Jeschajahu 60 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 60. V. 1—3. In der das vorhergehende Kapitel einleitenden Erläuterung — s. das. — haben wir schon bemerkt, daß unser 60. Kapitel die herrliche Eventualität in Aussicht nimmt, da Israel in der Diaspora seine Aufgabe, die Menschheit für die Huldigung Gottes und seines Sittengesetzes zu gewinnen, gelöst hat, und nun sich in wunderbarer Weise erfüllt, was der Prophet oben Kap. 2 — s. das. — als אחרית הימים, als das von der Weltgeschichte zu erreichende Ziel der göttlichen Waltung bezeichnet: „Denn von Zion soll die Lehre ausgehen und Gottes Wort von Jerusalem!“ Nicht für den kleinen Umkreis Zions allein ward die Lehre gegeben, Zion ist der Punkt, von welchem sie „ausgehen“, ihren Weg in die Menschheit nehmen soll, und das „Wort Gottes“, die Gottesverheißung, wird fortan nicht bloß in ירו-שלם den Frieden verwirklicht sehen, sondern endlich auf der weiten, weiten Gotteserde!
So sieht Jesaia hier Zion, die geistige Mutter Israels, als den Ausgangspunkt des göttlichen Lichtes der Offenbarung, כבוד ד', das nun für ewig der Menschheit aufgegangen.
בא אורך: Das Licht steht in deinem Zenit. עליך זרח: זרח, verw. mit זרע ausstreuen und auch mit זרה fortwerfen, bezeichnet den Strahlenwurf, die Morgenröte; die Sonne sendet bereits ihre Strahlen voraus. „Das ganze Bild sagt hier: wenn über Israel die Sonne Gottes leuchtet, ist dies Morgenröte für die übrigen Völker.“ (Komm. zu 5. B. M. 33, 2.) — בא in der Bedeutung „Untergang“ kommt nur im Zusammenhang mit dem Träger des Lichtes, der Sonne, vor, da bezeichnet es die Heimkehr des Sonnenballes am Abend, jedoch niemals von dem Lichte selbst, worauf schon Malbim aufmerksam macht.
כי הנה החשך וגו'. Bis dahin läßt der auf weiter Erde durch den Kampf der Leidenschaften aufwirbelnde Staub das helle Gotteslicht nicht durch, und das Miasma der Sittenlosigkeit, die in manchem Staate herrschend geworden, ballt sich zu drohendem, gewitterschwangerem Dunstgewölk — ועליך וגו' aber aus dieser Finsternis werden die Blicke der Menschen auf das von Zion aus aufleuchtende Licht gelenkt, und sie werden inne, daß es כבוד ד' Gottes Herrlichkeit, Gottes Offenbarung ist, die auch sie den Weg zum Lichte finden lassen will.
והלכו גוים לאורך ומלכים וגו'. Die Völker voran, und erst dem von ihnen gegebenen Beispiele folgend, die Könige, (s. V. 11) so treten die Menschen den Weg zum Lichte an. Es mag manchem Inhaber der Macht zuerst nicht ganz leicht werden, das seiner Herrschsucht dienende Dunkel in den Volkskreisen sich lichten zu sehen — aber dann fühlt auch er sich angezogen von dem Strahlenglanze des anbrechenden Morgenrots. (Vgl. das oben Kap. 25, 7 zu ובלע בהר הזה פני הלוט הלוט על כל העמים והמסכה הנסוכה על כל הגוים Erläuterte.) Über ערפל s. Komm. zu 5. B. M. 4, 11.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Zu dir hinauf ziehen sie alle, und allen voran deine eigenen Söhne, Zion, die dir so entfremdet gewesenen, und deine Töchter, sie haben keinen anderen Wunsch: als in dem dich krönenden Gottes-Heiligtum zu Gründerinnen und Stützen des wieder erstehenden Jakobshauses, des wahrhaft jüdischen Familienlebens herangebildet zu werden. Da es hier nicht heißt על צדך, an deiner Seite, oder dir zur Seite, wie wir übersetzten, so wagen wir folgendes als nicht unmöglich zu bemerken. Vielleicht soll על צד in dem Sinne wie „beiseite“ „nicht für die Öffentlichkeit“ ausdrücken. Es wäre dies dem כל כבודה בת מלך פנימה (Ps. 45, 14) entsprechend, oder noch besser dem בנותינו כזויות וגו' (Ps. 144, 12). Darüber heißt es dort im Kommentar: „Unsere Töchter sind wie bescheiden zurückstehende Teile eines Gebäudes, die, obgleich sie nicht für das beschauende Auge bestimmt sind, doch mit aller bildenden Kunst und Sorgfalt, wie dem Auge imponierende, das Auge fesselnde Paläste ausgearbeitet sind, von deren sorgfältig gepflegter Bildung der Beschauer um so mehr überrascht und angezogen wird, als er sie da findet, wo er sie nicht erwartet. So sind unsere Töchter nicht für die Öffentlichkeit und das öffentliche Leben, vielmehr für das zurückgezogene häusliche Stillleben bestimmt und erzogen, und haben doch in demselben und für dasselbe eine nicht minder sorgfältig gepflegte körperliche und geistige Bildung.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. אז תראי: Dann wirst du sehen. Die Lesart einiger: אז תיראי von ירא fürchten, und anderer: תראי mit einem Anklang an ירא, wird von רד"ק als irrtümlich bezeichnet, und ebenso haben Jonathan und Saadia, sowie Raschi: תראי. — ונהרת: נהר bezeichnet sowohl das Strömen des Lichtes wie des Wassers. אל תופע עליו נהרה (Job 3, 4): Lichtstrahl. הביטו אליו ונהרו (Ps. 34, 6): aufleuchten, einen Lichtstrahl empfangen, strahlen. — ופחד ורחב לבבך: Überraschung, selbst frohester Ursache, läßt das Herz erschauern, beengt es, ruhiges sich Bewußtwerden eines freudigen Ereignisses weitet es. Im vorhergehenden Satze waren die Herankommenden als Zions-Kinder angekündigt: וראי כלם וגו' בניך וגו'. Der Aufforderung וראי folgend, erkennt Zion an der Spitze der Heranziehenden ihre Kinder und steht freudestrahlend da. Der Anblick der gewaltigen Völkermenge, die als Ehrengeleit ihrer Kinder wie ein wogendes Meer sich zu ihr hinanwälzt, wirkt als Überraschung übermächtig auf Zion und läßt ihr Herz von Wonneschauer ergriffen werden, dann aber weitet es sich in innigem Bewußtsein höchsten Glückes.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. שפעת wahrscheinlich stat. constr. von שפע, denn selbst שפעת אני ראה (2. Kön. 9, 17) dürfte wie das vorhergehende שפעת יהוא stat. constr. von שפע sein, zu welchem etwa אנשים hinzuzudenken ist. Lautverwandt ist es mit שבע (s. Komm. zu 5. B. M. 33, 19: (שפע ימים וגו'). Es bezeichnet Überfluß, eine übergroße Menge. — בכרי wie בכרה קלה (Jerem. 2, 23) Kamelfüllen. Von überall kommen sie zu dir heran, um Gott zu huldigen und seinem Heiligtum ihr Köstlichstes zu weihen. ותהלות ד' יבשרו wie Ps. 40, 10: בשרתי צדק וגו': Es drängt sie, aller Welt kund zu machen, in welch wunderbarer Weise sie von dem Impuls ergriffen worden, sich Gott zu nähern: ist dies doch eine בשורה, eine Verkündigung von etwas ganz „Neuem“, daß die Menschheit sich Gott huldigend zu Füßen wirft.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. Begeisterung hat sie erfaßt, sie glauben gar nicht genügend Huldigungsopfer darbringen zu können. Hingebende Begeisterung ergreift selbst „die Widder von Nebajoth“, wie hier in herrlichem Bilde gezeichnet wird, sie wollen dir dienen, willig besteigen sie, um für dich und die dir sich anschließende Menschheit Gottes Wohlgefallen zu erringen, seinen Altar. יעלו Kal, מזבחי Akkusativ wie כי עלית משכבי אביך אז חללת יצועי עלה (1. B. M. 49, 4). — על רצון auf רצון hinstrebend, um, wegen, zum Zwecke.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. מי אלה וגו'. Treffender und kürzer läßt sich Ziel und Zweck des Exils der Kinder Zions nicht skizzieren, als es die wenigen Striche dieser Zeichnung bewirken: Die Wolke zieht dahin und spendet mit ihrem erfrischenden Naß der dürstenden Erde Gedeihen und Segen — die Taube findet auch aus weitester Entfernung von ihrem Heim den Rückweg zu ihrem Schlage, mögen auch Gebirge und Meere sie von ihm trennen, ja die Liebe zur Heimat wächst in ihr mit der Entfernung.
ונברכו בך כל משפחות האדמה (1. B. M. 12, 3) „Es sollen durch dich alle Familien des Erdbodens gesegnet werden“, das war die „Wolken-Aufgabe“, welche Israel von Vater Abraham ererbt hatte. — Den Vergleich mit der „Wolke“ so zu deuten, liegt durchaus in dem Geiste des hebräischen Sprachgedankens. Hat doch das Wort נשיא die doppelte Bedeutung: Wolke und Fürst (s. Komm. zu 1. B. M. 25, 16). Der Wolke gleich sollen die Fürsten das, was sie an Macht und Einfluß in ihrer durch ihr Volk „gehobenen“ — נשיא — Stellung gesammelt haben, für sein Gedeihen, Segen spendend, verwenden. — Diese „Wolken-Aufgabe“ hatte es nun in der Diaspora zu lösen. Es sollte die Menschheit für die von ihm hinauszutragende Gottesidee gewinnen und ihr damit zum Segen werden, ihr Glück und Heil für die Dauer begründen.
Israels Heim ist die Thora. Das Gottesgesetz ist der Boden, die Pflanzstätte תבאמו ותטעמו בהר נחלתך (2. B. M. 15, 17), in der allein es gedeihen, zur Blüte gelangen kann. Es fühlte sich beengt in seinem Heim, warf sehnsüchtige Blicke nach einem Glück da draußen, von dem es sich unendlich viel versprach, — da sandte es Gott zu seiner Erziehung und Läuterung hinaus in die Ferne, ins Exil. Die Lieblosigkeit, der es begegnete, und die Entfernung, gerade sie weckten in ihm die Liebe zur Heimat, zur Thora, und nun hat es seinen Weg zu ihr gefunden, kehrt zurück, um fortan seinen „Schlag“ nicht wieder zu verlassen. Das ist die „Tauben-Erziehung“, sie führt nun Israel zu Mutter Zion zurück. Jetzt ist Ziel und Zweck des Exils erreicht, denn
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. כי לי וגו' durch Israel ist bereits ein großer Teil der Menschen für den Weg zu Gott gewonnen, יקוו unter Betätigung ihrer ganzen Energie streben sie ihm zu. Als Huldigungsgabe wollen sie ihm sein Volk heimbringen, durch welches sie den Weg zu ihm gefunden. Und allen voran בראשנה die Tarsis-Flotte; (über אניות תרשיש siehe das oben Kap. 23, 1 Bemerkte) sie, die nur für die Förderung materieller Interessen gebaut wurde, ist jetzt zugleich in den Dienst der Huldigung Gottes gestellt. Ihre Begründer und Herren bringen wie die איים, die einzelnen Völkergruppen — כספם וזהבם — die Suffixe beziehen sich auf diese — ihr durch Handel und Verkehr erworbenes Vermögen mit, um mit ihrer Person auch dieses der Verherrlichung Gottes zu weihen. Sie bekennen ausdrücklich, daß sie die Erkenntnis Gottes Israel verdanken, welches durch das göttliche Gesetz geheiligt, d. i., zu solch hoher sittlicher Stufe emporgehoben ward.
כי פארך. Diese hohe sittliche Stellung deiner Kinder, Zion, bildet deinen höchsten Schmuck, umgibt dich mit Pracht und Herrlichkeit (das ist ja alles פאר). Sie ist das glänzende Zeugnis Gottes, daß Zweck und Ziel des Galuth zu seiner völligen Zufriedenheit erreicht ist.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10—12. ובנו בני נכר וגו'. Wie sie einst dein Staatswesen zerstörten, werden sie es jetzt wieder aufbauen, und ihre Könige werden der von dir, Zion, verkündeten Gottes-Wahrheit und deren Pflichtübung ihre Kräfte widmen und so dir helfen, in immer weiteren Kreisen deine Aufgabe zu erfüllen. Jetzt lasse ich deinen Staat, den ich einst deiner Schuld wegen zertrümmern mußte, neu erstehen — du hast dich meines רצון, meines Wohlgefallens wieder würdig gemacht.
ופתחו שעריך וגו'. Tag und Nacht geöffnet sollen deine Tore bleiben, in nicht endenwollendem Zuge strömt dir „das Heer der Völker“ zu, aber nicht in feindlicher Absicht, sondern um sich in den Dienst der von dir proklamierten Wahrheiten: des Rechts und der Humanität zu stellen. ומלכיהם נהוגים: Ihre Könige sind nicht die Führenden! Begeisterung hat die Massen ergriffen für den die Menschen adelnden Menschenberuf, dessen sittigende und erhebende Wirkung sie nun ahnen, und unaufhaltbar geht ihr Streben dem hehren, dem göttlichen Ziele zu. Ihren Königen, ihren Fürsten wird es nicht so leicht, sich von liebgewonnenen Anschauungen loszusagen — s. das oben zu V. 3 Bemerkte —, doch sie folgen dem Impulse der Menge, sie sind die „Geführten“. Daß sie aber dann mit ganzer, aufrichtiger Hingebung ihre Kraft und ihren Einfluß der Gottessache widmen werden, glaubten wir bereits in dem vorhergehenden ומלכיהם ישרתונך sehen zu dürfen.
כי הגוי והממלכה וגו'. Ist doch das Bereitsein für die Mitarbeit an der Erreichung des von Zion gewiesenen göttlichen Menschheit-Zieles die einzige Vorbedingung für den Fortbestand von Volk und Reich. והגוים חרב יחרבו. Jener künstlich gezüchtete Chauvinismus, der die Menschen-Familien bis dahin in Gegensatz zueinander zu halten bestrebt war, der ihre Habsucht, ihren Ehrgeiz, ihren Neid stets von neuem stachelte und sie zum Kampfe gegeneinander anspornte, wird dann völlig schwinden. Er war ein Mittel für die Herrschsucht einzelner Gewaltiger, um die Völker in Abhängigkeit von sich zu erhalten. Man suggerierte den Untertanen die Empfindung, sich nur glücklich fühlen zu können als Angehörige einer die anderen Nationen an Macht und Größe überragenden Großmacht; dieser falschen Vaterlandsliebe konnte man dann die schwersten Opfer zumuten. Sie war es, die den blutigsten Kriegen der Menschheit zum Vorwand und Ausgangspunkt diente. Es war dies die Politik, um deren Beseitigung der Psalmist Kap. 68, 31 Gott anfleht: גער חית קנה וגו' „Dräu, nur zurück das Schilfgetier, den Verein von Führungsmächten unter den Völker-Kälbern, der um Silberstücke sich in Schmutz erniedrigt, der von je Völker auseinander getrennt, so oft sie Annäherung wollten. (S. Komm. das.) Beseelt vom רוח הקדש spricht er, Ps. 10, 16, die Überzeugung aus, daß Gott immer König ist, zu jeder Zeit die Welt regiert und daß, wenn einst die Zeit gekommen sein werde, in der die Gottes-Herrschaft ihre allgemeine Anerkennung gefunden: — אבדו גוים מארצו, wenn erst die Erde ארצו seine Erde geworden — אבדו völlig verloren, für immer von der Erde geschwunden sein werde der Völkergegensatz, die Trennung in גוים, in sich voneinander feindlich absondernde Nationalitäten!
Hier nun verkündet dies das Gotteswort für den Eintritt der Heileszukunft: והגוים חרב יחרבו. Die die Menschheit in sich befehdende Volkskörper (גו heißt Körper) trennenden Nationalitäts-Prinzipien, welche so lange die Erde zu einem Trümmerfelde gemacht hatten (חרב heißt zertrümmern), werden nun selbst als völlig wertlos dem Trümmergeschick verfallen: Jedes גוי, jeder Volkskörper in seiner Eigenart und mit seinen besonderen Fähigkeiten wird bestrebt sein, der Menschheit-Bestimmung gerecht zu werden und für diese allein ממלכה seinen Staatenbau errichten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. Auf Zion aber erhebt sich für alle Ewigkeit als die Menschheit krönender Gottesbau der Tempel. Alle die prächtigen Bäume des Libanon eilen herbei, um seiner Wiederaufrichtung zu dienen. Über die Namen dieser Bäume s. das oben zu Kap. 41, 19 Bemerkte, wo wir auch eine Vermutung über deren Bedeutung unter allem Vorbehalt auszusprechen wagten. Wenn das dort Geäußerte nicht ganz irrig sein sollte, so dürfte auch hier etwas Ähnliches angedeutet sein: Als Repräsentanten der Menschheit, in der auch dann der Unterschied des Standes und Besitzes nicht geschwunden sein wird, kommen alle diese herrlichen Bäume, die jedoch in Größe und Kostbarkeit von einander verschieden sind, יחדו einträchtig zusammen, um gleichen Sinnes לפאר מקום מקדשי der so lange verödeten „Stätte“, wo einst „mein Heiligtum“ stand, durch dessen Wiedererrichtung auch äußerlich sichtbar zu ihrer Herrlichkeit zu verhelfen. Ihre Heiligkeit hat sie niemals eingebüßt. Ich aber, spricht Gott, אכבד werde diese Stätte zu dem verehrtesten Orte auf der Erde machen, dort wird — עיקר שכינה בתחתונים — das Göttliche seine Gegenwart auf Erden aller Menschheit dokumentieren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. והלכו אליך וגו'. Und in bezug auf dich, Zion, und deine Kinder wird die Sinnesänderung der Menschen, die bereits gegen Ende des Exils in ihrem Verhalten gegen Judentum und Judenheit so günstig hervorgetreten war, sich als eine dauernde bewähren. Hat man dich so lange gequält und unsäglich leiden lassen, um, wie man als Vorwand angab, ein vorgeblich vor tausend und mehr Jahren von deinen Vorfahren verübtes Verbrechen zu rächen, so werden jetzt בני מעניך die Söhne deiner Peiniger, um wieder gut zu machen, was ihre Väter an dir gefrevelt haben, dir ehrerbietig nahen. Allen, die mit ihrem Hohn und Spott bis in die letzte Zeit hinein dich tief kränkten und verletzten, sind die Örtlichkeiten, die dein Fuß auf deinem Martyrium-Gange betrat, geheiligte Stätten, welche sie mit Bewunderung und Hochachtung für deinen Heldenmut erfüllen, der ihnen die Erkenntnis der göttlichen Wahrheit vermittelte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15. תחת היותך וגו'. Ich wende dir, spricht Gott, die Zuneigung und Verehrung der Menschheit zu, deren Stolz und Entzücken du fortan für immer bleiben wirst. Diesen Umschwung der Anschauung und Gesinnung der Völker hast du dir verdient durch deine Veredlung und Läuterung während der Zeit, da du עזובה ושנואה ואין עובר die Verlassene und Gehaßte warst, mit welcher zu verkehren jeder sich scheute; da gerade hast du dich zu der hohen sittlichen Größe emporgearbeitet, die nun auch deine Umgebung stolz auf dich sein läßt. Vgl. das oben Kap. 6, 12 zu ורבה העזובה Bemerkte. — תחת hier: Zum Ersatz, zum Lohne, zur Entschädigung; s. Komm. zu 2. B. M. 21, 25 über die verschiedenen Bedeutungen von תחת.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 16. וינקת חלב גוים וגו'. Die Menschheit drängt es, dir, Zion, ihr Köstlichstes als Entschädigung für das, was du durch sie gelitten, und zugleich als Ausdruck ihrer Achtung und Zuneigung darzubieten. Was Könige widerrechtlich und mit dem Aufgebot ihrer ganzen Macht durch Gewalt zu erreichen strebten: Gebietserweiterung, Kostbarkeiten, Schätze und Ruhm — dir bringt man es aus freien Stücken entgegen und fühlt sich beglückt durch deine Annahme. (Vgl. das oben Kap. 11, 14 zu יחדו יבזו את בני קדם Erläuterte.) Der Gebrauch der Metapher ינק „saugen“ kennzeichnet die völlige Reinheit und Unschuld des Zuwachses an Gedeihen und Glück, dessen sich Israel nun erfreuen wird: Den Darbietenden beglückt das Spenden noch mehr als den Empfänger, wie dies unsere Weisen Pesachim 112a unter Anwendung des gleichen Bildes selbst von dem Muttergefühl des Tieres so schön ausdrücken: יותר ממה שהעגל רוצה לינק פרה רוצה להניק Mehr noch, als das Kälbchen zu saugen verlangt, wünscht die Kuh es zu säugen.
וידעת וגו'. In diesem wunderbaren Umschwung der Gesinnung der Völker gegen dich wirst du dankbar die Fürsorge Gottes erkennen als מושיעך (von ישע, verwandt mit יש), der deinem ganzen geistig-sittlichen Wesen durch seine Erziehung zum rechten „Sein“, zum wahren Heil verholfen und als אביר יעקב dir die moralische Kraft verliehen hat, dich zu so hohem Seelenadel emporzuschwingen, daß du seiner Erlösung — גואלך — würdig wurdest. — Betreffs der Auffassung von שד מלכים ist noch zu bemerken, daß u. E. nach kein Grund vorliegt, es anders zu nehmen als in allen übrigen Stellen, wo es vorkommt, insbesondere in diesem Buche 16, 4; 22, 4; 51, 19; 59, 7 und im zweitnächsten Verse dieses Kapitels: als Raub. Ähnlich auch 66, 11. Singular von שדים Brüste ist שַׁד, Threni 4, 3: גם תנין חלצו שַׁד.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17. תחת הנחשת אביא זהב וגו'. Mit dieser Heileszukunft, spricht Gott, lasse ich auch die allgemeine Lebensführung der übrigen Menschheit eine Steigerung erfahren, die mit ihrer moralischen Hebung gleichen Schritt hält. Es ist gottgefällig und adelt den Sinn der großen Denker, ihre Geisteskräfte anzustrengen und sie in den Dienst der Gesamtmenschheit zu stellen, um auch den minder Begüterten ein behagliches, glückliches, menschenwürdiges Dasein zu schaffen. Ich unterstütze sie in ihrem Streben, indem ich an die Stelle des minder Wertvollen das Wertvollere als „Naturerzeugnis“ bringe, und ihren Forschungen, das von der „Natur“ Gebotene durch die Kunst der Industrie zu veredeln, meinen Segen gebe und sie mit höchstem Erfolg kröne.
ושמתי פקדתך שלום — פקדתך wie ופקדת אלעזר (4. B. M. 4, 16 und sonst.) — Deine Aufgabe, deine Mission aber ist es und bleibt es, durch Lehre und Beispiel das Bewußtsein der ewigen Wahrheiten des Menschenheils in der Menschheit dauernd wach und rege zu erhalten, auf daß die bessere Lebenshaltung und der Reichtum sie nicht entnerve und die Begehrlichkeit sie nicht zu Streit, Hader und Krieg führe; das heißt: „deine Aufgabe lasse ich den Frieden sein!“
ונגשיך צדקה. Dich selbst aber wird das Bewußtsein der Pflicht, das in deinem Innern stets lebendige Wort der Thora zur treuen Übung der Pflicht anhalten, „antreiben“, wie dies die Bedeutung von נגש ist: Jemanden zur Erfüllung einer Verpflichtung antreiben, mit einer Forderung dringend an ihn herantreten. — Diese Gottesstimme in deiner Brust aber macht sich in doppelter Weise geltend — das sagt der Plural ונגשיך —, sie mahnt dich סור מרע und spornt dich an ועשה-טוב: „Halte dich fern von Schlechtem, meide alles, was dich zum Unrecht führen könnte!“ Das ist ihre erste mahnende Warnung. Ihr zweites „Treiberwort“ lautet: „Zögere nicht, das Gute zu tun, übe es, sobald es dir nur möglich ist.“ — ועשה-טוב ist durch Bindestrich miteinander verbunden! S. Komm. zu Ps. 34, 15. — Das nie ermüdende Walten dieser „Antreiber“ tritt in den segensreichen Zuständen zutage, welche in deinem Lande herrschen:
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18. לא ישמע וגו'. Da wird künftig nichts von חמס von Gewalt und Unrecht zu hören sein. Nicht bloß in dem näheren Umkreis des Gottesheiligtums, auch nirgends in der ganzen Ausdehnung deines Gebietes wird die Rede sein von שד ושבר: „Raub“, hier alle sozialen Verbrechen in sich begreifend, wird bei dir nicht gekannt werden, das ist die segensvolle Wirkung des „סור מרע“ warnenden נוגש. Aber auch von שבר, von dem Zusammenbruch zu Recht bestehender Zustände und Institutionen, von dem Zusammenbruch wankend gewordener Existenzen wird man nichts vernehmen; das „עשה-טוב“ des anderen נוגש spornt und treibt zu eiliger Hilfeleistung an, damit die blühenden Existenzen nicht dem Welken verfallen.
Bedarf es so im Innern deines Staates keiner besonderen Schutzmaßregeln, da Gewissenhaftigkeit ihm Frieden und Gedeihen gewährleistet, so bist du auch nach außen hin gegen jeden Angriff gefeit: וקראת ישועה חומותיך Gottes Hilfe umgibt dich als schützende Mauer, wie dies ja auch 2. B. M. 34, 24 der pflichtgetreuen jüdischen Nation verheißen war durch ולא יחמד איש את ארצך בעלתך וגו'. Und ושעריך תהלה, das Glück, die Blüte und der Friede, die aus deinen Toren einem jeden sich ihnen Nahenden leuchtend entgegenstrahlen, lassen ihn dein ganzes Sein als eine Tatoffenbarung Gottes erkennen: Deine Tore verkünden die Allmachttaten Gottes. — Ganz so wie es oben Kap. 26, 1 in dem Gott schauenden Gesange, der für die hier verkündete Heileszukunft bestimmt ist, nicht heißt ישועת ד', sondern ישועה ישית חומות וחל, so auch hier. Wir bemerkten dort bereits: Es gibt nur eine wahre Hilfe, und die ist Gottes, jede andere verdient nicht diesen Namen. — Aus ähnlichem Grunde steht in der heiligen Schrift nur in äußerst seltenen Fällen תהלת ד', sonst immer wie hier תהלה.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 19. 20. לא יהיה וגו'. Du bist dann selbst, wie es oben V. 3 heißt, von Gottes Licht überstrahlt, Völkern und Königen den Weg leuchtend, als Gottes-Licht-Träger der Menschheit aufgegangen, so wird alsdann die Sonne dir nicht mehr als Tagesgestirn zu dienen haben und nicht mehr des Mondes Abglanz für die Nächte: Gott selbst wird dir zum ewigen Lichte und zur Verherrlichung. Und diese Herrlichkeit, dieses Glück, dieser Strahlenglanz wird ewig ungetrübt bleiben. Zu Ende ist es mit den Tagen deiner Trauer. (אבל Trauer, lautverw. mit אפל Dunkel.) Durch die Gewissenhaftigkeit in der Übung aller deiner Pflichten und den treuen Gehorsam, welchen du freudig allem entgegenbringst, was dein Gott dir zur heiligen Aufgabe gemacht, schwindet jede Ursache zur Trübung deines glanzvollen Daseins. Und diese sind dir zur zweiten Natur geworden, denn
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 21. 22. ועמך כלם צדיקים dein Volk als Ganzes wie in allen seinen Gliedern hat nun die von Gott ihm als Strebeziel gesetzte sittliche Höhe erklommen, allesamt werden sie der Anforderung ihres Schöpfers in vollem Maße gerecht. לעולם ירשו ארץ. Darum nehmen sie auch in vollstem Maße Teil an der Heilesgestaltung der Erde, sind sie es doch, die in hingebendster Opferfreudigkeit an der Erreichung dieses Endzieles mitgewirkt haben. Diese Heileszukunft gewährt ihnen fortan alles, wonach die Menschheit bis dahin vergeblich gestrebt hat, vergeblich, weil sie den einzigen Faktor, der ihr alles hätte bieten können, Gott, außer Berechnung ließ — und sichert ihnen Glück, Segen, Frieden für ewige Zeit!
In unserer Erläuterung oben zu Kap. 57, 13 wiesen wir bereits auf die in dem Kapitel hier prognostizierte „beschleunigte Erlösung“ hin. S. das., wo auch auf die sonstigen Stellen, in denen ירש ארץ vorkommt, aufmerksam gemacht ist.
נצר מטעי — מעשה ידי. Diese herrliche Zukunft, welche die גאולה, die endliche Erlösung einleitet, wird mit absoluter Gewißheit eintreten. Über die beiden Möglichkeiten, in welchen die גאולה kommen kann, haben wir bereits zu Anfang des vorhergehenden Kapitels gesprochen. Hier sind sie als נצר מטעי und zwar dann אחישנה für den von unseren Weisen durch זכו bezeichneten Fall angegeben — und für den Fall לא זכו als מעשה ידי und dann בעתה eintretend genannt.
Wiederholt und wiederholt während der Exils-Periode mußte Gottes liebende Sorgfalt die Pflanzung seines Volkes erneuen. Gar manches Mal war der im Dunkel der Zeiten sorglich gewahrte und gehegte Keim der Gottessaat an das Tageslicht hervorgetreten, um sich zur knospenden Blüte zu entwickeln — aber sie vermochte die Sonne nicht zu vertragen, ihre Strahlen wirkten versengend auf sie ein, und sie verfiel dem Welken. Von neuem mußte Gott sein Pflanzungswerk beginnen! Denn es lag in Gottes Plan, daß Israel im Galuth bereits die Probe abzulegen habe, ob die Strahlen des dauernden Glückes, das seiner mit der Erlösung wartete, seine Gesetzestreue nicht gefährden würden. Dessen haben wir schon oben Kap. 49, 6 erwähnt.
Hat es diese Probe bestanden, hat es gezeigt „זכו“, daß es die גאולה „verdient“, ihrer würdig ist, dann אחישנה, dann beschleunigt sie Gott, wie dies ja seinem eigenen Wunsche aufs innigste entspricht, — sie erfolgt sofort: היום אם בקלו תשמעו (Ps. 95, 7) „heute noch, wenn ihr seiner Stimme gehorchet“.
Tief bedeutsam ist die Schreibweise: מטעו — unter Bezugnahme auf ועמך — des מטעי zu lesenden Gottesausspruchs: Sie erinnert an die ewige Wahrheit des Gedankens, daß הכל בידי שמים חוץ מיראת שמים (Berachoth 33b), daß Gott dem Menschen völlige Freiheit läßt, den Weg zum Guten zu wählen oder zu dessen Gegenteil; wendet er sich dem Reinen zu, הבא לטהר so unterstützt und hilft ihm Gott darin, מסייעין לו: In Wirklichkeit (כתיב) muß „dein Volk“ mit Ernst und Eifer an sich gearbeitet haben, die Gottessaat zur Reife zu bringen — um als נצר מטעי, als die Blüte meiner wiederholten Anpflanzungen nun in die Erscheinung (קרי) zu treten.
Den anderen Fall, daß Israel לא זכו sich noch nicht in vollem Maße der Erlösung würdig gemacht hat, und Gottes Weisheit sie dennoch bringt, weil die für sie in seinem Waltungsplan bestimmte Zeit בעתה gekommen ist, haben wir im vorhergehenden Kapitel eingehend besprochen.
Sie kommt dann als מעשה ידי „als Werk meiner Hände“. Allen unerwartet, auch Israel, das sich ihrer noch nicht würdig fühlt und dieses reumütig bekennt. Sie kommt dann, weil ohne das Eingreifen Gottes die Welt sonst dem Untergange durch das Unrecht rettungslos preisgegeben wäre. Sie kommt dann als מעשה ידי, als Werk „meiner Hände“, d. i. in Betätigung Gottes helfender, Heil bringender „Rechten“, unterstützt von der die Macht der Bösen niederwerfenden und sie selbst strafenden „Linken“. (S. auch zu Kap. 59, 16.)
In welcher Weise aber und zu welchem Zeitpunkte auch immer das Heileswerk seinen Einzug hält, — in jedem Falle ist es להתפאר eine Verherrlichung seines Schöpfers, indem es die Größe und Allmacht und die Weisheit des Weltenmeisters in ihrem ganzen majestätischen Strahlenglanze dem Verständnis der Allmenschheit nahe bringt: Die durch das Jakobsvolk in die Welt hinausgetragene Gottesidee hat den Sieg über die auf das Esauschwert sich stützende Selbstverherrlichung der Menschengröße errungen! Jetzt, da das Ziel erreicht ist, dürfte durch הקטן יהיה לאלף והצעיר לגוי עצום auf die erste Weissagung hingedeutet sein, welche Rebekka als derjenigen Stammutter einst wurde, die in ihrem Schoße die Träger der beiden einander entgegengesetzten Ideen barg: ורב יעבד צעיר (1. B. M. 25, 23). Dieses Wort hat sich nun erfüllt: Der Kleinere, der Jüngere, der Geringere, das Jakobsvolk steht in der Menschheit hochgeachtet da und angesehen als der Herold des Heiles.
Während והצעיר לגוי עצום jedenfalls eine sehr erhebliche Zunahme an Bedeutung und Stellung verkündet, verheißt הקטן יהיה לאלף sicherlich ein numerisch hohes Wachstum des heimgekehrten Jakobsvolkes. Im 5. B. M. 4, 27 heißt es, auf unser jetziges Exil hinblickend: „Es wird Gott euch unter die Nationen hin zerstreuen, ונשארתם מתי מספר בגוים וגו' und ihr werdet in geringer Anzahl bleiben unter den Völkern, wohin euch Gott führen wird.“ Dazu wird im Kommentar bemerkt: (s. das.) Wenn man die Zahl der jetzt lebenden Juden, soweit sie uns bekannt sind, betrachtet und sie mit der bei dem Untergange des jüdischen Staates als vorhanden angenommenen vergleicht, so scheint in der Tat, trotz der vielbesprochenen Geburtsvermehrung der Juden, ihre Anzahl in allen den langen Jahrhunderten des Exils stationär geblieben zu sein, und sich durch eine besondere göttliche Fügung das ונשארתם מתי מספר בגוים וגו' „ihr bleibet gering an Zahl unausgesetzt zu verwirklichen.“
In unserem Vers hier, glauben wir nun, verheißt Gott die Aufhebung seiner damaligen Verfügung und dafür segensreiches Wachstum des jüdischen Volkes, wie solches bereits Vater Abraham durch והפרתי אתך במאד מאד (1. B. M. 17, 6) — „Fruchtbarkeit in äußerst großem Maße“ — versprochen wurde, ein Versprechen, welches sich in Ägypten ja auch in וירבו ויעצמו במאד מאד (2. B. M. 1, 7) bewahrheitet hat. Die Ursache, welche die göttliche Weisheit veranlaßte, diese Verheißung durch das ונשארתם מתי מספר zeitweilig einzuschränken, ist nun beseitigt, und darum הקטן יהיה לאלף!
„אני ד'“ ist Namensunterschrift und Siegel für die unbedingte Erfüllung alles dessen, was die Reihe der vorangehenden Kapitel an Heil, Glück und Segen für Israel und die Allmenschheit verheißen hat. „Ich“ möchte das Herannahen dieser Erfüllung gerne beschleunigen, so daß ihre Ankunft noch „בעתה“ innerhalb, während der für sie als äußersten Termin anberaumten Zeit erfolgen kann — das aber liegt in eurer Hand: היום אם בקלו תשמעו! Vgl. hiermit das oben Kap. 21, 12 zu אמר שמר אתא בקר וגם לילה וגו' Erläuterte.