Jeschajahu 55 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 55. V. 1. Diese Pflichttreue, die euch Beruhigung und Schutz gewährt, sie ist euer Lebens-Elixier, es steht jederzeit frei zu eurer Verfügung. Keiner besonderen Veranstaltung bedürfet ihr, um zu ihm zu gelangen, es quillt aus dem Gotteswort. Dem Quell der Thora müßt ihr euch zuwenden, er allein vermag euch den Durst zu stillen. Und wenn ihr glaubet, seiner nicht zu bedürfen, weil ihr eben keinen Durst empfindet, so irret ihr euch — des Lebens heißes Ringen und die Glut der Zeiten wirkt ausdorrend auf euch und erzeugt dringendes Verlangen nach erfrischendem Labetrunk, und was man euch sonst bietet, befriedigt dann euren Durst nimmer, und verschmachten würdet ihr ohne das belebende Labsal aus dem Born der Gotteslehre. — Dieses quälende Gefühl des Durstes glauben wir durch הוי כל צמא hier zum Ausdruck gebracht: Der Prophet ermahnt uns, rechtzeitig dafür zu sorgen, daß wir nicht unter ihm zu leiden haben. Unserer unmaßgeblichen Ansicht nach liegt auch hier kein zwingender Grund vor, הוי anders als in seiner gewöhnlichen Bedeutung aufzufassen, ebensowenig wie oben Kap. 18, 1, s. das. — לַמַּיִם mit dem bestimmten Artikel, auf den Thoraquell hinweisend, nicht לְמַיִם, was dem unbestimmten Artikel entsprechen würde.
In herrlicher Metapher wird hier die Spende des Gottesborns in ihrer dreifachen köstlichen Wirkung geschildert: Als Wasser, die Urbedingung alles Lebens, das erfrischende Element des Wachsens und Gedeihens, als sättigende, nährende Milch, als Kraft und Frohsinn erzeugender Wein. Wer sich, von wahrer Gottesfurcht erfüllt, in Liebe dem „Lernen“ der Thora zuwendet, lebt erst durch sie; er lernt aus ihr den wahren Wert und die Bedeutung des Lebens schätzen. Jeder Tag stellt seine besonderen Anforderungen an seine Pflichttreue, und das erfrischt und belebt sie, läßt sein geistiges, sittliches Streben immer mehr wachsen und gedeihen. Das erhält ihn jung, und wie ein Kind die Muttermilch, nimmt er sein ganzes Leben lang mit Eifer und Behagen das Geist, Herz und Gemüt nährende und sättigende Gotteswort in sich auf und fühlt sich wohl und geborgen und sicher ruhend in seinem Schutze, wie der Säugling an der Mutter Brust. Jede erfüllte Pflicht stählt seine Kraft, begeistert ihn zu neuer Leistung und durchdringt ihn mit der wahren Lebensfreude, der Freude an der zu betätigenden Pflicht. In sich heiter und froh, befriedigt und lebensmutig durchwandelt ein solcher die ihm beschiedene Zeit seines Hierseins — wie immer auch die Verhältnisse gestaltet sind, in denen er sich zu bewegen hat. Um sich dieses köstlichen „Trankes“ erfreuen zu können, bedarf es nicht „כסף“ des Geldes, des Besitzes, und „מחיר“ würde dafür nicht ausreichen, nicht entsprechenden Wert haben. מחיר ist der Tauschwert eines Gegenstandes: Alles, was wir etwa aufgeben müssen, um der göttlichen Pflicht die Treue zu wahren, alles, worauf wir ihretwegen von vornherein zu verzichten vielleicht gezwungen sind, reicht lange nicht an den hohen Wert hinan, den wir dafür gewinnen, wiegt das Seelenglück, den Seelenfrieden nicht auf, der damit unser wird. — Vielleicht will die מלא-Schreibweise des בלוא כסף ובלוא מחיר hier und des בלוא לחם und בלוא לשבעה im nächsten Verse die Negation noch mehr betonen: gänzlich unnötig, völlig unzulänglich, absolut nutzlos, durchaus unzureichend. Vielleicht!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. למה תשקלו וגו'. Jedes Surrogat, was man euch sonst anbietet, ist des Erwerbes nicht wert, es gibt positiv nichts, was Israel Ersatz zu bieten imstande wäre für die Segnungen des treuen Gehorsams gegen seine göttliche Lehre. Nur in ihm findet es שבעה die Sättigung, die Befriedigung für all seine „Mühe“. שמעו שמוע אלי. Das bewußte Hören auf Gott und der ernste Gehorsam gegen sein Wort hat zur Folge, daß der wahre Jude „ואכלו טוב“ alles, was ihm wird, was das Leben ihm bietet, als „Gutes genießt“, als ihm von Gott gespendet, alles als מן, als Gottesgabe ihm mundet, wie einfach und bescheiden, ja unzulänglich es auch anderen erscheinen möge. Er fühlt sich beglückt und befriedigt damit.
ותתענג בדשן נפשכם. Und gewährt ihm Gott Fülle des Besitzes, so bewahrt ihn der treue Gesetzesgehorsam vor den Gefahren, die der Reichtum sonst nicht selten mit sich bringt oder die ihm nachfolgen, vor Hochmut, Sinnengenuß, Übermut und nutzloser Vergeudung — er weiß, wie er nach der Lehre Gottes den materiellen Überfluß zu verwenden hat, damit er ihm und den Mitmenschen zum Segen werde, weiß, welche Pflichten er mit sich bringt; und so fühlt sich seine „Seele“ hochbeglückt durch ihn. Was anderen gar häufig zum Quell des Überdrusses und Unsegens wird, geleitet ihn zu reinster Lebensfreude, zu köstlichstem Lebensgenuß!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. An jeden einzelnen wie an die Gesamtheit ergeht daher die Aufforderung Gottes הטו אזנכם ולכו אלי „folget meinem Rufe und gehorchet mir“, ותחי נפשכם dann wird euer Leben erst zu einem wirklichen, euch und eure Umgebung beglückenden Leben erstehen, das beispielgebend für eure Mitwelt werden wird und sie für die Wahrheit des reinen Menschenberufs zu gewinnen vermag. Damit aber nähert ihr euch der Lösung der hohen Aufgabe, für welche ich euer nationales Dasein gründete, wie dies ganz besonders 5. B. M. 4, 6—8 hervorgehoben wird: „So hütet denn und erfüllet; denn das ist eure Weisheit und eure Einsicht vor den Augen der Nationen, welche alle diese Gesetze hören werden, und werden sagen: Es ist doch eine weise und einsichtsvolle Nation dieses große Volk! Denn welches ist ein großes Volk? Das ihm nahe Gottheit hat, wie Gott, unser Gott, so oft wir zu ihm rufen. Und welches ist ein großes Volk? Das gerechte Gesetze und Rechtsordnungen hat wie diese ganze Lehre, die ich euch heute vorlege!“ Es ist das dieselbe Aufgabe, als deren hervorragendster Träger David als Herold an die Völker wirksam war und noch ist.
ואכרתה — mit dem optativen ה — חסדי דוד sind die von Gottes Liebe angebahnten Veranstaltungen für das Heil aller Menschen, zu deren Werkzeug Gott David erkoren hatte; diese חסדים, diese Liebeswirkungen haben sich bereits bewährt, הנאמנים haben schon jetzt begonnen, der Menschheit den Weg zur göttlichen Wahrheit zu zeigen. Es nähert sich ja damit immer mehr seiner Verwirklichung das, was Ps. 89, 4. 5 gesagt ist: „Einen Bund habe ich meinem Erwählten errichtet, habe David, meinem Diener, geschworen: auf ewig bereite ich deine Nachkommen und baue für Geschlecht und Geschlecht deinen Thron.“ Diese Verheißung faßte er selbst als Bestimmung für das Heil der Menschheit gegeben auf, wie er 2. Sam. 7, 19 sagt: וזאת תורת האדם Hiermit ist also die Lehre der Menschheit gegeben. — S. darüber Komm. zur obigen Psalmenstelle und V. 48—50.
Hier heißt es nun: Ich wünsche nichts sehnlicher, als daß ihr euch in meinem Dienste fest entschließet, unentwegt und immer für das Heil der Menschheit durch euer Beispiel wohltätig zu wirken, wie David dieses durch seine Psalmen getan, deren Heileswirksamkeit für die Menschheit von unbegrenzter Dauer ist.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Durch sein begeistertes Sangeswort ist er der Gotteszeuge der Wahrheit für die Völker geworden. Das Gottesbewußtsein, von dem seine Lieder so herrliche Weisen zu singen verstehen, findet durch sie auf weiter Erde den Weg zu den Gemütern der Menschen. Wo immer Menschen und Völker sich, und sei es auch nur für einen Augenblick der Weihe, zu Gott erheben wollen, da bildet das Wort Davids die Schwinge, auf der sie dem himmlischen Vater näher zu kommen suchen; die Töne der Davids-Harfe tragen sie empor über alles Gemeine, über alles irdische Ungemach und Elend und gewähren ihnen Trost und Erhebung. Durch sein überaus wechselreiches Leben, durch den Kampf, den seine gegen Verirrungen nicht ganz geschützte Natur zu bestehen hatte, durch die riesige Heldenstärke, die er in seiner Seelengröße betätigte, um sich aus der Schuld zur reinsten Lauterkeit zu erheben — (vgl. Abodah sarah 4,b: לא דוד ראוי לאותו מעשה וכו') — ward er befähigt, נגיד ומצוה לאומים zu werden. נגיד Fürst, von נגד gegenüber, vergegenwärtigen, kennzeichnet den Führer eines Volkes in der idealsten Auffassung des Fürstenberufs: Vorbild für die Verwirklichung des Rechts und der Menschlichkeit seinem Volke zu werden. מצוה: Der in seinem Leben, auch unter Leid und Kämpfen und Entbehrung, stets den Weg zur מצוה, zur Pflicht fand und wiederfand, ward dadurch befähigt, Menschen und Menschen-Vereinen, Staaten, den Weg der Pflichterfüllung zu weisen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. הן וגו'. Gerade so wie David, ganz in derselben Weise bist du, Israel, erkoren, Völker für das sittliche Heil der Gotteswahrheit zu gewinnen, von denen du bisher nicht das mindeste wußtest, ja bis zu dem Momente, da das Gottesbewußtsein in ihnen aufdämmert, nichts wissen wirst — לא תדע —. Dir selbst unbewußt, gibst du ihnen das Beispiel sittlichen Lebens und des auf solchem sichtbar ruhenden Gottessegens, und dadurch werden sie zur Huldigung Gottes veranlaßt. — וגוי לא ידעוך וגו'. Auch die dich bis dahin verkannten, nichts von dir wissen wollten, sie eilen zu dir hin, למען ה' um sich Gott zu unterwerfen, den sie bisher nur als אלקיך deinen Gott betrachtet hatten; ולקדוש ישראל um durch ihn, der dich durch seine Gesetze heiligte, für ihren Menschenberuf geweiht zu werden. כי פארך. Denn dann sehen sie in der sittlichen Hoheit, in dem Seelenadel, zu welchem sein Gesetz dich erhoben hat, den Gipfel der dem Menschen erreichbaren Herrlichkeit.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. 7. דרשו ד'. Diese Höhe zu gewinnen, sei euer stetes Streben. Nur wenn der einzelne sich dieser Aufgabe bewußt ist, bringt er der Gesamtheit dieses Endziel näher, ist, wie der Ausdruck lautet: מקרב את הקץ. Darum wendet sich das Gotteswort an jeden einzelnen: Ihr gelanget dahin, indem ihr Gott suchet. Unschwer ist er zu finden, er läßt sich gerne finden. Und habet ihr durch euer Verschulden die Fühlung mit ihm verloren, empfindet ihr seine Segen bringende Nähe nicht mehr: קראהו rufet ihn an, בהיותו קרוב er ist dennoch in Rufesweite euch nahe. Ja, auch für den רשע, der sich gewöhnt hat, den Eingebungen seiner Leidenschaft zu folgen, ohne sich durch das göttliche Gesetz beschränken zu lassen, und dem die Übertretung der gesetzlichen Schranken zur zweiten Natur דרכו geworden ist, öffnet der Alliebende, Gott seine Vaterarme, um ihm mit seinem Erbarmen zu einem neuen Leben zu verhelfen. Und sogar für den איש און „den Mann der zur Gewalttat mißbräuchlich verwendeten Kraft“ — (און Kraft, Stärke, אָוֶן deren Mißbrauch, wie עול Joch, in übertragenem Sinne die Oberhoheit, עָוֶל deren Mißbrauch) —, der nicht bloß im Augenblick der Leidenschaft sich zu Verbrechen hinreißen läßt, sondern dessen ganze Existenz auf Unrecht gegründet ist, dessen Gesinnungs- und Denkweise מחשבתיו sich in dem Planen von nach Gottes Gesetz Verbotenem bewegt — auch für einen solchen hat אלקינו „unser Gott“, der Leben und Verhältnisse eines jeden einzelnen prüft und erwägt und die Ursachen erschaut, die ihn zur Sünde geführt, der die Kämpfe in Berechnung zieht, welche es ihn gekostet, ehe er der Sünde verfiel, der erst nachsichtig die Möglichkeit der Besserung in Ansatz bringt, bevor er zum Fazit der Verurteilung gelangt: auch für einen solchen hat unser Gott noch Vergebung übrig, כי ירבה לסלוח denn er ist unendlich reich an Verzeihung! Die Vorbedingung freilich ist: יעזוב רשע וגו'!
Es ist klar, daß diese Verse die Entfremdung von Gott in progressiver Weise hier charakterisieren und ihr trotzdem die Möglichkeit wieder zu gewinnender Gottesnähe sichern wollen. Jedoch dem Grade der Entfernung entsprechend hat auch die Annäherung zu erfolgen!
דרשו ד' heißt Gott immer näher zu kommen suchen, seinen in der Thora offenbarten Willen stets besser kennen zu lernen streben, um zu wissen, wie man sich in jedem Augenblick durch dessen Erfüllung das Wohlgefallen Gottes und seinen Beistand sichern könne, Belehrung und Hilfe bei Gott suchen heißt: דרש את ד', so: ותלך לדרש את ד' (1. B. M. 25, 22); דרשתי את ד' וענני (Ps. 34, 5); דרשו את ד' וחיו (Amos 5, 6) u. s.
קראהו. Die Mahnung, „Gott zu rufen“, setzt voraus, daß man ihm nicht mehr so nahe ist, wie man eigentlich sein sollte. Nicht absichtlich hat man sein Gesetz verletzt, war aber nicht achtsam, wenigstens nicht zur Genüge und nicht in jedem Moment von dem Ernst der Pflicht hinreichend durchdrungen, und so trat unmerklich eine Entfernung ein — und nun קרבת אלקים יחפצון (s. weiter Kap. 58, 2) erstrebet diese Entfernung aufzuheben, mit dem festen Vorsatz, künftig mit vollem Bedacht euch immer seine Nähe wahren zu wollen, קראהו rufet ihn an, בהיותו קרוב er hört, sobald ihr ihn so rufet, das genügt, um euch seine Nähe zu sichern.
Wer aber als רשע im vollen Bewußtsein, sich gegen Gottes Gesetz zu vergehen, einzig den eigenen Begierden und Leidenschaften folgend, den „Weg Gottes“ verläßt, der gerät immer weiter auf Abwege; größer und größer wird die Entfernung von Gott — und dennoch, wenn er nur ernste Reue empfindet und den festen Willen zur Besserung betätigt, nimmt auch ihn ד', der auch dem Sünder noch seine Liebe bewahrt, auf וירחמהו und umfaßt ihn erbarmend mit seinem Schöpferarme. Freilich יעזב muß ein solcher vollkommen brechen mit der ganzen Weise seines bisherigen Lebens, muß den selbstgewählten Weg der Sünde für immer gänzlich aufgeben und verlassen, und וישב אל ד' in Selbsterkenntnis und mit klarem Bewußtsein der Entfernung, die ihn noch von Gott trennt, den Weg zu ihm wieder einschlagen und auf ihm energisch verharren, wie sehr und wie oft auch דרכו sein gewohnter Wandel ihn von Gott ablenken möchte.
Der איש און aber, dessen Verbrechen nicht der Verirrung des Augenblicks, nicht der Glut der Leidenschaft entsprang, sondern kalt berechnenden, durchdachten Plänen — er muß nicht allein דרכו seinen Wandel, sein bisheriges Tatenleben verlassen, sondern in seiner Gesinnung, in seiner Denkweise und damit in seinen Absichten muß sich eine gänzliche Änderung vollziehen, so erst vermag er die reuige Umkehr und Rückkehr zu Gott zu dokumentieren, die ihm die Verzeihung bringt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. כי לא מחשבותי וגו'. Bevor Gott Israel am Sinai sein Gesetz gab, sprach er 2. B. M. 19, 5. 6 zu der Gesamtheit des Volkes: „Und nun, wenn ihr auf meine Stimme ernstlich hören und meinen Bund hüten wollet, so müßt ihr mehr als alle Völker mir ausschließlich angehören, denn mein ist die ganze Erde. Ihr aber sollt mir ein Reich von Priestern und ein heilig Volk sein!“ Das heißt, durch euer Leben und euer Beispiel sollt ihr die Erkenntnis und Huldigung Gottes in der Menschheit verbreiten und als Volk eure Größe nicht in der Macht, sondern in der absoluten Herrschaft des göttlichen Sittengesetzes suchen. Und zu jedem Einzelnen spricht Gott wiederholt והייתם קדושים (3. B. M. 11, 44), קדושים תהיו (das. 19, 2) heilig sollt ihr sein, d. h. absolut bereit für alles Gute; durchsittlicht euer ganzes Wesen derart, daß die Hinneigung zum Schlechten keine Stätte bei euch mehr habe. Dies sind מחשבותי meine Gedanken, die Gedanken und Vorstellungen, die ich von euch habe, und die Absichten und Pläne — denn dies alles heißt ja מחשבה —, die ich mit euch habe. Der Weg dazu oder vielmehr die Wege, die zur Erreichung dieses Zieles führen, die habe ich euch in meiner Thora gelehrt; es sind דרכי meine Wege, die Gebote, die euer Denken und Empfinden leiten, euer Tun und Wirken in die rechte Bahn lenken sollen, die Verbote, die euer geistig-sittliches, euer physisch-sinnliches Leben, euer Genußleben, euer Verkehrsleben vor jeder Ausschreitung bewahren sollen — ob ihr deren Zusammenhang mit eurer Heranerziehung für das euch bestimmte Ziel begreifet oder nicht — es sind „meine Wege“, die Ich, euer Schöpfer und der Schöpfer eurer Bestimmung, allein zu beurteilen vermag.
מחשבותי. Meine Gedanken, Absichten und Ziele müsset ihr zu den euren, zu מחשבותיכם machen, und darum „meine Wege“, die ich euch gelehrt, zu euren Wegen דרכיכם machen! Weil ihr aber ganz andere Absichten und Ziele verfolgt, euer Glück und euer Heil und eure Zukunft in ganz anderem sehet, als ich es beabsichtigte, darum sind auch die Wege, die ihr betreten habet, nicht die meinigen! (Auch im Folgesatz finden wir zuweilen das „ו“ wie hier in ולא דרכיכם, so 4. B. M. 14, 43: „Denn darum, weil ihr von der Nachfolge Gottes zurückgewichen seid, wird Gott nicht mit euch sein — ולא יהיה.)
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. Himmelweit entfernt sind die Wege, welche ich euch gelehrt, von den Wegen, die ihr wandelt. Meine Wege, die ihr gehen solltet, verfolgen ein hohes Ziel, beabsichtigen euch auf den Höhepunkt der sittlichen Größe, auf den Gipfel des Heils zu führen — die Wege, die ihr betreten habet, sie haften in der Niedere, streben nur danach, euer „Glück“ auf der Erde durch die Erde zu gewinnen, aber das erreicht ihr, wenn ihr eure Wege wandelt, nimmer:
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. 11. denn so wenig, wie nach der von mir eingesetzten Naturordnung irdisches Blühen und Gedeihen ohne die Segensspende des himmlischen Nasses denkbar ist, ebenso wenig könnet ihr Gelingen והצליח und Blüte für eure Bestrebungen erwarten, ja ebenso wenig kann die Menschheit dauernd zu Frieden und Freude gelangen, bevor nicht דברי mein Wort Gesetz und Führer für euch geworden ist; dann erst werdet ihr und wird die Menschheit des Segens und Heils teilhaftig werden, welche „mein Wort“ als Folge des ihm geleisteten Gehorsams in reichster Fülle verheißt.
Der Regentropfen und die Schneeflocke, die auf Gottes Geheiß zur Erde niedersteigen, um sie zu tränken, sie zeugungsfähig zu machen und ihr Wachstum zu bewirken, sie kehren nicht unvollzogener Sendung zu Gott zurück. Und welche Schwierigkeiten haben sie zu besiegen, wenn felsiger Grund ihr Eindringen in den Boden hemmen will! Sie arbeiten sich, gehorsam dem ihnen gewordenen Auftrage, durch und erst nach dessen Erfüllung steigen sie wieder zu ihrem Sender empor, um seines weiteren Befehles gewärtig zu sein.
So — כן will die Parallele auf alles Vorherstehende ausdehnen —, ganz so ist mein für alle Ewigkeit — יצא — an euch vom Sinai ergangenes Wort, es ist die Bedingung eures Seins, sein Inhalt seid ihr — לא דבר רק הוא מכם „es ist kein von euch leeres Wort“, so lautete die letzte in meinem Auftrag an euch gerichtete Ansprache eures scheidenden Führers (5. B. M. 32, 47), — es ist gegeben für alle Phasen eurer Geschichte; es ist der himmlische Regentropfen, der euch in der Zeiten Glut tränkt und erfrischt, es ist die Schneedecke, die euch umhüllend schützt, wenn ringsum alles in Frost erstarrt, und die sodann sich auflösend euch empfänglich macht für die Aufnahme der Gottessaat, welche sich zu dem euch Sättigung und Befriedigung, Gesundheit und Kraft spendenden „Brote“ herauswächst. (Vgl. 5. B. M. 8, 3: כי לא על הלחם לבדו יחיה האדם כי על כל מוצא פי ד' וגו'.)
Auch dieses „Gotteswort“ mit allen seinen Bestimmungen, den Geboten und Verboten, deren Konnex mit eurer physischen, geistigen, seelischen und sittlichen Gesundheit sich häufig eurem Fassungsvermögen entzieht, ruht nicht eher, bis es in vollem Ausmaße das Ziel seiner Sendung erreicht hat: euch mit sich zu erfüllen und damit euer und der Menschheit Heil und Glück herbeizuführen. — והצליח von צלח, verwandt mit שלח: etwas einem Ziele zu in Bewegung setzen. Der צ-Laut bringt die Nuance des Überwindens von Hindernissen und צלח heißt daher: mit Überwindung aller entgegenstehenden Hindernisse zu einem Ziele gelangen, resp. im Hifil: zu ihm führen. S. Komm. zu 1. B. M. 24, 21.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. 13. Dann ziehet ihr in Freude heim aus der Verbannung, in Frieden geleitet von der durch euch beglückten Menschheit, jubelnd begrüßt durch den aus langem Todesschlaf zu neuem Leben erwachenden Boden eurer Heimat. לפניכם Euch, dem Volke, das mitgearbeitet an der Verwirklichung „meines Wortes“, gilt der Jubel eures Landes, das nun von dem Bann sich erlöst fühlt, der während eurer Abwesenheit auf ihm lag. — Vgl. darüber das oben zu Kap. 35, 1 Bemerkte und die Schilderung dort. — Es wird den Charakter einer Steppe, als welche es dort während der Exilsdauer bezeichnet ist, verlieren und seine Kulturaufgabe vollständig lösen. Vielleicht sollen die beiden hier genannten Produkte den Anteil andeuten, den der Boden fortan zu dem Gedeihen des Volkes, welches sich auf ihm niederläßt, spendet, und zwar nicht zu dem materiellen, sondern vielmehr zu dem sittlichen und geistigen. Deshalb ist Nahrung gewährender Bodenwuchs, wie Getreide, Fruchtbäume und Weinstock, hier nicht erwähnt, wohl aber ברוש, wahrscheinlich eine Zedernart, vielleicht die ihr verwandte Tanne, und הדס die Myrte.
Zedernholz bildet den Hauptbestandteil des Tempelheiligtums, der Gotteswohnstätte, die Vorbild für unsere Häuser sein sollte, in denen das Recht und die Sittlichkeit und die Menschenliebe, wie sie das im Tempel ruhende Gottesgesetz lehrt, wohnen und zur Verwirklichung kommen sollen. Die duftreiche Myrte dürfte die geistig-sittliche, veredelnde Einwirkung bezeichnen, die aus einem so segensreich aufblühenden Leben gleichsam als ätherischer Wohlgeruch in weite Kreise der Menschheit getragen werden wird. In diesem Sinne dürften auch die als Gegensatz dazu genannten Gewächse ihre Deutung finden: נעצוץ — s. oben Kap. 7, 19 — der keine Annäherung duldende Dornstrauch, der mit scharfem Stachel seine Umgebung verletzt u. s. w., dürfte wohl den Kontrast versinnbildlichen gegenüber dem Walten der Menschenliebe u. s. w. in den Wohnstätten des Gottesvolkes; סרפד — nur hier vorkommend, wahrscheinlich Distel —, das einzig dem vernunftlosen Tiere zur Nahrung dienende Gewächs, dürfte den schroffsten Gegensatz bilden gegenüber dem geistigen Genuß, den die Myrte bietet. — והיה וגו'. Die Blüte des jüdischen Bodens und seiner Bewohner wird die Augen aller Welt auf sich lenken und sie auf Gott hinweisen, dessen Name dadurch verherrlicht wird; und dieses Aufblühen, dem kein Welken folgt, wird für alle Ewigkeit ein Zeichen und Gotteswunder bleiben. Vgl. oben Kap. 35, 2 das zu המה יראו כבוד ד' וגו' Bemerkte.