Jeschajahu 8 ישעיהו

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1
וַיֹּ֤אמֶר יְהֹוָה֙ אֵלַ֔י קַח־לְךָ֖ גִּלָּי֣וֹן גָּד֑וֹל וּכְתֹ֤ב עָלָיו֙ בְּחֶ֣רֶט אֱנ֔וֹשׁ לְמַהֵ֥ר שָׁלָ֖ל חָ֥שׁ בַּֽז׃
BernfeldDer Herr sprach zu mir: Nimm dir eine große Tafel und schreibe darauf mit großer Schrift: Schnell Beute, Plünderung eilt.
ZunzUnd der Ewige sprach zu mir: Nimm dir eine große Tafel und schreibe darauf mit Menschengriffel: Schnell Beute, Plünderung eilt.
J. J. HirschDa sprach Gott zu mir: „Nimm dir eine große Rolle und schreibe darauf in der Schreibart gewöhnlicher Menschen: Die Plünderung zu beschleunigen eilt die Beute!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 8. V. 1. 2. Der im vorigen Kapitel V. 8 und 9 angekündigte Sturz Arams und Efraims wird hier des Näheren als durch Aschur zu vollziehen bestimmt, welches aber sodann auch Juda selbst überfluten und bis an den Rand des Untergangs bringen werde. In dem Augenblicke jedoch werde Gott einschreiten und Aschurs Macht brechen.

חרט, eigentlich Schreibgriffel, übertragen die Schreibart; ähnlich wie Stil von stylus der Griffel. אנוש, daß gewöhnliche Menschen, auch ungebildete, es verstehen können. למהר, Infin. mit vorgesetztem ל, wie למהר לשלחם (2. B. M. 12, 33). חש part. präs. von חוש, wie כנשר חש בז (Habak. 1,8). למהר שלל חש בז. Das Subjekt ist בז die Beute, von der ausgesagt wird, daß sie selbst eile, die Plünderung zu beschleunigen. Statt auf dem Wege des Verderbens umzukehren und durch Besserung das drohende Geschick aufzuhalten, beschleunigen die Völker es oft durch wachsende Entartung.

Dieser Wahrheit hatte Jesaia hier Ausdruck zu verleihen. Zunächst werde sie in den Geschicken Arams und Samarias zutage treten, aber auch später in dem Untergange Jerusalems und der Zertrümmerung des jüdischen Staates, welche zu verkünden Gott den Urija, Sohn Semajahus, senden werde (Jerem. 26,20). Und einst zur Zeit der Erlösung werde sie sich bei der Vernichtung aller den Wiederaufbau des jüdischen Gottesstaates hindernden Elemente zeigen, auf die hinzublicken Gott das Auge des Propheten Secharjahu öffnen werde.

Wir glauben nämlich וְאָעִידָה לִי וגו' als Ausspruch Gottes auffassen zu sollen und der Form nach als Futur., genau wie וְאָעִידָה בָּךְ (Ps. 50, 7. 81,9) oder וְאָעִידָה בָּם (5. B. M. 31,28). Das וְ ist ein verbindendes: und oder auch. Wenn hier als Bericht Jesaias gesagt werden sollte, „ich bestellte mir u. s. w.“, so hätte es heißen müssen: וָאָעִיד oder וָאָעִידָה wie Nehem. 13,15 וָאָעִיד und 13, 21 וָאָעִידָה steht.

Wenn unsere Auffassung richtig ist, versteht man auch das Wort unserer Weisen (Mackoth 24, b), daß, so wie die trübe Weissagung des Urija sich erfüllt hat, sich auch die trostreiche Verkündigung des Secharjahu bewahrheiten werde — beiden liegt das למהר שלל וגו' zugrunde. Wirklich bemerkt רד"ק, daß unsere Weisen und ebenso Jonathan in seiner Übersetzung das ואעידה als Ausspruch Gottes genommen haben. Daß zwischen den beiden Propheten Urija und Secharjahu eine lange Zeit liegt, wird bereits in der zitierten Talmudstelle bemerkt, aber selbst zwischen dem Augenblicke, in welchem nach der Auffassung „ich bestellte“ Jesaia Zeugen bestellt haben soll, und dem Auftreten des Propheten Urija liegen weit mehr als hundert Jahre. Fast ebenso schwer wäre aber auch die Annahme, daß Jesaia den Priester Urija, den gefügigen Vollstrecker der Tempelreformen des Achas (2. Könige 16,11—16) als „vertrauenswürdigen Zeugen“ bezeichnen und bestellen konnte.

2
וְאָעִ֣ידָה לִּ֔י עֵדִ֖ים נֶאֱמָנִ֑ים אֵ֚ת אוּרִיָּ֣ה הַכֹּהֵ֔ן וְאֶת־זְכַרְיָ֖הוּ בֶּ֥ן יְבֶרֶכְיָֽהוּ׃
BernfeldUnd ich sollte mir zuverlässige Zeugen nehmen: den Priester Urija und Secharja, den Sohn Jeberechjas.
ZunzUnd ich sollte mir zuverlässige Zeugen nehmen, Urijah den Priester und Secharjahu, den Sohn Jeberechjahu's.
J. J. HirschAuch will ich mir [dafür] als vertrauenswürdige Zeugen den Priester Urija und den Secharjahu, Sohn des Jewerechjahu, bestellen.“
3
וָֽאֶקְרַב֙ אֶל־הַנְּבִיאָ֔ה וַתַּ֖הַר וַתֵּ֣לֶד בֵּ֑ן {ס} וַיֹּ֤אמֶר יְהֹוָה֙ אֵלַ֔י קְרָ֣א שְׁמ֔וֹ מַהֵ֥ר שָׁלָ֖ל חָ֥שׁ בַּֽז׃
BernfeldIch nahte der Prophetin [in jenen Tagen] und sie ward schwanger und gebar einen Sohn. Der Herr sprach zu mir: Nenne seinen Namen Maher-Salal, HasBas. [Schnell Beute, Plünderung eilt].
ZunzUnd ich nahete der Prophetin und sie ward schwanger und gebar einen Sohn, und der Ewige sprach zu mir: Renne seinen Namen: Schnell Beute, Plünderung eilt.
J. J. HirschIch nahte mich der Prophetin, sie ward Mutter und gebar einen Sohn; da sprach Gott zu mir: „Nenne seinen Namen Maher Scholol Chosch Bas,
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. קרא שמו מהר וגו'. Obgleich bei der Namensnennung das ל von למהר fortgelassen wird, bleibt der Sinn derselbe. Vgl. ויוספו עוד שנא (1. B. M. 37, 5), לא תוכל כלותם (5. B. M. 7,22 u. a.). Die Annahme, es könnte als Imper. genommen werden, ist ja bereits durch das V. 1 stehende ל ausgeschlossen.

4
כִּ֗י בְּטֶ֙רֶם֙ יֵדַ֣ע הַנַּ֔עַר קְרֹ֖א אָבִ֣י וְאִמִּ֑י יִשָּׂ֣א ׀ אֶת־חֵ֣יל דַּמֶּ֗שֶׂק וְאֵת֙ שְׁלַ֣ל שֹׁמְר֔וֹן לִפְנֵ֖י מֶ֥לֶךְ אַשּֽׁוּר׃ {ס}
BernfeldDenn bevor der Knabe wird zu rufen verstehen Vater und Mutter, wird man daher tragen die Schätze von Damaskus und die Beute Schomrons vor dem König von Assyrien.
ZunzDenn bevor der Knabe wird zu rufen verstehen, mein Vater und meine Mutter, wird man daher tragen die Schätze Dammesek's und die Beute Schomron's vor dem Könige von Aschur.
J. J. Hirschdenn bevor der Knabe wissen wird „mein Vater“ und „meine Mutter“ zu rufen, wird man Damaskus' Vermögen und die Beute Schomrons dem Könige von Aschur vorantragen.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. כי בטרם ידע הנער קרא אבי ואמו. Die ersten Worte, welche ein Kind mit Bewußtsein — ידע — ausspricht, sind der Ruf „Vater, Mutter“; also in nur ganz kurzer Zeit wird חיל das Vermögen, der Besitz von Damaskus (ואת כל חילם 1. B. M. 34,29) in Aschurs Händen sein, und bald nachher wird Samaria sich durch Hingabe eines großen Teils seiner Habe an Salmanassar eine kurze Daseinsfrist erkaufen.

5
וַיֹּ֣סֶף יְהֹוָ֔ה דַּבֵּ֥ר אֵלַ֛י ע֖וֹד לֵאמֹֽר׃
BernfeldDer Herr verkündete mir weiter:
ZunzUnd der Ewige fuhr fort weiter zu mir zu reden also:
J. J. HirschDa fuhr Gott fort ferner zu mir zu reden:
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. 6. מי השלח. Die Siloah-Quelle hat ihren Ursprung in dem Felsen, auf welchem die Königsburg des Davidischen Hauses lag und wird hier als Bild dieser Dynastie gebraucht. So wie die Wasser dieser Quelle langsam, ohne viel Geräusch dahinflossen, so war die Herrschaft der Könige Judas über das Volk eine im großen und ganzen wenig drückende. Die meisten unter ihnen waren ja gottesfürchtig, und das göttliche Gesetz begrenzt die Machtbefugnisse auch des Königs und hält etwaigen Gelüsten zur Überschreitung derselben sein entschiedenes Veto entgegen. Aber selbst Achas, dieser Verächter des Gesetzes, suchte seine Reformbestrebungen mehr durch sein eigenes verwerfliches Beispiel und Überredung zu fördern, als durch Gewalt. In Jerusalem hatte sich aber eine Partei gebildet, der, wie bereits im vorigen Kapitel bemerkt, Achas nicht rasch und radikal genug vorging und die sich mit dem Eroberungsplane des israelitischen und aramäischen Königs freute. Sie erwarteten von ihm ein bewegliches, fortschreitendes Leben — und „Siloahs Wasser schlichen so langsam und leise“! Darum jubelten sie Rezin entgegen und dem „Sohn des Remaljahu“, wie der König von Israel hier wiederum unter Verschweigung seines eigenen Namens — aus Mißachtung von Seiten Jesaias — genannt wird.

6
יַ֗עַן כִּ֤י מָאַס֙ הָעָ֣ם הַזֶּ֔ה אֵ֚ת מֵ֣י הַשִּׁלֹ֔חַ הַהֹלְכִ֖ים לְאַ֑ט וּמְשׂ֥וֹשׂ אֶת־רְצִ֖ין וּבֶן־רְמַלְיָֽהוּ׃
BernfeldWeil dieses Volk das sanft fließende Wasser des Siloah verschmäht und sich freut des Rezin und des Sohnes Remaljas:
ZunzDarum, daß dieses Volk verschmähet die Wasser des Schiloach, die sanft fließenden, und sich freut des Rezin und des Sohnes Remaljahu's,
J. J. Hirsch„Darum, weil dieses Volk die Wasser des Schiloach, die langsam fließenden, verachtet hat und Rezin und dem Sohne Remaljahus zujubelt —
7
וְלָכֵ֡ן הִנֵּ֣ה אֲדֹנָי֩ מַעֲלֶ֨ה עֲלֵיהֶ֜ם אֶת־מֵ֣י הַנָּהָ֗ר הָעֲצוּמִים֙ וְהָ֣רַבִּ֔ים אֶת־מֶ֥לֶךְ אַשּׁ֖וּר וְאֶת־כׇּל־כְּבוֹד֑וֹ וְעָלָה֙ עַל־כׇּל־אֲפִיקָ֔יו וְהָלַ֖ךְ עַל־כׇּל־גְּדוֹתָֽיו׃
BernfeldDarum wird der Herr die mächtigen und vielen Wasser des Stromes über sie bringen, den König von Assyrien und seine ganze Kriegsstarke; er steigt über all seine Behälter und dringt über all seine Ufer.
ZunzDarum siehe, wird der Herr über sie bringen die Wasser des Stromes, die mächtigen und die vielen, den König von Aschur, und all seinen Adel, und er steigt über all seine Behälter, und dringt über all seine Ufer.
J. J. Hirschnun deshalb, siehe, läßt mein Herr die Gewässer des Stromes, die gewaltigen und mächtigen, gegen sie heranziehen — den König von Aschur und seine ganze Herrlichkeit — er übersteigt alle seine Stromrinnen und geht über alle seine Ufer.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. 8. הנהר „der Strom“ ist der Euphrat, der reißend von den Gebirgen Arams hinabströmt und dann sanfter die Ebene Mesopotamiens durchläuft. Im Frühling jedoch, wenn auf den aramäischen Bergen der Schnee schmilzt, ergießen sich die gewaltigen Wassermassen העצומים והרבים von allen Seiten in ihn; er schwillt mächtig an, füllt die Stromrinnen (אפיקיו) aus, welche früheres Hochwasser gerissen hatte, die aber bei gewöhnlichem Wasserstande nicht voll sind, und übersteigt seine teilweise sehr hohen Ufer. Ströme sind in der heiligen Schrift häufig ein Bild für mächtig sich erhebende und vernichtend auftretende Völkergrößen, so hier der Euphrat für die verheerende Kriegermenge, mit welcher Aschur in den Tagen Chiskijahus unter seinem Könige Sanherib das jüdische Reich überflutete und alle befestigten Städte eroberte (2. Kön. 18 und 19; 2. Chr. 32). Nicht lange zuvor hatte es Aram unterjocht.

שטף ועבר. Ohne Nennung eines Objekts erhält das Prädikat die weiteste Ausdehnung — alles hat er bereits überschwemmt und strömt weiter Jerusalem zu, schon ist er ganz nahe dem Berge Zion, welcher hier als „Hals“ bezeichnet wird, weil er das Haupt, den Gottestempel trägt. Vgl. Cant. 4,4 כמגדל דויד צוארך. Da, in dem Augenblicke der höchsten Gefahr, erfolgt wunderbar die Rettung, denn nicht Vernichtung, nur Besserung bezweckende Züchtigung durch Aschur hatte Gott über Judas Städte verhängt. In einer Nacht vernichtete Gott das ganze gewaltige Heer Sanheribs, und er selbst floh „auf dem Angesichte die Scham“ in sein Land, um dort unter den mörderischen Streichen seiner Söhne den Tod zu finden.

מטות כנפיו: Hofal von נטה neigen, senken, niederbeugen. והעיר מלאה מטה (Hesek. 9, 9) gebeugten Rechts voll. Das Hauptwort מטה der Stab, Stock ist von der Hifilform entlehnt, danach kann מטה und מטות auch niedergeschlagen heißen; der Sinn ist der gleiche. כנף ist Fem. מלא וגו', die volle Breite deines Landes, „Immanuel“; wie oben bemerkt, begreift dieser Name mit dem Träger desselben zugleich seine Volksgenossen in sich, die alsdann den Hinweis auf Gott beherzigt haben werden: „Gott ist mit uns“ und dies allein war und ist unsere Rettung.

V. 9 und 10 schildern den niederschmetternden Eindruck, welchen die wunderbare Vernichtung Aschurs auf alle Völker weit und breit machen wird, und fordern sie auf, für ihr künftiges Verhalten daraus zu lernen. Alles Rüsten und Waffnen hilft nichts gegen Gott, und geschehe es auch noch so sorgfältig und wiederholt. Alle Pläne, noch so wohlerwogen, scheitern an der Wahrheit, daß „Gott mit uns ist“. Vgl. 2. Chron. 32,23. רעו, וחתו, התאזרו, עצו, דברו sind sämtlich Imper., über deren Bedeutung s. o. 6, 9.

8
וְחָלַ֤ף בִּֽיהוּדָה֙ שָׁטַ֣ף וְעָבַ֔ר עַד־צַוָּ֖אר יַגִּ֑יעַ וְהָיָה֙ מֻטּ֣וֹת כְּנָפָ֔יו מְלֹ֥א רֹחַב־אַרְצְךָ֖ עִמָּ֥נוּ אֵֽל׃ {ס}
BernfeldEr wird durch Jehuda streifen, es überfluten und überströmen und bis an den Hals reichen; und seine aufgespannten Flügel füllen die Weite deines Landes; Gott mit uns!
ZunzUnd einherstreift er durch Jehudah, fluthet und strömt über, reicht bis an den Hals; und seine aufgespannten Flügel füllen die Weite deines Landes, Gott mit uns.
J. J. HirschEr tritt hinüber nach Juda, schon hat er alles überschwemmt und strömt weiter, wird gleich bis an den Hals reichen — da wird es sein, daß seine Schwingen niedergeschlagen werden, so weit dein Land sich ausbreitet, „Immanuel!“
9
רֹ֤עוּ עַמִּים֙ וָחֹ֔תּוּ וְהַֽאֲזִ֔ינוּ כֹּ֖ל מֶרְחַקֵּי־אָ֑רֶץ הִתְאַזְּר֣וּ וָחֹ֔תּוּ הִֽתְאַזְּר֖וּ וָחֹֽתּוּ׃
BernfeldWerdet erschüttert, ihr Völker, und verzagt! Höret ihr Fernen! Gürtet euch, aber ihr werdet verzagen; gürtet euch, doch ihr werdet verzagen!
ZunzTobet Völker und zaget! und horchet auf, all ihr Fernen der Erde, gürtet euch und zaget, gürtet euch und zaget.
J. J. HirschSchmettert nieder, Völker, und brechet zusammen! Horchet hin alle Fernen der Erde! Gürtet euch nur und brechet zusammen, gürtet euch nur und brechet zusammen!
10
עֻ֥צוּ עֵצָ֖ה וְתֻפָ֑ר דַּבְּר֤וּ דָבָר֙ וְלֹ֣א יָק֔וּם כִּ֥י עִמָּ֖נוּ אֵֽל׃ {ס}
BernfeldFasset einen Anschlag, er wird zerstört: verabredet Beschlüsse, es kommt nichts zustande; aber mit uns ist Gott.
ZunzFasset Anschlag, er wird gestört, verabredet Reden, es kommt nicht zu Stande; denn Gott ist mit uns.
J. J. HirschFasset nur einen Plan, er wird vereitelt, besprechet irgend eine Sache, sie kommt nicht zustande, denn mit uns ist Gott!
11
כִּי֩ כֹ֨ה אָמַ֧ר יְהֹוָ֛ה אֵלַ֖י כְּחֶזְקַ֣ת הַיָּ֑ד וְיִסְּרֵ֕נִי מִלֶּ֛כֶת בְּדֶ֥רֶךְ הָֽעָם־הַזֶּ֖ה לֵאמֹֽר׃
BernfeldDenn also sprach der Herr zu mir in der Gewalt der Verzückung, um mich zu warnen, zu gehen auf dem Wege dieses Volkes, mit den Worten:
ZunzDenn also sprach der Ewige zu mir in der Gewalt der Verzückung, und als er mich warnte, zu gehen auf dem Wege dieses Volkes, mit den Worten:
J. J. HirschDenn also hat Gott zu mir gesprochen in der Stärke der Begeisterung und wollte mich unterweisen, nicht in dem Wege dieses Volkes zu gehen, indem er sagte:
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. 12. בחזקת היד: „Als mich der Geist Gottes mit aller Macht ergriff und überwältigte“ bezeichnet die Begeisterung, welche den Propheten erfaßt; so Hesek. 3, 22: ותהי עלי שם יד ד'. Dieser Gottesgeist sollte ihm den Mut und die Kraft geben, sich von dem Wege der übrigen zu trennen und für seinen eigenen Weg auch andere zu gewinnen. Letzteres liegt in dem Plural der Anrede לא תאמרון. Und seien es auch nur wenige, die sich ihm anschließen, den Mut müssen sie aber besitzen, ihren von der Richtung der Majorität abweichenden Weg als קשר, als Verschwörung, Verrat gegen die Gesamtwohlfahrt brandmarken zu hören. Denn da die leitenden Kreise der Regierung aus Respekt vor den Völkermächten und um deren Gunst zu erwerben Reformen zustreben, wird jeder Gegner der Reform als Verräter verschrien. — Vgl. weiter 50, 6. — ואת מוראו לא תיראו. Bei euch darf solche Furcht vor dem von dem Volke Gefürchteten nicht aufkommen, ולא תעריצו ihr dürft es nicht für stark halten; ohne Gottes Zustimmung können die Völker euch nichts anhaben. ערץ im Hifil heißt sowohl: Jemand als mit dem Attribut der Macht bekleidet sich vorstellen, als auch: Jemand Macht gewähren, ihn stark machen.

12
לֹא־תֹאמְר֣וּן קֶ֔שֶׁר לְכֹ֧ל אֲשֶׁר־יֹאמַ֛ר הָעָ֥ם הַזֶּ֖ה קָ֑שֶׁר וְאֶת־מוֹרָא֥וֹ לֹא־תִֽירְא֖וּ וְלֹ֥א תַעֲרִֽיצוּ׃
BernfeldIch harre auf den Herrn, der sein Antlitz verbirgt vor dem Hause Jakob, ich hoffe auf ihn.
ZunzNennet nicht Verschwörung alles, was dieses Volk Verschwörung nennt, und fürchtet nicht, was ihm Furcht macht, und erschrecket nicht.
J. J. Hirsch„Nennet nicht Verschwörung alles, was dieses Volk Verschwörung nennt, was es fürchtet, sollet ihr nicht fürchten und es nicht für mächtig halten!
13
אֶת־יְהֹוָ֥ה צְבָא֖וֹת אֹת֣וֹ תַקְדִּ֑ישׁוּ וְה֥וּא מוֹרַאֲכֶ֖ם וְה֥וּא מַעֲרִֽצְכֶֽם׃
BernfeldDenn ich und die Kinder, die der Herr mir gegeben, sind Zeichen und Vorbilder in Israel vor dem Herrn Zebaot, der auf dem Berge Zijon thront.
ZunzDen Ewigen der Heerschaaren, ihn haltet heilig, er sei eure Furcht, und er, der euch Schrecken macht.
J. J. HirschDen Gott Zebaoth, ihn heiliget! Ist er es, den ihr fürchtet, so wird er es sein, der euch Macht gewährt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. את ד' וגו'. Eure Aufgabe ist, Gott, der euch auf diesen vorgeschobenen Posten gestellt hat, zu heiligen, also einzig seinem Willen zu leben, und wenn es sein muß, diesem alles zu opfern und selbst mit allen anderen zu brechen. Diese Festigkeit, die bekundet, daß ihr einzig Gott fürchtet und nichts anderes, wird eure kleine, bedeutungslose Zahl zu einer unüberwindlichen Größe machen, gegen welche die Majorität vergebens ankämpfen wird, denn והוא מעריצכם Gott ist es, der euch mit Macht ausstattet.

14. 15. והיה למקדש. Gott Zebaoth, den ihr heiligt, wird zum Heiligtum, von dem die ganze Weihe eures Lebens ausgeht, und ihr, diese winzige Minorität, werdet dadurch gegen alle Wechselfälle des Lebens gefeit und gegen alle Angriffe der Menschen.

Folgen die „beiden Häuser Israels“ eurem Beispiele, der jüdischen Bestimmung zu leben nicht, so wird eben diese Bestimmung ihnen לאבן נגף וגו'. Vom Augenblicke seiner Gründung an ist Israel einzig und allein auf Gott angewiesen für sein Volksdasein, und Gott gewährt ihm dieses nur, wenn es seinen Gesetzen gemäß lebt. Israels Existenzbedingungen sind eben andere als die der übrigen Völker, welche durch Bodenbesitz, nationale Arbeit und politische Entwicklung zur Machtgröße gelangen können. Ja, seine Gesetze selbst hindern es, seine Kräfte so zu entfalten, daß es die nationale Größe anderer Staaten erreichen könnte. Seine Wochen-Sabbate, seine Jahres-Sabbate, seine Speise- und Reinheitsgesetze hemmen es im Wettlaufe mit anderen nach materiellen Gütern. Diese sollen ja auch nicht das von ihm anzustrebende Ziel bilden. Wohl wartet Israels auch der materielle Segen, aber es überläßt es Gottes Weisheit, wieviel von den irdischen Gütern sein eigen werden soll und betrachtet auch diese nur als Mittel, um damit Gottes Zielen zuzustreben. Diese zu fördern ist seine Aufgabe, und ihre Lösung durch gewissenhafte Pflichterfüllung gewährt ihm das höchste irdische Glück und die innigste Zufriedenheit, es empfindet in jedem Augenblicke die Nähe und damit zugleich den Segen seines Gottes.

Geht sein Verlangen aber nicht nach diesem Glücke, steuert es vielmehr mit aller Anstrengung dem Hafen materiellen Glückes zu und empfindet das Gottesgesetz dabei als zu große Last — wenn es dann dieses Gesetz über Bord wirft, um leichter von den Wellen des Verkehrs getragen zu werden, nun, so gelangt es dennoch nicht an das erträumte Ziel — sein Gesetz wird ihm zum Felsenriff לצור מכשול, an dem sein Lebensschiff zerschellt. So im Volksdasein, so im Einzelleben. Und wähnt einer der „יושב ירושלם“ sich wirklich auf der Jagd nach Glück demselben schon ganz nahe, greift nach ihm, um es zu erfassen, so strauchelt er und fällt, und in Scherben liegen beide. Oder er erreicht es in der Tat und wird zum Sklaven der fremden Verhältnisse, in die er sich verstrickt hat „ונוקשו ונלכדו“, und statt sich beglückt zu fühlen, empfindet er schmerzlich den Druck ihrer Fesseln.

14
וְהָיָ֖ה לְמִקְדָּ֑שׁ וּלְאֶ֣בֶן נֶ֠גֶף וּלְצ֨וּר מִכְשׁ֜וֹל לִשְׁנֵ֨י בָתֵּ֤י יִשְׂרָאֵל֙ לְפַ֣ח וּלְמוֹקֵ֔שׁ לְיוֹשֵׁ֖ב יְרוּשָׁלָֽ͏ִם׃
BernfeldSie werden von euch verlangen: Befraget die Beschwörer und Weissager, die da zirpen und flüstern; befragt doch ein jedes Volk seinen Gott, für die Lebendigen die Toten
ZunzUnd er wird zum Heiligthum seyn und zum Stein des Anstoßes und zum Felsen des Strauchelns für die zwei Häuser Jisraël's, zur Falle und Schlinge für die Bewohner Jeruschalajim's.
J. J. HirschEr wird zum Heiligtume, aber auch zum Stein des Anstoßes und zum Fels des Strauchelns für beide Häuser Israels, zur Schlinge und zum Fallstricke der Einwohnerschaft Jerusalems.
15
וְכָ֥שְׁלוּ בָ֖ם רַבִּ֑ים וְנָפְל֣וּ וְנִשְׁבָּ֔רוּ וְנוֹקְשׁ֖וּ וְנִלְכָּֽדוּ׃ {פ}
BernfeldUm Lehre und um Zeugnis. Gewiss werden sie zu euch solch Unsinniges sprechen.
ZunzUnd Viele werden über sie straucheln und fallen, und sich zerschmettern, und umgarnt werden, und gefangen.
J. J. HirschViele unter ihnen werden straucheln, fallen und gebrochen werden, sich verstricken und gefangen werden.
16
צ֖וֹר תְּעוּדָ֑ה חֲת֥וֹם תּוֹרָ֖ה בְּלִמֻּדָֽי׃
BernfeldAber der [diesen Weg] betritt, wird dereinst unglücklich und hungern; und wenn er hungert, so ergrimmt er und flucht seinem König und seinem Gott. Er schaut nach oben
ZunzBinde ein das Zeugniß, versiegle die Lehre bei meinen Jüngern.
J. J. HirschBewahre das Zeugnis, besiegele die Lehre in meinen Schülern.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. צור. Entweder von נצר schützen, bewahren, oder von צרר zusammenhalten, zusammenfassen. Deine Aufgabe ist es und die der durch dich zu gewinnenden kleinen Zahl Getreuer, das „Zeugnis“ zu bewahren und es in seiner Reinheit zu schützen vor jeder Vermengung mit Fremdartigem, und diese תורה durch treue lebendige Überlieferung in die Brust lernender Jünger einzusäen. Diese Pflicht wartet einer jeden gottestreuen Minderheit, wenn die Ungunst der Zeit die Strömung der Mehrzahl von der Gotteslehre ablenkt — dadurch wird sie ungetrübt und lebenskräftig einem künftigen besseren Geschlechte erhalten.

17
וְחִכִּ֙יתִי֙ לַיהֹוָ֔ה הַמַּסְתִּ֥יר פָּנָ֖יו מִבֵּ֣ית יַעֲקֹ֑ב וְקִוֵּ֖יתִי־לֽוֹ׃
BernfeldUnd blickt zur Erde, überall sieht er Drangsal und Finsternis, finstere Bedrängnis und weite Dunkelheit.
ZunzUnd ich harre auf den Ewigen, der sein Antlitz verbirgt vor dem Hause Jaakob, und ich hoffe auf ihn.
J. J. HirschSo will ich denn zu Gott harren, der sein Angesicht jetzt dem Hause Jakobs verbirgt, und ich will auf ihn hoffen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17. וחכיתי וגו'. Unentwegt will ich mit all meiner Willenskraft nach Gott ausschauen, d. h. zu ihm harren, und mich der mir gewordenen Aufgabe widmen, auf daß Gott sein Angesicht „פניו“, welches er jetzt dem Hause Jakobs entzogen hat, ihm wieder gnädig zuwende. פני ד' bezeichnet stets die göttliche Waltung, die sich in den Geschicken der Menschen offenbart. יעקב ist der Name des jüdischen Volkes für die Zeit, in welcher es die Schule des Leids durchzumachen hat.

18
הִנֵּ֣ה אָנֹכִ֗י וְהַיְלָדִים֙ אֲשֶׁ֣ר נָתַן־לִ֣י יְהֹוָ֔ה לְאֹת֥וֹת וּלְמוֹפְתִ֖ים בְּיִשְׂרָאֵ֑ל מֵעִם֙ יְהֹוָ֣ה צְבָא֔וֹת הַשֹּׁכֵ֖ן בְּהַ֥ר צִיּֽוֹן׃ {ס}
BernfeldIst nicht auch der Mächtige [Efraim] ermattet? Einst machte der Erste [der König von Assyrien, der gegen Israel auszog] es leicht; [er eroberte nur] das Land Sebulon und das Land Naftali; aber der Letzte machte es schwer, [er dehnte seinen Siegeszug aus] zum Meer hin, jenseits des Jordan und den Kreis der Stämme.
ZunzSiehe, ich und die Kinder, die der Ewige mir gegeben, sind Zeichen und Vorbilder in Jisraël, von dem Ewigen der Heerschaaren, der auf dem Berge Zijon thront.
J. J. HirschSiehe, ich und die Kinder, die mir Gott gegeben hat, sind zu Wahrzeichen und Beweisen in Israel von Gott Zebaoth, der dauernd seine Stätte hat auf dem Berge Zion.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 18. הנה אנכי וגו'. Mein Dasein und das meiner Kinder mit ihren Namen sind dem Streben geweiht, die Augen meines Volkes auf Gott zu lenken und sein stetes Walten für die jüdische Nation zu bekunden. השוכן בהר ציון. Der allein da zu finden ist, wo seinem Gesetze die Stätte gegründet ist, und welcher, ob auch ein großer Teil seines Volkes מהר שלל den eigenen Untergang noch „beschleunigt“, dennoch fort und fort auf Zionsberg des Augenblicks harrt, in dem שאר ישוב „der Rest zurückkehrt“ zu seiner Bestimmung.

19
וְכִֽי־יֹאמְר֣וּ אֲלֵיכֶ֗ם דִּרְשׁ֤וּ אֶל־הָֽאֹבוֹת֙ וְאֶל־הַיִּדְּעֹנִ֔ים הַֽמְצַפְצְפִ֖ים וְהַמַּהְגִּ֑ים הֲלוֹא־עַם֙ אֶל־אֱלֹהָ֣יו יִדְרֹ֔שׁ בְּעַ֥ד הַחַיִּ֖ים אֶל־הַמֵּתִֽים׃
BernfeldLasse dich nicht ein in die Verschwörung, wenn dieses Volk Verschwörung anzettelt; fürchtet nicht, was ihm Furcht macht, und erschrecket nicht [euch mit den Feinden einzulassen].
ZunzUnd wenn sie zu euch sprechen: Befraget die Beschwörer und Weissager, die da zirpen und flüstern: Befragt nicht ein Volk seinen Gott, für die Lebendigen die Todten,
J. J. HirschWenn sie aber zu euch sprechen werden: Fraget bei Beschwörern und Wahrsagern an, die flüsternd und in Rätseln reden, fragt nicht jedes Volk bei seinen Göttern, für die Lebenden bei den Toten an?
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 19. המצפצפים. צפצף ist eigentlich Bezeichnung der Vogelstimmen, kommt jedoch wiederholt für das leise und undeutliche Sprechen der Beschwörer vor.

הגה im Kal: denken, kommt im Hifil nur hier vor und heißt wohl jedenfalls: „zu denken geben“. Damit ist es aber gerade der entsprechende Ausdruck für die unklaren, rätselhaften Antworten der Wahrsager, die nach Art der Orakel alle möglichen Deutungen zulassen.

Die ersten Worte, welche Jesaia an seine Jünger richtet, sollen sie auf das vorbereiten, was man ihren Ermahnungen, zu Gott und seinem Gesetze zurückzukehren und davon allein Besserung der Zustände zu erwarten, entgegnen werde. „Da wollen wir uns doch lieber, gleich den anderen Völkern, an Orakel und Totenbeschwörer wenden und von ihnen erfragen, wie sich unser Leben noch gestalten wird.“ Vgl. oben Kap. 3, 2. 3.

20
לְתוֹרָ֖ה וְלִתְעוּדָ֑ה אִם־לֹ֤א יֹֽאמְרוּ֙ כַּדָּבָ֣ר הַזֶּ֔ה אֲשֶׁ֥ר אֵֽין־ל֖וֹ שָֽׁחַר׃
BernfeldDen Herrn Zebaot haltet heilig, er sei eure Furcht und er, der euch Schrecken macht.
ZunzUm Lehre und um Zeugniß? Ob sie nicht sagen einen solchen Spruch, in dem keine Helle ist!
J. J. HirschZur Lehre und zum Zeugnis, beschwöre ich, daß sie etwas diesem Worte Ähnliches sprechen werden, für das es aber keine Morgenröte gibt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 20. אם לא, Ausdruck des Beteuerns, Schwur; s. o. Kap. 5, 9. Wahrlich zu eurer Belehrung und damit es zum Zeugnis wider euch diene, wenn ihr meine Warnung nicht beherziget, schwöre ich euch, daß in der äußeren Form das Orakelwort dem Worte Gottes, welches ich euch in seinem Namen überbrachte, ähnelt. Aber es trägt das Licht der Wahrheit nicht in sich und bringt euch nicht das Morgenrot der Erfüllung. Dunkel, wie es selbst ist, führt es euch in die Nacht des Zweifels und zuletzt der Verzweiflung.

21
וְעָ֥בַר בָּ֖הּ נִקְשֶׁ֣ה וְרָעֵ֑ב וְהָיָ֨ה כִֽי־יִרְעַ֜ב וְהִתְקַצַּ֗ף וְקִלֵּ֧ל בְּמַלְכּ֛וֹ וּבֵאלֹהָ֖יו וּפָנָ֥ה לְמָֽעְלָה׃
BernfeldEr wird zum Heiligtum sein [zum Schutz], aber auch zum Stein des Anstoßes und zum Felsen des Strauchelns für die zwei Häuser Israels, zur Falle und Schlinge für die Bewohner Jerusalems.
ZunzUnd so geht er darin umher bekümmert und hungernd, und es geschieht, wenn er hungert, so ergrimmt er und flucht bei seinem König und bei seinem Gott, und schaut nach oben,
J. J. HirschDa geht er dahin [im Lande Israel] der Gedrückte und Ausgehungerte, und wenn er weiter hungert, so erzürnt er sich und flucht seinem Könige und seinen Göttern, dann wendet er sich nach oben —
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 21. Auf Israel weiset der Prophet hin. בָּהּ auf das ארץ des nächsten Verses. נקשה Nifal von קשה schwerfallen, hart sein. מִקְשָׁה heißt mit dem Hammer getrieben, geschlagen sein. נקשה der Geschlagene, der vom Geschick hart Mitgenommene. והתקצף heißt, er versetzt sich in Zorn, redet sich in Zorn, es ist die Hispaelform von קצף. Der Prophet schildert in diesem Bilde die Enttäuschung, welche das Befragen der Orakel dem Reiche Israel bringen werde, das möge Juda zur Warnung dienen. Verzweiflung erfaßt Israel, wenn es keine Erleichterung für seine gedrückte Lage, kein Brot für seinen Hunger gefunden hat, Erbitterung erfüllt es gegen seinen König, der es verführt, und gegen die Götter, welche er ihm aufgedrungen hat; in ohnmächtiger Wut flucht es beiden, da die Hilfe von oben ausbleibt, die das Orakel doch verheißen hatte; oder ופנה למעלה will sagen: nun wendet er sich an Gott um Hilfe — aber zu spät, sie haben Gottes Beistand verscherzt.

22
וְאֶל־אֶ֖רֶץ יַבִּ֑יט וְהִנֵּ֨ה צָרָ֤ה וַֽחֲשֵׁכָה֙ מְע֣וּף צוּקָ֔ה וַאֲפֵלָ֖ה מְנֻדָּֽח׃
BernfeldViele unter ihnen werden straucheln; sie werden fallen und dabei zerschmettern; sie werden umgarnt werden und gefangen.
ZunzUnd blickt zur Erde, siehe, da ist Drangsal und Finsterniß, dichte Enge und ist in Dunkelheit gestoßen.
J. J. Hirschund aufs Land schaut er hin, aber siehe, da ist Not und Finsternis, Ermüdung durch Drangsal, und in die Dunkelheit wird er hinausgestoßen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 22. 23. ואל ארץ וגו'. Wohin sein Auge schaut im Lande, überall ist es schaurig, finster. מעוף צוקה scheint Hauptwort im stat. constr. zu sein. Von all dem Leide, dem Israel preisgegeben war, ist es so entsetzlich schicksalsmüde geworden und wird nun hinausgestoßen in die Dunkelheit des Exils. Während es immer mehr ermattet, ist Aschur, von dem Israels Land — לה bezieht sich auf ארץ — die Bedrängnis kommt, noch ebensowenig ermüdet wie zu der Zeit, da er den ersten Druck auf dasselbe ausübte.

מועף ist Hofal von עוף. מוצק nehmen wir als Hauptwort, was auch רד"ק als möglich hinstellt. Die gewöhnliche Übersetzung כעת הראשון „in der ersten Zeit“ übersieht, daß עת weiblich ist, und außerdem würde dann wohl nicht כעת sondern בעת stehen; wir glauben, daß das כ ein vergleichendes ist und הראשון Bezug nimmt auf מוצק, ebenso wie והאחרון.

ארצה זבלון וארצה נפתלי: Das ה am Ende des Wortes hat die Bedeutung des ל am Anfange und zeigt die Richtung an. Das Wort הֵקַל dürfte hier ein zwiefaches sagen wollen. Einmal sein noch leichtes Verfahren gegen das eroberte Land, es hätte bereits damals in seiner Macht gelegen, die übrigen Gebietsteile zu nehmen. Sodann auch, daß er seinem Unternehmen nur geringen Wert beimaß, weil es nur zwei Stämmen galt. Ähnlich wie ותקל גברתה בעיניה (1. B. M. 16, 4) da wurde ihre Gebieterin in ihren Augen gering geschätzt.

והאחרון הכביד. Der erste Teil des Verses bezieht sich auf damals bereits der Vergangenheit Angehörendes, nun aber kündigt der Prophet den letzten Druck, welchen Aschur auf Israel ausüben werde, als einen wuchtigen, schweren an, er treibt den ganzen noch übrigen Rest der zehn Stämme in die Verbannung. Der Prophet schaut diesen Untergang Israels als bereits vollendet an und gebraucht deshalb das Wort הכביד, welches der Form nach wie הֵקַל präter. ist in dem Sinne eines futur. exactum, wie dies ja häufig der Fall, so oben: 4, 4 רחץ; 6, 11 שאו.

דרך הים, עבר הירדן, גליל הגוים zählt die drei Abschnitte auf, in welchen die Exilierung der zehn Stämme erfolgte. גליל das Gebiet, der Kreis, wie גלילות הירדן (Josua 22, 10). Unter הגוים glauben wir die Stämme Israels verstehen zu dürfen. Vergl. Komm. zu 1. B. M. 35, 11: גוי וקהל גוים יהיה ממך.

Gerade hier, wo auf die Vertreibung der zehn Stämme hingeblickt wird, dürfte durch die Wahl dieser Bezeichnung für sie noch einmal an die Bestimmung, welcher sie leider nicht gelebt haben, erinnert sein. In seiner mannigfachen inneren Gliederung, als Kriegervolk, Handelsvolk, Ackerbau treibendes Volk, als Volk der Wissenschaften, sollte Israel das Vorbild für alle Völkererscheinungen werden. Seine Aufgabe war, aller Welt die Weihe des Menschendaseins für Gott und sein Sittengesetz als unabhängig von Stand oder Beruf zu proklamieren.

23
כִּ֣י לֹ֣א מוּעָף֮ לַאֲשֶׁ֣ר מוּצָ֣ק לָהּ֒ כָּעֵ֣ת הָרִאשׁ֗וֹן הֵקַ֞ל אַ֤רְצָה זְבֻלוּן֙ וְאַ֣רְצָה נַפְתָּלִ֔י וְהָאַחֲר֖וֹן הִכְבִּ֑יד דֶּ֤רֶךְ הַיָּם֙ עֵ֣בֶר הַיַּרְדֵּ֔ן גְּלִ֖יל הַגּוֹיִֽם׃
Bernfeld[Ich sehe, spricht der Prophet], es wäre besser, das Zeugnis geheim zu halten, die Lehre zu versiegeln bei meinen Jüngern;
ZunzDenn kein Ermatten (kennt) ihr Bedränger; einst machte der Erste es leicht, bis in das Land Sebulun und in das Land Naftali hin; aber der Letzte macht es schwer, nach dem Meere hin, jenseit des Jarden (bis in) den Kreis der Stämme.
J. J. HirschDenn nicht ermüdet ist der, von dem ihm der Druck kommt, wie zur Zeit des ersten [Druckes], da er leicht vorging gegen Sebuluns Land und Naftalis Land; aber der letzte wird schwer getroffen haben: den Meeresstrich, jenseits des Jardens, das Gebiet der „Völker“.