Jeschajahu 6 ישעיהו

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Haftarot in diesem Kapitel: Jitro
Haftarah Jitro Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten, Italiener, Chabad, Posen (erloschen), Algier, Syrakus (erloschen) und Italiener (Liste Ginzburg) beginnen hier.
1
בִּשְׁנַת־מוֹת֙ הַמֶּ֣לֶךְ עֻזִּיָּ֔הוּ וָאֶרְאֶ֧ה אֶת־אֲדֹנָ֛י יֹשֵׁ֥ב עַל־כִּסֵּ֖א רָ֣ם וְנִשָּׂ֑א וְשׁוּלָ֖יו מְלֵאִ֥ים אֶת־הַהֵיכָֽל׃
BernfeldIm Todesjahre des Königs Usija sah ich den Herrn sitzen auf hohem und erhabenem Thron, und seine Schleppen erfüllten den Tempel.
ZunzIm Todesjahre des Königs Usijahu, da sah ich den Herrn sitzen auf hohem und erhabenem Thron, und seine Schleppen erfüllten den Tempel.
J. J. HirschIm Sterbejahre des Königs Usijahu da sah ich meinen Herrn sitzend auf einem Throne, der hoch und gehoben war und dessen Säume erfüllten den Tempel.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 6. V. 1. בשנת מות וגו'. In Übereinstimmung mit dem ersten Verse dieses Buches, welcher von Jesaias Wirksamkeit auch während der Tage Usijahus spricht, lehrt die Überlieferung, daß hier nicht das wirkliche Todesjahr als Beginn der Prophetie Jesaias gemeint ist, sondern das Jahr, in welchem Usijahu, wie dies 2. Chron. 26, 16—22 berichtet wird, vom „Gottesfinger berührt“ aussätzig wurde und sich in der Leitung der Regierung durch seinen Sohn Jotham während seiner ganzen übrigen Lebenszeit vertreten lassen mußte.

Sowohl die einschlägigen Gesetzesbestimmungen im ספרי und Jebamoth 103, b, als auch Sanhedr. 47, a der Hinweis auf die Worte Aarons 4. B. M. 12, 12 lassen die Bezeichnung eines dauernd vom Aussatze Befallenen als eines Verstorbenen zur Genüge begreifen.

König Usijahu, dessen Gesetzestreue und Gewissenhaftigkeit wiederholt betont wird, hatte durch Tapferkeit und mit großen strategischen Kenntnissen ausgerüstet, staunenerregende kriegerische Erfolge erzielt, außerdem es verstanden, durch rationellen Ackerbau und Viehzucht in Judäa die materiellen Interessen seines Volkes in ungeahnter Weise zu fördern. „Da drang sein Name bis in weite Fernen, denn wunderbar war der ihm gewährte Beistand [Gottes], so daß er stark wurde. Aber mit seiner Stärke ward sein Herz stolz bis zur Verderbtheit, so daß er Gott, seinem Gotte die Treue brach und in den Tempel Gottes drang, um auf dem Altare des Räucherwerks zu opfern“, wie es in der zitierten Stelle heißt. Bei diesem dem krafterfüllten Recken von trunkenem Siegeshochmute eingegebenen Unterfangen, sich die Priesterwürde anzumaßen, zeichnete Gott seine Stirne mit plötzlich ausbrechendem Aussatze, und die Erde erbebte, so daß das Volk entsetzt die Nähe des Gottesheiligtums floh, wie es Secharja 14, 5 berichtet wird (s. auch Amos 1, 1). Ihn aber scheuchten die Priester zum Tempel hinaus — „aber auch er selbst fühlte sich hinausgestoßen, denn Gott hatte ihn strafend berührt“.

Durch die Abwehr dieser frechen Überhebung des machtstolzen Königs hatte Gott gezeigt, daß er noch in seinem Tempel gegenwärtig sei und das Gesetz im Allerheiligsten noch unter seinem Schutze ruhe. Und nun, noch unter dem lebendigen Eindrucke dieses Geschehnisses, sieht der Prophet die Herrlichkeit Gottes — aber nicht mehr auf den Fittichen der Cherubim, welche die Lade der Bundestafeln beschatteten, thronend — hoch über den Tempel hinaus ragte der Thron, er war bereits in die Höhe gehoben, und nur שוליו die unteren Ränder des Thrones erfüllten noch das Gotteshaus. Er schaut die Herrlichkeit Gottes im Begriff, das irdische Heiligtum zu verlassen. Während das äußerlich dem Gesetze entsprechende Leben im Tempel denselben noch von Gottes Gegenwart erfüllt wähnen ließ (s. das oben zu Kap. 1, 1 Bemerkte), waren es nur noch die letzten Säume des Thrones, die dessen Inneres noch nicht verlassen hatten.

2
שְׂרָפִ֨ים עֹמְדִ֤ים ׀ מִמַּ֙עַל֙ ל֔וֹ שֵׁ֧שׁ כְּנָפַ֛יִם שֵׁ֥שׁ כְּנָפַ֖יִם לְאֶחָ֑ד בִּשְׁתַּ֣יִם ׀ יְכַסֶּ֣ה פָנָ֗יו וּבִשְׁתַּ֛יִם יְכַסֶּ֥ה רַגְלָ֖יו וּבִשְׁתַּ֥יִם יְעוֹפֵֽף׃
BernfeldSerafim standen hoch neben ihm, je sechs Flügel hatte ein jeder. Mit zweien bedeckt er sein Antlitz, mit zweien bedeckt er seine Füße und mit zweien fliegt er.
ZunzSerasim standen über ihm, sechs Flügel hatte ein jeder; mit zweien bedeckt er sein Antlitz, und mit zweien bedeckt er seine Füße, und mit zweien fliegt er.
J. J. HirschSeraphim standen aus der Höhe seiner wartend, sechs Flügel, sechs Flügel hatte ein jeder, mit zweien verhüllte er sein Angesicht, und mit zweien verhüllte er seine Füße, und mit zweien war er bereit zu fliegen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. שרפים וגו'. Seraphim standen bereits seiner harrend in der Höhe. Aus den Myriaden heiliger, seinen Weltenthron dienend umgebender Scharen — 5. B. M. 33, 2 — war Gott einst vom Sinai in den jüdischen Menschenkreis eingezogen, als er sein in allen übrigen Wesen der Schöpfung allmächtig waltendes Feuer zu einem an den Menschen gerichteten Gesetze gestaltet, Israel übergab. Dieses אשדת, dieses „Gesetz gewordene Feuer“ sollte Israel durchglühen und sein Gesamt- wie Einzelleben Gott weihen. Diesem Gesetze sollte Israel eine Stätte in seiner Mitte bereiten, dann wollte Gott unter ihnen wohnen: ועשו לי מקדש ושכנתי בתוכם (2. B. M. 25, 8). Doch Israel hatte seine Aufgabe verkannt — die Herrlichkeit Gottes hob sich hinweg aus dem irdischen Heiligtume, den Myriaden ihm dienender Heiliger zu, welche schon seiner Befehle harrend dort oben standen.

שש כנפים וגו'. Diese Seraphim — das Ideal Gott dienenden Gehorsams sind sie! Sein Antlitz verhüllt ein jeder, verlangt nicht Einsicht in die Ziele des göttlichen Auftrags, den Fuß verhüllt er, überläßt Gott, welchen Standpunkt er einnehmen soll, er will weiter nichts als Vollbringer göttlichen Willens zu sein, und in diesem Wollen erlahmt seine Schwungkraft nie! So der Seraph, so all die anderen Boten Gottes, die ihn segnen, „seine Engel, welche kraftgerüstet sein Wort vollstrecken, nur um seines Wortes Stimme zu gehorchen, so segnen Gott alle seine Heere, seine Diener, die Vollbringer seines Willens, alle seine Werke an allen Stätten seines Reiches — so soll auch des Menschen Seele dienend Gott segnen“ (Ps. 103, 20—22).

„Wo dem denkenden Menschen eine dieser im Gottesreiche dienenden Kräfte erscheint, da sieht er sie auch nur: „Zwei Flügel bedecken ihr Angesicht, zwei Flügel bedecken ihre Füße, mit zwei Flügeln fliegt sie.“ Kein sterbliches Auge hat noch einer Kraft ins Angesicht geschaut, kein sterbliches Auge noch ihre eigentliche materielle Basis gesehen; nur den Flügelschlag ihres wirkenden Fittichs gewahrt er und vernimmt er — und wenn er noch Gott denken gelernt, verhüllt auch er sein Angesicht und blickt ahnend zu Gott auf, dem alle diese verhüllten Kraft-Flügelschläge unverwandt und unwandelbar dienen“ (s. „Einleitung zum Jesaias“, Gesammelte Schriften 2. Band S. 163 u. w.).

3
וְקָרָ֨א זֶ֤ה אֶל־זֶה֙ וְאָמַ֔ר קָד֧וֹשׁ ׀ קָד֛וֹשׁ קָד֖וֹשׁ יְהֹוָ֣ה צְבָא֑וֹת מְלֹ֥א כׇל־הָאָ֖רֶץ כְּבוֹדֽוֹ׃
BernfeldUnd einer rief dem andern zu und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaot, voll ist die ganze Erde seiner Herrlichkeit.
ZunzUnd Einer rief dem Andern zu und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Ewige der Heerschaaren, voll ist die ganze Erde seiner Herrlichkeit.
J. J. HirschUnd es rief einer dem anderen zu und sprach: „Heilig, heilig, heilig ist Gott Zebaoth, die Fülle der ganzen Erde seine Herrlichkeit!“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. וקרא זה אל זה. Nicht der Welt verkünden sie, sondern sich rufen sie einander die Wahrheit zu, die ihnen allen gleichzeitig zum Bewußtsein gekommen war, eben in dem Augenblicke ihres Harrens auf die Rückkehr der Gottesherrlichkeit aus dem Tempel auf Erden. Und diese Wahrheit lautet: Weil Gott Zebaoth heilig, heilig, heilig ist, und weil die Fülle der ganzen Erde seine Ehre ist und sein soll — darum zieht sich seine Herrlichkeit jetzt aus dem irdischen Heiligtume zurück!

קדוש וגו'. Der Begriff Heiligkeit bezeichnet entschiedenes Bereitsein für alles Gute und Edle, und „heilig“ ist der, welchen es bereits keinen Kampf mit der eigenen Sinnlichkeit mehr kostet, freudig in jedem Augenblicke den göttlichen Willen zu erfüllen. Absolut heilig ist nur Gott! Zu Israel sprach Gott: „Heiliget euch, so werdet ihr heilig werden, denn heilig bin Ich“ — (3. B. M. 11, 44) setzte ihm damit die Aufgabe, sich zu dieser Heiligkeit emporzuarbeiten; und bei ernstem Willen ist die Erreichung dieses Ziels möglich, denn Gott, der absolut Heilige, unterstützt ihn darin: „Denn heilig bin Ich, Gott, der euch heiligt“ (3. B. M. 21, 8).

ד' צבא'. Hier wird nun die tiefe Wahrheit ausgesprochen, daß Gott auch als ד' צבא' nicht aufgehört hat קדוש zu sein. Auch indem er alle seine geschaffenen Wesen und unter ihnen den Menschen, und in deren Mitte zuerst Israel, das ja ganz besonders צבאות ד' genannt wird, um sich sammelt und auch sie, die des Irrtums und Fehls Fähigen, zu Vollstreckern seiner Befehle macht — bleibt er heilig. Sein Wille schmiegt sich nicht den Schwächen, Neigungen und Verirrungen seiner Diener an, sein Wille bleibt absolut, und sobald der Mensch den eigenen Willen über den Gottes stellen will, hat er zu gewärtigen, daß ihn Gott aus der Zahl seiner Diener streicht.

Das spricht auch nach der erklärenden Übersetzung Jonathans das dreimal Heilig aus: קדיש בשמי מרומא עלאה בית שכינתיה, קדיש על ארעא עובד גבורתיה, קדיש לעלם ולעלמי עלמיא ד' צבא': „Heilig in dem Himmel der höchsten Höhe, der Stätte seiner Gegenwart, heilig auf Erden, dem Werke seiner Allmacht, heilig, ewig und in aller Ewigkeiten Ewigkeit ist Gott Zebaoth.“ Das heißt ja offenbar nichts anderes als: Gott ist nicht nur heilig in der Zurückgezogenheit seiner heiligen Höhe, auch auf Erden ist Gott heilig, und heilig bleibt Gott in allen Entwicklungen ewiger Zeiten.

Der erste Aufschluß über das Scheiden der Gottesherrlichkeit aus dem Tempel lautet demnach: Gott ist heilig, und seine Nähe duldet nur eine heilige Umgebung.

Ergänzend tritt als zweiter Aufschluß hinzu: מלא כל הארץ כבודו die Fülle der ganzen Erde sei seine Herrlichkeit, oder präziser ausgedrückt seine Ehre. Das heißt: die ganze Erde und alles, was sie füllt, soll sich nach dem göttlichen Willen gestalten und so das Gepräge der göttlichen Allmacht und Weisheit, Gerechtigkeit und Güte tragen, damit aber wird sie eine Verherrlichung Gottes.

Also nicht bloß im Tempel soll Gott verherrlicht werden, sondern das Tempelleben soll durch das dort ruhende Gesetz die Heiligung des ganzen außerhalb des Tempels sich vollendenden Lebens anbahnen, indem es dasselbe unter das Diktat dieses Gesetzes stellt. Erfüllt der Tempel diese Aufgabe, dann ist der Cherubim-Fittich, welcher die Verwirklichung der Thora in Erkenntnis und Tat schirmt, zugleich Träger der Gottesgegenwart auf Erden.

4
וַיָּנֻ֙עוּ֙ אַמּ֣וֹת הַסִּפִּ֔ים מִקּ֖וֹל הַקּוֹרֵ֑א וְהַבַּ֖יִת יִמָּלֵ֥א עָשָֽׁן׃
BernfeldDa erbebten die Säulen der Pfosten vor der rufenden Stimme, und das Haus wurde vom Rauch erfüllt.
ZunzDa erbebten die Säulen der Pfosten vor der Stimme des Rufenden, und das Haus ward von Rauch erfüllt.
J. J. HirschDa erbebten die Säulen der Schwellen vor der Stimme, welche rief, und das Haus wollte sich mit Rauch füllen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. וינעו וגו'. Der Inhalt des Seraphim-Rufes war der Maßstab für die Würdigkeit des Tempels. Mit ihm gemessen, zeigte es sich, daß der Tempel nicht für die Erziehung der jüdischen Menschheit zur Heiligung des gesamten Außenlebens wirkte, nicht für die Verherrlichung und Ehre Gottes in der Welt — darum konnte er diesen Ruf nicht ertragen, vor seiner Wucht erzitterten die ihm Halt gewährenden Säulen, er hatte die Bedingung seiner Fortdauer als Gottesstätte eingebüßt.

והבית וגו'. Wenn die ganze Heiligung sich nur auf das בית, den Tempel beschränkt statt Ausgangspunkt für „כל הארץ“ zu werden, Priester, Altar, Opfer und Gebete alles sein soll, und die Tempelschwelle Anfang und Ende der gesamten Verehrung Gottes bedeutet, dann ist der Tempel ein Kerker der Gottesherrlichkeit, welchen der die wahre Heiligung und Ehre Gottes verkündende Ruf sprengt — und das ganze Tempelleben, das „כבודו“ sein soll, ist nichtig, erweist sich als eitel Rauch!

5
וָאֹמַ֞ר אֽוֹי־לִ֣י כִֽי־נִדְמֵ֗יתִי כִּ֣י אִ֤ישׁ טְמֵֽא־שְׂפָתַ֙יִם֙ אָנֹ֔כִי וּבְתוֹךְ֙ עַם־טְמֵ֣א שְׂפָתַ֔יִם אָנֹכִ֖י יוֹשֵׁ֑ב כִּ֗י אֶת־הַמֶּ֛לֶךְ יְהֹוָ֥ה צְבָא֖וֹת רָא֥וּ עֵינָֽי׃
BernfeldIch sprach: Wehe mir! ich vergehe, denn ein Mann unreiner Lippen bin ich, und ich verweile unter einem Volke unreiner Lippen — den König, den Herrn Zebaot haben meine Augen gesehen.
ZunzUnd ich sprach: Wehe mir! denn ich vergehe; denn ein Mann unreiner Lippen bin ich, und unter einem Volke unreiner Lippen verweile ich, denn den König, den Ewigen der Heerschaaren haben meine Augen gesehen.
J. J. HirschDa sprach ich: „Wehe mir, daß ich verstummen muß, weil ich ein Mann unreiner Lippen bin und inmitten eines Volkes unreiner Lippen ich wohne — denn den König, Gott Zebaoth haben meine Augen geschaut!“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. ואמר אוי לי וגו'. Wie der Tempel in seiner Unwürdigkeit erzitterte, so erfaßt tiefes, vernichtendes Weh den Propheten. Es drängt ihn, das auszusprechen, was er geschaut, seinem Volke mitzuteilen, was er gehört — allein er fühlt, weder als איש, als Individuum, noch als Glied der Nation ist er dessen würdig, dessen fähig. טמא שפתים. Die Sprache hat ihre Reinheit eingebüßt, die Begriffe sind in ihr Gegenteil verwandelt (s. oben 5, 20) deshalb נדמיתי, Nifal, bin ich zu schweigen gezwungen; mein Volk würde mich auch nicht verstehen. Meine und meines Volkes Vergangenheit steht verurteilt und vernichtet unter dem Donnerruf der Seraphimwahrheit, denn jetzt habe ich Gott als „den König Gott Zebaoth“ geschaut, als den, der von dem Einzelnen wie von der Nation als König denselben unbedingten Gehorsam verlangt wie von seinen übrigen Schöpfungswesen. Wie vermöchten unsere von Unlauterkeit befleckten Lippen in den Huldigungsruf jener einzustimmen!

6
וַיָּ֣עׇף אֵלַ֗י אֶחָד֙ מִן־הַשְּׂרָפִ֔ים וּבְיָד֖וֹ רִצְפָּ֑ה בְּמֶ֨לְקַחַ֔יִם לָקַ֖ח מֵעַ֥ל הַמִּזְבֵּֽחַ׃
BernfeldDa flog zu mir einer der Serafim; er hielt in seiner Hand einen glühenden Stein, den er mit der Zange vom Altare genommen.
ZunzUnd es flog zu mir einer der Serasim, und in seiner Hand war ein glühender Stein, den er mit der Zange vom Altare genommen.
J. J. HirschDa flog einer der Seraphim zu mir her, und in seiner Hand eine Kohle — mit einer Zange hatte er sie vom Altare genommen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. רצפה von רצף, laut- und sinnverwandt mit רשף Glut. Dem צ-Laut entsprechend bedeutet רצפה diejenige Kohle, die schon gegen das Erlöschen ankämpft, an welcher die Außenseite bereits dunkel geworden, deren innerer Kern jedoch noch glühend ist.

במלקחים וגו'. Dem Altarfeuer war diese äußerlich schon im Erlöschen begriffene, aber innen noch die Glut des heiligen Feuers bergende Kohle entnommen. Und diese innere Glut übertraf an Mächtigkeit das Feuer der Glut-Engel, der Seraphim, daß, um sie zu fassen, der Seraph sich der Zange bedienen mußte! So hoch steht der im Menschen schlummernde, nur der Belebung harrende reine Gottesfunke selbst über dem Flammenwesen, welches Gott zu seinem höchsten Diener geschaffen hat. Denn

7
וַיַּגַּ֣ע עַל־פִּ֔י וַיֹּ֕אמֶר הִנֵּ֛ה נָגַ֥ע זֶ֖ה עַל־שְׂפָתֶ֑יךָ וְסָ֣ר עֲוֺנֶ֔ךָ וְחַטָּאתְךָ֖ תְּכֻפָּֽר׃
BernfeldEr berührte damit meinen Mund und sprach: Dies hat berührt deine Lippen, und so weicht deine Schuld und deine Sünde ist gesühnt.
ZunzUnd er ließ berühren meinen Mund und sprach: Siehe, dies berührt deine Lippen, so weicht deine Schuld und deine Sünde ist gesühnt.
J. J. HirschEr ließ sie meinen Mund berühren und sprach: „Siehe, dieses hat deine Lippen berührt, damit weicht deine Sünde und dein Fehl wird gesühnt.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. 8. וינע על פי וגו'. so hoch steht die zum freien Dienste Gottes berufene sittliche Kraft des reinen Menschen über der des Abweichens aus der ihr vorgezeichneten Sphäre nicht fähigen Kraft der Engel, daß, was dieser nur mit der Zange ergreifen durfte — des Menschen Lippe ertrug, ohne verletzt zu werden. Durch diese Berührung sagte er ihm: Du hast das Erlöschen geschaut und nunmehr auch den innen noch glühenden, der Anfachung fähigen Kern gefühlt — beiden sei fortan deine Lippe geweiht. Bringe dem Volke das Erlöschen des Altarfeuers zum Bewußtsein und pflege den Feuerkern, indem du ihn durch den Hauch deines Mundes belebst. Dann wird dein Leben fortan nicht im Widerspruch mit der Sendung stehen, deren Heroldschaft deiner wartet.

וסר עונך. Mit Bewußtsein wirst du nie von dem Wege der Pflicht abweichen und חטאתך dein menschlich Fehlen wird durch deine Sendung gesühnt. Nur der Sünde fähige, somit frei Gott dienende Menschen können Herolde der Erhebung des Menschen aus der Sünde sein. Für die außermenschliche Welt hat Gott seine beschwingten Diener, für die Sendung an den Menschen erwartet Gott freie Hingebung des menschlichen Boten.

את מי אשלח ומי ילך לנו. Gegenüber dem Singular der ersten Frage steht die zweite im Plural. Vielleicht ist es nicht zu sehr gewagt, wenn wir annehmen, daß die zweite Frage das Gottesgesetz, die תורה in sich begreift: Wer will für mich und mein Gesetz, das ja in diesem Hause seine Stätte hat, eintreten?

Da ergriff den späten Enkel die hingebende Bereitwilligkeit des ersten Ahnen, und gleich diesem stellte er sich mit הנני in den Dienst Gottes: Hier bin ich, sende mich! Auch ich will, den Seraphim ähnlich, verhüllten Angesichts und Fußes alle meine Kräfte deinem Auftrage widmen, wohin immer du mich schicken wirst!

8
וָאֶשְׁמַ֞ע אֶת־ק֤וֹל אֲדֹנָי֙ אֹמֵ֔ר אֶת־מִ֥י אֶשְׁלַ֖ח וּמִ֣י יֵֽלֶךְ־לָ֑נוּ וָאֹמַ֖ר הִנְנִ֥י שְׁלָחֵֽנִי׃
BernfeldDa hörte ich die Stimme des Herrn fragen: Wen soll ich schicken [zu Israel], und wer wird gehen für uns? Ich sprach: Ich bin bereit, schicke mich!
ZunzUnd ich hörte die Stimme des Herrn sprechen: Wen soll ich schicken und wer wird gehen für uns? Und ich sprach: Hier bin ich, schicke mich.
J. J. HirschNun hörte ich die Stimme meines Herrn, sprechend: „Wen soll ich senden und wer wird für uns gehen?“ Da sprach ich: „Hier bin ich, sende mich!“
9
וַיֹּ֕אמֶר לֵ֥ךְ וְאָמַרְתָּ֖ לָעָ֣ם הַזֶּ֑ה שִׁמְע֤וּ שָׁמ֙וֹעַ֙ וְאַל־תָּבִ֔ינוּ וּרְא֥וּ רָא֖וֹ וְאַל־תֵּדָֽעוּ׃
Bernfeld[Gott] sprach darauf: Gehe hin und sprich zu diesem Volke: Höret nur immer und sehet nicht ein, sehet nur immer und erkennet nicht.
ZunzUnd er sprach: Gehe hin und sprich zu diesem Volke: Höret nur immer und sehet nicht ein, und sehet nur immer und erkennet nicht.
J. J. HirschDa sprach er: „Gehe und sage diesem Volke: Höret nur und höret und wollet nicht einsehen, sehet nur und sehet und wollet nicht erkennen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. שמעו שמוע וגו' וראו ראו וגו'. Der Form nach Imperative, haben die Worte שמעו und ראו hier nur die Bedeutung des unwilligen Gehenlassens und nur mit Bedauern Gestattens, wie עוצו עצה ותופר דברו דבר ולא יקום (weiter Kap. 8, 10) und ähnliche Stellen. ואל תבינו, ואל תדעו. Während לא auch die Negation einer Tatsache bezeichnet, bedeutet אל sonst immer ein Verbot, also die Verneinung des Wollens, die durch einen anderen herbeigeführt wird. Hier jedoch geht die Verneinung des Wollens von dem Volke selbst aus. Der Sinn ist: Fahret nur fort, so viele Reden gottgesandter Boten zu „hören“ und so viele gottgesandte Fügungen über euch kommen zu „sehen“, und sträubet euch mit aller Gewalt dagegen, durch sie zur Einsicht „תבינו“ und zur Erkenntnis „תדעו“ zu gelangen. Das Prophetenwort sollte dem Volke בינה Einsicht in seine Verhältnisse und Zustände bringen, und die geschichtlichen Erlebnisse sollten ihm zum דעת, zur wahren Erkenntnis dessen, was ihm heilsam oder schädlich sei, verhelfen. Allein es waren Elemente vorhanden, welche die richtige Einsicht und Erkenntnis im Volke nicht aufkommen ließen:

10
הַשְׁמֵן֙ לֵב־הָעָ֣ם הַזֶּ֔ה וְאׇזְנָ֥יו הַכְבֵּ֖ד וְעֵינָ֣יו הָשַׁ֑ע פֶּן־יִרְאֶ֨ה בְעֵינָ֜יו וּבְאׇזְנָ֣יו יִשְׁמָ֗ע וּלְבָב֥וֹ יָבִ֛ין וָשָׁ֖ב וְרָ֥פָא לֽוֹ׃
BernfeldDenn verstockt bleibt das Herz dieses Volkes, seine Ohren schwer und seine Augen stumpf; [es fürchtet wohl], es könnte mit seinen Augen sehen, mit seinen Ohren hören und mit seinem Herzen erkennen und dann wieder genesen.
ZunzVerstockt bleibe das Herz dieses Volkes, und seine Ohren schwer und seine Augen stumpf, daß es nicht sehe mit seinen Augen, und höre mit seinen Ohren, und sein Herz erkenne, und es wieder genese.
J. J. HirschFeist macht man das Herz dieses Volkes und seine Ohren schwerhörig, und läßt es seine Augen abwenden, sonst würde es mit seinen Augen sehen und mit seinen Ohren hören, und sein Herz würde einsehen, und es würde zurückkehren und Heilung für sich gewinnen!“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. השמן וגו'. „Man“ arbeitet fortwährend daran, das Herz dieses Volkes „fett“, d. i. empfindungslos zu machen. Die Infinitive השמן, הכבד, השע wollen hier wie auch sonst häufig das Allgemeine oder Dauernde des geschilderten Zustandes oder der bezeichneten Tätigkeit ausdrücken. So weiter Kap. 22, 13.: הרג בקר ושחט צאן אכל בשר ושתות יין „man tötet Rinder, man schlachtet Schafe, man ißt Fleisch und man trinkt Wein.“ השמן von שמן feist sein, wie וישמן ישרון ויבעט (5. B. M. 32, 15). Wie da schon der erste Gottesbote in der Israel verliehenen „Fülle“ des Wohlstandes eine Gefahr für seine geistige und seelische Gesundheit erblickte, so hatten die Volksverführer hier es zuwege gebracht, daß des Volkes Reichtum und Üppigkeit sich als dicke Fettrinde um sein sonst für das Göttliche empfängliche Herz legte und es dadurch für jede bessernde Anregung von außen verschloß. So machten sie sein Ohr taub dem mahnenden Worte der göttlichen Sendboten gegenüber, und lenkten zugleich systematisch seine Augen von den wahren Zielen ab und anderen falschen zu. פן יראה וגו'. Sonst würden die eigenen Erlebnisse es seines Verfalls inne werden lassen und der Propheten Worte es über seine Aufgabe belehren können — es würde dadurch auf seinem Irrwege umkehren ורפא לו und sein eigener Arzt werden.

Ein Zwiefaches war damit dem Seher gesagt worden, entsprechend dem von ihm Geschauten. So erstorben die Gottesidee auch im Volke schien, sie lebte dennoch in seinem Innern, aber der Gefahr des Erstickens ausgesetzt durch die Fettkruste, mit welcher man freventlich sein Herz gepanzert hatte. Einen unmittelbaren Erfolg seiner Sendung durfte er also nicht erwarten. Von außen eingreifende Mittel energischer Natur mußten erst die Rinde sprengen, um seinem belebenden Atem den Eingang zu dem in seiner Mitbürger Herz schlummernden Funken zu bahnen, auf daß er sich für die Wahrheit entflamme.

11
וָאֹמַ֕ר עַד־מָתַ֖י אֲדֹנָ֑י וַיֹּ֡אמֶר עַ֣ד אֲשֶׁר֩ אִם־שָׁא֨וּ עָרִ֜ים מֵאֵ֣ין יוֹשֵׁ֗ב וּבָתִּים֙ מֵאֵ֣ין אָדָ֔ם וְהָאֲדָמָ֖ה תִּשָּׁאֶ֥ה שְׁמָמָֽה׃
BernfeldIch fragte: Wie lange, o Herr, [wird es so bleiben]? Und er erwiderte: Bis dass die Städte verödet und leer von Bewohnern werden und die Häuser menschenleer, und der Boden zur Wüste verödet sein wird;
ZunzUnd ich sprach: Wie lange, o Herr? Und er sprach: Bis daß die Städte verödet sind, leer von Bewohnern, und die Häuser menschenleer, und der Boden zur Wüste verödet wird,
J. J. HirschDa sprach ich: „Bis wann, mein Herr?“ Da sprach er: „Bis daß Städte verödet sind aus Mangel an Bewohnern und Häuser aus Mangel an Menschen, und der Erdboden verödet zur Wüste geworden sein wird.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. Daher begreift sich sofort seine Frage עד מתי. Die Antwort lautet: Israel fehlt noch die Reife, um den politischen und bürgerlichen Wohlstand vertragen zu können, ohne geistig und sittlich völlig zu verarmen. Seine Aufgabe ändert sich nicht. Hat es nicht verstanden, ihr im Glücke und Überflusse gerecht zu werden, im Unglücke und Mangel wird Israel dies wohl verstehen.

12
וְרִחַ֥ק יְהֹוָ֖ה אֶת־הָאָדָ֑ם וְרַבָּ֥ה הָעֲזוּבָ֖ה בְּקֶ֥רֶב הָאָֽרֶץ׃
BernfeldBis der Herr die Menschen weggeführt haben wird, dass groß wird die Verlassenheit im Lande.
ZunzUnd der Ewige die Menschen weggeführt, daß groß ist die Entvölkerung inmitten des Landes.
J. J. HirschEntfernen wird Gott die Menschheit, aber groß wird die Verlassene sein inmitten der Erde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. ורחק ד' את האדם. Hätte Israel seine ursprüngliche eigentliche Bestimmung, als blühendes Volk die geheiligte Priesternation im Kreise der Menschheit zu sein, erfüllt — weithin hätte der ihm alsdann gewordene Gottessegen gestrahlt und wäre der übrigen Menschheit ein Leuchtturm gewesen, der auch sie zur Gottesnähe und damit in den Hafen eben solchen Glückes und Gedeihens geleitet hätte. Als jedoch Israel, statt der wegweisende Polarstern der Völker zu sein, sich von ihrem Unwesen ins Schlepptau nehmen ließ und so die eigene Blüte verscherzte, da ging auch die Menschheit des leuchtenden Vorbildes verlustig, und deren Annäherung an Gott war in weite Ferne gerückt.

Israel selbst aber geht nicht vergeblich in die Schule der Leiden. ורבה העזובה: Als die Verlassenste und Elendeste, in einem Martyrium sonder gleichen wird es Treue und Ergebenheit gegen Gott erringen und bewahren und רבה (wie רב להושיע, רב העלילה, רבתי בגוים) groß und erhaben dastehen in der Meisterschaft sittlichen Strebens und reinen Menschentums „inmitten der Erde“, die sich erst spät באחרית הימים (s. o. 2, 3) ihm anschließen wird.

13
וְע֥וֹד בָּהּ֙ עֲשִׂ֣רִיָּ֔ה וְשָׁ֖בָה וְהָיְתָ֣ה לְבָעֵ֑ר כָּאֵלָ֣ה וְכָאַלּ֗וֹן אֲשֶׁ֤ר בְּשַׁלֶּ֙כֶת֙ מַצֶּ֣בֶת בָּ֔ם זֶ֥רַע קֹ֖דֶשׁ מַצַּבְתָּֽהּ׃ {פ}
BernfeldWenn ein Zehntel noch da bleibt — wenn [das Land] der Vernichtung nahe ist, wie jene Terebinthe und Esche [am Tor Salechet], an welcher der Stamm geblieben, so bleibt ein Stamm der heiligen Samen.
ZunzUnd bleibt noch davon ein Zehntheil, so wird auch das wiederum vertilgt; (doch) wie Terebinthe und Eiche, bei deren Fallung ein Stamm bleibt, bleibt ein heiliger Samen ihr Stamm.
J. J. HirschDenn es bleibt in ihr ein Zehntgeweihtes, wenn sie auch wiederholt der Verheerung anheimfällt; wie Terebinthe und Eiche, denen beim Blätterabwurf der Stamm doch bleibt, so bleibt als Saat für das Heiligtum ihr Stamm.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. ועוד בה עשיריה וגו' wie והעשירי יהיה קדש לד' (3. B. M. 27, 32) „das Zehnte soll Gott heilig sein“. Mag die jüdische Nation auch wiederholt die schwersten Geschickesschläge zu erleiden haben, es bleibt doch in ihr ein „Zehntes“, ein der Heiligung zugewandtes und derselben fähiges Teil, das der רצפה gleich nur des belebenden Hauches harrt. Dessen Aufgabe und Bestimmung ist כאלה וכאלון zu sein: Mögen die Stürme der Zeiten den Baum noch so vieler Blätter und Äste berauben — nur dürres Geäste und welke Blätter waren es, die er eingebüßt hat, es fällt nichts ab, was nicht bereits in sich jeden Lebenssaftes verlustig gewesen wäre. Der Stamm aber mag mutig und unverzagt ausharren, still und ungesehen erstarkt in seinem Innern ihm der Kern, er setzt frische Äste an und lebenskräftige Zweige, und aufs neue grünt ihm des Laubes Schmuck — denn er bleibt bestehen als זרע קדש als unverwüstliche Aussaat künftig gedeihenden Heiligtums für die Zeit, in welcher das Gottesreich auf Erden erblühen wird.

Haftarah Jitro Sefardim, Jemeniten, Chabad und Posen (erloschen) enden hier.
Haftarah Jitro Jemeniten fügen Jeschajahu 9,5–6 hinzu.