Jeschajahu 54 ישעיהו

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Übersetzung:
Haftarot in diesem Kapitel: Ki Tetze · Noach · Re'eh
Haftarah Noach Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten, Italiener, Chabad, Maghreb, Algier und einige jemenitische Gemeinden beginnen hier.Jemeniten: abweichend: Jeschajahu 54,1 – 55,3
Haftarah Ki Tetze Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten, Romanioten, Karäer und Syrakus (erloschen) beginnen hier.
1
רׇנִּ֥י עֲקָרָ֖ה לֹ֣א יָלָ֑דָה פִּצְחִ֨י רִנָּ֤ה וְצַֽהֲלִי֙ לֹא־חָ֔לָה כִּֽי־רַבִּ֧ים בְּֽנֵי־שׁוֹמֵמָ֛ה מִבְּנֵ֥י בְעוּלָ֖ה אָמַ֥ר יְהֹוָֽה׃
BernfeldJubele du, die du wie eine Unfruchtbare bist, die nicht geboren, brich in Jubel aus und jauchze, die einer gleicht, die nie gekreist! denn zahlreicher sind die Kinder der Einsamen als die Kinder der Vermählten, spricht der Herr.
ZunzJubele, Unfruchtbare, die nicht geboren, brich in Jubel aus und jauchze, die nicht gekreist! denn zahlreicher sind die Kinder der Einsamen als die Kinder der Vermählten, spricht der Ewige.
J. J. HirschJauchze, Unfruchtbare, die nicht geboren, brich in Jauchzen aus und weithin tönenden Jubel, die nicht gekreißet hat, denn zahlreicher sind die Kinder der Vereinsamten als die Kinder der mit dem Gatten Vereinten, spricht Gott.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 54. V. 1. Im Anschluß an das eben Gesagte wendet sich nun das Prophetenwort in direkter Rede an Zion, die oben Kap. 52, 1 nach langer, banger Galuth-Nacht zum Erwachen für eine frohe, sonnige Zukunft aufgerufene geistige Mutter Israels, die fortan mit freudigem Stolz auf ihre heimkehrenden Kinder blicken darf. עקרה „Unfruchtbare“ nennt es sie! Die sie einst während der Blütezeit ihres Staatendaseins als ihre Kinder begrüßen zu dürfen glaubte, die hatten sich nicht als lebensfähig erwiesen, sie waren nicht von dem Geiste der Thora beseelt, לא ילדה Zions Kinder waren sie nicht — und darum mußten sie hinaus in die Verbannung, und Zion ward verlassen, blieb שוממה vereinsamt. Die jetzt das Heim der „Vereinsamten“ mit hellem Jubel Belebenden, sie sind im Schoße des Exils gezeitigt, לא חלה nicht sie hat mit ihnen gekreißet, die Schmerzen und Leiden des Galuth waren die Geburtswehen, unter welchen sie für Zion geboren wurden, und jauchzend darf sich Zion der ihr geschenkten Kinder freuen. Und, fügt das Gotteswort hinzu, der ihr während ihrer Vereinsamung gewonnene Kindersegen ist weit größer als selbst zu der Zeit, da sie noch בעולה auch nach außen hin sichtbar unter dem Schutze Gottes sich befand.

בעולה und ebenfalls אלמנותיך wie בעליך, אשה עזובה und אשת נעורים der V. 4 bis 6 sind dem Eheleben entlehnte Bilder, die Israels oder, wie es hier gedacht ist, Zions, seiner geistigen Mutter, Verhältnis zu Gott, und Gottes Verhältnis zu ihr veranschaulichen sollen. Dieser tief charakteristischen Auffassung begegnen wir auf allen Blättern der heiligen Schrift. Sie sagt uns alles, was Gott von Israel erwartet, was Israel von Gott zu erwarten hat, sie soll es mit der reinsten, begeistertsten Hingebung und Liebe zu Gott und zur Erfüllung seines heiligen Willens durchdringen; immer inniger gehöre es seinem Gotte an, habe keinen anderen Gedanken als an Ihn, — dann ist es Gott das Liebste unter allen seinen Geschöpfen, er hegt es und schützt es und wartet seiner mit innigster Sorgfalt. Dann ist dem Prophetenworte dieses Volk die Braut Gottes, das Gott angetraute Weib, und alle die Momente seiner Pflichttreue, seiner Pflichtvergessenheit und der Wiederkehr zur bewußtvollen Erfüllung seiner Pflichtaufgaben, das ist: seiner Blüte, seines Welkens und seiner Auferstehung zur Blüte, — also die ganze wechselreiche Geschichte seines inneren und äußeren Lebens nichts anderes als das Bild einer Ehe mit den glücklichen, frohen Stadien der Treue und den unseligen, trüben der Untreue, der Hingebung und Entfremdung, der Entzweiung und Versöhnung, des Verstoßens und der Wiederaufnahme zum trauten, ewigen seligen Bunde.

Hier dürfte durch „בעולה“ unseres Erachtens nach auf die Zeit hingewiesen sein, da der jüdische Staat noch unangetastet und volkreich dastand, und der Tempel die Gegenwart der göttlichen Herrlichkeit in Israel auch nach außen hin sichtbar dokumentierte, aber dem zu prophetischem Schauen geöffneten Auge Jesaias bereits gezeigt ward, daß der Thron der göttlichen Herrlichkeit im Begriffe war, sich aus dem Tempelheiligtum hinaus zur himmlischen Höhe zu erheben, und ושוליו מלאים את ההיכל (oben Kap. 6, 1, s. das.) „nur seine Säume noch den Tempel erfüllten“. Damit aber ward der so lange, lange andauernde Zustand Zions eingeleitet, der hier als שוממה gekennzeichnet ist. Jetzt aber hat die Leidensschule des Galuth ihn in sein Gegenteil verwandelt, und als wahre Kinder Zions, besser und zahlreicher denn damals, kehren sie ihr heim. Deshalb

2
הַרְחִ֣יבִי ׀ מְק֣וֹם אׇהֳלֵ֗ךְ וִירִיע֧וֹת מִשְׁכְּנוֹתַ֛יִךְ יַטּ֖וּ אַל־תַּחְשֹׂ֑כִי הַאֲרִ֙יכִי֙ מֵיתָרַ֔יִךְ וִיתֵדֹתַ֖יִךְ חַזֵּֽקִי׃
BernfeldErweitere den Raum deines Zeltes, und die Umhänge deiner Wohnung werden auseinandergespannt; spare nicht, ziehe lang deine Seile und befestige deine Pflöcke.
ZunzErweitere den Raum deines Zeltes, und die Umhänge deiner Wohnungen spann' auseinander, halte nicht ein, zieh lang deine Seile, und deine Pflöcke befestige.
J. J. HirschErweitere den Raum deines Zeltes, und dehnen sie die Teppichwände deiner Wohnungen aus, so verhindere es nicht, verlängere [vielmehr] deine Zeltstricke und verstärke deine Zeltpflöcke!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. 3. „erweitere den Raum deines Zeltes“. Vielleicht dürfte אהלך das Gottesheiligtum, den Tempel, dessen Wiederaufbau für diese Zukunft verheißen ist, bedeuten. Die für diesen von Jecheskel geschauten Maßverhältnisse weisen ja auf eine Erweiterung hin. — Subjekt von יטו scheint בני שוממה zu sein: Und wenn deine in so großer Anzahl zu dir heimkehrenden Söhne „die Teppiche deiner Wohnungen“ ausdehnen, so verhindere es nicht. Wir haben bereits oben (Kap. 11, 14, s. das.) den Hinweis auf die für diese Zeit verkündete Erweiterung des Gebietes des jüdischen Volkes zu der Vater Abraham verheißenen Größe erblicken zu dürfen geglaubt. Hier heißt es nun: Zion habe sich ihrer zu freuen, bedürfe ihrer, um Raum für die ihr wiedergewonnenen Kinder zu schaffen und für diejenigen aus den Völkern, die sich ihnen anschließen, um aus Liebe zum reinen Menschentum in ihrer Mitte leben zu dürfen. (Vgl. weiter 56, 8.)

האריכי מיתריך: Auch auf sie dehne das Band der Pflicht aus, welches deine Söhne zusammenhält, unterweise sie und nimm sie auf in den Kreis der ihnen von Gott gebotenen noachidischen Pflichten, — ויתדתיך חזקי aber sorge dafür, daß das, was dir Halt gab und die Wiedererrichtung deines „Zeltes“ sicherte, deine Grundpflöcke, die allein ihm Dauer und Festigkeit gewähren: die Gottesfurcht und die Liebe zu Gott und seiner heiligen Thora, daß diese sich nicht lockern durch den dir gewordenen Zuwachs, vielmehr immer fester und fester und tiefer in dem Boden deiner Zukunft haften. (S. das oben Kap. 52, 1 zu כי לא יוסיף וגו' Bemerkte.)

וזרעך גוים יירש וגו'. Bis dahin verbleibt der jüdische Boden in dem Besitze der Völker und wartet sehnsüchtig der Wiederkehr seiner ihm von Gott gegebenen Eigentümer, und seine Städte sind נשמות zertrümmert oder verödet, ihr Gedeihen ist an Israels Weilen im Lande geknüpft, wie es 3. B. M. 26, 33 voraus verkündigt ward.

3
כִּֽי־יָמִ֥ין וּשְׂמֹ֖אול תִּפְרֹ֑צִי וְזַרְעֵךְ֙ גּוֹיִ֣ם יִירָ֔שׁ וְעָרִ֥ים נְשַׁמּ֖וֹת יוֹשִֽׁיבוּ׃
BernfeldDenn nach rechts und links wirst du dich ausbreiten; deine Kinder werden Völker vertreiben und verödete Städte bevölkern.
ZunzDenn rechts und links wirst du dich ausbreiten, und dein Same wird Völker vertreiben, und verödete Städte werden sie bevölkern.
J. J. HirschDenn nach rechts und links wirst du dich ausbreiten, und deine Nachkommenschaft wird das Erbe von Völkern antreten, und verödete Städte werden sie zu bewohnten machen.
4
אַל־תִּֽירְאִי֙ כִּֽי־לֹ֣א תֵב֔וֹשִׁי וְאַל־תִּכָּלְמִ֖י כִּ֣י לֹ֣א תַחְפִּ֑ירִי כִּ֣י בֹ֤שֶׁת עֲלוּמַ֙יִךְ֙ תִּשְׁכָּ֔חִי וְחֶרְפַּ֥ת אַלְמְנוּתַ֖יִךְ לֹ֥א תִזְכְּרִי־עֽוֹד׃
BernfeldFürchte nicht, denn du wirst nicht zu Schanden werden, sei nicht verschüchtert, denn du sollst nicht erröten. Die Schmach deiner Jugend wirst du vergessen und der Schande deines Witwentums nicht mehr gedenken.
ZunzFürchte nicht; denn du wirst nicht zu Schanden, und sei nicht beschämt, denn du darfst nicht erröthen. Denn die Schmach deiner Jugend wirst du vergessen, und der Schande deines Wittwenthums nicht mehr gedenken.
J. J. HirschFürchte dich nicht, denn du wirst nicht enttäuscht werden, und fühle dich nicht beschämt, denn du wirst nicht zu erbleichen haben; denn die Schande deiner Jugend magst du vergessen und der Schmach deines Witwenstandes sollst du nicht weiter gedenken.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. Du hast keine Enttäuschung zu fürchten, hast nicht zu besorgen, die Besserung deiner Kinder sei nur eine augenblickliche, und ein Rückfall in die frühere Gottentfremdung werde sie dir wieder entreißen. ואל תכלמי וגו' — כלם, lautverw. mit גלם die ungeformte Materie, unfertige Masse, Block, Klotz, bezeichnet das beschämende Gefühl, welches durch die Erkenntnis der eigenen Unfertigkeit, Unvollkommenheit erzeugt wird. Dieses bittere Gefühl wird dir fortan erspart bleiben, das Leid hat die Deinen geläutert, ihre Erziehung für ihre hohe Aufgabe vollendet und in vollkommener Gesundheit kommen sie heim. — תחפירי von חפר, die Etym. s. Komm. zu Ps. 34, 6.

בשת עלומיך: Lange, gar lange Zeit hatte es gewährt bis Israel dem Gottesgesetze gewonnen war; ungeachtet all des Wunderbaren, welches Gott für es geübt, bedurfte es sehr langer Zeit, ehe der Glaube an die göttliche Allmacht und das Vertrauen auf Gott es erfüllte, und noch längere Zeit erforderte seine Gewinnung für den treuen Gehorsam gegen die Thora. Die ganze Reihenfolge seiner Verirrungen wird hier, wie wir glauben, als בשת עלומיך als „die Schande deiner Jugend“ charakterisiert; es war noch unfertig, noch sehr jugendlich unreif und der Erziehung bedürftig, als es sich Verfehlungen zuschulden kommen ließ, deren es sich zu schämen hat: Jetzt aber תשכחי darfst du, magst du dieser ganzen Zeit vergessen, mit voller, bewußter Treue hängt fortan Israel an Gott und seiner Thora.

Darum aber auch וחרפת אלמנותיך וגו', sollst du all der Schmach, welche die Menschheit dir während der Exilsperiode angetan hat, ferner nicht gedenken, sollst nicht mehr des Hohnes und der entehrenden Mißhandlung dich erinnern, mit der sie sich an dir in der Zeit אלמנותיך versündigte, als sie dich von deinem „Gatten“, von deinem Schützer und Annehmer für immer verlassen glaubte. (Vgl. das oben Kap. 25, 8 zu וחרפת עמו יסיר Bemerkte.) Dieses Leidensgeschick hat ja den Grund zu deinem Glück gelegt, darum gedenke seiner fortan nicht mehr als einer Zeit der „Schmach“. Das letzte Wort des vorhergehenden Kapitels sagt sogar, daß Israel für diejenigen, die dieses Leidensgeschick über es ergehen ließen, Gottes Verzeihung erflehen werde.

5
כִּ֤י בֹעֲלַ֙יִךְ֙ עֹשַׂ֔יִךְ יְהֹוָ֥ה צְבָא֖וֹת שְׁמ֑וֹ וְגֹֽאֲלֵךְ֙ קְד֣וֹשׁ יִשְׂרָאֵ֔ל אֱלֹהֵ֥י כׇל־הָאָ֖רֶץ יִקָּרֵֽא׃
BernfeldDenn dein Schöpfer ist dein Eheherr, Gott Zebaot ist sein Name, und dein Erlöser, der Heilige Israels, der dereinst der Gott der ganzen Erde genannt wird.
ZunzDenn dein Gemahl ist dein Schöpfer, Ewiger der Heerschaaren ist sein Name, und dein Erlöser, der Heilige Jisraël's, wird der Gott der ganzen Erde genannt werden.
J. J. HirschDenn der stets dein Gatte blieb, der vollendet deine Schöpfung, Gott Zebaoth ist sein Name; und der dich erlöset, der Heilige Israels, Gott der ganzen Erde wird er genannt werden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. 6. בעליך, עשיך beides vielleicht plural. majest. wie der Gottesname überhaupt, auch sonst z. B. אדונֵי יוסף, אדנָיו, לאדונֵיהֶם im 1. B. M. Kap. 39 und 40 und Ps. 149, 2: ישמח ישראל בעשיו. In der letztzitierten Stelle dürfte, wie dort im Kommentar ausgeführt wird, der Plural Ausdruck für die wiederholten Male sein, in denen sich Gott als Israels geschichtlicher Schöpfer gezeigt hat, — Gott als den bezeichnen, der mit dieser letzten Erlösung das Ziel dieser Schöpfungen erreicht, Israels sittliche Vollendung bewirkt hat. Dieselbe Auffassung glauben wir auch hier von עשיך haben zu dürfen. Ebenso scheint uns בעליך auf die wiederholte Annäherung Gottes an sein Volk hinzuweisen, mit welcher er in seiner unendlichen Langmut und Liebe, ungeachtet dessen Verfehlung und Untreue, es immer wieder zu sich berief, sobald es Reue zeigte, wie dies כאשה עזובה וגו' קראך ד' näher erläutert: es fühlt sich עזובה durch eigene Schuld und deshalb ist es עצובת רוח; das dürfte schon in feiner Weise die Lautverwandtschaft der beiden hier gebrauchten Ausdrücke עזב und עצב andeuten.

Die Zeit deiner Schmach ist zu Ende; du wirst fortan, hochgeachtet von der Menschheit, deiner hehren Aufgabe leben können. Gott, בעליך, der dich zum ewigen Bunde sich antraute, Er, עשיך, hat nun deine Bildung und Befähigung zum Gottesherold an die Gesamtheit aller Menschen als ד' צבא' vollendet. Indem er dich erlöst und durch seine Gesetze heiligt, wirst du in Wahrheit „Jisra-el“, gelangt durch deine Sendung bei aller Welt die Überzeugung zur Geltung, daß „Gott der alles Überragende, der Herrscher ist“: Er wird fortan nicht nur der Gott Israels, „Gott der ganzen Erde“ wird er genannt werden!

ואשת נעורים. Das „ו“ bezeichnet die Fortdauer dieses Charakters, sie bleibt „Gattin der Jugend“, כי תמאס selbst dann, wenn es Momente in ihrem Leben gegeben, die die Achtung, welche ihr Gatte ihr entgegen trug, herabzumindern geeignet waren. — מאס ist in תנ"ך stets der Ausdruck des minderwertig Schätzens einer Person, eines Gegenstandes oder eines Verhältnisses, daher ist es auch die Bezeichnung für: Etwas tadelnswert finden. Wenn Gott 3. B. M. 26, 44 auf die Untreue Israels während seiner Exilierung hinblickend spricht: ואף גם זאת וגו' לא מאסתים ולא געלתים לכלתם להפר בריתי אתם וגו', so dürfte damit ein ähnlicher Gedanke ausgesprochen sein, wie der hier zum Ausdruck gelangende: wenn auch das Verhalten Israels Gott gegenüber tadelnswert ist, so ist es dies doch nicht in solchem Grade, daß dadurch das Bundesverhältnis Gottes zu ihm aufgehoben würde — das אמר אלקיך hier entspricht dem כי אני ד' אלקיכם dort —, der Bund oder das Band bleibt, Israel bleibt אשת נעורים, und in ihm gelangt, wie oben bemerkt, das Bewußtsein zum Durchbruch, daß der Zustand der Verlassenheit, in welchem es sich so lange befand, seine eigene Schuld sei. Dadurch wird seine endliche völlige reuige Rückkehr zur Pflichttreue bewirkt, die es der göttlichen Vergebung und Wiederaufnahme für immer würdig macht.

6
כִּֽי־כְאִשָּׁ֧ה עֲזוּבָ֛ה וַעֲצ֥וּבַת ר֖וּחַ קְרָאָ֣ךְ יְהֹוָ֑ה וְאֵ֧שֶׁת נְעוּרִ֛ים כִּ֥י תִמָּאֵ֖ס אָמַ֥ר אֱלֹהָֽיִךְ׃
BernfeldWie ein verlassenes Weib, das deswegen tief betrübt ist, hat dich der Herr zurückgerufen; denn sollte die Frau der Jugendliebe für immer verabscheut sein? spricht dein Gott.
ZunzDenn wie das verlassene Weib, weil dem Gemüth widerwärtig, hat dich der Ewige zurückgerufen, und (wie) das Weib der Jugend, weil sie verhaßt geworden, spricht dein Gott.
J. J. HirschDenn wie ein Weib, das verlassen ward und [darob] bekümmerten Gemütes ist, hat Gott dich zurückgerufen, es bleibt Gattin der Jugend, wenn es auch zu tadeln war — hat dein Gott gesprochen.
7
בְּרֶ֥גַע קָטֹ֖ן עֲזַבְתִּ֑יךְ וּבְרַחֲמִ֥ים גְּדֹלִ֖ים אֲקַבְּצֵֽךְ׃
BernfeldFür eine kleine Weile hatte ich dich verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit nehme ich dich auf.
ZunzEine kleine Weile hatt' ich dich verlassen, und mit großer Barmherzigkeit nehme ich dich auf.
J. J. HirschFür eine kurze Weile verließ ich dich, aber in unendlichem Erbarmen ziehe ich dich wieder an mich.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. 8. Im Vergleich zu der ewigen Dauer des Glückszustandes ist dann die Zeit, da Gott, sich scheinbar von Israel abwendend, es seinem selbst verschuldeten Geschick überlassen mußte — ein verschwindend kleiner Augenblick. (Vgl. oben Kap. 26, 20: חבי כמעט רגע וגו'.) — שצף nur hier, lautverw. mit שזף, das Anblicken heißt: שזפתו עין איה (Job 28, 7), שזפתני השמש (Hohes Lied 1, 6) „die Sonne hat mich angeschaut“ — vielleicht: Augenblick.

8
בְּשֶׁ֣צֶף קֶ֗צֶף הִסְתַּ֨רְתִּי פָנַ֥י רֶ֙גַע֙ מִמֵּ֔ךְ וּבְחֶ֥סֶד עוֹלָ֖ם רִחַמְתִּ֑יךְ אָמַ֥ר גֹּאֲלֵ֖ךְ יְהֹוָֽה׃ {ס}
BernfeldIn überschäumendem Zorn barg ich mein Antlitz eine Weile vor dir, aber mit ewiger Huld erbarme ich mich dein, — spricht dein Erlöser, der Herr.
ZunzIn der Fluth der Wuth barg ich mein Antlitz eine Weile vor dir, aber mit ewiger Huld erbarm' ich mich dein, — spricht dein Erlöser, der Ewige.
J. J. HirschIm Augenblick des Zürnens verbarg ich mein Angesicht eine Weile vor dir, aber mit ewiger Liebe erbarmte ich mich deiner, hat dein Erlöser, Gott, gesprochen.
Haftarah Noach Romanioten und Karäer beginnen hier.
9
כִּֽי־מֵ֥י נֹ֙חַ֙ זֹ֣את לִ֔י אֲשֶׁ֣ר נִשְׁבַּ֗עְתִּי מֵעֲבֹ֥ר מֵי־נֹ֛חַ ע֖וֹד עַל־הָאָ֑רֶץ כֵּ֥ן נִשְׁבַּ֛עְתִּי מִקְּצֹ֥ף עָלַ֖יִךְ וּמִגְּעׇר־בָּֽךְ׃
BernfeldDenn wie die Noaflut ist mir dies da ich geschworen, dass das Wasser Noas [die Sintflut] nie wieder die Erde überschwemme, so habe ich auch geschworen, über dich nie wieder zu zürnen noch dich zu züchtigen.
ZunzDenn eine Noachs-Fluth ist mir dies; da ich geschworen, daß die Wasser Noach's nie wieder die Erde überschwemmen, so hab' ich geschworen, nie über dich zu zürnen und dich zu schelten.
J. J. HirschDenn eine Noachs-Flut soll mir dieses sein; der ich geschworen habe, daß keine Noachs-Flut über die Erde wieder ziehen soll, habe ebenso geschworen, nicht mehr über dich zu zürnen und dir nicht zu drohen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. 10. Denn זאת, dieses trübe Galuthgeschick ist לי „mir“ nichts anderes als die Noachs-Flut, verfolgt keinen anderen Zweck als jene. Durch den Untergang einer völlig entarteten Welt, die sich durch Sittenverderbnis und Gewalt der Berechtigung zum Dasein beraubt und, keiner Besserung fähig, die Flut des Verderbens über sich gebracht hatte, sollte damals Raum und Möglichkeit für ein neues Geschlecht sittlicher Erhebung fähiger Menschen geschaffen werden. Angesichts der neu erstandenen Erdenwelt sprach Gott den Vorsatz aus, sie nie wieder in ihrer Totalität der Vernichtung preiszugeben, vielmehr sollte durch eine von Gott bewirkte Änderung der tellurischen Erscheinungen und Gestaltungen auf der nachsintflutlichen Erde eine Verschiedenheit der Lebensbedingungen ihrer Bewohner und eine große Mannigfaltigkeit ihrer Lebensweise erzeugt werden, die fernerhin eine totale Entartung und völlige Entsittlichung der Menschheit als Ganzes unmöglich machen werde. Damit leitete Gott die Erziehung der einzelnen Bestandteile des Menschengeschlechtes ein, der Völker und der einzelnen Personen, um sie für das Gute und das Heil zu gewinnen. (S. Ausführlicheres darüber Komm. zu 1. B. M. 8, 22.)

So bedeutet die מי נח, die gewaltige Wasserflut, die alles Entartete auf Erden nach dem Ratschlusse Gottes vernichtete, in Wirklichkeit nicht den Untergang, sondern die Erhaltung und Rettung des Menschengeschlechtes!

So mußte גאלך ד' Gott, dein Erlöser und dein Annehmer, gerade in seiner Liebe zu dir „זאת“ die Zertrümmerung deines Staates, die Zerstörung deines Tempels, deine Verbannung aus dem Lande und die Zerstreuung über die weite Erde über dich verhängen und die Leidenserziehung der vielen Jahrhunderte, nicht um dich zu vernichten, sondern um dich für deine glückliche Zukunft zu retten. Für eine Zukunft wollte Gott dich erhalten, in der Staat, Tempel und ungetrübte Selbständigkeit auf deinem eigenen Boden nicht wie damals durch deine Verblendung dich Gott entfremden, sondern dich ihm und seinem heiligen Gesetze und deiner hohen Aufgabe immer inniger und treuer vermählen. Darum kann Gott dir zuschwören, daß er niemals mehr über dich zu zürnen Veranlassung haben werde. (קצף Zürnen wegen eines begangenen Unrechts, גער mit Strafandrohung verbundene Warnung vor dessen Wiederholung.) Denn durch alle welterschütternden Ereignisse, während die Erde in ihren Grundfesten erzitterte, habe ich dich hindurchgeführt und dir meine Liebe erhalten, weil du in meiner Hand das Werkzeug zur Erreichung meines Weltenzieles bist. Mein Waltungsziel aber ist שלומי der Friede, das Heil der ganzen Menschheit, durch mich geschaffen, und „ברית“ ist dieses Ziel: unabänderlich, absolut feststehend, durch nichts zu erschüttern. Darum umgibt dich meine Liebe zu allen Zeiten, umfaßte dich auch in der trüben Galuth-Periode, die deiner Erlösung vorangehen mußte. Diese חסד ist Ausfluß des רחמים, des nie und durch nichts zu verlierenden Gefühls des Vaters für sein Kind, des Schöpfers für sein Geschöpf. (רחמים von רחם der Mutterschoß.) So spricht, in seinem Erbarmen für dich, Gott!

10
כִּ֤י הֶהָרִים֙ יָמ֔וּשׁוּ וְהַגְּבָע֖וֹת תְּמוּטֶ֑ינָה וְחַסְדִּ֞י מֵאִתֵּ֣ךְ לֹא־יָמ֗וּשׁ וּבְרִ֤ית שְׁלוֹמִי֙ לֹ֣א תָמ֔וּט אָמַ֥ר מְרַחֲמֵ֖ךְ יְהֹוָֽה׃ {ס}
BernfeldDie Berge mögen weichen und die Hügel wanken, aber meine Huld wird von dir niemals weichen und mein Friedensbund nicht wanken, spricht der Herr, der sich dein erbarmt.
ZunzDenn die Berge mögen weichen und die Hügel wanken, so wird meine Huld von dir nicht weichen und mein Friedensbund nicht wanken, spricht dein Erbarmer, der Ewige.
J. J. HirschDenn würden auch die Berge weichen und die Hügel wankend werden, so wird meine Liebe nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens nicht wankend werden, hat der sich deiner erbarmt, Gott, gesprochen.
Haftarah Noach Sefardim und Chabad enden hier.
Haftarah Ki Tetze Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten und Romanioten enden hier.
Haftarah Re'eh Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten, Italiener, Romanioten und Karäer beginnen hier.
11
עֲנִיָּ֥ה סֹעֲרָ֖ה לֹ֣א נֻחָ֑מָה הִנֵּ֨ה אָנֹכִ֜י מַרְבִּ֤יץ בַּפּוּךְ֙ אֲבָנַ֔יִךְ וִֽיסַדְתִּ֖יךְ בַּסַּפִּירִֽים׃
BernfeldArme, Beunruhigte, Ungetröstete, ich lege in Bleiglanz deine Steine und gründe dich mit Saphiren.
ZunzArme, Verstürmte, Ungetröstete, siehe, ich lege in Bleiglanz deine Steine, und gründe dich mit Sapphiren.
J. J. HirschDu Arme, Sturmergriffene, Nimmergetröstete! Siehe — belegte ich nun mit Lasurstein deine Steine und hätte ich dich auf Saphire gegründet,
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11—13. Auf jene nächtlichen Zeiten schaut der Prophet im folgenden hin und fordert Israel auf, dieser Verheißung eingedenk zu bleiben, in ihr Trost zu finden und das Bewußtsein seiner Aufgabe sich zu erhalten. Er schaut es als עניה סערה (Adjektive wie רמיה (Ps. 120, 2): Die Völker, unter denen es lebt, sie alle besitzen Boden, Macht, Ansehen — Israel ist aller dieser Mittel bar, arm an allen Bedingungen der Existenz. Darum ist es סערה, ohne Halt preisgegeben jeder Windströmung der Zeiten, vermag keiner Widerstand entgegenzusetzen, und jede, auch die leiseste, wird für es zum Sturme, der es mit rasender Gewalt zu zerschellen droht. Entrechtet, schutzlos ist es der Willkür eines jeden überantwortet, — der Straflosigkeit sicher, wird auch der Niedrigste, Feigste ihm gegenüber zum heldenhaften Recken, unter dessen Vergewaltigung und Mißhandlung es schwer zu leiden hat.

לא נחמה: Kein Mensch, der sich seiner annimmt, ihm auch nur ein Wort des Trostes gönnt, trostlos ist der Zustand, in dem es schmachtet, und trostlos muß ihm die Zukunft erscheinen, in die es hinausblickt.

Da tritt Gott zu ihm heran mit dem Worte des Trostes הנה אנכי וגו'. Glaubst du denn wirklich, daß, wenn du all das hättest, was du jetzt entbehren mußt, du glücklich wärest? Siehe, würde ich nun in der Tat, wozu es mir ja nicht an Macht gebricht, mit einem Male deine Armut und Hilflosigkeit beseitigen, dich ausrüsten mit allen nur von der kühnsten Phantasie zu erdenkenden Reichtümern ויסדתיך בספירים, darauf deine Machtstellung in der Menschheit aufbauen und fest gründen, — ושמתי כדכד שמשתיך würde deine Aussichten für die Zukunft in rosigstem Rot erscheinen lassen, und ließe dein ganzes inneres Verkehrsleben שעריך in reichstem Glanze erstrahlen, und dein gesamtes Gebiet גבולך würde kostbaren Juwelen gleichen לאבני חפץ, welche die Sehnsucht aller Menschen erwecken — — diese materielle Fülle mit allen den Genüssen, die sie ermöglicht, würde deinen „שלום“, dein Glück, dein Wohlergehen, deinen Frieden noch nicht begründen können. וכל בניך למודי ד' Erst wenn alle deine Kinder Schüler Gottes sind, von Gott sich unterweisen lassen, wie sie ihr Leben zu gestalten, was sie zu tun und was sie zu meiden haben, wenn der von Gott in seiner Thora offenbarte Wille sie beherrscht und sie über die Verwendung von Reichtum und Macht und Stellung im Dienste Gottes mit Erfolg belehrt — dann ורב שלום בניך wird groß, wächst mächtig heran das Heil, der Friede, das Wohl und Glück deiner Kinder, Zion. Dann sind sie in Wahrheit, wie unsere Weisen Berachoth 64a so herrlich erläutern, בוניך deine „Erbauer“ — sie bauen dich wieder auf und sind מרבים שלום בעולם die „Mehrer des Weltenfriedens und Weltenheils“. Wohlstand und Machtstellung vermögen nicht deiner Kinder Glück zu sichern, bilden nicht einmal seine Vorbedingung, — seine Grundlage und sein Ziel ist vielmehr die innere Zufriedenheit, der Seelenfriede, das Bewußtsein nach Kräften erfüllter Pflicht, wie dies sofort der nächste Vers ausspricht. Je mehr sie sich mit ihr vertraut machen, um so mehr wird ihr Heil und ihr Friede wachsen, um so eher wird für sie die Heileszukunft anbrechen, die ihnen und alsdann auch der Allmenschheit durch ברית שלומי (V. 10) verheißen ist.

An Einzelheiten ist noch zu bemerken: Höchst zweifelhaft ist die Bedeutung von פוך. Nach einigen Kommentatoren ist es identisch mit נפך, dem 2. B. M. 28, 18 erwähnten Edelsteine; nach anderen ist es ein Mineral, aus welchem Schminksalbe bereitet wurde (2. Kön. 9, 30, Jerem. 4, 30), und würde פוך hier den Mörtel, der die Steine miteinander verbindet, als aus besonders kostbarem Stoff bestehend, bezeichnen. Luzzato hält es in Übereinstimmung mit einem gelehrten Freunde für Lapis lazuli, der zum Inkrustieren von Schmuck verwendet wird, und nimmt das מרביץ als: belegen. In diesem Sinne haben wir übersetzt.

Nicht sicher ist man auch über die Bedeutung von כדכד und אקדח. Die Etymologie scheint auf in feurigem Glanze strahlende Edelsteine hinzuweisen: Ersteres vielleicht wie כידודי אש (Job 41, 11) oder wahrscheinlicher lautverw. mit יקד — יקד יקד וגו' (oben Kap. 10, 16) — brennen, auflodern — letzteres wohl von קדח gebildet, אש קדחה באפי (5. B. M. 32, 22) entflammen, Lohe anfachen.

ורב. Nach אבן עזרא und רד"ק ist dieses Wort עבר mit ו"ו ההפוך von רבב und demgemäß zu übersetzen: so wird groß werden, wachsen, sich mehren.

12
וְשַׂמְתִּ֤י כַּֽדְכֹד֙ שִׁמְשֹׁתַ֔יִךְ וּשְׁעָרַ֖יִךְ לְאַבְנֵ֣י אֶקְדָּ֑ח וְכׇל־גְּבוּלֵ֖ךְ לְאַבְנֵי־חֵֽפֶץ׃
BernfeldIch mache Rubine zu deinen Zinnen und deine Tore zu Karfunkelsteinen und dein ganzes Gebiet zu Edelsteinen.
ZunzUnd mache Rubine zu deinen Zinnen, und deine Thore zu Karfunkelsteinen, und deine ganze Grenze zu Edelsteinen.
J. J. Hirschsetzte Rubin in deine Lichtöffnungen und deine Tore in Karfunkelsteine ein, und dein ganzes Gebiet würde zu Edelsteinen:
13
וְכׇל־בָּנַ֖יִךְ לִמּוּדֵ֣י יְהֹוָ֑ה וְרַ֖ב שְׁל֥וֹם בָּנָֽיִךְ׃
BernfeldAll deine Kinder sind Zöglinge des Herrn, und groß ist das Heil deiner Kinder.
ZunzUnd all deine Kinder sind Lehrlinge des Ewigen, und groß ist der Friede deiner Kinder.
J. J. Hirschund es sind alle deine Kinder Schüler Gottes, dann wird groß der Friede deiner Kinder!
14
בִּצְדָקָ֖ה תִּכּוֹנָ֑נִי רַחֲקִ֤י מֵעֹ֙שֶׁק֙ כִּי־לֹ֣א תִירָ֔אִי וּמִ֨מְּחִתָּ֔ה כִּ֥י לֹֽא־תִקְרַ֖ב אֵלָֽיִךְ׃
BernfeldDurch Gerechtigkeit wirst du aufgerichtet, entschlage dich der Furcht vor Gewalt, denn du hast nichts zu fürchten, und des Schreckens, denn er nahet dir nicht.
ZunzDurch Gerechtigkeit wirst du aufgerichtet. Entschlage dich der Gewalt, denn du hast nicht zu fürchten, und des Schreckens, denn er nahet dir nicht.
J. J. HirschDurch Pflichterfüllung festigst du deinen Bestand! Halte dich fern von Unrecht, denn du hast nichts zu fürchten, und von Schrecken, denn er soll sich dir nicht nahen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. Mögen andere Kreise versuchen, auf Macht und materielle Größe ihr Dasein zu gründen, für dich, für dein Heil gibt es nur eine Grundlage, und die ist: צדקה, treue Erfüllung deiner Pflicht, deren Kenntnis du als למוד ד' dir anzueignen hast. Bedeutsam ist der Ausdruck תכונני von כון, dessen eigentliche Bedeutung: feststellen ist, hier im Hinblick auf das ויסדתיך בספירים des V. 11 gewählt. Als Sinn ergibt sich danach: Wenn ich dich, spricht Gott, noch so fest gründen wollte — deinen dauernden Bestand, dein festes Stehen kannst nur du dir durch Pflichttreue sichern! הכל בידי שמים חוץ מיראת שמים heißt es Berach. 33b. Gottesfurcht ist das Einzige, das ganz in unsere Hand gelegt ist, sie bildet den Grund unseres Seins, und ihr entstammt die Pflichterfüllung, die allein unserem Dasein unerschütterliche Festigkeit verleiht.

רחקי מעשק. עשק ist das Unrecht, welches man übt, wenn man dem Anspruch, den jemand an uns zu erheben berechtigt ist, nicht genügt, das dem andern vorenthaltene Recht. Hier heißt es nun רחקי, bleibe einem solchen Vergehen fern, d. h. unterlasse alles, was an es auch nur grenzt oder dazu führen kann. Da das göttliche Gesetz aber ein für allemal vor allem warnt, was zur Übertretung eines Verbotes führen kann oder einer solchen ähnelt: — הרחק מן הכיעור ומן הדומה לו „halte dich von allem Unschönen fern und von dem, was ihm ähnlich ist“, hier aber diese Warnung noch besonders durch „denn du hast nichts zu fürchten“ motiviert wird, — so ist offenbar daran gedacht, daß Furcht den Sinn für das Recht in Israel und damit seine Integrität während des Galuth gefährden könnte. Diese Gefahr lag ja in der Tat gar häufig nahe. Der Schwache kann sich der ihn bedrohenden Gewalt oft nur durch List erwehren. Und nun gar Israel, dem man jedes Recht abgesprochen hatte, das wehr- und schutzlos der Vergewaltigung seiner Umgebung überliefert war — bei ihm war ernstlich zu besorgen, daß das Bewußtsein, hilflos jeder Unbill und jedem Unrecht preisgegeben zu sein und die daraus entspringende Furcht es veranlassen werde, Täuschung, trügerische List als etwas Erlaubtes, ihm in seiner gedrückten Lage geradezu Gebotenes zu betrachten. Davor wird hier gewarnt — und Israel darf sich dessen rühmen — mit Erfolg!

Im Komm. zu 1. B. M. 49, 18 wird darauf hingewiesen, daß, als Vater Jakob prophetisch geöffneten Auges seinen Sohn Dan genötigt sieht, einst zur Klugheit seine Zuflucht zu nehmen, er mit den Worten לישועתך קויתי ד' „auf deinen Beistand hoffe ich, Gott“ die Hoffnung ausspricht, „daß, so wie es ihm gelungen, als er selbst einem Laban gegenüber in gleicher Notwendigkeit sich befunden, inmitten dieser Klugheits-Prüfung איש תם zu bleiben und seinen geraden, rechtlichen Charakter zu bewahren, es so auch seinen Kindern gelingen möge, unter Druck und Kampf, der sie zur Klugheit zu greifen nötigt, doch nie Schlauheit einen Grundzug ihres Charakters werden zu lassen, eine Hoffnung, die die Galuthgeschichte seiner Kinder glänzend gerechtfertigt.“

וממחתה: von חתת, das zugleich Schrecken und Zusammenbruch bedeutet, bezeichnet den panischen Schrecken, der alle Besinnung raubt, die ganze Geisteskraft zusammenbrechen macht. Ein solcher Zustand darf dich nicht überkommen! Wie du durch Furcht nicht Einbuße leiden darfst an der Rechtschaffenheit und Biederkeit deines Charakters, so darf Schrecken dich nicht zu unbesonnenen Handlungen und verkehrten Maßregeln veranlassen — wahre dir jederzeit klares Denken und bedächtiges Handeln!

15
הֵ֣ן גּ֥וֹר יָג֛וּר אֶ֖פֶס מֵאוֹתִ֑י מִי־גָ֥ר אִתָּ֖ךְ עָלַ֥יִךְ יִפּֽוֹל׃
BernfeldNur der hat zu fürchten, der von mir abgefallen ist; wer dir einst Schrecken eingeflößt, wird jetzt zu dir übergehen.
ZunzRottet sich auch einer, ein Nichts (ist er) ohne mich; wer sich gegen dich rottet, er fällt auf deinem (Gebiete).
J. J. HirschSiehe, gibt es denn wirklich etwas zu fürchten außer mich?! Wer hat bei dir zu fürchten? Der über dich herfallen will!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15. הן וגו'. Siehe, du hast überhaupt nichts (das besagt die Verstärkung גור יגור) zu fürchten — außer mich! Du darfst keine andere Furcht kennen, als durch Ungehorsam meinen Unwillen zu erregen. Zu fürchten haben stets diejenigen, die sich an dir vergreifen wollen. Deine Gegner und Feinde, die אתך in deiner Umgebung sind, sie sollten es sich erst reiflich überlegen, ehe sie sich anschicken (das bedeutet die Futurumform יפול), dich zu überfallen. Die Ausschreitungen und Verfolgungen, zu welchen Habgier und fanatischer Haß die Völker gegen das in ihrer Mitte lebende Galuth-Israel hinrissen, haben ihnen noch nie Segen gebracht, wohl aber bitter sich an ihnen in der Folge gerächt. Der Niedergang, das Hinwelken manches einst blühenden Staat- und Kommunewesens, welches sich an den Juden besonders schwer versündigte, ist ein sprechender Beweis dafür. Wer ungetrübten, offenen Auges die Weltgeschichte anschaut, gelangt zu dieser Erkenntnis, und die Völker sollten sich diese Tatsache als Lehre und Warnung dienen lassen. Diese Mahnung und Warnung ward an sie bereits 5. B. M. 32, 43 gerichtet: „Völker, machet heiter seines Volkes Los, denn das Blut seiner Diener rächet Er und Rache wendet Er auf Seine Feinde zurück“ u. s. w. Jede Verletzung der Anforderungen des Rechts und der Menschlichkeit läßt Gott auf die Schuldigen zurückfallen, die in der Verleugnung der Rechts- und Menschlichkeitspflicht Seine Herrschaft verleugnen, Seine Feinde sind. S. Komm. das.

גור fürchten wird nicht nur mit „מ“ konstruiert, מפני, ממנו, sondern auch wie hier mit dem Akkusativ: לולי כעס אויב אגור (5. B. M. 32, 26). — נפל על heißt in den meisten Stellen: Jemand überfallen, so Ps. 105, 38; wiederholt Esther 8, 17; 9, 2 u. 3; Daniel 10, 7; 2. B. M. 15, 16; Pred. 9, 12; oben Kap. 47, 11, kommt aber auch Jerem. 37, 14 in dem Sinne wie V. 13: אל הכשדים אתה נפל als sich jemand anschließen vor; ebenso 1. Chron. 12, 20; 2. Chron. 15, 9; 2. Könige 25, 11.

Bei der mehrfachen Bedeutung, in welcher גור als Verbum vorkommt: als Fremder weilen, sich zusammenrotten, fürchten, kann es nicht ausbleiben, daß die Auffassung und Übersetzung dieses Verses eine sehr verschiedenartige ist. Ohne uns nun irgendwie ein Urteil erlauben zu wollen, geben wir nachstehend einige Übersetzungen wieder, die zum Teil mit älteren Kommentatoren übereinstimmen:

„Und rotten sich welche, so ist's nicht mehr von mir, wer sich auch gegen dich rottet, er wird dir zufallen.“ (Gesenius.)

„Zwar wird man sich sammeln — doch nur wenn's von mir ist, wer sich gegen dich sammelt, wird zu dir übergehen.“ (Dr. F. Heinemann.)

„Rottet sich auch einer, ein Nichts (ist er) ohne mich; wer sich gegen dich rottet, er fällt auf deinem (Gebiete).“ (Bunz.)

„Siehe! rottet man sich, ja rottet man sich auch zusammen, es geschieht nicht auf mein Zeichen. (Darum) wer irgend sich wider dich rottet, wird an dir zu Fall kommen.“ (Franz Herrmann.)

In „Haftaroth“ von Dr. M. Hirsch S. 16 lautet die Übersetzung, der eine eingehende Erklärung auch des מאותי folgt: „Siehe, auch nur zeitweilige Stätte findet nichts, als was bei mir ist: — wer, der neben dir nur vorübergehend Stätte hat, könnte über dich herfallen.“

„Jeschurun“ 4. Jahrgang 1857, S. 127 heißt es: „Siehe, nichts weilt auch nur im flüchtigsten Dasein ohne Mich, wer neben dir weilt, fällt einst dir zu!“

Zu unserer Übersetzung und Auffassung gab zunächst אפם מאותי Anlaß, welches, wie wir meinen, in seiner gewöhnlichen Bedeutung „mich“ genommen werden kann; sodann der Zusammenhang dieses Verses mit dem vorhergehenden und den nachfolgenden Versen. Vers 14 warnt Israel davor, „Furcht“ und „Schrecken“ einen seinen geraden Sinn und sein Verhalten schädigenden Einfluß gewinnen zu lassen, Vers 15 führt dann aus, daß es überhaupt nichts als Gott zu fürchten habe, — zu fürchten hätten vielmehr seine Feinde. Über deren verderbliche Absichten, welche Gott zum Besten Israels lenkt, ergehen sich dann die folgenden Verse.

16
(הן) [הִנֵּ֤ה] אָנֹכִי֙ בָּרָ֣אתִי חָרָ֔שׁ נֹפֵ֙חַ֙ בְּאֵ֣שׁ פֶּחָ֔ם וּמוֹצִ֥יא כְלִ֖י לְמַעֲשֵׂ֑הוּ וְאָנֹכִ֛י בָּרָ֥אתִי מַשְׁחִ֖ית לְחַבֵּֽל׃
BernfeldIch habe erschaffen den Schmied, der in die Kohlenglut bläst und ein Werkzeug herausbringt für sein Geschäft, und ich habe erschaffen den Verderber, zu vernichten.
ZunzSiehe, ich habe erschaffen den Schmied, der in die Kohlengluth bläst und ein Werkzeug herausbringt für sein Geschäft und ich hab' erschaffen den Verderber, zu vernichten.
J. J. HirschSiehe, Ich habe den Meister geschaffen, der das Kohlenfeuer anfacht und das Werkzeug für sein Wirken hervorbringt, und Ich habe das Verderbenbringende geschaffen, die Geburt zu fördern.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. הן, wie hier die Schreibweise, ist in der Regel mit הנה identisch: „siehe.“ Da es hier aber קרי וכתיב ist, so dürfte damit auch zugleich auf das הן, welches „ja“, „wohl“ heißt und eine Bestätigung ausdrückt, hingewiesen sein. (ויאמר לבן הן 1. B. M. 30, 34 und sonst.) Damit wäre vielleicht gesagt: Es ist immer wahr, stete Wirklichkeit הן כתיב, wenn es auch erst später in die Erscheinung הנה קרי hinaustritt und ersichtlich ist, daß Ich es bin — (אנכי der dir innig nahe ist mit seiner Alliebe, dein Träger, wie dies ja die Bedeutung von אנכי, von Gott ausgesagt ist, worauf wir wiederholt hinwiesen), — dessen Zwecken deine Feinde mit ihren Ausschreitungen unbewußt dienen. Das Böse, welches sie üben, wird in meiner Hand zum erziehenden Mittel, um dich in der Erfüllung deiner sittlichen Aufgabe erstarken zu machen und so dein Heil zu gründen. Der Schmied, der mit dem Aufgebot seiner ganzen Kraft das Feuer anfacht, um mittels seiner das Werkzeug zu deiner Vernichtung herzustellen, der ist selbst ein Werkzeug, von mir geschaffen — sein Wille ist, משחית zu sein, Verderben zu bringen, ich bediene mich seiner, לחבל (s. oben zu Kap. 13, 5: לחבל כל הארץ) die Geburt der Heileszeit zu fördern, neues Leben für dich und für die Allmenschheit erstehen zu lassen. Siehe über diese Art der göttlichen Waltung das oben zu Kap. 40, 10 Erläuterte und auch die Bemerkung, daß die Verantwortlichkeit des Frevlers für sein Tun keineswegs dadurch geringer wird, daß es gegen seinen Willen Gott zum Schaffen des Guten dient.

17
כׇּל־כְּלִ֞י יוּצַ֤ר עָלַ֙יִךְ֙ לֹ֣א יִצְלָ֔ח וְכׇל־לָשׁ֛וֹן תָּקוּם־אִתָּ֥ךְ לַמִּשְׁפָּ֖ט תַּרְשִׁ֑יעִי זֹ֡את נַחֲלַת֩ עַבְדֵ֨י יְהֹוָ֧ה וְצִדְקָתָ֛ם מֵאִתִּ֖י נְאֻם־יְהֹוָֽה׃ {ס}
BernfeldJedes Gerät, gegen dich geschmiedet, richtet nichts aus, und jede Zunge, die gegen dich auftritt vor Gericht, sprichst du schuldig. Dies ist der Anteil der Knechte des Herrn und ihr Verdienst von mir, spricht der Herr.
ZunzJedes Geräth, geschmiedet gegen dich, richtet nichts aus, und jede Zunge, die gegen dich auftritt zum Gerichte, sprichst du schuldig. Dies ist der Antheil der Knechte des Ewigen und ihr Verdienst von mir, ist der Spruch des Ewigen.
J. J. HirschJedes Werkzeug, das gegen dich geschmiedet wird, wird nicht gelingen, und jede Zunge, die um mit dir zu rechten sich erhebt, wirst du ihrer Schuld überführen. Dieses ist das Erbe der Diener Gottes und deren Pflichterfüllung von mir stammt, hat Gott gesprochen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17. Deshalb kannst du furchtlos deines Weges ziehen; weder Gewalt noch Verleumdung vermag dich zu vernichten — alle noch so „kunstgerecht“ gegen dich geschmiedeten Waffen zerbrechen wie an einem Panzer, wenn du es als deinen Lebenszweck erkennst, עבד ד' zu sein. Die Gottestreue umgibt dich dann schützend, Gottes Sache ist es, der du dienst, und darum ist der endliche Sieg dein. Alles Unrecht, dessen man dich zeiht, all die schmählichen Verleumdungen, welche der Haß Pfeilen gleich gegen dich auf deinem Gang durch die Zeiten schleudert, sie fallen auf deine Gegner zurück; וכל לשון וגו' der Lüge und des Meineids überführst du jede Zunge, die vor dem Forum der Menschheit anklagend gegen dich auftritt. ותרשיעי wie והרשיעו את הרשע (5. B. M. 25, 1).

וזאת נחלת וגו'. Dieser Schutz und der endliche Sieg der Wahrheit und die Überzeugung davon, sie begleiten die עבדי ד' die Diener Gottes durchs ganze Leben, wie immer es sich äußerlich gestalten möge, und bleiben ihr Erbe für alle Ewigkeit, sie bilden ihre Errungenschaft: ihr Denken, ihr Fühlen, ihr Wirken und Tun, ihres ganzen Daseins Inhalt und Ziel צדקתם ist nichts anderes als getreue Pflichttat מאתי, nicht ihrem eigenen Gutdünken entspringend und nicht von der Zeiten Gunst oder Ungunst bedingt, sondern „von mir“ bestimmt, spricht Gott, darum sichere ich ihnen dieses Erbe zu!

Haftarah Ki Tetze Karäer enden hier.