Jeschajahu 59 ישעיהו

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Haftarot in diesem Kapitel: Jom Kippur, Schacharit
1
הֵ֛ן לֹא־קָצְרָ֥ה יַד־יְהֹוָ֖ה מֵהוֹשִׁ֑יעַ וְלֹא־כָבְדָ֥ה אׇזְנ֖וֹ מִשְּׁמֽוֹעַ׃
BernfeldWahrlich der Arm des Herrn ist nicht zu schwach zu helfen, auch nicht sein Ohr schwer zu vernehmen [deine Bitten].
ZunzSiehe, nicht zu kurz ist der Arm des Ewigen zu helfen, und nicht schwer sein Ohr zu hören;
J. J. HirschWahrlich! Nicht zu kurz ist Gottes Hand, um zu helfen, und nicht schwerhörig sein Ohr!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 59. Bereits oben zu Kap. 57, 13 bemerkten wir, daß das Wort unserer Weisen zwei Möglichkeiten der Erlösung des jüdischen Volkes aus dem Exile und der Herbeiführung der einstigen Heileszeit kennt, welche sie in den Schlußworten des 60. Kapitels אני ד' בעתה אחישנה also ausgesprochen finden: לא זכו בעתה זכו אחישנה. Das heißt: Macht sich Israel durch sein Verhalten in der Diaspora der Erlösung nicht in vollem Maße würdig, so kommt die Erlösung dennoch, allein בעתה, infolge des von Gott der Menschheit-Entwicklung gesteckten Zieles zu der für dieses bestimmten Zeit.

Macht sich jedoch Israel der Erlösung voll würdig, so beschleunigt Gott die Erlösung vor dieser Zeit. (Vgl. Komm. zu Ps. 53.) In diesem Falle hat Israel in der Diaspora seine Aufgabe gelöst. Es ist so gebessert und geläutert worden in der Schule der Leiden und hat bereits die Probe bestanden, auch in ihm freundlicher gestalteter Geschickeslage während der Galuthzeit, Gott und seinem Gesetze die Treue so zu wahren, daß durch sein standhaftes Verhalten unter allen Verhältnissen die Augen der Menschheit auf Gott gelenkt wurden, und die Menschheit selbst sich zur Erkenntnis und Huldigung Gottes und zur Anerkennung der von Gott für sie angestrebten Ziele des Rechts und der Humanität hingezogen fühlte. Durch Israels Verdienst hat sich dieser Aufschwung zur Gottesidee in der Menschheit vollzogen, und erfüllt von Dankbarkeit gegen deren Träger und Herold, und als Huldigungsgabe für Gott, (s. oben Kap. 18, 7 und weiter Kap. 66, 20) geleitet sie Israel heim zu seinem angestammten Boden, und es erfüllt sich so das oben im zweiten Kapitel Verheißene. Von dieser Möglichkeit spricht das folgende, das 60. Kapitel.

Von dem ersteren Falle: לא זכו בעתה spricht, wenn unsere Auffassung nicht irrig, dieses 59. Kapitel. Es ist, nebenbei bemerkt soweit wir sehen können, das einzige Kapitel unseres Propheten, welches speziell diese Möglichkeit ins Auge faßt. Sein Inhalt ist, kurz zusammengefaßt, folgender:

Daß Israel bis jetzt vergeblich seiner Erlösung harrt, liegt nicht an Gott, sondern an ihm selbst. Es ist sich seiner hohen Mission noch nicht voll bewußt geworden; die Schwächen, welche seine Exulation verursachten, sind noch nicht beseitigt. (V. 1—3.) So konnte seine Lebensweise, sein Beispiel noch nicht bildend und veredelnd auf seine Umgebung einwirken, und so ist der Zweck, um dessentwillen Gott es hinaussandte noch nicht erfüllt. (V. 4.) Daß die übrige Menschheit nicht besser ist, ja in Wirklichkeit einen noch tieferen Standpunkt auf der zum göttlichen Recht und zur Humanität hinaufführenden Bahn des Heileszieles einnimmt, ja sogar zum Teil positiv sich in ausgesprochenem Gegensatz zu den göttlichen Absichten befindet und ihnen bewußt entgegen arbeitet, — das ist kein Entschuldigungsgrund für Israel, vergrößert vielmehr dessen Verantwortlichkeit für seine eigenen Verfehlungen. Bestand doch gerade seine Aufgabe darin, Verkünder und Träger der Gottesidee an die Menschheit zu sein und hätte es daher doch um so mehr untadelig fest und beispielgebend dafür dastehen müssen. (V. 5—8.)

Dieser Erkenntnis kann sich Israel nicht entziehen, es sieht ein, daß sein die Schuld ist, wenn die verheißene Erlösung auf sich warten läßt. In sich gehend, bekennt es, ihrer noch nicht würdig zu sein und all das Leid, welches es erduldet, zu verdienen. Es begreift und spricht offen aus, daß es, wenn es sich auch frei von Unrecht gegen seine Umgebung weiß, und diese durchaus keine Veranlassung hat, es so lieblos und ungerecht zu behandeln, Gott gegenüber sich noch immer nicht zu der Treue des Gehorsams emporgearbeitet habe, die Gott, von ihm zu erwarten berechtigt ist. Reuig gesteht es ein, daß bewußter Abfall und Irrlehren in seinem Volke derart um sich gegriffen haben, daß die Wahrheit zur Seltenheit geworden ist und treuer Gehorsam gegen Gott als unvernünftig betrachtet wird. Es spricht seine Überzeugung aus, daß, wie wehe es auch Gott tue, er doch nicht zu Israels Gunsten mit seinem „Gerichte“ einschreiten könne. In diesem offenen Bekenntnis, in dieser tief empfundenen Reue liegt zugleich der ernste Entschluß zur Besserung. (V. 9—15.)

Gott aber, spricht der Prophet, schaut die Menschheit-Entwicklung aus einem anderen Gesichtspunkte an, als Israel im Bewußtsein seines eigenen, nicht fehlerfreien Zustandes glaubt annehmen zu müssen: Gott hatte Israel unter die Menschheit gesandt, daß es durch sein Beispiel sie für ihre Entwicklung nach Gottes Willen gewinne, es sollte gleichsam Gott darin unterstützen. Diese Aufgabe hatte es noch nicht in dem Maße gelöst, wie es Gott von ihm erwarten konnte — darum entschloß sich Gott, auch ohne seine Mitwirkung, nur „auf die eigene Macht gestützt“, einzuschreiten im Interesse der Menschheit. Der Gedanke, daß die in der Welt herrschend gewordenen Mißstände bei längerer Andauer zu ihrem Untergange führen müßten, bestimmte Gott zu seinem sichtbaren Hervortreten. Milde, Liebe zur Menschheit waffnete Gottes Arm zum Eingriff in die Speichen des Weltgetriebes; Vaterliebe war es, mit der sich der allerbarmende Schöpfer wappnete, da er sich den Völkern in seiner, ihrem rechtlosen Treiben Einhalt gebietenden Allmacht zeigte und sie empfindlich traf. (V. 16, 17.)

Für Israel, das noch immer unter dem Druck und der Härte seiner Umgebung im Exil schmachtende Gottesvolk, bedeutet dieses Hervortreten Gottes: Befreiung und Rettung. Es empfängt damit den Lohn für sein langes Dulden, wenn es auch noch nicht voll das zur Reife gebracht hat, wofür ihm dieser Lohn zugedacht war — seine Gegner und Feinde, durch die es so viel zu leiden hatte, sind ja zugleich Gottes Feinde, wollen Gott in der Erreichung seiner Ziele beschränken und hindern, darum trifft sie Gottes ahndende Hand und führt sie mit Ernst zu ihrer Pflicht. Die mit Sturmesgewalt über sie hereinbrechenden Ereignisse treiben sie zur Gottesfurcht und zur Huldigung des Allmächtigen als des Weltenlenkers. (V. 18, 19.)

Dann kommt auch „Zion“, der geistigen Mutter Israels, die Erlösung, sie freut sich ihrer heimkehrenden Kinder, die aus dem „Abfall“ von Gott den Rückweg zu ihm gefunden als sie noch „Jakob“, noch im Exil sich befanden, die ihr Unrecht einsehen und fortan Gott und seinem Gesetze die Treue unverbrüchlich wahren werden. Daß sie aber diesen Rückweg zu Gott finden werden, daß, wie lange auch verdunkelt, der Geist des göttlichen Gesetzes mit vollstrahlendem Glanze ihr ganzes Wesen durchleuchten und sie für Gott gewinnen werde, das sichert Gott Israel wiederholt in dem letzten Satze zu, er verkündet die Ewigkeit und alles überwindende Macht unserer heiligen Thora. (V. 20, 21.)

Verfolgen wir nun den Inhalt des Kapitels im einzelnen. Es schließt sich an das vorhergehende innig an.

V. 1—3. Daß euer Galuth noch immer andauert und ihr sein Ende nicht abzusehen vermöget, das liegt nicht an eurem Gotte. Des „Allmächtigen“ Arm würde euch in jedem Augenblicke zur Freiheit verhelfen können, und wie gerne neigte er sein Ohr, euer Flehen zu erhören. An euch liegt es, ihr seid immer noch nicht genügend geläutert und veredelt. Die Erziehung, die euch das Exil gewähren sollte, ist noch nicht zu einem gedeihlichen Ende gelangt: עונתיכם (עוה heißt krümmen) ihr führet euch noch immer nicht parallel der göttlichen Lehre, וחטאותיכם und „leichten Sinnes“ entzieht ihr euch der Läuterung durch sein „Feuergesetz“. (חטא lautverw. mit חתה.) Diese Geistessünden zeigen ihre verderblichen Folgen im praktischen Leben, im Leben des Erwerbs, (כף ist die fassende Hand) כפיכם נגואלו בדם, im sozialen Verkehr; ihre schädigenden Wirkungen treten hervor in eurem Tun und Handeln, ואצבעותיכם בעון, das von der geraden Linie, welche die Thora euch vorzeichnet, abweicht.

שפתותיכם. Eure Lippen, das äußere Organ der Rede, sprechen nicht die Wahrheit aus, weil לשונכם die das Wort gestaltende Zunge (לשון von לוש kneten) unausgesetzt (das besagt die עתיד-Form תהגה) bemüht ist, es so zu fassen, daß es nichts von dem in eurem Innern geplanten Unrecht verrate.

נגואלו nach ר"דק und אבן עזרא zusammengesetzt aus Nifal und Pual von גאל. Wie von דשן und סקל die Vielform das Gegenteil der mit dem Kal ausgedrückten Bedeutung ergibt: Entaschen, Steine hinwegräumen, so bezeichnet auch גאל im Piel und dementsprechend im Pual das Gegenteil dessen, was der Kal besagt. גאל im Kal heißt, wie bereits oben zu Kap. 35, 9 bemerkt, sich jemandes aus verwandschaftlichen Beziehungen annehmen, im Piel: etwas von sich weisen, so לחם מגאל und במה גאלנוך (Maleachi 1, 7). Ebenso hier: Euer Tun entspricht nicht meinem Willen, weil es das Glück und Gedeihen eurer Nächsten beeinträchtigt. Daß דם nicht immer wirkliches Blutvergießen bedeutet, sondern die Schädigung des Mitmenschen, haben wir bereits oben zu Kap. 1, 15 bemerkt.

2
כִּ֤י אִם־עֲוֺנֹֽתֵיכֶם֙ הָי֣וּ מַבְדִּלִ֔ים בֵּינֵכֶ֕ם לְבֵ֖ין אֱלֹהֵיכֶ֑ם וְחַטֹּאותֵיכֶ֗ם הִסְתִּ֧ירוּ פָנִ֛ים מִכֶּ֖ם מִשְּׁמֽוֹעַ׃
BernfeldSondern eure Missetaten machten eine Scheidung zwischen euch und eurem Gotte, und eure Sünden haben sein Antlitz verhüllt vor euch, dass er nicht [auf euer Flehen] hörte.
ZunzSondern eure Missethaten machten eine Scheidung zwischen euch und euerm Gotte, und eure Sünden haben (sein) Antlitz verhüllt vor euch, daß er nicht hörte.
J. J. HirschVielmehr waren eure Sünden zwischen euch und eurem Gotte scheidend, und eure Verfehlungen ließen ihn das Angesicht vor euch verbergen, um nicht zu hören.
3
כִּ֤י כַפֵּיכֶם֙ נְגֹאֲל֣וּ בַדָּ֔ם וְאֶצְבְּעוֹתֵיכֶ֖ם בֶּעָוֺ֑ן שִׂפְתֽוֹתֵיכֶם֙ דִּבְּרוּ־שֶׁ֔קֶר לְשׁוֹנְכֶ֖ם עַוְלָ֥ה תֶהְגֶּֽה׃
BernfeldDenn eure Hände sind besudelt mit Blut und eure Finger mit Missetat, eure Lippen reden falsch, eure Zunge spricht Betrug aus.
ZunzDenn eure Hände sind besudelt mit Blut und eure Finger mit Missethat, eure Lippen reden falsch, eure Zunge spricht Betrug aus.
J. J. HirschDenn eure Hände sind verwerflich geworden durch Blutschuld und eure Finger durch die Sünde, eure Lippen redeten Lüge, eure Zunge ersinnt beständig Unrichtiges.
4
אֵין־קֹרֵ֣א בְצֶ֔דֶק וְאֵ֥ין נִשְׁפָּ֖ט בֶּאֱמוּנָ֑ה בָּט֤וֹחַ עַל־תֹּ֙הוּ֙ וְדַבֶּר־שָׁ֔וְא הָר֥וֹ עָמָ֖ל וְהוֹלֵ֥יד אָֽוֶן׃
BernfeldNiemand klagt mit Gerechtigkeit, und niemand rechtet mit Treue. Man vertraut auf Tand und redet falsch, gehet schwanger mit Verderben und gebärt Unheil.
ZunzNiemand ruft an mit Gerechtigkeit, und Niemand rechtet mit Treue. Man vertrauet auf Tand und redet falsch, gehet schwanger mit Verderblichem und gebiert Unheil.
J. J. HirschSo ist kein Verkünder da für das Recht, und gerichtet wird nicht nach Treue; man verläßt sich auf Unklares und redet Falsches, geht schwanger mit Unglück und gebiert Unrecht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. אין קרא בצדק: Israels Sendung ist ja erfolgt לקרא בשם ד', in der Menschheit das Bewußtsein von dem wahren Menschenberuf, das ist ja צדק, und von der wahren Beziehung des Menschen zu Gott zu wecken. (Vgl. Komm. zu 1. B. M. 4, 26.) Dies ist aber durchaus nichts anderes, als sie für „Zedek“, für die Rechtspflicht zu gewinnen. Siehe darüber das oben Kap. 41, 2 zu מי העיר ממזרח צדק Erläuterte.

Dieser Aufgabe ist es noch nicht ganz gerecht geworden. Es hatte, wenigstens in einem großen Teil seiner Mitglieder, selbst noch nicht die Festigkeit in der Übung der göttlichen Gesetze, in der unverbrüchlichen Treue gegen seine Rechtspflicht erreicht, welche es zum Herold des „Zedek“ für die Völker gemacht hätte. Nicht אמונה, nicht das treue Festhalten an dem göttlichen Ideal des Rechts ist der Maßstab, nach dem in der Welt gerichtet wird, ein, wenn auch mit der besten Absicht, selbsterklügeltes Opportunitäts-Recht gilt ihr als Norm.

בטוח על תהו וגו'. Der klare von Gott fixierte Rechtsbegriff mangelt ihr, darum verläßt sie sich auf unklare — d. i. תהו (Komm. zu 1. B. M. 1, 2) — Vorstellungen dessen, was als „Recht“ gelten soll; das danach gesprochene Urteil ist objektiv unrichtig שוא, entspricht nicht dem wahren Recht הרו עמל, erzeugt heillose Verwirrung in dem Rechtsbewußtsein der Menschen und והוליד און führt zur Geburt rechtloser Zustände in der Menschengesellschaft.

5
בֵּיצֵ֤י צִפְעוֹנִי֙ בִּקֵּ֔עוּ וְקוּרֵ֥י עַכָּבִ֖ישׁ יֶאֱרֹ֑גוּ הָאֹכֵ֤ל מִבֵּֽיצֵיהֶם֙ יָמ֔וּת וְהַזּוּרֶ֖ה תִּבָּקַ֥ע אֶפְעֶֽה׃
BernfeldBasiliskeneier brüten sie aus und Spinngewebe weben sie; wer von ihren Eiern isst, stirbt, und wird eins zertreten, bricht eine Natter hervor.
ZunzBasiliskeneier brüten sie aus und Spinngewebe weben sie; wer von ihren Eiern isset, stirbt, und wird eins zertreten, bricht eine Natter hervor.
J. J. HirschSie brüten Basilisken-Eier aus, und Spinngewebe ist, was sie anzetteln— wer von ihren Eiern genießt, stirbt, und das zerdrückte Ei spaltet sich für eine Viper.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5—8. Die zu der Zeit, auf welche der Prophet hinblickt, herrschenden trüben Verhältnisse schildern diese Verse in scharf skizzierten Bildern. Er berichtet von ihnen rückschauend in erzählender Weise. Daß sich seine Worte auf die Israel umgebenden Völker beziehen und nicht auf Israel selbst, geht schon daraus hervor, daß das Gotteswort, das in den ersten Versen zu Israel und demgemäß in der zweiten Person sprach, in diesen Versen in der dritten Person redet.

ביצי צפעוני וגו'. Unrecht ist's, worauf sie sinnen und Verderben, was sie ausbrüten; gleich Spinnen weben sie ihre Netze, um ihre Opfer darin zu verstricken und zu vernichten. — Nebenbei bemerkt, gibt es, nach unserer Auffassung mancher vierbuchstabiger Worte, keine treffendere Bezeichnung für Spinne als עכביש. Wir halten dieses Wort nämlich für zusammengesetzt von עכב und כבש: עכב heißt (im Rabbinischen) zurückhalten, stören, hindern, כבש überwältigen, bezwingen. Die Spinne webt ihr Netz, um in seinen Maschen Insekten, die mit ihm in Berührung kommen, festzuhalten und am Weiterfliegen zu hindern, und dann überwältigt sie die wehrlos gewordenen und saugt sie aus. — האכל מביציהם וגו' geht auf צפעוני zurück. Wer in gutem Glauben an ihre Aufrichtigkeit an ihren Bestrebungen teilnimmt, dessen sittliches und seelisches Leben wird vernichtet. Merkt er das Verwerfliche dessen, was sie brüten und will sich seiner mit aller Kraft erwehren, so entschlüpft dem anscheinend so harmlosen Ei eine giftgeschwollene Schlange, die ihn mit ihrem Hasse bis in den Tod verfolgt. — וְהַזורֶה von זור zerdrücken, ausdrücken, wie oben Kap. 1, 6: לא זרו mit ֶ statt mit ָ, wie Secharja 5, 4.: וְלָנֶה בתוך ביתו statt וְלָנָה. Nach anderen ist es von זרה, wie 4. B. M. 17, 2: ואת האש זרה הלאה, fortwerfen. — אפעה wahrscheinlich Viper, siehe oben Kap. 30, 6.

קוריהם וגו'. Was sie anzetteln, fördert keines Menschen Glück, selbst nicht äußerlich, wie dies ja in dem Worte לבגד liegt. Aber für die Dauer vermögen auch sie nicht mit allen ihren „Machenschaften“, so gekünstelt sie auch sind, ihre eigene Blöße zu bedecken — die rohe Gewalt und die verbrecherische Willkür kommt durch ihr fadenscheiniges Gewebe zum Vorschein.

רגליהם וגו'. Geht doch ihr ganzes Streben auf nichts anderes, als „Böses“ zu tun, und sie haben ihre Freude am Vergießen unschuldigen Blutes.

מחשבתיהם וגו'. Was sie im geheimen, in ihrem verderbten Innern ausklügeln, ist nichts als Unrecht, und was sie dann offen auf ihren Straßen, במסלותם, wenn sie ihre Bahn für offen, für geebnet halten, verüben, ist dann Verderben und Umsturz aller bestehenden Verhältnisse.

דרך שלום וגו'. Ihnen ist die Vorstellung, daß man auf friedlichem Wege, redlich handelnd, vorwärts kommen kann, völlig abhanden gekommen, ja sie haben förmlich den Geschmack an allem Geraden verloren — „krumm“ muß der Weg sein, um, nach ihrer Meinung, zum Ziele zu führen. כל דרך בה וגו'. Daß auf diese Weise in die Menschen-Gesellschaft der Friede nicht einziehen kann, ist selbstverständlich.

6
קֽוּרֵיהֶם֙ לֹֽא־יִהְי֣וּ לְבֶ֔גֶד וְלֹ֥א יִתְכַּסּ֖וּ בְּמַעֲשֵׂיהֶ֑ם מַֽעֲשֵׂיהֶם֙ מַֽעֲשֵׂי־אָ֔וֶן וּפֹ֥עַל חָמָ֖ס בְּכַפֵּיהֶֽם׃
BernfeldIhr Gewebe taugt nicht zum Kleide, und hüllen können sie sich nicht in ihre Werke; ihre Werke sind Werke des Unheils, und geraubtes Gut ist in ihren Händen.
ZunzIhre Gewebe taugen nicht zum Kleide, und hüllen können sie sich nicht in ihre Werke; ihre Werke sind Werke des Unheils, und Gewaltthat ist in ihren Händen.
J. J. HirschIhre Gespinnste werden nicht zum Gewande, sie selbst können sich nicht mit ihren Machenschaften decken; ihre Machenschaften sind Werke des Unrechts, und Gewalt-üben liegt ihnen in den Händen.
7
רַגְלֵיהֶם֙ לָרַ֣ע יָרֻ֔צוּ וִֽימַהֲר֔וּ לִשְׁפֹּ֖ךְ דָּ֣ם נָקִ֑י מַחְשְׁבֹֽתֵיהֶם֙ מַחְשְׁב֣וֹת אָ֔וֶן שֹׁ֥ד וָשֶׁ֖בֶר בִּמְסִלּוֹתָֽם׃
BernfeldIhre Füße laufen zum Bösen, sie eilen, unschuldiges Blut zu vergießen; ihre Gedanken sind Gedanken des Unheils, Verderben und Unglück ist auf ihren Straßen.
ZunzIhre Füße laufen zum Bösen, und eilen, unschuldiges Blut zu vergießen; ihre Gedanken sind Gedanken des Unheils, Verderben und Untergang ist auf ihren Straßen.
J. J. HirschIhre Füße laufen dem Schlechten nach, und sie haben es eilig, schuldloses Blut zu vergießen, ihre Gedanken planen Unrecht, Verheerung und Bruch sind auf ihren Bahnen.
8
דֶּ֤רֶךְ שָׁלוֹם֙ לֹ֣א יָדָ֔עוּ וְאֵ֥ין מִשְׁפָּ֖ט בְּמַעְגְּלוֹתָ֑ם נְתִיבֽוֹתֵיהֶם֙ עִקְּשׁ֣וּ לָהֶ֔ם כֹּ֚ל דֹּרֵ֣ךְ בָּ֔הּ לֹ֥א יָדַ֖ע שָׁלֽוֹם׃
BernfeldDen Weg des Friedens kennen sie nicht, und kein Recht ist auf ihren Geleisen; ihre Pfade machen sie sich krumm; wer sie betritt, kennt den Frieden nicht.
ZunzDen Weg des Friedens kennen sie nicht, und kein Recht ist auf ihren Geleisen; ihre Pfade machen sie sich krumm, wer sie betritt, kennt den Frieden nicht.
J. J. HirschDen Weg des Friedens kennen sie nicht, und Recht ist nicht in ihren Geleisen; was ihnen gerader Weg sein sollte, das machen sie sich selbst krumm — wer ihn betritt, hat den Frieden nicht kennen gelernt.
9
עַל־כֵּ֗ן רָחַ֤ק מִשְׁפָּט֙ מִמֶּ֔נּוּ וְלֹ֥א תַשִּׂיגֵ֖נוּ צְדָקָ֑ה נְקַוֶּ֤ה לָאוֹר֙ וְהִנֵּה־חֹ֔שֶׁךְ לִנְגֹה֖וֹת בָּאֲפֵל֥וֹת נְהַלֵּֽךְ׃
BernfeldDarum ist fern von uns das Recht und erreicht uns nicht das Heil; hoffen wir auf Licht, da bleibt Finsternis, auf Helle — im Dunkeln wandeln wir.
ZunzDarum ist fern von uns das Recht, und erreicht uns nicht das Heil; hoffen wir auf Licht und siehe da, Finsterniß, auf Helle — im Dunkeln wandeln wir.
J. J. Hirsch„Deshalb ist das Recht uns fern geblieben, und die Milde wird uns nicht erreichen, hoffen wir auf Licht und es herrscht Finsternis, auf allgemeine Erleuchtung und müssen in allseitiger Dunkelheit einhergehen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. In diesen so sehr im argen liegenden Rechtsverhältnissen der Menschheit sieht Israel auch den Grund, weshalb das ihm von den Menschen gebührende Recht (משפט הכהנים, 5. B. M. 18, 3) noch immer der Verwirklichung harrt. Es erkennt aber auch ולא תשיגנו צדקה, daß es selbst sich noch nicht genügend Gott genähert habe, um von seiner Milde erreicht zu werden. Es sieht ein, daß es seiner Aufgabe, der Menschheit das Beispiel treuesten Gehorsams gegen Gott zu geben, nicht voll entsprochen habe und bekennt damit gewissermaßen seine Mitschuld an dem getrübten Rechtsbewußtsein seiner Umgebung. Darum — das על כן bezieht sich auf נקוה וגו' — will sich auch das Dunkel seines Geschickes noch immer nicht lichten — und selbst von einer sogenannten „allgemeinen Aufklärung“ לנגהות (Plural) hat es nichts zu erhoffen, באפלות (Plural) es muß seinen Weg fortsetzen, von allen Seiten mit Dunkelheit umgeben!

10
נְגַשְׁשָׁ֤ה כַֽעִוְרִים֙ קִ֔יר וּכְאֵ֥ין עֵינַ֖יִם נְגַשֵּׁ֑שָׁה כָּשַׁ֤לְנוּ בַֽצׇּהֳרַ֙יִם֙ כַּנֶּ֔שֶׁף בָּאַשְׁמַנִּ֖ים כַּמֵּתִֽים׃
BernfeldWir tappen gleich Blinden an der Wand, und wie einer ohne Augen tasten wir; wir straucheln am Mittag wie in der Dämmerung, bei gesundem Leibe sind wir Toten gleich.
ZunzWir tappen gleich Blinden an der Wand, und wie einer ohne Augen tasten wir; wir straucheln am Mittag, wie in der Dämmerung, (sind) in der Finsterniß Todten gleich.
J. J. Hirsch„Blinden gleich tasten wir nach der Wand, und als ob keine Augen da wären, müssen wir uns durchtasten, wir straucheln am Mittag, als ob wir in der Dämmerung wären, unter von Gesundheit Strotzenden wie Tote.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. נגששה כעורים קיר. Vergebens sucht es sich zurecht zu finden, Blinden gleich tastet es nach der Wand — und mitleidslos, וכאין עינים „als ob sie keine Augen hätte“, läßt seine Umgebung es im Finstern tappen und nimmt sich seiner nicht hilfreich an. כשלנו וגו'. So kommt es, obgleich ringsum die Sonne hell scheint, zu Fall und liegt unter lauter von Gesundheit und Lebenslust Strotzenden wie eine Leiche da. —

נגששה kommt sonst nicht wieder vor, wahrscheinlich von גוש, die Scholle, Job 7, 5: גוש עפר nach etwas Festem tasten. — אשמנים. Nach der Ansicht vieler: Dunkelheit oder Gräber. Wir neigen der von Raschi mitgeteilten Ansicht von דונש zu, die auch אבן עזרא als möglich hinstellt, daß das א vorgesetzt ist, wie z. B. in דרך האתרים (4. B. M. 21, 1), und die Bedeutung des Wortes in שמן zu suchen sei; שמן aber heißt nicht nur „fett“, sondern, in ähnlicher Weise wie בריא „feist“ und „gesund“ bezeichnet, auch „gesund“, wie wir bereits oben zu Kap. 25, 6 erläuterten.

11
נֶהֱמֶ֤ה כַדֻּבִּים֙ כֻּלָּ֔נוּ וְכַיּוֹנִ֖ים הָגֹ֣ה נֶהְגֶּ֑ה נְקַוֶּ֤ה לַמִּשְׁפָּט֙ וָאַ֔יִן לִישׁוּעָ֖ה רָחֲקָ֥ה מִמֶּֽנּוּ׃
BernfeldWir brummen alle wie die Bären, und wie die Tauben girren wir; wir hoffen auf Recht, und es ist nicht da, auf Hilfe, aber sie ist fern von uns.
ZunzWir brüllen, gleich Bären allesammt, und gleich Tauben girren wir, hoffen auf Recht, und es ist nicht da, auf Hülfe, — fern ist sie von uns.
J. J. Hirsch„Ob wir alle wie die Bären brummen oder wie die Tauben girren, hoffen wir auf Recht, so ist es nicht da, auf Hilfe, — die hat sich noch von uns entfernt!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. נהמה וגו'. Wie immer Israel sich benimmt, es ist stets übel daran! Macht es, in gerechter Entrüstung über das ihm von seiner Umgebung zugefügte Unrecht, seinem Unwillen Luft und verlangt laut sein Recht, so findet es keines. Bleibt es trotz aller Unbill sanftmütig wie die Taube und fleht in herzerschütterndem Klageton um Erleichterung seines schweren Geschickes, — so wendet man, seiner Sanftmut als „Feigheit“ spottend, ihm verächtlich den Rücken, und die Aussicht auf Hilfe ist in unabsehbare Ferne gerückt.

12
כִּֽי־רַבּ֤וּ פְשָׁעֵ֙ינוּ֙ נֶגְדֶּ֔ךָ וְחַטֹּאותֵ֖ינוּ עָ֣נְתָה בָּ֑נוּ כִּֽי־פְשָׁעֵ֣ינוּ אִתָּ֔נוּ וַעֲוֺנֹתֵ֖ינוּ יְדַעֲנֽוּם׃
BernfeldDenn viel sind unsere Verbrechen vor deinem Angesicht, und unsere Sünden zeugen wider uns; denn unsere Verbrechen sind vor uns, und unsere Missetaten kennen wir.
ZunzDenn viel sind unsere Verbrechen vor deinem Angesichte, und unsere Sünden zeugen wider uns; denn unserer Verbrechen sind wir inne, und unsere Missethaten — wir kennen sie.
J. J. Hirsch„Weil unserer Verbrechen dir gegenüber viele waren und die ganze Summe unserer Sünden wider uns zeugte, weil unsere Verbrechen noch bei uns sind und unsere Vergehen — wir haben sie nun erkannt:
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. Weiß sich auch Israel der Menschheit gegenüber von jeder Schuld frei, die ihr die Berechtigung zu solch schmählicher Behandlung seiner in der Diaspora lebenden Söhne hätte geben können — so erblickt es dennoch die wahre Ursache seiner trüben Lage in dem Mangel seiner Treue gegen Gott und sein heiliges Gesetz, und in aufrichtiger Reue spricht es das Bekenntnis aus: כי רבו פשעינו נגדך. Gegen dich haben wir uns vergangen, in freveltlichem Ungehorsam uns versündigt, וחטאותינו — Plural und ענתה, מלא ו', Singular — und die Gesamtsumme unserer Verfehlungen, die durch Mangel an ernstem Pflichtbewußtsein begangen wurden, (חטאה), zeugte vernichtend gegen uns; so war es in der Vergangenheit, das trieb uns ins Exil. Aber auch jetzt haben wir uns noch nicht von dem Abfall der Vergangenheit gänzlich frei gemacht: פשעינו אתנו dieser Abfall ist noch „in uns“; und daß unsere Lebensführung noch immer nicht parallel mit deiner heiligen Lehre läuft — עון die Krümme, die Abweichung von der geraden Linie —, ידענום das haben wir jetzt erkannt und bekennen reuig die einzelnen Phasen unserer Verschuldung:

13
פָּשֹׁ֤עַ וְכַחֵשׁ֙ בַּֽיהֹוָ֔ה וְנָס֖וֹג מֵאַחַ֣ר אֱלֹהֵ֑ינוּ דַּבֶּר־עֹ֣שֶׁק וְסָרָ֔ה הֹר֧וֹ וְהֹג֛וֹ מִלֵּ֖ב דִּבְרֵי־שָֽׁקֶר׃
BernfeldWir fielen ab und verleugneten den Herrn und wichen zurück von unserm Gotte, wir redeten Gewalttat und Abfall, das Herz ging schwanger und gebar Worte der Lüge.
ZunzWir fielen ab und verleugneten den Ewigen, und wichen zurück von unserm Gotte, redeten Bedrückung und Abfall, schwanger ging und gebar das Herz Worte der Lüge.
J. J. Hirsch„Empörung und Verleugnung gegen Gott und Zurückbleiben in der Nachfolge unseres Gottes, Gehorsamsweigerung und Abfall-Predigen, Lehren und Ersinnen aus dem eigenen Herzen Worte der Lüge:
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. פשע: (Verbalsubstantiv oder Infinitiv, wie die übrigen Verba dieses Satzes, um die häufige Wiederkehr oder die Fortdauer des Gesagten auszudrücken) Bewußter Abfall, Empörung gegen Gottes Willen, dessen Herrschaft man sich entziehen will, wie dies פשע häufig bezeichnet, wenn es mit ב' konstruiert ist, was hier der Fall, da das ב' in בד' auch zu פשע gehört.

וכחש בד': כחש ב heißt, wenn das ב sich auf eine Person bezieht, derselben eine berechtigte Forderung ableugnen. Nach der ethymologischen Erklärung im Kommentar zu 3. B. M. 5, 21 dürfte כחש — verwandt mit כעס, das die wirkliche und begründete Entrüstung über eine uns gegenüber gezeigte oder geäußerte Ungebühr bedeutet, — die erkünstelte Entrüstung ausdrücken, durch welche wir eine an uns gestellte berechtigte Zumutung als Ungebühr zurückweisen. Danach würde unser Vers sagen: Man weist die Forderungen, welche die Thora an unser persönliches Leben stellt, in erkünstelter Entrüstung als unmöglich zurück — „der große, allmächtige Schöpfer und Leiter des Universums, der Lenker der Weltgeschichte, der sollte sich darum kümmern, wie ich mich nähre und kleide, wann ich arbeite, wann ich ruhe, er sollte sich erniedrigen, in die intimsten Geschehnisse meines Ehelebens hineinzublicken und sie regeln zu wollen — das zu behaupten ist einfach absurd!“ Als Konsequenz ergibt sich dann

ונסוג מאחר אלק' ein immer weiteres Zurückbleiben in der Nachfolge Gottes, denn die Entfernung, die uns von אלקינו „unserem Gott“ trennt, der angeblich „unser Leben“ seiner Beurteilung unterzieht, vergrößert sich immer mehr. Heute ist es diese Vorschrift, die unmöglich von „ihm“ herrühren kann, morgen jene!

דבר עשק וסרה. Man begnügt sich nicht damit, so die eigene Persönlichkeit der Führung Gottes zu entziehen, man will auch andere der gleichen „Emanzipation“ teilhaftig werden lassen. עשק heißt: jemandem etwas vorenthalten, etwas verweigern; דבר עשק er bewirkt durch sein Reden, daß andere Gott den schuldigen Gehorsam verweigern, er predigt den Ungehorsam und veranlaßt damit auch bei ihnen סרה den Abfall von Gott.

So die einzelnen, aber eine noch größere Schuld haben viele von denen auf sich geladen, die berufen waren oder sich für berufen hielten, Lehrer und Leiter unseres Volkes zu sein. (הרו והגו wie הרה und הגה, statt des ה des Infinitivs ein ו.) Sie sahen, welche Schwierigkeiten die Zeitverhältnisse der strikten Beobachtung der göttlichen Gesetze entgegen brachten, und wie gar mancher unserer heiligen Thora für immer den Rücken wandte und von dem angestammten „Glauben der Väter“ abfiel. Statt nun durch Ermahnung zum treuen Gehorsam die ihrer Leitung Anvertrauten der Thora zu erhalten, wie es sonst geschehen — denn zu keiner Zeit der Diaspora war es leicht, ein gesetzestreuer Jude zu sein —, wähnten sie der gänzlichen Verleugnung der „Religion“ Einhalt tun zu können, wenn sie die göttliche Satzung, die Thora, mit dem Abfall der jüdischen Zeitgenossen in Einklang brachten. Sie deuteten das Gotteswort, das schriftlich oder das mündlich überlieferte, willkürlich, eskamotierten aus ihm die ewige Wahrheit heraus und interpretierten das Erzeugnis ihrer eigenen Erdichtung in unsere heilige Thora hinein. Da waren, was sie lehrten, nichts anderes als דברי שקר Worte der Lüge! Die Radix vom תורה ist הרה.

14
וְהֻסַּ֤ג אָחוֹר֙ מִשְׁפָּ֔ט וּצְדָקָ֖ה מֵרָח֣וֹק תַּעֲמֹ֑ד כִּֽי־כָשְׁלָ֤ה בָֽרְחוֹב֙ אֱמֶ֔ת וּנְכֹחָ֖ה לֹא־תוּכַ֥ל לָבֽוֹא׃ {ס}
BernfeldZurückgedrängt wurde das Recht und die Gerechtigkeit blieb fern; denn es strauchelte auf der Straße die Wahrheit, und die Rechtschaffenheit fand keinen Eingang.
ZunzUnd zurückgedrängt wird das Recht und Gerechtigkeit steht von fern; denn es strauchelt auf der Straße die Wahrheit, und die Rechtschaffenheit findet keinen Eingang.
J. J. Hirsch„so ward das Gericht zurückgedrängt, und die Milde muß von ferne stehen bleiben, denn auf der Straße mußte die Wahrheit straucheln, so daß die Geradheit nicht kommen kann.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. So, fährt Israel fort, haben wir selbst das uns verheißene Einschreiten Gottes gegen unsere Feinde durch unsere Schuld in unabsehbare Ferne gerückt und versperren der uns zugedachten Milde den Eintritt in unsere Kreise, in denen die göttliche Wahrheit zu Fall kommt und dem geraden Wandel nach dem Worte unserer heiligen Lehre den Weg verlegt.

15
וַתְּהִ֤י הָאֱמֶת֙ נֶעְדֶּ֔רֶת וְסָ֥ר מֵרָ֖ע מִשְׁתּוֹלֵ֑ל וַיַּ֧רְא יְהֹוָ֛ה וַיֵּ֥רַע בְּעֵינָ֖יו כִּי־אֵ֥ין מִשְׁפָּֽט׃
BernfeldDie Wahrheit wurde vermisst, und wer vom Bösen wich, galt für toll. Der Herr sah es und es missfiel ihm, dass kein Recht da war.
ZunzUnd die Wahrheit wird vermißt, und wer vom Bösen weicht, gilt für toll. Und der Ewige sah es und es mißfiel in seinen Augen, daß kein Recht da ist.
J. J. Hirsch„Da mußte die Wahrheit ausbleiben, und es ward wer das Schlechte meidet, zum Geistesgestörten. Da sah Gott ein, so leid es auch in seinen Augen war, daß das Gericht nicht sein kann.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15. נעדרת wie oben Kap. 40, 26: איש לא נעדר: die Wahrheit ward so gezwungen, fern zu bleiben. — משתולל, von שלל Raub, der Sinnesberaubte, Geisteszerrüttete, wie Micha 1, 8: אלכה שולל und Job 12, 17 und 19. Als geistig defekt ward angeschaut, wer einen Wunsch, eine Neigung unterdrückte, auf einen Gewinn oder Genuß verzichtete, weil sie der göttlichen Lehre zuwider seien und bei Gott als etwas „Böses“ gelten.

Von tiefster Reue erfüllt, schließt Israel sein Bekenntnis mit dem Ausdruck der Überzeugung, daß, so schmerzlich es auch dem allbarmherzigen Gotte sein müsse, er sein Einschreiten zu Gunsten Israels unter diesen Umständen aufschieben müsse. — Wir glauben וירע בעיניו als eingeschobenen Satz nehmen zu dürfen.

16
וַיַּרְא֙ כִּֽי־אֵ֣ין אִ֔ישׁ וַיִּשְׁתּוֹמֵ֖ם כִּ֣י אֵ֣ין מַפְגִּ֑יעַ וַתּ֤וֹשַֽׁע־לוֹ֙ זְרֹע֔וֹ וְצִדְקָת֖וֹ הִ֥יא סְמָכָֽתְהוּ׃
BernfeldEr sah, dass kein [gerechter] Mann da war, er staunte, dass niemand da zurechtwies. Da half ihm seine Macht [Gerechtigkeit einzusetzen], und seine Gerechtigkeit stützte ihn.
ZunzUnd er sah, daß kein Mann da ist, und staunte, daß kein Vertreter da ist; da half ihm sein Arm, und seine Gerechtigkeit — sie stützte ihn.
J. J. HirschEr sah, daß es noch nicht Mann war, und wie ins Leere starrte er hinaus, weil kein Annehmer vorhanden, da half sich sein Arm selbst, und seine Milde war es, die ihn bestärkte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. Das nun Folgende sind die Worte des Propheten, der das Zukünftige als bereits eingetreten schaut und berichtet. Israel allerdings mußte, im Bewußtsein, daß es seine Aufgabe noch nicht gelöst hatte, sich seiner Erlösung noch nicht für würdig schätzen und durfte sie nicht jetzt erwarten. Gerade an das von ihm ausgesprochene וירא ד' knüpft der Prophet an: Das sah freilich Gott und sah das bestätigt, was V. 4 bereits ausgesprochen ist אין קורא בצדק, die Mitarbeiterschaft an der Erreichung seiner Ziele, für welche er Israel unter die Völker hinausgesandt hatte, war noch nicht geleistet — Gott sah also, menschlich gesprochen, daß er auf Israels Mitwirkung für ein sofortiges an-das-Ziel-Gelangen nicht rechnen könne, כי אין איש weil es noch nicht zum Manne erstarkt war (wie וחזקת והיית לאיש 1. Kön. 2, 2) — andererseits war es absolut ausgeschlossen, daß sonst woher ein מפגיע, ein Annehmer des zu Boden getretenen Rechts kommen könne, das heißt, ebenfalls menschlich gesprochen: וישתומם כי אין מפגיע. Letzteres wie בתוכי ישתומם לבי (Ps. 143, 4), s. Komm. das., wo erläutert wird, daß ישתומם, von שמם öde sein, auf den Geist übertragen, einen Zustand bezeichne, dem klare Vorstellungen und Gedanken fehlen. Hier also: Es war aussichtslos, daß dem Rechte ein anderer Vertreter erstehe. Da trat Gott in seiner Allmacht hervor, um ohne jede Mitwirkung sein Ziel zu erreichen. Das heißt ותושע לו זרעו, wie הושיעה לו ימינו וזרוע קדשו (Ps. 98, 1) und weiter Kap. 63, 5: ותושע לי זרעי.

וצדקתו. Seine Liebe zur Menschheit wollte seine Welt nicht in Unrecht zugrunde gehen lassen, denn rettungslos verloren wäre sie, wenn die oben geschilderten Zustände weiter angedauert hätten. Das aber ließ seine „Milde“ nicht zu, sie unterstützte ihn in der Betätigung seines „Macht-Armes“. Während ימין ד' Gottes helfende, Heil bringende Rechte bedeutet, ist זרוע der Arm Gottes, der allerdings auch nur zur Besserung der Menschen, ihre Macht beugend und sie niederwerfend, sich strafend betätigt.

17
וַיִּלְבַּ֤שׁ צְדָקָה֙ כַּשִּׁרְיָ֔ן וְכ֥וֹבַע יְשׁוּעָ֖ה בְּרֹאשׁ֑וֹ וַיִּלְבַּ֞שׁ בִּגְדֵ֤י נָקָם֙ תִּלְבֹּ֔שֶׁת וַיַּ֥עַט כַּמְעִ֖יל קִנְאָֽה׃
BernfeldEr legte Gerechtigkeit an wie einen Panzer und tat den Helm des Heils auf sein Haupt; er legte Rachegewänder an als Kleid und hüllte sich wie in einen Mantel in Eifer.
ZunzUnd er legte Gerechtigkeit an wie einen Panzer, und (that) den Helm des Heils auf sein Haupt, und legte Rachegewänder an als Kleid, und hüllte sich wie in einen Mantel in Eifer.
J. J. HirschMilde war es, mit der er sich wie mit einem Panzer bekleidete, und der Helm des Heils war auf seinem Haupte. Da er Gewänder der Rache als Kleidung anlegte, war es Wahrung des Rechts, mit der er sich wie mit einem Mantel umgab.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17. וילבש צדקה כשרין. Gerade diese Liebe zu seinen Geschöpfen waffnete den Schöpfer zu machtvollem Eingreifen in das in Wirrnis geratene Getriebe der Weltgeschichte. וכובע וגו'. Das Ziel seiner Waltung, das „Heil“ der Allmenschheit zu begründen, sollte jetzt sichtbar zutage treten, als Krone, als Helmzier seiner Weltleitung.

וילבש בגדי נקם תלבשת. Und wenn er zu diesem Behufe das so lange und anhaltend ungestraft verübte Schlechte an den Verbrechern rächen muß, — ויעט כמעיל קנאה — so ist der sein ganzes Vorgehen „umfassende“ Gedanke, die Idee, die das Gesamtziel seines nunmehrigen Einschreitens in sich begreift, nichts anderes als קנאה: das Eintreten für das zu Boden liegende Recht, um es aufzurichten. (Über קנאה siehe Komm. zu 4. B. M. 5, 14 und 25, 11.) In Gottes Mund oder in Bezug auf Gott ist קנאה die Wahrung des verletzten Rechts, des annehmerlos gewordenen צדק, von dem es V. 4 hieß אין קורא בצדק. Dieses in der Menschheit unterdrückte Recht sollte fortan zur Herrschaft gelangen, das war der Gottes Vorgehen umfassende Inbegriff seiner Waltung. מעיל (2. B. M. 28, 4) ist das Obergewand, welches die Unterkleidung und den ganzen Körper umhüllt, weshalb wiederholt und so auch hier sein Anlegen als עטה „Umhüllen“ bezeichnet wird.

18
כְּעַ֤ל גְּמֻלוֹת֙ כְּעַ֣ל יְשַׁלֵּ֔ם חֵמָ֣ה לְצָרָ֔יו גְּמ֖וּל לְאֹיְבָ֑יו לָאִיִּ֖ים גְּמ֥וּל יְשַׁלֵּֽם׃
BernfeldNach Verdienst wird er vergelten; mit Grimm vergilt er seinen Feinden, zahlt er heim seinen Hassern, auch den [Bewohnern der fernen] Eilande wird er vergelten.
ZunzSo wie der Dienst, so wird er vergelten, Grimm seinen Feinden, Gegendienst seinen Hassern, den Eilanden wird er den Dienst vergelten.
J. J. HirschAls wäre bereits völlig zur Reife gebracht, für was er lohnen will, trifft Grimm seine Bedränger, Vergeltung seine Feinde, den einzelnen Völkergruppen zahlt er heim, was sie zur Reife gebracht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 18. Für Israel aber bedeutet dieses Hervortreten Gottes für das gebeugte Recht eine sofortige Besserung seines Galuthgeschickes, seine Errettung aus der Hand seiner Unterdrücker. Der Unwille Gottes trifft ja צרין Israels Dränger, und seine Vergeltung vollzieht sich an איביו an seinen Feinden. Dieselben, die Gottes Willen im Menschenverkehr keine Geltung einräumen, die Gott beschränken wollen auf das Walten im Universum, aber ihn als Gegner in der irdischen Welt anfeinden, sie sind auch Israels, seines Herolds und Verkünders Dränger und Feinde. Jetzt, da Gott richtend auftritt, läßt er die einzelnen Völkergruppen לאיים die Frucht ihres Tuns, גמול die sie selbst mit ihrem mehr oder minder ungerechten Leben und Streben, reifen ließen, einheimsen. (Über איים s. oben das zu Kap. 41, 1 Bemerkte.) Zugleich aber empfängt Israel dadurch den Lohn für sein so lange währendes Martyrium, den Lohn, den Gott ihm eigentlich erst für die volle Lösung seiner Aufgabe zugedacht hatte; es empfängt ihn, obgleich „das, was es hätte zur Reife bringen sollen“, noch nicht völlig reif geworden. Aber die Selbsterkenntnis, die es nun gewonnen, und das reuige Schuldbewußtsein, welchem es oben Ausdruck verliehen hat, sind Gott Bürge dafür, daß es fortan in ewiger Treue unverbrüchlich seiner Bestimmung leben wird, und deshalb schmälert Gottes Liebe die ihm zugedachte und verheißene Belohnung nicht.

גמל bezeichnet vom Baume die derart vollendete Reife der Früchte, daß sie seiner nicht mehr bedürfen: ויגמל שקדים (4. B. M. 17, 23). Alle Ereignisse als am Baume der Vergangenheit reifende Früchte begreifend, heißt dann גמל auch: die Früchte der Zeiten zur Reife bringen, die Geschicke des Menschen leiten — so אשירה לד' כי גמל עלי (Ps. 13, 6) — speziell jemandem die Früchte seiner Handlungen zur Reife bringen, das ist vergelten. So Komm. zu 1. B. M. 21, 8. — גמלות (Plural) im weitesten Sinne, bis zur vollendetsten Reife gebracht. כעל גמלות — כעל ישלם — bezeichnet die völlige Gleichheit, ausgedrückt durch die beiden כעל, wie z. B. 1. Samuel 30, 24: כחלק הירד במלחמה וכחלק הישב על הכלים וגו' und sonst. Als sei das zur Reife Gebrachte bereits völlig dem entsprechend, wofür Gott ישלם (עתיד) Belohnung gewähren will.

19
וְיִֽרְא֤וּ מִֽמַּעֲרָב֙ אֶת־שֵׁ֣ם יְהֹוָ֔ה וּמִמִּזְרַח־שֶׁ֖מֶשׁ אֶת־כְּבוֹד֑וֹ כִּֽי־יָב֤וֹא כַנָּהָר֙ צָ֔ר ר֥וּחַ יְהֹוָ֖ה נֹ֥סְסָה בֽוֹ׃
BernfeldDann werden alle im fernen Westen fürchten den Namen des Herrn, und vom Aufgang der Sonne seine Herrlichkeit; er kommt wie ein brausender Strom, den der Sturm des Herrn forttreibt.
ZunzUnd fürchten sollen sie vom Niedergange den Namen des Ewigen, und vom Aufgang der Sonne seine Herrlichkeit; wenn kommt wie ein Strom der Feind, den der Sturm des Ewigen forttreibt.
J. J. HirschDann werden die von Westen den Namen Gottes fürchten und die vom Sonnenaufgang seine Herrlichkeit, denn gleich einem Sturme wird die Bedrängnis kommen, der Geist Gottes zeigt sich Wunder wirkend in ihr.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 19. Die gewaltigen Umwälzungen, in welchen sich der „Geist Gottes“ oder sein „Wille“, was ja רוח ebenfalls heißt, in Wunder vollbringender Weise betätigt, werden mit der überwältigenden Macht hochgehender Fluten aus dem natürlichen Bett der gewohnten Zeitenläufe heraustreten und alles sich ihnen als Damm Entgegenstellende beseitigen und überschwemmen. נססה wie נסס (כמסס oben Kap. 10, 18, siehe daselbst). Dieses göttlichen Eingreifens, welches alle die gewöhnlichen Klugheitsberechnungen der Menschen und ihre Diplomatie zuschanden macht, wird hier nur in kurzen Worten gedacht. Näher beschrieben ist es bereits Kapitel 34 und seiner wird noch einmal im Kapitel 63 dieses Buches Erwähnung getan. Seine Konsequenz ist ויראו ממערב את שם ד', die allgemeine Verbreitung der Gottesfurcht, die mit der Erkenntnis des שם ד', der sich kundgebenden Waltung der göttlichen Allmacht, in die Menschheit einzieht und ממזרח שמש את כבודו die anbetende Huldigung der Herrlichkeit Gottes, d. i. die Huldigung seines einst am Sinai für alle Ewigkeit offenbarten Willens.

Haftarah Jom Kippur, Schacharit Zusatz: Sefardim, Jemeniten und Italiener lesen ab hier.
20
וּבָ֤א לְצִיּוֹן֙ גּוֹאֵ֔ל וּלְשָׁבֵ֥י פֶ֖שַׁע בְּיַֽעֲקֹ֑ב נְאֻ֖ם יְהֹוָֽה׃
BernfeldAber für Zijon kommt er als Erlöser, für die, die sich bekehrt von Schuld in Jakob, spricht der Herr.
ZunzAber für Zijon kommt er als Erlöser, und für die, die sich bekehret von Schuld in Jaakob, ist der Spruch des Ewigen.
J. J. Hirsch„Und es kommt für Zion der Erlöser und für die vom Abfall Zurückkehrenden in Jakob“— ist der Ausspruch Gottes.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 20. ובא לציון גואל. Und so kommt für Zion, für die geistige Mutter des weit über die Erde zerstreuten Gottesvolkes, der Erlöser und für alle, die noch als „יעקב“, während sie noch im Galuth sich befanden, reuig den Weg zu ihrem Gotte gefunden hatten — wie dies oben V. 9—15 ihr Bekenntnis kundgab — und die diesem Vorsatz die Tat folgen ließen. Sie haben nicht gewartet, bis sich die Zeitengänge für den Juden günstiger gestalteten, um in unverbrüchlicher Treue sich zum Judentum zu bekennen: sie waren שבי פשע, während sie noch ביעקב in „Jakobs-Gestalt“ im Exilesgeschick lebten.

21
וַאֲנִ֗י זֹ֣את בְּרִיתִ֤י אוֹתָם֙ אָמַ֣ר יְהֹוָ֔ה רוּחִי֙ אֲשֶׁ֣ר עָלֶ֔יךָ וּדְבָרַ֖י אֲשֶׁר־שַׂ֣מְתִּֽי בְּפִ֑יךָ לֹֽא־יָמ֡וּשׁוּ מִפִּ֩יךָ֩ וּמִפִּ֨י זַרְעֲךָ֜ וּמִפִּ֨י זֶ֤רַע זַרְעֲךָ֙ אָמַ֣ר יְהֹוָ֔ה מֵעַתָּ֖ה וְעַד־עוֹלָֽם׃ {ס}
BernfeldUnd ich — dies ist mein Bund mit ihnen, spricht der Herr — mein Geist, der auf dir ist, und meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt, sollen nicht weichen aus deinem Munde und aus dem Munde deiner Kinder und aus dem Munde deiner Kindeskinder, spricht der Herr, von nun an bis in Ewigkeit.
ZunzUnd ich — dies ist mein Bund mit ihnen, spricht der Ewige — mein Geist, der auf dir ist, und meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt, sie sollen nicht weichen aus deinem Munde und aus dem Munde deines Samens, und aus dem Munde des Samens deines Samens, spricht der Ewige, von nun an bis in Ewigkeit.
J. J. HirschUnd Ich — dies mein Bündnis bleibt ihnen, hat Gott gesprochen, mein Geist, der auf dir ruht und meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt habe, sie werden nicht von deinem Munde weichen und von deiner Kinder Mund und von dem Munde deiner Kindeskinder, hat Gott gesprochen, von jetzt bis in alle Ewigkeit!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 21. ואני, Ich aber, wie ואני תפלתי (Ps. 69, 14), spricht Gott, wie „Ich“ ewig bin, so ist auch der Bund, den ich mit Israel geschlossen, ewig bestehend; und dieser Bund, das ist die תורה, welche ich ihm gab, macht es, gestaltet es zu einem für ewig bestehenden Gottesvolke. אותם ist mehr als אתם; die Akkusativform bezeichnet diese Verbindung als noch inniger. Vgl. וזכרתי אני את בריתי אותך (Jecheskel 16, 60): Dieser Bund macht Israel zu einer besonderen Schöpfung Gottes, durch welche Gott einst die Gesamtmenschheit für sich gewinnen will. Vgl. Komm. zu והייתם לי סגלה מכל העמים כי לי כל הארץ (2. B. M. 19, 5). Die „Thora“, die uns Gott gab, soll unser ganzes Wesen als einzig von Gott abhängig und ausschließlich seinem Willen lebend gestalten. Dieses Verhältnis Gottes zu uns soll kein Ausnahmsverhältnis bilden, soll vielmehr der erste Wiederbeginn des normalen Verhältnisses sein, in welchem einst alle Menschen und alle Völker zu Gott stehen sollen!

Und darum, רוחי אשר עליך וגו', wendet sich Gott in direkter Anrede an das jüdische Volk einer jeglichen Zeit, darum ist es meine stete Fürsorge, daß der aus der תורה quillende Geist und das durch die תורה dir in den Mund gelegte Wort dir für alle Ewigkeit erhalten bleibe. Wie auch die Zeiten sich gestalten, wie schwierig auch die Erfüllung meiner Satzungen dir durch deine Umgebung gemacht wird, wie viele der Deinen meinem „Worte“ den Rücken wenden mögen, es wird immer und immer eine genügende „Saat von dir“ זרעך vorhanden sein, aus welcher der Baum des Lebens und des Heiles in stets sich mehrenden Ablegern וזרע זרעך für dich und die Allmenschheit in frischer Kraft und erneuter Jugendlichkeit erwachsen wird.

Haftarah Jom Kippur, Schacharit Ende des Zusatzes (Sefardim, Jemeniten und Italiener).