Jeschajahu 5 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 5. V. 1. Der Vergleich der Gottesgründung Israels mit einem Weinberge ist ein Bild, dessen sich der Prophet 1, 8 und 3, 14 bediente. Hier führt er nun diese Skizze in hochpoetischer, zu Herzen gehender Sprache näher aus. Vielleicht ist es das Wort וסכה des vorangehenden Satzes, welches ihn an das als Ideal aufgestellte כסכה בכרם erinnert und veranlaßt, gerade hier die Zeichnung zu vollenden.
אשירה נא לידידי. Wie אשירה לד' (2. B. M. 15, 1) gilt sein Gesang Gott, den er den Geliebten, den Freund nennt, wie דודי in שיר השירים wiederholt als Bezeichnung Gottes vorkommt. — נא entspricht in solchen Stellen, wo bereits das Optative durch ה ausgedrückt ist, unserem „nun“ oder „jetzt“.
Nach leicht trennendem Akzente auf לידידי wird der Inhalt des Gesanges präzisiert: er betrifft des Freundes Beziehungen לכרמו zu seinem Weinberge. Analog begegnen wir diesem ל in כל פשעיהם לכל חטאתם (3. B. M. 16, 21) und כל מוצא שפתיה לנדריה (4. B. M. 30, 13) u. a., wo es „in Beziehung zu“ heißt.
בקרן. קרן ein isoliert hervorragender Hügel: auf die Sonderstellung des jüdischen Volkes hinweisend. בן שמן. Schon die Wahl des Bodens, auf welchem die Pflanzung Gottes sich aufs herrlichste entwickeln sollte, trug alle Bedingungen des Gedeihens in sich. Begegnen wir doch Sebachim 113, a einer Auffassung, nach welcher Palästina von der Sündflut verschont geblieben ist. Da dürfte seinem Boden etwas von der urwüchsigen Kraft der Erde geblieben sein, welche ihn gerade zur Wohnstätte dieses Volkes geeignet machte. Israel war ja berufen, durch Verwirklichung des Gottesgesetzes dort das Ideal der Menschenbestimmung anzustreben, mit dessen Erreichung eine paradiesische Verjüngung der Erde beginnen sollte.
Gottes fürsorgende Liebe hatte auch darauf ihr Augenmerk gerichtet, daß die physische Arbeit zur Fristung der Existenz nicht alle Körper- und Geisteskraft seines Volkes absorbiere und ihm auch ausreichend Zeit zum Erlernen und Betätigen seiner geistig-sittlichen Aufgabe verbleibe.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. ויעזקהו וגו'. Der 2. B. M. 34, 24 verheißene Gottesschutz: „Niemand wird lüstern wagen dein Land anzutasten“ umgab den Weinberg rings (עוקא heißt im Chaldäischen Ring) mit „Dornhecke und Mauer“ gegen äußere Feinde. Die im Boden befindlichen „Steine“, welche dem Pflug in seiner segensreichen Kulturarbeit ein Hemmnis gewesen wären — die kanaanitischen Bewohner mit ihrer Entartung — hatte Gott beseitigt, ehe er den Weinberg anlegte.
ויטעהו שרק. Der ר"ין גיאת bemerkt, die hier mit diesem Namen benannten Trauben seien die edelste Sorte und zeichneten sich vor den anderen dadurch aus, daß sie keine Kerne haben. Somit findet ihre Fortpflanzung durch Zweige statt (שרג Zweig). Ihr ganzes Sein fußt demnach auf der Kraft, die dem ersten, ursprünglichen Kerne inne wohnte. Ganz so auch die Gotteslehre, unsere heilige Thora. Sie hat Gott einmal vom Sinai herab in den Boden seines Volkes eingesät, und sie bedarf nicht wiederholter neuer Pflanzung. Von Geschlecht zu Geschlecht vererbt sie sich durch Einsenken ihrer Zweige, und noch in dem spätesten Sprößlinge wirkt die Urkraft des ersten Kernes weiter und zeitigt alle Geistesfrüchte dieses Thoravolkes.
Ein herrlicher Ausspruch des Midrasch findet in dem Worte שורק das angedeutet, was diese Rebe zur „Edelrebe“ macht. Er bezieht sich allerdings mehr auf die ganz ähnliche Stelle in Jerem. 2, 21: ואנכי נטעתיך שורק „und ich habe dich doch als Edelrebe gepflanzt“. Dort ist dieses Wort מלא geschrieben und hat den Zahlenwert 606: Mit 606 Pflichten, welche er für das jüdische Volk den sieben noachidischen hinzufügte, hat Gott es geadelt und für den Priesterberuf befähigt, in welchem es der Menschheit voranzuwandeln gewürdigt ist.
ויבן מגדל וגו'. Einem Turme gleich, von welchem der Wärter alles überschaut und anordnet, baute Gott seinen Tempel (Cant. 7, 5) inmitten des Weinberges — der Geist seiner Lehre war dessen Wächter. Seine Anweisungen sollten jeden Auswuchs beschneiden und auch die leiseste Entartung der Edelkultur fern halten. Gottes Altar sollte die läuternde Kelter werden, aus welcher das Erträgnis seiner liebevollen Wartung als reinster, edelster Wein in seinem Vorhofe sich ansammle, um von dort aus der Allmenschheit zum Heile hinabzuströmen.
Einen solchen Erfolg seiner zärtlichen Sorgfalt durfte Gott erwarten, und was war das Resultat? באושים äußerlich der Weinbeere ganz ähnliche, aber ungenießbare saure Frucht! Wie bereits in den einleitenden Worten des ersten Kapitels bemerkt, war der Verderb des jüdischen Volkes nach außen noch nicht sichtbar, die Schale täuschte jedes nicht ganz kundige Auge über den inneren Unwert.
ענבים, eigentlich die Beeren der Weintraube, welche אשכול heißt, kommt jedoch einigemal auch als Trauben selbst vor, so 3. B. M. 25, 5: ואת ענבי נזירך.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. 4. Gott als Herr des Weinberges ergreift selbst das Wort und fordert die zu Richtenden auf, in eigener Sache selbst als Richter zu urteilen. Stadt und Land, an beide richtet er die Frage, was seine Fürsorge denn etwa noch mehr für sie hätte leisten können. An Jerusalems Einwohnerschaft ישב, als einheitlichen Körper, dessen Seele das Heiligtum in ihrer Mitte war, wendet er sich zuerst und dann an איש יהודה Judas ganze Mannschaft, welche als „זכורך“ dreimal im Jahre zum Tempel hinaufpilgernd sich dort mit dem Geiste der Thora beseelen sollte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. 6. Die „Richter“ schweigen und Gott verkündet, „was er seinem Weinberge tun will“. Dem Weinberge selbst — gar nichts! Nicht der strafenden Hand bedarf er, um die Pflanzung seinen Unwillen fühlen zu machen — er läßt sie ganz unberührt, entfernt nur Schutzhecke und Mauer, und zur Weide wird sie dem Getier, und das Getümmel der Menschen wogt über sie hin.
Israels Dasein ist nichts als eine weltgeschichtliche Schöpfung Gottes, ein „יש מאין ein Etwas wird aus dem Nichts“. Seine Fortexistenz ist ein Gotteswunder, sie währt nur so lange, als Gott seine Hand schirmend über es hält. Zieht er sie zurück והיה לבער so verfällt Israel der Vernichtung; mit tierischer Gefräßigkeit stürzen sich die sein Land umgebenden Feinde auf die willkommene Beute. Fällt נדרו, die Palästina schützende Gottesmauer, so wird es zerstampft durch die von Osten nach Westen flutende Völkermenge. Sein Untergang durch die assyrische und babylonische Macht war kein Wunder, war nur der „natürliche“ Erfolg dieser welterobernden Gewalten gegenüber Israels bis dahin nur von Gott geschützter Ohnmacht. Gott zog seinen Schutz zurück, und der unkriegerische jüdische Staat verfiel der Übermacht.
ואשיתהו וגו'. Auch des Landes Blüte welkt und es zeitigt nur Unkraut — der Segen des Himmels fehlt ihm. Wie seine Bewohner, kann auch das Land der besonderen Pflege der göttlichen Vorsehung nicht entbehren. Das lehrt bis zum heutigen Tage seine Geschichte zur Genüge.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. שעשועיו von שעשע, wahrscheinlich ein doppeltes שעה wenden, also sich immer wieder demselben Gegenstande oder derselben Beschäftigung zuwenden, daher auch das Spielen des Kindes, das ohne zu ermüden unzähligemal hintereinander dasselbe tun kann.
משפט und משפח, צדקה und צעקה. Wir begegnen hier in noch deutlicherer Weise einer Zusammenstellung ähnlich lautender Worte (Paronomasie) als der bereits früher erwähnten. Hier ist die Wirklichkeit dem Ideale gegenübergestellt. משפח von שפח, dessen Bedeutung im Kal wir 3, 17 als „anderen zu nahe treten“ verstehen zu dürfen glaubten. Wenn dieses richtig ist, so wäre משפח genau der Gegensatz von משפט, das „anderen zu ihrem Recht verhelfen“ bedeutet.
צדקה ist, wenn neben משפט erwähnt, Wohltat, Milde, Menschenliebe, welche sich die Aufgabe setzt, Not und Elend zu lindern, Klage und Jammer verstummen zu machen — und statt dessen steigt der Notschrei der Unterdrückten zum Himmel empor. Auf Wiedergabe des Gleichklangs zogen wir vor, in der Übersetzung zu verzichten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8—10. Das segensreiche Wirken des jüdischen משפט im Verein mit צדקה, auf welches Gott „gehofft“ hatte, dürfte wohl in keiner Institution der Thora klarer zutage treten als in den Gesetzen, welche das Grundeigentum und den Familienbesitz der Verarmenden ihnen zu erhalten bezweckten. Da war das Wiederkaufsrecht des Besitzers und seiner Anverwandten, ja der unentgeltliche Rückfall aller verkauften Güter an den ursprünglichen Eigentümer oder dessen Erben im Jobeljahre in wirksamster Weise geeignet, die Familie vor dauernder Verarmung zu schützen. Wo diese ganze Gesetzgebung in allen ihren hauptsächlich 3. B. M. 25 präzisierten Bestimmungen herrscht, da ist Acker und Haus davor bewahrt, Gegenstand der Spekulation zu werden, da kann sich der Grundbesitz nie in den Händen von Wenigen übermäßig anhäufen und sie zu Herren über ihre besitzlose und darum von ihnen abhängige Umgebung machen.
Leider wurden, wie es scheint, gleich so vielen anderen, damals auch diese Gesetze nicht beobachtet, finden wir doch die gleiche Anklage in dem Munde des Propheten Micha (2, 2), des Zeitgenossen Jesaias, und später Nehemias (5, 3—5, 11). Darum ruft Gott Wehe über die unersättliche Habsucht und Ländergier der Reichen.
באזוני ist ein kurzer Satz: In meinen Ohren zittert noch der Hall der das Urteil fällenden Stimme. אם לא im Munde Gottes ist Ausdruck des Schwurs.
בתים וגו'. Die Häuser werden wertlos, weil Krieg und Exil sie der Bewohner beraubt und die Weinberge und Felder durch Mißwachs. — Bas und Epha sind zwei Hohlmaße gleichen Gehalts, ersteres für Flüssigkeiten, letzteres ist Trockenmaß; beide messen den zehnten Teil eines Chomer.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. 12. Der Zweck ihres Daseins ist Schwelgen und Vergnügen, ihr erster Gedanke beim Erwachen, wo heute der beste Trunk zu finden sein werde. Ist diese Lebensfrage glücklich gelöst, so verbringen sie ihre ganze Zeit damit, durch den Wein ihren armen Geist zu erleuchten und ihre abgestumpften Nerven anzufeuern. — Beides liegt in ידליקם. — Ihnen fehlt der Sinn für alles Höhere, die Welt ist für sie ein großes Gasthaus — und der Gedanke, daß Gott, der Wirt, von ihnen einst die Zeche verlangen werde, der kommt ihnen überhaupt nicht.
נבל von נבל welken, ermüden, war, wie auch aus dem Zusammenhang in manchen Stellen, wo es vorkommt, hervorgeht, höchstwahrscheinlich ein Instrument, dem mehr weiche, klagende Töne entlockt wurden. Da es nun hier inmitten der die Tafelfreuden begleitenden Musikinstrumente genannt wird, so liegt es nicht so fern zu vermuten, der Prophet habe damit sagen wollen: Kam ihnen je einmal ein ernster Gedanke und wollte ihre ausgelassene Fröhlichkeit etwas dämpfen — so ward er rasch durch die Pauke und Flöte überstimmt und verscheucht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. Habgier und Genußsucht hatten dem Volke das Verständnis seiner Pflichten und der Zeitereignisse, durch welche Gott zu dem Menschen spricht, geraubt. Damit aber war einer gedeihlichen Zukunft desselben der Boden entzogen — es mußte ins Exil wandern, um erst dort, ohne Bodenbesitz, ja aller Mittel zum Fristen auch des bescheidensten Lebens entbehrend, zum Bewußtsein seiner Aufgabe zu kommen.
וכבודו. Uns scheint dieses Wort der Kollektivbegriff für die geschilderten Großgrundbesitzer und Sybariten zu sein. מתי רעב. מתי stat. constr. von מתים Leute, dem Hunger verfallene Menschen. צחה von צח wie אשה von אש und auch stat. constr. durchglüht, ausgetrocknet vom Durst (vgl. weiter 18, 4).
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. הדרה וגו'. Ein solch ziel- und zweckloses verpraßtes Dasein ist von Anfang an dem Untergang geweiht, es gehört „ihr“, der Gruft. Je prunkhafter und prächtiger sich seine Nichtigkeit aufgebauscht, je mehr Kumpane es an sich gelockt und je größer der Lärm, den es von sich gemacht hatte, um so weiter gähnt ihm das Grab entgegen — „es mag dort sein Amüsement fortsetzen“! So schließt mit bitterer Ironie der Prophet. עלז ist wie חפץ u. v. a. Adjektiv, verwandt mit עלץ jauchzen, aber schwächer als dieses, fröhlich, freudig sein.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15. 16. Wenn alles maßlos sich Überhebende durch das eintretende Gottesgericht במשפט zu Boden liegt und Gott als der einzig Hohe anerkannt ist, dann zeigt sich die Heiligkeit des Allmächtigen im Gewande der Milde und Gnade. Die Gesamtheit aller Wesen in ihren Beziehungen zueinander wird von ד' צבא' durch משפט das Recht geleitet; da würde Milde gegen den einen leicht zur Härte gegen den anderen, gegen den Unterdrücker geübte Nachsicht würde den Gedrückten schädigen. Jedoch als א' הקדוש in seinem Verhalten gegen den Einzelnen und im Richten dessen, was dieser als Einzelner gegen Gott gesündigt hat, da läßt er Milde walten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17. כבשים: Die sich bisher, auch während der Periode des Glanzes, nur als „Schafe der göttlichen Herde“ betrachteten und Gott als ihrem Hirten folgten, die finden auch jetzt inmitten der allgemeinen Verwüstung ihre „Weide“ wie früher. Ja sie, welche von den stolzen „Feisten“ früher als nicht dahin Gehörende גרים, Unberechtigte beiseite geschoben waren, treten jetzt deren Erbschaft an. כדברם der Form nach wie כשמעם (1. B. M. 34, 7) Infinitiv mit angehängtem Suffix und vorgesetztem כ heißt: wie sie es bisher trieben, nach ihrem bisherigen Brauche. Im Munde unserer Weisen finden wir häufig das Wort: פוק חזי מה עמא דבר „Gehe hinaus und sieh, wie des Volkes Brauch“. Analog heißt מנהג Führung und Brauch.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18. מושכי העון וגו'. Das waren die מחים des vorhergehenden Verses. Doppeltes, ja dreifaches Wehe über sie als Volksverführer! Sie spekulierten in eigenem Interesse auf die Gedankenlosigkeit und Nichtigkeit im Volke und zogen damit die Sünde heran. Der Leichtsinn der Menge ward ihnen zum Behikel der von ihnen herbeigewünschten Zustände.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 19. האומרים וגו'. Der angedrohte Untergang des jüdischen Wesens war ihnen ja willkommen. Sie erwarteten von ihm ein Aufhören der jüdischen Sonderstellung und träumten von einer freundlichen Aufnahme in den Kreis der übrigen Völker, inmitten derer sie sich schon emporschwingen würden mit ihrer „Einsicht und Erkenntnis“. Also, je rascher je lieber!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 20. Sie suchten daher in den Begriffen des Volkes eine förmliche Umwandlung herbeizuführen. Das Unmoralische, weil es den Sinnen schmeichelt, priesen sie als gut und schmähten die Tugend, weil sie Entbehrung auferlegt. Allmähliches Erlöschen der Gesetzeskenntnis nannten sie Aufklärung und behaupteten, das Licht der Thora hülle die Erde in Schatten. Das drohende bittere Geschick stellten sie als süße Befreiung vom Joche des Gesetzes hin und versuchten das süße Bewußtsein treuer Pflichterfüllung durch Hohn und Spott in sein Gegenteil zu verwandeln.
Gegenüber dem האומרים des ersten Drittels steht in den übrigen zwei Dritteln dieses Verses שמים — ersteres ist ein nur theoretisches Verdrehen der Wahrheit, letzteres weist auf ihre praktische Wirksamkeit zur Korruption der Masse hin.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 21. Nur sie waren weise, nur sie verstanden die Zeit. נגד פניהם: „gegenüber ihrem Angesichte“, das heißt: Im Spiegel ihrer Einbildung betrachtet, schauten sie sich als die Einsichtigen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 22. Nicht stark im Überwinden der eigenen Leidenschaft (Aboth 4, 1). Ihr Heldentum bestand darin, über jede Schranke des Gesetzes sich hinwegzusetzen. Durch ihre Kunst, die beste „Bowle“ anzusetzen, suchten sie in ihren Kreisen zu imponieren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 23. מצדיקי וגו'. Die Gleichheit der Gesinnung, welche sie mit dem Frevler teilten, war für sie bestechend und hatte zur Folge „עקב“, daß sie ihm überall Recht gaben. Wo im öffentlichen Leben, z. B. im Rate der Gemeinde, צדקת צדיקים „die Gerechtigkeit der Gerechten“ dem sündhaften Treiben des רשע wirksam entgegentreten wollte, da schützten sie ihn dadurch, daß sie deren Angriffe „ממנו“ von ihm, dem Frevler, zurückhielten, so daß sie ihm nichts anhaben konnten.
Von wirklicher Bestechung und Rechtsschmälerung im Streitverfahren kann hier wohl nicht die Rede sein, sonst hätte es heißen müssen וצדקת צדיק als Prozeßgegners des רשע.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 24. לכן וגו'. Die Vernichtung eines so entarteten Volksdaseins darf nicht wundernehmen, sie ist ein ganz natürlicher Vorgang, so natürlich wie das Verbrennen von Stroh durch Feuer und das Zusammensinken eines Haufens Spreu, sobald die Flammenhitze sich ihm nähert. Sobald die Wurzel der mit solcher Sorgfalt gepflanzten Rebe faul und zu Moder geworden war, konnte die Blüte nur Staub sein.
Die Wurzel der Gottespflanzung in Israel aber ist תורת ד' צבא', seine Lehre, sein Gesetz, mit welchem er seinem Volke den Posten angewiesen, welchen es in der Schar der Schöpfungswesen einzunehmen hatte. Aus der Pflege und redlichen Wartung dieser Wurzel wäre ihm אמרת קדוש ישראל erblüht, die Heiligung, welche Gott von ihm beansprucht, und das an diese geknüpfte Heil und Glück, die sein Ausspruch ihm verheißt.
Aber die Thora war ihnen „verächtlich“ geworden, sie überließen sie als wertlos der Verwesung, und für eine solche Blüte, wie sie deren Erfüllung verhieß, hatten sie nur Hohnlachen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 25. על כן: wörtlich „auf solcher Grundlage“. כן ist Basis, Untersatz (2. B. M. 30, 18). Die bisher geschilderte Verschuldung Israels bietet den Grund für das nachfolgende Strafgericht. So furchtbar wie jene, so entsetzlich ist dieses. — בעמו. Aber selbst während Gott so wuchtige Schläge gegen Israel führt, verwirft und verstößt er es nicht, es bleibt „sein Volk“, und gerade deshalb ruht seine züchtigende Hand nicht eher, als bis sie Besserung bewirkt hat.
כסוחה von כסח abhauen, fällen, wie שרופה באש כסוחה (Ps. 80, 17), wo es von dem Weinstocke heißt, was nicht durch das Feuer verbrannt wird, fällt dem Messer der Vernichtung anheim; ebenso weiter Kap. 33, 12 קוצים כסוחים. Hier jedoch ist es Adjektivform wie ושכלה אין בהם (Cant. 4, 2).
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 26. 27. וישרק לו וגו'. Eigentlich Zeichen geben durch pfeifenden Laut. לגוים und לו: Israel war von jeher von Feinden umgeben, die nur der göttliche Wille in ihren Schranken hielt, ohne daß sie selbst sich dessen bewußt waren. Ein Wink Gottes, die Schranken fielen, und der Schnellste unter ihnen eilte zum Kampfe wider es herbei. Der langverhaltene Groll läßt ihn keine Ermüdung spüren, er gönnt sich weder Ruhe noch Rast.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 28. Dabei sind trotz der Eile alle seine Vorkehrungen in vorzüglichster Ordnung, sein Kriegsmaterial ist das denkbar beste, das Streitroß so geschult, daß es auch ohne den Reiter ein nicht zu unterschätzender Gegner ist, und die Räder der Kriegswagen drehen sich wirbelnd wie der Sturm, alles in ihrem Wege zermalmend.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 29. שאגה וגו' ישאג וגו'. Sein unbändiges Toben kündet schon von weitem seine Wut an. Die Art derselben läßt erkennen, daß er die Gelenkigkeit und Grausamkeit des Leoparden mit dem tollen Mute des jungen Löwen vereint. Des Weiteren zeigt sich, daß er trotz des jugendlichen Ungestüms so viel Überlegung besitzt, immer erst die Beute in Sicherheit zu bringen, ehe er seinen Raubzug fortsetzt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 30. וינהם עליו. עליו bezieht sich auf das vorhergehende טרף, das ihm preisgegebene Israel.
ונבט. Nifal mit reflexiver Bedeutung. Die Worte צר ואור und בעריפיה, aber insbesondere die ersteren werden von älteren und neueren Forschern in mannigfacher Weise erklärt: צר als Mond, entweder als das „verkleinerte“ Licht oder ähnlich wie סהר und dann אור als Sonne; oder צר als Fels, Klippe und אור für יאור Fluß und davon entlehnt Flut, Wolkenbruch, Wasserwirbel. Auch anderen Kombinationen begegnet man, die aber als zu sehr gegen die Akzente verstoßend von den Erklärern selbst als fraglich bezeichnet werden. בעריפיה nehmen manche als Trümmer, Himmel oder Wolken.
Wir halten es nicht für unmöglich, daß אור hier ein von ארר gebildetes Hauptwort ist und „Fluch“ bedeutet. Analog wie wir von רבב das Hauptwort רוב „die Menge“ finden: לרוב אחיו (Esther 10, 3), פרצו לרוב (1. Chron. 4, 38).
חשך (Präterit.) spricht die Wahrheit aus, daß die gegenwärtig auf Erden herrschende Finsternis (והנה חשך) verursacht ist בעריפיה, durch die nach dem göttlichen Willen zur Erde gesandten Niederschläge. עריפיה von der Wurzel ערף, wie אף שמיו יערפו טל (5. B. M. 33, 28) triefen, nehmen wir als Niederschläge; das Suffix bezieht sich auf ארץ.
Der Prophet sieht Israel ratlos und verzweifelnd dem Toben des Feindes gegenüber. Vergebens späht es nach Hilfe aus, weder aus der Nähe noch aus der Ferne schimmert ihm ein Stern der Hoffnung entgegen — überall auf Erden Finsternis! Da wird es ihm klar, daß seine jetzige Not und Bedrängnis eine Folge des Fluches ist, den es durch seinen Abfall von Gott auf sich herabbeschworen hat, wie ihm dieses 3. B. M. 26 voraus verkündigt war. Gott war es, dessen strafende Hand die grausige Geschicksnacht auf sein abtrünniges Volk niedergesenkt hatte.
Vielleicht soll der Ausdruck עריפיה, gerade auf obiges Zitat hinblickend, den Gedanken andeuten, daß dieses Geschick des Jammers und der Tränen derselben Quelle entstammt, die so gerne den Tau des Lebens spenden möchte. — Wie hier die Katastrophe als „Niederschläge“ bezeichnet wird, so weiter Kap. 32, 19 als „Hagelwetter“ (vgl. das dort Bemerkte).