Malachi 2 מלאכי

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Haftarot in diesem Kapitel: Pinchas
1
וְעַתָּ֗ה אֲלֵיכֶ֛ם הַמִּצְוָ֥ה הַזֹּ֖את הַכֹּהֲנִֽים׃
ZunzUnd jetzt an euch dieses Gebot, ihr Priester!
J. J. HirschUnd jetzt ergeht an euch, ihr Priester, dieses Gebot:
2
אִם־לֹ֣א תִשְׁמְע֡וּ וְאִם־לֹא֩ תָשִׂ֨ימוּ עַל־לֵ֜ב לָתֵ֧ת כָּב֣וֹד לִשְׁמִ֗י אָמַר֙ יְהֹוָ֣ה צְבָא֔וֹת וְשִׁלַּחְתִּ֤י בָכֶם֙ אֶת־הַמְּאֵרָ֔ה וְאָרוֹתִ֖י אֶת־בִּרְכוֹתֵיכֶ֑ם וְגַם֙ אָרוֹתִ֔יהָ כִּ֥י אֵינְכֶ֖ם שָׂמִ֥ים עַל־לֵֽב׃
ZunzWenn ihr nicht höret und nicht zu Herzen nehmet, Ehre zu geben meinem Namen, spricht der Ewige der Heerschaaren, so werde ich senden gegen euch den Fluch, und verfluche eure Geschenke, selbst sie (die Erde) verfluche ich, weil ihr nicht zu Herzen nehmet.
J. J. HirschWenn ihr nicht gehorchet und es zur Sorge eures Herzens machet, daß man Ehre meinem Namen gebe, spricht Gott der Schöpfungsscharen, so werde ich durch euch den Fluch senden und in Fluch verwandeln eure Segnungen, auch habe ich den Segen schon in Fluch verwandelt, denn ihr nehmt es euch nicht zu Herzen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 2. V. 2, 3.וְשִׁלַּחְתִּי בָכֶם אֶת־הַמְּאֵרָה וגו', nicht Vermittler des Segens, sondern Vermittler des Fluches seid ihr. Der jüdische Priester soll, wie auch sein Name lehrt, dem Volke die rechte Richtung geben, soll erfüllen, was 4. B. M. 6, 27 dahin gefaßt wird: וְשָׂמוּ אֶת־שְׁמִי עַל בְּנֵי יִשְׂרָאֵל, dem gesamten Leben des Volkes das Gepräge der Gottesherrschaft, d. i. die Herrschaft seines Gesetzes aufdrücken, dann וַאֲנִי אֲבָרְכֵם, dann verheißt Gott seinen Segen. Diese Aufgabe des וְשָׂמוּ אֶת־שְׁמִי וגו' ist hier wiederholt mit den Worten bezeichnet: die Priester hätten es zu ihrem ernstesten, alles sonstige Streben beherrschenden Anliegen zu machen (תָּשִׂימוּ עַל לֵב), daß man „meinem Namen Ehre“ gebe, wörtlich: daß ihm das moralische Gewicht werde, das ihm die Herrschaft sichert. Dies haben die Priester eben nicht gethan, haben vielmehr das Judentum zu einer Gotteshaus- und Opferdienstreligion zusammenschwinden lassen. Die wiederholt hervorgehobenen Segnungen scheinen darauf hinzudeuten, daß diese geistlichen Herren es sehr wohl verstanden haben, den von ihnen vorgenommenen Opferhandlungen und den von ihnen gesprochenen Segensworten in den Augen des Volkes die allerhöchste Bedeutung zu verschaffen. Eine Verwirklichung des von diesen Priestern erflehten und verheißenen Segens würde deren Ansehen nur gestärkt und das Volk in seiner Verblendung nur befestigt haben. Deshalb, spricht Gott, muß das Gegenteil eintreten: durch euch sende ich den Fluch.

3
הִנְנִ֨י גֹעֵ֤ר לָכֶם֙ אֶת־הַזֶּ֔רַע וְזֵרִ֤יתִֽי פֶ֙רֶשׁ֙ עַל־פְּנֵיכֶ֔ם פֶּ֖רֶשׁ חַגֵּיכֶ֑ם וְנָשָׂ֥א אֶתְכֶ֖ם אֵלָֽיו׃
ZunzSiehe, ich schelte auf die Saat und streue Unflath auf euer Angesicht, den Unflath eurer Festopfer. Und wenn er euch zu sich erhoben,
J. J. HirschSiehe, ich schrecke um euretwillen die Saat zurück und werfe Unflat auf euer Angesicht, den Unflat eurer Festopfer, und er trägt euch zu sich.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. הִנְנִי גֹעֵר לָכֶם אֶת הַזֶּרַע וגו' פֶּרֶשׁ חַגֵּיכֶם. Siehe ich „halte zurück“, hemme, banne um euretwillen die Saat in der Erde. — Man könnte fast meinen, die charakterlosen Priester, die den Anforderungen Gottes gegenüber eine „aufgeblasene Nullität“ für ganz ausreichend erklärten, wären so findig gewesen, ihren eigenen Bedürfnissen dadurch zu einer substantielleren Befriedigung zu verhelfen, daß sie priesterliche Funktionen erdacht und die priesterliche Einsegnung der Äcker für sehr ersprießlich, wenn nicht gar für unerläßlich erklärt hätten. Die Besitzer werden doch gewiß so anständig sein, die Bemühungen der würdigen Priester angemessen zu honorieren. Es ist aber auch möglich, daß diese Worte nur den schmählichen Mißbrauch im Auge haben, welchen die Priester mit den Festen und Festopfern trieben, deren Bedeutung sie in ihr gerades Gegenteil verkehrten,

Denn indem im Folgenden von Festen und speciell von Festopfern die Rede ist, so muß ein gewisser Zusammenhang zwischen denselben und den Saaten bestehen, und eine Förderung der Saaten durch die Festopfer erwartet werden. Bekannt ist das tiefe Wort der Weisen: בְּאַרְבָּעָה פְּרָקִים הָעוֹלָם נִדּוֹן וגו' Rosch haschana 16a. Unsere Feste haben ja eine doppelte Beziehung: eine nationale und eine natürliche; eine geschichtliche, der Vergangenheit angehörige, und eine der jeweiligen Jahreszeit sich zuwendende. Sie verknüpfen die Lehren der großen geschichtlichen Momente unserer Vergangenheit aufs innigste mit den Gängen der Natur in unserer jeweiligen Gegenwart. Sie wollen den Grundgedanken von der Identität Gottes in der Natur und in der Geschichte wecken und beleben und sprechen zu uns: derselbe Gott, der uns aus Ägypten geführt, uns sein Gesetz gegeben und in der Wüste uns erhalten, derselbe Gott ist's, dessen Geheiß in jeder Gegenwart die Saaten gedeihen, die Ernten reifen und alle Kräfte der Natur sich dem Gedeihen der Menschen hemmend oder fördernd erweisen läßt. Durch die Erscheinungen des uns umfangenden Lebens der Natur werden wir zu den großen geschichtlichen Momenten unserer Vergangenheit erhoben, und je mehr wir uns mit den von ihnen gelehrten Wahrheiten durchdringen, und so unsere Stätten zu Waltungsstätten des göttlichen Gesetzes machen, um so mehr dürfen wir auf Gottes segnende Waltungsnähe hoffen. So auf dem reinen Boden der jüdischen Wahrheit. Die Priester jedoch, die Maleachi im Auge hat, haben die nationale geschichtliche Beziehung der Feste gänzlich schwinden lassen, sie kennen nur „Frühlings“-, „Sommer“- und „Ernte“-Feste — und die Festopfer, statt die den Festkreis bildende Nation mit der Vergegenwärtigung ihrer Bestimmung zu neuem Lebensernste in Selbstheiligung und treuer Pflichterfüllung zu spornen und zu heben, wurden vielmehr zu einem auf die Gottheit ausgeübten Banne, sie dem Gedeihen der Saaten günstig zu stimmen. Das reine Opfer enthält das Gelöbnis der Unterordnung des eigenen Willens unter den göttlichen. Diese Opfer jedoch wähnen, Gottes Willen den eigenen Zwecken dienstbar machen zu können. Das reine Opfer hebt den Darbringenden, diese Opfer stürzen ihn nur tiefer in den entsittlichenden Wahn heidnischen Götterbannes. Das reine Opfer soll nach dem tiefen Worte nur רֵיחַ נִיחוֹחַ, nur die „Andeutung der Befriedigung“ sein, die dem göttlichen Willen durch das reine Pflichtleben gewährt werden soll — kann es einen schneidenderen Hohn auf die Tiefe dieser Anschauung geben, als die Gesinnung, in der hier die Opfer dargebracht werden? Daher begreift sich die ganze Wucht der sittlichen Empörung, mit der die Verwerfung dieser Opfer sowie der Opfernden hier ausgesprochen wird. Statt Reinheit — ist es Unflat, mit dem eure Opfer euch bedecken, und es ist, im Hinblick auf die eigentliche Bestimmung des Opfers, den Darbringenden geistig und sittlich zu heben, der Ausdruck bitterer Ironie, wenn es heißt: וְנָשָׂא אֶתְכֶם אֵלָיו der Unflat „erhebt“ euch zu sich, der Unflat dieses verworfenen Opfers trägt euch mit sich, zieht euch zu sich hinab.

4
וִידַעְתֶּ֕ם כִּ֚י שִׁלַּ֣חְתִּי אֲלֵיכֶ֔ם אֵ֖ת הַמִּצְוָ֣ה הַזֹּ֑את לִהְי֤וֹת בְּרִיתִי֙ אֶת־לֵוִ֔י אָמַ֖ר יְהֹוָ֥ה צְבָאֽוֹת׃
ZunzSo werdet ihr erkennen, daß ich an euch dieses Gebot gesandt habe, weil mein Bund ist mit dem Lewi, spricht der Ewige der Heerschaaren.
J. J. HirschIhr werdet es erfahren, daß ich dieses Gebot euch gesandt habe, auf daß bestehe mein Bund mit Levi, spricht Gott der Schöpfungsscharen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. וִידַעְתֶּם: aus dem, was ihr erlebet, werdet ihr erkennen, daß dies Gebot von mir kommt, denn nur kraft des mit dem Stamme Levi errichteten Bundes habt ihr Dasein und behaltet es nur, sofern ihr Levitengesinnung bethätiget.

Haftarah Pinchas Romanioten, Karäer und Syrakus (erloschen) beginnen hier.Romanioten: abweichend: 1. Melachim 18,46 – 19,16
5
בְּרִיתִ֣י ׀ הָיְתָ֣ה אִתּ֗וֹ הַֽחַיִּים֙ וְהַשָּׁל֔וֹם וָאֶתְּנֵֽם־ל֥וֹ מוֹרָ֖א וַיִּֽירָאֵ֑נִי וּמִפְּנֵ֥י שְׁמִ֖י נִחַ֥ת הֽוּא׃
ZunzMein Bund war mit ihm des Lebens und des Friedens, und ich gab sie ihm zur Furcht, und er fürchtete mich, und vor meinem Namen beugte er sich.
J. J. HirschMein Bund war mit ihm, das Leben und der Friede, diese gab ich ihm durch die Furcht, da er mich fürchtete, und weil vor meinem Namen allein er erbebte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. Mein Bündnis war mit dem Stamme Levi, und dies Bündnis war: Leben und Friede. Er sollte sich lebendig entfalten, in der Vollkraft seines Levitencharakters und seines Leviteneifers sich hinausleben, und trotz dieser Entschiedenheit, in Wahrheit freilich gerade wegen dieser Entschiedenheit, Frieden haben. Beides aber, Leben und Frieden, gab Ich ihm in der Gottesfurcht, von der er gegen mich erfüllt war. Die vom Levitenstamme in so hervorragendem Maße bewiesene sittliche Kraft wird hier selbst als eine unter Gottes Beistand gewonnene Errungenschaft bezeichnet. וּמִפְּנֵי שְׁמִי נִחַת הוּא: נִחַת Nifal von חָתַת, gebrochen, erschüttert sein, erbeben. Gerade er war es, der nur vor meinem Namen erbebte. Trotz seiner abhängigen Stellung, אֲחַלְּקֵם בְּיַעֲקֹב וַאֲפִיצֵם בְּיִשְׂרָאֵל 1. B. M. 49, 7 — der Stamm Levi war ja der einzige, der keinen Anteil am Boden hatte und hinsichtlich seiner Existenz ganz auf das Wohlwollen seiner besitzenden Brüder angewiesen war — fürchtete er nur mich, kannte er, wo es sich um Vertretung meiner Sache handelte, keine Scheu und keine Rücksicht, kannte er nur die Sorge um meinen „Namen“, d. i. um die Verbreitung der Erkenntnis und der Anerkennung meines Willens. Er redete nicht dem Volke, seinen Gönnern, nach dem Munde, er fürchtete vielmehr nur mich.

6
תּוֹרַ֤ת אֱמֶת֙ הָיְתָ֣ה בְּפִ֔יהוּ וְעַוְלָ֖ה לֹא־נִמְצָ֣א בִשְׂפָתָ֑יו בְּשָׁל֤וֹם וּבְמִישׁוֹר֙ הָלַ֣ךְ אִתִּ֔י וְרַבִּ֖ים הֵשִׁ֥יב מֵעָוֺֽן׃
ZunzLehre der Wahrheit war in seinem Munde, und Falsch ward nicht gefunden auf seinen Lippen, in Frieden und in Redlichkeit wandelte er mit mir, und Viele brachte er von Sünde zurück.
J. J. HirschLehre der Wahrheit war in seinem Munde, und Unrecht ward auf seinen Lippen nicht gefunden, in Frieden und Geradheit ging er mit mir, und viele brachte er zurück von der Sünde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. „Lehre der Wahrheit war in seinem Munde“, nicht der Connivenz mit den jeweiligen Ansichten und Wünschen; er strebte nicht danach, zeitgemäß zu sein, sein Streben war vielmehr, seine Zeit gottgemäß zu machen. — וְעַוְלָה לֹא נִמְצָא בִשְׂפָתָיו, עַוְלָה: Mißbrauch des עוֹל, der socialen Überlegenheit, der socialen Stellung. Also: auch wo er mit nachdrücklichster Entschiedenheit Menschen und Bestrebungen entgegentrat, suchte niemand „Unrecht“ auf seinen Lippen, empfand niemand den von ihm zur Geltung gebrachten kategorischen Imperativ als „Machtmißbrauch“ — so groß war die sittliche Hoheit seiner ganzen Persönlichkeit. Denn „in Frieden und Geradheit ging er mit mir“: der entschiedene Ernst seiner Vertretung der heiligen Sache und die unbeugsame Consequenz seines ganzen Lebens hatten ihm die höchste Achtung auch derjenigen gesichert, die er bekämpfen mußte, und eben durch diese Bethätigung des Levitenernstes hat er sich als wahren כֹּהֵן, als „Richtung gebenden Mann“ erwiesen, und „viele hat er von der Sünde zurückgebracht“.

7
כִּֽי־שִׂפְתֵ֤י כֹהֵן֙ יִשְׁמְרוּ־דַ֔עַת וְתוֹרָ֖ה יְבַקְשׁ֣וּ מִפִּ֑יהוּ כִּ֛י מַלְאַ֥ךְ יְהֹוָֽה־צְבָא֖וֹת הֽוּא׃
ZunzDenn die Lippen des Priesters sollen die Erkenntniß wahren, und Lehre soll man suchen aus seinem Munde, denn ein Bote des Ewigen der Heerschaaren ist er.
J. J. HirschDenn die Lippen des Priesters sollen die Erkenntnis schützen, und Lehre sucht man von seinem Munde, denn Bote Gottes der Schöpfungsscharen ist er!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. Siehe oben zu Kap. 1, V. 6. יִשְׁמְרוּ, nicht יוֹרוּ, schützen sollen die Lippen des Priesters die Erkenntnis, und die Lehre Gottes, nicht etwa das Erzeugnis seines, des Priesters, Geistes, erwartet man von seinem Munde. Der Priester, Kohen, ist hier in seiner eigentlichen Bedeutung als „Weg Weisender und Richtung Gebender“ gefaßt. Unser Vers enthält somit nicht nur die Verurteilung des seinen Kreis täuschenden Irrlehrers, der jede Gesetzwidrigkeit sanktioniert und durch Sophismen den Treubruch als Treue und den Abfall als erleuchtete Religiosität hinzustellen den traurigen Mut hat; sondern er enthält auch die Verurteilung eines, freilich nicht im Dienste des Abfalls stehenden, im Gegenteil ganz wohlgesinnten, aber nicht zu Erkenntnis der Wahrheit und zur Würdigung und Erfüllung des Gesetzes führenden Verfahrens, welches das schriftliche und mündliche Gotteswort als so willkommenes wie gefügiges Objekt mißbraucht, den eigenen Geist leuchten zu lassen und, ein wahrer Hohn auf jede wissenschaftliche Forschung, mehr oder minder „geistreiche“ Einfälle, heute diese, morgen andere, wie es gerade in den Zusammenhang und für die jeweilige Gelegenheit paßt, in das Gotteswort hineinzulegen. — Etwas ganz anderes ist selbstverständlich die Anwendung des Gotteswortes auf die verschiedensten Fälle des Belehrung und Beleuchtung fordernden praktischen Lebens. Da wird nichts hineingetragen, vielmehr werden die einzelnen Erscheinungen und Thatsachen im Lichte der Einen göttlichen Wahrheit betrachtet und gewürdigt.

Also: Nicht des Priesters Geist und Gelehrsamkeit, sondern Gottes Thora will man von seinen Lippen, denn als Bote und Vertreter Gottes steht er da.

ה' צְבָאוֹת: Gott, dessen Heer die ganze Wesenschar der Schöpfung bildet, dessen Wille sie alle beherrscht und beseelt — dieser in diesem Prophetenworte stets wiederholte Gottesname weist darauf hin, wie der Gehorsam, den Gott von uns fordert, durchaus keine Ausnahmestellung voraussetzt, und daß das Volk und die Priesterschar, die diesen Gehorsam und die Ehrfurcht in so schnöder Weise versagen, damit hinter einer Pflicht zurückbleiben, die auf ihnen nicht bloß als Juden und als Menschen, sondern schon als gottgeschaffene Wesen unabweisbar ruht.

So soll der Priester im Volke, so soll das Volk inmitten der Menschheit dastehen. Dann kann das schwache Jakobsvolk, das als einzige Waffe und einzige Wehr nur die „Stimme“ hat, getrost dem Ansturm der schwertgegürteten Esaumächte entgegensehen — bis hin zu jenem Tage, wo jeglicher Gegensatz zwischen Esau und Jakob geschwunden und beide vereint in den Dienst des gemeinsamen Vaters getreten sind, wo Esau's Hand nur stark sein wird in Vertretung desjenigen Rechtes und derjenigen Wahrheit, für deren Dienst ihn „Jakobs Stimme“ menschheitpriesterlich gewann.

Haftarah Toldot Aschkenasim, Sefardim und Italiener enden hier.
8
וְאַתֶּם֙ סַרְתֶּ֣ם מִן־הַדֶּ֔רֶךְ הִכְשַׁלְתֶּ֥ם רַבִּ֖ים בַּתּוֹרָ֑ה שִֽׁחַתֶּם֙ בְּרִ֣ית הַלֵּוִ֔י אָמַ֖ר יְהֹוָ֥ה צְבָאֽוֹת׃
ZunzIhr aber seid abgewichen von dem Wege, habt Viele zum Fallen gebracht in der Lehre, habt verletzt den Bund des Lewi, spricht der Ewige der Heerschaaren.
J. J. HirschIhr aber seid abgewichen von dem Wege, habt viele zum Straucheln gebracht an der Lehre, zerstört habt ihr den Bund mit Levi, spricht Gott der Schöpfungsscharen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. Ihr aber habt das gerade Gegenteil von eurer Bestimmung gethan. Statt als כֹּהֵן „Richtung gebend“ den rechten Weg voranzuwandeln, habt ihr vielmehr selbst das Beispiel des Abfalls gegeben und habt damit, nämlich durch euer Beispiel und durch eure falschen Lehren, viele „an“ und „in“ der Lehre, der Thora, dem Gottesgesetze, zur Verschuldung gebracht, damit aber habt ihr gänzlich den mit Levi geschlossenen Bund (s. o.), soviel an euch ist, zerstört.

9
וְגַם־אֲנִ֞י נָתַ֧תִּי אֶתְכֶ֛ם נִבְזִ֥ים וּשְׁפָלִ֖ים לְכׇל־הָעָ֑ם כְּפִ֗י אֲשֶׁ֤ר אֵֽינְכֶם֙ שֹׁמְרִ֣ים אֶת־דְּרָכַ֔י וְנֹשְׂאִ֥ים פָּנִ֖ים בַּתּוֹרָֽה׃ {פ}
ZunzAber auch ich habe euch verächtlich und niedrig gemacht bei dem ganzen Volke, so wie ihr nicht beobachtet meine Wege, und sehet die Person an beim Gesetz.
J. J. HirschSo habe ich euch verachtet und niedrig dem ganzen Volke hingegeben, dem entsprechend, daß ihr meine Wege nicht hütet und Rücksicht auf die Person nehmt bei der Lehre.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. Während der vom wahren Levitengeist beseelte Priester, auch wenn er in Vertretung des Gottesgesetzes den Verirrungen mit Entschiedenheit entgegentritt, geachtet wird selbst von seinen Gegnern, ist allgemeine Verachtung das wohlverdiente Los der in feiger Connivenz um die Gunst der Menge werbenden charakterlosen Priester, die בַּתּוֹרָה, gegenüber der Majestät der Gotteslehre und des Gottesgesetzes, bei dessen Handhabung, Vertretung und Lehre es wagen, נֹשֵׂא פָנִים zu sein, den jeweiligen Personen Rechnung zu tragen, Rücksicht auf die Person zu nehmen.

Der folgende Vers bietet ein charakteristisches Beispiel einer solchen den „Personen Rechnung tragenden“ sophistischen, pastoralklugen Rechtfertigung der — gemischten Ehen von Seiten der damaligen Priester.

10
הֲל֨וֹא אָ֤ב אֶחָד֙ לְכֻלָּ֔נוּ הֲל֛וֹא אֵ֥ל אֶחָ֖ד בְּרָאָ֑נוּ מַדּ֗וּעַ נִבְגַּד֙ אִ֣ישׁ בְּאָחִ֔יו לְחַלֵּ֖ל בְּרִ֥ית אֲבֹתֵֽינוּ׃
ZunzWie? ist nicht Ein Vater uns Allen? Hat nicht Ein Gott uns erschaffen? Warum sind wir treulos, der Mann gegen seinen Bruder, zu entweihen den Bund unserer Väter?
J. J. HirschHaben wir denn nicht alle einen Vater, hat denn nicht ein und derselbe Gott uns erschaffen! Warum sollten wir denn treulos handeln ein Bruder gegen den anderen und entweihen den Bund unserer Väter.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. Unzweifelhaft lautere Wahrheit enthält die erste Satzhälfte, und gerade die Thora ist die erste und Jahrtausende lang die einzige Lehre, die diese Wahrheit von der ausnahmslosen Gotteskindschaft aller Menschen nicht nur gelehrt, sondern auch hinsichtlich der gegenüber allen zu übenden Gerechtigkeit und Menschlichkeit in der Gesetzgebung die praktischen Consequenzen aus dieser Lehre gezogen hat. Die Erwählung Israels hat ja nichts anderes zum Ziele, als die Wiedererweckung dieses der Menschheit entschwundenen Bewußtseins von der Gotteskindschaft aller und von der aus derselben folgenden Verpflichtung, in Anerkennung der von dem Gotteswort gelehrten Wahrheiten und durch Erfüllung der allgemeinen menschlichen Pflichten, den Willen ihres Schöpfers und Herrn zu verwirklichen. Nicht in feindlichen Gegensatz, sondern in innigste Beziehung setzt also diese Bestimmung das menschheitspriesterliche Israel zu der gesamten Menschheit. Damit aber inmitten des Völkergewoges der Träger dieser von Geschlecht zu Geschlecht zu überliefernden Gotteslehre als solcher erhalten bleibe, damit dieser für die Menschheit zu erhaltenden Lehre in jedem heranwachsenden Geschlechte treue Pfleger erblühen, dazu ist es notwendig, daß einer jeden in diesem Kreise zum Leben und zum Bewußtsein erwachenden Seele Vater und Mutter als Priester und Priesterin, als Träger und Überlieferer dieser Überlieferung dastehen und für diesen Beruf die junge Menschenknospe erziehen. Nicht umsonst wandte sich das Gotteswort, da es Israel auf die Gottesoffenbarung am Sinai vorbereitete und seine Stellung als Priesterreich inmitten der Menschheit verkündete, in erster Linie an die Frauen und Töchter und dann erst an die Männer. Viel zu hoch stellt das Gotteswort den Beruf der Frau und die Bedeutung ihres Wirkens, als daß es auf die jüdische Mutter verzichten könnte, wo es die Gewinnung jüdischer Söhne und jüdischer Töchter gilt. Nicht daher aus irgend welcher Feindseligkeit oder Gehässigkeit gegen die nichtjüdischen Völker, sondern lediglich der unabweisbaren Notwendigkeit der Erhaltung Israels und damit der Bewahrung jener Heileswahrheiten für die Gesamtmenschheit entstammt das Gesetz, das für die Lösung der sittlichen Aufgabe des jüdischen Hauses nur die jüdische Mutter kennt, die Ehe mit einer Nichtjüdin jedoch für unzulässig erklärt. In frivoler Verdunkelung und sophistischer Verdrehung dieses vor aller Augen liegenden Verhältnisses suchten die feilen Priester den flagrantesten Gesetzesbruch, wie er in der Ehe mit einer Nichtjüdin vorlag, als eine fromme, gerade im Einklange mit der jüdischen Lehre von der Gotteskindschaft aller Menschen stehende Handlung zu erklären, ja die Bekämpfung dieses Gesetzesbruches als einen Rückschritt, als eine Verkennung dieses Verhältnisses, als einen Bruch eines angeblich früher zwischen Israel und den Heiden bestandenen Bundes zu brandmarken! Natürlich bestand dieser „Bund der Väter“ nur in der Phantasie. Denn wahrlich, nicht auf Liebe, sondern auf Haß war bisher das Verhalten der Völker gegen Israel gestimmt gewesen. Hatten doch selbst die zum Heidentum abgefallenen Israeliten nichts als entschiedene Zurückweisung erfahren. Doch wie sollte diesen Priestern die geschichtliche Wahrheit heiliger sein, als die Wahrheit der Gotteslehre und die Treue gegen das Gottesgesetz, so es galt, den Treubruch der Reichen und Angesehenen zu beschönigen und zu sanktionieren. — Als Beispiel einer Sophistik, die schon vor Jahrtausenden den krassesten Abfall aus dem Gesetze selbst zu rechtfertigen unternimmt, ist dieser Vers ungemein interessant. Es ist die Methode, nach welcher die soi-disant Reformbestrebungen in den mittleren Decennien des zur Neige gegangenen Jahrhunderts die Thora handhabten, und es ist das Leitmotiv der Predigten der Neologie, deren uraltes Vorbild dieser Vers uns entgegenbringt.

11
בָּגְדָ֣ה יְהוּדָ֔ה וְתוֹעֵבָ֛ה נֶעֶשְׂתָ֥ה בְיִשְׂרָאֵ֖ל וּבִירוּשָׁלָ֑͏ִם כִּ֣י ׀ חִלֵּ֣ל יְהוּדָ֗ה קֹ֤דֶשׁ יְהֹוָה֙ אֲשֶׁ֣ר אָהֵ֔ב וּבָעַ֖ל בַּת־אֵ֥ל נֵכָֽר׃
ZunzTreulos ist Jehudah, und Abscheuliches ist geschehen in Jisraël und in Jeruschalajim, denn entweihet hat Jehudah das Heiligthum des Ewigen, das er liebt, und sich vermählt die Tochter fremden Gottes.
J. J. HirschTreulosigkeit hat Juda begangen und Greuel wird verübt in Israel und in Jeruschalajim, denn entweiht hat Juda das Heiligtum Gottes, das Er liebte, und ehelichte die Tochter eines fremden Gottes.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. Die Schuld der Priester ist es, daß diese heidnischen Ehen immer mehr eingerissen sind. In ihrer ganzen Größe wird diese Sünde durch die Worte בָּגַד Abfall, Treulosigkeit und תּוֹעֵבָה, Greuel, gezeichnet. Denn — wie dies näher begründet wird — es ist nicht mehr und nicht weniger als Selbstmord, Mord an seiner heiligen Bestimmung und seiner Zukunft als Priestervolk, was Juda mit dieser Ehelichung heidnischer Frauen begangen hat. Die Worte קֹדֶשׁ ה' אֲשֶׁר אָהֵב beziehen sich entweder auf die Ehe, die dadurch in der ganzen Höhe ihrer Bedeutung bezeichnet wird, oder — und dies halten wir für wahrscheinlicher — auf Juda selbst. Israel selbst ist das wahre Heiligtum; was von den Ahroniden inmitten Israels ausgesprochen war: וְהָיוּ קֹדֶשׁ (3. B. M. 21, 6), das gilt von Israel selbst inmitten der Völker הֵיכַל ד' הֵמָּה, „Tempel Gottes sind sie selbst!“ (Jer. 7, 4). „Sich selbst, das Heiligtum Gottes, das Gott so sehr geliebt, indem er seine Liebe erst wieder durch die Heimführung aus dem Exile bewiesen, hat Juda entweiht, indem es die Töchter der heidnischen Götzen freite“. Vergl. dieselbe Construktion: אָז חִלַּלְתָּ יְצוּעֵי עָלָה, „damals entweihtest du den, der mein Lager bestieg“, nämlich dich selbst (Gen. 49,4). Die Form אָהֵב bezeichnet die Liebe als eine dauernde und verstärkt somit den Vorwurf.

12
יַכְרֵ֨ת יְהֹוָ֜ה לָאִ֨ישׁ אֲשֶׁ֤ר יַעֲשֶׂ֙נָּה֙ עֵ֣ר וְעֹנֶ֔ה מֵאׇהֳלֵ֖י יַעֲקֹ֑ב וּמַגִּ֣ישׁ מִנְחָ֔ה לַיהֹוָ֖ה צְבָאֽוֹת׃ {פ}
ZunzAusrotte der Ewige dem Manne, der es thut, Sohn und Enkel aus den Zelten Jaakob's, und der eine Opfergabe darbringt dem Ewigen der Heerschaaren.
J. J. HirschEs tilgt Gott den Mann, der solches thut, Wachen und Empfänglichen aus den Zelten Jakobs und Huldigungsgabe Darbringenden dem Gott der Schöpfungsscharen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. Die traurigen Folgen solcher Ehen werden sich in den aus ihnen hervorgehenden Kindern zeigen. עֵר von עוּר wach sein bezeichnet den geistig Geweckten, die intellektuelle Tüchtigkeit. עֹנֶה von עָנָה antworten, entsprechen, auf die von außen kommende Anregung reagieren, bezeichnet die Empfänglichkeit, und zwar hier: für das Gute, Hohe, Göttliche, das Gegenteil von Stumpfheit, also die Anlage zur sittlichen Tüchtigkeit. Nicht umsonst werden die jüdischen Häuser hier die Zelte Jakobs genannt. Es ist die offenbare Anspielung an Num. 24, 5, wo die Herrlichkeit der אֹהֳלֵי יַעֲקֹב geschildert wird, die von dem von der Höhe der Vergangenheit herabkommenden Strome, also dem überlieferten Geiste, als dem Strom des Segens durchflutet werden, wo das sie tränkende Wasser aus Gottes Eimer rinnt — die von der Tochter des Heidentums geborenen und erzogenen Kinder sind freilich losgelöst von dieser Erbschaft der Jahrtausende, das entfesselte Triebleben, die Erbschaft ihrer Mutter, bereitet ihrem geistigen und sittlichen Entfalten ein schweres Hemmnis, der mütterliche Einfluß kann nur unheilvoll sein, und der Vater, der eine solche Frau zur Mutter seiner Kinder machte, bekundete schon dadurch, daß er das Erbe seiner Vergangenheit nicht angetreten habe: aus solcher Ehe erblüht kein geistig Wacher und kein für sittlich Hohes Empfänglicher, geschweige denn, daß, wenn der Vater ein Ahronide ist, aus solcher Ehe einer hervorgehen könnte, der des Priesterdienstes gewürdigt wäre. Dem ist schon durch das חָלָל ausschließende Verbot vorgebeugt, Lev. 21, 7. Aus diesem letzten Teile des Satzes ergiebt sich, daß יַכְרֵת nicht als ein Wunsch, in diesem Falle eine Verwünschung, sondern als Ausspruch einer Thatsache aufzufassen ist, als die Verkündigung der thatsächlichen, unheilvollen Folgen einer solchen Ehe. Die Auffassung, Gott möge ihn keinen Priester finden lassen, oder möge jeden Priester ausrotten, der für ihn ein Opfer zur Sühne seiner Sünde darbringen wollte, ist nicht möglich. Denn מִנְחָה ist kein Sühnopfer, und für solche Sünden giebt es überhaupt kein Opfer; sodann aber verleiht die ganze Anschauung, daß durch die Weigerung des Priesters die sonst im Opfer gesühnte Sünde auf dem dieser Weigerung gegenüber machtlosen Sühnebedürftigen ruhen bliebe, der priesterlichen Thätigkeit als der Vermittlerin der Sühne eine Stellung, die sie in Wahrheit auf dem Boden des Judentums nie hatte, und die dem Begriffe der Opfer direkt widerstreitet. — Dies ist die eine schwere, durch die Charakterlosigkeit und Schwäche der Priester eingerissene Sünde. Aus derselben geht aber noch eine weitere unheilvolle Folge hervor.

V. 13 f. Durch das Eindringen heidnischer Frauen in jüdische Häuser ist überhaupt das Bewußtsein von der Heiligkeit der Ehe getrübt, sind die ehelichen Bande selbst in den davon frei gebliebenen Häusern gelockert worden. Auch daran tragen also die Priester die Schuld. „Ihr bewirkt es, daß Thränen, Weinen und unterdrückte Seufzer den Altar Gottes bedecken.“ Es ist ein unendlich inniges Wort, das die Thräne, die Klage, ja selbst den unterdrückten Seufzer in dem gepreßten Herzen des unter der Lieblosigkeit und Kälte des Ehemannes ungesehen und still leidenden Weibes den Weg zum Heiligtum, zum Gottesaltar finden läßt — der Altar „weint“, wenn aus der jüdischen Ehe die Innigkeit geschwunden ist, der Mann, um den in seinem Hause die Thräne rinnt, der trifft diese Thräne auf dem Altare im Heiligtume an, sie klagt ihn an, und sein Opfer wird von dieser Thräne auf dem Altare zurückgewiesen; der Priester, der durch seine Lehre das jüdische Eheleben untergräbt, von dessen Hand nimmt Gott kein Opfer an, er ist verworfen, ihm wendet Gott sich nimmer zu. כַּסּוֹת ist Infin. absol. an Stelle des Verb. fin., ebenso מֵאֵין עוֹד פְּנוֹת, wörtlich: sodaß ferner kein Hinwenden zu der Huldigungsgabe. Daß der göttliche Zorn hier nicht bloß den Priestern, den intellectuellen Urhebern und Förderern der Zerrüttung des Ehelebens, sondern auch den treulosen Männern ausgesprochen ist, geht aus V. 14 hervor, wo auf die Frage nach dem Grunde dieses Zürnens bezw. der zürnenden Verwerfung des Opfers die Antwort an die treulosen Männer gerichtet ist. Da nun die Worte: „Und zweitens thut ihr dieses“ — offenbar an die Priester gerichtet sind, so dürfte sich der Sinn und Zusammenhang der beiden Verse in folgender Weise herausstellen. Der Vorwurf richtet sich an beide, an die Priester als die Veranlasser und Mitschuldigen und zugleich an die treulosen Männer; den letzteren gelten die Worte, daß zu ihrem etwaigen Huldigungsopfer Gott sich nicht wenden, und den ersteren: daß sie als Darbringende überhaupt verworfen seien. Mit den Worten עַל כִּי ה' הֵעִיד וגו' und אֵשֶׁת בְּרִיתֶךָ wird die Ehe als Bund und Gott als der bei der Bundesschließung gegenwärtige Zeuge und als der Richter des Bundesbruches bezeichnet. Überhaupt müßten wir alle Verleumder des Judentums, die von der angeblich niedrigen Stellung der Frau faseln, zu unserer Stelle laden. Wo wird noch einmal das Heiligtum der Ehe, die Heiligkeit des Bundesschlusses, die Hoheit des Weibes, das Schimpfliche seiner Kränkung durch Lieblosigkeit und Treubruch mit so ernsten und ergreifenden Worten geschildert! Bei welchem Volke sonst steht die Frau als חֲבֶרְתְּךָ, als ebenbürtige, gleichberechtigte Genossin des Mannes da? — Aus der jüdischen Anschauung und aus dem Herzen des jüdischen Mannes ist an anderer Stelle gesprochen: וְאֵשֶׁת נְעוּרִים וגו' die Gattin der Jugend verliert die wohl je ihre Anmut (Jes. 54, 6)? — וַאֲנָקָה nur hier, es ist אֲנָחָה, mit der Nüance, daß das ח durch ק ersetzt ist, zur Bezeichnung des unterdrückten Seufzers. חֲבֶרֶת bezeichnet die vollständige Gleichheit, die Gefährtin, Genossin.

13
וְזֹאת֙ שֵׁנִ֣ית תַּעֲשׂ֔וּ כַּסּ֤וֹת דִּמְעָה֙ אֶת־מִזְבַּ֣ח יְהֹוָ֔ה בְּכִ֖י וַאֲנָקָ֑ה מֵאֵ֣ין ע֗וֹד פְּנוֹת֙ אֶל־הַמִּנְחָ֔ה וְלָקַ֥חַת רָצ֖וֹן מִיֶּדְכֶֽם׃
ZunzUnd dies thut ihr zweitens: ihr bedecket mit Thränen den Altar des Ewigen, mit Weinen und Jammern, so daß er sich nicht mehr wenden mag zur Opfergabe, und annehmen ein Wohlgefälliges aus eurer Hand.
J. J. HirschUnd dieses thut ihr zweitens: ihr bedecket mit Thränen den Altar Gottes, mit Weinen und Seufzen, so daß er sich nicht mehr der Huldigungsgabe zuwendet, nicht mehr Willfahrungsausdruck anzunehmen aus eurer Hand.
14
וַאֲמַרְתֶּ֖ם עַל־מָ֑ה עַ֡ל כִּֽי־יְהֹוָה֩ הֵעִ֨יד בֵּינְךָ֜ וּבֵ֣ין ׀ אֵ֣שֶׁת נְעוּרֶ֗יךָ אֲשֶׁ֤ר אַתָּה֙ בָּגַ֣דְתָּה בָּ֔הּ וְהִ֥יא חֲבֶרְתְּךָ֖ וְאֵ֥שֶׁת בְּרִיתֶֽךָ׃
ZunzUnd ihr sprechet: Weshalb? Weil der Ewige Zeuge ist zwischen dir und dem Weibe deiner Jugend, gegen welches du treulos warst, da es doch deine Gefährtin, und das Weib deines Bundes ist. . .
J. J. HirschUnd fraget ihr: Weshalb? Deshalb, weil Gott Zeuge gewesen zwischen dir und der Gattin deiner Jugend, gegen die du die Treue gebrochen hast, da sie doch deine Genossin ist und das Weib deines Bundes.
15
וְלֹא־אֶחָ֣ד עָשָׂ֗ה וּשְׁאָ֥ר ר֙וּחַ֙ ל֔וֹ וּמָה֙ הָאֶחָ֔ד מְבַקֵּ֖שׁ זֶ֣רַע אֱלֹהִ֑ים וְנִשְׁמַרְתֶּם֙ בְּר֣וּחֲכֶ֔ם וּבְאֵ֥שֶׁת נְעוּרֶ֖יךָ אַל־יִבְגֹּֽד׃
ZunzUnd nicht Einer thut es, der einen Rest von Reigung hat. Und was will der Eine? Er verlangt Samen Gottes. So wahret denn eurer Reigung, und sie sei nicht treulos gegen das Weib deiner Jugend.
J. J. HirschDas hat der Eine nicht gethan! die übrige Gesinnung blieb ihm! Was erstrebte denn der Eine? Von Gott geschenkte Menschensaat! Darum hütet euch wohl hinsichtlich eurer Gesinnung, daß sie nicht untreu werde der Gattin eurer Jugend.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15. Wie es des Propheten Weise ist, zieht er auch hier die stillen Einwände und Scheingründe der Gerügten ans Licht. Ihr beruft euch auf das Beispiel des hehren Ahnen, der ja auch, wie ihr sagt, zu Sara noch eine Hagar ehelicht. Damit hätte er, meint ihr, ja auch בָּגַד, Treubruch an Sara geübt. „Das hat der Eine mit nichten gethan!“ Sara selbst war ja die Veranlasserin, nur auf ihren Wunsch hatte er es gethan. רוּחַ bezeichnet hier nicht den denkenden Geist, sondern die Gesinnung, die Gemütsstimmung, das Gefühl, von dem der Gatte gegen die Gattin beseelt sein soll. Also hier: wenn Abraham Hagar ins Haus nahm, so war er damit Sara nicht untreu geworden, „die übrige Gesinnung, (nämlich gegen Sara) blieb ihm,“ er wollte ja nur das eine: einen Nachkommen, der Träger werde des von Gott mit ihm gestifteten Bundes, Träger seiner Bestimmung! Auf Abraham beruft ihr euch vergebens, Abraham hat keinen Augenblick aufgehört, seinem Weibe die Treue zu bewahren. Achtet darum auf eure Gesinnung, auf euer Herz, daß es der Gattin deiner Jugend nicht untreu werde. Subjekt von יִבְגֹּד ist רוּחֲכֶם, das in der Regel weiblich, an einigen Stellen wie Hiob 8, 2 auch in dieser Bedeutung männlich vorkommt. Sonst würde in dem männlichen Gebrauch des Wortes zugleich der Vorwurf der Härte, der Gefühllosigkeit liegen. In der angeführten Stelle aus Hiob wird der Sinn allerdings auch gerade als ein trotziger bezeichnet. זֶרַע אֱלֹקִים: den ihm von Gott verheißenen Sprossen.

16
כִּֽי־שָׂנֵ֣א שַׁלַּ֗ח אָמַ֤ר יְהֹוָה֙ אֱלֹהֵ֣י יִשְׂרָאֵ֔ל וְכִסָּ֤ה חָמָס֙ עַל־לְבוּשׁ֔וֹ אָמַ֖ר יְהֹוָ֣ה צְבָא֑וֹת וְנִשְׁמַרְתֶּ֥ם בְּרוּחֲכֶ֖ם וְלֹ֥א תִבְגֹּֽדוּ׃ {פ}
ZunzDenn er hasset das Verstoßen, spricht der Ewige, der Gott Jisraël's, und den, der Gewalt deckt über sein Gewand, spricht der Ewige der Heerschaaren; so wahret denn eurer Reigung und seid nicht treulos.
J. J. HirschDenn wer haßt — scheide! hat Gott, der Gott Israels, gesprochen, das Unrecht bedeckte sein Gewand, hat Gott der Schöpfungsscharen gesprochen, so hütet euch denn hinsichtlich eurer Gesinnung und handelt nicht treulos.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. Die jüdische Ehe ist ein heiliger Bund, Liebe und inniges Zusammenstimmen der Seelen ist ihr Leben, Kälte und Gleichgültigkeit ist ihr Tod. Wo deshalb an Stelle der Liebe Haß getreten ist, so lehrt Maleachi, ist die Auflösung der Ehe besser als die Fortsetzung derselben, die ja nur ein äußerliches Nebeneinanderleben derjenigen wäre, die in innigem Zusammenleben einander ergänzend in einander aufgehen sollten. Und es ist tief bedeutsam, daß diese Worte im Namen des „Gottes Israels“ ausgesprochen werden, eine Bezeichnung, die sonst im Munde Maleachis nicht wieder vorkommt. Es wird dadurch betont, daß diese Aufforderung zur Auflösung einer solchen Ehe gerade aus dem Charakter der Heiligkeit der jüdischen Ehe fließe, daß in einem solchen traurigen Falle die Auflösung als das geringere Übel erscheint, nämlich als die Beseitigung eines Ärgernisses, das in Gottes Augen die fortgesetzte Kränkung und Pflichtverletzung gegen die „Gattin deines Bundes“ bereiten würde (vergl. Gittin 90b. Jerusch. Kidduschin I 58c. בְּיִשְׂרָאֵל נָתַתִּי גֵירוּשִׁין וְלֹא נָתַתִּי גֵירוּשִׁין בְּאוּמוֹת הָעוֹלָם. Aber auch als ד' צְבָאוֹת, im allgemeinen Menschenkreise spricht Gott von dem, der einer solche Ehe fortsetzt: „der decke Unrecht über sein Gewand“. Gewand bezeichnet nach Ruth 3,9 auch sonst das Verhältnis zwischen Mann und Weib. Das Suffix ו würde das Gewand als ein vom Mann gereichtes bezeichnen. Also: setzte er die Ehe auch äußerlich fort und kleidete er sein Weib auch in die kostbarsten Gewänder, er entzöge ihr aber sein Herz und seine Liebe, so würde er auch die prächtigsten von ihm gereichten Gewänder mit Unrecht bedecken, oder, und dies halten wir für correkter: so würde das חָמָס, das an ihr begangene Unrecht auch die kostbarsten Gewänder bedecken. Mit großer Feinheit ist das an ihr (der Frau) verübte Unrecht als חָמָס charakterisiert. חָמָס bezeichnet nach der Auffassung der Weisen, wenn es sich um materielle Schädigung handelt, eine solche, deren Wert ein minimaler, sich der gerichtlichen Beurteilung entziehender ist. Hier ist es der treffendste Ausdruck für die Imponderabilien, die unfaßbaren kleinen Nadelstiche, die selbst bei einem äußerlich correkten Verhalten des Mannes die Ehe zu einer fortgesetzten Kränkung der Frau gestalten. שָׂנֵא, 3. P. Perf. Kal, ist Subjektsatz: wer haßt; שַׁלַּח ist nicht Inf. absol., sondern Imperativ: entlasse! Demgemäß ist שָׂנֵא als Anrede zu begreifen: als wäre es Particip: Hassender! oder die du hassest, entlasse! So faßt es auch Jonathan. Der Übergang in die dritte Person in וְכִסָּה hat nichts Auffälliges.

17
הוֹגַעְתֶּ֤ם יְהֹוָה֙ בְּדִבְרֵיכֶ֔ם וַאֲמַרְתֶּ֖ם בַּמָּ֣ה הוֹגָ֑עְנוּ בֶּאֱמׇרְכֶ֗ם כׇּל־עֹ֨שֵׂה רָ֜ע ט֣וֹב ׀ בְּעֵינֵ֣י יְהֹוָ֗ה וּבָהֶם֙ ה֣וּא חָפֵ֔ץ א֥וֹ אַיֵּ֖ה אֱלֹהֵ֥י הַמִּשְׁפָּֽט׃
ZunzErmüdet habt ihr den Ewigen mit euren Reden, und ihr sprechet: Womit haben wir ermüdet? Indem ihr sprechet: Jeder, der Böses thut, ist gut in den Augen des Ewigen, und an ihm hat er Gefallen, oder: Wo ist der Gott des Gerichts?
J. J. HirschErmüdet habt ihr Gott mit euren Reden! ihr aber saget: womit ermüden wir? Dadurch, daß ihr saget: Jeder, der schlecht handelt ist gut in den Augen Gottes, an denen gerade hat er Wohlgefallen, oder wo ist denn der Gott des Gerichtes!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17. Von der trüben Erscheinung eines vielfach zerrütteten jüdischen Ehelebens wendet sich der Prophet nunmehr dem großen Kreise derjenigen zu, die mit ihrem Wandel freilich noch auf dem Boden des jüdischen Gesetzes stehen, die jedoch nicht ohne Befremden und wohl auch nicht ohne Neid auf das Wohlergehen der unjüdischen und nichtjüdischen Übelthäter blicken. Ihnen fehlt die Innigkeit der Hingebung an Gott, die Freude, die Beseligung, die aus dem Bewußtsein erfüllter Pflicht quillt, und vor allem fehlt ihnen das rückhaltlose Vertrauen zu Gott und die Ergebung in seine Waltung. Sie stehen noch auf der niedrigen Stufe, auf welcher Furcht vor Strafe und Hoffnung auf Lohn die bestimmenden Momente des Pflichtlebens sind. Daher das Befremden über das Glück von Missethätern, das in den Worten „gerade an ihnen hat er Wohlgefallen! oder, wenn dem nicht so, wo ist denn der richtende Gott!“ — sich bis zum Zweifel an der Wahrheit des als Gotteswort Überlieferten steigert. In dem folgenden Kapitel, das sich unmittelbar an dieses anschließt, ist die Antwort auf diese Zweifelfrage: אַיֵּה א' הַמִּשְׁפָּט enthalten. Zu construieren ist: או d. i. oder wenn dem nicht so ist, d. h. wenn Gott kein Wohlgefallen an ihnen hat, wo bleibt dann sein richtendes Walten, warum schreitet er nicht gegen sie ein. Vgl. unten 3,14 und 15, wo diese Gesinnung noch unverhüllter sich ausspricht.