Jeschajahu 50 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 50. V. 1. Jetzt lenkt Gott den Blick des Propheten der Zeit dieses Galuth selbst zu und läßt ihn einige Worte der Ermahnung an das Galuth-Volk richten, deren es oder wenigstens ein großer Teil seiner Angehörigen in manchen Perioden der Diaspora dringend bedarf.
Weil die Nachtjahrhunderte dieser „lautlos“ sind, und der Mund der Prophetie mit der Zerstörung des Tempels verstummt ist (s. das oben zu Kap. 21, 11 Bemerkte), soll gar manches uns überlieferte Prophetenwort Bedenken, die in uns während dieser Zeitenfolge angeregt werden können, von vornherein zerstören und uns die Abwehr unberechtigter an uns gegen unsere Aufgabe gerichteter Angriffe ermöglichen, damit wir nicht an uns und unserer Bestimmung irre werden.
So tritt או זה ספר וגו' dem das Fundament des Judentums untergrabenden Wahne entgegen, als ob das jüdische Volk je von der Erfüllung des göttlichen Gesetzes entbunden worden wäre, tritt der böswilligen Annahme entgegen, daß, indem Gott sein Heiligtum in Trümmer gehen und Israel selbst aus seinem Lande in die Verbannung treiben ließ, er das Band zerschnitten habe, welches es mit Ihm und seiner Lehre verknüpfte.
In der Wüste ward uns vom Sinai herab die Thora gegeben und bevor das erste Gottesheiligtum errichtet war: nicht Land hatten wir noch Tempel, als wir zu ihrer Beherzigung und Erfüllung für ewig verpflichtet wurden, und nicht der Verlust des Landes und des Tempels kann uns dieser Pflicht entheben. Und ebensowenig ist die innige Beziehung zwischen Gott und Israel, die oben Kap. 49, 15 als noch inniger denn die einer Mutter mit ihrem Kinde verknüpfende bezeichnet wurde und hier als die zwischen Gatte und Gattin bestehende gedacht ist, je gelöst worden.
או מי מנושי וגו'. Oder gibt es wohl irgend ein Volk, das durch ganz besonders hervorragende Tugend und Gottesfurcht einen derartigen Anspruch an mich hätte, daß ich zur Befriedigung dieses „Gläubigers“ ihm mein Anrecht an euch abgetreten hätte?! Keiner eurer Feinde steht etwa auf höherer geistiger und sittlicher Stufe als ihr!
בעונתיכם. Einzig und allein weil ihr von dem Wege abgewichen waret, den euch meine Thora lehrt (עוה krümmen, von der geraden Linie abweichen), gab ich euch der Gewalt eurer Feinde preis, und בפשעיכם wegen eures Ungehorsams gegen mich ward mein Heiligtum auf Zion, das als „eure Mutter“ euch zum Gottesgehorsam zu erziehen und dadurch die äußere Bekundung eurer Gotteskindschaft zu bilden bestimmt war, zeitweilig entfernt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. 3. Ich, spricht Gott, bin in jedem Augenblick bereit, euch פדות Freiheit, Loslösung aus der Gewalt eurer Feinde und Rettung aus den Gefahren, mit denen sie euch bedrohen, zu gewähren. (Dies alles liegt ja in dem Begriff פדה, der Wurzel von פדות.) Meine Macht hat keine Einbuße erlitten seit ich euch zum erstenmal befreite. Was ich damals in Ägypten für euch tat, — mit meinem Dräuen das Meer für euch zur trockenen Straße zu umwandeln, — das Bett des Jordan euch ebenso gangbar zu machen, wie vorher die Wüste, — wie ich dort, um eure Erlösung einzuleiten und um euch für eure Aufgabe zum Volke zu machen, in die Gänge der Natur eingriff (vgl. 2. B. M. 7, 21, von den zehn Plagen wird beispielsweise hier die erste angeführt) — all das für euch zu tun, und es gerade so für euch zu vollbringen, bin ich noch heute bereit und imstande, um euch endlich zu befreien und der Lösung eurer Aufgabe entgegenzuführen: אחריב וגו' (Futurum) אלביש (Futurum) אשים (Futurum) Ich würde dies alles tun, wenn ihr meinem Rufe folgen wolltet, wenn ihr in treuer Pflichterfüllung euch um mich und meine Thora scharen würdet. (Vgl. das weiter zu Kap. 60, 22 Bemerkte.) Wenn ihr euch noch weiter euren Feinden preisgegeben sehet, so liegt dies an euch selbst.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. 5. Seht, fährt der Prophet fort mit einem Hinweis auf sich und seine eigene Sendung, die dem jüdischen Volke als Vorbild für die pflichttreue Hingebung an dessen Bestimmung und Mission dienen könne.
אדנ' אלק'. Viermal wiederholt sich in diesen wenigen Sätzen dieser Name. Mit „Mein Herr“ bezeichnet der Prophet Gott als den, in dessen Dienst er steht, dessen Wort er als treuer Sendbote ohne Zögern zu überbringen hat. Er spricht aber zugleich durch den als מדת הדין ausgesprochenen, als מדת הרחמים geschriebenen Gottesnamen aus, daß, wenn seiner auf dem Wege, den Gott ihn gehen heißt, auch manches harrt, was ihm als Entsagung fordernd und Schmerz bringend erscheint (קרי), auch dieses und gerade dieses in Wirklichkeit (כתיב) ein Ausfluß der göttlichen Liebe ist.
לשון למודים: Eine Sprache, eine Zunge, die zu der oben Kap. 8, 16 ihm gewordenen Aufgabe: חתום תורה בלמדי „die Lehre in meinen Schülern zu besiegeln“ befähigte, der das belehrende und mahnende Wort in eindringlicher Weise zur Verfügung steht.
לעות וגו'. עות ist die Wurzel von עת Zeit (s. רד"ק von ספר השרשים). Gott hat mir den Verstand gegeben, zu jeder Zeit für den in der Erfüllung seiner Pflichten lässig oder müde Gewordenen das Wort zu finden, dessen er bedarf, um wieder in der Gesetzestreue zu erstarken. Dafür aber ist guter Wille allein nicht hinreichend, Verständnis der Zeit gehört dazu. Das göttliche Gesetz ist für ewig verbindlich und sein Pflichtenkreis umfaßt alle Zeiten. Aber jede Zeit stellt neue Anforderungen an den Gesetzestreuen, jeder Tag gebiert andere Versuchungen für ihn, den Kreis der Pflichten zu durchbrechen. Darum, wenn der Tag anbricht, gilt es wach zu sein; Gott ist es, der mich mit jedem Morgen weckt, mein Ohr erweckt, mein Ohr für das Verständnis der Tagesaufgabe erschließt, die ich erst selbst, einem Schüler gleich, von Gott zu empfangen habe; denn nicht mein, sondern Gottes Wort habe ich zu verkündigen. Diese Tagesaufgabe ist nicht leicht, sie bringt mich ja in Gegensatz zu der herrschenden Zeitrichtung — aber ich nahm sie ohne Widerstreben entgegen und ging mutig vorwärts, „zurück wich ich nie“,
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. גוי נתתי וגו' so schweren Angriffen ich auch ausgesetzt war, so sehr blinder Haß die Gotteswahrheit, deren Verkünder und Vertreter ich bin, durch Verfolgung und Verunglimpfung meiner Person zu vernichten sich unterfing. — Man denke nur an die Gefahren, denen die göttliche Sendung Jesaia zu Achas' Zeiten, weniger vielleicht noch von diesem selbst, als von der seine reformatorischen Bestrebungen unterstützenden Clique aussetzte. קשר „Verschwörung“, Hochverrat, Landesverrat nannte man seine Bemühungen, der Gottessache, wenn auch nur vereinzelt, Anhänger zu gewinnen. Vgl. Kap. 8, 11, 12 das dort Erläuterte. — Dazu gehörte Heldenmut, der nur dem felsenfesten Gottvertrauen entsprang, daß
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. ואדנ' אלק' יעזר לי Gott ihm helfen werde, Seine Sache durchzuführen. Diese Überzeugung wird hier durch die Futurumform יעזר ausgedrückt, nachdem alles bisher Gesagte im Perfektum berichtet wurde. Von diesem Bewußtsein getragen, war er gegen jede Anfeindung gefeit; „kieselhart“ ward sein Antlitz, empfindungslos gegen Unglimpf und selbst tätliche Beleidigung — ואדע כי לא אבוש sie konnten sein felsenfestes Vertrauen auf das Gelingen seiner Sendung nicht erschüttern.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. 9. קרוב מצדיקי וגו'. Allen Verleumdungen und Verdächtigungen gegenüber wird Gott als mein Verteidiger meine Unschuld zutage treten lassen. Ob sie offen oder aus dunklem Versteck mich angreifen, mich als Heuchler hinstellen, sie selbst werden entlarvt und zuschanden werden. Ihre Tugend, ihre Redlichkeit und ihre gute Absicht, die sie vorgeblich zu Anklägern gegen mich gemacht hat, wird sich als בגד, als „Gewand“, als Deckmantel ihrer eigenen Verworfenheit, und zwar als durch und durch von Motten zerfressen, erweisen.
Diese Zuversicht des Propheten auf den Erfolg seiner Sendung ward nicht getäuscht: Die winzige Minorität der Gesetzestreuen, die Jesaia dem Regime eines Achas abringen konnte, erstarkte zu שאר עמו, zu einem den Kern des jüdischen Volkes bildenden und seine Aufgabe bewahrenden „Überrest“, der unter Chiskijahu zu Ehren kam (s. oben Kap. 28, 5) und immer mehr wuchs. Und wenn dieser „Überrest“ auch durch einen Menasche und dessen Anhang in der Entwicklung gehemmt wurde, so gewann er doch unter Chiskijahus Urenkel Joschijahu wieder an Wachstum und Bedeutung, überdauerte das Babylonische Exil und bildete sich während des zweiten Tempels zu jenem Stamm aus — זרע קודש מצבתה — (s. oben Kap. 6, 13), der noch heute seine Verzweigungen über die ganze Erde ausbreitet.
Das gleiche siegessichere Vertrauen soll sich auch Israel im Galuth stets erhalten. Ähnelt doch in gewisser Beziehung seine Sendung an die Allmenschheit der Aufgabe, deren der Prophet als Gottes Bote an Israel gewürdigt worden war. Auch es wird dieser Sendung wegen unter den Völkern, denen es preisgegeben ist und die sich besser dünken als es (s. oben V. 1 zu או מי מנושי וגו') angefeindet. Uns, die wir auf ein leider bereits mehr als achtzehnhundertjähriges Galuthleben zurückzuschauen haben, ist dessen Ähnlichkeit mit der hier skizzierten Stellung des Propheten und dem, was er zu dulden hatte, geradezu frappant. Das גוי נתתי וגו' entspricht nur zu sehr dem beispiellosen Martyrium und den nicht zu schildernden Leiden, mit denen Israel seine Treue gegen Gott zu besiegeln hatte; כלימות ורק gibt nur in ganz feiner, zarter Andeutung all die entsetzliche Seelenqual wieder, die es zu erleiden hatte. Nur die innigste Überzeugung, daß אדנ' אלק' יעזר לי befähigte es, den bodenlosesten Verdächtigungen, den niederträchtigsten Anschuldigungen, mit denen man die dem niedrigsten Instinkte entsprungenen Judenverfolgungen motivieren wollte, in erhabener Ruhe die Stirne zu bieten.
Nur die nicht zu erschütternde Sicherheit, קרוב מצדיקי וגו' den sich nahe zu wissen, der seine Unschuld zur vollsten Evidenz ans Tageslicht werde treten lassen, ermöglichte es Israel, sich die innere Ruhe zu wahren und standhaft zu bleiben, — auch dann, wenn falsches Zeugnis und Meineid die Wahrheit der Anklage zu erhärten suchten. Und dieses Vertrauen wird nicht getäuscht: הן כלם
כבגד יבלו וגו'. Der Charakter seiner Ankläger ward als wurmstichig erkannt, denn das Gewand der Liebe zu ihren Glaubensgenossen, in das sie sich bei ihren Judenhetzen hüllen, erweist sich als fadenscheinig und vom Mottenfraß so durchlöchert, daß ihre Verworfenheit und häufig gar ihre verbrecherischen Handlungen gegen die eigenen Glaubens- und Stammesgenossen zum Vorschein kommen und — die Gerichte beschäftigen! Dies lehrt die geschichtliche Erfahrung bis in die Tage der Gegenwart hinein!
Sie lehrt aber auch, wenn wir nicht irren, das יעיר בבקר בבקר in betreff Israels so aufzufassen: Gerade wenn die Nacht des Galuth sich lichtet und der Morgen anbricht, bedarf Israel ganz besonderer Wachsamkeit, um nicht in der Hut des Gesetzes lässig zu werden, wie wir dieses in der Einleitung zu Kap. 49 näher ausgeführt haben. Der Sonnenstrahl, der in das Dunkel seiner bisherigen äußeren Existenzverhältnisse fällt, darf es sein höchstes Gut, seine Thora, nicht in anderem Lichte sehen lassen, als bis dahin.. Mit den neuen Zuständen treten neue Versuchungen an den Juden heran, יעיר לי אזן da muß er Gottes Wort sein Ohr öffnen, לשמע כלמודים um „schülergleich“ aus ihm zu lernen, wie er in der neuen Zeit Gott die alte Pflichttreue zu bewahren habe.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. מי בכם וגו'. Damit wendet sich Jesaia an den gesetzestreuen Kern Israels im Exile und fordert ihn auf, seinen Worten und seinem Beispiele zu folgen und mutig unentwegt auszuharren. Und trübte sich auch der zeitweilig angebrochene Morgen, ja folgten ihm wieder die dunklen Nachtzeiten des Galuth — חשכים ist Plural —, so daß kein Hoffnungsschimmer ihm leuchtet, „er lasse sich nicht irre machen in seinem Vertrauen nicht allein בד' auf Gott, sondern בשם ד' auf den Gottes-Namen, den er als Jisra-el durch die Zeiten zu tragen hat“. וישען באלקיו: Erkennt er Gott als seinen Gott an, in dem er Seinem Willen sein ganzes Denken und Handeln unterstellt, so kann er ruhig sich auf seinen Gott stützen, er fühlt sich von ihm gehalten und getragen durch alle Zeiten. Vgl. auch Komm. zu 1. B. M. 28, 21: והיה ד' לי לאלקים.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. Ihr anderen alle הן כלכם, die ihr an Zahl die מי בכם ירא ד', die „Gottesfürchtigen“ in Israel, übertreffet, ihr spottet ihrer als der „Dunkelmänner“, weil sie auch in einer Zeit, da die Nacht des Galuth sich für Israel gelichtet hat, treu an den „veralteten“ Satzungen der Thora unter Entbehrungen festhalten. Ihr bedenket nicht, daß, wenn die Zeiten heller, die euch umgebende Menschheit milder geworden, dies eine Wirkung jenes Funkens vom Sinai-Feuer ist, der leuchtend und erwärmend bis zu ihr drang — jenes Sinai-Feuers, welches in seiner Vollwirkung als אשדת „Gesetz gewordenes Feuer“ (s. Komm. zu 5. B. M. 33, 2) bestimmt ist, euch zu der geistig erleuchtetsten und für alles Sittliche und Humane am wärmsten fühlenden Volksfamilie zu veredeln.
Ihr aber meinet, den Horizont eures Volkes noch heller zu gestalten, indem ihr die euren freien Verkehr hemmenden, euer Genusses- und Sinnesleben beschränkenden Bestimmungen des göttlichen Gesetzes den Flammen überliefert קדחי אש, ja ihr wähnet sogar, wenn ihr eure Geistesblitze gegen den positiven Glauben, gegen die Pflicht des Gottesgehorsams schleudert und sie als nicht verbindlich zu betrachten lehret, euch mit diesen Blitzen stark zu machen, zu „gürten“ מאזרי זיקות. Ihr irrt euch! לכו באור אשכם וגו' — לכו wie oben Kap. 8, 10: עצו עצה u. s. f. — Geht nur immer weiter, ihr nennet das „Fortschritt“, euer Weg aber führt euch ins Verderben, die Flammen, die ihr schürtet, verzehren euch, und die von euch entsandten Blitze kehren sich wider euch.
Denn wenn es Gott wiederum zuläßt, daß der Geschickeshimmel Israels sich umwölkt, weil es die Probe nicht bestand (s. Einleitung zu dem vorhergehenden Kapitel), so könnet ihr euch nicht von jeder Schuld daran lossprechen. Deshalb מידי היתה זאת לכם seid ihr auch die dabei am schwersten Getroffenen. Ihr hattet geglaubt, durch Preisgabe aller spezifisch jüdischen Pflichten alles euch von eurer nichtjüdischen Umgebung Trennende beseitigt zu haben und euch derart mit ihr zu amalgamieren, daß תשכבון (mit die Person betonendem ן) ihr wenigstens stets friedlich, behaglich und freundlich aufgenommen unter euren nichtjüdischen Nachbarn werdet wohnen können (das ist ja die Bedeutung von שכב). Darum empfindet ihr es so schmerzlich, wenn ihr nun gezwungen werdet, dem familiären Umgang mit ihnen zu entsagen (למעצבה von עצב Schmerz der Entsagung), weil man auf eure Teilnahme an Festen, Zweckessen u. s. w. verzichtet. Eure gesetzestreuen Brüder berührt der Umschwung, die Sinnesänderung ihrer nichtjüdischen Mitbürger lange nicht so empfindlich wie euch. Sie hatten auch in der Zeit des Entgegenkommens ihrer Umgebung auf manchen Genuß, manche Stellung und Ehrung dankend verzichten müssen, weil diese sie in Konflikt mit ihrer Gesetzestreue gebracht haben würden, während sie ihren Pflichten gegen Gemeinde und Staat und alle ihre Mitmenschen im vollsten Maße nachkamen — schon aus Pflichttreue gegen die Thora. Diese Pflichttreue hält sie auch unter den veränderten Verhältnissen aufrecht und erhöht ihre Hingebung an Gott und seine heilige Lehre.