Jeschajahu 52 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 52. V. 1. Gleich einem schweren, bösen Traume, fährt der Prophet fort, liegt nun diese ganze wüste Nachtzeit mit ihrem Leide und ihrer Erniedrigung hinter dir! Erwache für eine sonnige Zukunft, Zion! Du hast sie verdient durch עזך, durch die Kraft, die Stärke, mit der du allem Elend und allen Verlockungen siegreichen Widerstand geleistet hast. Die wuchtigen Hammerschläge des Galuth haben deinen Charakter gestählt, deine Gesetzestreue gefestigt. (Ps. 78, 61 und 132, 8 wird das Gottesgesetz selbst עז genannt.) In diese Stärke und Festigkeit hülle dich weiter, sie bilden deine Zier, sie sind die Gewänder deiner Pracht, deiner Herrlichkeit, durch sie bekundest du, daß dein Volks- und Staatsleben „Jerusalem“ keine andere Bestimmung kennt, als sich um das Gottesheiligtum als seinen Mittelpunkt zu gruppieren und sich nach den von ihm ausgehenden Weisungen zur עיר הקדש zu gestalten. Ermöglicht wird dir das dadurch, daß alles Unwürdige dir fortan fern bleibt:
כי לא יוסיף יבא בך ערל וטמא. ערל ist derjenige, der über das, was ihm organisch oder naturgemäß oder nach der göttlichen Bestimmung zur Beherrschung gegeben ist, keine Macht hat. So ערל שפתים, ערל אזן, der die Herrschaft über Lippe, Ohr nicht hat, diese Organe nicht gebrauchen kann, ערל לב, der den Neigungen und Trieben seines Herzens nicht gebieten kann, ערל בשר, der, dessen Geist über den Leib, der seiner Beherrschung unterstellt ist, keine Herrschaft auszuüben versteht. (S. darüber Komm. zu 1. B. M. 17, 10, 11; 3. B. M. 19, 23.) Mit dem Wegschneiden der ערלה wird dem ganzen leiblich-sinnlichen Wesen des jüdischen Menschen die Unterordnung unter den das göttliche Sittengesetz vollbringenden Geist aufgeprägt. Mit ערל und ערלים als Benennung von Menschen will jedoch unsere heilige Schrift sie durchaus nicht immer als „Unbeschnitten“, als Menschen, an denen die Beschneidung nicht vollzogen worden, bezeichnen, sondern als Sittenlose, Zügellose, den Trieben der Leidenschaft uneingeschränkt Ergebene. So z. B. Jechesk. 28, 10. 31, 18 und den vielen Stellen daselbst im 32. Kapitel. Dort übersetzt es auch der Targum רשיעין, רשיעיא, חיביא. — טמא ist derjenige, der für die Anforderungen der sittlichen Reinheit, wie sie Gott an uns stellt, um uns für unsere hehre Bestimmung zu heiligen, unempfänglich geblieben oder geworden ist. Hier ist gesagt: Wer aus der Menschheit dir naht, hält sich, Gott huldigend, in den Schranken der von Ihm gegebenen allgemein menschlichen Pflichten, und alle deine heimkehrenden Söhne erfüllt der Geist heiligender Reinheit, wie ihn die Thora lehrt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. התנערי מעפר וגו'. Alles, was deine Lauterkeit trübte, alles, was auf der langen Wanderung durch die Zeiten, die Reinheit des Familienlebens deiner Kinder verdunkelnd, sich als Staub der Heerstraße auf sie niedergelassen hatte, alles schüttele ab, erhebe dich zu deiner wahren Größe und nimm den Platz ein, der dir gebührt als Jerusalem! Die Fesseln der Leidenschaft, der Verirrungen, die deinen Nacken in das Joch der Sünde zwangen und die Ursache deiner Gefangenschaft und Verbannung wurden, die streife von dir ab, löse sie und werde wieder „בת ציון“, bringe dem Gottesgesetze willig kindlichen Gehorsam entgegen. Diese sittliche Befreiung und Lösung, die als wiedergewonnene Reinheit der gesamten Judenheit in die Erscheinung tritt — das קרי ist התפתחי —, ist in Wirklichkeit — התפתחו כתיב — das Ergebnis der unablässigen Arbeit jedes ihrer Glieder an seiner eigenen Läuterung und Besserung.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. Bedeutsam fügt das Prophetenwort hinzu חנם נמכרתם וגו': Diese Veredelung eurer selbst seid ihr Gott schuldig, ihm gegenüber hattet ihr gesündigt, aber den euch unterdrückenden und verfolgenden Völkern habet ihr keinen wirklichen Anlaß zu ihrem Hasse gegeben. Eure spezifisch jüdischen Pflichten hattet ihr vernachlässigt, eure jüdische Aufgabe hintangesetzt, darum hat euch Gott ins Exil gesandt und euren Peinigern überlassen, aber zu keiner Zeit und nirgends habet ihr in der Übung der rein menschlichen Pflichten der Humanität und Gerechtigkeit einen tieferen Standpunkt eingenommen als eure Umgebung. Nie und an keinem Orte eurer Diaspora hatte irgend ein Volk einen berechtigten Anspruch darauf, euch als minderwertige Menschen zu betrachten und danach zu behandeln, keines Volkes Kulturleistung erhob es über euch! Seid ihr so חנם נמכרתם „ihnen umsonst verkauft gewesen“, so ולא בכסף תגאלו kann auch keines der Völker eine Entschädigung verlangen, wenn Gott euch seinem Machtbereich entzieht, indem er euch zur Freiheit hinausführt. Vgl. oben Kap. 50, 1 das zu או מי מנושי אשר מכרתי אתכם לו Bemerkte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Ebensowenig hatten eure ersten Peiniger, die Ägypter, ein Recht, euch als Parias zu mißhandeln und zu Sklaven zu machen. Nicht in kriegerischer Absicht war Israel nach Ägypten gezogen, vielmehr der Einladung des Königs Folge leistend, ging es hin, לגור dort zeitweilig sich aufzuhalten, nachdem ein Sohn seines Hauses dem Staate so Ersprießliches geleistet und das Land gerettet hatte. Und der assyrischen Macht hatte es gleichfalls nicht den mindesten Grund zu feindlichem Vorgehen gegen es gegeben.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. ועתה. Und jetzt, was erwächst mir, spricht Gott, aus dem gegenwärtigen Leidenszustande meines Volkes? Werden meine Ziele etwa durch Denkweise, Leben und Handeln seiner Unterdrücker gefördert, bringen sie meinem Willen Gehorsam, meinem Namen Huldigung entgegen? Ja freilich, zum Schein, um ihre unmenschliche Vergewaltigung meines Volkes zu beschönigen, stellen sie diese als Gehorsamsleistung gegen נאום ד' gegen einen Gottesausspruch dar, den sie selbst beklagen, aber trotzdem zur Huldigung Gottes zu vollziehen sich verpflichtet fühlen. — Das in das Wort יילילו (von ילל wehklagen, jammern: יילילו על משכבותם: Hosea 7, 14) eingefügte ה, das aus ihm יהילילו macht, weist auf הלל hin, und zwar, wie wir glauben, in den beiden Bedeutungen des Kal und des Piel: Gleißen, Scheinen und Widerstrahlen, welches letztere mit Beziehung auf Gott seinen Ruhm verherrlichen, ihn preisen heißt. Während nur die niedrigsten Instinkte: Habgier und Grausamkeit, sie ihre Herrschaft über Israel mißbrauchen lassen, gebärden sie sich als nur „zum größeren Ruhme Gottes“ handelnd, dessen Urteil über die „von ihm verfluchten Juden“ sie vollstrecken, so sehr ihr eigenes Herz auch dabei leide. In diesem Sinne haben wir übersetzt. Auch das כתיב: משלו (das קרי ist משליו) scheint darauf hinzudeuten: „Wir üben unsere Herrschaft über Israel ja nur kraft und willens Gottes, seines wirklichen Herrschers, aus.“ — מנאץ erscheint als eine Zusammensetzung von הִתְפַּעֵל und פִּעֵל den Sinn des הִתְפַּעֵל ergebend. So nimmt es auch רד"ק: Gottes heiliger Name duldet es, daß er zur Beschönigung aller an Israel täglich verübten Verbrechen mißbraucht wird.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. לכן. Gerade deshalb will ich, spricht Gott, diesem Zustande ein Ende machen; mein Volk soll nicht irre werden, soll die wunderbare Größe und Heiligkeit meines Namens begreifen lernen, soll darum gerade erkennen, wie ich mit meinem הנני mich seiner mit meiner Allmacht annehme.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. Mit diesem הנני erklärt Gott den Zeitpunkt für gekommen, da auf weiter Erde das Heil zum Durchbruch gelangt. על ההרים: Auf den „Bergen“, überall, wo sich der Ausblick weitet, wo man nicht allein das Nächstliegende schaut, sondern Auge und Sinn für das aus der Ferne sich Nahende hat, sieht man den Gottesboten herankommen, und was er kündet, ist der „Friede“! Und wie ansprechend, anmutend, lieblich, das heißt ja נאה, ist diese Kunde! Wer sonst, bis zu dem Augenblicke, auf den hier hingeschaut wird, „טוב“, das wahrhaft Gute, das einzig Gute, das in Gottes Augen Gute als zur Herrschaft berufen proklamiert, der gilt in der Anschauung der Welt als Störer des Friedens. Sein Auftreten wird als ein Auflehnen gegen das Bestehende, das sich nach der Willkür der Inhaber der Macht oder aus Opportunitätsgründen aufgebaut hat, betrachtet. Jetzt aber hat überall, auch על ההרים auf den Gipfeln der Erdenmacht (vgl. das oben Kap. 42, 11 zu ישבי סלע מראש הרים יצוחו Bemerkte) die Anschauung Platz gegriffen, daß das wahrhaft „Gute“ einzig ישועה das Heil auf Erden zu begründen vermag, und darum begegnet der Gottesherold keinen Anfeindungen mehr, er ist משמיע שלום der glückbringende Friedenskünder.
Für Zion aber hat er noch eine besondere Botschaft: מלך אלקיך Dein Gott, von dem du mit deiner Thora die Kunde zu allererst unter die Menschheit getragen hast, er hat nun die Herrschaft über die Welt angetreten! Dein Dulden und Ringen, dein Galuth war nicht vergeblich, es hat die Anerkennung Gottes als Königs der Welt, als Gesetzgebers und Ordners der Menschenverhältnisse für alle Zeiten und Staatsbildungen vermittelt. — Vgl. oben das zu Kap. 26, 15 Erläuterte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8—10. Was jetzt vernommen wird, ist nichts anderes als קול צופיך — dem Akzent nach Satz für sich —; aus den Tatsachen, die sich jetzt vollziehen, hörst du die Stimme deiner Seher; was deine Propheten längst vorausgeschaut hatten, geht nun in Erfüllung. — נשאו קול. Überall in תנ"ך (mit einer einzigen Ausnahme oben Kap. 24, 14) bezeichnet נשא קול ein klagendes oder warnendes Erheben der Stimme, und so dürfte auch hier gesagt sein: Sie alle, die einst die immer weiter um sich greifende Gottesentfremdung ihres Volkes in tiefem Wehe zu beklagen und warnend und zur Umkehr mahnend ihre Stimme erhoben hatten, werden jetzt in Freude vereint, jubelnd mit eigenem Auge schauen, wie Gott sich wieder Zion zuwendet. Und in ihren Jubel über Israels Erlösung werden Jerusalems Trümmer einstimmen, und alle Welt wird staunend und beglückt die wunderbar hervortretende Allmacht Gottes erkennen, die das Heil der Menschheit gestaltet.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. Vorbedingung für eure Erlösung ist סורו סורו und טמא אל תגעו, dadurch צאו משם arbeitet ihr an eurer Befreiung aus dem Galuth, nur durch הברו וגו' werdet ihr צאו מתוכה es verlassen. — משם und מתוכה dürfte auf כל אפסי ארץ des vorhergehenden Verses Bezug nehmen: die Enden der Erde, bis zu welchen Israels Diaspora sich erstreckt hat. Rabbi Eleazar de Beaugenci faßt es als auf הנוים des vorhergehenden Verses sich beziehend auf.
סורו סורו. Unaufhörlich — darum סורו wiederholt — habet ihr darauf zu achten, euch von allem fern zu halten, was euch eurer heiligen Aufgabe und Bestimmung entfremden will. Uneingeschränkte rohe Sinnlichkeit hat vielleicht, dank des von den Ahnen ererbten reinen Sinnes, nicht allzuviel Verführerisches für euch; allein es gibt eine „verfeinerte“, den äußeren Anstand wahrende und darum von der „Mode der Zeit“, nach den Anschauungen eurer Umgebung gebilligte Sittenverirrung, welche euch verlocken könnte, die euch heiligenden Verordnungen eures Sittengesetzes unbeachtet zu lassen — hütet euch davor: טמא אל תגעו „vermeidet jede Berührung mit dem Unreinen“, es stumpft euer Gefühl für die sittliche Reinheit, die euer Gott von euch fordert, ab, es macht euch unempfänglich für die Lehren Gottes und unfähig, euch für die hohen Ziele eurer Bestimmung mit voller Hingebung zu begeistern. (S. V. 1.) Im Verkehr mit eurer Umgebung haltet euch stets vor Augen, daß ihr נושאי כלי ד' zu Bannerträgern der Gottessache erkoren seid, daß ihr das Werkzeug in Gottes Hand seid, die Menschheit zur Gotteserkenntnis und Gotteshuldigung heranzubilden. Darum הברו: Wahret nicht nur die äußere Reinheit, sondern strebet danach, innere Lauterkeit in stets erhöhter Potenz zu erringen. הברו Nifal von ברר reinigen, läutern, klären, erlesen. Übet strenge Selbstzucht an euch und beurteilt euer Denken, Empfinden und Handeln nicht mit milder Voreingenommenheit. Entdeckt ihr an euch in sittlicher Beziehung einen Makel oder im sozialen Verkehr auf dem Markte des Lebens auch nur die kleinste an Unredlichkeit grenzende Verfehlung, so plädieret nicht zu eurer Entschuldigung vor dem Forum des eigenen Gewissens: „Kaum einen gibt's unter tausend mit uns Verkehrenden, der sich nicht viel Schlimmeres zuschulden kommen ließe“. Ihr dürfet es nicht, an euch stellt Gott die höchsten Anforderungen, ihr seid die „Voranträger seiner Waffen“, mit denen er die Menschheit gewinnen will, und diese Waffen sind Recht, Menschenliebe und Sittlichkeit. Ein Verstoß gegen diese wäre zugleich eine Entweihung seines heiligen Namens, den zu verkünden ihr berufen seid.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. Nur durch stete Arbeit an eurer Läuterung erlanget ihr eure Erlösung und entgeht den euch drohenden Gefahren, nicht aber durch חפזון und מנוסה. חפזון von חפז, lautverw. mit חפץ ersehnen, verlangen und mit חפש etwas suchen, heißt Übereilung, sich durch Sehnsucht nach dem erwünschten Ziele bestimmen lassen, die notwendigen Vorbereitungen für den Weg außer acht zu lassen und eiligst den bisherigen Standpunkt aufzugeben. מנוסה, von נוס fliehen, flüchten, ist die schleunige Entfernung von ihm, weil längeres Verweilen gefahrdrohend erscheint. Euer Weg aber ist ein gegebener: אחרי ד' אלקיכם תלכו ואותו תיראו (5. B. M. 13, 5) Gott, eurem Gotte sollet ihr nachfolgen und ihn fürchten, hier כי הולך לפניכם ד' nur in der bewußtvollen Nachfolge Gottes liegt eure Rettung und Befreiung, ומאספכם אלקי ישראל und er schützt euch auch vor den Gefahren, die euch bis zur Heimkehr in das Land eurer Bestimmung bedrohen könnten. Er ist derselbe, der bei dem Auszuge aus Ägypten und auf der Wanderung durch die Wüste euch voranzog (2. B. M. 13, 21) und vor den euch verfolgenden Gefahren den Rücken deckte (daselbst 14, 19). מאסף ist bei der Heereskonstruktion die Nachhut (4. B. M. 10, 25, Josua 6, 9), deren Aufgabe nicht allein in dem Schutz des voranziehenden Heeres vor feindlichem Angriff im Rücken besteht, sondern auch in der Sorgfalt und schützenden Aufnahme der ermattet Zurückgebliebenen, die sie dem Truppenkörper wieder zuführt. (אסף heißt sammeln, auflesen.) Hier dürfte durch מאספכם וגו' vielleicht angedeutet sein, daß auch die in der Nachfolge Gottes aus Schwäche Zurückgebliebenen dem Judentum nicht verloren sind, Gottes Fürsorge bringt sie ihm wieder zurück. Vgl. oben Kap. 49, 18.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. Israels ganze Weisheit und Klugheit hat darin zu bestehen, sich als „עבדי“ Diener Gottes zu begreifen, nur dem Willen Gottes zu leben, den ihm seine Thora kund gibt, dann erhebt Er es aus der tiefen Erniedrigung seines Galuth und läßt es ungeahnte hohe Stellung in der Menschheit erreichen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. 15. Eine völlige Änderung der Anschauung und der Begriffe bezüglich Israels greift Platz in der Welt. Der großen Menge fehlte ja überhaupt jede klare Vorstellung über das Judentum; der Jude galt ihr als ein Mensch niederer Ordnung, von minderwertiger Bildung, von dem man sich jeder niedrigen, ja schlechten Tat zu versehen habe.
Jetzt aber werden viele Völker inne werden, daß sie allen wirklichen Kulturfortschritt der Gottesidee verdanken, die, ihnen selbst unbewußt, — von Israel ausgehend — allmählich in ihre Denkweise eingedrungen war. Immer empfänglicher für die Prinzipien des Rechts und der Milde, immer zugänglicher den Gedanken an Sittlichkeit werden sie werden, und diese vollbringen es, sie für immer über Gewalt, Verrohung und Versumpfung zu Lauterkeit der Gesinnung und Reinheit des Empfindens und damit auch zu Reinheit des Handelns zu erheben.
Keiner aber wird mehr überrascht sein von dem Umschwung in der Anschauungsweise der Völker als ihre Leiter, ihre Könige. Ein gewisses Gefühl der Beschämung, daß auch sie sich in solchem Irrtum über die Bedeutung des unter ihnen lebenden Israels befinden konnten, wird bei dem Anblick dessen, was sie jetzt erleben, ihnen im ersten Augenblick den Mund verschließen. Dann aber werden sie, wie die Völker, ihren sinnenden Betrachtungen Worte verleihen, die im nächsten Kapitel wiedergegeben werden.
Im einzelnen ist noch nachzufügen: שממו, von שמם öde sein, bezeichnet auf den Geist übertragen den Zustand, dem klare Vorstellungen und deutliche Gedanken fehlen. S. Komm. zu Ps. 143, 4: ישתומם לבי. Also hier: unklare Vorstellungen, die zu sinnlosem, ödem Geschwätz und Faseln über Judentum und Juden Veranlassung gaben. — משחת Substantiv von שחת verderben; wie משחתם בם (3. B. M. 22, 25) der Ausdruck einer sittlichen und geistigen Verderbnis ist, so dürfte mit משחת מאיש s. v. v. gesagt sein, daß ihnen der Jude ein dem Schöpfer mißlungenes, „verdorbenes“ Exemplar eines Mannes war.
יזה von der Wurzel נזה sprengen, ist der Ausdruck der symbolischen Handlung des Sprengens mit Blut, durch welche Entsühnung von Schuld, oder mit dem מי חטאת, dem mit der Asche der פרה אדומה vermengten Reinigungswasser — s. Komm. zu 4. B. M. Kap. 19 —, durch welche die sittliche Freiheit des Menschen proklamiert wird und die Wahrheit zum Ausdruck gelangt, daß der Mensch sündenfrei und rein sein, werden und bleiben kann. Das dürfte hier, wie uns scheint, mit כן יזה gesagt sein, und in diesem Sinne haben wir übersetzt. Es ist der Ausdruck der Wahrheit, welche der Jude sich mit jedem Morgen beim Erwachen zum Bewußtsein bringt, daß אלקי נשמה שנתת בי טהורה היא, daß seine Seele rein und nicht durch eine ihr etwa anhaftende Sündhaftigkeit verkümmert, daß sie für alles Sittliche, Reine und Gute empfänglich ist — die Übermittlung dieser Wahrheit ist das Angebinde, mit dem Israel einst der Menschheit die Erlösung von der Wahnidee der „Erbsünde“ bringt und sie für den Antritt der Heileszeit befähigt.