Jeschajahu 53 ישעיהו

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1
מִ֥י הֶאֱמִ֖ין לִשְׁמֻעָתֵ֑נוּ וּזְר֥וֹעַ יְהֹוָ֖ה עַל־מִ֥י נִגְלָֽתָה׃
Bernfeld[Sie werden zu einander sprechen]: Wer hätte unserer Kunde geglaubt? Über wem hat sich der Arm des Herrn offenbart?
ZunzWer hätte geglaubt unserer Kunde? Und der Arm des Ewigen, über wem hat er sich offenbart?
J. J. Hirsch„Wer hätte an das uns kund Gewordene geglaubt, und der Arm Gottes, über wem hat er sich noch so sichtbar gezeigt!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 53. V. 1. 2. לשמעתנו: An das, was wir jetzt erfahren haben. וזרוע ד' וגו': Bei keinem der Völker, so viele deren bereits über die Bühne der Welt gezogen sind, hat sich die göttliche Allmacht in ihrer fürsorglichen Waltung über sein Geschick so deutlich in den Folgen erkennbar gezeigt, als in Israels Geschichte. ויעל כיונק: Aus schwachem Saatkorn begann es zu keimen — יונק ist die saugende Faser, welche das geöffnete Samenkörnchen hervortreibt, — man denke an die Knechtesstellung Vater Jakobs im Hause seines ränkevollen Oheims — unter wie wenig günstigen Auspicien ward dieses Volk gezeugt! Aber לפניו: Vor Ihm; Gottes Auge wachte über seinen Ursprung. וכשרש: Als es dann zur Wurzel erstarken sollte, da war der Boden der allersterilste, ציה unzuträglichste für das Gedeihen eines Volkes — gequält, geächtet und geknechtet in Ägypten. לא תאר לו ולא הדר: Auch später, selbst in seiner Blütezeit, fehlte ihm alles, was es zu einer machtgebietenden Nation hätte „gestalten“ können; nicht Waffenruhm erwarb es sich, noch leistete es Hervorragendes in dem Kultus des „Schönen“. ונראהו. Und gar als es in die Verbannung gehend uns zu Gesichte kommen sollte, ולא מראה da sah es überhaupt nach nichts aus, da hatte es alles eingebüßt, was uns zu ihm irgend hätte hinziehen können, es gebrach ihm an allem, was ihm unsere Sympathie hätte gewinnen können. (חמד begehren, liebgewinnen, gelüsten, ersehnen.) Das Waw in ונראהו und ונחמדהו ist kopulativ und deshalb auch mit Schwa punktiert.

Vers 3 schildert weiter die ungünstige Beurteilung, welche Israel im Exile durch die Völker seiner Umgebung erfuhr: נבזה „Verachtet war es“ — ob mit Recht oder Unrecht, darüber machten wir uns keine Skrupel, uns genügte vollkommen, daß andere es verachteten, um gleich ihnen ihm mit Verachtung zu begegnen. וחדל אישים: (חדל aufhören, etwas aufgeben, preisgeben, von jemandem ablassen. Vgl. 2. B. M. 14, 12: חדל ממנו lasse ab von uns, worin zugleich liegt: gib es auf, uns retten zu wollen; 1. B. M. 18, 11: חדל להיות לשרה; oben Kap. 2, 22: חדלו לכם מן האדם.) Es war als hoffnungslos verloren von allen aufgegeben, keiner wollte etwas von ihm wissen, verlassen und gemieden von jedermann, das war seine Lage. — איש מכאבות wie איש מות אתה (1. Könige 2, 26) allen erdenklichen Schmerzen und Leiden verfallen. וידוע חלי: Entweder: „mit Krankheit vertraut“, wie es gewöhnlich genommen wird, oder nach unserer Ansicht: „mit Krankheit geschlagen“, heimgesucht. Richter 8, 16 bezeichnet וידע בהם וגו' eine ungemein schmerzhafte körperliche Züchtigung vermittels dornenbesetzter Stöcke. Doch ist es nicht unmöglich, daß dort der Sinn wäre: Er macht mit ihnen (mit den stachligten Stöcken) die zu bestrafenden Einwohner von Sukoth bekannt.

Sein entsetzliches Leidensgeschick erschien uns als eine Strafe Gottes (vgl. Komm. Ps. 69, 27 das zu ואל מכאוב חלליך יספרו Erläuterte), וכמסתר פנים ממנו, und weil Gott sein Angesicht noch fortdauernd von ihm abgewendet hielt, glaubten wir ein gottgefälliges Werk zu üben, wenn wir für das von „Gott verfluchte Judenvolk“ kein Mitleid kannten und נבזה es absichtlich durch unsere Verachtung gestraft sein ließen. ולא חשבנהו: Selbst die guten Eigenschaften, die es unleugbar besaß, die Tugenden, wie Familiensinn, Sittenreinheit, Nüchternheit, Fleiß, Menschenliebe — selbst seinen Verfolgern gegenüber geübt — Tugenden, welche wir bei anderen hochgeschätzt hätten, konnten uns kein Gefühl der Achtung für es abgewinnen; im Gegenteil, in unseren Augen wurden sie bei ihm zu Fehlern: Mangel an Mannessinn und Manneskraft, Geiz, Habsucht, Feigheit und kriechender Knechtessinn — geachtet haben wir es absolut nicht!

2
וַיַּ֨עַל כַּיּוֹנֵ֜ק לְפָנָ֗יו וְכַשֹּׁ֙רֶשׁ֙ מֵאֶ֣רֶץ צִיָּ֔ה לֹא־תֹ֥אַר ל֖וֹ וְלֹ֣א הָדָ֑ר וְנִרְאֵ֥הוּ וְלֹֽא־מַרְאֶ֖ה וְנֶחְמְדֵֽהוּ׃
BernfeldEr schoss auf wie ein Reis vor [Gott], wie eine Wurzel aus unfruchtbarem Boden, er, der nicht wohlgeformt und nicht schön war, dass wir auf ihn gesehen hätten, und unansehnlich, dass wir sein begehrten.
ZunzUnd es schoß auf wie ein Reis vor ihm, und wie eine Wurzel aus dem Steppenland, er, der nicht Gestalt und nicht Schönheit hatte, daß wir auf ihn sähen, der doch ohne Ansehen war, daß wir sein begehrten.
J. J. Hirsch„Wie eine saugende Keimfaser wuchs es auf vor seinem Angesichte und wie eine Wurzel aus dürrer Erde, es hatte keine Gestalt und keine Schöne; und als wir es zu sehen bekommen sollten, war es keine Erscheinung, die wir liebgewinnen konnten.
3
נִבְזֶה֙ וַחֲדַ֣ל אִישִׁ֔ים אִ֥ישׁ מַכְאֹב֖וֹת וִיד֣וּעַ חֹ֑לִי וּכְמַסְתֵּ֤ר פָּנִים֙ מִמֶּ֔נּוּ נִבְזֶ֖ה וְלֹ֥א חֲשַׁבְנֻֽהוּ׃
BernfeldVerachtet und gemieden von Menschen, ein Mann der Schmerzen, von Leiden heimgesucht und so geschaffen, dass man vor ihm [vor Ekel] das Antlitz verhüllte, wir verachteten und hielten ihn für nichts.
ZunzVerachtet und gemieden von Menschen, ein Mann der Schmerzen und vertraut mit Leiden, und jenem gleich, vor dem man das Antlitz verhüllt, verachteten wir und hielten ihn für nichts.
J. J. Hirsch„Verachtet war es, von jedermann aufgegeben, ein Mann der Schmerzen und mit Krankheit geschlagen, und als einer, von dem Er sein Angesicht abwendet, verächtlich — und wir haben ihm nie Achtung erwiesen.
4
אָכֵ֤ן חֳלָיֵ֙נוּ֙ ה֣וּא נָשָׂ֔א וּמַכְאֹבֵ֖ינוּ סְבָלָ֑ם וַאֲנַ֣חְנוּ חֲשַׁבְנֻ֔הוּ נָג֛וּעַ מֻכֵּ֥ה אֱלֹהִ֖ים וּמְעֻנֶּֽה׃
BernfeldAber unser Leiden trug er und unsere Schmerzen lud er sich auf; wir aber hielten ihn für einen, der von Gott gezüchtigt, geschlagen und niedergebeugt ist.
ZunzAber unser Leiden trug er, und unsere Schmerzen lud er sich auf; wir aber hielten ihn für einen Geplagten, von Gott geschlagen und niedergebeugt.
J. J. Hirsch„Aber fürwahr, nur von uns verursachte Krankheit hat es getragen und von uns zugefügte Schmerzen als Last geduldet, doch wir hielten es für berührt, geschlagen von Gott und gepeinigt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. 5. Doch jetzt sehen wir es ein, wir waren es, die ihm so entsetzliches Weh und Leid bereitet haben, sein Martyrium ohnegleichen war unsere Schuld, und wir können uns nicht damit entschuldigen, es sei von Gott geschlagen.

חלינו ומכאבינו kann sehr wohl in dem von uns erläuterten Sinne genommen werden. Es gebricht nicht an Analogien, daß das pronom. possessivum bei derartigen Begriffen sowohl den Schmerz, an dem man krankt, als den Schmerz, den man verursacht hat, bezeichnet. S. Ps. 38, 12: מנגד נגעי יעמדו das eigene Leid, Ps. 39, 11: הסר מעלי נגעך die von Gott gesandte Plage. Ebenso sind נאמנים פצעי אוהב (Prov. 27, 6) die Wunden, die der Freund geschlagen hat. — Andererseits heißt ישועתי nicht allein die mir gewordene Hilfe ממנו ישועתי (Ps. 62, 2), sondern auch (weiter Kap. 56, 1) קרובה ישועתי die von mir gewährte Hilfe. — Auch זעקת סדום ועמרה und הכצעקתה (1. B. M. 18, 20. 21) ist das durch Sedom und Amorah veranlaßte Geschrei, ebenso wie יללתה (oben Kap. 15, 8, s. das.) der Jammer ist, an dem Moab die Schuld trägt. — מחלל denomin. von חלל der Erschlagene, wie מחללי חרב (Jechesk. 32, 26). — מוסר שלומנו: Die Erziehung zu unserem Heile, wie מוסר השכל (Prov. 1, 3) die Erziehung zur Verstandestätigkeit. — עליו wie עבדת הקדש עלהם (4. B. M. 7, 9) auf ihnen ruht der Dienst des Heiligtums u. s. — ובחברתו Anschluß, Verein, von חבר anschließen, verbinden. Wunde, Beule dagegen heißt überall חבורה oder חברה mit einem Patach unter dem ח und Dagesch im ב. S. 1. B. M. 4, 23; 2. B. M. 21, 25; oben Kap. 1, 6; Ps. 38, 6; Prov. 20, 30.

Weil Israel es nicht verstanden hatte, den besonderen Pflichten treu zu entsprechen, für welche Gott ihm Grund und Boden in seinem Lande gewährt hatte, mußte es seine Heimat verlassen und wurde unter uns verwiesen. Wir aber versündigten uns schwer an ihm und würdigten es zu der Jammergestalt herab, als welche es elend und todeswund zu unseren Füßen lag. Es hat die Verachtung nicht verdient, mit der wir auf es hinabsahen, im Gegenteil, wir hätten viel von ihm lernen können. War es doch als der Träger des Gottesgedankens in unsere Mitte gesandt worden, um uns mit ihm das Heil zu bringen. Das sehen wir jetzt ein und begreifen, daß nur im Anschluß an die von ihm gelehrten Wahrheiten des Rechts und der Menschenliebe und der Gotteshuldigung für die Krankheit und das Siechtum, an denen alle unsere Beziehungen leiden, Heilung und völlige Gesundheit zu finden sind.

5
וְהוּא֙ מְחֹלָ֣ל מִפְּשָׁעֵ֔נוּ מְדֻכָּ֖א מֵעֲוֺנֹתֵ֑ינוּ מוּסַ֤ר שְׁלוֹמֵ֙נוּ֙ עָלָ֔יו וּבַחֲבֻרָת֖וֹ נִרְפָּא־לָֽנוּ׃
BernfeldEr war verwundet ob unserer Missetaten, zermalmt ob unserer Sünden. Die Strafe zu unserm Heile traf ihn, und durch seine Wunde sind wir genesen.
ZunzUnd er ist verwundet ob unsern Missethaten, zermalmt ob unsern Sünden. Die Strafe zu unserm Heile traf ihn, und durch seine Wunde sind wir genesen.
J. J. Hirsch„Und es, hingemordet durch unsere Verbrechen, niedergedrückt durch unsere Sünden — die Erziehung zu unserem Wohle ruht auf ihm, und im Anschluß an es können wir für uns Heilung gewinnen.
6
כֻּלָּ֙נוּ֙ כַּצֹּ֣אן תָּעִ֔ינוּ אִ֥ישׁ לְדַרְכּ֖וֹ פָּנִ֑ינוּ וַיהֹוָה֙ הִפְגִּ֣יעַ בּ֔וֹ אֵ֖ת עֲוֺ֥ן כֻּלָּֽנוּ׃
BernfeldWir alle irrten wie Schafe, jeglicher seines Weges wandten wir uns ab; der Herr aber suchte ihn heim für unser aller Schuld.
ZunzWir alle, wie Schafe irrten wir, Jeglicher seines Weges wandten wir uns, der Ewige aber ließ ihn treffen unser Aller Schuld.
J. J. Hirsch„Wir alle waren wie Schafe irre gegangen; hatten uns jeder dem eigenen Wege zugewandt, und Gott suchte an ihm die Sünde heim, die uns allen eigen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. Besser als Israel waren wir alle nicht. Hatte es seine spezifisch jüdischen Obliegenheiten nicht ganz dem Willen Gottes entsprechend erfüllt, so haben wir die Pflichten außer acht gelassen, die wir als Menschen zu erfüllen hatten, ja sie überhaupt nicht als bindend für uns betrachtet. כלנו כצאן תעינו: Wir alle hatten uns der Leitung unseres Hirten entzogen, viele von uns hatten sich überhaupt gegen die Zumutung gesträubt, einem Höheren zu unterstehen, ja dessen Dasein ganz verneint. איש לדרכו פנינו Es hatte ein jeder den eigenen Weg eingeschlagen, von dem er sich den größtmöglichen Vorteil für sich versprach, nur Selbstinteresse leitete uns und kein ethischer Beweggrund. Gott hätte uns ebenso strafend heimsuchen können wie Israel, allein es lag in Gottes Plan, uns durch Israels Beispiel und den Umgang mit ihm für die beglückende Huldigung der göttlichen Ideale, für das reine Menschtum zu gewinnen.

V. 7—9 setzen die Betrachtungen fort, in denen die Menschen sich zur Ehrenrettung Israels ergehen werden. Sie bewundern das geduldige Schweigen, mit dem es sein Martyrium ertrug und nicht gegen Gott murrte: Von allen Seiten gedrängt, daß es nicht ausweichen konnte, um seiner Glaubenstreue willen Folterqualen unterworfen und aufs Schaffot geschleppt, stirbt es und öffnet nicht den Mund! Und wie ist es um sein Leben bestellt, wo man ihm solches „gnädig“ gönnt? Buchstäblich ist es „allen Scherereien“ ausgesetzt — es duldet stumm und öffnet nicht den Mund! — גוזזיה ist Plural: Jeder sucht an ihm seinen Schnitt zu machen, kaum ist es von dem einen geschoren, so naht schon wieder ein anderer mit der Schere, um zu sehen, ob ihm nicht inzwischen bereits wieder etwas Wolle gewachsen ist.

מעצר wie Ps. 107, 39, s. d. im Komm., מעצר רעה ויגון. עצר hemmen, Einhalt tun, ist auch Ausdruck für Ausübung der Herrschergewalt, so 1. Sam. 9, 17: זה יעצר בעמי. עצר heißt Herrschaft. Es stand auf der alleruntersten Sprosse der sozialen Stufenleiter, hatte absolut über keinen auch nur die geringste Herrschaft auszuüben, war es doch jedes Rechts beraubt. Schier unmöglich ist es, ins einzelne eingehend (das bedeutet ישוחח, wie Ps. 143, 5: במעשה ידיך אשוחח), die Geschichte der trübsten Zeit seines Galuth zu erzählen, sie läßt sich nur allumfassend kurz wiedergeben durch die Worte: כי נגזר וגו' מפשע וגו', man hatte ihm jede Berechtigung zum Leben abgesprochen und es zum Prügelknaben eines jeden Volkes gemacht. — נגזר vielleicht wie אמרתי נגזרתי (Threni 3, 54) ich bin verurteilt. גזר abtrennen, abschneiden, auch Urteil fällen, absprechen. — מפשע עמי: Die außerjüdische Menschheit spricht: Für jeden Fehler, für jedes Verbrechen, welches irgend ein zu mir gehörendes Volk sich zuschulden kommen ließ, mußte die Judenheit büßen, ihr ward die Schuld an jedem unliebsamen Geschehnis aufgebürdet, und sie hatte auf das Empfindlichste darunter zu leiden — נגע Plage, Leid, Schaden —, und zwar „למו“, jeder einzelne Jude besonders!

ויתן וגו'. Es war sich zu solchen Zeiten voll bewußt — das drückt das ויתן aus —, daß auch die peinlichste, minutiöseste Inachtnahme vor Übertretung all der gleich Fußangeln und Fallstricken seinen Weg versperrenden „Judengesetze“ es nicht vor dem Geschick bewahren könne, den frevelnden Judenfeinden רשעים zu Beute zu fallen, die sehnsüchtig des Augenblicks harrten, da sie des Juden „Grab“ würden — waren sie doch seine Erben! (Vgl. das Bild oben Kap. 5, 14.) ואת עשיר. Von dem Reichtum des Juden machte man sich so fabelhafte Vorstellung, daß jeder einzelne dieser „רשעים“ wähnte, durch dessen Tod „zum reichen Manne“ zu werden — (das heißt ויתן וגו' ואת עשיר, da vorher את רשעים, Plural, steht, kann nicht gut ואותו darauf bezüglich angewandt werden und heißt es deshalb ואת עשיר, doch bleibt dieses ואת immerhin schwierig), — und nun gar במתיו durch den Tod der Tausende und Abertausende, die dem Hasse und der Habgier geopfert wurden. — Einige Analogien für den Plural von מות finden wir, so Jechesk. 28, 10: מותי ערלים תמות. — Und doch, damit schließt die Ehrenerklärung, welche einst die Menschheit dem jüdischen Galuth-Volke geben wird: על לא חמס עשה (das על ist wie Job 16, 17: על לא חמס בכפי obgleich, trotzdem) ist es im Handel und Wandel rechtschaffen geblieben, hat nicht das an ihm verübte Unrecht mit gleichem vergolten, ja es verstand es, sich die Biederkeit und Redlichkeit des Charakters zu wahren — Trug war nicht in seinem Munde, sein Wort war ein Wort!

7
נִגַּ֨שׂ וְה֣וּא נַעֲנֶה֮ וְלֹ֣א יִפְתַּח־פִּיו֒ כַּשֶּׂה֙ לַטֶּ֣בַח יוּבָ֔ל וּכְרָחֵ֕ל לִפְנֵ֥י גֹזְזֶ֖יהָ נֶאֱלָ֑מָה וְלֹ֥א יִפְתַּ֖ח פִּֽיו׃
BernfeldEr war bedrückt, aber er ergab sich und tat seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zum Schlachten geführt wird, und wie ein stummes Schaf vor seinen Scherer; er tat seinen Mund nicht auf.
ZunzEr war bedrängt, aber er ergab sich und that nicht auf seinen Mund, wie ein Lamm, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Schaf vor seinen Scheerern verstummt, und that nicht auf seinen Mund.
J. J. Hirsch„Es wurde bedrängt, aber auch da es gepeinigt ward, öffnete es nicht seinen Mund; wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf vor seinen Scherern verstummt, so öffnete es seinen Mund nicht.
8
מֵעֹ֤צֶר וּמִמִּשְׁפָּט֙ לֻקָּ֔ח וְאֶת־דּוֹר֖וֹ מִ֣י יְשׂוֹחֵ֑חַ כִּ֤י נִגְזַר֙ מֵאֶ֣רֶץ חַיִּ֔ים מִפֶּ֥שַׁע עַמִּ֖י נֶ֥גַע לָֽמוֹ׃
BernfeldOhne Schutz und Recht wurde er hingerafft. Wer sprach für ihn mit seinen Zeitgenossen? Er wurde abgeschnitten vom Leben wegen der Missetat meines Volkes, wegen der Strafe, die diesem gebührte.
ZunzVor Druck und Strafgericht ward er hingerafft, und seine Zeitgenossen, — wer hat es empfunden, daß er weggetilgt ward aus dem Lande des Lebens, wegen der Missethat meines Volkes, der Strafe, die diesem (gebührte)
J. J. Hirsch„Von Herrschaft und Recht war es ausgenommen, und seine Zeitgeschichte, wer vermöchte die im einzelnen zu erzählen; denn abgeschnitten war es vom Lande des Lebens, aus dem Verbrechen meines Volkes entstand den Seinen Schaden.
9
וַיִּתֵּ֤ן אֶת־רְשָׁעִים֙ קִבְר֔וֹ וְאֶת־עָשִׁ֖יר בְּמֹתָ֑יו עַ֚ל לֹא־חָמָ֣ס עָשָׂ֔ה וְלֹ֥א מִרְמָ֖ה בְּפִֽיו׃
Bernfeld[Der Feind] bestimmte ihm unter Frevlern sein Grab und gleich dem Bösewicht seinen Tod, ob er auch keine Gewalt geübt, und kein Trug in seinem Munde gewesen.
ZunzUnd er bestimmte ihm unter Frevlern sein Grab, und unter Reichen nach seinem Tode, ob er auch keine Gewalt geübt und kein Trug in seinem Munde gewesen.
J. J. Hirsch„Es ließ Frevler sein Grab werden und reich durch seinen vielfachen Tod, obgleich es nicht Gewalt geübt, und Trug nicht in seinem Munde war!“
10
וַיהֹוָ֞ה חָפֵ֤ץ דַּכְּאוֹ֙ הֶחֱלִ֔י אִם־תָּשִׂ֤ים אָשָׁם֙ נַפְשׁ֔וֹ יִרְאֶ֥ה זֶ֖רַע יַאֲרִ֣יךְ יָמִ֑ים וְחֵ֥פֶץ יְהֹוָ֖ה בְּיָד֥וֹ יִצְלָֽח׃
BernfeldDoch der Herr wollte ihn durch Leiden zermalmen; weil er sich zum Sühnopfer gebracht, erhält er Nachkommen], die lange leben, und des Herrn Wille gelingt durch dessen Hand.
ZunzDoch der Ewige wollte ihn durch Leiden zermalmen; wenn er sich zum Sühnopfer gebracht, sieht er einen Samen, der lange dauert, und des Ewigen Wille gelingt durch dessen Hand.
J. J. HirschAber Gottes Zweck entsprach seine Zerknirschung, er ließ es kranken: Wenn seine Seele sich zum Sühneopfer hingibt, soll es die Saat schauen, soll es die Zeiten durchdauern — und es soll Gottes Endzweck durch seine Hand gelingen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. In den letzten drei Versen bringt Gott die hohen Ziele zum Ausdruck, welche seine Waltung mit dem Leidensgeschicke Israels verfolgt hatte: וד' חפץ דכאו Es sollte nach Gottes Willen durch das Galuthleid in Israel das Bewußtsein seiner bisherigen Unzulänglichkeit den Anforderungen Gottes gegenüber angeregt und ein Gefühl der Zerknirschung erzeugt werden, aus dem allein völlige und dauernde Besserung erwachsen kann. — דכאו entweder Infinitiv wie דברו לשלם (1. B. M. 37, 4) nach Ibn Esra, oder wie wir übersetzten Substantiv wie תשב אנוש עד דכא (Ps. 90, 3). — Alles Ungesunde, das sich im Laufe der Zeit in seinem Volkskörper angesammelt hatte, sollte durch den Ausbruch einer akuten Krankheit aus ihm ausgeschieden werden, damit er ganz gesunde; darum החלי (für החלה) ließ Gott es zu, daß die Völker es durch ihre unmenschliche Behandlung krank machten. Vgl. oben V. 4 das zu חלינו und מכאבינו Erläuterte. Es sollte zu reinster Selbstlosigkeit erzogen werden, um sich mit Leib und Seele für das Ziel aufzuopfern, für welches Gott es als יזרע-אל, als „Gottessaat“ unter die Menschheit hingestreut hat. Nur so: יראה זרע wird es das Aufgehen dieser Saat sehen und alle Zeiten hindurch das erhebende Bewußtsein in sich tragen, Gott als Werkzeug zur glücklichen Verwirklichung seines Weltenplanes gedient zu haben. — Möglich auch, daß יראה זרע heißt: es soll Nachkommenschaft sehen, wie es von den meisten Erklärern genommen wird, und dadurch יאריך ימים. —

11
מֵעֲמַ֤ל נַפְשׁוֹ֙ יִרְאֶ֣ה יִשְׂבָּ֔ע בְּדַעְתּ֗וֹ יַצְדִּ֥יק צַדִּ֛יק עַבְדִּ֖י לָרַבִּ֑ים וַעֲוֺנֹתָ֖ם ה֥וּא יִסְבֹּֽל׃
BernfeldAller Qual ledig soll er [Nachkommen] sehen und satt [an Tagen] werden, durch seine Erkenntnis wird rechtfertigen der Gerechte, mein Knecht, bei den vielen, dass er ihre Schuld sich aufgeladen.
ZunzLedig des Trübsals seiner Seele soll er sich weiden zu sehen (den Samen), der durch seine Erkenntniß rechtfertigen wird den Gerechten, meinen Knecht, bei den Vielen, daß er ihre Schuld sich aufgeladen.
J. J. HirschAus seinem persönlichen Elende herausschauend, wird es Befriedigung gewinnen, indem es erkennt, daß es dem Gerechten zum Rechte verhilft als mein Diener an die Gesamtheit, und wird als solcher geduldig ihre Vergehen tragen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. In der Einleitung zum Jesaia, Gesam. Schriften II Seite 327 wird dieser Vers so wiedergegeben: „Durch alle Mühsal, die es duldet, wird es Einsicht und Befriedigung gewinnen, wird mit seiner Erkenntnis das Gerechte rechtfertigen, wird mein Diener an die Menge und darum geduldig ihre Vergehen tragen.“ Abarbanel faßt יראה als auf das זרע und ישבע als auf das ימים des vorhergehenden Verses sich beziehend auf; andere ergänzen beides durch hinzugedachtes טוב. Uns schien es nicht unmöglich, daß mit מעמל נפשו יראה וגו' gesagt ist: Von der eigenen unglücklichen Lage, den Mühseligkeiten seiner Person wird es ganz absehen und volle Befriedigung („Sättigung“) durch die Erkenntnis gewinnen, daß die von ihm der Menschheit überbrachte Rechtsidee doch allmählich zur Geltung kommen will. Oder יראה herausschauen, den Blick darüber hinaus heben; ähnlich wie nach unserer unmaßgeblichen Meinung das וביום רעה ראה (Pred. 7, 14) Am Tage des Glücks sei mitten drin im Guten, aber am Tage des Unglücks da schaue heraus, erhebe dich geistig über dein Leid u. s. w. Uns scheint in diesem Satze die aufopfernde Hingebung Israels an seine hohe Aufgabe charakterisiert zu sein, zu welcher Gott, wie bereits oben bemerkt, es erziehen wollte: Selbstvergessen den Blick seiner Seele über das eigene Duldergeschick emporheben und sich „sattsam“ befriedigt zu fühlen, wenn ein Fortschritt zum Gelingen seiner hehren Sendung zu erkennen ist.

Damit dürfte Israel alsdann den Befähigungsnachweis für seine Bestimmung 2. B. M. 19, 6: „Ihr aber sollet mir ein Reich von Priestern und ein heilig Volk sein!“ erbracht haben: Durch sein Wort und Beispiel verbreitet es in der Menschheit die Erkenntnis und Huldigung Gottes, erstrebt nicht eigene Größe und Machtstellung, überläßt die Gestaltung seines Geschickes Gott und fühlt sich glücklich in dem absoluten Gehorsam gegen die Anforderungen des göttlichen Sittengesetzes seiner „Thora“, deren Herrschaft es sich kampflos mit hingebendster Liebe unterordnet.

12
לָכֵ֞ן אֲחַלֶּק־ל֣וֹ בָרַבִּ֗ים וְאֶת־עֲצוּמִים֮ יְחַלֵּ֣ק שָׁלָל֒ תַּ֗חַת אֲשֶׁ֨ר הֶעֱרָ֤ה לַמָּ֙וֶת֙ נַפְשׁ֔וֹ וְאֶת־פֹּשְׁעִ֖ים נִמְנָ֑ה וְהוּא֙ חֵטְא־רַבִּ֣ים נָשָׂ֔א וְלַפֹּשְׁעִ֖ים יַפְגִּֽיעַ׃ {פ}
BernfeldFürwahr, ich will ihm zu Teil geben unter den Großen, und mit Mächtigen soll er die Beute teilen dafür, dass er dem Tode bloßgestellt sein Leben und zu den Missetätern gezählt wurde, da er doch die Sünden der vielen trug und für Missetäter heimgesucht wurde.
ZunzFürwahr, ich will ihm zu Theil geben die Vielen, und Mächtige soll er als Beute theilen dafür, daß er dem Tode bloßgestellt sein Leben und zu den Missethätern gezählt wurde, da er doch die Sünde der Vielen trug, und es für Missethäter (ihn) getroffen.
J. J. HirschDeshalb werde ich ihm seinen Anteil an der Gesamtheit geben, und es wird mit den Mächtigen die Errungenschaft teilen dafür, daß es seine Person dem Tode preisgegeben hatte und sich zu Verbrechern zählen ließ, und es hatte doch die Versündigung der Gesamtheit getragen und tritt jetzt fürbittend ein für die Verbrecher!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. לכן. Gerade deshalb, spricht Gott, weil es in solcher Selbstlosigkeit diesen höchsten sittlichen Sieg über sich errungen und für sich nichts erstrebt hat, lasse ich es des Heils und des Glückes teilhaftig werden, zu welchen die Allmenschheit unter seiner Führung gelangt; und die Achtung und das Ansehen in der Welt, deren es sich als seine Errungenschaft zu erfreuen hat, wird hinter der den „Mächtigsten“ der Erde gezollten nicht zurückstehen. Vgl. oben Kap. 33, 23. Das gewähre ich ihm תחת אשר וגו' (s. über תחת Komm. zu 2. B. M. 21, 25) als Ersatz, als Lohn für das beispiellose, geduldig von ihm getragene Martyrium, das physische und moralische, mit welchem die Menschheit in ihrem Haß und Wahn und mit ihrer Verkennung Israels sich so schwer an ihm versündigt hatte. — הערה von ערה s. oben Kap. 3, 17.

והוא וגו' יפגיע. Und es, das so furchtbar schwer an dieser Versündigung der Menschen zu tragen hatte, es gewinnt den Gipfel der sittlichen Höhe, indem es dem Priester gleich יפגיע (wie Jerem. 7, 16: ואל תפגע בי „dringe nicht fürbittend in mich“) zu Gott für die Menschheit betet und seine Vergebung erfleht für alles, was sie an dem Volke des Exils verbrochen hatte.