Jeschajahu 57 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 57. V. 1. 2. In engstem Anschluß an das eben Gesagte fährt der Prophet in seiner Ausschau fort und blickt zunächst wiederum auf die den Untergang des Reiches verschuldende Abirrung des jüdischen Volkes jener Zeit, die diesem Untergang voranging. Er fordert das Volk vor den Richterstuhl Gottes und hält ihm seine Sünden vor. In weiterem Ausblick wendet er sich den Verfehlungen zu, die auch dem aus dem babylonischen Exile zurückkehrenden Volke eine verhältnismäßig nur kurze Dauer des Aufenthaltes auf seinem angestammten Boden gestatten, um schließlich die in der Befolgung des göttlichen Gesetzes unsicher Gewordenen aller Zeiten zur Wahrung der Treue und zur Rückkehr zu Gott eindringlichst zu mahnen. Dies bildet den Inhalt dieses und des nächstfolgenden Kapitels.
הצדיק אבד. Raschis Bemerkung: כגון יאשיהו „wie beispielsweise Joschijahu“ wird fast zur Evidenz, wenn man den Ausdruck אבד näher betrachtet und sich des 2. Kön. 22, 19. 20 Verkündeten und dort 23, 29 als Geschehnis Berichteten erinnert. אבד verloren, zugrunde gehen, bezeichnet, wenn es wie hier Sterben bedeutet, einen vorzeitigen, durch äußere Veranlassung herbeigeführten Tod. So 4. B. M. 16, 33: ויאבדו מתוך הקהל. König Joschijahu, von dem es 2. Kön. 23, 25 heißt: „Und vor ihm gab es keinen König, der so ihm gleich den Rückweg zu Gott fand mit ganzem Herzen, ganzer Seele und mit seinem ganzen Vermögen, vollkommen der Lehre Moses' entsprechend, und nach ihm erstand kein ihm Gleicher,“ verdient gewiß den Ehrentitel „des Gerechten“ par excellence. Und nur 49 Jahre alt, fiel er in der Verteidigung seines Volkes gegen Pharao Necho. Aber bereits 13 Jahre vor seinem Tode war ihm durch die Prophetin Hulda in Gottes Auftrag die Verkündigung geworden: „Weil dein Herz weich ist und du dich vor Gott beugtest, als du hörtest, daß ich über diese Stätte und ihre Bewohner verhängt habe, daß sie zur Öde und zum Fluche werden sollen u. s. w., darum werde ich dich zu deinen Vätern eintun, und du wirst zu Grabe kommen, während noch Friede ist, und deine Augen werden nicht all das Unglück, welches ich über diese Stätte bringen werde, schauen müssen.“
Diese Prophezeiung, auf welche hin die hingebende, rastlose Tätigkeit des Königs zur Reinigung des Landes von allen Zeichen der Abgötterei, zur Wiedergewinnung des Volkes für den Gehorsam gegen die göttliche Lehre erfolgte, dürfte sicherlich wohl zur Kenntnis eines jeden seiner Nation gelangt sein. Ihre Erfüllung durch den vorzeitigen, gewaltsamen Tod von Joschijahu hätte ganz gewiß dem Volke die Augen öffnen und auf den baldigen Eintritt des göttlichen Strafgerichts lenken müssen, wenn nicht die in den letzten Versen des vorangehenden Kapitels gebrandmarkten Führer mit ihren Verführungs- und Beschwichtigungskünsten seine Verblendung noch verstärkt hätten.
שום על לב heißt: Etwas zum Gegenstande seiner Beachtung und Sorge werden lassen. — ואנשי חסד נאספים: Wir glauben darunter die Männer verstehen zu dürfen, welche die Gott geweihte Wirksamkeit Joschijahus mit hingebender Liebe und Gesetzestreue zu fördern bestrebt waren. Sie hatten gewiß versucht, ihre Zeitgenossen über die wahre Ursache des frühen Heimgangs ihres Königs aufzuklären — aber auch sie wurden abgerufen, ohne daß ihnen dies gelungen wäre. באין מבין — nicht ואין מבין — wörtlich: während keiner merkt. Vielleicht wurden auch sie vor ihrer Zeit heimgerufen aus dem gleichen Grunde wie Joschijahu, doch ist darüber nichts bekannt.
יבוא שלום für בשלום, wie 4. B. M. 10, 9: וכי תבאו מלחמה; Josua 6, 19: אוצר ד' יבוא; Ps. 5, 8. 66, 13: אבוא ביתך; Ps. 100, 4: באו שעריו בתודה חצרתיו בתהלה und sonst häufig. — יבוא: הצדיק, also Joschijahu; ינוחו: אנשי חסד, die ihm treu zur Seite standen; הולך נכחו wiederum Joschijahu, der ihnen auf dem Wege der treuen Pflichterfüllung vorangewandelt war. נכח heißt: gerade und daher, in bezug auf den Standpunkt zweier Personen oder Gegenstände zueinander angewandt: gerade gegenüber. In übertragenem Sinne heißt es dann auch das intensive Hinwenden des Interesses auf einen Gegenstand oder eine Person, wie 1. B. M. 25, 21: ויעתר יצחק לד' לנכח אשתו. Demgemäß ist הולך נכחו hier derjenige, der dem ihm von Gott gesteckten Ziele mit aller Energie zustrebt, nur darauf seinen Sinn gerichtet hat und unentwegt mit jedem seiner Schritte sich in gerader Linie zu ihm hin bewegt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. ואתם: Ihr aber, im Gegensatz zu jenen, ihr, die ihr Gott die Treue brechet. — עננה entweder Femin. von עונן (2. Könige 21, 6) Zeitenwähler, oder Bezeichnung der Zeitenwahlkunde, wie חכם der Weise, חכמה die Weisheit. Damit ist der dem heidnischen Unwesen entstammende Wahn gemeint, der den sich seiner eigenen Ohnmacht bewußten Menschen nicht auf Gott verweist und ihn nicht dazu kommen läßt, durch Pflichterfüllung und Gehorsam gegen Gott sich seines Beistands und seines Schutzes würdig zu machen, vielmehr Gottes freie Waltung und seinen Einfluß auf das Geschick des Menschen leugnet und dessen Gestaltung von der Mitwirkung magischer Kräfte abhängig sein läßt. Deren Gunst ihren Klienten sichern und dafür den richtigen Augenblick wählen zu können, das ist, was die „Zeitenwähler“ zu verstehen vorgaben. Darum ist dieser verderbliche Wahn ein in unserer heiligen Lehre so schwer verpöntes Verbrechen, er erstickt jedes sittliche Gefühl, jede Regung zur sittlichen Tat im Keime. In ihm sieht der Prophet die erste Ursache für den Abfall von Gott, der das jüdische Volk in sein Verderben führte. זרע מנאף ותזנה: Der Treubruch gegen Gott liegt euch im Blute, ihr entstammt einer Zeit, einer Vergangenheit, die bereits von der Treue gegen Gott abgewichen war.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Dabei fühlet ihr euch recht behaglich, ganz wonnig beglückt in eurem Bruch mit Gott. Aber על מי auf wen stützt sich denn nur das Wonnegefühl der Sicherheit, die euch den Mund so voll nehmen läßt und in eurem Übermut euch zur Verhöhnung derer antreibt, die es versuchen, euch zu mahnen und euch zu Gott zurückführen wollen? ילדי ungewöhnlicher Plural für ילדי: Aber ihr liebet und verehret mit kindlicher Pietät den Frevel, פשע, die Empörung gegen Gott und sein Gesetz, mit der euch die Lüge eurer Vergangenheit erblich belastete.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. הנחמים nach רד"ק wahrscheinlich partic. des Nifals von חמם, wie במארה אתם נארים (Malachi 3, 9), oder es könnte auch von יחם gebildet sein, wofür sich eine völlige zutreffende Analogie u. E. nicht findet. Jedenfalls bezeichnet es ein Erhitzen der Sinne. Vgl 1. B. M. 30, 38. 39. Die ausschweifende Sittenlosigkeit, welcher die Abgötterei einen Freibrief ausstellte, war von jeher ein Mittel von furchtbarster Wirkung für die Verführung zum Abfall von Gott.
שחטי הילדים. Ob dieser Vorwurf wörtlich zu nehmen und etwa darunter der Molech-Dienst, der allerdings kein Schlachten, sondern mehr ein Verbrennen der ihm geopferten Kinder war, aber Jechesk. 16, 21 und 23, 39 durch den Ausdruck שחט bezeichnet wird, zu verstehen ist, oder ob nicht vielleicht das Traktat Niddah 13a durch אל תקרי שוחטי אלא וגו' angedeutete Laster durch diese Worte hier gebrandmarkt wird, müssen wir dahingestellt sein lassen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. בחלקי נחל חלקך וגו'. In der Auffassung dieses Verses gehen die Meinungen der Kommentatoren ungewöhnlich weit auseinander: Abhänge der Täler — unbelaubte Stellen des Tales — Kieselsteine des Baches, die man als Fetische angebetet habe — schlüpfrige Täler — Abteilungen des Baches, die als Gottheiten verehrt worden seien. Ohne behaupten zu wollen, daß unsere Erklärung die richtige sei, möchten wir den Vers in folgender Weise erläutern: Der Zug der Menschheitentwicklung ging von jeher von Osten nach Westen, wie es ja 1. B. M. 11, 2 heißt: ויהי בנסעם מקדם. (Vgl. unsere Bemerkung zu משא מדבר ים oben Kap. 21, 1.) Palästina, das Israel von Gott angewiesene Gebietsteil חלקך, liegt an dieser Etappenstraße. Rings umgeben es eine Menge kleiner Völkerschaften, die dort zeitweise ihren Ruhepunkt gefunden hatten. Eine jede von ihnen huldigte in heidnischem Wahn einer eigenen, besonderen Gottheit. Gelangte ein solches Staatswesen zur Blüte, so hatte dies für Israel etwas Verführerisches, es schrieb, wie es scheint, diese Blüte dem Abgott zu, der dort verehrt wurde, und verfiel der Wahnidee, auch diesem huldigen zu müssen. — (Vgl. darüber 2. Kön. 23, wo die verschiedenen Gottheiten der Völker, in deren Götzendienst das jüdische Volk verfiel, genannt werden: בעל, שמש, ירח, מזלות וכל צבא השמים, אשרה, מלך, עשתרת שקץ צדונים, כמוש שקוץ מואב, מלכם תועבת בני עמון.) — Die geographische Lage seines Landes an der Wasserscheide des Völkerstromes ward für das jüdische Volk verhängnisvoll, machte sein Los גורלך zu einem unglücklichen, besiegelte sein Verderben. Das scheint uns hier bildlich gesagt zu sein. — בחלקי von חלק — dem Infinitiv des Piels gebildetes Hauptwort; wie Daniel 12, 7: וככלת נפץ יד עם קדש, die Zertrümmerung, Zerstreuung, — חלקי die Teilungen. — נחל in der Bedeutung von Flußbett kommt Ps. 124, 4 vor. S. Komm. daselbst. — העל אלה אנחם. נחם im Nifal heißt nicht nur getröstet werden, sondern auch seinen Entschluß in bezug auf eine beabsichtigt gewesene Handlung ändern, so 1. B. M. 6, 6: וינחם ד' כי עשה וגו'. Hier: Sollten etwa die Huldigungsopfer, die ihr anderen Göttern darbringet, mich veranlassen, das Strafgericht, welches ich ob eures Abfalls von mir über euch verhängt habe, an euch vorübergehen zu lassen?! Daß ich deshalb anderen Sinnes werden sollte, das könnt ihr selbst nicht glauben!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. על הר וגו'. Ohne Scheu und ganz öffentlich vollzog sich dein Abfall von mir. שמת משכב: Mit diesem Worte wird das Bild der ehelichen Untreue als Bezeichnung für den Treubruch gegen Gott und sein Gesetz wieder aufgenommen und in den folgenden Versen weiter ausgeführt, nachdem im V. 4 mit זרע מנאף die Skizze dafür bereits gegeben war.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. 9. Der Abfall schreitet fort: Das ungetreue Weib, das „מאתי“ seinen Gatten um eines Buhlen willen verließ, wird zur feilen Dirne, ואחר הדלת וגו' trifft Vorkehrung, daß jedem, der ihre Schwelle betritt, sofort klar wird, wer da drinnen haust; הרחבת משכבך gestattet sie doch jedem Beliebigen die Annäherung, ja ותכרת לך מהם sucht mit dem ersten Besten מהם anzuknüpfen, eine Verbindung einzugehen, wie dies mit dem Worte כרת (1. Sam. 11, 2: בזאת אכרות לכם) gesagt ist unter Subintelligenz von ברית. Freilich steht dort im vorhergehenden Satze das Wort ברית. ותכרת apostrophiert sie hier männlich, nicht ותכרתי um das ganz Unweibliche, jeder weiblichen Scham Entbehrende ihres Wesens zu zeichnen.
אהבת משכבם: Du zogst es vor, dich ihnen beizugesellen, יד חזית in dem Anschluß an sie sahst du Kräftigung deiner Macht, Erstarkung deiner Interessen. יד wie so häufig: Macht, Gewalt, Stärke. 3. B. M. 25, 35: ומטה ידו; das. 25, 47: וכי תשיג יד גר וגו'; 5. B. M. 32, 36: כי אולת יד u. sonst. ותשרי וגו' von שור ausschauen, wie תשורי מראש אמנה (Hohel. 4, 8). Zuerst natürlich buhltest du um die Gunst des mächtigsten Königs, לַמֶּלֶךְ, nicht למלך, suchtest ihn für dich zu gewinnen und — das Bild der Phryne ist beibehalten — bemühtest dich, deine Reize zu erhöhen durch Salbung mit köstlichem Öle, בשמן, nicht בשמן, und feinstem Parfüm. Allein später war dir jeder recht, und nach allen Richtungen deine Boten aussendend, sankst du immer tiefer. — ציריך wie oben Kap. 18, 2: השלח בים צירים. Jerem. 49, 14 und Obadja 1, 1: וציר בגוים וגו'.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. 11. ברב דרכך וגו'. Das fortwährende Suchen nach Bundesgenossen ermüdete dich, aber obgleich wiederholt abgewiesen, gabst du es nicht als vergeblich auf. Du wolltest, befreit von den dir drückend erscheinenden Beschränkungen des göttlichen Gesetzes, חית ידך „ein Leben auf eigene Faust“ führen, ein Leben deiner „eigenen Mache“, und das hattest du ja einstweilen erreicht, darum fühltest du dein Siechtum nicht, spürtest die Fäulnis nicht, mit der dein zügelloses Leben immer mehr deinen Organismus zersetzte.
ואת מי דאגת וגו': Und was trieb dich auf die Suche nach Bundesgenossen? Doch nur die Furcht, allein und ohne Hilfe dazustehen, wenn du von irgend einem Gegner angegriffen werden solltest. Daß du meines Schutzes, meines Beistands sicher sein kannst, wenn du meiner, das heißt der Pflichten gegen mich stets eingedenk bleibst — ואותי לא זכרת — das לא שמת על לבך, das hast du dir nie zum Bewußtsein gebracht!
הלא אני מחשה וגו'. Weil nicht sofort dich die Strafe für deinen Treubruch und Abfall traf, darum galt ich dir als etwas nicht zu Fürchtendes! „Gott ist gut und gnädig und langmütig, ihn haben wir nicht zu fürchten — vor dem Angriff von Menschen müssen wir uns fürsorglich schützen, das geschieht am besten durch Allianzen mit größeren Mächten. Da dürfen wir nicht zu exklusiv sein, nicht zu sehr unser Judentum betonen, müssen vielmehr einiges von ihren Sitten, von ihrem Kult uns aneignen, um sie uns freundlicher gesinnt zu machen, dann ist unsere Zukunft gesichert.“
Während das oben in V. 5 Gerügte mehr die Ursachen bildete, die dem heidnischen Unwesen den Zutritt zu dem jüdischen Volke erleichterten, glauben wir in diesen Versen hauptsächlich die Motive zu finden, welche die regierenden Kreise antrieben, sich der Reform und dem polytheistischen Kultus zuzuwenden.
Wie es Gründe der Politik waren, die den Begründer und ersten König des Reiches Israel, Jerobeam, zum Abfall von Gott und zur Einrichtung des heidnischen Kälberdienstes veranlaßten (s. 1. Kön. 12, 26 und weiter), so waren es zunächst politische Erwägungen, die Sucht nach Allianzen, welche Achas zur Nachahmung des damaszenischen Götzendienstes im Reiche Juda verführten. (S. darüber 2. Kön. 16, 10—16.) Oben zu Kap. 7, 1 haben wir dies eingehender erläutert. Ebenso wird bereits oben im Kap. 30 sehr scharf gegeißelt, daß, anstatt sich Gottes Beistands durch reuige Rückkehr zu ihm und seinem heiligen Gesetze würdig zu machen, Juda sich an Ägypten um Hilfe gegen die ihm von Assyrien drohende Invasion wandte.
Auch 2. Könige 23, 35 u. f. sehen wir den König Jojakim bemüht, durch Tribut, den er an Pharao Necho entrichtet, sich auf dem Throne zu erhalten, anstatt sich Gottes Gesetz zu unterwerfen und von ihm Beistand zu erhoffen. Noch mehr Beispiele für die Neigung, sich durch Konnivenz und Anpassung an die heidnischen Staaten, sowie durch Geschenke an die maßgebenden Persönlichkeiten deren Gunst zu verschaffen, statt durch Treue gegen unsere heilige Thora sich der göttlichen Hilfe würdig zu machen, bietet die Geschichte des zweiten Tempels, und daß auf diese Periode und weit über sie hinaus unser Prophetenwort hinzielt, haben wir bereits in der Einleitung zu diesem Kapitel erwähnt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. Aber אני „ich“, spricht Gott, ich werde fortan nicht schweigend der Mißachtung meiner Gesetze zuschauen, אגיד offenkundig werde ich machen, aller Welt zeigen, wie es um deine צדקה bestellt ist — צדקה hier wie 5. B. M. 6, 25: וצדקה תהיה לנו כי נשמר לעשות את כל המצוה הזאת וגו' — wie wenig pflichtgerecht du gewesen, wie weit du von der Lösung der dir durch meine Thora gewordenen Aufgabe entfernt bist und wie der Treubruch, der sich in deinem Lebenswandel zeigte, es ist, der dich hilflos deinen Feinden überantwortet. Daß „צדקך“ bitter sarkastisch gemeint ist, bedarf keiner Erklärung. Da ואת מעשיך nach dem scharf trennenden Akzent ֑ steht, so dürfte sich das אגיד wohl nicht darauf beziehen. Es leitet einen neuen Gedanken ein: und was deine Machenschaften betrifft, deine Bemühungen, dir trotz deiner Untreue mir gegenüber oder vielmehr gerade durch diese die Freundschaft der Menschen zu erringen — so werden sie nicht dein Gedeihen, deine Zukunft sichern oder gar fördern. Das wird dich die Erfahrung lehren, und gar schmerzlich wirst du es empfinden. „Du wirst zu schreien haben!“
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. בועקך: Wenn das Verderben über dich hereinbricht, wirst du schreien — helfen wird dir keiner! Alle die, deren Zuneigung du durch Preisgabe deiner spezifisch jüdischen Pflichten, Gott den Gehorsam kündigend, zu erkaufen wähntest, die קבוציך, die du als deine getreuen „Kumpane“ um dicht geschart glaubtest — die, meintest du, würden dir nun beistehen. Sie wollen nicht — wollten sie jedoch, sie vermöchten es nicht, der Sturmwind meines Verhängnisses fegt sie hinweg; als etwas Bedeutungsloses, Nichtiges, was sie ja sind, entrückt er sie weit fort und für immer aus der Sphäre, in der sie dir nützlich sein könnten.
והחוסה בי וגו'. Nur wer seine Zuversicht in mich setzt, nur in mir seinen Schutz und Beistand, den Gestalter und Schöpfer seiner Zukunft sieht (חסה ist das verstärkte חזה), der überdauert, er selbst oder in seinen durch sein Beispiel der Gottestreue gewonnenen Nachkommen, alle die Entwicklungskämpfe, welche die Erde durchzumachen hat, bis für sie die Heileszukunft anbricht, die eine ungetrübte hieniedige Glückseligkeit und ungestörten Frieden für die Menschheit zeitigt. Er nimmt Teil an dieser Glück- und Heilesgestaltung der Erde, die sich dann zu הר קדשי, zur Höhenstellung meines heiligen Berges emporgearbeitet haben wird. — Über die Bedeutung von הר קדשי für den einstigen sittlichen Aufschwung der Erde in der messianischen Zeit vergleiche das oben zu Kap. 11, 9 Erläuterte.
Der Ausdruck ירש ארץ oder יירשו ארץ kommt häufig vor, so Psalm 25, 13. 37, 9, 11, 22, 29, s. das. im Kommentar. Hier heißt es nun, wie wir glauben, tief bedeutsam ינחל ארץ ויירש הר קדשי. Vergleicht man die Stellen, in welchen ירש — im Kal — vorkommt, so ergibt sich, daß bei ירש zugleich an den früheren Besitzer gedacht wird, ist ja ירש lautverw. mit גרש vertreiben, aus dem Besitze verdrängen, während נחל nur an den Antritt des Besitzes denkt; ist doch נחל lautverw. mit נהל führen, leiten, und נחל ist der natürliche Wasserlauf.
Der von Gott eingesetzte natürliche Lauf der Dinge, das heißt die göttliche Waltung, läßt diejenigen in den Besitz der Erde gelangen, die seine Waltung von jeher als den einzigen gestaltenden Faktor der irdischen Verhältnisse verehrt haben — das heißt: ינחל ארץ. Das wird freilich erst dann geschehen, wenn diejenigen, die auf alles andere als „בי“ „als auf mich“ ihre Zuversicht gesetzt haben, die jeden andern Faktor mit in Berechnung gezogen, nur mich nicht, mit allen ihren Hoffnungen und Erwartungen Schiffbruch gelitten und es aufgegeben haben werden, sich den Besitz der Erde zu sichern und darum auf ihn dauernd verzichtet haben. Vielleicht sind mit ינחל und יירש bereits die beiden Möglichkeiten der Herbeiführung der einstigen Heileszeit angedeutet, die weiter Kap. 60, 22 durch בעתה אחישנה verkündet werden. (S. das.) ינחל würde dann dem בעתה und יירש dem אחישנה entsprechen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. Dem Zusammenhange nach kann Subjekt zu ואמר nichts anderes sein als das vorhergehende והחוסה. (Grammatisch nimmt es auch רד"ק so.) Wir übersetzen es: „Hatte er doch gesprochen,“ das ו als Waw copulativum. Hat er sich doch nicht damit begnügt, nur für sich und die ihm Nächsten sich das Vertrauen und die Zuversicht auf Gott als einziges Strebeziel immer zu erhalten, sondern sich auch stets bemüht, „seinem Volke“ den Weg zu Gott und seinem Pflichtleben offen zu halten und darum unaufhörlich auf die von Gott durch Prophetenmund hier V. 15 und weiter an uns für alle Zeit ergangene Mahnung hinzuweisen und sie zu zitieren. (עמי sind die Volksgenossen des החוסה בי.)
סלו וגו'. Das Streben zur Höhe wird durch nichts so erschwert als durch die Sünden der getrübten Vergangenheit. Sie hängen sich als schwerer Ballast uns an und verhindern unseren Aufstieg zur reinen Gotteshöhe. Ihre Folgen sind es, die als מכשול uns immer wieder zu Fall bringen, wenn nicht Gott mit seiner wundertätigen Allmacht uns helfen würde, sie aus unserem Wege hinweg zu räumen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15. כי כה אמר וגו'. Hat Er, der so hoch und heilig Thronende doch verheißen, את דכא וגו' — (את bei, wovon mit den Personalsuffixen אתי אתך gebildet wird) — in innigster Nähe dessen zu sein, der sich durch die Last seiner Verfehlungen gedrückt fühlt, und dessen Geist das Demütigende seiner Vergangenheit empfindet, um seinen Geist zu heben und zu beleben und seinem Herzen frisch pulsierendes Leben für die Zukunft zu gewähren. Dieses aufrichtigen Neuregefühls und des freiwilligen Entschlusses zur Besserung allein bedarf es, dann steht Gott bei und verhilft zu ihrer Verwirklichung. So dem Einzelnen, so der Gesamtheit der jüdischen Nation.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 16. כי לא לעולם וגו'. Denn wenn Gott wider den Menschen „streitet“ und ihm „zürnt“, d. h. Leid über ihn verhängt, um ihn seinen Unwillen fühlen zu lassen, so geschieht es, um ihn zur Erkenntnis seiner Verirrung und dadurch zu aufrichtiger Reue zu bringen — ist dieser Zweck erreicht, so erlischt der „Streit“, schwindet das „Zürnen“, das heißt: לא לעולם אריב וגו'. Erreicht aber ist der Zweck, spricht Gott, כי רוח wenn des Menschen sich stark und mächtig dünkender und zu selbstherrlichem Walten sich berufen fühlender Geist מלפני meinem Zürnen gegenüber יעטוף seine Schwäche so recht tief fühlt (entsprechend dem שפל רוח וגו') und darum auf das Innigste seine Vergangenheit bereut, ונשמות וגו' und ich so seine Seele in ihrer ganzen ursprünglichen Reinheit für sein weiteres Leben wieder hergestellt habe. Nach unserer Auffassung ist dieser ganze Vers eine motivierende Erläuterung zu dem vorhergehenden. — יעטוף von עטף, eigentlich sich verhüllen, Ausdruck für schwach werden, wie Ps. 102, 1: תפלה לעני כי יעטף. — עשיתי wie 1. B. M. 12, 5: הנפש אשר עשו בחרן, was ja auch ein Bilden, Neuschaffen der Seelen bedeutet, s. das. im Komm.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17. בעון בצעו וגו'. So verfahre ich auch mit meinem Volke. Es war mit dem, was ihm die treue Erfüllung meines Gesetzes bot, nicht zufrieden. Seine „Selbstsucht“, sein „Eigennutz“ versprach sich von dem treulosen Buhlen um die Gunst und Freundschaft der Menschen mehr Gewinn und Nutzen. (S. das oben zu V. 8 und weiter Bemerkte.) Darum zürnte ich ihm und ließ es die Folgen seiner Sünde schwer büßen, indem ich es seinen Feinden preisgab und zürnend ihm meine Hilfe versagte. (Vgl. das oben Kap. 5, 5 zu הסר משוכתו והיה לבער וגו' Erläuterte.) Meiner Leitung hatte es sich entzogen und בדרך לבו den Weg seines Herzens eingeschlagen, der aber führte es ins Exil — שובב wie oben Kap. 47, 10: היא שובבתך, — heute hier hin, morgen dort hin, ließ es alle die Irrgänge und Leidenswege der Zeiten durchwandern.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18. Obgleich scheinbar mich im Verborgenen haltend, הסתר, habe ich doch seine Wege aufmerksam verfolgt; ich lasse es durch seine Leidenserfahrungen inne werden, in welche Irre דרך לבו es führt — und reuig findet es den Rückweg zu mir wieder und mit ihm völlige Genesung. ואנחהו: Dann hat es sich meiner weiteren Führung wieder würdig gemacht, dann leite ich es wie einst offen vor den Augen der ganzen Welt. Und in dieser Leitung gewähre ich ihm נחמים (Plural) vollen Ersatz, reichen Trost für alles, was es seiner Verblendung wegen so lange zu leiden hatte. Bedeutsam heißt es לו ולאבליו: Dem jüdischen Volke und den um es Trauernden. Es dürften darunter alle die vielen wackeren Gesetzestreuen verstanden sein, die, wenn sie auch selbst schwer unter dem Druck des Galuth zu leiden hatten, doch weniger darüber trauerten, als um die Ursache, welche dieses trübe Geschick so lange andauern ließ, nämlich die noch nicht genügend zum Durchbruch gekommene Besserung eines sehr großen Teils ihrer Volksgenossen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 19. בורא וגו'. So schaffe ich, so bin ich fortwährend der Schöpfer dessen, was bis zum Eintritt der Heileszukunft nur als inniger Wunsch auf allen Lippen wohnt, bin der Bildner der köstlichen Frucht, die mit heißem Flehen alle Lippen der Menschen zur Reife bringen möchten: des Friedens. Friede heißt die Schöpfung Gottes, die er mit der Genesung seines Volkes der Gesamtmenschheit spendet, dem noch Fernen, der sich der Annäherung an Gott gegenüber bis jetzt noch abweisend verhält, und dem bereits Nahen. — Vielleicht steht nicht umsonst לרחוק zuerst und dann erst ולקרוב: Völlig gesichert ist dem Gott Nahen der Friede erst dann, wenn der noch Gott Ferne mit der Gottesnähe auch den Frieden gefunden hat. (Vergl. das oben zu וחרפת עמו יסיר Kap. 25, 8 Bemerkte.)
אמר ד': Das hat Gott gesprochen, der in seiner Liebe Israel für die Lösung seiner hehren Aufgabe erzieht und mit ihr der Allmenschheit das Heil und den Frieden bringen will. ורפאתיו futurum exactum und „dann werde ich es geheilt haben.“ dann wird es sich dauernd der Gesundheit erfreuen, die ihm meine Waltung bringen soll, wie es im vorhergehenden Verse mit וארפאהו verheißen ward.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 20. Einzig und allein aus dem Boden des göttlichen Rechts- und Sittengesetzes kann und wird die Saat des Friedens emporsprießen und zur Frucht sich entwickeln. והרשעים „Die Gesetzlosen“ aber, die keinen anderen Willen kennen als den eigenen, nur den Leidenschaften, die in ihnen wühlen, gehorchen, sie haben keinen festen Boden unter sich. Sie gleichen dem aufgewühlten, sturmgepeitschten Meere. Verstehen sie es auch meisterhaft, lange Zeit hindurch unter glatter Oberfläche alles Schlechte und Gemeine in ihnen heuchlerisch den Blicken der Welt zu verbergen — die Stürme der in ihnen tobenden Leidenschaften lassen es doch schließlich zum Abscheu und Entsetzen und zum Unheil der Menschen ans Tageslicht kommen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 21. Darum gibt es für diese „Gesetzlosen“ keinen Frieden! Nur aus der Unterordnung unter das Gesetz erblüht der Friede; Gesetzlosigkeit zeitigt nie und nimmermehr den Frieden: אמר אלקי das hat — gegenüber dem אמר ד' des V. 19 — die von Gott als Richter der Menschheit angeordnete Weltwaltung apodiktisch bestimmt.