Jeschajahu 63 ישעיהו

Buch: Kapitel: Vers:
Übersetzung:
1
מִי־זֶ֣ה ׀ בָּ֣א מֵאֱד֗וֹם חֲמ֤וּץ בְּגָדִים֙ מִבׇּצְרָ֔ה זֶ֚ה הָד֣וּר בִּלְבוּשׁ֔וֹ צֹעֶ֖ה בְּרֹ֣ב כֹּח֑וֹ אֲנִ֛י מְדַבֵּ֥ר בִּצְדָקָ֖ה רַ֥ב לְהוֹשִֽׁיעַ׃
BernfeldWer ist es, der kommt von Edom, in rotem Gewande von Bozra? Jener, prangend in seinem Kleide, stattlich in der Fülle seiner Kraft? Ich, der ich Sieg verheiße, Macht habe zu helfen.
ZunzWer ist es, der kommt von Edom, in rothem Gewande von Bozrah? Jener, prangend in seinem Kleide, stattlich in der Fülle seiner Kraft? Ich, der Heil verheiße, Macht habe zu helfen.
J. J. HirschWer ist dieser, der daherkommt von Edom, mit wallenden Kleidern von Bozra, dieser, der doch voll Majestät in seiner Gewandung stets langsam daherschreitet in der Fülle seiner Kraft? „Ich, der um der Liebe willen redet, bin allmächtig, um zu helfen!“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 63. V. 1. In dem vorhergehenden Kapitel war die allem obsiegende Macht des Gotteswortes in ihrer endlichen Wirkung auf Israel und durch es auf die Menschheit verkündet und gezeigt worden, welche Würde und Herrlichkeit der Menschheit winkt, wenn sie, dem Beispiele des jüdischen Volkes folgend, dem göttlichen Ideal ihrer Menschenbestimmung zustrebt. Der Prophet sah dieses Ziel erreicht und die Völker im Begriffe, sich diesem Ideale huldigend zu beugen.

Aber er sieht auch, wie diesem herrlichen Siege des Gottesgedankens ein ernstes Einschreiten des göttlichen Gerichts gegen die prinzipiellen Gegner des Gottesgedankens vorangehen werde. Als deren Repräsentant schaut er „Edom“ mit dem Sitze seiner Herrschaft „Bozra“. Im Kapitel 34 wird dieser Vernichtungskampf der göttlichen Vorsehung gegen das den Anbruch der Heileszeit auf Erden bis in den letzten Augenblick störende „Esauprinzip“ eingehend motiviert und geschildert. (S. das.) Dort bemerkten wir bereits zu V. 5, 7 und 8, wie wiederholt durch den Namen ד' hervorgehoben werde, daß das vernichtende Vorgehen Gottes gegen „Edom“ zur Erhaltung und für das Heil der Menschheit notwendig ist: ד' in seinem Erbarmen, in seiner Liebe zur Menschheit ist es, der ihretwegen, zu ihrer Rettung, mit seiner strafenden Gerechtigkeit gegen Edom einschreiten muß. Denselben Gedanken bringt der Prophet auch hier durch einige meisterhafte Pinselstriche bildlich zur Anschauung.

חמוץ בגדים von חמץ Gären. Unserer Ansicht nach ist hier der Blasenbildung, dem Aufwallen des Teiges bei der Gärung die metaphorische Bezeichnung für das Wallen der Gewänder bei eiliger Bewegung ihres Trägers entlehnt. — צעה, s. oben Kap. 51, 14, lautverw. mit שעה wenden, bezeichnet ein langsames, bedachtes Dahinschreiten, bei welchem man einen Zweck im Auge hat.

מי זה בא מאדום וגו'. Der Prophet schaut Gottes Waltung heimkehrend von ihrem Strafgerichte gegen Edom. Er schaut ihr, menschlich gesprochen, den ganzen Ernst an, mit dem sie aufgetreten war, ihr, die ihm soeben (s. das vorige Kapitel) mit ihrer ganzen Liebe und ihrem Allerbarmen das Heil des jüdischen Volkes und der Menschheit begründend erschienen war. Im Bewußtsein ihrer Allmacht, die weder an Zeit noch Raum gebunden ist, hatte er sie soeben voller Majestät langsam diesem herrlichen Ziele zuschreiten sehen — und nun sieht er sie: die wallenden Gewänder lassen die Eile erkennen, mit der sie den unliebsamen Anblick dessen, was hinter ihr liegt, zu meiden strebt! מי זה וגו' entringt sich die Frage dem staunenden Seher.

אני, Ich bin es, antwortet Gott, ich bin der Alliebende, מדבר בצדקה. Daß ich rede, und was ich rede, daß ich mich euch offenbart habe, geschah um der Menschheit Wohl willen — „צדקה“ von Gott ist immer Milde, Liebe, Wohltat — und רב להושיע wo ich in meiner Allmacht hervortrete, ist es um zu helfen, d. h. der Menschheit wahres Heil zu begründen und es zu fördern. Vgl. Ps. 58, 7: מלתעות כפירים נתץ ד' Das Gebiß der Löwen zu zerstören, ist Werk des barmherzigen Gottes!

Haftarah Nitzawim (Schabbat vor Rosch haSchanah) Karäer enden hier.
2
מַדּ֥וּעַ אָדֹ֖ם לִלְבוּשֶׁ֑ךָ וּבְגָדֶ֖יךָ כְּדֹרֵ֥ךְ בְּגַֽת׃
BernfeldWarum ist Rot an deinen Kleidern und dein Gewand wie des Keltertreters?
ZunzWarum ist Roth an deinen Kleidern, und dein Gewand wie des Keltertreters?
J. J. Hirsch„„Woher das Rote an deinem Gewande, und deine Kleider, als trätest du die Kelter?““
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. 3. Als solches charakterisiert es gleich selbst die Antwort Gottes auf die Frage des Propheten מדוע וגו'. — אדם, Substantiv, das Rote, wie מן האדם האדם הזה (1. B. M. 25, 30) und daher das ל von ללבושך ganz normal. — פורה וגו'. Als „Kelterung“ bezeichnet Gott das eben vollbrachte Werk. Nur scheinbar tragen die Gerichte Gottes, die Katastrophen, die Er über Menschen und Völker verhängt, das Gepräge der Vernichtung, in Wirklichkeit soll aber bei ihnen der schmerzhafte, zerstörende Druck nur die Gewinnung des edlen Innern bewirken. Ganz wie bei der Kelterung der Trauben nicht ihre Zerstörung der Zweck des auf sie ausgeübten Druckes ist, sondern die Erhaltung, die Freilegung, das Nutzbarmachen des in ihnen verborgen getragenen köstlichen Gehaltes, so will Gott durch die Leiden, welche seine Waltung über das Einzelwesen, über Israel, über ganze Völker kommen läßt, den in ihnen befindlichen edlen Kern des Wahren und Guten aus der trübenden Schale der Verderbtheit befreien. Daher ist das Bild der Kelterung für derartige Geschicksgestaltungen in unserer heiligen Schrift ein oft dargebotenes. — Vgl. Komm. zu Ps. 8, 1. 81, 1. 84, 1, sowie Joël 4, 13, Klagel. 1, 15. — Zur Rettung der Menschheit, damit sie nicht den Streichen des Edom-Schwertes erliege, das bereits allzulange von dem Esau-Prinzip gegen das machtlose Recht und gegen die in den Staub getretene Menschenliebe gehandhabt worden, war Gottes Strafgericht notwendig und unaufschiebbar geworden, wie dies V. 4, 5 ausgeführt wird. „Es tat Gottes Herzen weh,“ heißt es 1. B. M. 6, 6, als Gott den Untergang über das entartete Menschengeschlecht verhängen mußte. Ähnlich wird auch hier zugleich mit der Notwendigkeit des Gottesgerichts betont, wie schwer seine Vollstreckung dem Allerbarmenden fiel: „Von den Völkern stand keiner zu mir,“ es war jede Aussicht geschwunden, daß dem niedergeworfenen Rechte aus dem Kreise der Menschheit ein Annehmer erstehe. ואדרכם ואדרמסם וַיֵּז, das Waw ist kein umwandelndes, sondern ein verbindendes und zeigt das hier Berichtete in dem Moment, da es noch nicht Tatsache, aber seine Ausführung zur Notwendigkeit geworden war: „Da mußte ich, so schwer es mir ward, sie niedertreten u. s. w., וַיֵּז selbst wenn es dabei unausbleiblich ist, daß u. s. w.“

רמס ist stärker als דרך, ebenso wie חמה einen höheren Grad des Zürnens bedeutet als אף. Wenn „אדרכם“ noch nicht genügt, um die Menschheit vor ihnen zu schützen, dann muß ich zu „ארמסם“ schreiten. — נצח, נצחם: Bestand und Dauer gewährende Lebenskraft, resp. Lebenssaft, das Blut. — אגאלתי ungewöhnliche Form für הגאלתי, ähnlich wie 2. Chron. 20, 35: אתחבר יהושפט für התחבר.

3
פּוּרָ֣ה ׀ דָּרַ֣כְתִּי לְבַדִּ֗י וּמֵֽעַמִּים֙ אֵֽין־אִ֣ישׁ אִתִּ֔י וְאֶדְרְכֵ֣ם בְּאַפִּ֔י וְאֶרְמְסֵ֖ם בַּחֲמָתִ֑י וְיֵ֤ז נִצְחָם֙ עַל־בְּגָדַ֔י וְכׇל־מַלְבּוּשַׁ֖י אֶגְאָֽלְתִּי׃
BernfeldDie Kelter trat ich allein, und von den Völkern war niemand mit mir; ich zertrat sie in meinem Zorn und zerstampfte sie in meinem Grimm; da spritzte ihr Saft auf mein Gewand, und all meine Kleider besudelte ich.
ZunzDie Kelter trat ich allein, und von den Völkern war Niemand mit mir, und ich zertrat sie in meinem Zorn und zerstampfte sie in meinem Grimm, und es sprützte ihr Saft auf mein Gewand, und all meine Kleider besudelte ich.
J. J. Hirsch„Die Kelter habe ich getreten, ich allein, und von den Völkern stand kein Mann zu mir. Da mußte ich sie in meinem Zürnen niedertreten und in meiner Zornesglut sie zertreten, mochte auch ihre Lebenskraft auf meine Kleider spritzen. So habe ich alle meine Gewänder befleckt!
4
כִּ֛י י֥וֹם נָקָ֖ם בְּלִבִּ֑י וּשְׁנַ֥ת גְּאוּלַ֖י בָּֽאָה׃
BernfeldDenn einen Tag der Rache [an Israels Feinden] habe ich im Sinne, und das Jahr der Erlösung [für Israel] ist gekommen.
ZunzDenn einen Tag der Rache habe ich im Herzen, und das Jahr meiner Erlösung ist gekommen.
J. J. HirschDenn den Tag der Vergeltung hatte ich im Herzen, und das Jahr der Erlösung durch mich war gekommen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4—6. כי יום נקם וגו'. S. darüber das zu Kap. 34, 8 Bemerkte. שנת גאולי kann allerdings heißen „meiner Erlösten“ und wäre dann zu interpretieren „meiner zu Erlösenden“, doch ziehen wir vor, גאולים hier als „Erlösung“ aufzufassen, ähnlich dem שנת שלומים in dem eben zitierten Verse. Die Wortbildung ist ja keine seltene: נעורים, זקונים u. s. w. — באה ist עבר, wie 1. B. M. 29, 9: ורחל באה.

ואשתומם ואביט, wie oben mit verbindendem Waw, und darum ähnlich wie oben im Sinne des Futurum zu übersetzen. ואביט und ואשתומם s. oben zu ותושע לי זרועי Kap. 59, 16. — Daß es hier וחמתי היא סמכתני heißt, während dort וצדקתי dürfte vielleicht darin seinen Grund haben, daß hier von dem Teile der von der Katastrophe des Gottesgerichts Getroffenen die Rede ist, für die selbst das ואדרכם באפי nicht von genügender Wirkung war, um in ihnen auch nur den Entschluß zum Aufgeben der die Menschheit schädigenden Prinzipien reifen zu lassen, die deshalb die ganze Wucht des göttlichen Armes bis zur völligen Vernichtung treffen mußte. Das ו in ואבום und in ואוריד und selbst in ואשכרם ist ebenso wie oben ein verbindendes, denn als umwandelndes würde letzteres mit ָ punktiert sein müssen. ואשכרם בחמתי entspricht dem oben Kap. 51, 22, 23 verkündeten „Kredenzen der Schale des göttlichen Zürnens“ an die unmenschlichen Peiniger des jüdischen Volkes.

5
וְאַבִּיט֙ וְאֵ֣ין עֹזֵ֔ר וְאֶשְׁתּוֹמֵ֖ם וְאֵ֣ין סוֹמֵ֑ךְ וַתּ֤וֹשַֽׁע־לִי֙ זְרֹעִ֔י וַחֲמָתִ֖י הִ֥יא סְמָכָֽתְנִי׃
BernfeldIch blickte umher, da war kein Beistand, und sah überrascht, dass keine Stütze war; da half mir mein Arm, und mein Grimm stützte mich.
ZunzUnd ich blickte umher, da war kein Beistand, und staunte, da war keine Stütze; da half mir mein Arm, und mein Grimm, der stützte mich.
J. J. HirschUnd wollte ich noch zuschauen, doch niemand war hilfbereit, wie ins Leere hätte ich hinausstarren müssen, ohne daß jemand sich zur Stütze bot — da half mir mein Arm, und meine Zornesglut war es, die mich bestärkte.
6
וְאָב֤וּס עַמִּים֙ בְּאַפִּ֔י וַאֲשַׁכְּרֵ֖ם בַּחֲמָתִ֑י וְאוֹרִ֥יד לָאָ֖רֶץ נִצְחָֽם׃ {ס}
BernfeldIch stampfte Völker in meinem Zorn und berauschte sie mit meinem Grimm und ließ zur Erde rinnen ihren Saft. —
ZunzUnd ich stampfte Völker in meinem Zorn und berauschte sie mit meinem Grimm, und ließ zur Erde rinnen ihren Saft. —
J. J. HirschUnd Völker mußte ich niedertreten in meinem Zürnen, sie trunken machen mit meiner Zornesglut, und ihre Lebenskraft zur Erde strömen lassen!“
7
חַֽסְדֵ֨י יְהֹוָ֤ה ׀ אַזְכִּיר֙ תְּהִלֹּ֣ת יְהֹוָ֔ה כְּעַ֕ל כֹּ֥ל אֲשֶׁר־גְּמָלָ֖נוּ יְהֹוָ֑ה וְרַב־טוּב֙ לְבֵ֣ית יִשְׂרָאֵ֔ל אֲשֶׁר־גְּמָלָ֥ם כְּֽרַחֲמָ֖יו וּכְרֹ֥ב חֲסָדָֽיו׃
BernfeldDie Huld des Herrn will ich preisen, den Ruhm des Herrn für alles, was uns der Herr erwiesen hat, und die reiche Güte für das Haus Israel, die er ihm erwiesen nach seiner Barmherzigkeit und nach der Fülle seiner Huld.
ZunzDie Huld des Ewigen will ich preisen, den Ruhm des Ewigen je nach Allem, was uns der Ewige erwiesen hat, und die reiche Güte für das Haus Jisraél, die er ihm erwiesen nach seiner Barmherzigkeit und nach der Fülle seiner Huld.
J. J. HirschDie Liebeswirkungen Gottes will ich im Gedächtnis erhalten, die Ruhmestaten Gottes entsprechend allem, was Gott uns hat reifen lassen, und wie unendlich reich an Güte für das Haus Israels er ist, so daß er ihnen hat reifen lassen nach Seinem Erbarmen und entsprechend der Fülle Seiner Liebeswirkungen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. 8. חסדי ד' אזכיר. Hatte der Prophet soeben geschaut, wie Gott, zur Rettung der Menschheit ein gigantisch emporgewachsenes Staatengebilde, das auf Grund seiner verwerflichen Prinzipien eine schwere Gefahr für sie war, untergehen lassen mußte: so beginnt er mit diesem Verse einen Hinweis auf das, was Gott in seiner Liebe bereits vor Jahrtausenden für die Menschheit getan, indem er Israel als Herold mit der Bestimmung schuf, ihr die ihr Heil und Glück für ewig sichernde Gotteswahrheit zu überbringen. Er erinnert an alle die Liebe, die Gott Israel erwiesen, um es für diesen Beruf heranzubilden, obgleich er wohl mußte, wie erst nach langem Ringen das Bewußtsein der Gotteshörigkeit, der Gotteskindschaft in seinen Angehörigen zum Durchbruch kommen werde. Er erinnert daran, im Geiste sich in die Zeitenferne versetzend und von ihrer Warte zurückschauend, wie Gott selbst ihr Volksdasein zertrümmern, sie hinaussenden mußte in die Verbannung, weil sie ihm die Treue gebrochen hatten, aber auch dort sie nicht untergehen ließ; wie erst unter der Wucht der Leiden ihr Ungehorsam ihnen zum Bewußtsein kam, und sie sich reuig zu ihrem himmlischen Vater in inbrünstigem Gebete wandten, Verzeihung und Hilfe von ihm erflehend.

Auch die Antwort Gottes macht er ihnen kund. Sie hält ihnen noch einmal die alten Verschuldungen vor, aber auch die, mit welchen Viele unter ihnen sich im Exile belastet haben. Sie verheißt denen, die sich zu mustergültiger Treue gegen Gott und sein heiliges Gesetz emporarbeiten, eine herrliche Zukunft auf der neu zu gestaltenden Erde, auf welcher Jerusalem und Israels Selbständigkeit wieder errichtet, und Segen, Gedeihen und Friede in Natur und Menschheit den Anbruch der Heileszeit offenbaren wird. Das ist, kurz zusammengefaßt, der Inhalt des wunderbar großartigen Prophetenwortes, welches mit diesem Verse beginnt und mit dem letzten des Kapitels 65 schließt.

ורב טוב וגו'. Wie unendlich reich an Güte Gott für die Seinen ist, zeigte sich darin, daß er ihnen das Geschick nicht nach ihrem Verdienste, sondern nach seinem Erbarmen reifen ließ וכרב חסדיו und nach der Fülle seiner Liebestaten.

אך עמי המה. אַךְ wie 1. B. M. 29, 14: אך עצמי ובשרי אתה, womit Laban einer Schlußfolgerung, zu der ihn das eben Gehörte berechtigen würde, entgegen tritt: Obgleich ich daraus entnehme, daß du arm bist, sollst du mir dennoch als Verwandter willkommen sein. Hier: Gott sprach bei jeder Verirrung Israels, bei jedem Treubruch, obgleich sie es nicht verdienen, bleiben sie dennoch mein Volk. Wenn die Eltern den Sinai-Eid der Treue, das „נעשה ונשמע“ gebrochen, die Kinder werden es wieder gut machen, werden ihn nicht als Lüge dastehen lassen. — Wie אמת nicht nur die logische, sondern auch die praktische Wahrheit, die Treue, bedeutet, so heißt auch שקר die Untreue, die Nichterfüllung eines gegebenen Wortes. (Komm. zu 3. B. M. 19, 11, 12.)

ויהי להם למושיע. Darum überließ er sie nicht dem verdienten Geschicke und ward ihnen zum Retter — eben um dieser in ihren Kindern erblühenden Zukunft willen.

8
וַיֹּ֙אמֶר֙ אַךְ־עַמִּ֣י הֵ֔מָּה בָּנִ֖ים לֹ֣א יְשַׁקֵּ֑רוּ וַיְהִ֥י לָהֶ֖ם לְמוֹשִֽׁיעַ׃
BernfeldDenn er sprach: Doch — mein Volk sind sie, Kinder, die nicht treulos werden; und so ward er ihnen ein Retter.
ZunzUnd er sprach: Doch — mein Volk sind sie, Kinder, die nicht lügen werden; und so ward er ihnen ein Retter.
J. J. HirschEr sprach nämlich: Dennoch bleiben sie mein Volk, die Kinder, die werden nicht treubrüchig sein — und da ward er ihnen zum Retter.
9
בְּֽכׇל־צָרָתָ֣ם ׀ (לא) [ל֣וֹ] צָ֗ר וּמַלְאַ֤ךְ פָּנָיו֙ הוֹשִׁיעָ֔ם בְּאַהֲבָת֥וֹ וּבְחֶמְלָת֖וֹ ה֣וּא גְאָלָ֑ם וַֽיְנַטְּלֵ֥ם וַֽיְנַשְּׂאֵ֖ם כׇּל־יְמֵ֥י עוֹלָֽם׃
BernfeldBei all ihrer Bedrängnis tat ihm leid, der Engel, der vor ihm stand, half ihnen, in seiner Liebe und in seiner Milde erlöste er sie und hob sie auf und trug sie immer.
ZunzBei all ihrer Bedrängniß war ihm leid, und der Engel seines Antlitzes half ihnen, in seiner Liebe und in seiner Milde erlöste er sie, und hob sie auf und trug sie all die Tage der Urzeit.
J. J. HirschWährend ihrer ganzen Bedrängnis war auch Ihm enge, aber der Bote seiner Vorsehung hat ihnen geholfen; in Seiner Liebe und Seinem Erbarmen hat Er selbst sie erlöst: So hub er sie empor und trug sie hoch alle Tage der Vergangenheit.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. בכל צרתם. Leiden ließ sie Gott, um sie für ihre hohe Aufgabe zu erziehen, obgleich durch das Leidensgeschick „seines Volkes“ der Menschheit die Macht Gottes in ihrer Waltung beschränkt erscheinen mußte (לו קרי). In Wirklichkeit (לא כתיב) war sie es nicht. Es entsprach den Absichten Gottes, daß seine Heileswaltung sich erst durch Israels Gewinnung für seine hohe Mission und alsdann durch dessen Erlösung in dem vollen ungeschmälerten Lichte ihrer ganzen Herrlichkeit zeigen sollte. — Vgl. Komm. zu Ps. 60, 7, wo auch auf diesen Vers hingewiesen und der Worte unserer Weisen (Mechilta zu 2. B. M. 12, 41): שכינה משועבדת עמהם gedacht wird. — Zeigt er sich auch nicht offen als ihr Retter, spricht der Prophet, so hat er sie doch auch bis dahin nicht verlassen:

ומלאך פניו הושיעם — פני ד' die Vorsehung, die Waltungsziele Gottes, auf die sein Auge gerichtet ist, wie wiederholt erläutert — durch den „Boten seiner Vorsehung“, durch die Schickungen seiner Waltung hat er ihnen geholfen. Gott ließ die geschichtlichen Verhältnisse der Völker, unter denen Israel leben mußte, eine derartige Wendung nehmen, daß sie auf dessen Geschick von günstiger, erhaltender Wirkung werden mußten, bis daß endlich mit seiner Liebe und seinem Erbarmen הוא גאלם „Er“ als ihr Erlöser hervortrat. So, lautet das Resumé des Propheten, enthob sie Gott ihrem Leidensgeschick, ließ sie nicht darin untergehen und trug sie hoch die ganze Zeit der Vergangenheit; er ließ sie durch seine Waltung die sittliche Höhe ihrer Bestimmung erreichen. — כל ימי עולם wie זכר ימות עולם (5. B. M. 32, 7) die Tage der Vergangenheit. — עולם heißt sowohl die Zukunft als die Vergangenheit, wie dies durch Stellen wie מן העולם ועד העולם und מהעולם ועד העולם (Ps. 41, 14. 106, 48 u. sonst) evident ist: von aller Vergangenheit bis in alle Zukunft; „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ hätte keinen denkbaren Sinn, da es doch nur eine Ewigkeit gibt. Hier schaut, wie oben bemerkt, das Auge des Propheten die Zukunft als bereits der Vergangenheit angehörend an und blickt zurück auf die erziehende, schützend waltende und endlich zum Ziele führende Liebe Gottes, wie sie sich in Israels Geschichte gezeigt hat.

Haftarah Nitzawim (Schabbat vor Rosch haSchanah) Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten und Romanioten enden hier.
Haftarah Haazinu Algier enden hier.
10
וְהֵ֛מָּה מָר֥וּ וְעִצְּב֖וּ אֶת־ר֣וּחַ קׇדְשׁ֑וֹ וַיֵּהָפֵ֥ךְ לָהֶ֛ם לְאוֹיֵ֖ב ה֥וּא נִלְחַם־בָּֽם׃
BernfeldSie aber empörten sich und kränkten seinen heiligen Geist, da wurde er ihr Feind er selbst stritt gegen sie.
ZunzSie aber empörten sich und kränkten seinen heiligen Geist, da wandelte er sich ihnen in einen Feind, er selbst stritt gegen sie.
J. J. HirschSie aber waren widerspenstig und hatten seinen heiligen Geist gekränkt, da umwandelte er sich gegen sie zum Feinde, er selbst bekämpfte sie.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. והמה וגו'. Sie dagegen waren seinem ausgesprochenen Willen gegenüber ungehorsam und hatten den Geist der Heiligkeit, mit welchem seine Thora sie erfüllen sollte und den er immer wieder durch seiner Propheten Mund (Targum Jonathan) in ihnen auffrischen ließ, zum schmerzlichen Verzicht auf das endliche Gelingen seiner Sendung gezwungen. (עצב ist das Gefühl erzwungenen Entsagens.) So mußte Gott — menschlich gesprochen — in ihnen den Feind seiner Heilsbestrebungen bekämpfen.

11
וַיִּזְכֹּ֥ר יְמֵֽי־עוֹלָ֖ם מֹשֶׁ֣ה עַמּ֑וֹ אַיֵּ֣ה ׀ הַֽמַּעֲלֵ֣ם מִיָּ֗ם אֵ֚ת רֹעֵ֣י צֹאנ֔וֹ אַיֵּ֛ה הַשָּׂ֥ם בְּקִרְבּ֖וֹ אֶת־ר֥וּחַ קׇדְשֽׁוֹ׃
BernfeldAber er gedachte der Tage der Vorzeit, als Mose sein Volk [befreite, und sprach]: Wo ist der, der sie durch das Meer führte? [Er gedachte] des Hirten seiner Schafe [und fragte]: Wo ist der, der in seine Mitte seinen heiligen Geist gelegt?
ZunzDa gedachte der Tage der Urzeit, Moscheh's, sein Volk: Wo ist er, der sie heraufgebracht aus dem Meere mit dem Hirten seiner Schafe? Wo ist, der in seine Mitte seinen heiligen Geist gelegt?
J. J. HirschDa gedachte der Tage der Vorzeit, Mosche's, sein Volk. Wo ist Er, der sie aus dem Meere emporführte mit dem Hirten seiner Schafe? Wo ist, der in sein Inneres seinen heiligen Geist legte?
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. ויזכר וגו'. Von Gottes Unwillen getroffen und in die Verbannung verwiesen, gedachte עמו sein Volk der Tage der Vorzeit, der Tage Mosche's, und sein Leidenszustand erpreßte ihm den sehnsüchtigen Wehruf nach Gott: Wo ist der u. s. w. Das Verständnis der ersten Worte dieses Verses ist nicht leicht, und das Suchen danach hat zu verschiedenen Kombinationen Anlaß gegeben. Unter ihnen gewährt uns die von uns in Übereinstimmung mit Saadia und Raschi sowie mancher neueren Kommentatoren gegebene Erklärung noch die meiste, wenn auch nicht volle Befriedigung. Nach ihr ist עמו Subjekt von ויזכר. (Jerem. 31, 1 finden wir eine Analogie für eine derartig weite Trennung des Subjekts von dem Verbum. Dort heißt es: מצא חן במדבר עם שרידי חרב הלוך להרגיעו ישראל und da ist, unserer Auffassung nach, עם und ישראל Subjekt von מצא. Vgl. Komm. zu ונח מצא חן „so Israel מצא חן במדבר“.) — את רעה mit dem Hirten seiner Herde, der sie und Mosche aus dem Meere emporführte. — בקרבו wahrscheinlich in Mosche's Innere; unmöglich jedoch ist es nicht, daß die zweite Frage Mosche gilt: Wo ist, der in Israels Mitte (בקרבו auf צאנו bezugnehmend) Seinen heiligen Geist durch Übermittlung der göttlichen Lehre zur Geltung brachte?

12
מוֹלִיךְ֙ לִימִ֣ין מֹשֶׁ֔ה זְר֖וֹעַ תִּפְאַרְתּ֑וֹ בּ֤וֹקֵֽעַ מַ֙יִם֙ מִפְּנֵיהֶ֔ם לַעֲשׂ֥וֹת ל֖וֹ שֵׁ֥ם עוֹלָֽם׃
BernfeldDer wandeln ließ zur Rechten Moses den Arm seiner Herrlichkeit, der Wasser vor ihnen spaltete — sich einen ewigen Namen zu machen;
ZunzDer wandeln ließ zur Rechten Moscheh's den Arm seiner Herrlichkeit, der Wasser vor ihnen spaltete — sich einen ewigen Namen zu machen;
J. J. HirschDer zu Mosche's Rechten den Arm Seiner Herrlichkeit mitziehen ließ, der die Wasser spaltete vor ihnen, um sich einen ewigen Namen zu machen?
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12—14. Wo ist Gottes Allmacht, die allzeit bereit war, ihren Arm Mosche's Hand zu leihen, um Israel in wunderbarer Weise zu leiten, so am Meere, so bei seiner Wüstenwanderung? מוליכם בתהמות וגו'. Das Verbum bezieht sich u. E. auch weiter auf במדבר: Der sie die Fluten hindurchführte, durch die Wüste sie führte wie ein Roß so sicher, daß sie nicht strauchelten. —

תְּנִיחֶנּוּ Hifil von נוח beruhigen, Ruhe einflößen. Das Suffix blickt auf das nachfolgende עמך hin, wie Rab. Sam. ben Melech bemerkt: Mit derselben Sorglosigkeit und Ruhe, mit der die Herde von dem Berge hinab ihrem Hirten folgt, konnte Israel sich der göttlichen Führung hingeben.

כן נהגת וגו'. So mußte die wunderbare Weise, in der du einst dein Volk durch Meer und Wüstenei führtest, der Menschheit deinen Namen in seiner strahlenden Herrlichkeit offenbaren.

13
מוֹלִיכָ֖ם בַּתְּהֹמ֑וֹת כַּסּ֥וּס בַּמִּדְבָּ֖ר לֹ֥א יִכָּשֵֽׁלוּ׃
BernfeldDer sie leitete durch die Tiefen wie ein Ross in der Wüste, dass sie nicht strauchelten?
ZunzDer sie leitete durch die Tiefen, wie ein Roß in der Wüste, nicht strauchelten sie.
J. J. HirschDer sie durch die Fluten hindurch führte, wie ein Roß durch die Wüste, daß sie nicht straucheln sollten?
14
כַּבְּהֵמָה֙ בַּבִּקְעָ֣ה תֵרֵ֔ד ר֥וּחַ יְהֹוָ֖ה תְּנִיחֶ֑נּוּ כֵּ֚ן נִהַ֣גְתָּ עַמְּךָ֔ לַעֲשׂ֥וֹת לְךָ֖ שֵׁ֥ם תִּפְאָֽרֶת׃
BernfeldWie das Vieh in das Tal herniedersteigt, brachte sie der Geist des Herrn zur Ruhe. Also führtest du dein Volk, dir einen herrlichen Namen zu machen.
ZunzWie das Vieh in das Thal herniedersteigt, brachte sie der Geist des Ewigen zur Ruhe. Also führtest du dein Volk, dir einen herrlichen Namen zu machen.
J. J. HirschWie das Vieh in die Ebene hinabsteigt, solche Ruhe wollte der Geist Gottes ihm einflößen; also hast du dein Volk geleitet, dir einen Namen der Verherrlichung zu machen.
15
הַבֵּ֤ט מִשָּׁמַ֙יִם֙ וּרְאֵ֔ה מִזְּבֻ֥ל קׇדְשְׁךָ֖ וְתִפְאַרְתֶּ֑ךָ אַיֵּ֤ה קִנְאָֽתְךָ֙ וּגְב֣וּרֹתֶ֔ךָ הֲמ֥וֹן מֵעֶ֛יךָ וְֽרַחֲמֶ֖יךָ אֵלַ֥י הִתְאַפָּֽקוּ׃
BernfeldSchaue vom Himmel und siehe aus deiner heiligen und herrlichen Wohnung: wo ist dein Eifer und deine Macht? Die Regung deines Innern und dein Erbarmen halten meinetwegen inne.
ZunzSchaue vom Himmel und siehe aus deiner heiligen und herrlichen Wohnung; wo ist dein Eifer und deine Macht? Die Regung deines Innern und dein Erbarmen — gegen mich hälten sie inne.
J. J. HirschBlicke herab vom Himmel und siehe von der Wohnstätte deiner Heiligkeit und deiner Verherrlichung! Wo sind dein Eifer und deine Allmachttaten? Die Regung deines Innern und dein Erbarmen, halten sie sich gegen mich zurück?
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15. הבט וגו' fährt Israel fort, sich in seinem Schmerze zu Gott wendend: Für die Verherrlichung deines Namens, die du durch alle deine Wundertaten eingeleitet, hast du dir auf Erden eine Stätte gegründet, dein Tempelheiligtum, um von ihm aus dein Volk und die Menschheit zu heiligen — du hast den Himmel auf Erden gründen wollen: Von diesem Gesichtspunkte aus schaue nun, wie es auf der Erde aussieht! איה קנאתך. Wo bleibt die Wahrung deines Rechts (s. oben Kap. 9, 6 das dort Erläuterte), für die du גבורותיך mit der Betätigung deiner Allmacht eintreten solltest? Und wolltest du nicht für dein Recht eintreten, „המון מעיך ורחמיך“, unmöglich ist es, daß dein Vatererbarmen, das so oft in unserem Geschicke sichtbar hervorgetreten, für uns, deine Schöpfung, nicht rege werde — o dränge es nicht zurück!

16
כִּֽי־אַתָּ֣ה אָבִ֔ינוּ כִּ֤י אַבְרָהָם֙ לֹ֣א יְדָעָ֔נוּ וְיִשְׂרָאֵ֖ל לֹ֣א יַכִּירָ֑נוּ אַתָּ֤ה יְהֹוָה֙ אָבִ֔ינוּ גֹּאֲלֵ֥נוּ מֵעוֹלָ֖ם שְׁמֶֽךָ׃
BernfeldDu bist ja unser Vater, denn Abraham weiß nicht von uns, und Israel kennt uns nicht; du, o Herr, bist unser Vater, unser Erlöser ist von Ewigkeit her dein Name.
ZunzDu bist ja unser Vater, denn Abraham weiß nicht von uns und Jisraël kennt uns nicht, du, o Ewiger, bist unser Vater, unser Erlöser ist von Ewigkeit her dein Name.
J. J. HirschDenn du bist unser Vater — denn Abraham nahm sich unser nicht an, und Israel wird uns nicht erkennen wollten. Du, o Gott, bist unser Vater, „unser Erlöser von Ewigkeit her“ ist dein Name.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. כי אתה אבינו. Du allein bist unser Vater! Denn Vater Abraham לא ידענו nahm keine Kenntnis von uns, nahm sich unser nicht an (wie ידע לכתך 5. B. M. 2,7 u. sonst), sorgte nicht für uns. Als du ihm 1. B. M. 15,13 kund machtest, welch herbes Leidensgeschick du über uns verhängen werdest, trat er nicht fürbittend für uns ein (vgl. Traktat Sabbat 89b), war er doch damals noch kinderlos. וישראל לא יכירנו (יכירנו ist Futurum, während ידענו Präteritum) Vater Israel wird in uns nicht die Kinder erkennen wollen, die er auf seinem Sterbelager mit ושמעו אל ישראל אביכם — s. Komm. zu 1. B. M. 49, 2 — so innig gebeten hatte, seinen Überlieferungen treu zu bleiben, und die ihnen nun doch untreu geworden sind. אתה ד' אבינו: Du ד', an dein Erbarmen, an deine Liebe allein wenden wir uns, du bleibst unser Vater, unser Annehmer, Verwandter, Erlöser — alles dies heißt ja גאלנו — als welchen wir dich von jeher kannten.

17
לָ֣מָּה תַתְעֵ֤נוּ יְהֹוָה֙ מִדְּרָכֶ֔יךָ תַּקְשִׁ֥יחַ לִבֵּ֖נוּ מִיִּרְאָתֶ֑ךָ שׁ֚וּב לְמַ֣עַן עֲבָדֶ֔יךָ שִׁבְטֵ֖י נַחֲלָתֶֽךָ׃
BernfeldWarum lässt du, Herr, uns abirren von deinen Wegen, lässt verstocken unser Herz gegen deine Furcht? Kehre zurück um uns, die wir deine Knechte, die Stämme deines Besitzes sind.
ZunzWarum lässest du, Ewiger, uns abirren von deinen Wegen, lässest verstocken unser Herz gegen deine Furcht? Kehre zurück um deiner Knechte willen, der Stämme deines Besitzes.
J. J. HirschWarum lässest du, o Gott, uns irre werden an deinen Wegen, machst unser Herz abwendig der Furcht vor dir? Kehre zurück deiner Diener willen, wegen der Stämme deines Erbes!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17. Die lange Dauer unseres trüben Exil-Geschickes bringt uns in Gefahr, irre zu werden an deiner Waltungsweise: d. i. דרכיך (s. הודעני נא את דרכך 2. B. M. 33, 13 u. weiter). Du bist doch ד', der Allbarmherzige, bleibst es auch dem Sünder gegenüber, bist stets bereit zu verzeihen.

תקשיח — nur hier und Job 39, 16 — von קשח, lautverw. mit קשה, das im Hifil verhärten, erschweren, schwer machen bedeutet. Dort in Job heißt הקשיח בניה ללא לה: Er verstößt seine Jungen, als wären sie nicht sein. Hier wörtlich: Du stoßest unser Herz zurück von der Gottesfurcht; d. h. der Zustand des Elends, dem du uns überlässest, verglichen mit dem Gedeihen unserer, dir abgewandten Umgebung kann uns leicht schwankend machen in der Gottesfurcht, und das liegt doch nicht in deiner Absicht. Darum שוב „kehre zurück“ — und verdienen wir deine Wiederannäherung noch nicht, so tue es um „deiner Diener“ willen, unserer Väter wegen, die dir stets die Treue gewahrt, auf daß wir wieder und dann erst recht „die Stämme deines Erbes“ werden. Wir sind ja doch unter allen von dir abgefallenen Stämmen des Menschengeschlechtes die einzigen, die dir wieder zugefallen sind und keinen anderen Herrn und Eigentümer als dich anerkennen. Vgl. Komm. zu שבט נחלתך, Ps. 74, 2.

18
לַמִּצְעָ֕ר יָרְשׁ֖וּ עַם־קׇדְשֶׁ֑ךָ צָרֵ֕ינוּ בּוֹסְס֖וּ מִקְדָּשֶֽׁךָ׃
BernfeldAuf kurze Frist hatte dein Volk das Heiligtum im Besitz; unsere Feinde zertraten dein Heiligtum.
ZunzAuf kurze Frist war dein heiliges Volk im Besitz, unsere Feinde zertraten dein Heiligthum.
J. J. HirschGar kurze Zeit nur war erbbesitzend dein heiliges Volk, aber unsere Feinde traten dein Heiligtum nieder.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 18. Es gab einmal eine Zeit, da waren wir erbbesitzend als „dein heiliges Volk.“ Unsere Bedeutung als „Boden besitzendes Volk“ bestand darin, daß wir als Mittelpunkt dein Heiligtum hatten, um uns von ihm aus „heiligen“ zu lassen. Aber, ach, gar kurz währte diese Zeit! Da zertraten, die sich als unsere Feinde gebärdeten (der Akzent auf צרינו hebt dieses Wort hervor), als Feinde unseres staatlichen Wesens dein Heiligtum. Den Gottesstaat wollten sie in uns vernichten, den Gedanken an dich austilgen, deshalb בוססו zerstampften sie dein Heiligtum. Vgl. Ps. 79 u. s. den Kommentar dazu.

19
הָיִ֗ינוּ מֵֽעוֹלָם֙ לֹא־מָשַׁ֣לְתָּ בָּ֔ם לֹֽא־נִקְרָ֥א שִׁמְךָ֖ עֲלֵיהֶ֑ם לֽוּא־קָרַ֤עְתָּ שָׁמַ֙יִם֙ יָרַ֔דְתָּ מִפָּנֶ֖יךָ הָרִ֥ים נָזֹֽלּוּ׃
BernfeldWir sind jetzt geworden, als ob du nimmer über uns geherrscht hattest, als ob nimmer dein Name auf uns genannt worden wäre, als ob du niemals den Himmel zerrissen und niedergestiegen wärest, dass die Berge zerschmolzen.
ZunzWir sind (wie solche), über die du nimmer geherrscht, über die nimmer dein Name genannt worden! Wenn du doch die Himmel zerrissest, niederstiegest, vor deinem Antlitz Berge erzitterten!
J. J. HirschGewesen sind wir! Niemals hast du über sie geherrscht, noch wird dein Name über sie genannt! O hättest du doch die Himmel zerrissen, wärest hinabgestiegen — vor deinem Angesichte wären Berge zerflossen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 19. היינו מעולם לא משלת בם לא נקרא שמך עליהם wird gewöhnlich übersetzt: „Wir sind (oder sind geworden) [wie solche], über die du nie geherrscht hast, über die dein Name nicht genannt wurde“, wobei das „wie solche“ zu subintelligieren ist. Andere übersetzen: „es ging uns, als hättest du uns nimmer beherrscht, als wären wir nie nach deinem Namen genannt“, wobei das בם und עליהם wie בנו und עלינו genommen wird. Einige lassen sogar hier in der Mitte des Verses das Kapitel endigen und teilen das לוא קרעת וגו' dem folgenden Kapitel zu, während von anderen das לוא genommen wird, als stände לו: „als hättest du nie die Himmel“ u. s. w. oder als hieße es לוא תקרע וגו'. — Nach unserer unmaßgeblichen Ansicht liegt kein Grund vor, den Satz anders als dem Wortlaute nach aufzufassen, wie dies unsere Übersetzung tut. היינו, mit רביע לגרמיה „selbständigem רביע“, läßt dieses Wort als selbständigen Satz auffassen: Gewesen sind wir! Zerstört ist unser Volksdasein, genommen ist uns der Besitz! Und doch hatten sie (צרינו) niemals vorher dir die Herrschaft über sich eingeräumt (משלת ist Präteritum), noch wird jetzt (נקרא Präs.) dein Name über sie genannt, das heißt: als Norm und Bestimmung gebend ihrem Staatenbau aufgeprägt. נקרא עליהם wie 5. B. M. 28, 10: כי שם ד' נקרא עליך und 1. Kön. 8, 43: שמך נקרא על הבית הזה und sonst.

Dem Wehruf Israels hier liegt derselbe Gedanke zu Grunde wie dem Ps. 44, 13 und weiter: „Verkaufst dein Volk für Wertloses und hast wahrlich nichts gewonnen durch ihre wiederholten Vertauschungen, d. h. an keiner der anderen Nationen, die nach und nach über uns zur Herrschaft gelangten, hast du ein besseres, gehorsameres Volk, als wir waren, erhalten“. — לוא קרעת וגו': O wärest du damals, als sie dein Heiligtum vernichteten, mit deiner Allmacht zur Erde niedergestiegen, nichts hätte dir widerstanden, bergeshoch sich dünkende Mächte wären als formlose Tropfen haltlos in den Staub gefallen!