Jeschajahu 10 ישעיהו

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Haftarot in diesem Kapitel: Pessach, 8. Tag (Diaspora)
1
ה֥וֹי הַחֹֽקְקִ֖ים חִקְקֵי־אָ֑וֶן וּֽמְכַתְּבִ֥ים עָמָ֖ל כִּתֵּֽבוּ׃
BernfeldO über die, welche unheilvolle Gesetze erlassen und ungerechte Urteile niederschreiben.
ZunzWehe denen, die Satzungen des Unheils aufsetzen, und den Schreibern, die Unthat niederschreiben;
J. J. HirschWehe ihnen, sie machen Satzungen der Gewalt zum Gesetze und dekretieren Unrecht kraft des von ihnen Vorgeschriebenen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 10. V. 1. 2. החקקים. Im jüdischen Volke ist Gott Gesetzgeber, und die, welche seinem Gesetze Geltung und Verwirklichung verschaffen, heißen מחוקקים, ebenso auch die Gesetzeslehrer (Richter 5, 14). Die hier getadelten Großen und Richter erheben die Gewalt zum Gesetze, machen Gesetze nach ihrer Willkür und auf Grund dieser, in ihrem eigenen Interesse von ihnen getroffenen Vorschriften fällen sie Urteile und machen sie durch ihre Unterschrift rechtskräftig. מכתבים, כתבו. Der Piel von כתב schreiben kommt sonst nicht wieder vor. Der Bedeutung des Piels entsprechend, scheint es: Schreiben mit verstärkter Wirkung auszudrücken: Vorschreiben, dekretieren. עמל in der Regel: fruchtlose Mühe und Unglück, aber auch Unrecht, von dem Gesichtspunkte aus, daß andere durch es unglücklich gemacht werden. משפט עניי וגו' wie משפט הכהנים das den Priestern von Rechts wegen Zukommende (5. B. M. 18, 3). Sie machen sie durch ihren „Rechtsspruch“ zu Armen und berauben sie dann noch dessen, was ihnen die göttliche Lehre als Armen zugewiesen hat, wie פאה, שכחה, לקט, מעשר עני.

2
לְהַטּ֤וֹת מִדִּין֙ דַּלִּ֔ים וְלִגְזֹ֕ל מִשְׁפַּ֖ט עֲנִיֵּ֣י עַמִּ֑י לִֽהְי֤וֹת אַלְמָנוֹת֙ שְׁלָלָ֔ם וְאֶת־יְתוֹמִ֖ים יָבֹֽזּוּ׃
BernfeldZu beugen das Recht der Armen und zu berauben die Dürftigen meines Volkes, dass Witwen ihre Beute werden, und sie die Waisen plündern.
ZunzAbzubeugen vom Rechte die Armen, und zu rauben die Gebühr der Dürftigen meines Volks, daß Wittwen ihre Beute werden und sie die Waisen plündern.
J. J. HirschUm vom Rechte zu verdrängen die Herabgekommenen, und den Armen meines Volkes das ihnen rechtlich Gebührende zu rauben, so daß Witwen ihnen zur Plünderung werden und sie die Waisen ausbeuten können.
3
וּמַֽה־תַּעֲשׂוּ֙ לְי֣וֹם פְּקֻדָּ֔ה וּלְשׁוֹאָ֖ה מִמֶּרְחָ֣ק תָּב֑וֹא עַל־מִי֙ תָּנ֣וּסוּ לְעֶזְרָ֔ה וְאָ֥נָה תַעַזְב֖וּ כְּבוֹדְכֶֽם׃
BernfeldWas werdet ihr tun am Tage der Ahndung und wenn Verderben über euch von fern her kommt? Zu wem werdet ihr flüchten um Beistand, und wo werdet ihr eure Herrlichkeit lassen.
ZunzUnd was werdet ihr thun am Tage der Ahndung und wenn Verderben von fern her kommt? Zu wem werdet ihr flüchten um Beistand, und wo werdet ihr lassen eure Herrlichkeit?
J. J. HirschWas denn wollet ihr machen am Tage der Heimsuchung und bei dem Verderben, welches aus der Ferne herbeikommt? Zu wem wollet ihr um Beistand fliehen und wo eure Herrlichkeit lassen?
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. Daß Gott einem solchen Frevel für die Dauer nicht ruhig zusehen wird, könnt ihr euch denken. Der Tag der Ahndung kommt sicher. על מי וגו'. על kommt auch in der Bedeutung von אל vor: 1. Sam. 2, 11: וילך אלקנה הרמתה על ביתו. Hier aber läßt es die Frage als eine doppelte erscheinen: Auf wen wollt ihr euch stützen und zu wem fliehen, um Hilfe zu finden? Gottes Beistand habt ihr durch euer Leben verscherzt. ואנה תעזבו, darin liegt das sorglose, unbekümmerte Überlassen, wie ויעזב כל אשר לו (1. B. M. 39, 6). כבודכם scheint sarkastisch gemeint zu sein: Ihr habet, um Habe und Besitz zu mehren, so viele göttliche Gesetze übertreten, daß euch euer Vermögen nicht „zur Ehre“ gereicht — wo wollet ihr nun mit der ganzen „Herrlichkeit“ hin?

4
בִּלְתִּ֤י כָרַע֙ תַּ֣חַת אַסִּ֔יר וְתַ֥חַת הֲרוּגִ֖ים יִפֹּ֑לוּ בְּכׇל־זֹאת֙ לֹא־שָׁ֣ב אַפּ֔וֹ וְע֖וֹד יָד֥וֹ נְטוּיָֽה׃ {פ}
BernfeldJene, die nicht unter der Fessel gebeugt sind, werden unter Erschlagenen sinken. Bei all dem wendet sich nicht sein Zorn, und noch ist seine Hand ausgestreckt. Gegen Assyrien.
ZunzDer noch nie geknieet, (wird es) unter Gefangenen, und unter Erschlagenen werden sie sinken. Bei all dem wendet sich nicht sein Zorn, und noch ist seine Hand ausgestreckt.
J. J. HirschAußer dem, der das Knie beugt als Gefangener, werden sie als Erschlagene hinsinken. Bei allem diesem hat sich sein Zorn nicht gelegt, und noch ist seine Hand ausgestreckt!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. בלתי כרע. Die Antwort auf diese beiden Fragen gibt der Prophet selbst. Aber er wendet sein tränendes Auge ab, um das Leid nicht zu sehen, das er verkünden muß, und abgewandten Antlitzes spricht er in der dritten Person von ihnen: Es bleibt ihnen nichts übrig als Gefangenschaft oder Tod. בלתי hier wie בלתי לד' לבדו (2. B. M. 22, 19), בלתי החוי (Josua 11, 19). כרע Singul. Der bei weitem größte Teil wird den Tod der Gefangenschaft vorziehen.

Der zweite Teil des vorigen Kapitels, Vers 7 beginnend, bildet mit diesen ersten vier Versen ein zusammenhängendes Ganzes. (S. Bemerkung am Schlusse des dritten Kapitels.) In vier Abschnitten schildert Jesaia die stets fortschreitende Entartung im Reiche Israel und schließt einen jeden mit den Worten ובכל זאת וגו'.

Der erste Absatz rügt die gänzliche Verkennung ihrer Aufgabe und den bodenlosen Leichtsinn, der, des bisherigen Unglücks nicht achtend, hochmütig wähnt, durch eigene Kraft das Gefallene wieder aufbauen zu können.

Der zweite beklagt, daß das Volk, von seinen Führern mißleitet und absichtlich geblendet, in seinen bitteren Erfahrungen nicht Gottes Hand sieht und immer weiter sittlich sinkt, bis die Verderbtheit alle Stände durchseucht.

Im dritten kommt in erschütternden Worten der Jammer zum Ausdruck über das Unrecht und die Gewalt, die den Einzelverkehr infolge der Verrohung untergraben und schließlich zum förmlichen Bruderkriege führen.

Der vierte Absatz ruft Wehe über die aus, welchen ein bedeutender Teil der allgemeinen Schuld zur Last fällt, die Vornehmen, Großen und Richter, in deren Händen das Gesetz nichts anderes ist als eine Waffe, um das Glück des Nächsten um eigenen Vorteils willen zu vernichten.

In jedem dieser Abschnitte wird neben der Verschuldung auch des hereinbrechenden Unheils in erschütternder Weise gedacht — vollzog sich ja in Wirklichkeit der Untergang des Reiches, die Vernichtung und das Exil seiner Söhne nicht auf einmal, sondern in einzelnen Zeitabschnitten.

Wir wollen nicht unterlassen, daran zu erinnern, daß auch im ersten Teile des die traurigen Folgen des Abfalls im vorhinein ankündigenden Gotteswortes im 26. Kapitel des 3. B. M. sowohl Schuld wie Strafe in vier Absätzen Israel warnend vor die Seele geführt werden. Jeden dieser Abschnitte beschließt der fast gleiche Refrain: V. 18: ויספתי ליסרה אתכם שבע על חטאתיכם — V. 21: ויספתי עליכם מכה שבע כחטאתיכם — V. 24: והכתי אתכם גם אני שבע על חטאתיכם — V. 28: ויסרתי אתכם אף אני שבע על חטאתיכם. Es ist dies eine Analogie, welche die großartige Diktion des Prophetenwortes noch bemerkbarer macht und seine tiefe Bedeutung erst recht erkennen läßt.

5
ה֥וֹי אַשּׁ֖וּר שֵׁ֣בֶט אַפִּ֑י וּמַטֶּה־ה֥וּא בְיָדָ֖ם זַעְמִֽי׃
BernfeldO über Assyrien, die Rute meines Zorns; mein Grimm ist ein Stock in seiner Hand.
ZunzWeh über Aschur, Ruthe meines Zorns, ein Stock ist in seiner Hand mein Grimm.
J. J. HirschWehe Aschur, der Rute meines Zornes, ist doch der Stab in ihrer Hand mein Zürnen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. הוי אשור. Von hier bis zum Schluß des Kapitels folgt die Verkündigung des plötzlichen Falles der assyrischen Macht angesichts der Tore Jerusalems, und bereits dieser erste Vers deutet dessen Ursache an. Wohl ist Aschur das Werkzeug der Strafe, welche ich über schuldige Nationen verhänge, allein nur darin liegt seine Kraft, nur mein Zürnen wirft alles vor ihm nieder. Das durfte Aschur nicht vergessen.

6
בְּג֤וֹי חָנֵף֙ אֲשַׁלְּחֶ֔נּוּ וְעַל־עַ֥ם עֶבְרָתִ֖י אֲצַוֶּ֑נּוּ לִשְׁלֹ֤ל שָׁלָל֙ וְלָבֹ֣ז בַּ֔ז (ולשימו) [וּלְשׂוּמ֥וֹ] מִרְמָ֖ס כְּחֹ֥מֶר חוּצֽוֹת׃
BernfeldGegen ein gottloses Volk lasse ich ihn los, und gegen das Volk, das ich hasse, entbiete ich ihn, zu erbeuten und alles zu plündern und es zu zertreten wie Kot der Gassen.
ZunzGegen ein gottloses Volk laß ich ihn los, und gegen das Volk meines Grimmes entbiete ich ihn, Beute zu erbeuten und Raub zu rauben, und es zu zertreten, wie Koth der Gassen.
J. J. HirschWider eine heuchlerische Nation entsende ich ihn, gegen das Volk meines Unwillens entbiete ich ihn, Plünderung vorzunehmen und Beute zu machen und es dem Zertreten zu überlassen wie Kot der Gassen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. אשלחנו Piel. Im Piel bedeutet שלח gewöhnlich: etwas bisher Festgehaltenes nun freigeben. In seiner Absicht lag es längst, Israel anzugreifen, ich zügelte seinen Willen, bis das Maß der Schuld, die es als Nation auf sich geladen hatte, voll war und עם עברתי und die Entartung ihres Verkehr- wie Einzellebens mein Einschreiten verlangte. Das כתיב: ולשימו dürfte andeuten, daß ihre eigene Sünde sie bereits in den Kot hinabgezogen hatte, dem er sie jetzt überläßt.

7
וְהוּא֙ לֹא־כֵ֣ן יְדַמֶּ֔ה וּלְבָב֖וֹ לֹא־כֵ֣ן יַחְשֹׁ֑ב כִּ֚י לְהַשְׁמִ֣יד בִּלְבָב֔וֹ וּלְהַכְרִ֥ית גּוֹיִ֖ם לֹ֥א מְעָֽט׃
BernfeldEr aber meint nicht also und sein Herz denkt nicht also, [dass er nur meine Befehle vollstreckt], sondern zu vernichten hat er im Sinne und viele Völker auszurotten.
ZunzEr aber meint nicht also und sein Herz denkt nicht also, sondern zu vernichten hat er im Sinne und auszurotten Völker, nicht wenige.
J. J. HirschEr aber stellt es sich nicht also vor, und sein Herz sinnt nicht so, sondern Vernichtung trägt er im Herzen, Völker auszurotten, und zwar nicht wenige.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. 8. להשמיד בלבבו. Lust am Zerstören ist die Triebfeder seines Vorgehens und nicht zu sättigende Größensucht: הלא שרי וגו' Von jeher haben welterobernde Mächte alle anderen Größen um ihre Selbständigkeit gebracht, um, sich ihrer als Vasallen bedienend, der eigenen Größe noch mehr Folie zu verleihen. „שרי“ sind seine Feldherren, finden wir doch bereits im alten Pharaonenreiche, daß sogar die Hofbeamten gefürstet waren: שר האופים, שר המשקים und שר הטבחים. Seine Heerführer waren jedenfalls lauter depossedierte Könige.

8
כִּ֖י יֹאמַ֑ר הֲלֹ֥א שָׂרַ֛י יַחְדָּ֖ו מְלָכִֽים׃
BernfeldDenn er spricht: Meine Fürsten [mir untertan] sind alle Könige.
ZunzDenn er spricht: Sind meine Fürsten nicht allzumal Könige?
J. J. HirschDenn er spricht: „Sind nicht meine Heerführer allesamt Könige?
9
הֲלֹ֥א כְּכַרְכְּמִ֖ישׁ כַּלְנ֑וֹ אִם־לֹ֤א כְאַרְפַּד֙ חֲמָ֔ת אִם־לֹ֥א כְדַמֶּ֖שֶׂק שֹׁמְרֽוֹן׃
BernfeldIst doch Kalne wie Karkemis, Hamat wie Arpad; und ist nicht Schomron wie Damaskus? [Alle hab ich bezwungen].
ZunzIst nicht wie Karkemisch Kalno, oder nicht wie Arpad Chamat? oder nicht wie Dammesek Schomron?
J. J. Hirsch„War nicht wie Karkemisch so Kalno, oder nicht wie Arpad so Chamath und nicht wie Damaskus so Samarien?
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. 10. „Gegenüber allen diesen Staaten und Städten war meine eigene Macht ausreichend, nicht einmal der Hilfe meiner eigenen Götter bedurfte ich — er gedenkt ja ihrer in seiner Rede gar nicht — um der Ohnmacht ihrer Götter zu obsiegen. Und derer hatten sie doch weit mehr als Jerusalem und Samarien, welches letztere ja nur ein paar „goldener Kälber“ besitzt und Jerusalems Gott überhaupt nicht zu sehen ist.“ Sanherib nennt die Götter der anderen Nationen wegwerfend אלילים, einmal, weil es nicht die seinen sind, aber hauptsächlich, weil er deren Schutzbefohlene besiegen konnte. כאשר מצאה ידי wie ואם לא תמצא ידה (3. B. M. 12, 8): Wenn ihr Vermögen aber nicht ausreicht.

10
כַּֽאֲשֶׁר֙ מָצְאָ֣ה יָדִ֔י לְמַמְלְכֹ֖ת הָאֱלִ֑יל וּפְסִ֣ילֵיהֶ֔ם מִירוּשָׁלַ֖͏ִם וּמִשֹּׁמְרֽוֹן׃
BernfeldWie meine Hand erworben hat jene Reiche, — und ihre Götter waren mehr als die Jerusalems und Schomrons.
ZunzWie meine Hand erworben hat die Reiche der Götzen, — und ihre gehauenen Bilder (waren mehr) als Jeruschalajim's und Schomron's —
J. J. Hirsch„Wie meine Hand für die Götzenreiche mächtig genug war — und deren Götzenbilder sind doch mehr als Jerusalems und Samariens —
11
הֲלֹ֗א כַּאֲשֶׁ֥ר עָשִׂ֛יתִי לְשֹׁמְר֖וֹן וְלֶאֱלִילֶ֑יהָ כֵּ֛ן אֶעֱשֶׂ֥ה לִירוּשָׁלַ֖͏ִם וְלַעֲצַבֶּֽיהָ׃ {פ}
BernfeldNun wie ich getan an Schomron und seinen Göttern, also tue ich an Jerusalem und seinen Bildern.
ZunzSollt' ich nicht, wie ich gethan an Schomron und seinen Götzen, also thun an Jeruschalajim und seinen Bildern?
J. J. Hirsch„Werde ich nicht, wie ich nun an Samarien und seinen Göttern getan habe, ebenso an Jerusalem und seinen Gottheiten tun!“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. Inzwischen hatte Aschur auch Samarien besiegt. ולעצביה. עצבים heißen die heidnischen Gottheiten, insofern als sie neidisch auf das Glück der Menschen blicken und ihnen עצב Schmerz, Entsagung bereiten. Den Nationalgott Jerusalems, der unsichtbar ist, kenne ich nicht, spricht Sanherib, aber gewiß will er seinem Volke wehe tun, das beweist ja der mir so leicht gewordene Erfolg meiner wiederholten Einfälle in Judäa, aber selbst gegen seinen Willen werde ich Jerusalem überwältigen.

12
וְהָיָ֗ה כִּֽי־יְבַצַּ֤ע אֲדֹנָי֙ אֶת־כׇּל־מַֽעֲשֵׂ֔הוּ בְּהַ֥ר צִיּ֖וֹן וּבִירוּשָׁלָ֑͏ִם אֶפְקֹ֗ד עַל־פְּרִֽי־גֹ֙דֶל֙ לְבַ֣ב מֶלֶךְ־אַשּׁ֔וּר וְעַל־תִּפְאֶ֖רֶת ר֥וּם עֵינָֽיו׃
BernfeldWenn aber der Herr vollendet haben wird sein ganzes Wert an dem Berge Zijon und an Jerusalem, so werde ich, [spricht der Herr], heimsuchen die Frucht des Hochmutes des Königs von Assyrien und das Prahlen seiner stolzen Blicke.
ZunzUnd es soll geschehen, wenn vollendet der Herr sein ganzes Werk an dem Berge Zijon und an Jeruschalajim, so werd' ich heimsuchen die Frucht des Hochmuthes des Königs von Aschur und das Geprahl seiner stolzen Blicke.
J. J. HirschJedoch, wenn der Herr sein ganzes Werk am Berge Zion und zu Jerusalem ausgeführt haben wird, werde ich die Ausgeburt des hochmütigen Herzens von Aschurs König heimsuchen und die Ruhmsucht seiner stolzen Augen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. והיה כי יבצע וגו' אפקד וגו'. Erst spricht Gott von sich in der dritten Person, wohl um damit zu sagen, das gedeihliche Ende, zu welchem er sein durch Aschur zu vollbringendes Werk leitet, bestehe darin, Zions und Jerusalems Volk durch Leiden und Sorgen wieder zu seinem, des Herrn „אדני“, Dienste zurückzuführen.

13
כִּ֣י אָמַ֗ר בְּכֹ֤חַ יָדִי֙ עָשִׂ֔יתִי וּבְחׇכְמָתִ֖י כִּ֣י נְבֻנ֑וֹתִי וְאָסִ֣יר ׀ גְּבוּלֹ֣ת עַמִּ֗ים (ועתידתיהם) [וַעֲתֽוּדֹתֵיהֶם֙] שׁוֹשֵׂ֔תִי וְאוֹרִ֥יד כַּאבִּ֖יר יוֹשְׁבִֽים׃
BernfeldDenn er spricht: Durch die Kraft meiner Hand habe ich es vollbracht und durch meine Weisheit, denn ich hatte die Einsicht. Ich habe verrückt die Grenzen der Völker und ihre Vorräte geplündert und gestürzt die Befestigten.
ZunzDenn er spricht: Durch die Kraft meiner Hand hab' ich's vollbracht und durch meine Weisheit; denn ich hatte die Einsicht, und verrückte die Grenzen der Völker, und ihre Vorräthe habe ich geplündert und stürzte tief die Thronenden.
J. J. HirschWeil er sprach: „Mit der Kraft meiner Hand habe ich es getan und mit meiner Weisheit, denn ich bin von Einsicht erfüllt; ich werde die Grenzen der Völker aufheben, was sie für ihre Zukunft vorbereiteten, habe ich geplündert und werde machtvoll Thronende niederwerfen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. נבנותי ist Nifal: mit Einsicht begabt, von Klugheit erfüllt. „Kraft, Weisheit und scharfer Einblick in die Verhältnisse der Völker berechtigen mich, die Geographie der Gegenwart und die Geschichte der Zukunft zu rektifizieren“. ועתודתיהם lautet nämlich der קרי, während der כתיב: ועתידתיהם ist. Ersterer bezeichnet die für die Zukunft aufgespeicherten Vorräte und Schätze, letzterer die Geschehnisse der Zukunft, wie וחש עתידות למו (5. B. M. 32, 35). שושתי von ששה lautverw. mit שסה plündern: 1. Sam. 23, 1: והמה שסים את הגרנות sie plündern die Tennen. Indem Aschur sie der für die Zukunft angesammelten Hilfsmittel beraubt, bemächtigt er sich ihrer Zukunft selbst. Esther 8, 13 ist der קרי: ולהיות היהודיים עתידים ליום הזה und der כתיב: עתודים. Dort dürfte der כתיב eine Einschränkung des קרי sein: Infolge der offiziellen Vorbereitungen, die sie durch ihre Bewaffnung treffen, vermindert sich die Gelegenheit, an dem bestimmten zukünftigen Tage sich ihrer Waffen bedienen zu müssen — wie sich dies ja auch später zeigte.

ואוריד כביר יושבים viele oder mächtig Thronende. Der כתיב jedoch ist כאביר „wie ein Held“ und weist auf das prahlerische Selbstbewußtsein hin, welches aus ihm spricht.

14
וַתִּמְצָ֨א כַקֵּ֤ן ׀ יָדִי֙ לְחֵ֣יל הָעַמִּ֔ים וְכֶֽאֱסֹף֙ בֵּיצִ֣ים עֲזֻב֔וֹת כׇּל־הָאָ֖רֶץ אֲנִ֣י אָסָ֑פְתִּי וְלֹ֤א הָיָה֙ נֹדֵ֣ד כָּנָ֔ף וּפֹצֶ֥ה פֶ֖ה וּמְצַפְצֵֽף׃
BernfeldWie Vogelnester erwarb meine Hand der Völker Reichtum; wie man verlassene Eier aufrafft, habe ich alle Reiche der Erde aufgerafft. Keiner war, der den Flügel dagegen bewegte und den Mund auftat zum Zwitschern.
ZunzUnd es erwarb, wie Vogelnester, meine Hand der Völker Reichthum, und wie man verlassene Eier aufrafft, hab' ich die ganze Erde aufgerafft, und da war keiner, der den Flügel regte und aufthat den Mund zum Zwitschern.
J. J. Hirsch„Meine Hand langte wie nach einem Vogelnest nach dem Besitztum der Völker, und wie man verlassene Eier sammelt, so raffte ich die ganze Erde zusammen — und da war keiner, der den Flügel regte, den Schnabel aufsperrte und zwitscherte.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. 15. Herrenlos und wehrlos seiner Willkür preisgegeben erschien ihm die Erde, da warf er sich zu ihrem Herrn auf, und während es Gottes Gericht war, das ihn als Axt über untauglich gewordenes Gestrüpp geschwungen hatte, betrachtete er sich als Sieger über Gott. Vgl. Komm. zu Ps. 74, 5. Als ob die Axt, weil der damit Hauende sie hoch über sein Haupt schwingt, nun verächtlich auf ihn herabschauen wollte. Drei weitere Bilder veranschaulichen die Ohnmacht des Werkzeugs gegenüber dem Meister, möge die Bewegung wagrecht oder senkrecht geschehen. Wer den regelmäßigen Hin- und Herzügen einer großen Säge zusieht, könnte meinen, sie bewege den Säger — die Rute hebt nicht den Arm, der sie schwingt, kann ja der Stock, weil nur von Holz, nicht einmal selbst sich heben.

15
הֲיִתְפָּאֵר֙ הַגַּרְזֶ֔ן עַ֖ל הַחֹצֵ֣ב בּ֑וֹ אִם־יִתְגַּדֵּ֤ל הַמַּשּׂוֹר֙ עַל־מְנִיפ֔וֹ כְּהָנִ֥יף שֵׁ֙בֶט֙ וְאֶת־מְרִימָ֔יו כְּהָרִ֥ים מַטֶּ֖ה לֹא־עֵֽץ׃ {פ}
BernfeldDarf aber die Art gegen den damit Hauenden prahlen, oder die Säge sich erheben gegen den sie Schwingenden? Als schwänge der Stock die, die ihn erheben, als erhöbe der Stab den [Menschen], der kein Holz ist.
ZunzPrahlt die Axt gegen den damit Hauenden? oder erhebt sich die Säge gegen den sie Schwingenden? Als schwänge der Stock die, die ihn heben, als erhöbe der Stab den, der kein Holz ist.
J. J. HirschRühmt sich wohl die Axt dem gegenüber, der mit ihr hauet, oder dünkt sich die Säge größer als der sie in Bewegung Setzende? Als ob die Rute sich und diejenigen schwinge, welche sie aufheben — was den Stab erhebt, ist nicht das Holz!
16
לָ֠כֵן יְשַׁלַּ֨ח הָאָד֜וֹן יְהֹוָ֧ה צְבָא֛וֹת בְּמִשְׁמַנָּ֖יו רָז֑וֹן וְתַ֧חַת כְּבֹד֛וֹ יֵקַ֥ד יְקֹ֖ד כִּיק֥וֹד אֵֽשׁ׃
BernfeldDarum wird der Herr Zebaot seine Starken schwach werden lassen, und unter seiner Heeresschar entbrennt ein Feuerbrand.
ZunzDarum läßt los der Herr, der Herr der Heerschaaren, gegen seine Feisten Dürre, und unter seiner Herrlichkeit entbrennt Brand wie Feuerbrand.
J. J. HirschDarum sendet der Herr, Gott Zebaoth, in seine Feisten Schwindsucht, und unter seiner Herrlichkeit wird eine Glut lodern wie eine Feueresse.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. לכן ישלח וגו'. Der Strafe, welche Aschur schon lange verdient, läßt Gott freien Lauf, seine unnatürliche Fettsucht war längst krankhaft. יקד ist intransitiv. Was sich äußerlich so „herrlich“ ansieht, die glühende Leidenschaft verzehrt und höhlt sein Inneres aus.

17
וְהָיָ֤ה אֽוֹר־יִשְׂרָאֵל֙ לְאֵ֔שׁ וּקְדוֹשׁ֖וֹ לְלֶהָבָ֑ה וּבָעֲרָ֗ה וְאָכְלָ֛ה שִׁית֥וֹ וּשְׁמִיר֖וֹ בְּי֥וֹם אֶחָֽד׃
BernfeldDas Licht Israels wird zum Feuer und sein Heiliger zur Flamme und lodert und verzehrt sie samt seinen Dornen und Disteln an einem Tage.
ZunzUnd es wird das Licht Jisraël's zum Feuer und sein Heiliger zur Flamme, und lodert und verzehrt seine Dornen und Disteln an einem Tage.
J. J. HirschWas Israels Licht ist wird zum Feuer und sein Heiliger zur Flamme, sie verbrennt und verzehrt seine Disteln und Dornen an einem Tage.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17. והיה אור וגו'. Da bedarf es nur eines Funkens von außen und der Brand vernichtet alles. Wenn Israel sich von dem Lichte der Thora erleuchten und von seinem Gotte zur Heiligkeit erziehen läßt, dann wird ihm sein Gesetz und sein Gott „zu einer Mauer von Feuer“ (Secharj. 2, 9), das alles ihm feindlich Nahende erfaßt und von ihm fern hält. Und gar hier, wo die gegnerische Macht völlig jedes inneren Wertes bar, gleich der „Distel“ nur dem Störrischen, Vernunftlosen, Tierischen Genuß bereitet, während ihr „Dorn“ die Menschheit todbringend verwundet. Hier ist nämlich die einzige Stelle, an welcher שית vor שמיר steht, sonst immer umgekehrt — vgl. oben 5, 6; 7, 23. 24. 25; 9, 17 — und das hat sicherlich seine tiefe Bedeutung.

18
וּכְב֤וֹד יַעְרוֹ֙ וְכַרְמִלּ֔וֹ מִנֶּ֥פֶשׁ וְעַד־בָּשָׂ֖ר יְכַלֶּ֑ה וְהָיָ֖ה כִּמְסֹ֥ס נֹסֵֽס׃
BernfeldDie Herrlichkeit seines Waldes und Fruchtgefildes reibt er völlig auf, und es wird sein wie eine wurmstichige Frucht.
ZunzUnd die Herrlichkeit seines Waldes und Fruchtgefildes reibt er auf, so Seele wie Leib, und es wird seyn wie das Hinschwinden eines Siechen.
J. J. HirschUnd die Herrlichkeit seines Waldes und seiner Flur wird er an Seele und Leib vernichten, und wie das Verscheiden eintritt, wird es zum Wahrzeichen werden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 18. כמסס von מסס auflösen, zergehen, dahinschwinden, gebildetes Hauptwort in der Form wie יקד, also nicht stat. constr., wie dies אבן עזרא auch ausdrücklich hervorhebt. למס מרעהו חסד (Job 6, 14) dem im Dahinschwinden Begriffenen, dem Verscheidenden wird u. s. w. Das כ hat die Bedeutung unseres „sobald“: כבאכם עד קצה מי הירדן (Jos. 3, 8), כנוח כפות רגלי הכהנים (Jos. 3, 13). נסס partic. präs. von נסס, wovon im Hispael es Ps. 60, 6 heißt: נס להתנוסס ein Wahrzeichen, sich zu der Höhe zu erheben. Hier: Die Auflösung, das Sterben einer solchen Heeresmenge in einer Nacht wird zum weithin sichtbaren warnenden Wahrzeichen werden.

19
וּשְׁאָ֥ר עֵ֛ץ יַעְר֖וֹ מִסְפָּ֣ר יִהְי֑וּ וְנַ֖עַר יִכְתְּבֵֽם׃ {ס}
BernfeldNur sehr wenig Bäume seines Waldes [wenige aus seinem Heere] werden übrigbleiben; ein Knabe wird sie aufschreiben können.
ZunzUnd der übrigen Bäume seines Waldes wird wenig seyn, daß ein Knabe sie aufschriebe.
J. J. HirschUnd der Überrest der Bäume seines Waldes wird zu zählen sein, ein Knabe könnte sie aufschreiben.
20
וְהָיָ֣ה ׀ בַּיּ֣וֹם הַה֗וּא לֹא־יוֹסִ֨יף ע֜וֹד שְׁאָ֤ר יִשְׂרָאֵל֙ וּפְלֵיטַ֣ת בֵּֽית־יַעֲקֹ֔ב לְהִשָּׁעֵ֖ן עַל־מַכֵּ֑הוּ וְנִשְׁעַ֗ן עַל־יְהֹוָ֛ה קְד֥וֹשׁ יִשְׂרָאֵ֖ל בֶּאֱמֶֽת׃
BernfeldAn jenem Tage wird der Überrest Israels und das Entronnene des Hauses Jakob sich nicht mehr stützen auf den, der es schlägt, sondern sich auf den Herrn, den Heiligen Israels, mit Zuversicht stützen.
ZunzUnd es geschieht, selbigen Tages wird der Ueberrest Jisraël's und das Entronnene des Hauses Jaakob's sich nicht mehr stützen auf den, der es schlägt; und wird sich stützen auf den Ewigen, den Heiligen Jisraël's, mit Zuversicht.
J. J. HirschAn jenem Tage wird der Überrest Israels und wem vom Jakobshause Rettung geworden nicht weiter fortfahren, sich auf den, der ihn schlägt, zu stützen, stützen wird er sich auf Gott, den Heiligen Israels in Wahrheit.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 20. 21. להשען על מכהן. Dieses wunderbare sichtlich Hervortreten Gottes wendet ihm endlich das Vertrauen des Volkes als seinem einzigen wahrhaftigen Helfer zu und läßt es fortan in Bedrängnis nicht mehr die Macht der Menschen zu Hilfe rufen, deren Freundschaft sich gar bald in Feindschaft verkehrt; diese Erfahrung hatten sie ja erst eben an Aschur gemacht, an den Achas sich um Beistand gewandt hatte und unter dessen Streichen sie fast erlegen wären.

שאר ישוב. Da bewährt sich der Name des Prophetensohnes in seiner doppelten Bedeutung: Nur שאר ישוב, aber auch trotz des Abfalls der großen Menge שאר ישוב bleibt ein Rest übrig, der zu Gott zurückkehrt, zu dem Gotte, welcher soeben seine Allmacht gezeigt hat, und dieser Rest bewährt sich als שאר יעקב, tritt das Erbe des דבר שלח ד' ביעקב, des an die Gesamtheit Jakobs ergangenen Gotteswortes freudig an und überläßt es Gott, ob er in bescheidener Jakobsstellung oder als „Jisrael“ seiner Pflicht zu leben habe.

21
שְׁאָ֥ר יָשׁ֖וּב שְׁאָ֣ר יַעֲקֹ֑ב אֶל־אֵ֖ל גִּבּֽוֹר׃
BernfeldDer Überrest kehrt zurück, der Überrest Jakobs [kehrt zurück] zum starken Gott.
ZunzDer Ueberrest kehrt zurück, der Ueberrest Jaakob's zum starken Gott.
J. J. HirschDer Rest kehrt zurück, der Überrest Jakobs zu Gott, dem Allmächtigen.
22
כִּ֣י אִם־יִהְיֶ֞ה עַמְּךָ֤ יִשְׂרָאֵל֙ כְּח֣וֹל הַיָּ֔ם שְׁאָ֖ר יָשׁ֣וּב בּ֑וֹ כִּלָּי֥וֹן חָר֖וּץ שׁוֹטֵ֥ף צְדָקָֽה׃
BernfeldDenn ist auch dein Volk, Israel, wie der Sand des Meeres, kehrt doch nur davon der Rest zurück; [über die andern] ist die Vernichtung beschlossen, sie flutet einher mit Gerechtigkeit.
ZunzDenn ist auch dein Volk Jisraël wie der Sand des Meeres, kehrt (nur) davon der Rest zurück. Das Verderben ist beschlosen, einher fluthet Gerechtigkeit.
J. J. HirschDenn, wenn auch dein Volk Israel wie der Sand des Meeres ist, und nur ein Rest in ihm zurückkehrt, so schwemmt doch die Milde das beschlossene Verderben hinweg;
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 22—25. כי אם וגו'. Diese, im Verhältnis zur großen Anzahl der dem Abfall Huldigenden nur kleine Minorität der Gesetzestreuen reicht doch hin, um die göttliche Liebe und Milde zur Beseitigung des bereits beschlossenen Unheils zu veranlassen. Strenge allerdings ahndet Gott den Verfall im Innern des Landes, wo nicht einmal eine solche gewissenhaft ihm gehorchende Minderheit vorhanden ist, aber selbst da bewährt er sich als der „auch im Richten Erbarmen übende Gott“ (der אלקים gelesene und ד' geschriebene Gottesname). Darum haben die sich als „עמי“ um ihn scharen und nur auf dem Boden des Gesetzes leben wollen Aschur nicht zu fürchten. Mag er sie auch mißhandeln wie die Ägypter einst ihre Vorfahren, das mögen sie als Sühne ihrer Verirrungen hinnehmen. Gar bald sucht Gottes Zorn die völlige Entmenschung Aschurs heim.

Bei dieser Auffassung ergibt sich der Zusammenhang der vier Verse von selbst. Sie beruht darauf, daß wir das Wort צדקה als Subjekt, שוטף als Prädikat und כליון חרוץ als Objekt nehmen. Tief bedeutsam wird hier צדקה männlich gebraucht, um die Allgewalt der göttlichen Milde zu kennzeichnen, die selbst bereits verhängtes Unglück nicht eintreten läßt. Sonst, soweit wir finden konnten, immer weiblich, kommt צדקה noch einmal in der männlichen Form vor (weiter 45, 23): כי נשבעתי יצא מפי צדקה דבר ולא ישוב, wo es ebenfalls die Stärke der göttlichen Milde charakterisiert, welche, einmal von Gott ausgesprochen, ein Wort ist, das unter keinen Umständen zurückgenommen wird.

Zu den Einzelheiten übergehend, bemerken wir noch: כי אם יהיה עמך ישראל וגו': Die große Mehrheit des Volkes stützt sich auf dich, Chiskijahu, wie andere Nationen auf ihren König und seine Macht; sie betrachtet es nicht als ihre einzige Aufgabe und zugleich als das, was allein sie schützt, עמי „mein Volk“ zu sein, wie dies im Gegensatz hierzu V. 24 gesagt wird. Ganz in ähnlichem Sinne nannte Gott nach der Egelverirrung des jüdischen Volkes dieses, Moses gegenüber, כי שחת עמך: Verderbt hat es dein Volk u. s. w. Vgl. Komm. zu 2. B. M. 32, 7.

חרוץ und נחרצה. חרץ hat verschiedene, allerdings dem Sinne nach einander verwandte Bedeutungen. Hier heißt es unseres Erachtens nach: einen Beschluß fassen, und zwar einen strengen, scharfen. Analog dafür wird 1. Kön. 20, 40 gesagt: כן משפטך אתה חרצת So sei dein Urteil, du hast es gefällt. עמק החרוץ wird Joel 4,14 das Tal genannt nach der Strenge und Schärfe des von Gott dort gehaltenen Gerichts.

בדרך מצרים in der Weise Ägyptens, wie בדרך אשר אמרתי לך. Siehe Komm. zu 5. B. M. 28, 68. תבליתם, Substantiv von בלה. בלה bezeichnet das allmähliche Schwinden des Vorhandenen, daher mechanisch und physisch: durch Gebrauch oder Alter aufgerieben werden. Ebenso sittlich: תבלית die durch fortgesetzte Ausschweifungen endlich bewirkte Vernichtung des ganzen sittlichen Wesens, die völlige Entartung. Vgl. Komm. zu 3. B. M. 18, 23.

23
כִּ֥י כָלָ֖ה וְנֶחֱרָצָ֑ה אֲדֹנָ֤י יֱהֹוִה֙ צְבָא֔וֹת עֹשֶׂ֖ה בְּקֶ֥רֶב כׇּל־הָאָֽרֶץ׃ {פ}
BernfeldDenn entschiedene Verheerung vollführt der Herr Zebaot im ganzen Lande.
ZunzDenn Verheerung, und zwar fest beschlossene, vollführt der Herr, der Gott der Heerschaaren, mitten im ganzen Lande.
J. J. Hirschwenn auch Verderben, und zwar das beschlossene, der Herr, der auch richtend Erbarmen übende Gott Zebaoth inmitten des ganzen Landes bereitet.
24
לָכֵ֗ן כֹּֽה־אָמַ֞ר אֲדֹנָ֤י יֱהֹוִה֙ צְבָא֔וֹת אַל־תִּירָ֥א עַמִּ֛י יֹשֵׁ֥ב צִיּ֖וֹן מֵאַשּׁ֑וּר בַּשֵּׁ֣בֶט יַכֶּ֔כָּה וּמַטֵּ֥הוּ יִשָּֽׂא־עָלֶ֖יךָ בְּדֶ֥רֶךְ מִצְרָֽיִם׃
BernfeldFürwahr, spricht der Herr Zebaot: Fürchte dich nicht, mein Volk, Bewohner Zijons, vor Assyrien, der mit dem Stocke dich schlägt und seinen Stab über dich aufhebt nach der Art Ägyptens.
ZunzDarum spricht also der Herr, der Gott der Heerschaaren: Fürchte dich nicht, mein Volk, Bewohner Zijons, vor Aschur, der mit dem Stocke dich schlägt und seinen Stab über dich aufhebt nach der Weise Mizrajim's.
J. J. HirschDarum, so spricht der Herr, der auch richtend seine Liebe offenbarende Gott Zebaoth, hast du, mein Zion bewohnendes Volk, dich vor Aschur nicht zu fürchten — mag er dich auch mit der Rute schlagen und seinen Stab über dich erheben in der Weise wie einst Ägypten.
25
כִּי־ע֖וֹד מְעַ֣ט מִזְעָ֑ר וְכָ֣לָה זַ֔עַם וְאַפִּ֖י עַל־תַּבְלִיתָֽם׃
BernfeldDenn ein Geringes, ein Weniges noch, und geschwunden ist der Grimm, mein Zorn ist dann gerichtet auf ihre Schändlichkeit.
ZunzDenn ein Geringes, Weniges noch, und geschwunden ist der Grimm, und mein Zorn (ist gerichtet) auf ihre Vernichtung.
J. J. HirschDenn es währt nur eine Spanne Zeit, dann ist der Unwille geschwunden und mein Zorn trifft ihre völlige Entartung.
26
וְעוֹרֵ֨ר עָלָ֜יו יְהֹוָ֤ה צְבָאוֹת֙ שׁ֔וֹט כְּמַכַּ֥ת מִדְיָ֖ן בְּצ֣וּר עוֹרֵ֑ב וּמַטֵּ֙הוּ֙ עַל־הַיָּ֔ם וּנְשָׂא֖וֹ בְּדֶ֥רֶךְ מִצְרָֽיִם׃
BernfeldDer Herr Zebaot schwingt über [Assyrien] die Geißel, wie er Midjan schlug am Felsen Oreb, und seinen Stab streckt er aus über das Meer und erhebt ihn auf dem Wege von Ägypten.
ZunzUnd es schwingt über ihn der Ewige der Heerschaaren die Geißel, wie er Midjan schlug am Felsen Oreb, und seinen Stab (streckt er aus) über das Meer und erhebt wie gegen Mizrajim.
J. J. HirschUnd Gott Zebaoth erregt über ihn eine Geißel wie bei der Niederlage Midjans am Felsen Oreb, auch sein Stab ist am Meere, er erhebt ihn in der Weise wie gegen Ägypten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 26. כמכת מדין. Richter 7, 22—25 wird die durch wunderbare Fügung Gottes bewirkte gegenseitige Vernichtung der midjanitischen Truppen erzählt. ועורר wie והוא עורר את חניתו (2. Sam. 23, 18). בדרך מצרים. Vgl. Amos 4, 10. Wie Gott einst die Ägypter vernichtete, sein Stab die Wogen des Meeres über sie hereinbrechen ließ, so trifft Gottes Vergeltung nun Aschur für das, was es nach der Ägypter Art an seinem Volke verbrochen hatte.

27
וְהָיָ֣ה ׀ בַּיּ֣וֹם הַה֗וּא יָס֤וּר סֻבֳּלוֹ֙ מֵעַ֣ל שִׁכְמֶ֔ךָ וְעֻלּ֖וֹ מֵעַ֣ל צַוָּארֶ֑ךָ וְחֻבַּ֥ל עֹ֖ל מִפְּנֵי־שָֽׁמֶן׃
BernfeldAn jenem Tage weicht seine Last von deiner Schulter und sein Joch von deinem Halse; es zerbricht das Joch vor dem Fette.
ZunzUnd es geschieht, selbigen Tages weicht seine Last von deiner Schulter und sein Joch von deinem Halse, und zerbricht das Joch vor dem Fette.
J. J. HirschAn jenem Tage wird seine Last von deiner Schulter weichen und sein Joch von deinem Halse — gesprengt wird das Joch durch die innere Gesundung!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 27. וחבל על וגו'. Ähnlich dem ואשבר מטת עלכם (3. B. M. 26, 13). Nur so lange das Reich an innerer Fäulnis krankte, hatte es das Joch der Fremden zu tragen, die eintretende Gesundung sprengte es. שמן hier Gesundheit, wie Richter 3, 29 כל שמן וכל איש חיל lauter gesunde, tapfere Männer. Analog heißt ja auch בריא fett: איש בריא מאד (Richter 3, 17) und gesund: ובריא אולם gesund ist ihre Kraft (Ps. 73, 4 und sonst).

28
בָּ֥א עַל־עַיַּ֖ת עָבַ֣ר בְּמִגְר֑וֹן לְמִכְמָ֖שׂ יַפְקִ֥יד כֵּלָֽיו׃
BernfeldEr kam über Ajat und zog durch Migron, zu Michmas ließ er sein Gepäck.
ZunzEr kommt über Ajat, zieht durch Migron, zu Michmasch läßt er sein Geräth.
J. J. HirschSchon ist er über Ajath gekommen, hat Migron durchschritten, Michmas übergibt er sein Gepäck zur Verwahrung;
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 28—31. In frischer, lebhafter Sprache wird hier der Weg verfolgt, welchen Sanherib gegen Jerusalem nahm, und zwar von dem Augenblick an, da er das Gebiet des jüdischen Reiches betrat, und zugleich der Schrecken und die Verzweiflung geschildert, die seinem Zuge voran eilten.

עברו מעברה. Dieser Engpaß wird 1. Sam. 14, 4. 5 näher beschrieben, er führte zwischen zwei Felszacken hindurch, von denen der eine Michmas und der andere Geba gegenüber lag. בת גלים wie בת ציון, die Stadt Gallim wird 1. Sam. 25, 44 erwähnt. גבים Plural von גבא Teich, Sumpf, Pfütze: עשה הנחל הזה גבים גבים (2. Kön. 3, 16). העיזו wie העז את מקנך (2. B. M. 9, 19). Hier, wo kein Objekt genannt wird, hat das Prädikat die weiteste Ausdehnung, also: alles. Die Panik ergriff auch sie, deren Gebiet des sumpfigen Terrains wegen wohl kaum von dem Heere betreten worden wäre.

29
עָֽבְרוּ֙ מַעְבָּרָ֔ה גֶּ֖בַע מָל֣וֹן לָ֑נוּ חָֽרְדָה֙ הָרָמָ֔ה גִּבְעַ֥ת שָׁא֖וּל נָֽסָה׃
BernfeldSie zogen durch den Engpaß, zu Geba übernachteten sie. Rama zitterte, die Einwohner von Gibeat Saul flüchteten.
ZunzSie ziehen durch den Engpaß, zu Geba übernachten sie. Aufzittert Ramah, Gibeah Schaül's flüchtet.
J. J. Hirschden Engpaß haben sie durchschritten, in Geba nächtliche Rast gehalten, Rama ist in Schrecken, Sauls Gibea bereits geflohen.
30
צַהֲלִ֥י קוֹלֵ֖ךְ בַּת־גַּלִּ֑ים הַקְשִׁ֥יבִי לַ֖יְשָׁה עֲנִיָּ֥ה עֲנָתֽוֹת׃
BernfeldLaß deine Stimme schallen, Bevölkerung Gallims, dass man es höre in Laïs, Anija und Anatot [ganz nahe an Jerusalem].
ZunzLaß deine Stimme schallen, Tochter Gallim's, horch' auf Laischah, armes Anatot.
J. J. HirschErhebe jammernd deine Stimme, Tochter Gallims, horche auf, Lajscha, armes Anatoth!
31
נָֽדְדָ֖ה מַדְמֵנָ֑ה יֹשְׁבֵ֥י הַגֵּבִ֖ים הֵעִֽיזוּ׃
BernfeldEs fliehet Madmena, Gebims Bewohner befestigen sich.
ZunzEs fliehet Madmenah, Gebim's Bewohner enteilen.
J. J. HirschMadmena ist geflüchtet, selbst die Bewohner des Sumpfgeländes haben alles in Sicherheit gebracht.
Haftarah Pessach, 8. Tag (Diaspora) Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten und Italiener beginnen hier.
32
ע֥וֹד הַיּ֖וֹם בְּנֹ֣ב לַעֲמֹ֑ד יְנֹפֵ֤ף יָדוֹ֙ הַ֣ר (בית) [בַּת־]צִיּ֔וֹן גִּבְעַ֖ת יְרוּשָׁלָֽ͏ִם׃ {פ}
BernfeldNoch heute soll [der Feind] in Nob verweilen, er schwingt seine Hand gegen den Berg Zijon, den Hügel von Jerusalem.
ZunzNoch heute soll er in Nob verweilen, schwingt seine Hand gegen den Berg der Tochter Zijon, den Hügel von Jeruschalajim.
J. J. HirschFür die Dauer von heute will er in Nob Halt machen, schon schwenkt er seine Hand gegen den Berg der Tochter Zions, gegen den Hügel Jerusalems —
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 32. עוד היום. Angesichts Jerusalems will er heute seine Truppen rasten lassen, es kann ihm ja nicht entgehen. Siegesgewiß greift seine Hand bereits nach dem Berge der „Zionstochter“ — nein, sein Kampf gilt in Wirklichkeit, welcher der כתיב Ausdruck gibt, הר בית ציון, dem „Hause“ Gottes. —

33
הִנֵּ֤ה הָאָדוֹן֙ יְהֹוָ֣ה צְבָא֔וֹת מְסָעֵ֥ף פֻּארָ֖ה בְּמַעֲרָצָ֑ה וְרָמֵ֤י הַקּוֹמָה֙ גְּדוּעִ֔ים וְהַגְּבֹהִ֖ים יִשְׁפָּֽלוּ׃
BernfeldAber der Herr Zebaot schneidet ab die Laubkrone mit Gewalt, und die von ragendem Wuchse werden gefällt und die Hohen erniedrigt.
ZunzSiehe, der Herr, der Ewige der Heerschaaren, entblättert die Laubkrone mit Schreckensgewalt, und die von ragendem Wuchse sind gefällt und die Hohen erniedrigt.
J. J. HirschDa tritt der Herr auf, Gott Zebaoth, er entastet die Prachtkrone mit gewaltigem Schlage, die hohen Wuchses sind, liegen gefällt, und die Emporragenden sinken danieder.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 33. הנה האדון. Da, urplötzlich — ויהי בלילה ההוא (2. Kön. 19, 35) — in dieser Nacht, tritt „der Herr“ dieses Hauses, der zugleich der wirkliche Herr „der Schöpfungsscharen“ ist, dem siegestrunkenen Assyrer entgegen, welcher sich als Herr der Erde dünkte, und seine aufgehende Sonne beleuchtete die gefällte Riesenleiche des mächtigsten Kriegsheeres!

מסעף פארה, Piel, heißt סעף Zweig, Ast. Wie von דשן Asche der Piel דשן „entaschen“ und von פאר, wovon hier פארה die Krone des Baumes, der Piel פאר „die Krone abbrechen“ (5. B. M. 24, 20) bedeutet, so heißt hier מסעף „er entastet“.

34
וְנִקַּ֛ף סִֽבְכֵ֥י הַיַּ֖עַר בַּבַּרְזֶ֑ל וְהַלְּבָנ֖וֹן בְּאַדִּ֥יר יִפּֽוֹל׃ {ס}
BernfeldEs wird umgehauen des Waldes Dickicht mit dem Eisen, und der Libanon fällt durch einen Mächtigen.
ZunzUnd umgehauen wird des Waldes Dikkicht mit dem Eisen, und der Lebanon fällt durch einen Mächtigen.
J. J. HirschDas Gestrüpp des Waldes fällt man mit dem Eisen — aber der „Libanon“ stürzt durch den Allmächtigen selbst.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 34. סבכי היער sind die kleineren Staaten, die mochte Aschur als das Eisen, „die Axt in Gottes Hand“ fällen, er selbst wird ihnen gegenüber mit dem stolzen Zedernwald des Libanon verglichen, sein eigener Sturz erfolgt durch die Hand des Allmächtigen selbst.