Malachi 3 מלאכי
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 3. V. 1. Das Gericht, das ihr vermisset, es bleibt nicht aus. Über מַלְאָכִי vergl. zu Exod. 32,34. So wird auch hier vielleicht auf eine Gestaltung der von dem unsichtbaren Allmächtigen für seine Zwecke gelenkten Geschicke hingewiesen, die dem Eintritte Gottes den Weg bahnen. Er ist der „Herr“, vor dem jeder Trotz und jede kecke Aufkündigung des Gehorsams schwinden wird. וּמַלְאַךְ הַבְּרִית, „der den Gottesbund vertretende Engel“, nach dem ihr euch sehnet, also der Gottesbote, der alles diesem Bunde feindlich im Wege Stehende beseitigt, d. h. alles beseitigt, was die Verwirklichung des durch die Sendung Israels beabsichtigten höchsten Waltungszieles Gottes mit der Menschheit zu hemmen sucht — dieser Gottesbote, siehe er kommt. Dieser „Bote des Bundes“ ist die nähere Bestimmung des zuerst als מַלְאָכִי bezeichneten und mit demselben identisch. Vor ihm haben auch diejenigen zu zittern, die mit solchen Frevelworten sein Kommen herbeiführten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. כִּלְכֵּל Piel, von כּוּל, versorgen, dem Bedürfnisse oder den Anforderungen eines anderen ganz entsprechen, für sie ausreichend sein. Wo ist der Mensch, dessen Kraft, dessen bewährte Pflichttreue ausreichte für die Prüfung dieser Tage, wer vermöchte zu bestehen vor seinem Richterthrone? Eben deshalb zögert Gott noch mit seinem Erscheinen, denn dieser Tag ist wie das „Feuer des Schmelzers“, des „Läuterers“, das die innere Lauterkeit, wie die Seife oder Lauge der Wäscher, die die äußere Reinheit herstellen will. Reinheit in Gesinnung und That fordert dieser Tag, und deshalb zögert Gott noch ihn herbeizuführen, um zuvor durch seinen Boten, die Geschicke, die sittliche Kraft der Menschen zu stärken und sie zu läutern, damit Menschen da sind, die den Ernst dieses Tages bestehen. Die Söhne Levi aber reinigt er und läutert er wie das Gold und wie das Silber, daß sie Gottes seien, Darbringer des Huldigungsopfers in Pflichttreue.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. Denn auch „sitzend“ d. i. noch nicht sichtbar einschreitend, sondern auch jetzt, wo er noch „sitzt“, läutert und reinigt er, durch die von ihm gelenkten Geschicke. Und zwar ist es „Silber“, was er läutert. Ihr beklagtet euch (oben V. 17) darüber, daß ihr vielfach heimgesucht werdet, während die anderen, die Gott und seinem Worte Feindlichen, wie ihr meint, ungestörten Glückes sich erfreuen. Nicht Schlacken, sondern Silber läutert man. Eure Prüfungen sollen euch läutern, sollen das Edle, Reine in euch frei machen. זקק binden, זַקֵּק entbinden, frei machen von den Schlacken, die das Edle überwuchern und gebunden halten. Und die Priester und geistigen Führer, sie bedürfen der doppelten Läuterung, damit sie ganz und gar Gottes seien, und als solche — Darbringer des Huldigungsopfers in Pflichtgerechtigkeit. מַגִּישֵׁי, substantivisch, bezeichnet dieses Wirken noch mehr als den Beruf, in dem sie aufgehen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Der Vers schließt sich an die unmittelbar zuvor verkündete Läuterung des Levitenstammes an, sodaß nur reine Hände die Weihegabe Gott näherbringen werden, וְהָיוּ לַה' מַגִּישֵׁי מִנְחָה בִּצְדָקָה. Nur dann, heißt es hier, wird sie Gott wohlgefällig sein. — Nicht unwichtig erscheint es, darauf hinzuweisen, wie hier auch der letzte Prophet für die letzte Zukunft die Darbringung von Opfern verkündet. Wie zerfließt dem und so vielen anderen Thatsachen gegenüber jenes Vorgeben in ein elendes Nichts, das in den Propheten „Reformatoren des mosaischen Judentums“ und zwar insbesondere auf Abschaffung der Opfer bedachte Reformatoren erblicken will! — Ferner ist es charakteristisch, daß alle Opfer hier unter den Begriff der Minchah, der Huldigungsgabe, gefaßt werden. Damit wird eindringlich daran erinnert, daß der eigentliche Gottesdienst sich im Leben draußen vollziehe, Tempel und Opfer nur die stets zu erneuernde Rüstung und Weihe für diesen eigentlichen Gottesdienst bilden sollen. Vergl. Ps. 24, 31: „Wer darf den heiligen Gottesberg besteigen? Nur wer rein an Händen und lauteren Herzens ist.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. Damit nun dieses Ziel herbeigeführt und ein reiner Kern geschaffen werde, der das zuvor angekündigte allgemeine Gottesgericht zu bestehen imstande sei, wird hier zunächst ein an Israel sich vollziehendes Gericht verkündigt. Die drei erst genannten Verbrechen entziehen sich ihrer Natur nach leicht dem richterlichen Einschreiten und verbergen sich unter der Hülle äußerer Legalität und Respektabilität. Gegen sie schreitet das Gottesgericht zuerst ein. Sodann gegen die, die sich die Schwäche der Wehr- und Annehmerlosen zu nutze machen, den Fremden beiseite schieben und „Mich nicht fürchten“, der ich doch der Beschützer der Schwachen und Annehmerlosen bin.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. לֹא שָׁנִיתִי: Ich habe immer dasselbe gewollt, mein Wille, d. i. die euch gesetzte Bestimmung, die von euch zu lösende Aufgabe bleibt unabänderlich euer Ziel; und ihr, Söhne Jakobs, לֹא כְלִיתֶם, seid noch nicht zu Ende, „habt noch nicht aufgehört“ nämlich: zu sein, was ihr bisher gewesen, ihr seid der Euch anhaftenden Schlacken noch immer nicht entledigt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. לְמִימֵי: Das ל bedeutet: Und ginget ihr auch zurück bis an den Anfang, bis zu den Tagen eurer Väter, immer seid ihr abgewichen, und seit einem Jahrtausend hat Gott immer gesprochen: „Kehret zurück zu mir!“ Welcher Mahnung ihr stets mit der schnöden Ablehnung begegnetet: בַּמֶּה נָשׁוּב, ihr wüßtet gar nicht, in welcher Beziehung ihr der Rückkehr bedürftig wäret.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. קָבַע הֲיִקְבַּע וגו' heißt beschränken, jemandem ein bestimmtes, eng begrenztes Gebiet zuteilen. Gott fordert Unterordnung unseres ganzen Lebens unter sein Gesetz, er verlangt Gehorsam für die gesamten sechshundertunddreizehn Gebote und Verbote, die in Wahrheit nur aussprechen, was unserer eigensten Natur entspricht, und durch deren Erfüllung wir im tiefsten Grunde nur unserem eigentlichen Ich Genüge leisten und somit zur wahren Freiheit erstehen. Ihr aber treffet je nach Bequemlichkeit und Neigung eine Auswahl und wähnet, Gott auf dieses Gebiet verweisen, „beschränken“ zu können. Man denke an die Bethörung, der noch zwei Jahrtausende später die einen durch einseitige Hervorhebung der Sabath-, Speise- und Reinheitsgesetze, die anderen durch einseitige Hervorhebung einiger Pflichten der Gerechtigkeit und Nächstenliebe zum Opfer gefallen sind und fallen. — Der kecken Gegenfrage aber: Worin haben wir Dich d. h. Deinen Anspruch denn beschränkt, worin nicht ganz unsere Pflicht gethan? begegnet das Gotteswort mit dem Hinweis auf jenen Gesetzeskreis, bei dem sich das pflichtmäßig zu Leistende wie bei den Zehntgesetze sogar ziffernmäßig bestimmen läßt. Denkt doch nur an den Zehnten und an die Hebe! Selbst hierin habt ihr geglaubt, Gott mit einer Abschlagsleistung befriedigen zu können, und seid vor Umgehungen nicht zurückgeschreckt!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9—12. Die unheilvollen Folgen sind nicht ausgeblieben, und dennoch habt ihr nicht abgelassen von eurem Thun. Ermannt euch doch, entschließet euch doch einmal, auch nur dieses eine Gesetz, das der Erhaltung des der Pflege des Geistes in eurer Mitte geweihten besitzlosen Stammes bestimmt ist, sowie der Weihe des reinen Genusses vor Gott und der Mahnung an die dem Besitzenden gegenüber den Besitzlosen obliegende Verpflichtung, also das תְּרוּמָה, מַעֲשֵׂר רִאשׁוֹן, מַעֲשֵׂר שֵׁנִי und מַעֲשֵׂר עָנִי-Gesetz — wagt es einmal, durch rückhaltlos getreue Erfüllung dieser einen Gesetzesgruppe mich „auf die Probe zu stellen!“ Der unendliche Segen, den ich euch dafür spenden würde, würde die Sperre eures Herzens sprengen, ihr würdet euch auf euch selbst besinnen — die huldigende Anerkennung, die euch dann plötzlich von den nur den Erfolg anbetenden Völkern gezollt würde, zu denen ihr bisher so respectvoll aufblicket, und die euch bisher dafür so tief verachten, die aber jetzt plötzlich euch als die Fortgeschrittenen preisen würden, während ihr euch bisher mit eurem Judentum und ob eures Judentums als die so unendlich weit hinter den anderen Völkern Zurückgebliebenen gefühlt habt —: alles dies würde euch zu der vollen Gotteshuldigung bringen, die ihr bisher so beharrlich verweigertet. — Aber ach, zur Erfüllung der ersten Vorbedingung, der treuen, vollen Erfüllung der Zehnt- und Hebegesetze konntet ihr euch nicht aufschwingen. Eure Gedanken, die stillen Worte eures Herzens bewegten sich leider in ganz anderer Richtung. — אֶל בֵּית הָאוֹצָר vergl. 2 Chr. 31, 11 ff., Neh. 10, 38 ff., 12, 44, wonach bereits unter Chiskijahu Räumlichkeiten im Heiligtum zum Behufe der Ablieferung der Hebe und der Zehnten hergerichtet wurden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. „Noch härtere Worte habe ich von euch vernehmen müssen!“ חָזַק עַל: stark sein auf, stark auf jemanden lasten, in hohem Grade lästig und wiederwärtig sein. Oder: Ihr habt sehr starke Worte über mich gewagt. — מַה נִּדְבַּרְנוּ עָלֶיךָ Nif’al: sich aussprechen, ein aus dem Bedürfnisse sich auszusprechen hervorgehender Meinungsaustausch.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14 und 15. Es sind allerdings verwegene Worte, und sie eröffnen den Einblick in eine tieftraurige Gesinnung. Der hier gezeichnete Kreis ist durchaus nicht vom Gesetze abgefallen, allein was sie erfüllen, das thun sie nur in der Hoffnung auf sofortigen Lohn. Da dieser aber ausbleibt, so kommen sie zu der vermeintlichen „Einsicht“, daß eigentlich diejenigen die Gescheiten seien, die sich über alle Schranken des Gottesgesetzes hinwegsetzen, statt „wie wir“ קְדוֹרנית „in trüber, ängstlicher Sorge“, מִפְּנֵי „in steter Angst vor Gott“ zu wandeln. שׁוא: Unser Hoffnung war eitel und unsre Furcht grundlos. Denn gerade den Frevlern geht es gut, ja נִבְנוּ, passiv, selbst ohne ihr Bemühen werden sie „erbaut“, die Verhältnisse haben sie getragen, das Glück wurde ihnen in den Schoß geworfen. עֹשֵׂי רִשְׁעָה, zum Substantiv erhoben zur Bezeichnung der Grundsätzlichkeit, sie sind Vollbringer des Frevels. Sie erstreben ihr Glück auf positiv schlechten Wegen, fordern damit den göttlichen Richter geradezu heraus — וַיִּמָּלֵטוּ: und es ist ihnen gut bekommen, sie entgingen der Strafe. Von Geist und Bedeutung der Gesetze, die sie wie „angelerntes Menschengebot“ noch erfüllen, aus Hoffnung auf Lohn und aus Furcht vor Strafe, haben sie natürlich keine Ahnung, ebensowenig eine Ahnung von der Seligkeit, die die Erfüllung dieses Gesetzes dem Gottesfürchtigen auch in schwerster Prüfung durch das Bewußtsein der Gottesnähe gewährt. In Wahrheit sind sie dem Judentum im Geiste und im Herzen innerlich bereits abgestorben, und ihren Söhnen wird es nicht an „Mut“ fehlen, es jenen Gesetzesverächtern gleich zu thun, auf die die Väter bewundernd hinblicken.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 16. Doch auch in solcher Zeit ist Israels Sache nicht verloren. Es bleibt noch eine, wenn auch der Zahl nach winzig kleine Schar von gottesfürchtigen Männern, die, wenn sie auch gegenüber der erdrückenden Mehrzahl der dem Judentum Abgestorbenen nicht handelnd wirksam sein können, doch dem Bedürfnisse folgen, sich gegenseitig auszusprechen, אָז נִדְבְּרוּ, den Gedanken an das Bessere, an die Wahrheit nicht untergehen lassen. In solcher Zeit ist schon das Wort eine That. Deshalb, wenn auch von den Menschen verspottet, wird ihr Wort von Gott vernommen. Und was in diesen Stunden der Verfolgung des Judentums durch זֵדִים und עֹשֵׂי רִשְׁעָה, durch die inneren Feinde, an Erkenntnissen und begeisterten Entschlüssen aus tiefstem Herzen kommend den Lippen der Gottesfürchtigen entströmt, das geht nicht verloren, das bleibt bewahrt in dem Buche vor Gott. (Über dieses Buch siehe zu 2. B. M. 32, 32.)
וּלְחֹשְׁבֵי שְׁמוֹ. Wenn es ihnen auch nicht möglich ist, Abraham gleich קֹרְאִים בְּשֵׁם ד' zu sein, die Menschen im Namen Gottes auf- und zurückzurufen, so bewirken sie doch durch ihre eigene Lebensführung, daß sein Name nicht verloren gehe, und auch als חוֹשְׁבֵי שְׁמוֹ, als Denker seines Namens, dem sie in ihrem Leben den huldigenden Beweis ihrer Verehrung zollen, ist ihr Wirken unverloren. Aus Stellen wie: אֲשֶׁר כֶּסֶף לֹא יַחְשֹׁבוּ, Jes. 13, 17, und: לֹא חָשַׁב אֱנוֹשׁ, das. 33, 8, ergiebt sich jedenfalls für חשב auch die Bedeutung des Würdigens, Hochhaltens.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17. סְגֻלָּה. Und das sind dann die Männer für jenen Tag, an dem „ich bilden werde einen nur ausschließlich mir angehörenden Kern.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18. Dann werdet auch ihr, die ihr jetzt Gott anklagt und euch unzufrieden fühlt in seinem Dienste, umkehren und werdet den Unterschied sehen, nicht nur zwischen den erstgenannten, צַדִּיק und רָשָׁע, sondern auch zwischen der Erfüllung לִשְׁמָהּ und שֶׁלֹּא לִשְׁמָהּ, zwischen dem, der mit seiner in reiner Gesinnung wurzelnden Hingebung durch die Erfüllung des göttlichen Willens in Wahrheit Gott dient, und dem, der mit seinem, sei es aus Hoffnung, sei es aus Furcht geleisteten Dienste in Wahrheit nur sich, nicht aber Gott dient.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 19 und 20. Derselbe Tag, der den Frevlern als verzehrend Feuer kommt, geht für die Pflichtgetreuen auf als „Sonne der Gnade“. Das Böse und die Bösen gehen an der Beglückung und Beseligung der Guten zu Grunde. „Denn siehe, der Tag selber kommt, glühend wie der Ofen, und läßt ihnen nichts übrig.“ שֹׁרֶשׁ : Wurzel, Hoffnung für die Zukunft, עָנָף : Zweig, würde die Hinüberrettung von etwas bereits Erreichtem bedeuten. Beides wird verneint. Euch aber, den Gottesfürchtigen, geht mit diesem Tage auf eine „Sonne der Gnade“, die „Heilung trägt auf ihren Fittigen.“ Die „Fittige“ sind die Strahlen der Sonne. Wie die Strahlen der Sonne Leben und Gedeihen bringen für alle Kreatur, so wird die „Sonne der Gnade“ alle Schäden heilen, die die Gottesfürchtigen in der Zeit der Unterdrückung erlitten haben. — וִיצָאתֶם, im Gegensatz zu der bisher euch aufgedrungenen Zurückhaltung. כְּעֶגְלֵי מַרְבֵּק: dieses etwas realistische Bild jugendlicher Frische und Gesundheit dürfte gewählt sein, um den Gegensatz zu der V. 14 ausgesprochenen Verachtung in seiner ganzen Schärfe hervortreten zu lassen. Es wird sich zeigen, daß die Zurückhaltung eurem Gedeihen nicht geschadet hat. Das Bild ist von dem munteren Hinauseilen der eingeschlossenen Tiere genommen, die aus dem Stalle hinaus der Weide zugeführt werden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 21. וְעַסּוֹתֶם, von עסם, verwandt mit עוּם und עָשָׂה gestalten, formen, bilden. Das Böse verliert allen inneren Halt, alle Form, bleibt nur als bildsamer Stoff übrig, und was sich nicht gestalten läßt, wird wie Asche. Also: Euch wird dann zu gefügigem Stoffe das Böse und die Bösen, die neue, gottgewollte Form gebt ihr ihnen, denn sie selbst haben allen Halt verloren — so vollzieht sich’s „an dem Tage, den Ich schaffe.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 22. זִכְרוּ תוֹרַת מֹשֶׁה עַבְדִּי. Das letzte Prophetenwort schließt mit der Mahnung und dem Hinweis auf dieselbe Bestimmung, die die erste an Moses gerichtete Gottesankündigung als Ziel der Erlösung ausgesprochen hatte. לִי לְעָם, „mir zum Volke“ zu werden — so lautete diese Bestimmung, und die ganze Gesetzesoffenbarung ist nichts als der in Worte gefaßte Gotteswille, durch dessen Verwirklichung unsere Einzel- und unsere Volkserscheinung sich zum „Gottesvolke“ erhebt und ausgestaltet. Und wie lautet die letzte Mahnung, mit der das seitdem verstummte Prophetenwort uns in die Prüfungsgänge der Jahrtausende hinaus entlassen hat? „Bleibet der Lehre meines Dieners Moscheh eingedenk, da Ich ihm am Horeb für ganz Israel Gesetze und Rechtsordnungen gebot!“ — Hier tritt uns die vollendete Einheitlichkeit des Gotteswortes entgegen vom ersten bis zum letzten Buchstaben, die vollendete Einheitlichkeit der gottgefügten Israelsgeschichte von ihrem ersten Anbeginn bis zu ihrem letzten Ziele in der Zeiten Ferne.
V. 23 f. וְהֵשִׁיב לֵב אָבוֹת עַל בָּנִים וגו'. Es heißt nicht: אֶל בָּנִים und אֶל אֲבוֹתָם, dann wäre לֵב in der Bedeutung von Gefühl zu fassen. — הֵשִׁיב לֵב עַל heißt jedoch: etwas zum Gegenstande nicht der Liebe, sondern des Gedankens, der Beachtung machen. Elijah wird die Kinder wieder zum Gegenstand der Beachtung und Sorge für die Eltern, und die Eltern wieder zum Gegenstand der Beachtung für die Kinder machen. Es hat also nicht sowohl ein Gefühls- als vielmehr ein Gedankenriß zwischen ihnen bestanden, der unter allen Umständen geheilt werden muß. Denn nur auf dem Boden der klaren Erkenntnis und gemeinsamen Anerkenntnis kann das Heil erblühen. Damit dieser Gedankenriß, diese gänzliche geistige Trennung nicht in dem geschilderten unheilvollen Maße eintrete, dazu war die Mahnung mit hinausgegeben worden, זִכְרוּ תוֹרַת מֹשֶׁה עַבְדִּי, die Lehre Moschehs nicht dem Gedächtnisse entschwinden zu lassen. Es wird also eine Zeit geschaut, in welcher die Väter es vernachlässigt haben, ihre Kinder zu Trägern des Gotteswortes, der heiligen Überlieferung zu erziehen, daß sie, wie sie es empfingen, auch ihrerseits es weiter überliefern, und ihrerseits halten es die Kinder nicht für der Mühe wert, den winzigen Rest, der ihnen noch aus dem praktischen Leben der Eltern entgegentrat, auch nur „pietätvoll“, als Erinnerung an das alte Judentum zu bewahren. Also eine Zeit, in welcher Israels letzte Stunde gekommen scheint. Da erscheint der von Gott gesandte Prophet, Elijah, er will retten, was noch zu retten, wiedergewinnen, was noch wiederzugewinnen ist. So ihr euch dieser letzten Einwirkung hingebt, die durch Elijah gereichte Hand ergreifet und somit zu dem, V. 17 als סְגֻלָּה gezeichneten, ausschließlich Gott angehörenden Kerne werdet, seid ihr gerettet. Nur wer auch in dieser letzten ernsten Stunde den geöffneten Vaterarmen seines Gottes, zu dem Elijah ihm den Aufweg weiset, in wahnwitziger Verstocktheit den Rücken kehrt, nur der geht zukunftslos verloren.
Blicken wir noch einen Augenblick auf das letzte Mahnwort: זִכְרוּ וגו' des V. 22 zurück. Gegenüber den vielverbreiteten Irrlehren sei denn doch daran erinnert, daß uns in diesem Abschiedsworte nicht etwa das Gedächtnis der עֲשֶׂרֶת הַדִּבְּרוֹת, der zehn Gebote ans Herz gelegt wird, die wir unmittelbar von Gott am Sinai vernommen haben, sondern das Gedächtnis „der Thora meines Dieners Moscheh, dem ich am Horeb חֻקִּים und מִשְׁפָּטִים, Gesetze und Rechtsordnungen befohlen über ganz Israel.“ Die Thora mit ihrem ganzen Inhalt ist unsres Lebens Quell, und ihre Erfüllung allein bewahrt uns für die Ewigkeit. —