Jeschajahu 63 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 63. V. 1. In dem vorhergehenden Kapitel war die allem obsiegende Macht des Gotteswortes in ihrer endlichen Wirkung auf Israel und durch es auf die Menschheit verkündet und gezeigt worden, welche Würde und Herrlichkeit der Menschheit winkt, wenn sie, dem Beispiele des jüdischen Volkes folgend, dem göttlichen Ideal ihrer Menschenbestimmung zustrebt. Der Prophet sah dieses Ziel erreicht und die Völker im Begriffe, sich diesem Ideale huldigend zu beugen.
Aber er sieht auch, wie diesem herrlichen Siege des Gottesgedankens ein ernstes Einschreiten des göttlichen Gerichts gegen die prinzipiellen Gegner des Gottesgedankens vorangehen werde. Als deren Repräsentant schaut er „Edom“ mit dem Sitze seiner Herrschaft „Bozra“. Im Kapitel 34 wird dieser Vernichtungskampf der göttlichen Vorsehung gegen das den Anbruch der Heileszeit auf Erden bis in den letzten Augenblick störende „Esauprinzip“ eingehend motiviert und geschildert. (S. das.) Dort bemerkten wir bereits zu V. 5, 7 und 8, wie wiederholt durch den Namen ד' hervorgehoben werde, daß das vernichtende Vorgehen Gottes gegen „Edom“ zur Erhaltung und für das Heil der Menschheit notwendig ist: ד' in seinem Erbarmen, in seiner Liebe zur Menschheit ist es, der ihretwegen, zu ihrer Rettung, mit seiner strafenden Gerechtigkeit gegen Edom einschreiten muß. Denselben Gedanken bringt der Prophet auch hier durch einige meisterhafte Pinselstriche bildlich zur Anschauung.
חמוץ בגדים von חמץ Gären. Unserer Ansicht nach ist hier der Blasenbildung, dem Aufwallen des Teiges bei der Gärung die metaphorische Bezeichnung für das Wallen der Gewänder bei eiliger Bewegung ihres Trägers entlehnt. — צעה, s. oben Kap. 51, 14, lautverw. mit שעה wenden, bezeichnet ein langsames, bedachtes Dahinschreiten, bei welchem man einen Zweck im Auge hat.
מי זה בא מאדום וגו'. Der Prophet schaut Gottes Waltung heimkehrend von ihrem Strafgerichte gegen Edom. Er schaut ihr, menschlich gesprochen, den ganzen Ernst an, mit dem sie aufgetreten war, ihr, die ihm soeben (s. das vorige Kapitel) mit ihrer ganzen Liebe und ihrem Allerbarmen das Heil des jüdischen Volkes und der Menschheit begründend erschienen war. Im Bewußtsein ihrer Allmacht, die weder an Zeit noch Raum gebunden ist, hatte er sie soeben voller Majestät langsam diesem herrlichen Ziele zuschreiten sehen — und nun sieht er sie: die wallenden Gewänder lassen die Eile erkennen, mit der sie den unliebsamen Anblick dessen, was hinter ihr liegt, zu meiden strebt! מי זה וגו' entringt sich die Frage dem staunenden Seher.
אני, Ich bin es, antwortet Gott, ich bin der Alliebende, מדבר בצדקה. Daß ich rede, und was ich rede, daß ich mich euch offenbart habe, geschah um der Menschheit Wohl willen — „צדקה“ von Gott ist immer Milde, Liebe, Wohltat — und רב להושיע wo ich in meiner Allmacht hervortrete, ist es um zu helfen, d. h. der Menschheit wahres Heil zu begründen und es zu fördern. Vgl. Ps. 58, 7: מלתעות כפירים נתץ ד' Das Gebiß der Löwen zu zerstören, ist Werk des barmherzigen Gottes!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. 3. Als solches charakterisiert es gleich selbst die Antwort Gottes auf die Frage des Propheten מדוע וגו'. — אדם, Substantiv, das Rote, wie מן האדם האדם הזה (1. B. M. 25, 30) und daher das ל von ללבושך ganz normal. — פורה וגו'. Als „Kelterung“ bezeichnet Gott das eben vollbrachte Werk. Nur scheinbar tragen die Gerichte Gottes, die Katastrophen, die Er über Menschen und Völker verhängt, das Gepräge der Vernichtung, in Wirklichkeit soll aber bei ihnen der schmerzhafte, zerstörende Druck nur die Gewinnung des edlen Innern bewirken. Ganz wie bei der Kelterung der Trauben nicht ihre Zerstörung der Zweck des auf sie ausgeübten Druckes ist, sondern die Erhaltung, die Freilegung, das Nutzbarmachen des in ihnen verborgen getragenen köstlichen Gehaltes, so will Gott durch die Leiden, welche seine Waltung über das Einzelwesen, über Israel, über ganze Völker kommen läßt, den in ihnen befindlichen edlen Kern des Wahren und Guten aus der trübenden Schale der Verderbtheit befreien. Daher ist das Bild der Kelterung für derartige Geschicksgestaltungen in unserer heiligen Schrift ein oft dargebotenes. — Vgl. Komm. zu Ps. 8, 1. 81, 1. 84, 1, sowie Joël 4, 13, Klagel. 1, 15. — Zur Rettung der Menschheit, damit sie nicht den Streichen des Edom-Schwertes erliege, das bereits allzulange von dem Esau-Prinzip gegen das machtlose Recht und gegen die in den Staub getretene Menschenliebe gehandhabt worden, war Gottes Strafgericht notwendig und unaufschiebbar geworden, wie dies V. 4, 5 ausgeführt wird. „Es tat Gottes Herzen weh,“ heißt es 1. B. M. 6, 6, als Gott den Untergang über das entartete Menschengeschlecht verhängen mußte. Ähnlich wird auch hier zugleich mit der Notwendigkeit des Gottesgerichts betont, wie schwer seine Vollstreckung dem Allerbarmenden fiel: „Von den Völkern stand keiner zu mir,“ es war jede Aussicht geschwunden, daß dem niedergeworfenen Rechte aus dem Kreise der Menschheit ein Annehmer erstehe. ואדרכם ואדרמסם וַיֵּז, das Waw ist kein umwandelndes, sondern ein verbindendes und zeigt das hier Berichtete in dem Moment, da es noch nicht Tatsache, aber seine Ausführung zur Notwendigkeit geworden war: „Da mußte ich, so schwer es mir ward, sie niedertreten u. s. w., וַיֵּז selbst wenn es dabei unausbleiblich ist, daß u. s. w.“
רמס ist stärker als דרך, ebenso wie חמה einen höheren Grad des Zürnens bedeutet als אף. Wenn „אדרכם“ noch nicht genügt, um die Menschheit vor ihnen zu schützen, dann muß ich zu „ארמסם“ schreiten. — נצח, נצחם: Bestand und Dauer gewährende Lebenskraft, resp. Lebenssaft, das Blut. — אגאלתי ungewöhnliche Form für הגאלתי, ähnlich wie 2. Chron. 20, 35: אתחבר יהושפט für התחבר.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4—6. כי יום נקם וגו'. S. darüber das zu Kap. 34, 8 Bemerkte. שנת גאולי kann allerdings heißen „meiner Erlösten“ und wäre dann zu interpretieren „meiner zu Erlösenden“, doch ziehen wir vor, גאולים hier als „Erlösung“ aufzufassen, ähnlich dem שנת שלומים in dem eben zitierten Verse. Die Wortbildung ist ja keine seltene: נעורים, זקונים u. s. w. — באה ist עבר, wie 1. B. M. 29, 9: ורחל באה.
ואשתומם ואביט, wie oben mit verbindendem Waw, und darum ähnlich wie oben im Sinne des Futurum zu übersetzen. ואביט und ואשתומם s. oben zu ותושע לי זרועי Kap. 59, 16. — Daß es hier וחמתי היא סמכתני heißt, während dort וצדקתי dürfte vielleicht darin seinen Grund haben, daß hier von dem Teile der von der Katastrophe des Gottesgerichts Getroffenen die Rede ist, für die selbst das ואדרכם באפי nicht von genügender Wirkung war, um in ihnen auch nur den Entschluß zum Aufgeben der die Menschheit schädigenden Prinzipien reifen zu lassen, die deshalb die ganze Wucht des göttlichen Armes bis zur völligen Vernichtung treffen mußte. Das ו in ואבום und in ואוריד und selbst in ואשכרם ist ebenso wie oben ein verbindendes, denn als umwandelndes würde letzteres mit ָ punktiert sein müssen. ואשכרם בחמתי entspricht dem oben Kap. 51, 22, 23 verkündeten „Kredenzen der Schale des göttlichen Zürnens“ an die unmenschlichen Peiniger des jüdischen Volkes.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. 8. חסדי ד' אזכיר. Hatte der Prophet soeben geschaut, wie Gott, zur Rettung der Menschheit ein gigantisch emporgewachsenes Staatengebilde, das auf Grund seiner verwerflichen Prinzipien eine schwere Gefahr für sie war, untergehen lassen mußte: so beginnt er mit diesem Verse einen Hinweis auf das, was Gott in seiner Liebe bereits vor Jahrtausenden für die Menschheit getan, indem er Israel als Herold mit der Bestimmung schuf, ihr die ihr Heil und Glück für ewig sichernde Gotteswahrheit zu überbringen. Er erinnert an alle die Liebe, die Gott Israel erwiesen, um es für diesen Beruf heranzubilden, obgleich er wohl mußte, wie erst nach langem Ringen das Bewußtsein der Gotteshörigkeit, der Gotteskindschaft in seinen Angehörigen zum Durchbruch kommen werde. Er erinnert daran, im Geiste sich in die Zeitenferne versetzend und von ihrer Warte zurückschauend, wie Gott selbst ihr Volksdasein zertrümmern, sie hinaussenden mußte in die Verbannung, weil sie ihm die Treue gebrochen hatten, aber auch dort sie nicht untergehen ließ; wie erst unter der Wucht der Leiden ihr Ungehorsam ihnen zum Bewußtsein kam, und sie sich reuig zu ihrem himmlischen Vater in inbrünstigem Gebete wandten, Verzeihung und Hilfe von ihm erflehend.
Auch die Antwort Gottes macht er ihnen kund. Sie hält ihnen noch einmal die alten Verschuldungen vor, aber auch die, mit welchen Viele unter ihnen sich im Exile belastet haben. Sie verheißt denen, die sich zu mustergültiger Treue gegen Gott und sein heiliges Gesetz emporarbeiten, eine herrliche Zukunft auf der neu zu gestaltenden Erde, auf welcher Jerusalem und Israels Selbständigkeit wieder errichtet, und Segen, Gedeihen und Friede in Natur und Menschheit den Anbruch der Heileszeit offenbaren wird. Das ist, kurz zusammengefaßt, der Inhalt des wunderbar großartigen Prophetenwortes, welches mit diesem Verse beginnt und mit dem letzten des Kapitels 65 schließt.
ורב טוב וגו'. Wie unendlich reich an Güte Gott für die Seinen ist, zeigte sich darin, daß er ihnen das Geschick nicht nach ihrem Verdienste, sondern nach seinem Erbarmen reifen ließ וכרב חסדיו und nach der Fülle seiner Liebestaten.
אך עמי המה. אַךְ wie 1. B. M. 29, 14: אך עצמי ובשרי אתה, womit Laban einer Schlußfolgerung, zu der ihn das eben Gehörte berechtigen würde, entgegen tritt: Obgleich ich daraus entnehme, daß du arm bist, sollst du mir dennoch als Verwandter willkommen sein. Hier: Gott sprach bei jeder Verirrung Israels, bei jedem Treubruch, obgleich sie es nicht verdienen, bleiben sie dennoch mein Volk. Wenn die Eltern den Sinai-Eid der Treue, das „נעשה ונשמע“ gebrochen, die Kinder werden es wieder gut machen, werden ihn nicht als Lüge dastehen lassen. — Wie אמת nicht nur die logische, sondern auch die praktische Wahrheit, die Treue, bedeutet, so heißt auch שקר die Untreue, die Nichterfüllung eines gegebenen Wortes. (Komm. zu 3. B. M. 19, 11, 12.)
ויהי להם למושיע. Darum überließ er sie nicht dem verdienten Geschicke und ward ihnen zum Retter — eben um dieser in ihren Kindern erblühenden Zukunft willen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. בכל צרתם. Leiden ließ sie Gott, um sie für ihre hohe Aufgabe zu erziehen, obgleich durch das Leidensgeschick „seines Volkes“ der Menschheit die Macht Gottes in ihrer Waltung beschränkt erscheinen mußte (לו קרי). In Wirklichkeit (לא כתיב) war sie es nicht. Es entsprach den Absichten Gottes, daß seine Heileswaltung sich erst durch Israels Gewinnung für seine hohe Mission und alsdann durch dessen Erlösung in dem vollen ungeschmälerten Lichte ihrer ganzen Herrlichkeit zeigen sollte. — Vgl. Komm. zu Ps. 60, 7, wo auch auf diesen Vers hingewiesen und der Worte unserer Weisen (Mechilta zu 2. B. M. 12, 41): שכינה משועבדת עמהם gedacht wird. — Zeigt er sich auch nicht offen als ihr Retter, spricht der Prophet, so hat er sie doch auch bis dahin nicht verlassen:
ומלאך פניו הושיעם — פני ד' die Vorsehung, die Waltungsziele Gottes, auf die sein Auge gerichtet ist, wie wiederholt erläutert — durch den „Boten seiner Vorsehung“, durch die Schickungen seiner Waltung hat er ihnen geholfen. Gott ließ die geschichtlichen Verhältnisse der Völker, unter denen Israel leben mußte, eine derartige Wendung nehmen, daß sie auf dessen Geschick von günstiger, erhaltender Wirkung werden mußten, bis daß endlich mit seiner Liebe und seinem Erbarmen הוא גאלם „Er“ als ihr Erlöser hervortrat. So, lautet das Resumé des Propheten, enthob sie Gott ihrem Leidensgeschick, ließ sie nicht darin untergehen und trug sie hoch die ganze Zeit der Vergangenheit; er ließ sie durch seine Waltung die sittliche Höhe ihrer Bestimmung erreichen. — כל ימי עולם wie זכר ימות עולם (5. B. M. 32, 7) die Tage der Vergangenheit. — עולם heißt sowohl die Zukunft als die Vergangenheit, wie dies durch Stellen wie מן העולם ועד העולם und מהעולם ועד העולם (Ps. 41, 14. 106, 48 u. sonst) evident ist: von aller Vergangenheit bis in alle Zukunft; „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ hätte keinen denkbaren Sinn, da es doch nur eine Ewigkeit gibt. Hier schaut, wie oben bemerkt, das Auge des Propheten die Zukunft als bereits der Vergangenheit angehörend an und blickt zurück auf die erziehende, schützend waltende und endlich zum Ziele führende Liebe Gottes, wie sie sich in Israels Geschichte gezeigt hat.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. והמה וגו'. Sie dagegen waren seinem ausgesprochenen Willen gegenüber ungehorsam und hatten den Geist der Heiligkeit, mit welchem seine Thora sie erfüllen sollte und den er immer wieder durch seiner Propheten Mund (Targum Jonathan) in ihnen auffrischen ließ, zum schmerzlichen Verzicht auf das endliche Gelingen seiner Sendung gezwungen. (עצב ist das Gefühl erzwungenen Entsagens.) So mußte Gott — menschlich gesprochen — in ihnen den Feind seiner Heilsbestrebungen bekämpfen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. ויזכר וגו'. Von Gottes Unwillen getroffen und in die Verbannung verwiesen, gedachte עמו sein Volk der Tage der Vorzeit, der Tage Mosche's, und sein Leidenszustand erpreßte ihm den sehnsüchtigen Wehruf nach Gott: Wo ist der u. s. w. Das Verständnis der ersten Worte dieses Verses ist nicht leicht, und das Suchen danach hat zu verschiedenen Kombinationen Anlaß gegeben. Unter ihnen gewährt uns die von uns in Übereinstimmung mit Saadia und Raschi sowie mancher neueren Kommentatoren gegebene Erklärung noch die meiste, wenn auch nicht volle Befriedigung. Nach ihr ist עמו Subjekt von ויזכר. (Jerem. 31, 1 finden wir eine Analogie für eine derartig weite Trennung des Subjekts von dem Verbum. Dort heißt es: מצא חן במדבר עם שרידי חרב הלוך להרגיעו ישראל und da ist, unserer Auffassung nach, עם und ישראל Subjekt von מצא. Vgl. Komm. zu ונח מצא חן „so Israel מצא חן במדבר“.) — את רעה mit dem Hirten seiner Herde, der sie und Mosche aus dem Meere emporführte. — בקרבו wahrscheinlich in Mosche's Innere; unmöglich jedoch ist es nicht, daß die zweite Frage Mosche gilt: Wo ist, der in Israels Mitte (בקרבו auf צאנו bezugnehmend) Seinen heiligen Geist durch Übermittlung der göttlichen Lehre zur Geltung brachte?
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12—14. Wo ist Gottes Allmacht, die allzeit bereit war, ihren Arm Mosche's Hand zu leihen, um Israel in wunderbarer Weise zu leiten, so am Meere, so bei seiner Wüstenwanderung? מוליכם בתהמות וגו'. Das Verbum bezieht sich u. E. auch weiter auf במדבר: Der sie die Fluten hindurchführte, durch die Wüste sie führte wie ein Roß so sicher, daß sie nicht strauchelten. —
תְּנִיחֶנּוּ Hifil von נוח beruhigen, Ruhe einflößen. Das Suffix blickt auf das nachfolgende עמך hin, wie Rab. Sam. ben Melech bemerkt: Mit derselben Sorglosigkeit und Ruhe, mit der die Herde von dem Berge hinab ihrem Hirten folgt, konnte Israel sich der göttlichen Führung hingeben.
כן נהגת וגו'. So mußte die wunderbare Weise, in der du einst dein Volk durch Meer und Wüstenei führtest, der Menschheit deinen Namen in seiner strahlenden Herrlichkeit offenbaren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15. הבט וגו' fährt Israel fort, sich in seinem Schmerze zu Gott wendend: Für die Verherrlichung deines Namens, die du durch alle deine Wundertaten eingeleitet, hast du dir auf Erden eine Stätte gegründet, dein Tempelheiligtum, um von ihm aus dein Volk und die Menschheit zu heiligen — du hast den Himmel auf Erden gründen wollen: Von diesem Gesichtspunkte aus schaue nun, wie es auf der Erde aussieht! איה קנאתך. Wo bleibt die Wahrung deines Rechts (s. oben Kap. 9, 6 das dort Erläuterte), für die du גבורותיך mit der Betätigung deiner Allmacht eintreten solltest? Und wolltest du nicht für dein Recht eintreten, „המון מעיך ורחמיך“, unmöglich ist es, daß dein Vatererbarmen, das so oft in unserem Geschicke sichtbar hervorgetreten, für uns, deine Schöpfung, nicht rege werde — o dränge es nicht zurück!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 16. כי אתה אבינו. Du allein bist unser Vater! Denn Vater Abraham לא ידענו nahm keine Kenntnis von uns, nahm sich unser nicht an (wie ידע לכתך 5. B. M. 2,7 u. sonst), sorgte nicht für uns. Als du ihm 1. B. M. 15,13 kund machtest, welch herbes Leidensgeschick du über uns verhängen werdest, trat er nicht fürbittend für uns ein (vgl. Traktat Sabbat 89b), war er doch damals noch kinderlos. וישראל לא יכירנו (יכירנו ist Futurum, während ידענו Präteritum) Vater Israel wird in uns nicht die Kinder erkennen wollen, die er auf seinem Sterbelager mit ושמעו אל ישראל אביכם — s. Komm. zu 1. B. M. 49, 2 — so innig gebeten hatte, seinen Überlieferungen treu zu bleiben, und die ihnen nun doch untreu geworden sind. אתה ד' אבינו: Du ד', an dein Erbarmen, an deine Liebe allein wenden wir uns, du bleibst unser Vater, unser Annehmer, Verwandter, Erlöser — alles dies heißt ja גאלנו — als welchen wir dich von jeher kannten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17. Die lange Dauer unseres trüben Exil-Geschickes bringt uns in Gefahr, irre zu werden an deiner Waltungsweise: d. i. דרכיך (s. הודעני נא את דרכך 2. B. M. 33, 13 u. weiter). Du bist doch ד', der Allbarmherzige, bleibst es auch dem Sünder gegenüber, bist stets bereit zu verzeihen.
תקשיח — nur hier und Job 39, 16 — von קשח, lautverw. mit קשה, das im Hifil verhärten, erschweren, schwer machen bedeutet. Dort in Job heißt הקשיח בניה ללא לה: Er verstößt seine Jungen, als wären sie nicht sein. Hier wörtlich: Du stoßest unser Herz zurück von der Gottesfurcht; d. h. der Zustand des Elends, dem du uns überlässest, verglichen mit dem Gedeihen unserer, dir abgewandten Umgebung kann uns leicht schwankend machen in der Gottesfurcht, und das liegt doch nicht in deiner Absicht. Darum שוב „kehre zurück“ — und verdienen wir deine Wiederannäherung noch nicht, so tue es um „deiner Diener“ willen, unserer Väter wegen, die dir stets die Treue gewahrt, auf daß wir wieder und dann erst recht „die Stämme deines Erbes“ werden. Wir sind ja doch unter allen von dir abgefallenen Stämmen des Menschengeschlechtes die einzigen, die dir wieder zugefallen sind und keinen anderen Herrn und Eigentümer als dich anerkennen. Vgl. Komm. zu שבט נחלתך, Ps. 74, 2.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18. Es gab einmal eine Zeit, da waren wir erbbesitzend als „dein heiliges Volk.“ Unsere Bedeutung als „Boden besitzendes Volk“ bestand darin, daß wir als Mittelpunkt dein Heiligtum hatten, um uns von ihm aus „heiligen“ zu lassen. Aber, ach, gar kurz währte diese Zeit! Da zertraten, die sich als unsere Feinde gebärdeten (der Akzent auf צרינו hebt dieses Wort hervor), als Feinde unseres staatlichen Wesens dein Heiligtum. Den Gottesstaat wollten sie in uns vernichten, den Gedanken an dich austilgen, deshalb בוססו zerstampften sie dein Heiligtum. Vgl. Ps. 79 u. s. den Kommentar dazu.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 19. היינו מעולם לא משלת בם לא נקרא שמך עליהם wird gewöhnlich übersetzt: „Wir sind (oder sind geworden) [wie solche], über die du nie geherrscht hast, über die dein Name nicht genannt wurde“, wobei das „wie solche“ zu subintelligieren ist. Andere übersetzen: „es ging uns, als hättest du uns nimmer beherrscht, als wären wir nie nach deinem Namen genannt“, wobei das בם und עליהם wie בנו und עלינו genommen wird. Einige lassen sogar hier in der Mitte des Verses das Kapitel endigen und teilen das לוא קרעת וגו' dem folgenden Kapitel zu, während von anderen das לוא genommen wird, als stände לו: „als hättest du nie die Himmel“ u. s. w. oder als hieße es לוא תקרע וגו'. — Nach unserer unmaßgeblichen Ansicht liegt kein Grund vor, den Satz anders als dem Wortlaute nach aufzufassen, wie dies unsere Übersetzung tut. היינו, mit רביע לגרמיה „selbständigem רביע“, läßt dieses Wort als selbständigen Satz auffassen: Gewesen sind wir! Zerstört ist unser Volksdasein, genommen ist uns der Besitz! Und doch hatten sie (צרינו) niemals vorher dir die Herrschaft über sich eingeräumt (משלת ist Präteritum), noch wird jetzt (נקרא Präs.) dein Name über sie genannt, das heißt: als Norm und Bestimmung gebend ihrem Staatenbau aufgeprägt. נקרא עליהם wie 5. B. M. 28, 10: כי שם ד' נקרא עליך und 1. Kön. 8, 43: שמך נקרא על הבית הזה und sonst.
Dem Wehruf Israels hier liegt derselbe Gedanke zu Grunde wie dem Ps. 44, 13 und weiter: „Verkaufst dein Volk für Wertloses und hast wahrlich nichts gewonnen durch ihre wiederholten Vertauschungen, d. h. an keiner der anderen Nationen, die nach und nach über uns zur Herrschaft gelangten, hast du ein besseres, gehorsameres Volk, als wir waren, erhalten“. — לוא קרעת וגו': O wärest du damals, als sie dein Heiligtum vernichteten, mit deiner Allmacht zur Erde niedergestiegen, nichts hätte dir widerstanden, bergeshoch sich dünkende Mächte wären als formlose Tropfen haltlos in den Staub gefallen!