Jeschajahu 51 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 51. V. 1. Ihr aber, denen, im Gegensatz zu euren eben apostrophierten Brüdern, „Zedek“ als das zu verfolgende Lebensziel vorschwebt, als der von Gott hoch erhobene Strebepunkt eines jeden Einzelnen wie des Gesamtlebens der jüdischen Nation, ihr die ihr wisset, daß nur, wenn ihr צדק anstrebet, ihr „Gott“ findet, lasset euch nicht irre machen, wenn eurer nur wenige sind, und auch der Erfolg eurer Bestrebungen noch nicht sichtbar zutage tritt. Lasset nicht Kleinmut und Zagen sich in euer Herz einschleichen und euren Pflichteifer lähmen, הביטו richtet den Blick hin auf den winzig kleinen Anfang eures Volksdaseins und schöpfet Mut und frische Hoffnung aus dem Born, dem ihr entsprungen seid. Seht, nicht lockeres Erdreich ist es, aus dem der Quell eures Seins sich hervordrängte, Erdreich etwa, das vielleicht durch äußere Zufälligkeit dem Wasser Durchlaß gewährte und ebenso zufällig sich verschiebend oder durch Erschütterung ihm den Weg verschließen könnte — צור ein Felsen ist es, hartes, festes, unveränderliches Gestein; und חצבתם, nicht ein Produkt des Zufalls, vielmehr „ausgehauen“ und erschlossen mit dem für diesen Zweck eigens bestimmten Werkzeug ist der Urquell der jüdischen Existenz. Felsenfest und unverrückbar, wie euer Ursprung, ist auch eure Bestimmung und durch meine besondere Fürsorge vor jedem Verfall gesichert. Die Wahrheit, welche ihr mit der Zedek-Idee der Menschheit zu überbringen habet, gelangt trotz aller Schwierigkeiten doch siegreich zum Durchbruche. — מַקֶּבֶת בור ist der Name des Werkzeugs, das zum Brunnenmachen gebraucht wird; ohne nähere Angabe seiner Bestimmung heißt es מַקֶּבֶת, wie Richter 4, 21: ותשם את המקבת, und im Plural מקבות (oben Kap. 44, 12, s. das.)
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. Eure Gesamtheit ist freilich nur ein winziger Teil der Menschheit, und ihr mir Treugebliebenen bildet nur die Minorität eures Volkes — verzaget dennoch nicht. So aussichtslos kann zu keiner Zeit die Mission Israels sich dem Beschauer darbieten, als damals, da sie ins Leben gerufen ward. הביטו אל אברהם אביכם וגו' כי אחד קראתיו: Abraham war der einzige in der Menschheit, den ich für meine Zwecke bildungsfähig fand, und in die Isolierung, in die völlige Vereinzelung ließ ich ihn erst wandern, um ihn für seine heilige Aufgabe zu berufen, — dort sollte er euer Vater werden. ואל שרה. Und Sara — nicht אמכם eure Mutter —, sondern תחוללכם, der ich erst, nachdem sie ihr ganzes Leben lang kinderlos gewesen, im neunzigsten Lebensjahre mit der Bestimmung auch die Befähigung gab, eure Mutter zu werden.
ואברכהו Aber ich segnete ihn, stattete ihn mit allem aus, was für die Erreichung seiner Bestimmung förderlich ist — das ist ja ברך — und dieser Segen ist für alle Ewigkeit gegeben und bleibt für alle Ewigkeit bestehen. וארבהו — das ו ist, da es nicht mit ◌ָ punktiert ist, kein konversives, sondern ein kopulatives — ich werde ihn vervielfältigen: Ich sorge dafür, daß der wahre, echte Abrahams-Sinn in seinen Nachkommen immer mehr zur Geltung gelangt, und so Abraham sich in seinen Kindern immer häufiger wiederholt. Auch die Folgegeschlechter der seiner Sendung jetzt Entfremdeten werden einst zu mir zurückkehren. — Siehe das oben zu Kap. 49, 17—19 Bemerkte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. כי נחם וגו'. נחם trösten, heißt in jemand eine völlige Umkehrung der bisherigen Stimmung in bezug auf ein Ereignis hervorrufen. (Die Etym. s. Komm. zu 1. B. M. 5, 29.) Wenn Gott einst sein Volk erlöst, dann wird sowohl Zion selbst als auch alles, was um Zions willen und mit Zion der Zertrümmerung verfiel, betreffs dieser Zerstörung eine ganz andere Anschauung gewinnen. Was sie als Unglück beweinten, stellt sich dann als zu ihrem Heil von Gott ihnen Gewordenes heraus. Die so lange währende Wanderung der Söhne Zions durch die Wüste der Völker war nichts anderes als der Weg zum Paradiese, das sich ihnen nun auf Erden eröffnet, — und diese ganze Zeit hindurch mußte das Land Israels, zur Steppe verkümmert, alle seine Kräfte in sich aufspeichern, um für die Heimkehrenden weit herrlicher denn früher zu einem wahren „Gottesgarten“ zu erblühen, in dem für alle Ewigkeit Wonne und Freude herrschen wird und Dank für den Leidensweg, der zu solch froher Sangesstimmung geführt hat.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. 5. הקשיבו אלי עמי. Darum bereits jetzt im Exile richtet euren Sinn auf die Erfüllung eurer Doppelaufgabe: als עמי, als „mein Volk“, als die Volksgesellschaft, in welcher einzig תורתי meine Lehre maßgebend für die soziale Gestaltung des Innenlebens ist, und darauf, daß, לאומי wenn ihr einen Staat bildet, dieser Staat mein Staat sei, ein Musterstaat für die Allmenschheit, in welchem ich משפטי meiner Rechtsordnung, der Verwirklichung meiner Rechtsidee (d. i. ja משפט) ארגיע die gegen jede Anfeindung gesicherte Ruhestätte gewähren kann, auf daß euer Staat als leuchtendes Beispiel für die Staatenbildung einer jeden Volksgesellschaft dienen könne. Die Zeit, in welcher mein „Zedek“ zur Geltung kommt, ist nahe, und zum Heile der ganzen Menschheit wird es, von mir gehandhabt, überall in Aktivität treten — וזרעי עמים ישפטו — und die sehnsüchtigen Hoffnungen verwirklichen, die, nach so vielen Enttäuschungen, alsdann die Völker auf זרועי, auf meine Allmacht setzen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6—8. שאו וגו'. Der Bestand des Himmels und der Erde ist nicht so gesichert, wie die Erreichung des Endziels der göttlichen Liebeswaltung — צדקתו —, die doch nichts anderes ist, als die Verwirklichung des „Rechts“ auf der Erde. Eher würde Gott die Welt in ein Chaos verwandeln, als auf die Ausführung seines Zedakah-Planes verzichten. — צדקה, von Gott geübt, ist immer Wohltat, Liebeswalten, Milde, wie bereits wiederholt erläutert. — Darum lasset ihr, die ihr das Zedek-Ideal kennet und es als Gottes Thora im Herzen traget, euch durch die Schmähungen der Menschen nicht beirren und fürchtet ihre Gegnerschaft nicht. Wie alles Vergängliche vergehen sie, aber eurem Streben ist meine Heileswirkung und Hilfeleistung für alle Ewigkeit zugesichert.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9—11. Wir, antworten die רודפי צדק und die יודעי צדק auf diese Worte Gottes, wir zweifeln keinen Augenblick an der Allmacht deines Armes (V. 5), und es bedarf für uns nicht erst der vielen vergeblichen Anstrengungen, ohne dich zum Heile zu gelangen, wie bei der übrigen Menschheit. Wir wissen es, daß nur dein Arm uns helfen kann, darum erflehen wir nur seine Hilfe: עורי עורי וגו'. (זרוע ist weiblich: ובזרוע נטויה.) Seine Allkraft haben wir in den Tagen unserer Vergangenheit erfahren, als er רהב (Bezeichnung für Mizraim, s. oben Kap. 30, 7) und תנין (ebenso, s. oben Kap. 27, 1) niederschlug. Wir kennen seine Allmacht von damals her, da er das Meer spaltete, um uns, die aus ägyptischer Knechtschaft Erlösten, hindurchzuführen. Möge sich auch an uns seine Stärke erweisen, indem er uns aus dem Exile zur Freiheit geleitet, uns unserer Urheimat zuführt und uns dort für ewig der Blüte und der Wonneseligkeit teilhaftig werden läßt, die du uns verheißen hast. (S. oben Kap. 35, 10.)
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. Das Folgende ist die tröstende Entgegnung Gottes auf das flehentliche עורי וגו'. Oben Kap. 43, 25 ist die Akzentuierung אנכי אנכי הוא מחה פשעיך, weil הוא die Kopula des ersten Satzteiles ist, der aus drei Worten besteht, hier hingegen אנכי אנכי הוא מנחמכם hat derselbe nur zwei Worte und הוא מנחמכם bilden den zweiten Satz. „אנכי“ von Gott Israel gegenüber gebraucht, kennzeichnet Gott immer als den es liebevoll umfassenden Träger, hier also: אנכי Ich bin immer אנכי, in jedem Moment ist meine liebende Fürsorge das, was euch erhält und trägt. Dieses Bewußtsein muß euch trösten, muß euch eure Galuth-Lage mit ganz anderem Auge betrachten lassen. — נחם s. oben V. 3. — Wenn ich mit meiner Allmacht noch nicht zu eurer Erlösung einschreite, so gereicht diese Zögerung selbst zu eurem Heile. מי את ותיראי — weiblich — Wie wenig durchdrungen von deiner Aufgabe und Bestimmung wärest du, wie klein und unbedeutend wärest du, wenn deine Zaghaftigkeit mehr als die Anwandlung einer augenblicklichen Schwäche wäre. Sei eingedenk der Ewigkeit deiner Bestimmung, für welche ich dir Unsterblichkeit verliehen, ich, der als אנכי dich durch alle die trüben Zeiten hindurch getragen habe — und du hast nichts zu fürchten, darfst dich nicht fürchten vor deinen Gegnern: מאנוש ימות. Sie stehen zumeist auf gesunkener, getrübter Menschheitstufe, wagen in ihrem entarteten, zu Gewalttätigkeit geneigtem Sinne, selbst mit Gott in den Kampf zu gehen — und sterben, vernichten so ihr Dasein selbst.
ומבן אדם וגו': Aber selbst die weniger der Entartung Verfallenen unter deinen Feinden hast du nicht zu fürchten. Der Sinn für etwas Höheres, Menschenwürdiges ist in ihnen nicht aufgegangen; was etwa davon in sie gedrungen ist, wurzelt nicht tief, es ist wie Grassamen, den der Wind zu ihnen trug, das Bessere, das Reinere sprießt nur oberflächlich zu kurzem Dasein empor und welkt dahin wie Gras — darum ist auch ihr Dasein bedeutungslos gegenüber dem deinigen, wenn du dich ganz in den Dienst Gottes stellst. Der Allmächtige, gegen den deine Feinde ankämpfen, gewährt dir seinen Schutz und das macht dich stark. — Das wird hier durch den Übergang der weiteren Rede in männliche Form ausgedrückt, ותשכח u. s. w. — Über אנוש und אדם s. Komm. zu 1. B. M. 4, 26. 1, 26, Ps. 8, 5. Auch Jeschurun VIII. S. 524—532.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. ותשכח וגו'. Die Bedeutung von שכח s. oben Kap. 17, 10. — Der Kleinmut, der dich in einem Augenblick der Schwäche ergriff, kommt daher, daß der Leidenszustand des Galuth all dein Sinnen in Anspruch nahm und du dadurch vergaßest, daß Gott עשך — partic. präs. wie auch נוטה — noch an deiner Vollendung arbeitet; du hast noch nicht die Vollendung erreicht, zu der dich Gott heranbilden will. Daß aber Gott sich noch mit deiner Ausbildung für seine Ziele beschäftigt, muß dir die Gewähr bieten, daß er dich nicht den Angriffen deiner Feinde erliegen lassen wird. Und diesem allmächtigen Gott unterstehen noch heute Himmel und Erde, nichts vermag ihn an der Ausführung seiner Pläne zu hindern — am allerwenigsten die Gegnerschaft des sterblichen Menschen.
ותפחד — Piel — Und doch versetztest du dich תמיד immerwährend in Angst und Sorge, כל היום selbst ehe es noch um dich herum dunkelt, vor der Wut des dich umgebenden Feindes, als könne er bestimmen, wen Vernichtung zu treffen habe (כונן wie ומעשה ידינו כוננהו, Ps. 90, 17), als sei dein Verderben unabwendbar, wenn er es beschlossen hat.
ואיה חמת המציק? fragt Gott. Wo ist des Drängers Wut denn hingekommen? Schau doch einmal zurück, Israel, auf den Weg, den du bisher durch die Zeiten gegangen bist! Wo sind sie alle, die von deinem ersten Erscheinen in der Menschheit an bis heute dich vernichten wollten? An wütigem Haß und roher Gewalt hat es den Mächtigen aller geschichtlichen Epochen nicht gefehlt und den von ihnen fanatisierten Völkern; zertreten, wie ein giftiges Gewürm, wollten sie dich, sie alle von Pharao an, der deine Söhne ertränken ließ, und Haman, der jede Spur von dir auszurotten beschlossen, Antiochus Epiphanes und die allmächtige Roma u. s. w. Wo ist ihre Wut geblieben? Hat sie dich zu vernichten vermocht? Wo sind sie selbst geblieben? Geschwunden sind sie alle, der Vernichtung anheimgefallen, — und in dem Schutt der Zeiten gräbt man nach den Spuren ihres einstigen Daseins! Du aber, Israel, bist noch da, bist für deine Bestimmung und Aufgabe von Gott erhalten und gerettet für alle Zeit, als der Träger der Gottesidee, die jene alle zugleich mit dir vernichten zu können geglaubt hatten!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. Auch langsam fortschreitend gelangt Israel früher zum Ziele als seine Feinde. (S. das oben zu Kap. 33, 23 Erläuterte.) So sehr diese auch seine Vernichtung anstreben, Gottes Fürsorge erhält es auch ferner lebenskräftig und läßt es ihm auch bis zur Erreichung dieses Zieles nicht an dem seine Existenz Bedingenden fehlen. — צעה bezeichnet ein Dahinschreiten in langsamem Tempo, so weiter Kap. 63, 1, s. das., und auch Jerem. 2, 20 charakterisiert es das langsame Promenieren einer Phryne, die die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich lenken will.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15. ואנכי ד' אלקיך. Eins jedoch mußt du dir stets vergegenwärtigen, daß Ich Gott, dein Gott bin, und du dich deshalb jederzeit meines Schutzes würdig zu erhalten hast, indem du dich als von mir ד' צבא auf deinen Posten gestellt betrachtest. Dann hast du die brandenden Wogen, die dich zu verschlingen drohen, nicht zu fürchten. Je mehr sie toben, je eher zerschellen sie an meinem ausgesprochenen Willen, wenn du deiner Mission, sein Träger zu sein, voll eingedenk bleibst.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 16. Ehe ich dich zum Organ meines ausgesprochenen Willens machte — das heißt ja ואשים דברי בפיך (Imperf.) —, hatte ich dich in den ganz besonderen Schutz meiner Waltung gestellt. — כסיתיך ist Präterit. — Wußte ich doch, daß du seiner in höchstem Grade bedürfen werdest. In eine die Gewalt vergötternde Welt sandte ich dich hinaus, in eine Welt, in der Egoismus das leitende Prinzip war, in der, wer die Macht und das Vermögen besitzt, nicht nach dem Rechte zu fragen braucht; unter eine Menschheit ließ ich dich hinaustreten, der Besitz, Genuß und Sinnenlust als höchst anzustrebendes Ideal galten — und gleichgültig die Mittel und Wege dazu, wenn sie nur Erfolg hatten. Da wußte ich auch, welchen Gefahren ich dich aussetzte, wie deine Sendung dir den bittersten Haß und die Anfeindungen der Völker zuziehen, wußte, daß ihre Gegnerschaft dir bis zur Erreichung des Zieles verbleiben werde. Denn דברי „meine Worte“, die dein Mund zu überbringen hat, die Lehre, zu deren Herold ich dich berief, stehen in scharfem Gegensatz zu dem, wovon die Welt sich beherrschen läßt.
Diese Lehre verkündet der Menschheit die Wahrheit von dem Einzig-Einen Gott, der die Welt geschaffen und sie nach seinem Willen leitet, und diesem Willen habe sich jede irdische Macht zu beugen, sowohl im Völkerleben als im Einzeldasein. Dieser Gotteswille lehrt den Menschen seine Bestimmung und Aufgabe kennen, lehrt ihn seine Pflicht auffassen, macht ihn zum Menschen, gewährt und sichert einem jeden, Groß wie Klein, Stark wie Schwach seine Menschenrechte, die auch der Mächtigste dem Schwächsten nicht verkümmern dürfe. Denn die Rechtsidee, wie sie Gott aufstellt, sie fordert vor allem, daß jeder nur soviel als sein Recht beanspruchen kann, wie er auch jedem einräumt; sie soll die Welt beherrschen, und mit ihr hat sich die Milde zu paaren, die Menschenliebe und die Lauterkeit der Sitten. Nur ein in Sittlichkeit erzeugtes und erzogenes Geschlecht wird für den wahren Menschenberuf zu gewinnen sein. Das Endziel dieser Lehre aber und damit zugleich der Endzweck deiner Berufung ist
לנטוע שמים וליסד ארץ. In den Anschauungen der Menschen bilden Himmel und Erde unüberbrückbare Fernen. Göttliches und Menschliches läßt sich nach ihnen nicht vereinen. Wer den Himmel erben will, muß auf die Erde Verzicht leisten, wer das diesseitige Leben genießen will, darf sich keine Hoffnung auf jenseitige Seligkeit machen. Diesen von den Menschen geschaffenen Gegensatz will die göttliche Lehre beseitigen. Ihr ist die Erde kein fluchbeladenes, dem Bösen verfallenes Jammertal, in welchem das „Himmlische“, Göttliche sich nicht heimisch machen kann; ihr ist der Himmel kein Paradiesesaufenthalt nur für solche Seelen, die auf Erden schon alles Körperliche abgestreift, alles Irdisch-Sinnliche in sich ertötet hatten.
Die Lehre des Judentums hat sich's zur Aufgabe gemacht, „das Himmlische in den Boden des Irdischen zu pflanzen,“ das Ewige, Unvergängliche mit dem Zeitlichen, Irdischen zu vermählen und damit der Erde ihre Festigkeit zu geben, sie fest zu gründen, so fest, daß das Göttliche, Himmlische auf der Erde einen festen Boden finde, auf dem es sich heimisch fühlen könne, so daß עיקר שכינה בתחתונים Gottes Herrlichkeit zunächst auf Erden ihre Stätte nehme, wie dies Gottes Schöpfungsplan beabsichtigte. S. Beresch. Rabba 19. Abschn.: אמר רב אבא בר כהנא וגו' עיקר שכינה בתחתונים היתה.
Darum lehrt das Judentum, den irdischen Besitz zur Förderung von Menschenwohl und Menschenglück zu verwenden, ihn so der Vergänglichkeit zu entziehen und ihm dadurch ewigen Bestand zu verleihen. Darum lehrt es, die sinnlichen Triebe über das Tierische zu erheben, selbst sie nicht zu ertöten, wohl aber zu beherrschen und in den Dienst der Gottesidee zu stellen, um in sittenreiner, geweihter Ehe die Weltzwecke und Ziele Gottes zu fördern.
ולאמר לציון עמי אתה. Um diese Wahrheit für die Menschheit sicher zu stellen, hat Gott seine „Lehre“ auf Zion deponiert und zu Zions Söhnen gesprochen, „mein Volk bist du!“ Lasset euer Volksdasein in allen seinen Phasen von dieser Lehre durchdringen, um so als „mein Volk“, mit dem Gepräge der Gotthörigkeit ein Mustervolk für die Menschheit zu werden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17. Auf die der Erreichung dieses Zieles sich nähernde Zeit schaut der Prophet hin und ruft dem um „Zion“ im Trümmern liegenden jüdischen Staatswesen zu: Ermuntere dich, erwecke dich, stehe auf als Jerusalem! Den Kelch deiner Leiden hast du nun geleert. Er war dir gereicht מיד ד' aus der Hand des barmherzigen, dich liebenden Gottes, — eine bittere Arznei, die dir Gesundung bringen und dich zu neuem Leben erstehen lassen sollte. — כום ist der Becher, aus dem man trinkt, גביע wahrscheinlich das größere Gefäß, in welchem der Wein gemischt ward, der Mischkrug, קבעת, das mit גביע lautverw., dürfte diesen in vergrößertem Maßstabe bezeichnen. Dem entsprechend übersetzten wir. (Etym. s. Komm. zu 1. B. M. 44, 2.) מצית von מצה, eine Flüssigkeit durch Drücken oder Saugen aus etwas ganz herausziehen: ונמצה דמו (3. B. M. 1, 15), ושתית אותה ומצית (Jechesk. 23, 34). תרעלה wie Ps. 60, 5: השקיתנו יין תרעלה Du hast uns statt des Weines Betäubung zu trinken gegeben.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18. Vom Mitgefühl übermannt, beklagt der Prophet — sich gleichsam beiseite wendend und deshalb in der dritten Person redend — die tiefe Verlassenheit Zions, unter welcher sie so lange zu leiden hat. Verlassen von den eigenen Söhnen בנים ילדה, die das Verständnis für die wahre Aufgabe und Bedeutung ihrer Mutter, des Judentums, verloren haben, — mitleidlos in Stich gelassen מכל בנים גדלה von allen sie umgebenden Menschen, die doch alles, was sie von Gott und Menschenberuf wissen, nur ihr verdanken und alle das Menschenheil begründenden Wahrheiten und Anschauungen ihr entlehnt haben.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 19. Zu Zion gewandt, fährt der Prophet fort: Du empfindest dieses Leid doppelt: als שוד und חרב, als שבר und רעב. Die nicht jüdische Menschheit, die בנים גדלה, deren religiöse Begriffe, deren Tugend- und Pflichtenlehren der Wahrheit des Judentums entstammen, verleugnet diesen Ursprung, ja streitet dem Judentum die Lehre von der Milde, von der Liebe u. s. w., den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele ab und begeht so gleichsam einen „Raub“ an dir und verfolgt dich überdies in bitterem Haß mit Feuer und „Schwert“. — Und die בנים ילדה, deine eigenen Kinder! Tief schmerzlich trifft es dich, daß so viele von ihnen mit ihrer heiligen Aufgabe „gebrochen“, Gott die Treue gebrochen haben — und dich verzehrt das bis jetzt ungestillte Verlangen, die heiße Sehnsucht, sie wieder zu dir, sie wieder zu ihrer Pflicht zurückkehren zu sehen. Dieses schmerzhafte Begehren, dieses nagende Gefühl scheint uns hier durch „Hunger“ am entsprechendsten bezeichnet zu sein.
Die Struktur des Satzes ist: An das vorher zuletzt erwähnte בנים גדלה knüpft שוד an, das Gebahren der בנים ילדה wird als שבר bezeichnet. Dasselbe Verfahren wird bei der Nennung der Begleiterscheinungen beobachtet: An שבר schließt רעב an, und sodann kommt zu dem vorhergenannten שוד noch חרב hinzu. — קראתיך wie פן יקראנו אסון (1. B. M. 42, 4) es könnte ihn ein Unglück treffen; אשר יקרא אתכם (1. B. M. 49, 1) das euch treffen wird; וקראת אתכם הרעה (5. B. M. 31, 29) es trifft euch das Unglück. — ינוד לך wie לנוד לו (Job 2, 11) „mit ihm zu fühlen,“ ihm ihr Mitgefühl zu zeigen. — מי אנחמך wie מי יקום יעקב (Amos 7, 2) wie wird Jakob bestehen können? — מי ינוד לך ist Zwischensatz und verleiht der Tatsache Ausdruck, daß keiner sich eine Vorstellung von dem machen kann, was Zion dadurch erduldet; mit מי אנחמך spricht der Prophet aus, daß Zions tiefer Schmerz wohl berechtigt ist, denn
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 20. בניך וגו'. Der leicht trennende Akzent אזלא גרש auf בניך hebt dieses Wort besonders hervor. Also: die, im Gegensatz zu den vorher erwähnten בנים, dir wirklich treu gebliebenen Söhne liegen zusammengebrochen da an allen Heerstraßen, wie ein bis zu tötlicher Ermattung gehetztes, ins Netz getriebenes Untier. — — Geächtet und verfolgt, häufig gerade wegen ihrer Glaubenstreue, die man als Verstocktheit brandmarkte, von Land zu Land gehetzt, den Mißhandlungen eines jeden ausgesetzt — das war lange, lange das Los der Juden. Die Juden zu quälen, sie zu martern war ja kein Unrecht, „sie verdienten es nicht besser“, ein verdienstliches Werk beredete man sich damit zu üben, hatten sie doch den Zorn Gottes herausgefordert, und המלאים חמת ד' „vollgetränkt hat Gott sie mit seinem Grimm“ — und wer sie peinigt, führt nur בערת אלקיך, führt nur das aus, was der „Judengott“, der ihre Verworfenheit am besten zu beurteilen weiß, ihnen angedroht hat. עלפו von עלף, welches konkret verhüllen, verschleiern heißt, wie ותכס בצעיף ותתעלף (1. B. M. 28, 14). In übertragenem Sinne bedeutet es Verschleierung des Bewußtseins, Schwinden der Sinne, ohnmächtig werden, so hier, Amos 8, 13: תתעלפנה הבתולות, Jona 4, 8: ויתעלף. Einer Analogie für diese konkrete wie bildliche Bedeutung begegnen wir in der Wurzel עטף. — תוא wahrscheinlich identisch mit תואו (5. B. M. 14, 5). — מכמר Netz. Erklärung und Etym. s. Komm. zu 1. B. M. 43, 30. — נער: Jemand unwillig anfahren, schroff zurückweisen, Vorwurf machen, Verweis erteilen, mit Strafe bedrohen, überhaupt durch Drohung zurückschrecken. Beispiele: 1. B. M. 37, 10; Secharja 3, 2; Ps. 119, 21; Ruth 2, 16; Jerem. 29, 27; Ps. 9, 6; Ps. 68, 31; Nachum 1, 4 u. f.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 21. לכן wie לכן כל הורג קין (1. B. M. 4, 15, s. das.). Darum gerade, weil dein Zustand ein so trostloser, daß Jesaia aus eigener, menschlicher Beurteilung sich äußerstande sieht, ein tröstendes Wort dafür zu finden und מי אנחמך sprechen mußte, gerade deshalb beauftragt ihn Gott mit der nachfolgenden trostreichen Verkündigung. — ושכרת: סמיכות ohne נסמך gibt dem Gesagten die weitreichendste Beziehung, so Ps. 65, 10 רבת תעשרנה reich an allem. Hier: Trunken von allem, von Leid, Weh, Kummer, ולא מיין nur nicht vom Weine; an den die Sinne berauschenden Orgien der übrigen Menschheit hast du nicht teil genommen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 22. 23. Du hast genug geduldet, bist nun würdig, daß ich mich אדניך deinen Herrn nenne und dich von neuem in meinen Dienst nehme. Deine Kinder bedürfen ferner nicht des erziehenden Leids, ואלקיך und „dein Gott“, der richtende Gott, der ihre Fehler mit Erfolg bekämpfte, nimmt sie jetzt geläutert und gebessert als sein Volk in seinen Schutz und kämpft für sie. Den bitteren Kelch der Leiden, den ich dir einst zu deiner Gesundung in die Hand geben mußte, habe ich dir bereits abgenommen, — jetzt lasse ich die ihn kosten zu ihrer moralischen Genesung, die dich so unmenschlich gequält und gepeinigt haben. (מוניך partic. präs. im Hifil von ינה, der Wurzel von יגון Kummer, Kränkung, Pein, wie Thren. 1, 5: כי ד' הוגה.)
אשר אמרו לנפשך: Tief bedeutsam wird hier weniger des physischen Schmerzes, der entsetzlichen Leiden und Mißhandlungen, die Israel im Exile zu erdulden hatte, gedacht, als der Seelenqualen, die es immer wieder und wieder von seinen entmenschten Peinigern, den es umgebenden Völkern, sich gefallen lassen mußte. Deshalb wird hier, so scheint es uns, statt des sonst gebräuchlichen לך: לנפשך angewandt. Ist doch eine größere Entwürdigung, eine grausigere Mißachtung aller Menschenrechte, wie sie hier das Prophetenwort Israel im voraus ankündigt, nicht denkbar. Und wie hat sich diese Schilderung in immer wiederkehrenden Zeitabschnitten des jüdischen Exils bewahrheitet! „In den Kot der Gasse zwang man des Juden Antlitz nieder,“ um über ihn hinwegschreitend sich nicht die Sohlen zu beschmutzen; sein Rücken mußte die gebahnte Straße für den Fortschritt der Völker bilden!