Jeschajahu 9 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 9. V. 1. Gegenüber der Verzweiflung, welcher alle die zur Beute fallen, die, wie das Reich Israel, sich hilfeheischend heidnischem Unwesen zuwenden, deren Orakel zwar zeitweilig leidende Sterbliche zu täuschen vermögen, um sie aber schließlich in noch grausigeres Elend versinken zu lassen: zeichnen die ersten Verse unseres Kapitels die belebende Hoffnung und die endliche hohe Befriedigung, welche die göttliche Verheißung dem jüdischen Volke bringen werde.
העם ההלכים בחשך. Auch die dunkelste Geschicksnacht, welche mit Sanheribs beutegierigen Horden über Juda heraufzieht, erleuchtet der funkelnde Stern der Zuversicht auf Gottes Wort, und während des Todes schwarze Fittiche bereits Jerusalems Bewohner umschatten, sendet das Morgenrot schon seine goldenen Strahlen. Es ist die wunderbare Errettung, der „Flügelsturz“ Aschurs, wie sie der achte Vers des vorigen Kapitels bezeichnet, auf welche unser Vers hinblickt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. הרבית הגוי. Hifil von רבה. Sowohl רבה als רבב kommen auch in der Bedeutung „groß an Macht werden“ vor. So von רבה: וענותך תרבני deine Herablassung machte mich groß (Ps. 18,36). Hier ist wohl das hohe Ansehen gemeint, welches Juda als Staat, was ja die eigentliche Bedeutung von גוי das Volk als Körper nach außen, in den Augen der anderen Völker gewann.
לו „ihm“ ist als das verneinende לא geschrieben. Es dürfte hierdurch angedeutet sein, daß die Freude, wenigstens die Chiskijahus, nicht allzulange ungetrübt bleiben werde durch das, Unglück über seine Nachkommen offenbarende, Gotteswort Jesaias. Die Grundursache für diese Verkündigung wurzelte aber gerade in dem großen Respekt, den die anderen Nationen — hier Babylon — vor Juda und seinem Könige bekommen hatten. Vgl. weiter Kap. 39.
כשמחת der Form nach סמיכות ohne נסמך, vielleicht: wie die Freude anderer. Doch kommt die gleiche Form auch sonst vor, ohne daß ihr diese Bedeutung innewohnt: אם אתן שנת (Ps. 132, 4 und and.). שמחו präter. ihre Freude galt dem wunderbaren Walten Gottes „לפניך“, und konnte selbst durch die spätere Teilung der von Aschur zurückgelassenen Beute nicht weiter gesteigert werden: יגילו ist Futurum.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. על סבלו. Die schweren Lasten, welche die Invasion solcher Truppenmassen dem Lande auferlegt, מטה שכמו die grausame Härte, mit der die Requisitionen durchgeführt wurden, שבט הנגש בו, das Szepter Sanheribs, der „treibenden“ Kraft aller dieser Juda „bedrängenden“ Momente. „Wie am Midjanstage“ blickt auf die Richter 7 erzählte Vernichtung Midjans vergleichend hin, die ebenfalls erfolgte, ohne daß von seiten Israels auch nur das Schwert gezogen ward, Gott war es, der die Midjaniter durch ihr Schwert fallen ließ.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. סאון kommt nur hier vor. Unter שמלה Gewand glauben wir hier die nächste Umgebung Jerusalems verstehen zu dürfen. והיתה לשרפה entspricht dem obigen למהר שלל חש בז: Trotz des wütenden Anpralls und so weiten Vordringens des Verderbens werden ihm nur diejenigen erliegen, die durch ihre Lebensweise selbst das Feuer angefacht haben, welches sie vernichtet. Wohl waren sie durch Achas zum Abfall verführt worden, aber nachdem Achas gestorben und mit Chiskijahu die Gottestreue zur Herrschaft in Juda gelangt war, hätten sie Zeit genug gehabt, sich zu bessern. — Das dürfte die Ideenverbindung sein, die zu dem nächsten Verse führt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. ילד ילד לנו בן נתן לנו. Nicht dem Achas und der Förderung seiner Reformbestrebungen, uns, der kleinen als Verschwörer gebrandmarkten Minderheit, in deren Brust das Zeugnis und die Lehre Gottes eingesiegelt ist, ward in Achas' Hause ein Kind geboren, uns ein Sohn, ein Baustein (בן von בנה bauen) geschenkt für die Wiederherstellung der Gottesherrschaft, deren Träger dieser Sohn des Achas, Chiskijahu, sein wird. ויקרא שמו: „Gott nannte seinen Namen“, das heißt, er gab ihm die Bestimmung und stattete ihn mit den Fähigkeiten aus, dieser gerecht zu werden. Vgl. Komm. zu 2. B. M. 31, 2. Die Worte פלא יועץ אל גבור אבי עד bilden das Subjekt und beziehen sich auf Gott, der den Namen des Kindes שר שלום nannte. Das, was Gott plant, ist wunderbar, entzieht sich dem Verständnis der Menschen und ihrem Urteile, seine Allmacht überwindet alle Hemmnisse, und die Zeit, die ja allen Bestrebungen und Plänen der Menschen ein Ziel setzt, ist seinem Willen untertan. Gottes Wille aber ist die Herbeiführung des Friedens auf Erden, und für dieses Ziel zu wirken, ist die Aufgabe dieses Kindes: darum ernennt Gott es zum „Fürsten des Friedens“.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. Denn mit Chiskijahu soll das Gottesgesetz den Thron Davids besteigen, er als dessen echter Sprößling gründet seine Herrschaft nicht auf Gewalt und Unrecht, sondern auf „Recht und Liebe“. Diese beiden bilden die Stützen des Reiches, welches berufen ist, auf einen „Frieden ohne Ende“ hinzuarbeiten. Nach diesem „ewigen Frieden“ sehnt sich freilich die Menschheit, aber belächelt den Gedanken an seine einstige Verwirklichung als einen schönen Traum, als das Hirngespinnst kindlich aber auch kindisch denkender Menschen. Und das ist er auch, solange die Menschheit sich sträubt, ihm das Recht und die Liebe als Basis zu bieten. Aber auf der Huldigung des durch Israel der Menschheit überbrachten göttlichen Sittengesetzes wird er sich aufbauen. Auf dieses Ziel hin arbeitet קנאת ד' צבא' — קנא heißt für sein Recht eintreten — der sein Recht eifrig wahrende Herr aller Wesen von nun an bis in alle Ewigkeit. Seine Waltung ruht nicht, bis sie die Menschheit zu diesem beglückenden Ziele geführt hat, und alle Ereignisse der Weltgeschichte dienen diesem Werke. Mag auch der Davidsthron den Blicken der Menschheit für jetzt entschwunden sein, auf ihm ist doch der Gottesgedanke zur ewigen Herrschaft gelangt und bricht sich mehr und mehr Bahn in den Kreisen der Menschheit.
Scheint auch mitunter blöden Augen die Gottesidee in der Menschengesellschaft dem Erlöschen nahe, so datiert doch gerade oft von einem solchen Momente ihre Wiederherstellung und der Beginn einer neuen, die göttlichen Zwecke fördernden Aera. Darin eben zeigt sich das Wunderbare der göttlichen Waltung, das lehren den denkenden Menschen die Annalen der Geschichte auf manchem Blatte. Diesen Gedanken legt das Schluß-„ם“ in לםרבה המשרה, welches statt eines „מ“ steht, nahe. Jahrelang hatte Achas die Herrschaft Gottes mit allen Kräften bekämpft, sie mußte in Juda ihrem Ende nahe scheinen — aber in seinem eigenen Sohne, der unter seinen Augen heranreifte, erwuchs ihr ein begeisterter Wiedererwecker und Pfleger, und das trübe Ende-ם gestaltete sich zu einem מ des glücklichen, heiteren Anfangs.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. Von dieser Ausschau auf die unter der Herrschaft des Gottesgesetzes zunächst für Juda anbrechende Periode des Glücks, während welcher die Saat für das dereinstige Heil der Menschheit in den Boden der Zukunft gestreut wird, wendet der Prophet sein Auge der Katastrophe zu, welche die Verkennung dieses Gesetzes über das Reich Israel bringt.
דבר שלח וגו'. Wiederholt wird das gesamte Gottesgesetz, die Thora, als דבר, als das „Wort“ bezeichnet. So: לא תספו על הדבר (5. B. M. 4, 2), כי קרוב אליך הדבר (5. B. M. 30, 14), דבר צוה לאלף דור (Ps. 105, 8). יעקב begreift hier die Jakobsfamilie, die sich später in die Reiche Juda und Israel spaltete. Dem ganzen Hause Jakobs oblag die Verwirklichung des Gotteswortes — aber in Israel gelangte es nicht zur Erfüllung, נפל es ward hinfällig. In diesem Sinne des Hinfälligwerdens oder der Nichterfüllung eines Wortes heißt es Josua 23, 14: כי לא נפל דבר אחד, לא נפל ממנו דבר אחד; Esther 6, 10: אל תפל דבר. Mit der Hut dieses „Wortes“ aber steht und fällt der jüdische Staat. Das hat uns unser Lehrer Moses noch am letzten Tage seines Lebens zur Beherzigung auf die Seele gebunden: (5. B. M. 32, 47): כי לא דבר רק הוא מכם כי הוא חייכם ובדבר הזה תאריכו ימים על האדמה אשר אתם עוברים את הירדן שמה לרשתה, denn es ist kein von euch leeres Wort, es ist vielmehr euer Leben, und nur durch dieses Wort verlängert ihr eure Tage auf dem Boden, zu dem hin ihr den Jarden überschreitet, um ihn in Besitz zu nehmen. —
Diese unsere Auffassung steht dem Sinne nach durchaus in keinem Widerspruche mit den Worten unserer Weisen, Chulin 91, a, welche das דבר שלח אד' ביעקב als das an unseren Stammvater Jakob ergangene Verbot des Genusses der Spannader גיד הנשה erläutern. Spricht doch aus diesem Verbote die stete Mahnung an Jakobs Nachkommen, daß nicht das, was anderen Nationen Kraft und sicheren Gang durch die Zeiten gewährt, auch ihr Dasein friste und sichere, dieses vielmehr allein von Gottes Schutz getragen und erhalten werde und ohne denselben zu Boden sinke. Vgl. Komm. zu 1. B. M. 32, 33.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. 9. וידעו העם וגו'. Das Verständnis für dieses Wort in seiner ganzen Bedeutsamkeit — כלו bezieht sich auf דבר — ist aber dem Staate und seinen Bürgern völlig entschwunden, sonst würden sie in dem Verfall des Gesetzes in ihrer Mitte die Ursache ihres staatlichen Verfalls und des über sie gekommenen Unglücks erkennen. So aber wähnen sie in ihrem „Hochmut“, selbst im Besitze der „Quadersteine“ und „Zedern“ zu noch besserer Wiederherstellung ihres Staatenbaues zu sein, an dessen Zusammenbruch nur das ungenügende Baumaterial schuld gewesen sei. Tief bedeutsam wird der Fall des Staates mit לבנים נפלו bezeichnet, demselben Ausdruck, der für den Fall des Gotteswortes gebraucht ist.
10. 11. In ihrer Verblendung erkennen sie in allem nicht die Hand Gottes. Wie Aschur Rezin bezwungen hat, so wird es auch stark genug ihnen gegenüber sein. שגב als stark sein kommt im Kal 5. B. M. 2, 36 vor, hier Piel: stark machen. עליו und איביו bezieht sich auf אפרים ויושב שמרון. יסכסך scheint verwandt mit שוך, wovon שכים Stacheln (4. B. M. 33, 55) und aufstacheln, anspornen zu bedeuten. Dies Futurum bedeutet die Dauer dieses Zustandes. ארם, ihr bisheriger Bundesgenosse, jetzt durch Aschur unterjocht, verstärkt noch dessen Heer, und der alte Urfeind, die Philister, benutzen Israels Notlage zu einem Angriff.
בכל זאת וגו'. Alles bisher Erlittene konnte ihre Verirrungen nicht sühnen, sie verharren in ihrer Sündhaftigkeit, darum fährt Gott fort, sie zu züchtigen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. והעם וגו'. Noch immer sucht das Volk in äußeren Gestaltungen die Ursache seines Mißgeschicks und sieht nicht, daß sein Abfall von Gott sein einziges Unglück ist und Aram, Philister und Aschur nur die Zuchtmittel in der Hand המכהו desjenigen sind, der es für seinen Ungehorsam züchtigt, weil es fahnenflüchtig den ihm von ד' צבא' angewiesenen Posten verlassen hat.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13—15. ויכרת וגו'. Die Großen und die, auf deren Erfahrung und Weisheit, schon ihres Alters wegen, das Volk sich verläßt, die bilden das Haupt, und der Lügenprophet ist der „Schweif“. Er befand sich stets in der Gefolgschaft der Tonangebenden, predigte und lehrte nur, was den Großen gefiel. So ward denn auch mancher Zweig, der unter anderen Verhältnissen segensreiche Früchte getragen hätte, in seiner Entwicklung gehemmt und mußte in Gemeinschaft mit dem schwankenden, unfruchtbaren Schilfrohr sich dem herrschenden Luftzuge beugen. כפה Zweig eines Fruchtbaumes. Vgl. Job 15, 32: וכפתו לא רעננה. — ויהיו מאשרי וגו'. Vgl. oben 3, 12. מְבֻלָּעִים: Moralisch untergehen, wie die von Korah Verführten physisch, von denen es ותבלע אותם heißt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 16. על בחוריו. Alle Hoffnung auf Besserung ist geschwunden, denn schon die Jugend ist so verderbt, daß an ihr gar keine Eigenschaft und nach keiner Richtung hin zu entdecken wäre, deren sich Gott freuen könnte, und selbst der Einfluß der verwitweten Mütter, welche der herbe Verlust ihrer Männer im Kriege zu reuiger Rückkehr zu Gott bewegen müßte, wirkt auf ihre kleinen Kinder schädlich. Höchstens wahrt noch einer den äußeren Schein des Guten, sein Inneres aber ist bösartig.
נבל, נְבָלָה bezeichnet ein Schwinden der Lebenskraft, bei Pflanzen welken, bei Tieren: נְבֵלָה das Aas; bei Menschen: Schwinden der physischen oder geistigen Kräfte: ermüden, ermatten, Schwinden jeder sittlichen Kraft: entarten, נבל der Schändliche, sittlich Entartete, hier נְבָלָה: das jedes sittlichen Gehalts ermangelnde Wort. Es gehörte zum „guten Ton“ — und da וכל פה וגו' erst zuletzt steht, wohl nicht nur der Jugend — die Rede mit Obszönitäten zu würzen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17. כי בערה וגו'. Die leidenschaftliche Bosheit רשעה wirkt verzehrend wie Feuer und erfaßt alle ohne Unterschied des Standes. שמיר ושית sind wohl die Niederen und סבכי היער die Hohen, die sich zu einer Kaste aneinander schließen, miteinander verzweigen zur Sicherung ihrer gemeinsamen Interessen; סבך heißt verzweigen. Von diesen wird hier gesagt ויתאבכו, sie wirbelten stolz empor, sie unterlegten der Leidenschaft, welche sie entzündete, edle Motive, suchten den Schein des Erhabenen, Majestätischen zu erwecken — es war aber die Majestät des Rauches, der sich gar bald in nichts auflöst. Diese waren eben die Heuchler des vorigen Verses. Die Wurzel von ויתאבכו ist אבך, verwandt mit אבק Staub, welches im Nifal „miteinander ringen“ bedeutet. Danach dürfte der Hispael von אבך wohl: sich emporringen, aufwallen, aufwirbeln bezeichnen. Das Wort kommt sonst nicht wieder vor.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18—20. בעברת וגו'. Der Unwille Gottes, der sich durch strafendes Einschreiten den Menschen sichtbar und fühlbar macht. נעתם kommt nicht wieder vor; wir folgten der Jonathanischen Übersetzung חרוכא ארעא. ארץ auch männlich, so 1. B. M. 13, 6: ולא נשא אותם הארץ, Ps. 105, 30: שרץ ארצם צפרדעים.
ויהי העם כמאכלת אש. Seine Entartung hatte es für das kommende Verhängnis reif gemacht. War ja zu dem Abfall von Gott noch das Unrecht im sozialen Leben hinzugekommen. איש אל אחיו לא יחמלו. Gewöhnlich heißt es חמל על und bezeichnet ein durch Mitleid hervorgerufenes Erbarmen, חמל אל bedeutet, unseres Erachtens nach, eine Abschwächung dieses Begriffs, entsprechend dem Worte אל, das die Richtung bezeichnet; also hier: Bei keinem regte sich ein Gefühl für den Bruder.
ויגזר וגו'. Das zeigte sich in dem schonungslosen Vorgehen eines jeden, genug konnte keiner bekommen. Der schroffste Egoismus feierte seine Orgien — jeder sucht so viel wie möglich zu erhaschen und bedenkt nicht, daß, indem er des Bruders Ruin herbeiführt, er sich ins eigene Fleisch schneidet und den Arm lähmt, der ihn selbst vielleicht noch stützen konnte. Diese Lieblosigkeit zeigt sich nicht nur im Einzelverkehr, sondern auch in der Wahrung der Stammesinteressen. Der Bruderkrieg entbrennt, Efraim und Menasse, diese Kinder eines Stammes, zerfleischen sich gegenseitig und vereinigen sich nur, um über Juda herzufallen.