Jeschajahu 49 ישעיהו

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Haftarot in diesem Kapitel: Ekew
1
שִׁמְע֤וּ אִיִּים֙ אֵלַ֔י וְהַקְשִׁ֥יבוּ לְאֻמִּ֖ים מֵרָח֑וֹק יְהֹוָה֙ מִבֶּ֣טֶן קְרָאָ֔נִי מִמְּעֵ֥י אִמִּ֖י הִזְכִּ֥יר שְׁמִֽי׃
BernfeldHöret mir zu, ihr Bewohner der fernen Insel, und horchet auf, ihr Völker in der Ferne. Der Herr hat mich berufen von der Geburt an, von dem Schoße meiner Mutter an meinen Namen ausgesprochen [mich erwählt].
ZunzHöret mir zu, ihr Eilande, und horchet auf, ihr Völker von Ferne. Der Ewige hat mich berufen vom Mutterleibe an, von dem Schoße meiner Mutter an ausgesprochen meinen Namen,
J. J. HirschHöret ihr entlegenen Lande auf mich, und merket auf, ihr Staaten aus der Ferne, Gott hat von Geburt an mich berufen, vom Mutterschoß an meines Namens gedacht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 49. V. 1. In die noch andauernde Diaspora des jüdischen Volkes versetzt Gott den Geist des Propheten, läßt ihn die Zeit schauen, in der endlich doch nach Jahrhunderte langem Dulden und Ringen in Israel das Bewußtsein seiner welthistorischen Bedeutung zum Durchbruch kommen will. In einem Martyrium sondergleichen hatte es sich glänzend bewährt. Die Flecken, welche während seines Bestehens als Staat auf eigenem Boden den Ehrenschild seiner Treue hatten trübe werden lassen und die Veranlassung seiner Exilierung gewesen waren, die hatte es zu wiederholten Malen fast bis zum Verschwinden ausgemerzt. Die beengenden Verhältnisse, durch die es sich durchzwingen mußte, der Druck von außen, der jeder seiner Bewegungen Widerstand entgegensetzte, hatten abschleifend, polierend auf diese Flecken gewirkt.

So waren denn im Laufe der langen Galuth-Periode Momente eingetreten, in denen das große Reinigungswerk Gottes an seinem Volke der Vollendung nahe und damit auch die Zeit der endlichen Erlösung nähergerückt schien. Und in der Tat lüftete sich der Druck; die einengenden Schranken wurden nach mancher Richtung geweitet, so daß sie freiere Bewegung möglich machten, ja sie fielen auch wohl gänzlich und gestatteten das Hinaustreten aus dem Dämmer des Ghetto auf den sonnenbestrahlten Markt des Völkerlebens.

Doch es war nur ein Versuch, ob Israel den Sonnenglanz des Glückes schon ebenso gut vertragen könne wie die trüben Verhältnisse, in denen es so lange gelebt — und dieser Versuch fiel nicht zu seinen Gunsten aus. Ein großer Teil seiner Kinder bestand die Probe nicht. Der helle Sonnenstrahl draußen blendete sie, das wunderbare Kleinod der göttlichen Thora, welches das Düster der Gelasse, in welche man sie eingepfercht, mit mildem Lichte erfüllt hatte, verlor an Wert in ihren Augen, sie achteten seiner nicht mehr oder vertauschten es gar gegen Diamantsplitter und Goldstaub und wähnten, einen guten Handel gemacht zu haben. Ach wie bald wurden sie enttäuscht! Reichtum fanden sie wohl und im Zusammenhang mit ihm zuweilen auch äußere Ehren, aber das wahre Glück, die Befriedigung, den Frieden im Innern und mit der Welt, den mußten sie schmerzlich entbehren — und hatten doch den Frieden mit Gott so leichtsinnig gebrochen!

Von dem hellen Tageslichte beschienen, wies der Ehrenschild der Treue wieder die alten Flecken auf: was Mittel sein sollte, ward ihnen Zweck. Die geweiteten oder sogar beseitigten Schranken, die ihnen Freiheit der Bewegung gestatteten, sollten ihnen Gelegenheit bieten, dem Gottesgesetze die Treue zu bezeugen und seine Satzungen zu erfüllen unter Verhältnissen und in Berufszweigen, die ihnen bis dahin verschlossen waren. Der Segen und das wahre Glück, welches die gewissenhafte Beobachtung der göttlichen Lehre durch die Betätigung des Rechts und der Menschenliebe und durch ein in Sittenreinheit geheiligtes Familienleben in dem Kreise ihrer Bekenner aufblühen läßt, sollte dem Bewußtsein und der Erkenntnis immer größerer Kreise näher gebracht werden, sollte in ihnen den Gedanken und die Wertschätzung der reinen Gottesidee und der Humanität, oder in anderen Worten, des reinen Menschentums erwecken. Dieses aber ist Ziel und Zweck der Aufgabe „Jisra-el“; die neu gewährte Freiheit sollte das Mittel zu deren Lösung bieten, sie aber erblickten in der Freiheit den Endzweck, und der Gebrauch, den sie von ihr machten, entsprach nicht dem Ziele Gottes.

Darum ließ es Gott zu, daß durch den Neid und die Mißgunst und andere niedrige Leidenschaften der Völker Israels Söhne wiederum in ihrer freien Bewegung gehemmt wurden. Waren es auch nicht gerade die alten Schranken, die in Form von Judengesetzen gegen sie bestanden hatten, so sahen sie sich doch überall gehindert, zurückgesetzt und zurückgestoßen und von unsichtbaren und nicht zu umgehenden Drähten umgeben, mit welchen der Haß sie zu Falle zu bringen suchte. Ihr Himmel hatte sich wieder umdüstert, und mehr oder minder schwere Sturmeswolken zogen drohend wider sie heran und hielten sie immer wieder in Sorge und Angst vor den Ausbrüchen der fanatisierten Menge — bis wiederum Gott den Versuch machen konnte, den Horizont ihres Geschickes aufzuheitern. Dieser Wechsel in den Phasen ihrer Galuth-Gestaltung war wiederholt im Laufe der Jahrhunderte in die Erscheinung getreten.

Aber jetzt endlich war doch die Zeit im Anzuge, da Israels Läuterungsprozeß seinen Zweck erfüllt hat und es sich anschickt, der Lösung seiner Aufgabe auch im Tagesglanz der Freiheit und des Glückes gewissenhaft treu zu leben. Das ist der Moment, den Gott Jesaia schauen, und das Folgende sind Worte des Israels dieser Zukunftszeit, welche Gott ihn vernehmen läßt. So glauben wir die ersten sechs Verse dieses Kapitels auffassen zu dürfen. Israel spricht zur Allmenschheit:

איים. שמעו וגו': Oben zu Kap. 41, 1 wiesen wir bereits auf diese Stelle hier hin und bemerkten, daß damit an diejenigen Gegenden gedacht sein dürfte, die dem Kulturleben bis dahin fern geblieben und darum auch weniger dessen verderblichen Begleiterscheinungen, wie sie sich bis zum Anbruch dieser Heileszukunft häufig bemerkbar machten, ausgesetzt waren. Bei ihnen wird also die Erkenntnis des Wahren ein Fortschritt zur Wahrheit sein. Bei den לאמים, den Kulturstaaten, dürfte daher hier bedeutsam מרחוק stehen: Ihre Erkenntnis des Wahren, zu der sie eingeladen werden, wird eine Rückkehr zur Wahrheit sein, von welcher sie sich entfernt hatten.

ד' מבטן קראני וגו': Israel legitimiert sich; nicht aus Selbstüberhebung und eigener Machtvollkommenheit wendet es sich an die Menschheit, „Gott hat mich dazu berufen“, wie es weiter V. 6 heißt — zur Erleuchtung der Völker und zum Träger des Heils bis ans Ende der Erde — und sogar bereits מבטן „als ich noch im Werden begriffen war“, ממעי אמי, als ich dann als Volk die Stätte meines Keimens und Entstehens verlassen sollte, הזכיר שמי sprach er mit meinem Namen zugleich die Bestimmung aus, für welche ich geboren ward.“ — S. weiter V. 3.

2
וַיָּ֤שֶׂם פִּי֙ כְּחֶ֣רֶב חַדָּ֔ה בְּצֵ֥ל יָד֖וֹ הֶחְבִּיאָ֑נִי וַיְשִׂימֵ֙נִי֙ לְחֵ֣ץ בָּר֔וּר בְּאַשְׁפָּת֖וֹ הִסְתִּירָֽנִי׃
BernfeldEr machte meinen Mund wie ein scharfes Schwert, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich beschirmt und machte mich zu einem geschärften Pfeil, in seinem Köcher verbarg er mich.
ZunzUnd machte meinen Mund gleich einem scharfen Schwerte; mit dem Schatten seiner Hand hat er mich beschirmt, und machte mich zu einem geschärften Pfeile, in seinem Köcher barg er mich.
J. J. HirschAls er meinen Mund einem scharfen Schwerte gleich machte, hat er mich in den Schatten seiner Hand geborgen; als er mich zum auserlesenen Pfeil bestimmte, hat er mich doch in seinem Köcher verborgen gehalten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. וישם פי וגו'. Mögen andere Völker sich für das, was sie ihre „Kultur-Aufgabe“ nennen, des Schwertes bedienen, mir, spricht Israel, steht nur das Wort, welches Gott in meinen Mund legte, zu Gebote. Aber er verlieh meinem Munde die Kraft der „eindringlichen“ Rede חדה, ich war der mit Bedacht ausgewählte, ausgesuchte und adjustierte Pfeil für die Flugbahn dieses Gotteswortes zum Ziele.

וישם und וישימני ist erzählendes Imperfektum, החביאני und הסתירני Präteritum. Dem Allwissenden waren alle die Anfeindungen, denen ich bei meiner Sendung ausgesetzt sein würde, gegenwärtig, deshalb hatte seine Hand mich von Anbeginn meiner Mission schützend umfangen, und dieser Schutz ist mir für alle Sphären und Zeiten verblieben.

3
וַיֹּ֥אמֶר לִ֖י עַבְדִּי־אָ֑תָּה יִשְׂרָאֵ֕ל אֲשֶׁר־בְּךָ֖ אֶתְפָּאָֽר׃
BernfeldUnd sprach zu mir: Mein Knecht bist du, Israel, an dem ich mich verherrliche.
ZunzUnd sprach zu mir: Mein Knecht bist du, Jisraël, an dem ich mich verherrliche.
J. J. HirschEr sprach zu mir: Mein Diener bist du! „Jisrael“ bist du, durch das ich mich verherrlichen will!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. ויאמר לי וגו' „ישראל“ וגו'. Wir haben bereits oben zu Kap. 43, 1 auf die Tatsache hingewiesen, daß in dem Momente, da sich Moses auf Gottes Geheiß anschickte, für die Befreiung des jüdischen Volkes aus Ägypten die ersten Schritte zu tun, Gott zum ersten Male es als „Jisra-el“ bezeichnete und damit zugleich die Ursache seiner Erwählung und das Endziel seiner Bestimmung aussprach. (Vgl. das dort Bemerkte.) —

אשר בך אתפאר präzisiert die Bedeutung des Namens ישראל: Durch dich soll die Menschheit zu huldigender Anerkennung meiner alles überragenden Hoheit, meiner Weltherrschaft in ihrer ganzen Herrlichkeit gebracht werden. — Nebenbei bemerkt, wird durch unsere Auffassung der ersten sechs Verse, wie sie in den einleitenden Worten gegeben ist, die Schwierigkeit beseitigt, welche sonst das Wort „ישראל“ hier dem Verständnis bietet. Die übliche Erklärung, welche alle diese Verse als die Rede des Propheten von sich und weiter an ihn nimmt, sieht sich gezwungen, das Wort ישראל als eine Apostrophe an ihn aufzufassen, etwa: Du bist ein „Israel“, oder: in meinen Augen wie ganz Israel wertgeschätzt. —

4
וַאֲנִ֤י אָמַ֙רְתִּי֙ לְרִ֣יק יָגַ֔עְתִּי לְתֹ֥הוּ וְהֶ֖בֶל כֹּחִ֣י כִלֵּ֑יתִי אָכֵן֙ מִשְׁפָּטִ֣י אֶת־יְהֹוָ֔ה וּפְעֻלָּתִ֖י אֶת־אֱלֹהָֽי׃ {ס}
BernfeldIch [der Prophet] hatte geglaubt: Für nichts habe ich mich bemüht, für Leeres und Eitles habe ich meine Kraft verzehrt. Aber mein Recht ist bei dem Herrn, und mein Lohn bei meinem Gotte.
ZunzUnd ich hatte gesprochen: Für nichts hab' ich mich gemühet, für Leeres und Eiteles hab' ich meine Kraft verzehrt! Aber mein Recht ist bei dem Ewigen und mein Werklohn bei meinem Gotte.
J. J. HirschIch aber, ich sagte schon: „Vergeblich habe ich mich abgemüht, habe für das Chaos und das Nichts meine Kraft aufgerieben!“ Doch wahrlich mein Recht ist bei Gott und mein Lohn bei meinem Gotte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. Ich aber, fährt Israel fort, ward manchesmal von Kleinmut befallen während der langen Dauer meines Exils und verzweifelte an dem Gelingen meiner Mission: לריק יגעתי. Die Gottesidee, zu deren Träger an die Menschheit ich berufen bin, soll Heil, Frieden, Glück auf Erden zur Blüte bringen, und ich sehe nur תהו öde, chaotische Zustände; sie soll der Wahrheit Geltung verschaffen, und die Menschheit jagt dem הבל, dem Eiteln, dem Nichtigen nach — und so habe ich alle meine seelische, geistige und physische Kraft vergebens aufgewendet! Daß der Begriff des „Rechts“, wie ihn Gott aufgefaßt wissen will, sich noch wenig Boden in der Menschenwelt erobert hat, beweist die Rechtsverweigerung, unter der ich so schwer zu leiden habe. So sprach ich. Doch ich sehe es ein, משפטי (wie וזה יהיה משפט הכהנים וגו' 5. B. M. 18, 3 u. sonst), das mir gebührende, mir zukommende Recht, es ist את ד' bei Gott in sicherer Hut, für mich in Verwahrung genommen und wird mir zur rechten Zeit werden, ופעלתי (wie פעלת שכיר 3. B. M. 19, 13) den Lohn für meine Bestrebung, ob auch deren sichtbarer Erfolg auf sich warten läßt, wird אלקי mein Gott, dem ich mein Geschick unterstelle, mir nicht vorenthalten.

5
וְעַתָּ֣ה ׀ אָמַ֣ר יְהֹוָ֗ה יֽוֹצְרִ֤י מִבֶּ֙טֶן֙ לְעֶ֣בֶד ל֔וֹ לְשׁוֹבֵ֤ב יַֽעֲקֹב֙ אֵלָ֔יו וְיִשְׂרָאֵ֖ל (לא) [ל֣וֹ] יֵאָסֵ֑ף וְאֶכָּבֵד֙ בְּעֵינֵ֣י יְהֹוָ֔ה וֵאלֹהַ֖י הָיָ֥ה עֻזִּֽי׃
BernfeldNun aber, spricht der Herr, der mich gebildet von der Geburt an ihm zum Knechte, Jakob zurückzuführen zu ihm, dass Israel sich zu ihm sammle; und ich war geehrt in den Augen des Herrn, und mein Gott war meine Macht.
ZunzNun aber — spricht der Ewige, der mich gebildet vom Mutterleibe an ihm zum Knechte, Jaakob zurückzuführen zu ihm, und daß Jisraël sich zu ihm sammele, und ich war geehrt in den Augen des Ewigen, und mein Gott war meine Macht;
J. J. HirschUnd jetzt sprach Gott — der mich von Geburt an zu seinem Diener also gebildet, daß er mich als „Jakob“ sich wieder zuführe, um als „Jisrael“ bei ihm wieder aufgenommen zu werden, so daß ich in den Augen Gottes Bedeutung behalte, und mein Gott meine Widerstandskraft ward —
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. 6. Die beiden Verse bilden einen Satz, יצרי bis עוי ist Parenthese und das, was Gott sprach, wird deshalb nochmals durch ויאמר eingeleitet, weil es erst nach dem Zwischensatz zur Mitteilung gelangt. Im Zusammenhange mit dem vorhergehenden אכן משפטי וגו' ופעלתי וגו' fährt Israel fort: Ich sehe es ein, Gott hat mich von Anbeginn an so für seinen Dienst ausgebildet, daß ich immer wieder, aus jeder Entfremdung meinen Weg zu ihm zurück finden muß. Durch das Jakobsgeschick sucht er mich wieder seinem Dienste zuzuführen, um mich dann als Israel um sich zu versammeln.

So büßte ich auch in den trüben Zeiten des Exils meine Bedeutung bei Gott nicht ein, und darum gab er mir die Kraft, auszuharren. — Das כתיב: וישראל לא יאסף wie ונאסף שמחה וגו' (oben Kap. 16, 10 u. f.) sagt: Israel wird nicht aufhören. — Und jetzt begreife ich, weshalb mich Gott trotz meiner zeitweisen Besserung immer noch im Exile verharren läßt. Gott begnügt sich nicht damit, in mir wieder einen treuen Diener gewonnen zu haben, um mich sogleich aus meiner Jakobstellung aufzurichten und meine staatliche Selbständigkeit als Israel, für welche er mich aufbewahrt hat, wieder herzustellen, — ich muß erst, noch im Galuth befindlich, begonnen haben, meine Jisraels-Aufgabe zu lösen. Und diese Aufgabe besteht darin, „aufklärend“ zu wirken über das Verhältnis nicht nur der einzelnen Individuen, sondern auch גוים der Nationen, der Staaten zu Gott, damit die Menschheit „bis ans Ende der Erde“ der Hilfe und des Heils, welche einzig die Huldigung der Gottesidee zu gewähren vermag, endlich teilhaftig werde. (Die Parallelstelle zu לאור גוים s. oben Kap. 42, 6.) Das ist כתיב נצירי ישראל, auf נצר Sprößling, Knospe hinweisend: Die Entwicklung der Israels-Knospe muß zuerst begonnen haben. Vgl. Komm. zu 3. B. M. 26, 42: „Dann gedenke ich meines Bundes Jakob und auch meines Bundes Jizchak und auch meines Bundes Abraham gedenke ich und des Landes gedenke ich.“ Das jüdische Volk muß im Galuth nicht nur in gedrückter „Jakobsstellung“ seine Treue zu Gott wieder gewonnen, sondern sie auch in gebesserten Verhältnissen als „Jizchak“ bewahrt, und begonnen haben, seinen Einfluß auf die Denkweise der Völker, auf ihre Sitten geltend zu machen und bessernd einzuwirken, um sich und den Seinen endlich als „Abraham“ deren Achtung zu gewinnen, nicht obgleich sie Juden, sondern weil sie Juden sind — dann ist auch die Zeit da, in der Gott auch die unserem Vater Abraham verheißene Bestimmung des Landes zu dauernder Verwirklichung bringen wird, die Zeit, in der Israel dem Lande zur endlichen völligen Lösung seiner Urbestimmung, die es bereits auf fremdem Boden begonnen hatte, als Gottes Gesetzesvolk auf Gottes Gesetzesboden wieder zurückgeben wird.

6
וַיֹּ֗אמֶר נָקֵ֨ל מִֽהְיוֹתְךָ֥ לִי֙ עֶ֔בֶד לְהָקִים֙ אֶת־שִׁבְטֵ֣י יַעֲקֹ֔ב (ונצירי) [וּנְצוּרֵ֥י] יִשְׂרָאֵ֖ל לְהָשִׁ֑יב וּנְתַתִּ֙יךָ֙ לְא֣וֹר גּוֹיִ֔ם לִהְי֥וֹת יְשׁוּעָתִ֖י עַד־קְצֵ֥ה הָאָֽרֶץ׃ {ס}
BernfeldEr sprach nämlich: Zu unbedeutend ist es mir, dass du mein Knecht seiest, aufzurichten die Stämme Jakobs, und die Geretteten Israels zurückzuführen; ich mache dich vielmehr zum Lichte de Völker, dass mein Heil gelange an das Ende der Erde.
ZunzUnd er sprach: Zu gering ist es, daß du mir seiest ein Knecht, aufzurichten die Stämme Jaakob's, und die Geretteten Jisraël's zurückzuführen; so stell' ich dich hin zum Lichte der Völker, daß mein Heil gelange an das Ende der Erde.
J. J. Hirschund sagte: Etwas zu Geringes wäre es mir, wenn nur du mir Diener bliebest, so daß ich die Stämme Jakobs wieder aufrichtete und sie als die Bewahrten Jisraels wieder zurückführte — aber ich setze dich zum Lichte der Nationen ein, auf daß mein Heil bis an das Ende der Erde gelange.
7
כֹּ֣ה אָֽמַר־יְהֹוָה֩ גֹּאֵ֨ל יִשְׂרָאֵ֜ל קְדוֹשׁ֗וֹ לִבְזֹה־נֶ֜פֶשׁ לִמְתָ֤עֵֽב גּוֹי֙ לְעֶ֣בֶד מֹשְׁלִ֔ים מְלָכִים֙ יִרְא֣וּ וָקָ֔מוּ שָׂרִ֖ים וְיִֽשְׁתַּחֲו֑וּ לְמַ֤עַן יְהֹוָה֙ אֲשֶׁ֣ר נֶאֱמָ֔ן קְדֹ֥שׁ יִשְׂרָאֵ֖ל וַיִּבְחָרֶֽךָּ׃ {ס}
BernfeldSo spricht der Herr, der Erlöser Israels, sein Heiliger, zu dem [Volk], das jetzt von allen verachtet ist, zu dem Abscheu der Völker, dem Sklaven der Herrscher: Könige werden schauen und sich erheben, Fürsten werden sich bücken, um des Herrn willen, der zuverlässig ist, des Heiligen Israels, der dich erkoren.
ZunzSo spricht der Ewige, der Erlöser Jisraël's, sein Heiliger, zu dem von Menschen Verachteten, zu dem Abscheu der Völker, dem Sklaven der Herrscher: Könige werden schauen und sich erheben, Fürsten, und sich bücken um des Ewigen willen, der zuverlässig ist, des Heiligen Jisraël's, der dich erkoren
J. J. HirschSo hat Gott gesprochen, der Erlöser Jisraels, sein Heiliger, zu dem, den der Einzelne verachtet, den die Nation verabscheut, zu dem Sklaven der Herrschenden: Könige werden einsehen und aufstehen, Fürsten, und sich niederwerfen um Gottes willen, der sich als der Heilige Jisraels bewährt, indem er dich erwählte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. Mit diesem Verse beginnt die Verkündigung der endlichen Erlösung Israels. Der Prophet zeichnet mit einigen Worten dessen Lage im Galuth. בָזֹה und מְתָעֵב sind Aktivformen. נפש der einzelne Mensch, wie גנב נפש (5. B. M. 24, 7) der einen Menschen stiehlt, אשר יאכל לכל נפש (2. B. M. 12, 16 u. f.) Der Einzelne — und wäre er unter den Seinen der Niedrigste und von ihnen verlassen und lebte nur von der Barmherzigkeit der Juden — blickte auf sie und gerade deshalb schon mit Verachtung herab, — er fühlte, daß er ihnen zu Dank verpflichtet wäre und haßte und verachtete sie darum noch mehr, als es die anderen taten.

למתעב גוי: Der Staat, die Nation als solche überhäufte den Juden mit Pflichten weit mehr als alle anderen Volksglieder, gab ihm jedoch nur das Mindestmaß von Rechten, und selbst die Rechte, welche das Gesetz ihm theoretisch gewährte, ließ man in der Praxis nicht zur Geltung kommen — man hatte einen Widerwillen gegen den Juden, einen Degout; aus welchem Grunde? — darüber hätte man sich wohl selbst keine Rechenschaft geben können.

לעבד משלים: Der Fleiß des Juden, verbunden mit seiner Genügsamkeit in Speise und Trank und allen Lebensbedürfnissen, machte ihn zu einem ergiebigen Quell der Erpressung durch die Herrschenden. Der Löwenanteil an seinem unter schwerster Arbeit und Entbehrung Erworbenen floß vielfach in die Tasche der Herrscher, und gar teuer mußte er den mäßigen Schutz bezahlen, den man dem „Schutzjuden“ gewährte. Wie treffend kennzeichnet das Wort עבד משלים die Lage, in der sich die Juden so lange als „Kammerknechte“ befanden: Knechtesdienste hatten sie zu leisten, damit die Schatzkammer der Herrscher sich füllte!

מלכים יראו וגו'. Endlich kommt doch die Zeit, da die Herrscher zur Einsicht des Unrechts gelangen, welches man Israel so lange getan hatte und zur Erkenntnis des veredelnden Einflusses, den die von ihm getragene Gottesidee auf Denkweise und Sitten der Menschheit ausgeübt hat und in erhöhterem Maße noch auszuüben vermag, wenn man ihm freiere Wirksamkeit einräumt; und als שרים, als Führer der Völker und als deren Maßgebende werden sie sich der Erkenntnis beugen, wie sehr sich Gott als ד', als der Allbarmherzige, die Menschheit Liebende erwiesen hat, als er Israel zum Träger und Überbringer dieser Idee an die Allmenschheit erwählte.

8
כֹּ֣ה ׀ אָמַ֣ר יְהֹוָ֗ה בְּעֵ֤ת רָצוֹן֙ עֲנִיתִ֔יךָ וּבְי֥וֹם יְשׁוּעָ֖ה עֲזַרְתִּ֑יךָ וְאֶצׇּרְךָ֗ וְאֶתֶּנְךָ֙ לִבְרִ֣ית עָ֔ם לְהָקִ֣ים אֶ֔רֶץ לְהַנְחִ֖יל נְחָל֥וֹת שֹׁמֵמֽוֹת׃
BernfeldSo spricht der Herr: Ich habe dich erhört und dir eine Zeit der Gnade gewährt, in einem Tage des Heils steh ich dir bei; ich habe dich gebildet und dich eingesetzt zum Volke meines Bundes, aufzurichten das Land, verödetes Erbe zu verteilen.
ZunzSo spricht der Ewige: Zur Gnadenzeit hab' ich dich erhört, und am Tage des Heils steh' ich dir bei, und habe dich gebildet und dich eingesetzt zum Bunde für das Volk, aufzurichten das Land, verödetes Erbe zu vertheilen.
J. J. HirschSo hat Gott gesprochen: In der Zeit des Wohlgefallens habe ich dich erhört und am Tage der Hilfe war ich es, der dir beistand; und so werde ich dich bewahren und dich für den Bund der Volksgesellschaft bestellen, um die Erde aufzurichten und den Besitz von Erbteilen anzutreten, die wüste dalagen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. בעת רצון וגו'. Du hast durch deine Läuterung und Besserung dich nun meines Wohlgefallens würdig gemacht, so daß ich dein Flehen um Beseitigung des Galuth-Dunkels erhören konnte. Und da es nun heller Tag um dich geworden und ich dir zu sozialer Gleichstellung und zu einem geachteten, glücklichen Leben unter den Völkern verholfen hatte, da עזרתיך stand ich dir bei in deinem Streben, dich auf der errungenen sittlichen Höhe zu erhalten und meinem Gesetze die Treue weiter zu bewahren, damit du nicht wie sonst, geblendet von der Tageshelle, in deine früheren Fehler zurückfallest. (S. die Einleitung zu diesem Kapitel.)

ואצרך וגו'. Vgl. oben Kap. 42, 6. Ich werde dir weiter beistehen, dir die Fähigkeit zur gänzlichen Lösung deiner Aufgabe zu wahren, die darin gipfelt, durch Übermittelung des Gottesgedankens an die Menschheit sie für die Zedek-Idee zu gewinnen und damit die Menschen-Verbrüderung auf Erden zu verwirklichen. להקים ארץ. Erst damit ringt sich das irdische Dasein des Menschen zu der hohen Bedeutung empor, die es nach Gottes Willen haben soll. להנחיל נחלות שוממות. Damit erst wird zur Wahrheit, was der Psalmist begeistert singt (Ps. 82, 8): כי אתה תנחל בכל הגוים, daß „Gott einst unter allen Völkern Menschen und Verhältnisse zum Erbe anheimfallen“. Dann zeigt sich, daß nicht bloß du, Israel, וסלחת לעוננו ולחטאתנו ונחלתנו (2. B. M. 34, 9) nachdem ich immer wieder deiner Krümme und deinem Leichtsinn Verzeihung geschenkt habe, mir als dauerndes Erbe zugefallen bist, sondern auch נחלות שוממות die Gebiete auf Erden, die bis jetzt wüst und öde dagelegen und unempfänglich für die Gottesidee geblieben waren.

9
לֵאמֹ֤ר לַֽאֲסוּרִים֙ צֵ֔אוּ לַאֲשֶׁ֥ר בַּחֹ֖שֶׁךְ הִגָּל֑וּ עַל־דְּרָכִ֣ים יִרְע֔וּ וּבְכׇל־שְׁפָיִ֖ים מַרְעִיתָֽם׃
BernfeldDen Gefesselten zuzurufen: Gehet hinaus, zu denen, die in finstern [Kerkern] schmachten: Kommet hervor! Auf Straßen sollen sie weiden, und auf allen Berg spitzen sei ihre Trift.
ZunzDaß gesprochen werde zu den Gefesselten: Gehet hinaus! zu denen im Finstern: Zeiget euch! Auf Straßen sollen sie weiden, und auf allen Bergspitzen sei ihre Trift.
J. J. HirschUm zu den Gefangenen zu sagen, gehet heraus, zu den im Dunkel Befindlichen, tretet offen hervor! An den Wegen werden sie weiden und auf allen Gipfeln ist ihre Trift.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9—12. Damit aber ist auch für Gott die Zeit gekommen, לאמר וגו' Israels Exil zu beenden und es frei und offen der lichten Zukunft zuzuführen, die seiner im Heimatlande harrt. Die Wege dahin hat Gott Israels Söhnen geebnet; und überall finden sie seine fürsorgende Hand, die ihnen alles entgegenbringt, wessen sie bedürfen, und sie vor jeder Enttäuschung — שרב — und Gefährdung — שמש — bewahrt. שרב ist oben Kap. 35, 7 eingehend erläutert. S. das.

ושמתי כל הרי לדרך. Es wird Israel dann nicht schwer werden, הרי den Gipfel seiner ihm von mir gestellten Aufgabe zu erreichen, ומסלתי hat es doch endlich die zu mir führenden Bahnen betreten, ירמון (mit die Person betonendem ן) sie erheben sich von selbst und bringen es zur Höhe seiner Bestimmung. — הנה אלה וגו'. So kehren sie endlich alle heim aus allen Weltgegenden. מרחוק kann die am weitesten von Palästina örtlich Entfernten bezeichnen, kann aber auch auf die hinweisen, deren Entfernung aus dem Heimatlande zeitlich am weitesten zurückliegt, die zehn Bruderstämme Israels, deren Heimkehr ja, wie oben Kap. 11, 11 u. f. offenbart ist, gleichzeitig mit den über sechshundert Jahre später in die Verbannung Gegangenen, „den Zerstreuten Judas“, erfolgen wird. S. das. — מארץ סינים: Vielleicht aus dem östlichsten China.

10
לֹ֤א יִרְעָ֙בוּ֙ וְלֹ֣א יִצְמָ֔אוּ וְלֹא־יַכֵּ֥ם שָׁרָ֖ב וָשָׁ֑מֶשׁ כִּֽי־מְרַחֲמָ֣ם יְנַהֲגֵ֔ם וְעַל־מַבּ֥וּעֵי מַ֖יִם יְנַהֲלֵֽם׃
BernfeldSie werden nicht hungern und nicht dursten, Glut und Sonne soll sie nicht belästigen; denn der, der sich ihrer erbarmt, führet sie an, und an Wasserquellen leitet er sie.
ZunzSie werden nicht hungern und nicht dursten, und es trifft sie nicht Glut und Sonne; denn ihr Erbarmer führet sie, und an Wasserquellen leitet er sie.
J. J. HirschNicht hungern werden sie und nicht dürsten, es wird sie nicht treffen Wasserspiegelung und Sonne, denn der sich ihrer erbarmt, leitet sie und führet sie an Wasserquellen.
11
וְשַׂמְתִּ֥י כׇל־הָרַ֖י לַדָּ֑רֶךְ וּמְסִלֹּתַ֖י יְרֻמֽוּן׃
BernfeldIch werde alle Berge zu graden Wegen machen, meine Straßen werden geebnet sein.
ZunzUnd ich werde all meine Berge zur Bahn machen, und meine Straßen werden erhöhet.
J. J. HirschUnd ich werde alle meine Berge zum Wege machen, und meine Straßen, die erheben sich von selbst!
12
הִנֵּה־אֵ֕לֶּה מֵרָח֖וֹק יָבֹ֑אוּ וְהִֽנֵּה־אֵ֙לֶּה֙ מִצָּפ֣וֹן וּמִיָּ֔ם וְאֵ֖לֶּה מֵאֶ֥רֶץ סִינִֽים׃
BernfeldDiese kommen von fern und jene vom Norden und vom Westen und jene vom Lande Sinim [Chinas].
ZunzSiehe, diese kommen von fern, und siehe, diese von Mitternacht und vom Abend, und diese vom Lande Sinim.
J. J. HirschSiehe diese, sie kommen aus der Ferne, und diese von Norden und von Westen, und diese aus dem Lande Sinnim.
13
רׇנּ֤וּ שָׁמַ֙יִם֙ וְגִ֣ילִי אָ֔רֶץ (יפצחו) [וּפִצְח֥וּ] הָרִ֖ים רִנָּ֑ה כִּֽי־נִחַ֤ם יְהֹוָה֙ עַמּ֔וֹ וַעֲנִיָּ֖יו יְרַחֵֽם׃ {ס}
BernfeldJauchze, du Himmel, und frohlocke, Erde, brechet, ihr Berge, in Jauchzen aus, denn der Herr tröstet sein Volk, und einer Armen erbarmt er sich.
ZunzJauchzet, ihr Himmel, und frohlocke, o Erde, und brechet, ihr Berge, in Jauchzen aus! denn der Ewige tröstet sein Volk, und seiner Armen erbarmt er sich.
J. J. HirschJauchzet ihr Himmel und frohlocke Erde und brechet in Jubel aus Berge, denn getröstet hat Gott sein Volk und wird sich seiner Armen erbarmen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. רנו שמים. Mit dieser Erlösung und Heimkehr Israels aus dem Exile hat nicht allein der allbarmherzige Gott נחם ד' עמו (Prät.) seinem Volke endlich Trost für alles gewährt, was es seit Jahrtausenden gelitten, sondern auch zugleich die Heilszeit für die Allmenschheit anbrechen lassen, ועניו und seiner Armen, d. h. der Leidenden der Allmenschheit, ירחם (Futur.) wird er sich nun dauernd erbarmen. Der Gottesgedanke und die Rechtsidee, die durch Israel unter die Menschheit gedrungen ist, wird nun, von Zion aus weiter gepflegt und gelehrt, immer mehr Platz greifen auf Erden. Damit erblüht auch für die Menschheit das Glück und das Heil. Vgl. das oben zu Kap. 2, 2 u. f., sowie zu Kap. 11, 9 und 10 Bemerkte.

Mit dieser Erlösung der Menschheit von dem Unrecht und mit der Rückkehr zu ihrer ursprünglich sittlich reinen Bestimmung geht aber ein Wiederaufblühen, eine Verjüngung der Natur Hand in Hand. Gehemmt in ihrer Entwicklung ward die Erde ארורה האדמה בעבורך (1. B. M. 3, 17) um des Menschen willen, um ihn, der dem göttlichen Gesetze den Gehorsam verweigert hatte, durch Entsagung zu bessern, בעצבון תאכלנה, zur Gesetzestreue zu erziehen. Erst wenn die Menschheit sich dem Willen Gottes huldigend beugt, und hiermit für sie die Ära der sittlichen und sozialen Gesundung und des Heils beginnt, wird auch das Hemmnis beseitigt, welches bis dahin die Entwicklung der Naturwelt zu paradiesischer Blüte gehindert hatte. Diesem Gedanken begegnen wir überall in der heiligen Schrift, wo auf die einstige Heileszeit auf Erden hingewiesen wird. S. darüber Komm. zu Ps. 96, 11; ישמחו השמים ותגל הארץ und das oben zu רנו שמים וגו' Kap. 44, 23 Bemerkte. Bedeutsam dürfte hier die Schreibweise von יפצחו: ופצחו הרים רנה sein. Während das ופצחו קרי: die Heischform ist, besagt das כתיב: יפצחו als Futurum: es bedarf gar nicht erst der Aufforderung, die Natur bricht spontan, aus eigener Initiative in Jubel aus, sie freut sich, daß der so lange auf ihr ruhende Unsegen beseitigt ist.

Haftarah Ekew Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten, Italiener, Romanioten, Karäer, Tripolis (Libyen) und Syrakus (erloschen) beginnen hier.Romanioten: abweichend: Jeschajahu 49,1 – 51,3
14
וַתֹּ֥אמֶר צִיּ֖וֹן עֲזָבַ֣נִי יְהֹוָ֑ה וַאדֹנָ֖י שְׁכֵחָֽנִי׃
BernfeldZijon spricht: Der Herr hat mich verlassen, der Herr hat mein vergessen.
ZunzUnd Zijon spricht: Der Ewige hat mich verlassen, und der Herr mein vergessen.
J. J. HirschUnd da sprach Zion, Gott hat mich verlassen und mein Herr meiner vergessen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. ותאמר ציון mit Bezugnahme auf oben V. 4 ואני אמרתי וגו': Und dennoch gab es Zeiten, in denen Zion zaghaft geworden an dem Gelingen seiner Mission — עזבני — und an der Erfüllung der göttlichen Verheißung — שכחני — verzweifeln wollte.

15
הֲתִשְׁכַּ֤ח אִשָּׁה֙ עוּלָ֔הּ מֵרַחֵ֖ם בֶּן־בִּטְנָ֑הּ גַּם־אֵ֣לֶּה תִשְׁכַּ֔חְנָה וְאָנֹכִ֖י לֹ֥א אֶשְׁכָּחֵֽךְ׃
BernfeldVergisst eine Frau ihren Säugling, aß sie sich nicht erbarmte des Sohnes ihres Leibes? Und ob auch diese solches vergäße — so will ich nicht dein vergessen.
ZunzVergißt ein Weib ihres Säuglings, daß sie nicht sich erbarmte des Sohnes ihres Leibes? Und ob diese vergäße — so will ich nicht dein vergessen.
J. J. HirschWird wohl eine Frau ihres Säuglings vergessen, sich des Kindes ihres Schoßes nicht erbarmen? Mögen auch diese vergessen, ich aber werde deiner nicht vergessen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15. 16. התשכח וגו' weist mit den innigsten Liebesworten die Möglichkeit zurück, daß Gott je Zions vergessen könnte. Noch unzerreißbarer sind die Beziehungen Gottes zu Zion als die Bande, welche eine Mutter mit ihrem zärtlich geliebten Kinde verknüpfen. — על כפים חקתיך. Während יד die gestreckte, tätige Hand bezeichnet, ist כף die gebogene, den Besitz festhaltende Hand. Mir gehört die Allmenschheit, sie ist der Besitz, an dem ich festhalte, den ich mir nicht entreißen lasse — s. oben das zu V. 8 Bemerkte; — ihr Heil zu begründen dadurch, daß ich sie zu mir zurückführe, ist das Ziel meiner Waltung. Dir, Zion, der Idealgestaltung der jüdischen Nation, wie sie sein sollte und werden wird, dem Gottesstaate, in welchem das Recht und die Humanität und die Sittlichkeit herrscht, soll einst die Gesamtmenschheit ähnlich sein. Du, Zion, bist das Vorbild, das meiner Weltleitung vor Augen schwebt, und darum sind חומתיך וגו' deine „Mauern“, d. h. alles, was zu deinem Wiederaufbau führt und dich schützend zu umgeben bestimmt ist, meiner Waltung in jedem Augenblicke gegenwärtig. — חומתיך נגדי תמיד wie וכסאו כשמש נגדי (Ps. 89, 37; s. Komm. das.) — Es ist der strikteste Gegensatz zu ואדנ' שכחני, es birgt die trostreichste Verheißung für alle Zeiten der Diaspora in sich und bringt allen denen, die für die Erhaltung und Festigung des Thorageistes im jüdischen Volke wirken, die Gewißheit, daß ihren Bestrebungen die Aufmerksamkeit Gottes fürsorgend zugewandt ist.

16
הֵ֥ן עַל־כַּפַּ֖יִם חַקֹּתִ֑יךְ חוֹמֹתַ֥יִךְ נֶגְדִּ֖י תָּמִֽיד׃
BernfeldAuf den Händen habe ich dich eingegraben, deine Mauern sind mir beständig vor Augen.
ZunzSiehe, auf den Händen hab' ich dich eingegraben, deine Mauern sind mir beständig vor Augen.
J. J. HirschSiehe, auf den Händen trage ich dich eingezeichnet, deine Mauern sind stets mir gegenwärtig.
17
מִהֲר֖וּ בָּנָ֑יִךְ מְהָֽרְסַ֥יִךְ וּמַחֲרִיבַ֖יִךְ מִמֵּ֥ךְ יֵצֵֽאוּ׃
BernfeldDeine Kinder eilen herbei, aber deine Zerstörer und Verwüster ziehen fort von dir.
ZunzHerbei eilen deine Kinder, deine Zerstörer und Verwüster ziehen fort von dir.
J. J. HirschZu eilig hatten es deine Söhne — als die dich Niederreißenden und dich Zerstörenden müssen sie aus dir ausscheiden!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17. Viele freilich deiner Kinder haben sich dir entfremdet. Die als Folge gewissenhafter Hut des göttlichen Gesetzes verheißene Erlösung blieb ihnen zu lange aus, sie verloren die Geduld und sahen in der Thora die Ursache des Galuth-Druckes. Je rascher sie sich von ihr emanzipierten, um so schneller wähnten sie der befriedigenden Erlösung teilhaftig zu werden. Nach ihrer Meinung war noch zu viel von „Zion“ erhalten, diesen Rest vollends niederzureißen מהרסיך betrachteten sie als ihre Aufgabe, und in Konsequenz davon suchten sie ständig den Ruin dessen herbeizuführen ומחריביך, was die Gottestreuen für den Wiederaufbau Zions, für die Belebung und Erstarkung des Thorageistes schafften. — ממך יצאו (Futurum): sie müssen, das ist von Gott ausgehende Bestimmung, als die dich zerstörenden und deinen Wiederaufbau hemmenden Elemente erst aus deiner Mitte ausscheiden, ehe Gott die Rekonstruierung deiner Selbständigkeit in die Wege leitet.

18
שְׂאִֽי־סָבִ֤יב עֵינַ֙יִךְ֙ וּרְאִ֔י כֻּלָּ֖ם נִקְבְּצ֣וּ בָֽאוּ־לָ֑ךְ חַי־אָ֣נִי נְאֻם־יְהֹוָ֗ה כִּ֤י כֻלָּם֙ כָּעֲדִ֣י תִלְבָּ֔שִׁי וּֽתְקַשְּׁרִ֖ים כַּכַּלָּֽה׃
BernfeldErhebe rings deine Augen und siehe, wie sie sich da alle sammeln und zu dir kommen. So wahr ich lebe! — spricht der Herr, — dass du sie alle wie einen Schmuck anlegen wirst, und sie dir umbinden, wie einen Kranz.
ZunzErhebe-rings deine Augen, und siehe, sie alle sammeln sich, kommen zu dir. So wahr ich lebe! — ist der Spruch des Ewigen, — daß du sie alle wie einen Schmuck anlegen wirst, und sie dir umwinden, wie eine Braut.
J. J. HirschErhebe jetzt deine Augen ringsum und sieh, sie alle versammeln sich, sie kommen dir wieder! „So wahr ich lebe,“ spricht Gott, „mit ihnen allen wirst du wie mit einem Geschmeide dich bekleiden und wirst sie an dich knüpfen wie eine Braut.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 18. שאי וגו'. Jetzt hingegen, bei der V. 12 verkündeten Heimkehr deiner Kinder aus allen Weltfernen, schaue sie an, Zion, כלם sie alle, auch die dir einst Entfremdeten, sie kommen לך als die Deinen, sie haben den Weg zu dir gefunden. חי אני: Gott ist es, der dies bezeugt, du hast dich ihrer nicht nur nicht zu schämen, sie, die dir wieder Geschenkten, werden dein herrlichster Schmuck, sie sind das bräutliche Geschmeide, mit dem dein Gott dich wiederum sich für alle Ewigkeit antraut; fortan gehören sie dir und bleiben dir in unwandelbarer Treue verbunden.

19
כִּ֤י חׇרְבֹתַ֙יִךְ֙ וְשֹׁ֣מְמֹתַ֔יִךְ וְאֶ֖רֶץ הֲרִסֻתֵ֑ךְ כִּ֤י עַתָּה֙ תֵּצְרִ֣י מִיּוֹשֵׁ֔ב וְרָחֲק֖וּ מְבַלְּעָֽיִךְ׃
BernfeldDie jetzigen Trümmer, deine öden Plätze und dein zerstörtes Land — bald wirst du es da zu eng haben vor Bewohnern; es werden sich entfernen deine Verderber.
ZunzDenn deine Trümmer und deine öden Plätze, und dein zerstörtes Land — ja, jetzt wirst du es zu eng haben vor Bewohnern, und es werden entfernt deine Verderber.
J. J. HirschDenn was bei dir in Trümmer und Verödung verfiel und das Land war dein Ruin. Wenn du jetzt den Bewohnern zu enge wirst, so werden doch fern bleiben, die dich zu vernichten drohten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 19. In der „Einleitung zum Jesaias“, (Ges. Schriften II Seite 330) lautet die Übersetzung der ersten Hälfte dieses Verses: „Denn was bei dir in Trümmer und in Verödung ging, das war zugleich der Boden deines eigenen Zusammensturzes.“ Erklärend wird hinzugefügt: „Es ging in Israel nur das in Trümmer, was es selbst seinem göttlichen Berufe entfremdet hatte.“ — Das „ו“ von וארץ scheint als Bezeichnung für die Identität mit dem Vorhergehenden, und ארץ selbst in übertragenem Sinne, genommen zu sein.

Wir wagen die Vermutung auszusprechen, daß vielleicht וארץ in der gewöhnlichen Bedeutung von „und das Land“ zu nehmen sein dürfte und status absolutus sei, da es ohnehin einen trennenden Akzent, ein טפחא hat, הרסתך wäre dann Apposition zu חרבתיך ושממתיך וארץ. Dem entsprechend haben wir auch übersetzt. Als Sinn ergibt sich dann: Dein Staat mußte zerfallen, dein verkehrreiches Städteleben veröden, dein Land mußtest du verlassen, weil dein Staat nicht eine Mustergründung sein wollte, in der das göttliche Rechtsideal zur Herrschaft gelangt, sondern nur Macht und irdische Größe ehr- und herrschsüchtig erstrebte; weil in deinem bürgerlichen Leben nicht neben dem Rechte auch der Billigkeit in dem von Gott geforderten Maße Rechnung getragen wurde (vgl. Baba Mezia 30 b: לא חרבה ירושלים אלא על שדנו בה דין תורה וגו' ולא עבדו לפנים משורת הדין), sondern Egoismus, die Sucht nach Reichtum und Genuß die herrschenden Prinzipien waren, und der üppige Bodenwuchs des Landes, statt dir die Mittel zu besserer Erfüllung deiner Pflichten zu liefern, nur dazu diente, dich zu verweichlichen und verderbliche Leiden= schaften zu erzeugen. So wirkten diese drei Faktoren schädigend auf dich ein, sie waren הרסתך dein Ruin, weil sie dich deinem von Gott bestimmten Berufe entfremdeten.

כי עתה וגו'. Wenn jetzt deine Kinder in so großer Zahl zu dir heimkehren, daß allem Anschein nach kein Platz mehr vorhanden, so ist doch unter ihnen allen keiner, der nicht von dem Geiste des Rechts, der Menschenliebe und Sittlichkeit durch und durch so erfüllt wäre, daß selbst die reichste Fülle der Spenden des Heimatlandes seinem Charakter und seiner Pflichttreue eine Schädigung bringen könnte. Diese Veredelung des Charakters und der Gesinnung der aus der Diaspora Heimkehrenden wird im folgenden Verse an einer Tatsache in Exemplifikation gezeigt:

20
ע֚וֹד יֹאמְר֣וּ בְאׇזְנַ֔יִךְ בְּנֵ֖י שִׁכֻּלָ֑יִךְ צַר־לִ֥י הַמָּק֖וֹם גְּשָׁה־לִּ֥י וְאֵשֵֽׁבָה׃
BernfeldDereinst werden die Kinder, deren du bisher beraubt warst, vor deinen Ohren sprechen: Zu eng ist mir der Ort; mach mir Platz, dass ich mich auch hinsetze.
ZunzFortan werden sprechen vor deinen Ohren die Kinder deiner Verwaisung: Zu eng ist mir der Ort, geh' mir hinweg, daß ich wohnen mag.
J. J. HirschNoch werden vor deinen Ohren die Kinder, deren du beraubt warst, sprechen: „Gar enge freilich ist für mich der Raum, doch tritt nur zu mir heran, so will ich mich setzen.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 20. צר לי וגו'. „Enge ist mir der Platz“ — sagt der zuerst Angekommene zu dem später Eintreffenden —, aber deshalb brauchst du dich nicht zu entfernen, im Gegenteil — גשה לי mit dem ה der Bitte oder des Wunsches — „tritt doch, bitte, näher an mich heran“; ואשבה (mit dem gleichen ה) „ich möchte mich niederlassen,“ und das kann ich nicht eher, als bis auch du Platz genommen hast. Darin aber bekundet sich die Hochherzigkeit und Selbstlosigkeit und der Adel der Gesinnung, zu welchem die Thora ihre Bekenner erziehen will. Darin

21
וְאָמַ֣רְתְּ בִּלְבָבֵ֗ךְ מִ֤י יָֽלַד־לִי֙ אֶת־אֵ֔לֶּה וַאֲנִ֥י שְׁכוּלָ֖ה וְגַלְמוּדָ֑ה גֹּלָ֣ה ׀ וְסוּרָ֗ה וְאֵ֙לֶּה֙ מִ֣י גִדֵּ֔ל הֵ֤ן אֲנִי֙ נִשְׁאַ֣רְתִּי לְבַדִּ֔י אֵ֖לֶּה אֵיפֹ֥ה הֵֽם׃ {פ}
BernfeldDu wirst dich dann fragen: Wer hat mir diese geboren? Ich bin ja der Kinder beraubt und vereinsamt gewesen, verwiesen und verstoßen, und diese — wer hat sie großgezogen? Ich war allein übrig, und diese da, wo waren sie bisher?
ZunzUnd du wirst sprechen in deinem Herzen: Wer hat mir diese geboren? Ich bin ja verwaiset und vereinsamt, verwiesen und verstoßen, und diese — wer hat sie groß gezogen? Siehe, ich war allein übrig; diese, wo waren sie?
J. J. HirschDann wirst du in deinem Herzen sprechen: Wer hat mir diese geboren? Ich war doch der Kinder beraubt und vereinsamt, war verbannt und gemieden! Wer hat denn diese erzogen? Ich war doch ganz mit mir allein geblieben, wo waren diese?
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 21. zeigt sich ein solch völliger Umschwung der früheren Denkweise, daß die heimgekehrten Kinder Zion als neugeboren erscheinen und Zion beglückten Herzens zu sich spricht: Wer hat mir diese geboren, ich hatte doch meine Kinder verloren. Ich war ja selbst meiner eigenen Freiheit beraubt; ganz verlassen, konnte ich nichts für sie tun, wer hat diese erzogen und zu solch edler Gesinnung herangebildet? Ganz allein war ich geblieben, wo waren denn diese? (אלה איפה הם: איפה wo, wie איפה היית ביסדי ארץ (Job 38, 4) wo warst du u. s. w. Es liegt kein zwingender Grund vor, es als „woher“ zu nehmen.)

V. 22 beantwortet zuerst die letzte Frage: Wo sie waren? Unter „Staaten und Völker“ — nicht הגוים und nicht העמים — waren sie verteilt, es war ihre Aufgabe, die Menschen in ihrem internationalen Verkehr und in ihrer Gestaltung nach innen für die Gottesidee zu gewinnen. Dies haben sie vollbracht, und auf einen Wink von mir bringen sie nun deine Kinder heim zu dir. Mit ungemeinem Zartsinn wird der Einfluß, den die Innigkeit und Reinheit des jüdischen Familienlebens auf die Gewinnung der Menschheit für die Gottesidee ausgeübt hat, besonders hervorgehoben durch die Worte „und deine Töchter werden auf der Schulter getragen werden“. Dem stillen, keuschen, sittigenden Walten des jüdischen Weibes erkennt die Menschheit den Hauptanteil an dieser segensreichen Gestaltung des jüdischen Hauses zu und darum hält sie „deine Töchter“ so hoch.

22
כֹּה־אָמַ֞ר אֲדֹנָ֣י יֱהֹוִ֗ה הִנֵּ֨ה אֶשָּׂ֤א אֶל־גּוֹיִם֙ יָדִ֔י וְאֶל־עַמִּ֖ים אָרִ֣ים נִסִּ֑י וְהֵבִ֤יאוּ בָנַ֙יִךְ֙ בְּחֹ֔צֶן וּבְנֹתַ֖יִךְ עַל־כָּתֵ֥ף תִּנָּשֶֽׂאנָה׃
BernfeldAlso spricht Gott, der Herr: Ich erhebe zu den Völkern meine Hand, und den Nationen stelle ich auf mein Panier, dass sie deine Söhne dir herbeibringen im Busen, und deine Töchter sollen auf der Schulter getragen werden.
ZunzAlso spricht Gott, der Herr: Siehe, ich erhebe zu den Völkern meine Hand, und den Nationen stell' ich auf mein Panier, daß sie bringen deine Söhne im Busen, und deine Töchter sollen auf der Schulter getragen werden.
J. J. HirschSo hat der Herr, der auch in Rechtwaltung seine Liebe betätigende Gott gesprochen: Seht, ich hebe zu Nationen meine Hand hin und zu Völkern erhebe ich mein Panier, und sie bringen deine Söhne heim auf dem Arm und deine Töchter werden auf der Schulter getragen werden.
23
וְהָי֨וּ מְלָכִ֜ים אֹמְנַ֗יִךְ וְשָׂרֽוֹתֵיהֶם֙ מֵינִ֣יקֹתַ֔יִךְ אַפַּ֗יִם אֶ֚רֶץ יִשְׁתַּ֣חֲווּ לָ֔ךְ וַעֲפַ֥ר רַגְלַ֖יִךְ יְלַחֵ֑כוּ וְיָדַ֙עַתְּ֙ כִּי־אֲנִ֣י יְהֹוָ֔ה אֲשֶׁ֥ר לֹא־יֵבֹ֖שׁוּ קֹוָֽי׃ {ס}
BernfeldKönige sollen deine Wärter sein und ihre Fürstinnen deine Ammen; mit dem Angesicht zur Erde sollen sie sich vor dir bücken, und den Staub deiner Füße lecken; du wirst erfahren, dass ich der Herr bin, der ich nicht beschämt werden lasse alle, die auf mich hoffen.
ZunzUnd Könige sollen deine Wärter seyn und ihre Fürstinnen deine Ammen; mit dem Angesicht zur Erde bücken sie sich vor dir, und den Staub deiner Füße sollen sie lecken, und du sollst erfahren, daß ich der Ewige bin, der ich nicht beschämt werden lasse, die auf mich hoffen.
J. J. HirschDann sind Könige deine Erzieher gewesen und ihre Fürstinnen deine Ammen. Das Angesicht zur Erde werden sie sich [nun] vor dir niederwerfen, und den Staub deiner Füße werden sie einschlucken. Dann wirst du erkennen, daß ich Gott bin, daß nicht getäuscht werden die auf mich hoffen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 23. וְהָיוּ וגו'. והיו mit einem Waw kopulativum, wie והיה ראשיתך מצער וגו' (Job 8, 7) dann war dein Anfang gering u. s. w.; ונכבשה הארץ וגו' והייתם נקים וגו' (4. B. M. 32, 22) und das Land bezwungen ist u. s. w. und ihr von eurer Pflicht frei geworden seid u. s. w. und sonst.

Zions zweite Frage „wer ihre Kinder erzogen“ beantwortet והיו מלכים וגו'. Es stellt sich heraus, daß, was alle Warnungen und Ermahnungen nicht hatten zuwege bringen können, nämlich Israel zum Begreifen seiner hehren Bestimmung zu erziehen, die Macht der von Gott gestalteten Galuth-Verhältnisse bewerkstelligt hatte: Könige der Israel unterdrückenden Völker waren — allerdings sich dessen unbewußt und gar häufig unter dem Einfluß „ihrer Fürstinnen“ handelnd — deine Erzieher! Königswillkür und Weiberherrschaft waren so lange Mittel in Gottes Hand, um Zions Kinder zum treuen Gehorsam gegen das göttliche Gesetz zu erziehen.

אפים וגו'. Jetzt aber beugen auch sie sich huldigend dem auf Zion thronenden Gottesworte und suchen, dem ihnen voranwandelnden Israel folgend, dort Belehrung, wie dieses oben Kap. 2, 3—5 bereits verkündet ist. S. das zu לכו ונלכה dort Bemerkte. Das dürfte mit ועפר רגליך ילחכו bildlich ausgedrückt sein: Wer einer ihm vorausziehenden Menschenmenge folgt, schluckt den Staub ein, den ihre Füße aufwirbeln. Vielleicht ist auch Micha 7, 17 so aufzufassen. — Über לחך s. Komm. zu 4. B. M. 22, 4, wo es ebenfalls als „aufschlucken“ genommen wird. Überhaupt scheint uns לחך nicht völlig synonym mit לקק zu sein, das nur das wirkliche Auflecken bedeutet, während לחך eigentlich dieses mehr in übertragenem Sinne heißen dürfte, da auch Ps. 72, 9: ואויביו עפר ילחכו und selbst das eben zitierte Micha 7, 17: ילחכו עפר כנחש nur bildlich zu nehmen ist und das Kriechen der Schlange im Staube als Gleichnis nimmt. S. darüber Komm. zu 1. B. M. 3, 14.

וידעת כי אני ד' וגו' beantwortet die Frage: Wer hat mir diese geboren? Ich, Gott, der durch diese dir geborenen Söhne die Vater Abraham 1. B. M. 12, 3 gewordene Verheißung „und es werden durch dich alle Familien des Erdbodens gesegnet werden“ erfüllt.

24
הֲיֻקַּ֥ח מִגִּבּ֖וֹר מַלְק֑וֹחַ וְאִם־שְׁבִ֥י צַדִּ֖יק יִמָּלֵֽט׃ {ס}
BernfeldWird dem Helden die Beute abgejagt, [fragen die Kleinmütigen in Babel], oder wird sich der Gefangene eines Mächtigen freimachen können?
ZunzWird dem Helden die Beute genommen, oder wird des Siegers Fang entrinnen?
J. J. HirschWird wohl sonst dem Helden die Beute entrissen oder der Gefangene, weil er gerecht ist, gerettet?!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 24. 25. Denn daß Ich, Gott, es bin, der diesen völligen Umschwung in den Ansichten der Menschheit vollzogen habe, ist für alle Welt sichtbar. Entspricht es wohl dem „natürlichen“ Laufe der Weltgeschichte, daß der Schwache und Wehrlose, dessen sich der Starke bemächtigt hatte, aus seiner umklammernden Gewalt befreit wird und der Gewaltige gar noch sein Unrecht zugesteht? Daß es jetzt mit „deinen Söhnen“ so geschieht, daß sie, die so lange Unterdrückten, ihre Unterdrücker überdauerten, sie, die so lange als rechtlos Verfehmten, zu ihrem Rechte gekommen sind, das bekundet mit vollster Evidenz, daß ich der Vertreter ihres Rechts, daß ich ihr Helfer bin.

25
כִּי־כֹ֣ה ׀ אָמַ֣ר יְהֹוָ֗ה גַּם־שְׁבִ֤י גִבּוֹר֙ יֻקָּ֔ח וּמַלְק֥וֹחַ עָרִ֖יץ יִמָּלֵ֑ט וְאֶת־יְרִיבֵךְ֙ אָנֹכִ֣י אָרִ֔יב וְאֶת־בָּנַ֖יִךְ אָנֹכִ֥י אוֹשִֽׁיעַ׃
BernfeldAlso spricht der Herr: Auch des Helden Fang wird ihm abgejagt und des Gewaltigen Beute entrinnen; mit deinen Widersachern werde ich hadern, und deine Kinder werde ich retten.
ZunzDenn also spricht der Ewige: Auch des Helden Fang wird ihm genommen, und des Gewaltigen Beute entrinnen, und mit deinen Widersachern hadre ich, und deine Kinder werd' ich retten.
J. J. HirschDenn also hat Gott gesprochen: Sogar dem Helden wird solch ein Gefangener entrissen und die Beute des Gewaltigen errettet werden, bekämpfe Ich doch den gegen dich Kämpfenden, und deinen Söhnen helfe Ich.
26
וְהַאֲכַלְתִּ֤י אֶת־מוֹנַ֙יִךְ֙ אֶת־בְּשָׂרָ֔ם וְכֶעָסִ֖יס דָּמָ֣ם יִשְׁכָּר֑וּן וְיָדְע֣וּ כׇל־בָּשָׂ֗ר כִּ֣י אֲנִ֤י יְהֹוָה֙ מֽוֹשִׁיעֵ֔ךְ וְגֹאֲלֵ֖ךְ אֲבִ֥יר יַעֲקֹֽב׃ {ס}
BernfeldDeinen Bedrückern gebe ich ihr eigenes Fleisch zu essen, und wie in Most sollen sie in ihrem Blut sich berauschen, alle Geschöpfe werden erkennen, dass ich, der Herr, dein Retter und dein Erlöser. bin, der Schutzhort Jakobs.
ZunzUnd zu essen geb' ich deinen Bedrückern ihr Fleisch, und wie in Most sollen sie in ihrem Blute sich berauschen, und erkennen soll alles Fleisch, daß ich, der Ewige, bin dein Retter und dein Erlöser, der Schutzhort Jaakob's.
J. J. HirschIndem ich deine Unterdrücker ihr eigenes Fleisch verzehren lasse, und, als wäre es Most, sie sich an ihrem eigenen Blute berauschen werden, wird alles was Fleisch ist, erkennen, daß Ich Gott, dein Retter bin und dein Erlöser die Schwungkraft Jakobs!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 26. מוניך von der Wurzel ינה, deren Bedeutung im Hifil ist: Jemand an materiellen oder ideellen Gütern rechtswidrig kürzen, ihm durch Wort oder Handlung unrecht tun, also kränken, drücken, schädigen. Etym. s. Komm. zu 2. B. M. 22, 20. — עסים: Fruchtsaft überhaupt, wie Hohel. 8, 2: מעסים רמני. Hier und Joel 1, 5: Traubenmost bezw. junger Wein, dessen noch süßer Geschmack über seine stark berauschende Wirkung täuscht.

Die Erfahrung wird Israels Unterdrücker lehren, daß, wenn sie glaubten, Israel zu verzehren, ihr eigenes Fleisch es war, was sie verzehrten. In Israels Blut wähnten sie zu schwelgen und als solches schmeckte es ihnen süß, — ihr eigenes Blut aber war es, und die sinnverwirrende Wirkung blieb nicht aus. „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!“ Der Mächtige, der das wehrlose Israel seines Rechts beraubt und vergewaltigt, entzieht damit den eigenen Füßen die Basis, auf der er steht — er räumt dadurch einem jeden, der stärker ist als er, das Recht ein, ihn zu stürzen. Lebensfreude und Genuß für sich sucht er durch Zerstörung von Israels Existenz zu erpressen und — verblutet selbst dabei. Israel aber überdauert ihn, wie es noch alle überdauert hat, die es vernichten wollten. So wird es aller Welt klar werden, daß Gott sein Retter und Erlöser, ja mehr als dieses, אביר יעקב „die Schwungkraft Jakobs“ ist — s. Komm. zu 1. B. M. 49, 24 —, daß er das jüdische Volk auch im Jakobs-Geschicke hoch empor gehalten über Versumpfung und Verrohung, die es gar oft umgab, daß er seinem redlichen Charakter die sittliche Kraft verliehen, nicht über all die Fallstricke der Judengesetze zu straucheln und, sich in deren Fußangeln verfangend, zu fallen.

Damit schließt der herrliche Ausblick auf die endliche Erlösung, welchen Gott dem Auge des Propheten für die ferne tröstliche Zukunft seines Volkes eröffnet hatte, wie wir dies in der Einleitung zu diesem Kapitel erwähnt haben.