Jeschajahu 58 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 58. V. 1. An den Propheten richtet sich nun das Gotteswort und fordert ihn auf und alle, die berufen sind, die Gottessache im jüdischen Volke zu vertreten, „בגרון“ aus voller Kehle, ohne schonende Zurückhaltung zu jeder Zeit Israel seine Mängel und Gebrechen vor die Seele zu rufen.
כַּשֹּׁפָר. Mit der eindringlichen Wucht des Schofars, der einst das „Haus Jakobs“ zum Sinai rief, um es sein Feuergesetz empfangen zu lassen; vergegenwärtige ihm, halte ihm seinen Wandel vor Augen, (das heißt ja הַגֵּד) auf daß es selbst erkenne, wie wenig dieser den Anforderungen des göttlichen Gesetzes entspricht. לעמי פשעם und ולבית יעקב חטאתם: פשע Frevel, bewußter Abfall, חטאה aus Leichtsinn, in Verkennung des hohen Wertes der göttlichen Pflicht geübte Sünde. Die Ansprüche, die Gott an „עמי“, an den Menschenkreis stellt, der einzig seinem Willen gemäß sich zum Volk zu gestalten berufen ist, sind viel weitgehender als die an irgend ein anderes Volk gerichteten. Daher wird, was von anderen geübt, vielleicht höchstens חטאה sträflicher Leichtsinn wäre, dem jüdischen Volke von Gott als פשע angerechnet. Die Pflichten aber, welche die Thora בית יעקב der Familie Jakobs (vgl. 2. B. M. 19, 3: כה תאמר לבית יעקב) auferlegt, dem Innenleben, der Familien-Reinheit und -Lauterkeit im Sinne der göttlichen Lehre, sie verlangen die allersorgfältigste Beachtung und minutiöseste Hut, und was noch so leicht sie tangiert, belastet das בית יעקב schwer als חטאה.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. Von einer solchen gewissenhaften Beachtung meiner Vorschriften fehlt ihnen aber jeder Begriff. Sie überreden sich, ganz „gute Juden“ zu sein, können gar nicht verstehen, warum ich ihnen, da sie doch meines Beistandes bedürfen, nicht helfe. דעת דרכי יחפצון wie 2. B. M. 33, 13: הודיעני נא את דרכך. Sie möchten die Wege meiner Waltung begreifen. — כגוי וגו'. Nicht als Gnade erbitten sie von mir Hilfe, sondern als ihr Recht, und zwar nach strengem Rechte; und wenn sie die Annäherung Gottes zu ihrem Beistande ersehnen, so ist es nicht die des liebend waltenden und seiner Geschöpfe sich erbarmungsvoll annehmenden ד', vielmehr קרבת אלקים des richtenden, die Taten der Menschen nach dem Rechte beurteilenden Gottes. יחפצון mit die Person betonendem ן, sie, „die Untadeligen“, glauben sich zu solchem Verlangen berechtigt: Gott müsse doch mit ihnen zufrieden sein und ihnen sein Wohlwollen zuwenden:
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. „Warum fasten wir denn am Jom Kippur? Nur um deinetwillen — und du hast gar nicht darauf gesehen; dir zuliebe lassen wir unsere Seele schmachten und versagen uns jeden Lebensgenuß, und du schenkst diesem dir dargebrachten Opfer nicht die mindeste Beachtung!“
Dieser blasphemischen Arroganz schleudert Gott sein Zorneswort entgegen:
הן ביום צמכם וגו'. Ein solcher Jom Kippur ist ein Fasttag eurer Mache (im Gegensatz zu צום אבחרהו des V. 5), mit ihm suchet ihr euer Ziel zu erreichen, oder — (wie wir חפץ hier entsprechend dem עשות חפצך des V. 13 glauben auffassen zu sollen) — mit ihm suchet ihr ein Geschäft zu machen: Dieser eine Tag im Jahre, den ihr so zu sagen mir opfert, an dem ihr keinen Verstoß gegen mein Gesetz begehet, der soll euch einen Freibrief für alle Pflichtverletzungen des ganzen Jahres ausstellen, — mit dem einen mir gewidmeten Tage wollet ihr alle übrigen Tage für euch mir abkaufen und noch meinen Segen, meinen Beistand als Dreingabe erhalten! Denn
וכל עצביכם תנגשו: mit dem ganzen Weh der Entsagung, dem Unbehagen, das euch die Entbehrungen dieses Tages verursachen, belastet ihr mich, betrachtet mich fortan als euren Schuldner, von dem ihr als Entgelt dafür, als Lohn Wohlwollen und Schutz und Förderung zu erwarten berechtigt seiet! — עצביכם Plural von עצב Schmerz der Entsagung. — תנגשו von נגש eine Forderung geltend machen, eintreiben, auf Zahlung drängen, wie 5. B. M. 15, 2: לא יגש את רעהו, jedoch mit (wie bei den שלמים) beibehaltenem נ; so wie es in gleicher Weise von נדף (Ps. 68, 3) anstatt תדף: תנדף und Job 40, 24: ינקב statt יקב heißt, wie beispielsweise zwei Verse nachher תקב. Diese שלמים-Form tritt uns auch 4. B. M. 5, 22 in וְלַנְפִּיל ירך für ולהפיל entgegen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Liegt es doch gar nicht in eurer Absicht, euren Lebenswandel in anderer Weise als seither zu führen! „Tag der Sühne“ heißt wohl der Jom Kippur; eigentlich fühlet ihr euch gar nicht der Sühne bedürftig, wenn ihr ganz so weiter lebet: einzig der Erreichung eurer selbstsüchtigen Zwecke und unbekümmert um die Beschränkungen, die euch der göttliche Wille auferlegt — aber ihr akzeptiert gerne die, wie ihr wähnet, euch 3. B. M. 16, 30 mit den Worten: „Denn an diesem Tage soll er Sühne über euch bringen, euch zu reinigen“ u. s. w. verheißene Sühne, sie stört ja eure Gewohnheiten, eure Lebensweise künftighin nicht im mindesten. Ihr fastet, um weiter ungehindert, ohne Scheu ריב ומצה וגו' zu begehen: im sozialen Verkehr durch skrupellose Ausnutzung eurer der Gegenpartei an Klugheit überlegenen Geisteskräfte, oder באגרף רשע mit frevelnder Gewalt dem Schwachen zu obsiegen und euren Vorteil zu erzwingen.
לא תצומו כיום. Ihr denket gar nicht daran, „כיום“, entsprechend den Anforderungen des Tages, wie es dieser Tag verlangt, den Vorsatz zur Besserung, das feste Versprechen, fortan dem Willen des göttlichen Gesetzes gemäß zu leben, להשמיע במרום קולכם als Gelöbnis vor Gottes himmlischen Thron gelangen zu lassen.
Wenn כיום: „wie heute“ heißen soll, steht — mit ganz vereinzelten Ausnahmen, wie 1. B. M. 25, 31, 33 — כיום הזה. Wir nehmen keinen Anstand, es hier wie eben erläutert aufzufassen, zumal Raschi es in so schöner Weise במשפט היום erklärt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. הכזה יהיה וגו'. So darf das Fasten nicht sein, wenn es mir erwünscht sein soll. (אבחרהו ist Futurum und בחר heißt: etwas als dem Wunsche entsprechend erwählen, annehmen.) Der Jom Kippur soll ein Tag sein, an welchem „der Mensch seine Seele darben läßt“, ihr alles entzieht, wessen sie zu ihrer Fortexistenz in dem menschlichen Körper bedarf; er soll das Tatbekenntnis, die vierundzwanzigstündige ודוי alles dessen sein, was unser verdientes Los sein würde, wenn nicht Gottes Wunder-Gnade כפרה für unsere Vergangenheit gewährte. Ohne die nur von Gottes allvermögender Gnade zu erhoffende כפרה haben wir das Recht verwirkt zu „Sein“ (ענוי נפש) und zu „Schaffen“ (איסור מלאכה), als „Geschöpf und Mensch“ haben wir unsere Zukunft verscherzt; diese Tatsache haben wir in der ganzen Tiefe und dem ganzen Umfang ihrer Wahrheit zu erkennen und zu bekennen. (Komm. zu 3. B. M. 23, 27, 28.) Erst indem wir solchermaßen aufrichtig unserer Reue Ausdruck verleihen und damit zugleich den Vorsatz aussprechen, von diesem Augenblicke an den Vorschriften unserer heiligen Thora in allen Beziehungen zu gehorchen, dürfen wir von Gottes Gnade Verzeihung für unsere Vergangenheit und neues ungetrübtes Leben für unsere Zukunft erhoffen. Dann wird uns dieser Tag die Beseitigung unserer durch Fehl getrübten Vergangenheit, die trennend zwischen uns und unserem Gotte stand, bringen (s. weiter Kap. 59, 2), und die also wieder gewonnene Vereinigung mit ihm wird diesen Fasttag zum höchsten, freudigsten und beseligendsten Festtage machen. (S. Traktat Taanith 26b, 30b.) Kein Tag der Trauer soll er sein, an dem ihr, tief zur Erde geneigten Hauptes, in Sack und Asche gehüllt, eine Zerknirschung heuchelt, von der euer Herz nichts weiß! — הלזה וגו'. Derartiges wollet ihr „Fasten“ nennen und einen solchen Jom Kippur einen Tag, der euch das Wohlgefallen Gottes sichert, in dem ihr ihn so Gott weihet!? — לד' wie 2. B. M. 28, 36: קדש לד' Gottes oder Gottgeweiht das Heiligtum.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. הלא זה וגו'. So vielmehr muß das sein, wenn es meinen Wünschen entsprechen soll! Mit diesen Worten wird die Skizzierung der großen Aufgabe eingeleitet, zu deren Lösung uns der Jom Kippur seine Wunderkraft leihet: „Sühne“ und Wiedergeburt zu neuem Leben will er uns bringen, wenn wir in ihrer ganzen Tiefe die Wahrheiten beherzigen, welche dieser herrlichste Tag des Jahres mit seinem Genuß- und Werkverbot in unseren Geist, in unser Herz und Gemüt pflanzen will.
פתח חרצבות רשע. חרצבות kommt nur hier und Ps. 73, 4 vor und bedeutet Bande, Fesseln. Wir haben bereits oben zu Kap. 55, 6 bemerkt, daß רשע derjenige heißt, der sich gewöhnt hat, den Eingebungen seiner Leidenschaft zu folgen, ohne sich durch das göttliche Gesetz beschränken zu lassen, und dem die Übertretung der gesetzlichen Schranken zur zweiten Natur geworden ist. Gibt es doch in der Tat nichts, was den Menschen so fest hält, als die zur Gewohnheit gewordene Leidenschaft. Erkennt er auch zuweilen sein Unrecht, tritt ihm das Schädigende seiner Leidenschaft vor die Seele und möchte er sich aus ihren Schlingen lösen, mit eisernen Fesseln hält sie ihn umklammert; er fühlt das Drückende des Joches, unter das er sich begeben hat — aber seine Kraft reicht nicht aus, die Fesseln der Leidenschaft zu lockern, die Bande des drückenden Joches der Sündengewöhnung zu zerreißen. — מוטה scheint nicht allein die Bezeichnung für das Joch selbst zu sein, sondern auch für die Stange, welche die Last mit dem Joche verbindet, die Jochstange. (Vgl. ואשבר מטת עלכם 3. B. M. 26, 13.)
Hier heißt es nun: Der Jom Kippur will dem Juden die fehlende Kraft geben, sich von diesen Fesseln frei und damit stark genug zu machen, um die Ursachen zu beseitigen, die ihn unter das Joch der sündigen Leidenschaft gebracht haben und ihn andauernd darunter festhalten. Den ernsten, festen Vorsatz hierzu festigt die Wunderkraft des Jom Kippur! Dann muß sich die wieder erlangte sittliche, innere Freiheit im praktischen Leben betätigen.
ושלח רצוצים חפשים. רצוצים Gedrückte, Geknickte. עשוק ורצוץ 5. B. M. 28, 33; קנה רצוץ oben Kap. 42, 3. Allen durch euch, wenn auch mit einem Schein von Recht, in ihrer Entwicklung Gehemmten müsset ihr die Freiheit, die Dispositionsfähigkeit wiedergeben. Zu dieser Auffassung von רצוצים veranlaßt uns die Tatsache, daß רצץ wiederholt zusammen mit עשק vorkommt. Während nun עשק die mit dem vollen Bewußtsein des Unrechts geübte Unterdrückung des gerechten Anspruchs eines anderen bedeutet, scheint רצץ eine solche zu sein, zu der man sich nicht ganz unberechtigt glaubt, zu der man sich selbst eine Spur von Recht vindiziert. Bestärkt werden wir in unserer Annahme durch Raschis Kommentar zu 1. Sam. 12, 3: ואת מי עשקתי ואת מי רצותי: „כל לשון מרוצה הסמוך לעושק וגו'“ „An עושק grenzende Unterdrückung“.
וכל מוטה תנתקו „Aber ihr müsset das ganze Joch losreißen;“ ihr dürfet nichts in Händen behalten, womit ihr einen anderen in Abhängigkeit von euch erhalten könntet, ihr würdet sonst leicht wieder zu mißbräuchlichem Vorgehen verleitet werden. — תנתקו von נתק, Ps. 2, 3: ננתקה את מוסרותימו, Richter 16, 9 u. f.: וינתק, כאשר ינתק Zerreißen von Fäden, Seilen u. s. w.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. Es genügt jedoch nicht, dich vor jeder Rechtsverletzung und allem, was dazu führen könnte, zu hüten — die innere Einkehr, die der Jom Kippur dir bringt, soll dich für die Übung weitester Menschenliebe mit deinem Vermögen und deiner Person gewinnen. — פרס wie 2. B. M. 20, 8: זכור את יום השבת und 5. B. M. 5, 12: שמור und sonst, nicht imperativisch, sondern aoristisch, denn diese Pflicht kennt keine Zeitbeschränkung, sie tritt immer an dich heran. Du kannst dich ihr nicht entziehen, „weil du sie bereits gestern geübt hast,“ heute naht sie sich dir von neuem. לחמך: Hast du Brot, so lasse den Hungernden daran teilnehmen; freudigen Herzens gib, und etwas Selbstverständliches sei dir dieses Teilen deines Brotes mit dem Hungrigen, nichts, was ihn irgendwie beschämen könnte. Es ist לחמך geworden, damit du ihm davon gebest, כי בגלל הדבר הזה יברכך „insofolgedessen wird Gott, dein Gott dich segnen“ u. s. w., um es dir zu ermöglichen, weiter Gutes zu tun, „denn es werden Dürftige nicht aufhören auf der Erde.“ Vgl. 5. B. M. 15, 10, 11 und Kommentar dazu, wo auf die in unseren Versen hier zur Pflicht gemachte Liebestätigkeit und die ihr verheißenen Segnungen nach der Traktat Baba Bathra 9b gegebenen Erläuterung hingewiesen wird.
מרודים: Wir neigen der Auffassung der Grammatiker zu, die dieses Wort nicht als von der Wurzel רוד, sondern von מרד gebildet nehmen, wäre das מ doch sonst schwer zu erklären. מרד heißt, sich gegen jemand empören, auflehnen. עניים מרודים: Passives Partizip, solche Arme, die wegen ihres abstoßenden Äußeren u. s. w. unter der Empörung des ästhetischen Empfindens der meisten zu leiden haben und von ihnen abgewiesen werden. Sie gerade suche auf, gerade solchen gewähre ein Heim, תביא בית — ist es auch nicht ביתך (wie לחמך) dein Haus, das ja immerhin beschränkt ist und nicht genügen würde, aber ihnen „ein Haus“ zu eröffnen, sei deine stete Sorge.
כי תראה ערם וגו'. Wo immer du einen Nackten siehst, bedecke ihn, ומבשרך לא תתעלם versetze dich an seine Stelle, es ist dein „eigenes Fleisch“, das aus seiner schadhaften Bekleidung hervorlugt. Habe nicht nur Mitgefühl mit jedem Leidenden und Hilfsbedürftigen, sondern fühle dich eins mit ihm. — Wir bemerken ausdrücklich, daß wir mit dieser Auffassung der anderer Kommentatoren, welche die Worte ומבשרך וגו' unter Hinweis auf die Talmudstelle Ketuboth 52b und 1. B. M. 37, 27: אחינו בשרנו הוא erklären, nicht im geringsten zu nahe treten wollen, der Auffassung nämlich, daß in erster Linie den Blutsverwandten, die bedürftig sind, helfend beizuspringen ist: Soll nach unserer Auffassung jeder Hilfe Heischende uns schon als „unser Fleisch und Blut“ erscheinen, so ganz gewiß und vor allem der wirklich mit uns Verwandte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. אז יבקע וגו'. Wenn du mit diesen Vorsätzen in das schaffende und genießende Leben hinaustrittst und sie in ihm betätigst, so gehst du dem Morgenrot eines neuen Daseins entgegen. Die Besserung, die Heilung von allen Schwächen und Gebrechen deines inneren und äußeren Lebens, die am Jom Kippur begonnen hat, sie führt dich rasch völliger Genesung entgegen. Das Stadium, in welchem du noch manches, was dir zur lieben Gewohnheit geworden war, schmerzlich vermissest, und manche in dich aufzunehmende Wahrheit für dich noch den Geschmack einer bitteren Arznei hat, ist nur ein kurzes. Gar bald empfindest du das Wohltuende des treuen Festhaltens an dem göttlichen Gesetze und das Gerechtwerden — צדקך — gegen alle seine Pflichten als dein höchstes Lebensglück. Beglückt wandelst du dann während deiner ganzen Lebenszeit hienieden und darfst ruhig der Stunde entgegensehen, da dein Gott dich zu sich ruft: Deine „Gerechtigkeit“ wandelt vor dir her, und Gottes Herrlichkeit nimmt dich zu ewiger Seligkeit auf!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9—11. Während das אז des V. 8 den Nachsatz des vorhergehenden einleitet, beginnt mit diesem אז ein neuer Vordersatz. Zu einer noch höheren Stufe der sittlichen Vervollkommnung aber möchte der „צום אבחרהו“, der Jom Kippur, wenn er dem göttlichen Willen ganz entsprechen soll, dich führen, um dich der höchsten Seligkeit, die dem Menschen bereits auf Erden zu erreichen möglich ist, teilhaftig werden zu lassen. Das ist der Sinn dieser drei Verse.
Zur קדושה, zur Heiligung deines ganzen Wesens will dich dieser Tag erziehen, auf daß das Meiden des Schlechten und das Üben des Guten dich keinen Kampf mehr kostet. Absolut bereit für alles Gute will er dich machen, dich so durchsittigen, daß in dir die Hinneigung zum Schlechten gar keinen Raum mehr habe. Das hast du dann erreicht, wenn אם תסיר מתוכך מוטה וגו', wenn du dich so mit dem Gedanken an die Erfüllung der göttlichen Pflicht erfüllt hast und mit der Freude daran, daß sich in dir auch nicht der leiseste Wunsch regt, etwas zu tun, was dem Willen Gottes entgegen wäre. Alles, was dich in das „Joch“ der Sünde zwängen möchte und dich veranlassen könnte, wenn auch nicht wirklich das Sündige zu tun, so doch שלח אצבע „den Finger danach auszustrecken“, mit dem Gedanken an die Sünde zu spielen und wenigstens von ihr zu reden — alles das mußt du von dir fernhalten.
Dann geht deine Seele ganz in der Übung der Pflicht auf; deine „Seele“ bringst du dem Hungernden entgegen, wenn deine Hand ihm das Brot reicht, und seine, des Darbenden, Gedrückten sich elend fühlende Seele empfindet die beglückende Nähe der deinen und labt sich an ihr, wird belebt und getröstet durch sie.
Dann bist du der Engel Gottes, von ihm dem Unglücklichen als Helfer zugesandt, und in deinem Heileswirken verspürest du selbst die Gottesnähe, die dich beglückende: Du rufst, und Gott antwortet! Du flehst, und Gott ist dir in jedem Augenblicke gegenwärtig: הנני „Ich bin bereit“, bin bereit, dich in allem deinem Tun zu unterstützen, denn du verlangst ja nichts anderes, als der Vollstrecker meines Willens sein zu dürfen.
וזרח בחשך אורך: Mag's ringsum finster sein, dein Licht strahlt hell auf, in dir und um dich wird es lichtig, ja ואפלתך, sogar wenn gerade dein Geschick in tiefste Dunkelheit gehüllt zu sein scheint: כצהרים so umwandelt dir die Gottesnähe die schwärzeste Geschicksnacht in leuchtenden Mittag.
ונחך ד' תמיד: Denn, wie einst die Väter in der Wüste Gottes Wolken- und Feuersäule tags und nächtlicherweise führte, so leitet dich dein Gott während deines ganzen irdischen Wallens und lenkt dein gesamtes seelisches und geistiges Streben der von dir zu erreichenden sittlichen Höhe zu,
והשביע בצחצחות נפשך läßt deine Seele erfüllt werden von lauterem, idealem Streben nach den höchsten Zielen ועצמותיך יחליץ und stattet dein physisches Wesen mit der Kraft und Fähigkeit aus, diese Ideale auch zu verwirklichen. — צח kommt, wie bereits oben zu Kap. 18, 4 bemerkt, sowohl in der Bedeutung von klar, leuchtend, als auch austrocknen vor. Hier glauben wir die erstere Bedeutung annehmen zu dürfen. Die Doppelform צחצחות findet sich nur hier. Wie bei ירקרק או אדמדם (3. B. M. 13, 49) die Verdoppelung auf das stärkste Grün oder das stärkste Rot hinweist — s. Komm. dort —, so wohl auch hier: Mit Lichtgedanken, in lichtiger Reinheit strahlenden Ideen. — יחליץ, wie oben Kap. 15, 4: חלצי מואב, ausrüsten.
והיית כגן רוה. Dein ganzes Leben ist dann ein unausgesetztes Liebeswirken, ein reich getränkter Garten, in welchem die Menschenliebe die herrlichsten Blüten treibt — unermüdlich und unerschöpflich bist du für das Glück deiner Mitmenschen tätig, und den Quell dafür, den nimmer versiegenden, trägst du in dir.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. ובנו ממך וגו'. Ähnlich wie 1. Chron. 29,14: כי ממך הכל: durch dich veranlaßt, von dir stammt es, daß u. s. w. Deine treue Hingebung, dein segensreiches Walten wird nicht verfehlen, seinen Einfluß auf manchen auszuüben; immer weiteren Kreisen wird dein selbstloses Schaffen zum Vorbilde werden, und so dient es mit dazu, das Fundament für den Gottesbau der Zukunft zu bilden, der auf der Stätte der für ewig als zerstört erachteten Heileshoffnungen der Menschheit errichtet wird. וקרא לך וגו'. So bescheiden dir selbst auch dein Mitwirken erschien, so unvergessen bleibt es einst der Nachwelt, — sie wird deiner als des treuen Werkzeugs Gottes für die Heileszukunft Israels und der Menschheit rühmlich gedenken. — לשבת wie oben Kap. 40, 22. 44, 13 und sonst.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. אם תשיב משבת וגו': Unerläßliche Vorbedingung für die Erreichung dieses hehren Zieles, das dich einreiht in den Kreis der Gottes Willen zur Ausführung bringenden Gottesdiener — משרתיו עושי רצונו —, ist die gewissenhafte Hut des Sabbats. Wir verweisen auf das oben zu Kap. 56, 2, 4 und 5 Erläuterte.
Von der Sabbat-Idee mußt du dich, dein ganzes Leben und Wirken durchdringen lassen; in ihr wurzelt deine ganze sittliche Unterordnung unter deinen Schöpfer, aus ihr gewinnt all dein Arbeiten für die Verwirklichung des Rechts und der Humanität nach Gottes Sinn die Fähigkeit und Kraft, sich in wahrhaft segensreicher Weise zu entfalten und für dein Heil und das Heil deiner Mitmenschen die herrlichsten Früchte zu zeitigen. Diese Wunderkraft aber besitzt der Sabbat nur, wenn er es ist, der deinem Fuß in seinem werktätigen Streben Halt gebietet. Wenn nicht Trägheit, nicht Bequemlichkeit, nicht Ruhebedürfnis dich am Sabbat deine Tätigkeit einstellen läßt: אם תשיב משבת: Wenn du durch den Sabbat deinen Fuß in seinem werktätigen Streben für dich sich zurückhalten läßt, ביום קדשי weil er der Tag ist, den ich geheiligt habe; וקראת וגו' wenn du dir nicht in Selbstbemitleidung gefällst ob des dir entgangenen geschäftlichen Gewinnstes, sondern dich positiv, ganz und voll das Bewußtsein des kostbaren Wertes der unschätzbaren Perle, die der Sabbat ist, durchdringt (מתנה טובה וגו' Sabbat 10b), so daß du ihn als ענג, als „den Inbegriff aller Wonne“ bezeichnest, ihn als den לקדוש ד' מכבד, weil ihn dein Gott geheiligt hat, als den am meisten von dir zu verehrenden Tag des Jahres nennst, וכבדתו und deshalb ihn durch striktes, minutiöses Befolgen des göttlichen Werkverbotes ehrst, so daß du dich fürchtest, seiner Heilighaltung auch nur mit einem Worte, das dein Geschäftsstreben betrifft, zu nahe zu treten —:
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. dann wirst du תתענג das höchste Wonnegefühl genießen, welches das irdische Leben zu bieten vermag, du fühlst dich על ד' auf Gott gestützt. Ohne den Sabbat, wie schwach, wie morsch sind die Stützen, auf die dein Glück sich aufgebaut hat, von denen es getragen wird! Brechen sie zusammen, so ist es um dein Glück geschehen! Mit dem Sabbat, durch den Sabbat gewinnst du Gott als den, der dich aufrecht erhält, wie auch dein Geschick sich gestalten möge. Nach seinem Willen schaffst du, nach seinem Willen stellst du dein Schaffen ein; dieses Bewußtsein überhebt dich jeder Sorge, du fühlst dich von ihm gehalten und gestützt.
והרכבתיך על בָּמֳותֵי ארץ. Im Komm. zu 5. B. M. 32, 13: ירכבהו על במותי ארץ wird zugleich auf unseren Vers hinweisend erläutert, daß בָּמֳתֵי auf eine Dualform hindeutet, wie יַרְכְּתֵי auf יְרֵכָתַיִם. Dort wie hier ist neben der Dualform auch der einheitliche Plural durch die Schreibweise במותי ausgedrückt. Die Dualform bezeichnet die von dem Menschen durch Gott auf der Höhe der irdischen Verhältnisse zu gewinnende Doppelfülle des materiell-sinnlichen und geistig-sittlichen Heils. Die Schreibweise dabei will sagen, daß das materiell-sinnliche einerseits und andererseits das geistig-sittliche Moment in den Zielen des Menschenstrebens doch in tiefem Grunde ein wesentlich Einheitliches bilden, nur erreichbar dem einen Gefühle der Pflicht, das die Basis aller Menschenbestrebungen zu bilden hat.
Zu dem einheitlichen Gipfel dieser Doppelhöhe alles irdischen Glücksstrebens lasse ich dich durch den Sabbat emporsteigen. Selbst des materiell-sinnlichen Besitzes kannst du dich in Wahrheit erst so recht erfreuen, seiner erst so recht zu deinem Segen froh werden, wenn der Sabbat-Gedanke dein werktägiges Streben nach Besitz zu einer Pflichttat gemacht und ihm so den Stempel des Geistig-Sittlichen aufgeprägt hatte. Wie aber auch immer — ob man nach menschlichen Begriffen das von dir Erreichte als reichen Besitz, als „reiches Erbe“ bezeichnen mag, oder „als noch sehr viel zu wünschen übrig lassend“ — dir wird es zum Inbegriff alles Wünschenswerten: והאכלתיך נחלת יעקב אביך, „ich lasse dich das Erbe deines Vaters Jakob genießen“, jenes Erbe, das nach allen Richtungen hin unbegrenzt ist, von dem es nach der herrlichen Auffassung unserer Weisen Sabbat 118b heißt: ופרצת ימה וקדמה וצפנה ונגבה (1. B. M. 28, 14): Wohin auch dein Blick sich richten mag, nach allen Weltgegenden, du siehst nichts, was dich glücklicher, zufriedener machen könnte als das, was dich Gottes Liebe erreichen ließ, als das, was seine Gnade dir gewährte. Daß sie es ist, der du alles verdankst, macht dich glücklich, macht dich reich! Der machtstolze, gestützt auf sein Schwert zu fürstlicher Stellung und Pracht gelangte Esau sprach zu Jakob: „Ich habe viel!“ Vater Jakob, eben erst nach zwanzigjährigem, rastlosem Knechtesdienste bei seinem ränkevollen Oheim zur Selbständigkeit gekommen, antwortet ihm mit dem stolzbescheidenen Worte: „Ich habe alles!“ Meine Wünsche gehen nicht über das hinaus, was mir Gottes Gnade gewährt hat.
Wie auch äußerlich sich dein Geschick gestaltet, ich lasse dich des Erbes teilhaftig werden, welches deinem Vater Jakob zum höchsten Lebensgenuß und Glück ward: der Zufriedenheit!
כי פי ד' דבר. „Denn der Mund Gottes hat es verheißen“: (2. B. M. 20, 11): על כן ברך ד' את יום השבת ויקדשהו, die Heiligung des Sabbat ist Segen, bringt Segen; der Stillstand, den seine Heiligung der Menschentätigkeit bringt, ist keine Beschränkung, sondern Förderung, Segen. Sie ist es, die des Juden ganzem Leben den Inbegriff des Glückes, des Heils, der Seligkeit bereits hienieden aufprägt!