Jeschajahu 50 ישעיהו

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1
כֹּ֣ה ׀ אָמַ֣ר יְהֹוָ֗ה אֵ֣י זֶ֠ה סֵ֣פֶר כְּרִית֤וּת אִמְּכֶם֙ אֲשֶׁ֣ר שִׁלַּחְתִּ֔יהָ א֚וֹ מִ֣י מִנּוֹשַׁ֔י אֲשֶׁר־מָכַ֥רְתִּי אֶתְכֶ֖ם ל֑וֹ הֵ֤ן בַּעֲוֺנֹֽתֵיכֶם֙ נִמְכַּרְתֶּ֔ם וּבְפִשְׁעֵיכֶ֖ם שֻׁלְּחָ֥ה אִמְּכֶֽם׃
BernfeldSo spricht der Herr: Wo ist der Scheidebrief eurer Mutter, dass ich sie verstoßen hätte? oder wem von meinen Gläubigern habe ich euch verkauft? Nur um eure Sünden wurdet ihr verkauft, und um eure Missetaten eure Mutter verstoßen.
ZunzSo spricht der Ewige: Wo ist der Scheidebrief eurer Mutter, die ich verstoßen? oder wer von meinen Gläubigern ist es, dem ich euch verkauft? Siehe, um eure Sünden seid ihr verkauft, und um eure Missethaten ist eure Mutter verstoßen.
J. J. HirschSo hat Gott gesprochen: Wo ist er denn, der Scheidebrief eurer Mutter, mit dem ich sie entlassen hätte, oder wer ist unter meinen Gläubigern, dem ich euch verkauft hätte? Siehe, eurer Sünden wegen wurdet ihr verkauft, und um eurer Missetaten willen ward eure Mutter entlassen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 50. V. 1. Jetzt lenkt Gott den Blick des Propheten der Zeit dieses Galuth selbst zu und läßt ihn einige Worte der Ermahnung an das Galuth-Volk richten, deren es oder wenigstens ein großer Teil seiner Angehörigen in manchen Perioden der Diaspora dringend bedarf.

Weil die Nachtjahrhunderte dieser „lautlos“ sind, und der Mund der Prophetie mit der Zerstörung des Tempels verstummt ist (s. das oben zu Kap. 21, 11 Bemerkte), soll gar manches uns überlieferte Prophetenwort Bedenken, die in uns während dieser Zeitenfolge angeregt werden können, von vornherein zerstören und uns die Abwehr unberechtigter an uns gegen unsere Aufgabe gerichteter Angriffe ermöglichen, damit wir nicht an uns und unserer Bestimmung irre werden.

So tritt או זה ספר וגו' dem das Fundament des Judentums untergrabenden Wahne entgegen, als ob das jüdische Volk je von der Erfüllung des göttlichen Gesetzes entbunden worden wäre, tritt der böswilligen Annahme entgegen, daß, indem Gott sein Heiligtum in Trümmer gehen und Israel selbst aus seinem Lande in die Verbannung treiben ließ, er das Band zerschnitten habe, welches es mit Ihm und seiner Lehre verknüpfte.

In der Wüste ward uns vom Sinai herab die Thora gegeben und bevor das erste Gottesheiligtum errichtet war: nicht Land hatten wir noch Tempel, als wir zu ihrer Beherzigung und Erfüllung für ewig verpflichtet wurden, und nicht der Verlust des Landes und des Tempels kann uns dieser Pflicht entheben. Und ebensowenig ist die innige Beziehung zwischen Gott und Israel, die oben Kap. 49, 15 als noch inniger denn die einer Mutter mit ihrem Kinde verknüpfende bezeichnet wurde und hier als die zwischen Gatte und Gattin bestehende gedacht ist, je gelöst worden.

או מי מנושי וגו'. Oder gibt es wohl irgend ein Volk, das durch ganz besonders hervorragende Tugend und Gottesfurcht einen derartigen Anspruch an mich hätte, daß ich zur Befriedigung dieses „Gläubigers“ ihm mein Anrecht an euch abgetreten hätte?! Keiner eurer Feinde steht etwa auf höherer geistiger und sittlicher Stufe als ihr!

בעונתיכם. Einzig und allein weil ihr von dem Wege abgewichen waret, den euch meine Thora lehrt (עוה krümmen, von der geraden Linie abweichen), gab ich euch der Gewalt eurer Feinde preis, und בפשעיכם wegen eures Ungehorsams gegen mich ward mein Heiligtum auf Zion, das als „eure Mutter“ euch zum Gottesgehorsam zu erziehen und dadurch die äußere Bekundung eurer Gotteskindschaft zu bilden bestimmt war, zeitweilig entfernt.

2
מַדּ֨וּעַ בָּ֜אתִי וְאֵ֣ין אִ֗ישׁ קָרָ֘אתִי֮ וְאֵ֣ין עוֹנֶה֒ הֲקָצ֨וֹר קָצְרָ֤ה יָדִי֙ מִפְּד֔וּת וְאִם־אֵֽין־בִּ֥י כֹ֖חַ לְהַצִּ֑יל הֵ֣ן בְּגַעֲרָתִ֞י אַחֲרִ֣יב יָ֗ם אָשִׂ֤ים נְהָרוֹת֙ מִדְבָּ֔ר תִּבְאַ֤שׁ דְּגָתָם֙ מֵאֵ֣ין מַ֔יִם וְתָמֹ֖ת בַּצָּמָֽא׃
BernfeldWarum kam ich und fand keinen? ich rief und niemand antwortete? Reicht mein Arm nicht, euch zu erlösen, oder ist in mir keine Kraft zum Retten? Durch mein Dräuen trockne ich das Meer aus, wandle Ströme zur Wüste, es faulen ihre Fische aus Wassermangel und sterben im Durste.
ZunzWarum komme ich, und Niemand ist da, rufe ich, und Niemand antwortet? Ist zu kurz mein Arm zum Erlösen, oder ist in mir keine Kraft zum Retten? Siehe, durch mein Dräuen trockn' ich das Meer aus, wandle Ströme zur Wüste, es faulen ihre Fische aus Wassermangel und sterben im Durste.
J. J. HirschWarum, wenn ich kam, war niemand da, wenn ich rief, keiner der antwortete? War vielleicht meine Hand zu kurz, um zu befreien, oder ist nicht genügend Kraft in mir, um zu erretten? Seht, mit meinem Dräuen trockne ich noch das Meer aus, mache Ströme zur Wüste, daß ihre Fischwelt übelriechend wird aus Mangel an Wasser, da sie dahinstirbt vor Durst, —
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. 3. Ich, spricht Gott, bin in jedem Augenblick bereit, euch פדות Freiheit, Loslösung aus der Gewalt eurer Feinde und Rettung aus den Gefahren, mit denen sie euch bedrohen, zu gewähren. (Dies alles liegt ja in dem Begriff פדה, der Wurzel von פדות.) Meine Macht hat keine Einbuße erlitten seit ich euch zum erstenmal befreite. Was ich damals in Ägypten für euch tat, — mit meinem Dräuen das Meer für euch zur trockenen Straße zu umwandeln, — das Bett des Jordan euch ebenso gangbar zu machen, wie vorher die Wüste, — wie ich dort, um eure Erlösung einzuleiten und um euch für eure Aufgabe zum Volke zu machen, in die Gänge der Natur eingriff (vgl. 2. B. M. 7, 21, von den zehn Plagen wird beispielsweise hier die erste angeführt) — all das für euch zu tun, und es gerade so für euch zu vollbringen, bin ich noch heute bereit und imstande, um euch endlich zu befreien und der Lösung eurer Aufgabe entgegenzuführen: אחריב וגו' (Futurum) אלביש (Futurum) אשים (Futurum) Ich würde dies alles tun, wenn ihr meinem Rufe folgen wolltet, wenn ihr in treuer Pflichterfüllung euch um mich und meine Thora scharen würdet. (Vgl. das weiter zu Kap. 60, 22 Bemerkte.) Wenn ihr euch noch weiter euren Feinden preisgegeben sehet, so liegt dies an euch selbst.

3
אַלְבִּ֥ישׁ שָׁמַ֖יִם קַדְר֑וּת וְשַׂ֖ק אָשִׂ֥ים כְּסוּתָֽם׃ {פ}
BernfeldIch kleide den Himmel in Dunkel und mache einen Sack zu seinem Gewande.
ZunzIch kleide die Himmel in Dunkel und mache einen Sack zu ihrem Gewande.
J. J. Hirschich kleide die Himmel in Schwärze, und Trauergewand mache ich zu ihrer Umhüllung!“
4
אֲדֹנָ֣י יֱהֹוִ֗ה נָ֤תַן לִי֙ לְשׁ֣וֹן לִמּוּדִ֔ים לָדַ֛עַת לָע֥וּת אֶת־יָעֵ֖ף דָּבָ֑ר יָעִ֣יר ׀ בַּבֹּ֣קֶר בַּבֹּ֗קֶר יָעִ֥יר לִי֙ אֹ֔זֶן לִשְׁמֹ֖עַ כַּלִּמּוּדִֽים׃
BernfeldGott, der Herr, hat mir gegeben eine redegewandte Zunge, dass ich den Müden mit dem Worte zu stärken verstehe; er erweckt je am Morgen, er erweckt mir das Ohr, zu horchen wie Geübte. [Der Prophet stieß auf Kleinmut und Verzagtheit, doch durch sein prophetisches Wort hoffte er dem Volke Mut und Vertrauen einzuflößen.]
ZunzGott, der Herr, hat mir gegeben eine Zunge für Lehrlinge, daß ich wisse zu stärken den Müden mit dem Worte; er erweckt je am Morgen, er erweckt mir das Ohr, zu horchen wie Lehrlinge.
J. J. HirschMein Herr, der auch in Rechtwaltung seine Liebe betätigende Gott, hat mir eine Schüler weckende Sprache gegeben, es zu verstehen, dem Müden das Wort zu zeitigen. Er weckt Morgen für Morgen, erweckt mir das Ohr, Schülern gleich zu hören.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. 5. Seht, fährt der Prophet fort mit einem Hinweis auf sich und seine eigene Sendung, die dem jüdischen Volke als Vorbild für die pflichttreue Hingebung an dessen Bestimmung und Mission dienen könne.

אדנ' אלק'. Viermal wiederholt sich in diesen wenigen Sätzen dieser Name. Mit „Mein Herr“ bezeichnet der Prophet Gott als den, in dessen Dienst er steht, dessen Wort er als treuer Sendbote ohne Zögern zu überbringen hat. Er spricht aber zugleich durch den als מדת הדין ausgesprochenen, als מדת הרחמים geschriebenen Gottesnamen aus, daß, wenn seiner auf dem Wege, den Gott ihn gehen heißt, auch manches harrt, was ihm als Entsagung fordernd und Schmerz bringend erscheint (קרי), auch dieses und gerade dieses in Wirklichkeit (כתיב) ein Ausfluß der göttlichen Liebe ist.

לשון למודים: Eine Sprache, eine Zunge, die zu der oben Kap. 8, 16 ihm gewordenen Aufgabe: חתום תורה בלמדי „die Lehre in meinen Schülern zu besiegeln“ befähigte, der das belehrende und mahnende Wort in eindringlicher Weise zur Verfügung steht.

לעות וגו'. עות ist die Wurzel von עת Zeit (s. רד"ק von ספר השרשים). Gott hat mir den Verstand gegeben, zu jeder Zeit für den in der Erfüllung seiner Pflichten lässig oder müde Gewordenen das Wort zu finden, dessen er bedarf, um wieder in der Gesetzestreue zu erstarken. Dafür aber ist guter Wille allein nicht hinreichend, Verständnis der Zeit gehört dazu. Das göttliche Gesetz ist für ewig verbindlich und sein Pflichtenkreis umfaßt alle Zeiten. Aber jede Zeit stellt neue Anforderungen an den Gesetzestreuen, jeder Tag gebiert andere Versuchungen für ihn, den Kreis der Pflichten zu durchbrechen. Darum, wenn der Tag anbricht, gilt es wach zu sein; Gott ist es, der mich mit jedem Morgen weckt, mein Ohr erweckt, mein Ohr für das Verständnis der Tagesaufgabe erschließt, die ich erst selbst, einem Schüler gleich, von Gott zu empfangen habe; denn nicht mein, sondern Gottes Wort habe ich zu verkündigen. Diese Tagesaufgabe ist nicht leicht, sie bringt mich ja in Gegensatz zu der herrschenden Zeitrichtung — aber ich nahm sie ohne Widerstreben entgegen und ging mutig vorwärts, „zurück wich ich nie“,

5
אֲדֹנָ֤י יֱהֹוִה֙ פָּתַֽח־לִ֣י אֹ֔זֶן וְאָנֹכִ֖י לֹ֣א מָרִ֑יתִי אָח֖וֹר לֹ֥א נְסוּגֹֽתִי׃
BernfeldGott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet, und ich sträubte mich nicht, [auf seine Worte zu hören], ich bin nicht zurückgewichen [von seinem Befehl].
ZunzGott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet, und ich sträubte mich nicht, bin nicht zurückgewichen.
J. J. HirschMein Herr, der auch in Rechtwaltung seine Liebe betätigende Gott, hat mir das Ohr geöffnet, und ich, ich habe nicht widerstrebt, zurück bin ich nicht gewichen.
Haftarah Ekew Karäer enden hier.
6
גֵּוִי֙ נָתַ֣תִּי לְמַכִּ֔ים וּלְחָיַ֖י לְמֹֽרְטִ֑ים פָּנַי֙ לֹ֣א הִסְתַּ֔רְתִּי מִכְּלִמּ֖וֹת וָרֹֽק׃
BernfeldMeinen Rücken bot ich den Schlägern und meine Wange den Raufenden, mein Angesicht barg ich nicht vor Schmähung und Speien [derer, welche von der Heimkehr nichts wissen wollten].
ZunzMeinen Rücken bot ich den Schlägern und meine Wange den Raufenden, mein Angesicht barg ich nicht vor Schmähung und Speien.
J. J. HirschMeinen Rücken gab ich den Schlagenden preis und meine Wangen den Ausraufenden, mein Angesicht barg ich nicht gegen Schmähungen und Speichelwurf.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. גוי נתתי וגו' so schweren Angriffen ich auch ausgesetzt war, so sehr blinder Haß die Gotteswahrheit, deren Verkünder und Vertreter ich bin, durch Verfolgung und Verunglimpfung meiner Person zu vernichten sich unterfing. — Man denke nur an die Gefahren, denen die göttliche Sendung Jesaia zu Achas' Zeiten, weniger vielleicht noch von diesem selbst, als von der seine reformatorischen Bestrebungen unterstützenden Clique aussetzte. קשר „Verschwörung“, Hochverrat, Landesverrat nannte man seine Bemühungen, der Gottessache, wenn auch nur vereinzelt, Anhänger zu gewinnen. Vgl. Kap. 8, 11, 12 das dort Erläuterte. — Dazu gehörte Heldenmut, der nur dem felsenfesten Gottvertrauen entsprang, daß

7
וַאדֹנָ֤י יֱהֹוִה֙ יַֽעֲזׇר־לִ֔י עַל־כֵּ֖ן לֹ֣א נִכְלָ֑מְתִּי עַל־כֵּ֞ן שַׂ֤מְתִּי פָנַי֙ כַּחַלָּמִ֔ישׁ וָאֵדַ֖ע כִּי־לֹ֥א אֵבֽוֹשׁ׃
BernfeldAber Gott, der Herr, stehet mir bei, darum werde ich nicht zur Schmach; darum machte ich mein Angesicht gleich dem Kiesel, denn ich wusste, dass ich nicht zu Schanden werde.
ZunzAber Gott, der Herr, stehet mir bei, darum werd' ich nicht zur Schmach, darum machte ich mein Angesicht gleich dem Kiesel, und wußte, daß ich nicht zu Schanden werde.
J. J. HirschMein Herr, der auch in Rechtwaltung seine Liebe betätigende Gott, werde mir beistehen, deshalb empfand ich keine Schmach, deshalb machte ich mein Angesicht hart wie Kiesel, wußte ich doch, daß ich nicht zuschanden würde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. ואדנ' אלק' יעזר לי Gott ihm helfen werde, Seine Sache durchzuführen. Diese Überzeugung wird hier durch die Futurumform יעזר ausgedrückt, nachdem alles bisher Gesagte im Perfektum berichtet wurde. Von diesem Bewußtsein getragen, war er gegen jede Anfeindung gefeit; „kieselhart“ ward sein Antlitz, empfindungslos gegen Unglimpf und selbst tätliche Beleidigung — ואדע כי לא אבוש sie konnten sein felsenfestes Vertrauen auf das Gelingen seiner Sendung nicht erschüttern.

8
קָרוֹב֙ מַצְדִּיקִ֔י מִֽי־יָרִ֥יב אִתִּ֖י נַ֣עַמְדָה יָּ֑חַד מִי־בַ֥עַל מִשְׁפָּטִ֖י יִגַּ֥שׁ אֵלָֽי׃
BernfeldNahe ist, der mir Recht verschafft, — wer will mit mir streiten? Lasst uns hintreten zusammen; wer hat eine Rechtssache wider mich, er trete her zu mir.
ZunzNahe ist mein Vertreter, — wer will mit mir streiten? Laßt uns hintreten zusammen; wer hat eine Rechtssache mit mir, er trete her zu mir.
J. J. HirschNahe ist, der mich für gerecht erklärt! Wer will mit mir streiten? Stellen wir uns zu einander hin! Wer mein Ankläger ist, trete an mich heran!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. 9. קרוב מצדיקי וגו'. Allen Verleumdungen und Verdächtigungen gegenüber wird Gott als mein Verteidiger meine Unschuld zutage treten lassen. Ob sie offen oder aus dunklem Versteck mich angreifen, mich als Heuchler hinstellen, sie selbst werden entlarvt und zuschanden werden. Ihre Tugend, ihre Redlichkeit und ihre gute Absicht, die sie vorgeblich zu Anklägern gegen mich gemacht hat, wird sich als בגד, als „Gewand“, als Deckmantel ihrer eigenen Verworfenheit, und zwar als durch und durch von Motten zerfressen, erweisen.

Diese Zuversicht des Propheten auf den Erfolg seiner Sendung ward nicht getäuscht: Die winzige Minorität der Gesetzestreuen, die Jesaia dem Regime eines Achas abringen konnte, erstarkte zu שאר עמו, zu einem den Kern des jüdischen Volkes bildenden und seine Aufgabe bewahrenden „Überrest“, der unter Chiskijahu zu Ehren kam (s. oben Kap. 28, 5) und immer mehr wuchs. Und wenn dieser „Überrest“ auch durch einen Menasche und dessen Anhang in der Entwicklung gehemmt wurde, so gewann er doch unter Chiskijahus Urenkel Joschijahu wieder an Wachstum und Bedeutung, überdauerte das Babylonische Exil und bildete sich während des zweiten Tempels zu jenem Stamm aus — זרע קודש מצבתה — (s. oben Kap. 6, 13), der noch heute seine Verzweigungen über die ganze Erde ausbreitet.

Das gleiche siegessichere Vertrauen soll sich auch Israel im Galuth stets erhalten. Ähnelt doch in gewisser Beziehung seine Sendung an die Allmenschheit der Aufgabe, deren der Prophet als Gottes Bote an Israel gewürdigt worden war. Auch es wird dieser Sendung wegen unter den Völkern, denen es preisgegeben ist und die sich besser dünken als es (s. oben V. 1 zu או מי מנושי וגו') angefeindet. Uns, die wir auf ein leider bereits mehr als achtzehnhundertjähriges Galuthleben zurückzuschauen haben, ist dessen Ähnlichkeit mit der hier skizzierten Stellung des Propheten und dem, was er zu dulden hatte, geradezu frappant. Das גוי נתתי וגו' entspricht nur zu sehr dem beispiellosen Martyrium und den nicht zu schildernden Leiden, mit denen Israel seine Treue gegen Gott zu besiegeln hatte; כלימות ורק gibt nur in ganz feiner, zarter Andeutung all die entsetzliche Seelenqual wieder, die es zu erleiden hatte. Nur die innigste Überzeugung, daß אדנ' אלק' יעזר לי befähigte es, den bodenlosesten Verdächtigungen, den niederträchtigsten Anschuldigungen, mit denen man die dem niedrigsten Instinkte entsprungenen Judenverfolgungen motivieren wollte, in erhabener Ruhe die Stirne zu bieten.

Nur die nicht zu erschütternde Sicherheit, קרוב מצדיקי וגו' den sich nahe zu wissen, der seine Unschuld zur vollsten Evidenz ans Tageslicht werde treten lassen, ermöglichte es Israel, sich die innere Ruhe zu wahren und standhaft zu bleiben, — auch dann, wenn falsches Zeugnis und Meineid die Wahrheit der Anklage zu erhärten suchten. Und dieses Vertrauen wird nicht getäuscht: הן כלם

כבגד יבלו וגו'. Der Charakter seiner Ankläger ward als wurmstichig erkannt, denn das Gewand der Liebe zu ihren Glaubensgenossen, in das sie sich bei ihren Judenhetzen hüllen, erweist sich als fadenscheinig und vom Mottenfraß so durchlöchert, daß ihre Verworfenheit und häufig gar ihre verbrecherischen Handlungen gegen die eigenen Glaubens- und Stammesgenossen zum Vorschein kommen und — die Gerichte beschäftigen! Dies lehrt die geschichtliche Erfahrung bis in die Tage der Gegenwart hinein!

Sie lehrt aber auch, wenn wir nicht irren, das יעיר בבקר בבקר in betreff Israels so aufzufassen: Gerade wenn die Nacht des Galuth sich lichtet und der Morgen anbricht, bedarf Israel ganz besonderer Wachsamkeit, um nicht in der Hut des Gesetzes lässig zu werden, wie wir dieses in der Einleitung zu Kap. 49 näher ausgeführt haben. Der Sonnenstrahl, der in das Dunkel seiner bisherigen äußeren Existenzverhältnisse fällt, darf es sein höchstes Gut, seine Thora, nicht in anderem Lichte sehen lassen, als bis dahin.. Mit den neuen Zuständen treten neue Versuchungen an den Juden heran, יעיר לי אזן da muß er Gottes Wort sein Ohr öffnen, לשמע כלמודים um „schülergleich“ aus ihm zu lernen, wie er in der neuen Zeit Gott die alte Pflichttreue zu bewahren habe.

9
הֵ֣ן אֲדֹנָ֤י יֱהֹוִה֙ יַעֲזׇר־לִ֔י מִי־ה֖וּא יַרְשִׁיעֵ֑נִי הֵ֤ן כֻּלָּם֙ כַּבֶּ֣גֶד יִבְל֔וּ עָ֖שׁ יֹאכְלֵֽם׃ {ס}
BernfeldGott, der Herr, steht mir bei; wer ist es, der mir mein Recht absprechen will? Sie zerfallen alle wie ein [fadenscheiniges] Gewand, Motten fressen sie.
ZunzSiehe, Gott, der Herr, stehet mir bei, wer ist es, der mich verdammen will? Siehe, sie Alle wie ein Gewand zerfallen sie, Motten fressen sie.
J. J. HirschSiehe, mein Herr, der auch in Rechtwaltung seine Liebe betätigende Gott, wird mir beistehen, wer ist's, der mich verurteilen könnte? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid vergehen, die Motte wird sie verzehren!
10
מִ֤י בָכֶם֙ יְרֵ֣א יְהֹוָ֔ה שֹׁמֵ֖עַ בְּק֣וֹל עַבְדּ֑וֹ אֲשֶׁ֣ר ׀ הָלַ֣ךְ חֲשֵׁכִ֗ים וְאֵ֥ין נֹ֙גַהּ֙ ל֔וֹ יִבְטַח֙ בְּשֵׁ֣ם יְהֹוָ֔ה וְיִשָּׁעֵ֖ן בֵּאלֹהָֽיו׃ {ס}
BernfeldWer unter euch ist ein Gottesfürchtiger, der auf die Stimme seines Knechtes hört? Wer in Finsternis gewandelt und kein Licht hatte, der vertraue dem Namen des Herrn und stütze sich auf seinen Gott.
ZunzWer unter euch ist ein Gottesfürchtiger, der auf die Stimme seines Knechtes hört? Wer in Finsternissen gewandelt und kein Licht hatte, der vertraue dem Namen des Ewigen und stütze sich auf seinen Gott!
J. J. HirschWer unter euch Gott fürchtet, der hört auf seines Dieners Stimme! Wandelte er auch in Finsternissen und hätte keinen Lichtstrahl, der möge weiter auf den Namen Gottes vertrauen und sich auf seinen Gott stützen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. מי בכם וגו'. Damit wendet sich Jesaia an den gesetzestreuen Kern Israels im Exile und fordert ihn auf, seinen Worten und seinem Beispiele zu folgen und mutig unentwegt auszuharren. Und trübte sich auch der zeitweilig angebrochene Morgen, ja folgten ihm wieder die dunklen Nachtzeiten des Galuth — חשכים ist Plural —, so daß kein Hoffnungsschimmer ihm leuchtet, „er lasse sich nicht irre machen in seinem Vertrauen nicht allein בד' auf Gott, sondern בשם ד' auf den Gottes-Namen, den er als Jisra-el durch die Zeiten zu tragen hat“. וישען באלקיו: Erkennt er Gott als seinen Gott an, in dem er Seinem Willen sein ganzes Denken und Handeln unterstellt, so kann er ruhig sich auf seinen Gott stützen, er fühlt sich von ihm gehalten und getragen durch alle Zeiten. Vgl. auch Komm. zu 1. B. M. 28, 21: והיה ד' לי לאלקים.

Haftarah Ekew Tripolis (Libyen) und Syrakus (erloschen) enden hier.
11
הֵ֧ן כֻּלְּכֶ֛ם קֹ֥דְחֵי אֵ֖שׁ מְאַזְּרֵ֣י זִיק֑וֹת לְכ֣וּ ׀ בְּא֣וּר אֶשְׁכֶ֗ם וּבְזִיקוֹת֙ בִּֽעַרְתֶּ֔ם מִיָּדִי֙ הָיְתָה־זֹּ֣את לָכֶ֔ם לְמַעֲצֵבָ֖ה תִּשְׁכָּבֽוּן׃ {ס}
BernfeldIhr alle zündet Feuer an, rüstet Brände, gehet hin zu der Glut eures Feuers und zu den Bränden, die ihr gezündet. Von meiner Hand ist euch das geworden, in Betrübnis sollt ihr daniederliegen.
ZunzSiehe, ihr alle zündet Feuer an, rüstet Brände, gehet hin bei der Glut eures Feuers und bei den Bränden, die ihr gezündet. Von meiner Hand ist euch das geworden, in Leiden sollt ihr danieder liegen.
J. J. HirschSeht, ihr [anderen] Alle schüret selbst das Feuer, gürtet euch mit Blitzen! Gehet nur hinein in die Flammenglut eures Feuers und in die Blitze, die ihr entzündet habt! Aus meiner Hand ward dieses euch: der schmerzvollsten Entsagung entgegen ruhet ihr jetzt so sicher!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. Ihr anderen alle הן כלכם, die ihr an Zahl die מי בכם ירא ד', die „Gottesfürchtigen“ in Israel, übertreffet, ihr spottet ihrer als der „Dunkelmänner“, weil sie auch in einer Zeit, da die Nacht des Galuth sich für Israel gelichtet hat, treu an den „veralteten“ Satzungen der Thora unter Entbehrungen festhalten. Ihr bedenket nicht, daß, wenn die Zeiten heller, die euch umgebende Menschheit milder geworden, dies eine Wirkung jenes Funkens vom Sinai-Feuer ist, der leuchtend und erwärmend bis zu ihr drang — jenes Sinai-Feuers, welches in seiner Vollwirkung als אשדת „Gesetz gewordenes Feuer“ (s. Komm. zu 5. B. M. 33, 2) bestimmt ist, euch zu der geistig erleuchtetsten und für alles Sittliche und Humane am wärmsten fühlenden Volksfamilie zu veredeln.

Ihr aber meinet, den Horizont eures Volkes noch heller zu gestalten, indem ihr die euren freien Verkehr hemmenden, euer Genusses- und Sinnesleben beschränkenden Bestimmungen des göttlichen Gesetzes den Flammen überliefert קדחי אש, ja ihr wähnet sogar, wenn ihr eure Geistesblitze gegen den positiven Glauben, gegen die Pflicht des Gottesgehorsams schleudert und sie als nicht verbindlich zu betrachten lehret, euch mit diesen Blitzen stark zu machen, zu „gürten“ מאזרי זיקות. Ihr irrt euch! לכו באור אשכם וגו' — לכו wie oben Kap. 8, 10: עצו עצה u. s. f. — Geht nur immer weiter, ihr nennet das „Fortschritt“, euer Weg aber führt euch ins Verderben, die Flammen, die ihr schürtet, verzehren euch, und die von euch entsandten Blitze kehren sich wider euch.

Denn wenn es Gott wiederum zuläßt, daß der Geschickeshimmel Israels sich umwölkt, weil es die Probe nicht bestand (s. Einleitung zu dem vorhergehenden Kapitel), so könnet ihr euch nicht von jeder Schuld daran lossprechen. Deshalb מידי היתה זאת לכם seid ihr auch die dabei am schwersten Getroffenen. Ihr hattet geglaubt, durch Preisgabe aller spezifisch jüdischen Pflichten alles euch von eurer nichtjüdischen Umgebung Trennende beseitigt zu haben und euch derart mit ihr zu amalgamieren, daß תשכבון (mit die Person betonendem ן) ihr wenigstens stets friedlich, behaglich und freundlich aufgenommen unter euren nichtjüdischen Nachbarn werdet wohnen können (das ist ja die Bedeutung von שכב). Darum empfindet ihr es so schmerzlich, wenn ihr nun gezwungen werdet, dem familiären Umgang mit ihnen zu entsagen (למעצבה von עצב Schmerz der Entsagung), weil man auf eure Teilnahme an Festen, Zweckessen u. s. w. verzichtet. Eure gesetzestreuen Brüder berührt der Umschwung, die Sinnesänderung ihrer nichtjüdischen Mitbürger lange nicht so empfindlich wie euch. Sie hatten auch in der Zeit des Entgegenkommens ihrer Umgebung auf manchen Genuß, manche Stellung und Ehrung dankend verzichten müssen, weil diese sie in Konflikt mit ihrer Gesetzestreue gebracht haben würden, während sie ihren Pflichten gegen Gemeinde und Staat und alle ihre Mitmenschen im vollsten Maße nachkamen — schon aus Pflichttreue gegen die Thora. Diese Pflichttreue hält sie auch unter den veränderten Verhältnissen aufrecht und erhöht ihre Hingebung an Gott und seine heilige Lehre.