Jeschajahu 64 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 64. V. 1. Schon einmal hattest du so deine Allmacht offen betätigt, als du uns zum Volke schufest und die vernichtetest, die, deinem Willen trotzend, sich ihm mit ihrem „ich kenne Gott nicht“ entgegen zu setzen anmaßten. Es war damals, als du unseren Werdegang, unseren Läuterungsprozeß in dem „eisernen Schmelztiegel“ Ägyptens beendet hattest. (Vgl. 5. B. M. 4, 20. 1. Kön. 8, 51. Oben Kap. 48, 10. Jerem. 11, 4.) Da hobst du „mit starker Hand und ausgestrecktem Arme“ den Schmelztiegel aus dem ägyptischen Feuer; das „Schmelzfeuer“ loderte hoch empor, gleichsam als wollte es dem Tiegel nachsetzen, ihn sich nicht nehmen lassen — du aber schleudertest das Feuer in das Wasser, so daß es hoch aufwallend und mächtig niederfallend die Glut verlöschte. Das tatest du, um deine Feinde, „die dich nicht kennen wollten,“ deinen Namen wissen zu lassen; zittern sollten die Völker bei dem Gedanken, sich deinem Willen zu widersetzen. —
So, glauben wir diesen Vers verstehen zu sollen: Mit wenigen Strichen das Bild von יציאת מצרים und von קריעת ים in gigantischer Größe dargestellt. —
כקדח. Das כ ist kein vergleichendes, sondern ein die Zeit bestimmendes, wie כצאתי את העיר (2. B. M. 9, 29 und sonst häufig). — המסים, das sonst nicht wieder vorkommt, wird von vielen Kommentatoren als trockenes Holz, Reisig, als mit knisterndem Geräusch verbrennende Stoffe genommen, ohne daß dafür aus der heiligen Schrift irgend Anhaltspunkte gebracht werden. Die älteren Erklärer nehmen es als von der Radix מסם abgeleitet, finden wir doch Ps. 58, 9: כמו שבלול תמס יהלך „wie eine Wegschnecke mit Zergehen dahinschleicht.“ Dort ist תמס Substantiv, von מסם gebildet und bedeutet: Zergehen, Auflösung, Schmelzen. Ebenso dürfte auch von מסם: המס, die nicht vorkommende Singularform des Plurals המסים hier, abstammen; von הבל heißt der Plural הבלים — תבעה von בעה aus dem Innern hervortreten, נבעו מצפניו (Obadia 1, 6) alles von ihm Verborgene kam zum Vorschein, ebenso אבעבועות Blasen bilden, hier: Aufwallen, Aufsprudeln von Wasser, wenn glühende Stoffe hineingeworfen werden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. 3. Damals ermangelten wir noch jeglichen Verdienstes, wir durften nicht erwarten (das besagt die Futurumform נקוה), daß du zu unserer Rettung in solch furchterregender Weise in das Geschick von Nationen eingreifen würdest. ירדת Und doch stiegst du vor den Augen der Menschen zur Erde hinab, und die irdischen Größen vergingen vor dir! ומעולם וגו' Von keinem, was die Welt sonst als göttliches Wesen verehrt, hat man je gehört, daß es den in es gesetzten Hoffnungen entsprochen hätte — während du doch für uns so Wunderbares tatest, ohne daß wir uns darauf Hoffnung hätten machen dürfen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. פגעת וגו'. Aber auch ohne, daß er es erwartete, kamst du dem entgegen, der sein Lebensglück und seine Lebensfreude in der Verwirklichung deines „Zedek“, deines Rechtsideals fand, der sich ganz besonders glücklich dann fühlte, wenn er empfand, daß andere seinem Beispiele folgten und, in deinen Wegen wandelnd, deiner gedachten. יזכרוך ist Plural, während שש ועשה Singular ist.
הן וגו'. Wahrlich auch uns hätte das Heil weiter geblüht — das Waw in ונושע ist kopulativ, nicht konversiv — בהם עולם, בהם nimmt Bezug auf בדרכיך, wenn wir ewig in ihnen geblieben wären. So aber erregte es deinen Unwillen, daß wir leichtsinnig sündigten. Möglich sogar, daß ונחטא hier „verfehlen“ bedeutet: קלע באבן אל השערה ולא יחטא (Richter 20, 16) er schleudert mit einem Stein nach einem Haare und läßt ihn es nicht verfehlen, also hier: da wir deine Wege verfehlten. — Es ist die Antwort, welche Israel sich selbst gibt: Freilich übte Gott zu unserer Erlösung aus Ägypten so Wunderbares — damals gebrach es uns nur an Verdienst, bei dem Untergange unseres Staates und der Vernichtung des Heiligtums aber hatten wir positiv Schuld auf uns geladen, und die veranlaßte dich, uns die Hilfe zu versagen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. 6. Wir hatten die sittliche Reinheit verloren, waren טמא abgestumpft, unempfänglich für die Anforderungen der Lauterkeit geworden, zu welcher uns dein heiliges Gesetz erziehen will. וכבגד עדים: Plural von עד ein abgerissenes Stück, בבקר יאכל עד (1. B. M. 49, 27). Nicht צדקה, nicht die Pflichttreue umgab unser Wesen, ließ unser Sein und Wirken untadelig und ganz in das Gewand der Pflicht gehüllt erscheinen. כל צדקתינו (Plural) Wenn wir Pflichten erfüllten — und in der Tat übten wir deren doch noch recht viele —, so waren es abgerissene, einzelne Stücke unserer großen, ganzen, einheitlichen Pflichtaufgabe — „Pflichten“ erfüllten wir, aber nicht unsere „Pflicht“. Die einzelnen Pflichterfüllungen sollten als „Flicklappen“ die Risse und Schäden unseres Wesens bedecken.
ונבל כעלה וגו' — ונבל ungewöhnliche Form — die treibende Kraft „לחלוחית של מצוה“, der Lebenssaft des Pflichttriebes fehlte uns und ließ uns welk werden wie ein Blatt; und wie der Wind das welke Blatt vom Baume ablöst und fortweht, so trieben uns unsere Sünden hinweg von dem Boden unserer Heimat und — ישאנו ist Futurum — diese Vertreibung hält noch an. — Zu bemerken ist noch: in ועוננו fehlt das י und ebenso in ישאנו das ן des Plurals. Vielleicht soll damit angedeutet sein, daß alle unsere Sünden die „einheitliche“ Folge des Leichtsinns sind, mit dem wir die Wege Gottes verfehlten. S. das zu ונחטא des V. 4 Bemerkte. עון selbst bedeutet doch eigentlich die Krümme, das Abweichen von der geraden Linie der Pflicht.
ואין קורא בשמך. S. das oben Kap. 59, 4 zu אין קרא בצדק Erläuterte. So ist keiner da, der den Gedanken an dich in der Menschheit wachruft, vermögen wir doch selbst nur schwer unter dem Druck, der auf uns lastet, uns soweit aufzuraffen, um uns dir nicht entreißen zu lassen! כי וגו'. Daß du andauernd dein Antlitz vor uns verbargst, d. h. daß wir deine schützende, fürsorgende Waltung in unserem Galuth nicht zu erkennen vermögen, erschwert es uns, unseren Sünden siegreich Widerstand leisten zu können. ותמוגנו übersetzten wir nach רד"ק und אבן עזרא, die es von der Wurzel מוג (נמגו 2. B. M. 15,15) ableiten. Targum Jonathan übersetzt es ומסרתנא „du überliefertest uns“ als von der Wurzel מגן stammend, wie אשר מגן צריך בידך (1. B. M. 14,20), doch hätte dann ותמגננו stehen müssen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7—11. Die Verse bringen die flehentlichste Bitte Israels um Beistand und Rettung zum Ausdruck. Du bist ja doch unser Vater, Stoff sind wir in deiner bildenden Hand, geben uns ihr willig hin, — forme uns ganz nach deinem Willen. Wir haben gesündigt und verdienen deinen Unwillen, aber miß dein Zürnen nicht nach dem Maße unserer Sünde — das heißt wörtlich עד מאד —, lasse dein Zürnen nicht ewig währen, wir haben schon schwer gebüßt. Sieh' unsere Städte, in denen wir unsere heilige Aufgabe verwirklichen sollten, unser Staat, unser Heiligtum, die Stätte, an der unsere Väter das Lob deiner Allmachttaten zu deinem Preise der Welt verkündeten, alles, was noch jetzt uns lieb und teuer ist, wonach unser Herz sich mit jeder Faser sehnt — alles, alles ist ein Raub der Flamme, ist zur Ruine geworden, liegt wüst und öde nun schon so lange!
Kannst du es über dich gewinnen, nicht als ד' mit deinem Erbarmen für uns einzutreten — עד מאד bezieht sich dem Akzent nach auch auf תחשה (Dr. J. Heinemann) — und willst du uns durch dein ununterbrochenes Schweigen der maßlosen Peinigung unserer entmenschten Quäler überlassen, deren Haß, immer wieder aufgestachelt, kein Ende kennt?! — auch das liegt in dem עד מאד —.