Jeschajahu 56 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap 56. V. 1. משפט — וצדקה. משפט: Verwirklichung des Rechts im Verkehr mit den Menschen, die soziale Ordnung nach dem Willen Gottes, das Eindringen des Rechtsbegriffs in ausnahmslos alle Verhältnisse auf Erden. צדקה: Sich nicht damit begnügen, nur den Anforderungen des Rechts unserer Mitmenschen zu entsprechen, sondern ihnen Liebe entgegen zu bringen, ihnen das zu gewähren, was sie vom menschlichen Gesichtspunkte aus kein Recht haben zu fordern; Humanität zu üben, unabhängig von der Eingebung einer augenblicklichen weichen Stimmung, sondern als Postulat der Gottes-Pflicht geübt, das bedeutet צדקה, wenn es wie hier neben משפט genannt wird.
Aber ebenso wie sonst צדקה, von menschlichem Tun ausgesagt, nicht bloß die Erfüllung des göttlichen Gebots der Humanität, sondern Pflichterfüllung, Pflichttreue, im allgemeinen das Gerechtwerden gegen alle Anforderungen bedeutet, welche die Thora an uns in bezug auf alle Wesen und ebenso hinsichtlich der Wartung unseres eigenen leiblich-sinnlichen wie geistig-seelischen Wesens stellt — so umfaßt auch משפט nicht nur die Rechtsordnung des sozialen Lebens nach Gottes Willen, sondern auch die Gestaltung des gesamten inneren und äußeren Einzel- wie Familienlebens nach seinen Vorschriften, wie ja 5. B. M. 7. 12: והיה עקב תשמעון את המשפטים האלה וגו' die ganze Thora als „משפטים“ bezeichnet wird.
So dürfte auch hier durch שמרו וגו' „wahret“, „hütet“ die äußerste Sorgfalt in dem Erlernen und Erfüllen des ganzen Gottesgesetzes von uns verlangt werden; nur dadurch werden wir imstande sein, „Gerechtigkeit und Menschenliebe“ nach Gottes Willen zu üben. Diese Gerechtigkeit und Humanität, als Frucht aller von Gott gestifteten jüdischen Institutionen, im Kreise der Menschheit betätigt, wird deren Blicke auf die göttliche Wahrheit hinlenken und Israels Sendung ihrem Ziele entgegen führen:
כי קרובה ישועתי denn meine Hilfe, mein Heil, mit welchem ich euch und die Menschheit für ewig beglücken will, ist „nahe, bereit einzutreten“, sobald sich ihm die Pforten der Allmenschheit öffnen, und dann wird sich auch meine Liebe, meine Gnade, meine Milde in ihrem vollen Ausmaße ihr offenbaren, sie wird des unermeßlichen Segens inne werden, den die Verwirklichung des Rechts in der Welt nach meinem Regime und die Betätigung der Menschenliebe nach meinem Diktat ihr spenden wird. ישועתי ist die Folge von שמרו משפט und צדקתי die Frucht von ועשו צדקה. (צדקה von Gott ist immer Milde, Liebe, Wohltat. S. darüber Komm. zu 1. B. M. 15, 6.) Das ist's, was ihr für das Näherkommen der im vorigen Verse angekündigten Heilesszeit tun könnt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. אשרי וגו'. Aus dem reichen Schatze der Pflichten unserer heiligen Thora greift das Prophetenwort eine heraus, das Sabbat-Gesetz. Ist doch der jüdische Sabbat die Grundlage aller unserer Beziehungen zu Gott und zu unseren Mitmenschen. Er ist die Anerkennung Gottes als des Schöpfers der Welt, als unseres Schöpfers, dem wir zu huldigen haben. Er ist unser Bekenntnis dafür, daß wir mit all unserem Streben uns als in seinem Dienste arbeitend betrachten und darum an jedem siebenten Tage, da es sein Wille ist, ihm alles vollbrachte Werk der wochentägigen Arbeit huldigend zu Füßen legen und mit all unserem Schaffen aufhören. Durch dieses Feiern wird aber nicht allein der Sabbat uns zum Gottesdienst, unser Arbeiten die ganze Woche hindurch ist dann עבודה im Dienste Gottes vollbracht, ist Gottesdienst. Als Gottes Diener aber schulden wir ihm absoluten Gehorsam, haben seinen Willen zu dem unsrigen zu machen, haben unser Denken und Empfinden, unser ganzes Sein mit dessen Bedürfnissen an Nahrung, Kleidung und Genuß einzig seinem Wunsche gemäß zu regeln und zu gestalten. Huldigen wir mit dem Sabbat Gott als unserm Schöpfer und Eigner, so ist er auch Schöpfer und Herr unserer Mitmenschen, und für unsern Verkehr mit ihnen. Für unser Verhalten ihnen gegenüber müssen uns daher seine Rechtsordnungen und Gesetze maßgebend sein, diesen haben wir gerecht zu werden, ob auch die Menschen gegen uns ungerecht sind; ja auch die Pflicht der Menschenliebe haben wir an ihnen zu üben — ob sie uns auch dafür mit Undank lohnen — weil Gott sie von uns fordert. So ist der Sabbat die Wurzel der wahren Gerechtigkeit wie der echten Humanität. So hütet sich der שומר שבת, der von der Heiligkeit des Sabbats voll durchdrungen ist, מחללו ihn nicht durch Nichterfüllung des Heiligungs-Gebotes und nicht durch Übertreten des Werk-Gebotes zu entweihen — aber, beseelt von dem Sabbat-Gedanken, שומר ידו מעשות כל רע hütet er seine Hand, irgend Schlechtes zu begehen; ידו seine Tatkraft, ידו seine Macht ist dem Dienste Gottes geweiht im Sinne der Sabbat-Idee, er entheiligt sie nicht, indem er irgend etwas begeht, was in seines Schöpfers Augen רע „schlecht“ ist.
אנוש im Gegensatz zu אדם ist der Mensch, der sich seines Menschenberufs nicht bewußt ist, der sich nicht als אדם, als im Dienste Gottes waltender „Statthalter“ begreift, der vielmehr die ihm in der Gottesschöpfung eingeräumte bevorzugte Stellung mißbraucht und willkürlich zur Erreichung seiner eigenen Ziele und Zwecke ausnützen will. — S. Komm. zu 1. B. M. 4, 26. Wenn ein solcher יעשה (Futurum) sich entschließt, fortan זאת das — nachstehend Bezeichnete — zu vollbringen, so ringt er sich hinan zu der hohen Aufgabe, die ihm als „Sohn Adams“ geworden, wenn er an dem gefaßten Entschlusse fest hält und ihn in jedem Augenblick betätigt; und das „זאת“ ist die Hut und Weihe des Sabbats — von einem solchen heißt es hier אשרי: getragen von dieser Sabbat-Idee, die er ganz in sich aufgenommen hat, schreitet er dem Heile zu, sein ist der wahre Heilesfortschritt!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. ואל יאמר בן הנכר. Und stand auch seine Wiege nicht auf dem Boden des Judentums, und war ihm auch der Gottesgedanke bis dahin „fremd“ geblieben, — in der Sabbat-Idee und in ihrer Verwirklichung findet er den festen Boden einer Vergangenheit, die so alt ist wie die Schöpfung selbst, und auf ihr kann er festen Fuß fassen. Der freie, durch kein irdisches Motiv getrübte Entschluß, „sich Gott anzuschließen“ hebt ihn in den Kreis „seines Volkes“ und macht ihn zu dessen gleichberechtigtem, ebenbürtigem Sohn!
ואל יאמר הסריס וגו'. Ebenso wie der Sabbat-Gedanke, in allen seinen Beziehungen betätigt, dem Sohne der Fremde Ersatz für seine Vergangenheit gewährt, so findet der Kinderlose, dem jede Hoffnung genommen ist, in seinen Kindern weiter zu leben, in ihm seine unsterbliche Zukunft. Er ist kein dürrer, absterbender Baum, wie er trostlos sich bezeichnet,
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. 5. denn er zählt zu denen, deren Wirken und Schaffen Gott ewigen, segensreichen Bestand gewährt, zu denen, die die Sabbate hüten — hier wird das oben V. 2 geforderte שמר שבת מחללו ושמר ידו מעשות כל רע zusammengefaßt in den einen Begriff אשר ישמרו את שבתותי — aber noch hinzugefügt ובחרו וגו': Der Sabbatgeist hat so ihr Seelenleben veredelt, daß sie freiwillig, aus sich heraus das „erwählen“, worauf Gottes Waltung hinzielt, sie machen ihres Schöpfers Willen zu ihrem eigenen. Das Höchste, was sie mit ihrem ganzen Leben zu erringen sich sehnen, ist, daß das Wenige, was sie mit dem Aufgebot ihrer vollen Kraft zu leisten vermögen, dennoch von Gott gewürdigt werde, als ein wenn auch winziger Beitrag zur Festigung des Gottesbundes, mit welchem Gott das Heil Israels und die Entwicklungszukunft der Menschheit an die Huldigung des göttlichen Willens und die Anerkennung der Gottesherrschaft geknüpft hat.
Dazu verhelfe ich ihnen, spricht Gott; ich verleihe ihrem Wirken Dauer und Bestand. Ist es ihnen auch versagt, durch ihre Kinder ihr Werk und ihren Namen zu verewigen, — sie wollen nichts sein als meine „Mitarbeiter“, sie sind und bleiben es. Nimmer geht ihr Wirken verloren, in meiner Hand wird es zum Baustein für den Bau „meines Hauses und meiner Mauern“. ביתי וחומתי: Das „Gotteshaus“, das sich inmitten des „Gottesreiches“ einst erheben wird, entsprechend dem הר קדשי und בית תפלתי des V. 7. — יד Hand, bildlich Kraft, Wirksamkeit, Veranlassung u. s. w. שם der Name, der Ruf, der Inbegriff, das Fazit des ganzen Lebens eines Menschen.— Hätten sie בנים ובנות, die Gefahr wäre nicht ausgeschlossen, daß es ihnen ungeachtet all ihrer Hingebung nicht gelänge, ihre Söhne und Töchter zu gleicher Treue und Mitarbeit für die göttlichen Heilesziele zu begeistern, und so wäre ihr „Wirken und ihr Name“ gefährdet. Ich aber lasse auf ihrem selbstlosen Schaffen und durch ihr leuchtendes Beispiel angeeifert, Andere weiterbauen, und ewig gesichert ist so ihr Wirken, eingezeichnet in die Liste meiner Mitarbeiter ihr Name, und sogar אתן לו — nicht nur להם — jedes Einzelnen Wirken und Bedeutung geht nicht unter in der Menge, und wäre sie noch so groß.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. הנלוים על bezeichnet den Anschluß als noch näher, noch inniger, als dies הנלוה אל V. 3 besagt (אל kann auch nur die Richtung bezeichnen, während על auf, bei, neben, die größte Nähe ausdrückt).
Soll doch hier das ganz persönlich nahe Verhältnis des Dieners zum Herrn charakterisiert werden. Selbst dieses innige Verhältnis zu Gott ist den „Söhnen der Fremde“ erreichbar, wenn sie einzig von der Liebe zu ihm geleitet, Aufnahme suchen in den Dienerkreis Gottes und in der Erfüllung seiner Gesetze das Endziel ihres Strebens erblicken.
ולאהבה את שם ד' ist Subst., wie 5. B. M. 10, 12: ולאהבה אתו וגו'. Ähnlich wie dort (s. Komm.) ist da eines die Konsequenz des anderen: Der nahe Anschluß an Gott, um ihm zu dienen, führt dazu, Gott mit allem, was der Mensch von ihm erfassen kann — das ist ja שם —, zu lieben, und diese Liebe führt zu völligem Aufgehen in seinen Willen: להיות לו לעבדים.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. והביאותים וגו'. Sie haben gleichen Anteil an der endlichen Erlösung und Heimkehr meines Volkes zu „meinem heiligen Berge“. הר קדשי: In engerem Sinne der Tempelberg, in weiterem das Land Israel, und zur messianischen Heileszeit die Gesamterde; vgl. oben Kap. 11, 9: לא ירעו ולא ישחיתו בכל הר קדשי.
ושמחתים בבית תפלתי: Über תפלה s. Komm. zu 1. B. M. 20, 7. Dort, an der Stätte, wo der Mensch sich mit dem Gottesgedanken durchdringt (פלל ist auch lautverw. mit בלל) und sich vor meinem Angesichte prüft, um ein Urteil über sich und sein bisheriges Leben zu gewinnen, dort werde ich für sie die Freude erblühen lassen; sie werden empfinden, daß ihr Streben, mir nahe zu kommen, nicht vergeblich gewesen. עולתיהם וזבחיהם: Immer höher hinan zu mir geht ihr Sehnen, dem sie in עולות, in Emporopfern der Tatenweihe Ausdruck verleihen; und die Befriedigung ihrer Seele, ihre höchste Lebensfreude sprechen ihre זבחים, ihre Friedensmahlopfer aus — und beide nehme ich mit Wohlgefallen auf. Aber nicht nur ihre, der vollständig in den Pflichtenkreis des Judentums eingetretenen „Söhne der Fremde“ mir dargebrachten Empor- und Mahlopfer sind wohlgefällig auf meinem Altare, — auch die der nichtjüdischen Menschheit, die sich ihres Berufs, Mensch zu sein, bewußt ward und diesem Bewußtsein in „freiwilligen“ Opfern נדרים ונדבות (Chulin 13b) Ausdruck zu geben sich berufen fühlt. An der Spitze der jüdischen Tempelgesetzgebung steht 3. B. M. 1, 2 אדם כי יקריב וגו': אדם und dieses Wort öffnet allen Menschen das Portal „meines Hauses“, denn für alle Völker wird mein Haus das Haus des Gebetes genannt werden. Vgl. auch 1. Kön. 8, 41 u. f.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. Gott, der auch, indem er Israel in die Schule der Exiles-Leiden sandte, ihm seine Liebe bewahrt und מקבץ — Präsens — unablässig daran arbeitet, seine Verstoßenen der Wiedervereinigung um ihn auf ihrem angestammten Boden würdig zu machen, spricht die Verheißung aus: עוד אקבץ Zu seinen Versammelten werde ich noch fort und fort weiter hinzusammeln!
Entzückend schön ist das Bild, in welchem das Gotteswort uns Israel am Ziele der Zeiten erscheinen läßt: Es selbst geschart um das Gottesheiligtum, ihm zugesellt aus den Völkern, in deren Mitte es so lange gelebt, alle die, welche, von Liebe zu Gott erfüllt, sich Israel angeschlossen hatten, um gleich ihm die Pflichten des Feuergesetzes vom Sinai zu übernehmen. Und rings um Israel und in brüderlicher Zuneigung sich ihm nahend, sammelt sich die Allmenschheit, um im Beobachten der noachidischen Pflichten, die sie von Israel gelernt, Gott in Wahrheit zu huldigen und das reine Menschentum auf Erden zu verwirklichen.
Unwillkürlich tritt bei dieser Vorstellung der Anblick uns vor die Seele, welchen einst Israel bei seinem Wanderleben in der Wüste mit der Dreiteilung seines Lagers bot. Ähnlich — und dennoch verschieden! Um die Gotteswohnstätte gesammelt: die Priester, die Lehrer des Gesetzes, um diese: seine Träger und Wächter, die Leviten, rings umgeben von der Gesamtheit des Volkes; in dieser auf göttliches Geheiß gebildeten Gruppierung trat Israel seinen Gang durch die Zeiten an.
Und nun, da es an das Ziel seiner Sendung gelangt, ist Israel selbst ממלכת כהנים seiner Bestimmung nach ein Reich von Priestern geworden, dessen Mittelpunkt das Gottesheiligtum bildet — Leviten „לוים“ sind die, welche sich ihm angeschlossen, beigesellt hatten בני הנכר הנלוים, (das gleiche Wort), doch entsprechend dem ואל יאמר וגו' הנלוה אל ד' הבדל יבדילני וגו' bilden sie einen wesentlichen Bestandteil des „Priesterreiches“, sie unterstützen dessen eingeborenen Bürger, denen sie ja völlig gleichgestellt sind, in ihrer Aufgabe der Verbreitung der Gottes-Erkenntnis unter die Völker, und so weit sich die Erde dehnt, lebt die Allmenschheit, einen geschlossenen Kreis um sie bildend und den Blick auf Gott gerichtet „מנגד סביב“ (s. Komm. zu 4. B. M. 2, 2) ihrer sie adelnden Bestimmung „Mensch“ zu sein!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. Von diesem herrlichen Fernblick auf die lichtige Höhe, die einst Israel einnehmen wird, fällt das Auge des Sehers jäh herab auf das Bild, welches die nähere Zukunft bietet. Was er da sieht, ist wahrhaft grausig; ist es doch die entsetzliche Kehrseite des soeben Geschauten. Er hatte sein Volk in Glück und Freude um Gott und sein Heiligtum geschart erblickt, und dieses Haus war der Mittelpunkt der sich ihres Menschentums bewußt werdenden Menschheit geworden, er hatte Gottes Stimme vernommen, die Völker einladend, sich in immer größerer Menge einträchtig und liebevoll seinem Volke anzuschließen.
Es ist auch Gottes Stimme, die er jetzt die Völker zusammenrufend hört — aber sie sind sich ihres Menschenberufs nicht bewußt, כל חיתו שדי als Getier des Gefildes ruft er sie herbei, אתיו kommt heran — Schauder ergreift ihn — לאכל כל חיתו ביער zu vernichten alles Getier, das sich in den Wald verirrt hat!
Israel sollte צאן מרעיתו sein, sich als „Schafe“ der Gottesweide seiner Hut, seiner Leitung überlassen und gerade dadurch, wie es Jechesk. 34, 31 heißt: ואתן צאני צאן מרעיתי אדם אתם „Menschen“, Menschen in der Vollkraft ihres Seins werden. Aber es wollte sich nicht der Führung seines Hirten hingeben, wollte seine eigenen Wege gehen, die von Gott gewiesene Weide, welche es so lange mit allem, wessen es bedurfte, versorgt hatte, behagte ihm nicht mehr, es verließ sie, um sich der „Waldfreiheit“ zu erfreuen — und büßte damit seine Menschenwürde ein und verwilderte. Da ruft nun Gott die Völker, die selbst entmenscht, zusammen, um an seinem Volke zu vollziehen, was Er ihm für den Fall seines Ungehorsams 5. B. M. 31, 17 voraus angekündigt hatte: והיה לאכל „es verfällt der Vernichtung“.
Die Erklärung dieses Verses hat vielen Kommentatoren große Schwierigkeiten bereitet, einzelne sogar zu eigenmächtiger Änderung des Akzents auf לאכל von מרכא in טפחא veranlaßt oder zu anderen Kombinationen, welche gegen den Wortlaut und die Überlieferung verstoßen. Sie haben, so scheint es, außer acht gelassen, daß es hier nicht חיתו יער wie Ps. 50, 10. 104, 20, sondern חיתו ביער heißt; ersteres heißt entsprechend חיתו שדי Getier des Feldes: Getier des Waldes, Waldgetier, letzteres besagt unseres Erachtens das eben Erläuterte: in den Wald geratenes Getier, das eigentlich nicht dahin gehörte. Damit scheint uns die Schwierigkeit des Verses gelöst und sein Zusammenhang mit dem vorhergehenden und nachfolgenden gegeben.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10—12. Ist die Gottesherde, sich der Obhut ihres Hirten entziehend, verwildert, so mißt der Prophet die Hauptschuld daran denen bei, die sich zu ihren Wächtern und Führern aufgeworfen hatten und sie verführten, und der Trägheit und Gewissenlosigkeit ihrer bestellten Leiter.
צפיו von צפה schauen, wovon מצפה die Warte, von der aus der Wächter Ausschau hält, ist צפו geschrieben, wird jedoch צפיו gelesen: Sie erschienen — קרי —, gerierten sich als von Gott bestellte Seher, in Wirklichkeit — כתיב — war es צפו die Eingebung ihres verderbten Herzens, was sie als von Gott Gezeigtes gesehen zu haben vorgaben. (Vgl. oben Kap. 47, 13 unsere Erläuterung zu הברי שמים). Es sind die unter anderen oben Kap. 28, 7—15 und Kap. 29, 9—14 gekennzeichneten falschen Propheten; dort werden auch die Ratgeber und Führer des Volkes gegeißelt.
Hier heißt es nun: Seher wollen sie sein und sind blind, merken nichts von dem Verderben, das denen droht, deren Wohl angeblich ihrer Fürsorge anvertraut ist. Und die, welche berufen sind, die Gottesherde zu bewachen und zusammenzuhalten, daß sie sich nicht verliere, nicht abirre, sie, — „stumme Schäferhunde“ sind es, haben verlernt, ihre Stimme warnend zu erheben. — הזים kommt sonst nicht wieder vor. Wir folgen einigen älteren und auch späteren Kommentatoren, die es als Delirieren, Phantasieren, im Schlafe Reden auffassen, um so lieber, als wir nach unserer etymologischen Gepflogenheit הזה als das abgeschwächte חזה nehmen zu dürfen glauben. (Wie oben Kap. 47, 13 הברי eine Abschwächung von חברי.) Sie sind zu bequem, um wachsam zu sein und lieben die Ruhe; taucht aber in ihrem Halbschlafe, ihrem Dahindämmern hin und wieder die Erinnerung an ihre Wächterpflicht in ihnen auf, so sind es unartikulierte Laute, die sie von sich geben, — unverständlich, sinnlos vermögen sie die ihrer Wachsamkeit Anvertrauten nicht zur Sammlung zu bringen.
והכלבים וגו'. Haben diese „Wächter“ aber nichts von der Wachsamkeit der Hunde an sich, so haben sie eins doch mit ihnen gemein, die freche Gier, mit der ihr nie zu stillender Hunger über alles ihnen nur irgend Erreichbare herfällt.
והמה רעים „Und das sind,“ ruft entrüstet der Prophet aus, „die Hirten“! Jedes Pflichtbewußtsein mangelt ihnen, betrachten sie es doch nicht als in ihrem Interesse liegend, die von ihnen zu „Leitenden“ auf dem rechten Wege zu erhalten. Vielmehr folgen sie dem Wege, den es diesen einzuschlagen gefiel! — לדרכם glauben wir auf diese beziehen zu dürfen; auf רעים bezüglich aufgefaßt, würde es kaum etwas anderes sagen als das nachfolgende איש לבצעו וגו'. — Das Volk suchte sich von den göttlichen Gesetzen zu emanzipieren, verließ die Wege Gottes — und die „Seelenhirten“, statt die Abirrenden auf den rechten Weg zurückzuführen, folgten ihnen auf den Weg des Abfalls und machten ihn damit für sie zu einem erlaubten. Eigennutz ließ sie um die Gunst der Menge buhlen und ihren Leidenschaften schmeicheln, ja ihren Hang nach Genuß noch mehren. Den Gedanken an die Folgenschwere eines so pflichtvergessenen Lebens, an das strafende Gericht, welches in der heiligen Lehre Gott für den Abfall von seinem Gesetze angedroht hatte, den Gedanken an das „Morgen“, den ließen sie bei den ihrer „Seelsorge“ Anvertrauten gar nicht aufkommen, sie suchten ihn in dem Freudenrausche verbotenen Sinnengenusses zu ertränken — der Gedanke durfte das „Heute“ nicht stören: Wie heute so morgen, nur noch vorzüglicher, noch genußreicher! Das waren die Hirten!