Nechemjah 1 נחמיה
Kommentar (R. Breuer)
## Das Buch Nehemia
übersetzt und erläutert
von Rabbiner Dr. Raphael Breuer זצ"ל
Kap. 1. V. 1. Vgl. Rosch-Haschanah 3a: אמר רב חסדא לא שנו אלא למלכי ישראל אבל למלכי א"ה מתשרי מנינן שנאמר דברי נחמיה בן חכליה ויהי בחדש כסלו שנת עשרים וגו' וכתיב ויהי בחדש ניסן שנת עשרים לארתחשסתא וגו' מדקאי בכסליו וקרי ליה שנת עשרים וקאי בניסן וקרי ליה שנת עשרים מכלל דר"ה לאו ניסן הוא בשלמא האיך מפרש דלארתחשסתא אלא האי ממאי דלארתחשסתא דילמא למנינא אחרינא הוא אמר רב פפא שנת עשרים לגזירה שוה מה התם לארתחשסתא אף הכא לארתחשסתא וממאי דמעשה דכסליו קדים דילמא מעשה דניסן קדים לא סלקא דעתך דתניא דברים שאמר חנני לנחמיה בכסליו שנאמר דברי נחמיה.... אמרן נחמיה למלך בניסן שנאמר ויהי בחדש ניסן....
Das Buch Nehemia beginnt mit der Erzählung eines Ereignisses im Monat Kislew des „zwanzigsten Jahres“: Damals kam Hanani mit anderen Judäern zu Nehemia, der als königlicher Mundschenk am persischen Hofe in Susa weilte, und brachte ihm traurige Nachrichten über die Lage der Exulanten in Judäa und über den Zustand der Mauern in Jerusalem. Was es mit diesem „zwanzigsten Jahre“ für eine Bewandtnis hat, wird hier nicht näher gesagt. Da aber Nehemia auf Grund dieses Berichtes Hananis im Monat Nissan „des zwanzigsten Jahres des Königs Artachschasta“ (Kap. 2, V. 1) den König um Urlaub in die Heimat bittet, folgt daraus dreierlei: 1. Das Ereignis des Monats Kislew geht dem Ereignis des Monats Nissan voraus. 2. Auch das Ereignis des Monats Kislew hat sich im zwanzigsten Regierungsjahre des Königs Artachschasta abgespielt. 3. Die Zählung der Regierungsjahre nichtjüdischer Könige beginnt nicht im Nissan, sondern im Tischri (denn sonst wäre ja das Ereignis des Monats Nissan in das 21. Regierungsjahr des Königs Artachschasta gefallen).
Gleichwohl hätte das Buch Nehemia nicht gleich zu Beginn der Erzählung stillschweigend voraussetzen können, daß das 20. Jahr auf die Regierungszeit des persischen Königs sich bezieht, wenn nicht schon im vorausgegangenen Buche Esra von Artachschasta die Rede gewesen wäre, und mit Recht folgert Malbim aus dieser stillschweigenden Voraussetzung, entsprechend der talmudischen Überlieferung מכדי כל מילי דעזרא נחמיה אמרינהו (Sanh. 93 b), die Zusammengehörigkeit der Bücher Esra und Nehemia, die im Kanon der 24 Bücher der heiligen Schrift als ein Buch gezählt werden.
Kommentar (R. Breuer)
V. 2. אחד מאחי. Raschi bemerkt: אחד מחברי, einer von meinen Genossen. Doch scheint aus 7,2: חנני אחי hervorzugehen, daß Hanani Nehemias leiblicher Bruder war.
הפליטה. Nach der Erklärung des מצודת דוד erkundigte sich Nehemia nach der Lage der Juden, die aus Babel in die Heimat zurückgekehrt waren: Sie waren in der Minderheit gegenüber der großen Masse der in Babel Zurückgebliebenen und werden darum hier als „Rest“ bezeichnet. Indessen ist Malbim offenbar im Recht, wenn er unter הפליטה אשר נשארו מן השבי diejenigen versteht, die von der babylonischen Gefangenschaft von vornherein verschont geblieben waren, die unter der drangsalierenden Herrschaft eines besonderen Landpflegers standen (vgl. weiter 3, 7), während die aus Babel Zurückgekehrten über die Verwaltung des für sie angestellten Landpflegers (vgl. Esra 5, 14) sich nicht zu beklagen hatten, da ja im folgenden V. 3 diejenigen, über deren Lage Hanani berichtet, noch einmal ausdrücklich als הנשארים אשר נשארו מן השבי bezeichnet werden, eine Bezeichnung, die offensichtlich nur auf aus der Gefangenschaft von Anbeginn Entronnene, nicht aber auf aus der Gefangenschaft später Zurückgekehrte paßt.
Kommentar (R. Breuer)
V. 3. Die in der Heimat Verbliebenen waren במדינה in einem Verwaltungsbezirk, der sich um Jerusalem gruppierte, zusammengefaßt. Sie litten große Not, sie hatten unter der Feindschaft der heidnischen Ansiedler schwer zu leiden. Dazu kam die seelische Not, die sich aus der Unvollkommenheit der bisher geleisteten Aufbauarbeit erzeugte. Nur der Tempel war erbaut. Noch lagen die Mauer und die Tore Jerusalems in Schutt und Asche wie zuvor.
Kommentar (R. Breuer)
V. 4—11. Nehemia fühlte sich durch Hananis Bericht im tiefsten erschüttert, denn er durchschaute sofort die Zusammenhänge. Das Bild der Zerstörung, das Jerusalems Mauer und Tore noch immer boten, begriff er sofort als die Folge des noch immer andauernden göttlichen Zornes über die noch immer währende Entfremdung des Gottesvolkes vom Gottesgesetz. Da setzte er sich hin und weinte, trauerte, fastete und betete. Und was er da tagelang weinend, trauernd und fastend zu dem Gotte des Himmels, der die irdischen Dinge scheinbar sich selbst überlassen hatte, sprach, das war erfüllt von Gedanken der Buße und der Zerknirschung vor dem großen und furchtbaren Gott, der Israels Untreue mit Israels Zerstreuung unter die Völker vergilt, aber auch durchtränkt von unerschütterlicher Zuversicht auf den Bewahrer des Bundes und der Huld, der sein in Reue und ernstem Rückkehrvorsatz nach ihm verlangendes Volk auch vom Ende des Himmels wieder einsammelt nach dem Orte, den er als Stätte seiner Herrlichkeit erkoren. Nehemia gibt sich über die Verderbtheit seines Volkes und seines eigenen Hauses keiner Täuschung hin. Sie haben sich schwer vergangen gegen Gott, haben sein Gesetz mißachtet und verdient, was Gott über sie verhängte. Allein stolz bekennt er: Sie sind noch immer deine Knechte und dein Volk, das du aus Mizrajims Knechtschaft befreit hast, denn unzerstörbar lebt der Wille zum Judentum und das Verlangen nach Gott in uns. Auf diese unverlierbare Fähigkeit Israels, zu werden, was es sein soll, gründet Nehemia seine Hoffnung, daß Gott ihm Erbarmen schenken werde beim König, dessen Erlaubnis und Hilfe er benötigt, um das Werk des Aufbaus in der Gottesstadt zu vollenden.
לפני האיש הזה. „Vor diesem Manne da“. Im Angesichte Gottes, des Königs aller Könige, zu dem Nehemia betet, schrumpft ihm die Majestät des persischen Königs zur Winzigkeit eines gewöhnlichen Sterblichen zusammen. Und wie klein kam er in diesem Augenblick erst sich selber vor: Ich hatte es wirklich weit gebracht, ich war Mundschenk des Königs! Was hilft mir der Glanz meiner Stellung, solange die Mauer Jerusalems zertrümmert ist und ihre Tore im Feuer verbrannt sind?