis des מצודת ציון auf Jirm. 6, 29: נחר מפח, wonach החרה von חרר abzuleiten wäre.
Kommentar (R. Breuer)
V. 21. Von dem Aufbauwerk des Meremoth war schon oben (V. 4) die Rede. Wenn hier von ihm berichtet wird, daß er sich’s nicht nehmen ließ, abermals zuzugreifen und ein zweites Stück auszubessern, so darf man vielleicht die Vermutung aussprechen, daß sein Eifer an der Glut des ihm vorangehenden Baruch, (V. 20) sich entzündet habe.
Kommentar (R. Breuer)
V. 22. הככר wird man im Hinblick auf 12, 28: ומן הככר סביבות ירושלם als den Landkreis von Jerusalem zu verstehen haben.
Kommentar (R. Breuer)
V. 23. אחריו. Die Singularform paßt nicht zur Pluralform des vorausgehenden כהנים, worauf sich ja אחריו bezieht. Es heißt aber bei dieser Aufzählung immer אחריו, und es werden dabei offenbar die Bearbeiter eines Mauerstückes ohne Rücksicht auf ihre Zahl als eine Einheit hingestellt, um die Leistung des Einzelnen im Gesamtwerk der Gruppe als ein Bruchstück, das erst durch die Hilfe der anderen sich zur Ganzheit rundet, verschwinden zu lassen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 24. מדה שנית. Das erste Stück hatte Binnuj in Gemeinschaft mit seinen Brüdern bearbeitet. Vgl. 17 f.
עזריה. Vgl. V. 23.
עד המקצוע ועד הפנה. Dort wo Binnuj arbeitete, lief die Mauer in einen mit einer Zinne überdachten Winkel aus. Daß פנה nicht bloß Ecke, sondern auch Mauerspitze bedeutet, beweist Zeph. 2, 16 und Chr. II 26, 15.
Kommentar (R. Breuer)
V. 25-26. In diesen Versen fehlt das החזיק und החזיקו. Auch die נתינים, die zu den geringeren Diensten und Handleistungen beim Tempel verurteilten גבעונים beteiligten sich am Aufbauwerk, dem die Vornehmsten im Volke ihre Kräfte weihten. Mutet es nicht an wie ein Abrücken von diesen mit einem ewigen Makel behafteten Tempeldienern, das die Empfindungen der Vornehmen wiederspiegelt, wenn der Erzähler, wie um die Aufmerksamkeit von der Hauptsache abzulenken, von ihnen zunächst berichtet, daß sie am עפל (einer Anhöhe am östlichen Teile des Berges Zion, die mit einer Mauer umgeben und befestigt war; vgl. Kön. II 5, 24; Chr. II 27, 3. 33, 14) wohnten, und dann, wenn er berichtet, daß sie am Aufbauwerk sich beteiligt haben, das gewohnte החזיקו unterdrückt? Und hat man nicht den Eindruck, daß, wenn schon im vorhergehenden Verse das החזיק fehlt, damit nur das Fehlen des החזיקו im folgenden Verse schonend vorbereitet werden soll, um die geringschätzige Behandlung dieser נתינים nicht gar zu auffallend zu machen?
Kommentar (R. Breuer)
V. 27. Von den Männern aus Thekoa war schon oben V. 5 erzählt worden, daß sie an dem Aufbauwerk sich beteiligten, obwohl ihre Vornehmen ihre Mitarbeit versagten. Wenn hier nun berichtet wird, daß die Männer aus Thekoa durch Auslassung eines zweiten Mauerstückes ein übriges taten und ihr Pensum freiwillig verdoppelten, so gewinnt man hier fast den Eindruck, als ob sich die Männer von der Absicht einer Demonstration leiten ließen, durch doppelt erhöhten Eifer des „niederen Volkes“ die Gleichgültigkeit der lässig abseits stehenden „oberen Zehntausend“ zu beschämen.
חומת העפל. Vgl. die im vorigen V. zu עפל zitierten Stellen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 30. Von Chanun wurde schon oben V. 13 berichtet, daß er sich an dem Aufbauwerk beteiligte. Hier, wo von ihm erzählt wird, daß er noch ein zweites Mauerstück ausbesserte, wird zugleich betont, daß er der sechste Sohn des Zalaf war. Von den fünf älteren Söhnen schweigt der Bericht. Erst mit seinem sechsten Kinde wird Zalaf ein Sohn geschenkt, den die heilige Schrift als einen besonders eifrigen Mitarbeiter am Aufbau eines heiligen Werkes verewigt. Wer könnte die Mahnung überhören, die aus diesem Berichte an unsere Zeit ergeht, die mit ihrer willkürlichen Beschränkung der Kinderzahl unausdenkbare Möglichkeiten der Fort- und Hinaufpflanzung des Menschengeschlechtes erstickt!
נשכתו dasselbe wie לשכתו.
Kommentar (R. Breuer)
V. 31. שער המפקד ist mit שער המזרח in V. 29 identisch. Vgl. Malbim.
Kommentar (R. Breuer)
V. 33. Von Sanballats Mißbehagen und Spott hörten wir schon, als Nehemia in Jerusalem eingetroffen war und Anstalten machte, sein Vorhaben auszuführen. Vgl. 2, 10; 19. Oben aber hielt es der Erzähler noch nicht für nötig, die Intensität dieses Mißvergnügens durch Zerlegung in seine einzelnen seelischen Komponenten plastisch aufzuzeigen. Oben hieß es einfach וילענו לנו ויבזו עלינו. Solange das Aufbauwerk noch nicht begonnen war, brach der verächtliche Spott impulsiv hervor, noch gedämpft durch ein stilles Hoffen, daß der Beginn des Werkes doch noch irgendwie vereitelt werden könnte. Als aber Sanballat hörte, daß Nehemia mit seinem Vorhaben Ernst gemacht hatte und die Mauer gebaut wurde, da gedieh sein Spott zum vollen Ausmaß seines Giftes, und die Erzählung hält es nicht für überflüssig, die Genesis dieses Spottes zu schildern: Diesem Spotte ging zweierlei voraus: Stiller Ingrimm, der ungeäußert die Seele quält und bedrückt (ויחר לו), heftiger Zorn, der nach außen drängt (ויכעס הרבה) und in lautem Spott sich entlädt.
Kommentar (R. Breuer)
V. 34. Sanballats Aufregung, die nichts weniger als die ruhige Gelassenheit eines überlegen ironischen Spötters war, tritt in der ungeordneten, nervös konfusen Aufeinanderfolge seiner in gehässigster Stimmung herausgeschleuderten Fragen hervor. Noch immer spielt er mit dem Gedanken einer Unterdrückung des Aufbauwerks im Keime in einem Augenblick, wo dieses längst begonnen war. Er kann sich in seiner Verblendung noch immer nicht denken, daß man Nehemia und seine Leute ruhig gewähren lassen könne. Und er fragt: reden sich diese armseligen Juden wirklich ein, daß man ihnen gestatten werde, ihr Vorhaben auszuführen? Und die Angst, die sofort in ihm erwacht, daß man es ihnen am Ende doch gestatten werde, peitscht seine Gedanken über alle logischen Zwischenglieder hinweg bis zu jener fernen Stunde fort, in der diese Juden nach Vollendung ihres Werks das Weiheopfer darbringen werden: Wird es wirklich noch dahin kommen? Werden sie opfern? Werden sie die Stunde dieses Opfers erleben? Alsbald springen seine Gedanken zurück in die Gegenwart: Werden sie mit ihrem Bau rechtzeitig fertig werden am Tag, den sie in ihrer Berechnung für die Vollendung in Aussicht genommen haben? Ja, womit wollen sie denn bauen? Etwa mit den verbrannten Steinen, die an Jerusalems Zerstörung erinnern? In logischer Folge hätte diese Frage im Anfang erhoben werden müssen. Nur die nervöse Hast des Fragestellers schob sie an das Ende.
וחיל שמרון. Entweder die persische Besatzung oder etwa eine den heidnischen Ansiedlern zur Verfügung stehende Miliz.
Kommentar (R. Breuer)
V. 35. Während Sanballats Spott die ingrimmige Aufregung seines Herzens nicht verleugnen kann, steht der Ammoniter Tobijah ruhig neben ihm und sucht den aufgeregten Freund mit der gut gespielten Kühle eines überlegen ironischen Spötters zu besänftigen. Und wenn sie schon bauen, was macht's? Es kommt nichts Bedrohliches zustande. Nur ein Fuchs braucht darüber hinwegzulaufen, um die Steine dieser unhaltbaren Mauer auseinanderzureißen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 36-37. Was tut Nehemia, als er vom Spotte seiner Feinde hört? Er betet, Gott möge sie an ihrem eigenen Schicksal die tiefe Unmoral ihres feindseligen Verhaltens gegenüber den Judäern zu ihrer eigenen Belehrung und Besserung erleben lassen. Heute spotten und höhnen sie, weil sie sich als die Herren fühlen. Sie haben kein Verständnis für das Weh, das sie den Judäern bereiten. Verständnis dafür kann ihnen nur kommen, wenn Gottes Fügung sie am eigenen Leibe erfahren läßt, was es bedeutet, zur Beute der Feinde im Lande der Gefangenschaft zu werden. Ja, wenn ihr Spott nur ihnen, den Judäern, gälte. Dann könnte und dürfte Gott hinwegschauen über ihre Schuld, und ihre Sünde könnte und dürfte wohl verziehen werden. Was liegt den Judäern, den Bauenden, an ihnen selbst? Aber in Wahrheit haben die Spottenden nicht sie, die Bauenden, erzürnt. Ihr Spott traf Gott, in dessen Dienste sie bauen. Dich, o Gott, erzürnten sie, als sie die Bauenden zu erzürnen glaubten. Die Pfeile ihres Hohnes waren auf die Bauenden gerichtet, doch sie trafen Gott, der „gegenüber den Bauenden“ über das Gelingen ihres Werkes wacht.
Kommentar (R. Breuer)
V. 38. Aus der Inbrunst des Gebetes, mit welchem die Bauenden die schweren Hemmungen des feindlichen Spottes innerlich überwanden, brach eine frische Welle des Mutes hervor, der ihren Willen zur Arbeit neu beflügelte, so daß die Mauer noch unter dem unmittelbaren Eindruck jenes Spottes und seiner Überwindung zur Vollendung ihrer ersten Hälfte gedieh.
Kap. IV. V. 1-2. Beim Anblick des fortschreitenden Aufbauwerkes erstarb den Spöttern der Spott. Jetzt mußte gehandelt werden. Sie hätten ja warten können, bis der von Tobijah herbeigehöhnte Fuchs die Mauern vernichten würde. Nun aber, wie sie gewahrten, daß den Mauern Jerusalems eine fortschreitende Genesung beschieden war und der Zusammenschluß ihrer Risse den bis dahin allen feindlichen Angriffen wehrlos preisgegebenen Bewohnern der Stadt (auf die Raschi הפרצים bezieht) zukünftigen Schutz versprach, da wich der Spott dem Zorn, einem wenig männlichen Zorne, dem die gemeinschaftliche Tat, zu der die bisherigen Feinde der Judäer, nunmehr durch weitere Komplizen, die Asdoditer, vermehrt, sich verschworen, war die Tat eines hinterhältigen Zornes, in der sich ingrimmiger Verdruß und erbärmliche Feigheit mischte. So sicher, wie sie es wünschten, waren sie ihrer Sache nicht. Statt zu offenem Kampfe gegen Jerusalem vorzugehen, wagten sie nur den Weg der Verwirrung und Überrumpelung zu beschreiten, (s. weiter V. 5) sie, die gestern noch durch Tobijahs Mund die Vernichtung der Mauer einem Fuchse überlassen zu können glaubten.