Jeschajahu 4 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 4. V. 1. Es müssen erst die vergötterten Töchter Zions die ganze Nichtigkeit ihres bisherigen Daseins eingesehen und ihre eigene Hilflosigkeit erkannt haben. Sie dürfen in dem Gatten nicht bloß den Versorger suchen, der ihnen die Mittel zu einem üppig genießenden, mit Prunk verbrämten Leben liefert — vielmehr müssen sie in ihm den schauen, mit dem vereint sie in sittlicher Lauterkeit ein vor Schuld und Schmach bewahrtes Pflichtleben führen wollen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. Erst dann wird die Pflanzung, welcher Gottes Waltung die sorgfältigste Pflege angedeihen läßt in der Geschichte der Menschheit, die Pflanzung des Reinen, Wahren, Guten, im jüdischen Volke zur Blüte gelangen und als das Schöne und Herrliche verehrt werden.
Dann aber auch wird der Bodenreichtum — bis dahin so häufig die Quelle der Sittenverderbnis und des Abfalls — die Stufe bilden, welche die „Geretteten Israels“ zur wahren Höhe und Würde ihrer Bestimmung hinanführt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. והיה וגו'. Damit wird die Zeit angebahnt sein, in welcher es sich zeigt, daß, wenn auch in Trümmern liegend, Jerusalem und Zion ihre Bedeutung für Israels Hoffnung nicht eingebüßt haben. Nur der in Zion von jeher gelehrte Geist der „Heiligung“, das ist ja der rückhaltlosen Hingebung an das sittliche Ideal, wird dies Israel „unversehrt“ erhalten und ihm Dauer verleihen — alles Fremdartige ist für es nicht vorhanden. Für alles zum wirklichen, wahrhaftigen Leben (es heißt nicht לחיים zu einem Leben, sondern לחיים zu dem Leben) „Aufgeschriebene“ bleibt doch Jerusalem der Sammelpunkt und Boden seiner Entwicklung.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. אם רחץ וגו'. Vorher muß aber die Grundursache des ganzen Verfalls beseitigt sein: צאת בנות ציון die Verkennung ihrer sittlichen Aufgabe durch Zions Töchter und דמי ירושלם ihrer sozialen Führerpflichten durch die Fürsten Jerusalems. Dies geschieht ברוח משפט: auch das blödeste Auge wird erkennen, daß das hereinbrechende Gottesgericht den „Geist des Rechts“ im sozialen Leben zur Verwirklichung zu bringen beabsichtigt. Und ברוח בער, בער heißt etwas fortschaffen, forträumen, was nicht dahin gehört: die das Familienleben trübenden unlauteren Elemente werden weggeweht. Der Sturm, welcher Jerusalems Pracht in Scherben warf, wurde zum reinigenden, erfrischenden Lufthauch für seine übriggebliebenen Söhne und Töchter, er drang ein in ihre Herzkammern und machte ihre Pulse mit neuer Wärme schlagen für die alte Aufgabe.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. וברא וגו'. Der Grund des „Berges Zion“ ist das Gesetz Gottes. Der Berg selbst ragt hoch empor während der Jahrhunderte des Exil-Geschickes seiner einstigen Bewohner und bleibt die Stätte der Verkündigung für das Heil Israels und zuletzt der Allmenschheit.
מקראיה: Das weibliche Suffix bezieht sich auf ציון. — Wo auf weitem Erdenrunde in der Diaspora sich zehn seiner Söhne zu einer Versammlung „einberufen“, um die Thora „vorzulesen“ und ihre Satzungen zu „verkündigen“ (das liegt ja alles in dem Worte מקרא), da wenden sich ihre Blicke Zion zu, ihre Versammlungsstätte wird zum מקדש מעט, zu einem Tempel in verjüngtem Maßstabe (Jechesk. 11, 16), zählt mit zu מקראיה, den von Zion aus gegründeten, in Zion wurzelnden Pflegestätten des Gottesgesetzes.
Bis zum Anbruche dieses lichten Völkermorgens wird Israel gleichsam in einem Zustande der Dämmerung leben: nie des Glückes blendender Tag ihm werden, aber auch nie trostlos dunkle Nacht der Vernichtung es bedecken. Jeder Tag wird seine trübende Wolke haben und der aus den Ruinen Zions stets emporsteigende Rauch den Augen Zähren wehmütiger Erinnerung entlocken. Aber auch keine Nacht wird so finster, es mildert sie doch Lichtschein der Schutz verheißenden Gottesverkündigung.
כי על כל כבוד חפה. Wir glauben hier כבוד wie in ובהיכלו כלו אמר כבוד (Ps. 29, 9) als Offenbarung Gottes verstehen zu dürfen. In dem still bescheidenen Glücke, in dem Seligkeitsgefühle betätigter Pflicht, in der Innigkeit des Familienlebens, welche die Ghettihäuser erfüllten, offenbarte sich die Gegenwart Gottes ihren Bewohnern. Unsichtbar freilich blieb sie der Außenwelt, verhüllt durch das Wolkendüster.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. וסכה תהיה וגו'. Gleichzeitig ward dieses Gewölk zur schützenden Hütte für das exilierte Israel, die es vor der Glut des fanatischen Hasses und Neides birgt und vor dem draußen oft tobenden Unwetter, welches ganze Völkerschaften von dem Erdboden hinwegtrieb.