Jeschajahu 61 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 61. V. 1—3. Wonniges Entzücken, Glückseligkeit durchdringt Jesaia bei dem Erschauen des Glückes und der Blüte seines Volkes in der herrlichen Heileszeit, deren Anbruch er soeben für es und die Menschheit verkünden durfte. Vergessen ist das Herz zerreißende Weh, welches ihn erfaßte, wenn er in prophetischer Ausschau Unglück und Jammer selbst den Feinden und Unterdrückern seines eigenen Volkes zu verkündigen hatte (s. oben Kap. 15, 5; 16, 11; 21, 3. 4), und gar erst, wenn er Verfall, Verderben, Untergang und Exil über die eigenen Brüder in näherer oder fernerer Zukunft heraufziehen sehen mußte. Vergessen sind auch die Kränkungen, die Angriffe, die Schmähungen, die er in Ausführung seiner Sendung bei denen fand, an die er mit seinen ermahnenden und warnenden Worten gesandt worden war (s. oben Kap. 50, 6); vergessen all dieser selbst empfundene Schmerz und vergessen all die den Seinen drohenden Leiden bei dem Anblick des Heiles, welches er soeben aus dem Dunkel der Zeiten strahlend heraustreten sieht.
Darum spricht er es auch aus, daß רוח אדנ' der Geist der Prophetie, mit welchem ihn „mein Herr“ seinem Dienste weihte, der Geist des allerbarmenden, liebenden Gottes מדת הרחמים war, der gerade dann, wenn er richtend waltet und Ernst und Strenge gegen den Menschen in Anwendung bringt מדת הדין, seine nie versagende Liebe offenbart, die ihn des Heiles und Segens würdig machen soll, welche der Alliebende ihm so gern spenden möchte.
Rückblickend auf seine Sendung und das Fazit aus ihr ziehend, konnte daher Jesaia von ihr aussagen, ihr Zweck sei gewesen לבשר ענוים, denen, die in selbstloser Demut sich ganz dem Willen Gottes hingeben, die Heilesbotschaft zu überbringen: daß ihr Wirken mit Erfolg gesegnet sein werde. — Die Berufung für diese Sendung wird hier mit משח als „Salbung“ bezeichnet, obgleich wir ein wirkliches „Salben“ für den Propheten nicht finden und solches nur für die Davidischen Könige und Hohenpriester bestimmt war. Das Symbol des „Salbens“ will den Gesalbten von allem anderen aussondern und ihn für den Dienst des Höchsten weihen; dieser Dienst des Höchsten bedingt die Aussonderung von allem Niederen.
שלחני לחבש וגו'. Mit dem Geiste des Trostes und der Hoffnung sollte er die gebrochenen Herzen seines niedergeworfenen Volkes neu beleben und den im Exile Schmachtenden Freiheit und Erlösung als ihnen winkendes Ziel zeigen.
פקח-קוח. Die Bedeutung von קוח ist nicht ganz sicher; meistens wird קוח wie לקוח genommen und als Bezeichnung für den gefangen Genommenen oder das als Beute — מלקוח — Genommene aufgefaßt, oder auch als Kerker, der den Gefangenen aufgenommen hat. פקח wie פקח עיניך (Daniel 9, 18) öffnen. Nach אבן עזרא wäre פקח-קוח, obgleich als zwei Worte geschrieben, nur eines, dessen Endbuchstaben verdoppelt sind, wie in אדמדם, ירקרק, dann würde es, u. E. nach, die weitgehendste Befreiung bezeichnen, ebenso wie diese Verdopplung bei den angeführten Beispielen eine Verstärkung der Farben rot und grün andeutet. Vgl. das oben zu צלצל Kap. 18, 1 Bemerkte.
לקרא שנת רצון לד' ebenso wie לשום לאבלי ציון bilden die Fortsetzung der durch שלחני eingeleiteten Mitteilung des Mandats der Sendung Jesaias. שנת רצון dürfte hier, wie שנת טובתך (Ps. 65, 12), nicht eine gerade auf ein Kalenderjahr beschränkte Zeit heißen, sondern eine anbrechende neue Zeit. Vielleicht jedoch soll, da es hier dem ויום נקם לאלקינו gegenüber steht, damit ausgedrückt werden: Welche Zeit auch immer das gewaltige Eingreifen des Gottesgerichts — לאלקינו — in das sündhafte, gottlose Getriebe der Geschichte in Anspruch nehmen werde, ehe „נקם“ die Wiederaufrichtung des zu Boden getretenen „Rechts“ erzielt ist — es ist nur ein Tag im Vergleich zu der unabsehbaren Dauer der Zeit des Wohlgefallens vor Gott, dem Allbarmherzigen לד', die sich Israel und der Menschheit dann eröffnen wird: Kurz wie der Tag der schmerzhafte Eingriff in den erkrankten Organismus, lang wie das Jahr die dadurch gewonnene Gesundheit! Gleiches dürfte auch mit dem weiter Kap. 63, 4 ausgesprochenen כי יום נקם בלבי ושנת גאולי באה gesagt sein.
לנחם כל אבלים. Allen Menschen auf weiter Gotteserde, die unter dem Druck der Verhältnisse ihr Leben vertrauern müssen, und allen, deren Seele über den Sittenverfall und das im Staube liegende Recht Trauer empfindet — ihnen allen Trost zu bringen, ward Jesaia berufen, für die um Zion Trauernden aber, noch besonders לשום וגו': festzustellen, als unwiderruflich bestimmt hinzustellen, daß לתת וגו' Gott ihnen für alles Erlittene reichsten Ersatz gewähren werde. In welcher der in den beiden vorhergehenden Kapiteln geschilderten Weise die Erlösung auch eintreffen werde — ihr Eintreffen ist feststehend; und jeden zaghaften Zweifel daran in der Brust der „um Zion Trauernden“, d. h. derjenigen, die sich um die in jüdischen Kreisen vorhandene Mißachtung der Thora härmen, zu verscheuchen, ja gar nicht aufkommen zu lassen, das bildet einen bedeutsamen Teil der Aufgabe des Propheten.
תחת, wie oben Kap. 60, 15, als Ersatz. שמן ששון, wie Ps. 45, 8, eine ששון verursachende „Weihe“. Hatte ihnen ihre Israels-Aufgabe bisher gar oft Entsagung und Trauer gebracht, so wird gerade durch sie fortan ihr Dasein wonnig erblühen. מעטה תהלה וגו'. Hatte das Galuthleid sich wie ein undurchsichtiger Schleier trübend um ihren Geist und ihr Gemüt gelegt, so werden sie jetzt erstrahlen in dem Ruhme der Gotteswaltung, die sich an ihnen offenbaren wird. Es erfüllt sich an ihnen, was 5. B. M. 26, 19 verheißen ward: ולתתך עליון על כל הגוים אשר עשה לתהלה ולשם ולתפארת „daß er dich hoch über alle Völker, die er geschaffen hat, zur Tatverkündigung, zum Namen und zur Verherrlichung hinstellen wolle“. Israels völkergeschichtliche Erscheinung soll תהלה werden: eine Offenbarung der Gotteswaltung inmitten der Menschheit u. s. w. (Komm. das.). Israels Söhne haben sich dann den Ehrentitel אילי הצדק erworben „die Starken des Rechts“, „die Helden des Zedek“. Für das göttliche Ideal des Rechts haben sie mit Heldenmut gerungen, Übermenschliches geduldet, und so ist es, das Aufblühen des Zedek, welches Gott mit der „Pflanzung“ Israels im Auge hatte, zu Gottes Verherrlichung erreicht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. חרבות עולם. Was für alle Ewigkeit dem Zustande trostlosen Ruins verfallen schien, an dessen einstigen Aufbau keine Menschenseele glauben wollte, der jüdische Staat, er wird wieder erstehen. Und die jüdischen Gemeinwesen, וחדשו ערי חרב deren Ruin Geschlecht auf Geschlecht verschuldet hatte, werden in der alten Integrität sich neu erheben.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. 6. ועמדו זרים וגו'. Von allen Seiten wird man euch unterstützen, wird bestrebt sein, euch die materiellen Sorgen zu erleichtern, damit ihr, die man als die Elite der Menschheit verehrt, euch der Aufgabe, zu der ihr berufen wurdet, als „Priester Gottes“ in der Allmenschheit mit aller Hingebung widmen könnet. משרתי אלקינו „Diener unseres Gottes“, fügen die Menschen mit bedeutsamer Betonung hinzu; wir sind glücklich, in „Gott“, der euch in so wunderbarer Weise erzogen und geleitet hat, unseren Gott verehren zu dürfen.
חיל גוים תאכלו וגו'. Man bringt euch das Beste, was man hat, entgegen und zugleich auch die Verehrung, deren ihr euch durch euer priesterliches Wirken würdig gemacht habet. Das Wort תתימרו bietet Schwierigkeit. Der Form nach stammt es von ימר ab, einer Wurzel, welche möglicherweise dem Jerem. 2, 11 vorkommenden הֲהֵימִיר גוי אל' zugrunde liegt. Ihre Bedeutung dürfte mit der von מיר tauschen, an die Stelle eines anderen treten, identisch oder ihr doch sehr ähnlich sein. Vielleicht ist hier gesagt: Bis dahin kannte man kein höheres Streben, als durch Wissenschaft und Kunst, durch Forschung und Erfindung das Geistes- und Gemütsleben, sowie das physische und Genußesleben der Menschen zu bereichern und zu verfeinern, und verehrte die, welche ihre Kräfte in den Dienst dieser Ziele stellten, als die größten Wohltäter der Menschheit. Jetzt wird man zu der Einsicht gelangen, daß alles in dieser Beziehung Gewonnene, so schätzenswert und kostbar es auch ist (vgl. das oben zu Kap. 60, 17 Bemerkte), das Glück der Welt nicht begründet hat und nicht den Wert dessen erreicht, was Israel der Menschheit mit der Gottesidee überbrachte, in der sie dauernd ihr Heil, ihr Glück und ihren Frieden findet. Fortan wird man als die größten Segensspender der Menschheit euch verehren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. תחת בשתכם משנה. Die Beschämung, der euch Gott hingab, indem er euch zu eurer Besserung in die Verbannung hinaussandte, machte man doppelt hart und schmerzhaft für euch, man mißhandelte euch mit kränkendem Hohn und Spott — וכלמה ירנו חלקם (vgl. das oben Kap. 25, 8 zu וחרפת עמו יסיר Erklärte) „Schmach ist der Juden Los!“ „Gott hat die Juden ihrer Sünden wegen dem Elend und der Schmach überwiesen, und ein Gott gefälliges Werk vollbringen wir, wenn wir ihre Schmach vergrößern!“ Das war die Parole, mit der man die niedrigsten Instinkte der Massen fanatisierte und jedes etwa sich regende menschliche Mitleid im Keime erstickte, so daß sie, in frenetischen Jubel ausbrechend, sich mordend und sengend auf die Juden stürzten. — ירנו die Futurumform bezeichnet das Gewohnheitsmäßige des Mitgeteilten.
לכן בארצם משנה יירשו. Im Anklange an das Leitmotiv der Völker „כלמה חלקם“ „Schmach ist ihr Anteil“, setzt der Prophet seine Rede, in der dritten Person von Israel sprechend, fort: „Darum soll ihr Besitz in ihrem angestammten Lande sich zu der Vater Abraham ursprünglich verheißenen Größe erweitern“ — s. das oben zu Kap. 11, 14 Erklärte —, „und ewige Freude“ sie für all das Leid und alle die Schmach, die sie zu erdulden hatten, entschädigen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. Im Zusammenhang mit dem Vorhergehenden dürfte dieser Satz sagen: Der Vorwand, man übe, indem man die Juden ihrer Rechte beraube, ein Gott gefälliges Werk, ist die größte Blasphemie. Ich, spricht Gott, liebe nur das Recht und hasse jeden Raub, selbst wenn er mir zum Opfer gereichen soll, „in majorem Dei gloriam“ geschieht. Ward es ihnen so doppelt schwer gemacht, für die ihnen anvertraute „Wahrheit“ zu wirken, so bemesse ich ihren Lohn dafür um so höher und erneuere für alle Ewigkeit den Bund, den ich mit ihnen geschlossen und trotz allem, was die Menschen Gegenteiliges behaupteten, nie gelöst habe. — פעלתם wie פעלת שכיר (3. B. M. 19, 13) der erarbeitete Lohn eines Taglöhners.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. Das wird der gesamten Menschheit zum Bewußtsein kommen in der Blüte und dem immerwährenden Gedeihen des jüdischen Volkes der Folgezeiten. Sowohl in dem internationalen Verkehr גוים, wie in dem inneren Volksleben עמים des jüdischen Staates der Zukunft wird es sich zeigen, daß Israel sich des göttlichen Segens, der ihm in reichstem Maße zuteil wird, würdig gemacht hat.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. In diese Zeit versetzt sich der Prophet und vernimmt die Worte, in welchen Israels Hochgefühl der Glückseligkeit im Dank gegen Gott zum Ausdruck gelangt, und in welchen zugleich das Bewußtsein der heiligen Pflichten, die ihm die herrliche Glücksgestaltung seines Geschickes fortan auferlegt, ausgesprochen wird. שוש אשיש בד': Das Gefühl des wonnigen Erblühens (שוש lautverw. mit ציץ Hervorbrechen der Blüte) durchdringt mich ob des Heils, das mir geworden, ich verdanke es nicht eigenem Verdienste, sondern Gott und תגל נפשי באלקי, wenn nun meine Seele in reinem Jubelakkorde erklingen kann, so ist es, weil ihre Harmonie durch den großen Meister wiederhergestellt worden, der unablässig als אלקי (מדת הדין) an ihr bessernd und wieder bessernd mit Ernst und Liebe arbeitete. כי הלבישני וגו'. Mit seiner Erziehung hat Gott mich das wahre Heil gewinnen lassen und gestaltete dann mein äußeres Geschick meiner inneren Besserung entsprechend: Glück und Segen sollten als „Gewand“ den hohen Wert des sittlichen Heils, das sie umgeben, zum Ausdruck bringen. Hat Gott so an mir gehandelt, so bleibt es meine stete Aufgabe, spricht Israel, mich dieses glänzenden Geschickes würdig zu machen. מעיל צדקה יעטני. (מעיל s. oben Kap. 59, 17.) Mein ganzes Wesen, mein Denken, mein Fühlen, mein Wirken und Handeln, insbesondere aber die „Gewänder des Heils“, meine äußere Glücksstellung, soll der Mantel der Pflichttreue umgeben, es alles soll nur in der treuen Pflichterfüllung, in die ich mich für alle Zukunft zu kleiden gelobe, zur Geltung kommen. Dieser Pflichttreue will ich priesterliche Weihe verleihen, möge sie auf die Menschheit vorbildlich wirken, um sie immer aufs neue für die ihr von Gott gegebene Bestimmung zu gewinnen.
Und die Glücksstellung, die irdischen Güter, deren mich Gott gewürdigt, will ich durch die Verwendung im Dienste der göttlichen Pflicht erst in dem Glanze ihres wahren, wirklichen Wertes erstrahlen lassen.
In ganz seltsam anmutender Art und zugleich eine Denkweise bekundend, welche der sonst üblichen geradezu widerspricht, wird hier dieser Vorsatz in einem Gleichnis ausgesprochen, das so recht den hohen sittlichen Ideengang kennzeichnet, den das Israel der Zukunft nach der Ansicht des Propheten einst sich angeeignet haben wird: כחתן יכהן וגו'. Nicht das Gewand adelt den Träger, erst die Persönlichkeit des Trägers verleiht dem Gewande und Geschmeide seinen wahren Wert und seine Bedeutung. Die צדקה, die einst Israel als מעיל (מעיל ist auch das Obergewand des Hohenpriesters, 2. B. M. 28, 4) bekleidet, gibt diesem Gewande die hohepriesterliche Weihe und bekundet, daß Israel jetzt der ihm gegebenen Bestimmung ואתם תהיו לי ממלכת כהנים (2. B. M. 19, 6) entspricht.
Das innige Verhältnis der jüdischen Gesamtheit zu Gott, das, wie bereits wiederholt bemerkt, so häufig im Bilde des Braut- und Gattenlebens dargestellt wird, verleiht der glänzenden Gestaltung des Glückszustandes Israels erst die wahre, weit hinaus leuchtende Bedeutung, den wirklichen Wert einer Morgengabe der Liebe Gottes an das ihm für alle Zukunft angehörende jüdische Volk. — מעיל צדקה entspricht dem בגדי ישע, כחתן יכהן פאר dem וככלה תעדה כליה. — Zu יעטני ist noch grammatikalisch zu bemerken: sollte es עבר sein, so müßte man, wie manche es tun, eine Radix יעט annehmen, die sonst nirgends vorkommt. Wir nehmen es als עתיד von עטה, dem auch im Kal eine transitive Bedeutung innewohnt, wie ועטך עטה (oben Kap. 22, 17). — Zu חתן und כלה ist zu erinnern, daß beide Namen nicht das Verhältnis der Personen während des „Brautstandes“ bezeichnen, sondern nur am Tage der Vermählung und der darauf folgenden Hochzeitswoche. Außerdem drücken beide Benennungen die Beziehung zu den Schwiegereltern aus: Schwiegersohn, Schwiegertochter.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. Den Worten, in welchen Israel soeben dem wonnigen Gefühl seines inneren wie äußeren Glückes Ausdruck verlieh, fügt der Prophet hinzu כי כארץ וגו': Die wundervolle Heileszeit reift heran unter dem willigen Mitwirken Israels, das endlich als ארץ, als Boden der Gotteswaltung seine — צדקה — Pflichttreue erwiesen hat, und nun prangt es unter der Pflege und Wartung und dem Schutze des großen Weltgärtners als גנה (von גנן schützen, wahren) als Gottesgarten in der herrlichen Reifeentfaltung von זרועיה (Plural), der Gottessaaten, zu seinem Heile und zum Heile der Allmenschheit. Aus ihnen ist dann erwachsen: תהלה, s. oben V. 3 zu מעטה תהלה. Israel erstrahlt in dem Tatenruhme der göttlichen Waltung, die an ihm offenbar worden, denn angesichts all der nationalen Größen vollzog sich seine Auferstehung als ein offenbares Gotteswunder!