Jeschajahu 3 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 3. V. 1. Alles, worauf sonst Menschen ihr Staatenleben gründen, gewährt euch keine Stütze, denn האדון ד' צבא', derselbe, welcher Kap. 1, 24 aufsteht, um Israels ewige Bestimmung durch Preisgabe seines entarteten Staatsdaseins zu retten, er entzieht Staat und Volk משען ומשענה, das heißt wohl jede künstliche und jede natürliche Stütze, den künstlichen Stab der Existenz, das Brot (בשברי לכם מטה לחם „indem ich euch den Stab des Brotes zerbreche", 3. B. M. 26, 26) und die natürliche Stütze, das Wasser.
Die Natur bietet Israel nur so lange ihre Mithilfe dar, als sein Staatsdasein ihm nicht Selbstzweck, sondern Mittel ist, um den göttlichen Willen auf der Erde zur Huldigung und Verwirklichung zu bringen. Versagt Israel dem Gesetze den Gehorsam, so versagt ihm die Natur „das Wasser", und mit aller Kunst gelingt ihm nicht „das Brot", die Fristung seines nationalen Körpers.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. 3. Künstliche Stützen suchte man in Helden, Kriegern, Wahrsagern, in industrieller Gewerke Kundigen und in denen, welche behaupteten, durch Beschwörung die Kräfte der Natur in ihren Dienst bannen zu können.
Die durch Gott uns gegebenen Einrichtungen, wie Richter, Propheten, erfahrene Älteste, auserlesene Beamte (vgl. Komm. 2. B. M. 18, 21), hochachtbare Männer und mit sozialer Einsicht begabte Räte — diese natürlichen Stützen hielt man für nicht ausreichend. Ja noch mehr! Man langte in erster Linie nach dem künstlichen Stabe, sah man doch andere Völker sich seiner scheinbar mit Erfolg bedienen — darum finden wir hier auch direkt Heidnisches, wie Auguren und Zauberer. Nebenbei freilich wollte man es mit Gott nicht ganz verderben und auch ihm darin Rechnung tragen, daß man sich auch zu den von Gott dargereichten Stützen bequemte. Aber gerade deshalb bot ihnen auch das „Göttliche" keinen Halt, wenn sie danach griffen, nachdem alles andere sich als morsch erwiesen hatte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. 5. Wo das Gesetz als von Gott gegeben der eigentliche Träger der Krone ist (5. B. M. 33, 5), da wird stets das durch Reife und Erfahrung am meisten gesetzeskundige Alter sowohl im öffentlichen als im Leben der Familie Führer und Leiter sein. Wo aber jede Zeit und jeder Mensch wähnt, sich selber die Lebensnormen auszuklügeln zu müssen, da wird das Alter mit seinen Erfahrungen als „veraltet und abgelebt" verspottet, die Jugend versteht die Zeit besser, ihr gebührt das Regiment! — Jeder will herrschen und bildet sein Herrschertalent gerade an dem ihm Nächsten aus, keiner will gehorchen. תעלולים von עלל entwickeln, etwas durch fortgesetztes Tun bewirken.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. 7. Wenn dennoch die Glieder eines Familienkreises sich der Autorität eines besser Gestellten unter ihnen fügen möchten, um den armseligen Rest, die Trümmer ihrer Habe unter seiner Leitung zu retten, so gebricht es dem also Aufgeforderten an Mut, er verzweifelt: Ich verstehe mich nicht aufs „Verbandanlegen" (לא חבשו, Kap. 1, 6), den klaffenden Riß meines Hauses kann ich nicht heilen, geschweige denn Führer auch nur eines Teils des Volkes werden. (קצין העם würde Führer des Volkes heißen.) לכה: das ה betont die Person, du allein hast . . .
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. 9. Es widerstrebte ihnen, sich Gottes Führung zu überlassen, ja עיני כבודו seine beaufsichtigende Gegenwart deuchte ihnen das einzige Hindernis ihres Gedeihens, und darum bekämpften sie diese mit Wort und Tat. — Wir bemerken, daß das Wort עיני hier ohne das י der Stammwurzel geschrieben ist, also wie das Wort ענִי Armut. Damit dürfte, wenn wir nicht irren, die Ursache ihres frechen Gebarens angedeutet sein. Die Langmut und Nachsicht Gottes gegen sie erschien ihnen, s. v. v., als Beweis seiner Ohnmacht. — הכרת וגו'. Diese prinzipielle Gegnerschaft prägte sich ihrem Gesichte auf und raubte ihnen jede Scham. Sie sprachen es ungescheut aus, daß ihnen Sittlichkeit und Gutestun als ein Verbrechen gegen das allgemeine Wohl erscheine, und „wie in Sedom" brandmarkten sie den, der dem Göttlichen noch Beachtung zollte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. 11. אִמְרוּ ist Imperativ. Wir finden diese gebietende Form auch da, wo das dadurch Verlangte nicht als Gebot des Redenden aufzufassen ist, sondern als etwas, zu welchem eintretende Verhältnisse oder Ereignisse gebieterisch zwingen würden. So in unserem Buche Kap. 23, 2 דמו ישבי אי und V. 4 בושי צידון. — Es liegt absolut kein Grund vor, es anders als in der gewöhnlichen Bedeutung von אמר zu nehmen.
Dieser Sedom-Gesinnung gegenüber verheißt der Prophet, die Erfahrung werde ihnen einst das Geständnis erpressen, daß das einzige „Gute" für den Menschen die Pflichttreue sei, deren Früchte nicht allein „dem Gerechten", auch „ihnen", der Gesamtheit, zugute kommen werden. Möge das Böse aber während seines Wachstums noch so verlockend sein, noch so reiche Ernte versprechen — wenn es reif geworden ist, so habe es doch bitteres Weh für den Frevler gezeitigt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. נוגשיו ist Akkusativ. Mein Volk will diejenigen, die es ernstlich zur Erfüllung seiner Pflichten anhalten wollen, erst zu Mentoren heranbilden. Sie sollen der einmal eingeschlagenen Richtung des Volkes Rechnung tragen, dem „Zeitgeiste" sich anbequemen, dann hört man auch wohl einmal ihren Mahnungen zu. Männlicher Ernst, der mit scharfem Verstand alle Verhältnisse erwägt, ist ihnen störend, dafür lassen sie sich lieber von Frauen leiten, die nach persönlichen Eindrücken und Gefühlen sich ihr Urteil bilden.
Am schlimmsten jedoch versündigen sich die Schmeichler an dir, welche deinen stetigen Abfall und Verfall noch als „Fortschritt" rühmen, damit entziehen sie deinem Blicke den einzigen rechten Weg unter allen dir möglichen Pfaden — den Weg der Rückkehr zur Pflicht. — בלען von בלע. In der Bedeutung: etwas verhüllen, den Blicken entziehen kommt בלע 4. B. M. 4, 20 vor: כבלע את הקדש „wenn man das Heiligtum gänzlich einhüllt".
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13—15. עמים. Da hier von dem über das jüdische Volk anbrechenden Strafgerichte die Rede ist, so bezeichnet עמים dessen Stämme, wie 1. B. M. 17, 16; 28, 3.
Zwei Faktoren aber sind es, die Gott hier für die eingerissene Verderbnis verantwortlich macht: die Führer des Volkes und — die Frauen. Jene sollten ja die berufenen Träger des Gotteswerkes im öffentlichen Leben sein, diese im Hause, im Leben der Familie. Beide jedoch hatten ihre Aufgabe völlig verkannt und ihre einflußreiche Stellung selbstsüchtig ausgebeutet.
Die Fürsten hatten die ihrer Wartung und Pflege anvertraute Gottespflanzung, „den Weinberg" als ihre Domäne „abgeweidet". Das Volk, welches doch עמי „mein Volk" ist, meinten sie, sei nur ihretwegen da, sie betrachteten es als den Sockel ihrer Größe, die Quelle ihres Reichtums. Ihre Handlungen leitete nicht die Pflicht, nur das eigene Interesse. Da waren natürlich die „Aussichten" auf Erlangung seines Rechts für denjenigen, den sie durch Erpressung zum armen Manne gemacht hatten — völlig vernichtet.
פני עניים glauben wir als das „worauf der Blick der Armen gerichtet ist" nehmen zu dürfen. Ähnlich: Prov. 27, 23 ידע תדע פני צאנך wonach deine Schafe verlangen, — 2. Sam. 10, 9 היתה אליו פני המלחמה die Schlacht nahm die Richtung ihm zu, — 2. Sam. 14, 20 את פני הדבר worauf die Sache hinzielt.
Zweien Gottesnamen begegnen wir im Munde Jesaias hier zum ersten Male: אדני und יֱהוִֹה: Der erste „mein Herr", „der du mich würdigst dein Diener zu sein", ist der Name, welcher vornehmlich im Munde der Propheten wiederkehrt, um sich als Werkzeug und Überbringer des Gotteswortes zu bezeichnen. Der letztere, der als אלק' sich aussprechende שם הוי"ה, ist die als „Recht" מדת הדין sich offenbarende „Liebe" מדת הרחמים. Mit diesem Namen spricht Jesaia es von vornherein aus, daß das strafende Verhängnis, welchem diese Worte zur Einleitung dienen, so schwer wie es auch Israel treffen werde, dennoch seinen Ursprung in der Liebe Gottes zu seinem Volke habe. — Zum Verständnis der Les- und Schreibweise קרי וכתיב s. das im Komm. zu Ps. 9, 13 und 19 Bemerkte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 16. 17. בת ציון wird gewöhnlich die jüdische Nation als Trägerin des auf Zion ruhenden Gesetzes genannt. Daß sie dies werde, hängt vor allem von den בנות ציון, den Schwestern, Gattinnen und Müttern des Volkes ab. Die ganze geistige und sittliche Pflege der Jugend, der begeisternde und sittlich hebende Einfluß auf die Männer — ihren Händen hat Gott sie anvertraut. Sie aber hatten völlig das Bewußtsein ihres hehren Berufes eingebüßt. Statt diesem zu leben, nur seinem Dienste ihren mächtigen Einfluß zu widmen, waren sie selbst in eitle Selbstgefälligkeit herabgesunken und ihre Einwirkung auf Gatten und Söhne hatte lediglich die Befriedigung ihrer eigenen nichtigen Gelüste zum Zwecke. Sich verhätscheln, sich anbeten zu lassen, durch kokettes Tändeln und maßlose Putzsucht die Männer zu gewinnen und zu fesseln, darauf war ihr ganzes Sinnen gerichtet. Damit verderbten sie die Jugend und entnervten die Männerwelt; vor diesem Geiste der Entsittlichung entwich das köstlichste Kleinod des jüdischen Volkes, der reine, frische Familiensinn, die ungetrübte Lauterkeit des Hauses. וברגליהם תעכסנה haben wir nach Sabb. 62, b übersetzt. Dort wird עכם als Gift erklärt. Sie suchen die Sinne der Jugend durch den Reiz der Sünde zu vergiften. Es heißt hier nicht, wie es grammatikalisch richtig wäre, וברגליהן, sondern וברגליהם mit männlicher Endung, eben um ihr unweibliches Auftreten zu bezeichnen.
ושפח, verwandt mit ספח sich jemandem anschließen, dürfte im קל die Bedeutung unseres „einem zu nahe treten" haben, hier, wo es פיעל ist, den tätlichen Angriff auf die Person selbst bezeichnen. — Ähnlich finden wir נגש sich nähern und נגש bedrängen.
פתהן scheint uns nicht von פות, sondern von פתה verführen zu sein und „das Verführerische" zu bedeuten. יערה ist die Pielform von ערה entleeren, ausschütten. Die Nifalform finden wir Jes. 32, 15: עד יערה עלינו רוח, wo es ausgegossen werden heißt. Kal: 1. B. M. 24, 20: ותער כדה אל השקת sie entleerte ihren Krug in die Tränke. Demnach hier wörtlich: Gott ist es, der sie von allem Verführerischen leer machen wird.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18—23. In der Erklärung der Schmuck- und Gewandteile gehen die Meinungen der Kommentatoren sehr auseinander. Z. B. עכסים Fußspangen, Glöckchen, Sporen oder elegantes Schuhwerk. נטיפות Ohrringe, goldene Halsketten oder solche von kleinen balsamischen Kugeln. רדידים Haken zur Befestigung des Kopfputzes, Obergewänder, Flor, Schleier. Jedenfalls zeugt dieses große Register von der Eitelkeit und raffinierten Putzsucht der Töchter Zions, welche erst die heilende Hand Gottes durch Zertrümmerung des National-Wohlstandes zur Einfachheit zurückführen muß, ehe sie ihre wahre Aufgabe begreifen und mit ihnen ihre Brüder, Gatten und Söhne.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 24—26. Diese drei Verse und der erste des vierten Kapitels bilden einen großen Vordersatz, zu welchem der darauf folgende Vers den Nachsatz bringt. Wir erinnern bei dieser Gelegenheit daran, daß die Einteilung unserer heiligen Schrift in Kapitel, wie sie uns jetzt vorliegt, nicht jüdischen Ursprungs ist und daher durchaus nicht immer dem wahren Sinne entspricht. Die jüdische Überlieferung teilt die heilige Schrift in סדרים ein, deren Kenntnis wir der Mitteilung des Korrektors der im Jahre 5286 a. m. gedruckten Konkordanz des Rabbi Jakob ben Chajim s. A. verdanken. Hier z. B. endet der סדר erst mit dem dritten Verse des nächsten Kapitels.
Da diese ganze Periode nicht mit תחת בשם מק יהיה beginnt, sondern vorher durch והיה eingeleitet wird, so heißt es: Es wird sein, wenn . . . oder wie wir übersetzten: Erst muß . . .
פתיגיל zusammengesetzt aus פתי der Tor und גיל der Jubel, das Jauchzen.
כי תחת יפי. Diese drei Worte, welche einen Zwischensatz bilden, bergen in sich die Ursache des Sittenverfalls im jüdischen Volksleben. תחת ohne nähere Angabe des Objekts dehnt die Bedeutung dieses Wortes auf alles aus: „Denn an die Stelle alles anderen war sinnliche Schönheit getreten.“ Auch das sinnlich Schöne hat seine Berechtigung, besonders wenn es in das Gewand der Anmut gehüllt auch die Tätigkeit des Geistes fördert, allein es muß sich dem sittlich Schönen unterordnen, darf nie die Alleinherrschaft in der Menschengesellschaft beanspruchen. Sobald aber das sinnlich Schöne alles andere, Geist, Sitte, Gemüt, Recht ersetzen soll, dann zersetzt es das Wohl des Volkes.
Das aber war gerade im jüdischen Staate zur damaligen Zeit der Fall! Darum muß erst entstellendes Elend an die Stelle des berückend Schönen getreten und der ganze Jammer eines vernichteten Staatsdaseins in allen seinen entsetzlichen Phasen: Tod, Trauer, Verödung, durchgekostet sein — ehe die trunkenen Anbeter des sinnlich Schönen nüchtern werden. — מתיך: מתים ist eine geringschätzende Bezeichnung für Menschen, denen man einen persönlichen Wert nicht zuerkennt, sie vielmehr nur als Fortpflanzer der Gattung „Mensch“ betrachtet (s. Komm. zu 1. B. M. 5, 21).