Jeschajahu 46 ישעיהו

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1
כָּרַ֥ע בֵּל֙ קֹרֵ֣ס נְב֔וֹ הָיוּ֙ עֲצַבֵּיהֶ֔ם לַחַיָּ֖ה וְלַבְּהֵמָ֑ה נְשֻׂאֹתֵיכֶ֣ם עֲמוּס֔וֹת מַשָּׂ֖א לַעֲיֵפָֽה׃
BernfeldBel bricht zusammen, Nebo stürzt, die Götzen [Babels] sind [aufgeladen] auf Tiere und Lastvieh; die Ladung drückt sie schwer, eine ermüdende Last.
ZunzZusammengesunken ist Bel, es stürzt Nebo, ihre Götzen sind den Thieren, dem Viehe (übergeben), die von euch getragenen werden aufgeladen, eine Last dem ermüdeten
J. J. HirschIn die Kniee sank Bel, es krümmt sich Nebo, die ihre Götter waren, gehören dem Gewild und dem Viehe! Von euch Getragene waren mit Bürde belastet worden. — eine Last dem selber so Matten!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 46. V. 1. 2. An das ויבשו anknüpfend, an die Versicherung, daß einst die Enttäuschung über ihre vergeblichen Versuche, ohne Gott zum Ziele zu gelangen, der Menschheit die Augen öffnen werde, spinnen nun diese Verse den Gedankenfaden des V. 20 הנושאים את עץ פסלם וגו' weiter fort: den Gedanken von der Ohnmacht und Hilflosigkeit alles dessen, was die irregehende Menschheit an Stelle des wahren Gottes göttlich verehrt und anbetet. Es fühlen die Menschen sich schwach, empfinden, daß sie einer Stütze, eines Trägers bedürftig sind; aber statt sich von dem tragen zu lassen, der die Welten trägt, schaffen sie einen Gott und stülpen das Weltall und sich selbst auf die Schultern des armen, gebrechlichen Wahngebildes, das von ihrer ohnmächtigen Hand geschaffen und getragen ist. Da ist es kein Wunder, wenn diese kraftlose Götterpuppe unter ihrer Last und mit ihr zusammenbricht!

Das ist's, was hier mit feinster Ironie an Babels Götterwahn gezeigt wird. Cyrus, der mächtige Eroberer, naht sich Babylon, und Babels Götter Bel und Nebo, sie, auf deren Schutz es vertraut, sinken ohnmächtig zusammen. Wir sind nicht bewandert genug in der babylonischen Mythologie, um die Nuancen von כרע, Präterit., und קרס, Präs., richtig würdigen zu können. Wenn בל, wie ja fast allgemein angenommen wird, der höchste, der National-Gott der Babylonier war, ähnlich wie Jupiter, während נבו mehr dem Merkur entsprechend gedacht wird, dann wäre hier, den Spott verschärfend, vielleicht gesagt, daß gerade dieser Stärkste und Mächtigste sogleich allen Mut verlor und feig in die Kniee sank; Nebo aber kann sich, auf dem Boden liegend, nicht vom Sturze erholen, es zittert noch alles in ihm, er krümmt sich vor Weh. Vielleicht! — קרס heißt zusammenkrümmen, davon קרסים die gebogenen Nadeln, Spangen zum Zusammenhalten (2. B. M. 26, 11).

היו עצביהם לחיה ולבהמה könnte auch heißen: ihre Götter wurden dem Gewild und dem Viehe zur Beute. Doch ziehen wir vor, es wie oben zu übersetzen, da dem auf עצביהם stehenden זקף קטן immerhin eine Trennkraft innewohnt, obgleich dieselbe ja dadurch, daß ihm bereits der gleiche Akzent auf נבו vorangeht, etwas gemildert ist. — נשאתיכם עמוסות, weiblich, um die Schwäche der עצבים zu kennzeichnen, wie ja auch nach unserer Auffassung לעיפה die unmännliche Schwäche noch mehr hervortreten lassen soll als wenn לעיף stünde. In נשאתכם — נשא von בינוני פעול — vereinigen sich die beiden Begriffe des in-die-Höhe-gehoben- und getragen-Werdens: Die ihr — zu den Babyloniern gewandt — zu Göttern erhoben habet, können ja weder gehen, noch sich in ihrer hohen Stellung erhalten ohne eure Hilfe. (Vgl. Jerem. 10, 5: Getragen müssen sie werden, da sie keinen Schritt machen können.) Und denen ladet ihr euer Geschick auf — משא die Last, die Geschickeslast (s. oben zu Kap. 13, 1), die euch zu schwer ist, soll dieses hilflose, schwache, matte Götterwesen tragen! Gibt es etwas Sinnloseres, eine größere Absurdität als solcher Wahn?

קרסו כרעו וגו'. Hier bei der Schilderung des Erliegens unter der Last geht das Krümmen dem Zusammenbrechen in die Kniee voran. — לא יכלו מלט משא וגו' Euer Geschick, die Last, die ihr ihnen aufbürdetet, vermochten sie nicht zu retten, nicht einmal sich selbst, verfielen sie doch selbst der Gefangenschaft. Ob das ונפשם בשבי הלכה wörtlich zu nehmen oder nur bildlich, vermögen wir aus der heiligen Schrift nicht zu eruieren. Ähnliches finden wir Jerem. 48, 7 und 49, 3 von den Göttern Moabs und Ammons ausgesagt.

2
קָרְס֤וּ כָֽרְעוּ֙ יַחְדָּ֔ו לֹ֥א יָכְל֖וּ מַלֵּ֣ט מַשָּׂ֑א וְנַפְשָׁ֖ם בַּשְּׁבִ֥י הָלָֽכָה׃ {פ}
BernfeldSie brechen zusammen und stürzen, sie können die Last nicht retten, und sie selbst [die Babylonier] wandern in die Gefangenschaft.
ZunzSie stürzen, sinken allzumal, sie können die Last nicht retten, und ihre Seele wandert in die Gefangenschaft.
J. J. HirschDa krümmten sie sich, sanken miteinander in die Kniee, sie vermochten die Last nicht zu retten, gingen doch sie selbst in die Gefangenschaft!
3
שִׁמְע֤וּ אֵלַי֙ בֵּ֣ית יַעֲקֹ֔ב וְכׇל־שְׁאֵרִ֖ית בֵּ֣ית יִשְׂרָאֵ֑ל הַֽעֲמֻסִים֙ מִנִּי־בֶ֔טֶן הַנְּשֻׂאִ֖ים מִנִּי־רָֽחַם׃
BernfeldHöret auf mich, Haus Jakob, und all die Übriggebliebenen des Hauses Israel, die [mir] aufgeladenen von ihrer Geburt an, von mir getragen werden, seitdem sie den Mutterschoß verlassen.
ZunzHöret mich, Haus Jaakob, und all die Uebriggebliebenen des Hauses Jisraël, die (mir) aufgeladenen vom Mutterleibe an, getragen vom Mutterschoße an.
J. J. HirschIhr aber höret auf mich, Haus Jakob und der ganze Überrest des Hauses Israel! Die ihr die Bebürdeten seid vom Mutterleibe an, seid auch die vom Mutterschoße an Getragenen;
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. 4. שמעו אלי וגו'. Ganz anders verhält sich's mit euch, der für ihre Israels-Bestimmung aus der babylonischen Gefangenschaft befreiten Jakobs-Familie. העמסים — הנשאים: das doppelte ה spricht die Identität aus, so z. B. הסולח לכל עונכי הרפא לכל תחלואיכי (Ps. 103, 3), was dem Sinne nach heißt: Derselbe, der dich moralisch gesunden läßt, heilt auch deine physischen Krankheiten.

העמסים: Wohl ist die jüdische Nation mehr als alle anderen Völker belastet mit den Pflichten ihrer Aufgabe wie mit dem gerade deretwillen zu tragenden Geschicke. Bereits mit ihrer Entstehung, in der Zeit ihres Keimens und Werdens — מבטן — mußte sie das schmerzliche Galuthgeschick in Mizraim über sich ergehen lassen, dort in dem eisernen Tiegel der Leiden sollte sie erst für ihre Aufgabe geläutert werden. Des Stahles Härte und seine Biegsamkeit, welche sie zum Werkzeug in Gottes Hand erst geeignet machen, konnte sie nur unter der Wucht der Schicksalsschläge erlangen.

הנשאים: Aber auch sofort, mit dem Augenblicke, da sie als Nation zur Welt kam — מני רחם —, zeigte sich's, daß sie nicht auf ihre eigene Kraft angewiesen ist, erwies sie sich als von Gott getragen. Er hob sie heraus aus dem ägyptischen Sterben, entzog sie der Verfolgung ihrer Feinde, trug sie über Meeresfluten und die Schrecknisse der Wüste und nahm ihre geistig-sittliche Ausbildung und die Sorge für ihre physische Existenz auf sich — sie selbst und das, was sie zu tragen hat, trägt Gott! (Vgl. damit Ps. 68, 20: ברוך אדנ' יום יום יעמס לנו וגו' möge er uns, welche immer, Lasten aufladen, er selbst ist die Allkraft, die uns sie tragen hilft.)

ועד זקנה וגו': Und wie meine Allmacht euch in der Stunde eurer Geburt auf Adlersfittiche hob ואשא אתכם וגו' und, hoch über den gewöhnlichen Gang sonstigen Erstehens von Völkern auf Erden, euer Volk gründete, so trägt sie euch durch alle Zeiten; und wenn es zuweilen scheint, als hättet ihr mit dem Alter die Kraft eingebüßt, eure Aufgabe zu Ende zu tragen, und selbst wenn ihr das höchste Alter erreicht haben werdet, das Greisenalter, dem noch alle anderen Nationen erlegen sind — das besondere Ziel, welches ich mit eurer Schöpfung — אני עשיתי — verfolgte und das in den Worten an euren Vater Jakob „und es sollen durch dich alle Familien der Erde gesegnet werden und durch deinen Samen“ (1. B. M. 28, 14) seinen Ausdruck fand und eure Aufgabe bedang, dieses besondere Ziel veranlaßt mich, ואני אשא euch weiter zu tragen, euch samt eurer Aufgabe; und was Ich trage, das findet auch seine Rettung durch mich, ich trage es durch bis ans glückliche Ende!

Die tiefe Bedeutung dieser beiden Verse, den Gegensatz der göttlichen Waltung gegenüber der Ohnmacht der heidnischen Götter, wie sie die vorhergehenden zwei Verse schildern, die besondere Fürsorge Gottes für Zeiten, in denen das jüdische Volk nicht nur anderen Völkern, sondern sogar sich selbst als „gealtert“ oder „gar greisenhaft veraltet“ vorkommt, und wie Gott auch über solche Zeiten, die in der Tat die gefährlichsten sind, hinüberhilft und immer wieder rettet, bis er zuletzt die endliche Rettung bringt — das vermögen wir hier nur in kurzen Worten anzudeuten. Unserer Ansicht nach bilden diese beiden Sätze das Vademecum, den Spruch, den Gott in unser Wanderbuch einzeichnete, auf daß er uns allüberall und immer begleite. Nicht umsonst tritt mit der fünfmaligen Wiederholung von „אני“ Gott als der in allen Phasen unseres Daseins, durch alle Gänge der Zeiten einzig unveränderlich Bleibende hervor, der unabhängig von der Welt, ja im Gegensatz zu ihr, uns unserer Bestimmung zuführt; er rettet unsere Aufgabe für uns und uns für unsere Aufgabe! Uns ist nur noch ein Satz in der heiligen Schrift bekannt, in welchem mit der viermaligen Wiederholung des Wortes אני die absolute Unabhängigkeit Gottes und seines Wollens und darum auch der Geschickesleitung, die er uns angedeihen läßt, ausgedrückt und damit zugleich die Ewigkeit unserer Aufgabe und unserer durch nichts zu verändernden Bestimmung gewährleistet wird: 5. B. M. 32, 39 ראו עתה כי אני אני הוא וגו' „Sehet nun, daß Ich Ich bin und kein Gott neben mir; Ich töte und belebe, Ich habe verwundet, Ich heile wieder, und meiner Hand entreißt man nichts.“

V. 5—7 führen im Gegensatz dazu dem Volke das Widersinnige des Götzentums nochmals vor die Seele, ähnlich wie oben Kap. 40, 18 u. w. und stellen die Hilflosigkeit und Ohnmacht der Götter so recht ins hellste Licht. — דמה im Kal: ähnlich sein, תדמיוני, Piel, ähnlich finden. ותשוו Hifil von שוה gleich sein, also gleichstellen; ותמשלוני: משל Gleichnis, die Hifilform bezeichnet das unter einen gemeinsamen Begriff Stellen mehrerer Dinge oder Personen, einen Gedanken finden oder suchen, der sie sämtlich „beherrscht“. Daher ist משל der schwächste, דמה der stärkere und שוה der stärkste dieser Ausdrücke.

הזלים. Über die Wurzel dieses Wortes sind die Grammatiker verschiedener Ansicht, ob זלל, זול (in der Sprache des Talmuds: wohlfeil, geringwertig) oder נזל, der Vermutung, daß es von אזל gebildet sei, gar nicht zu gedenken. Wir neigen der Ansicht zu, daß es von נזל stammt, das ja auch transitiv als fließen lassen vorkommt, so oben Kap. 45, 8: ושחקים יזלו צדק. Eine Analogie für die Form הזלים dürfte vielleicht פרץ נחל מעם גר (Job 28, 4) bieten, das nach der Ansicht der יש מפרשים im ספר השרשים des רד"ק von נגר stammt. Dem Sinne nach ist übrigens kein Unterschied: Sie achten den Wert des Goldes nicht, lassen es leicht aus der Tasche fließen, wenn es gilt einen recht tüchtigen Künstler zu engagieren, der aus dem ihm zugewogenen Silber einen „Gott“ für sie anfertigt.

4
וְעַד־זִקְנָה֙ אֲנִ֣י ה֔וּא וְעַד־שֵׂיבָ֖ה אֲנִ֣י אֶסְבֹּ֑ל אֲנִ֤י עָשִׂ֙יתִי֙ וַאֲנִ֣י אֶשָּׂ֔א וַאֲנִ֥י אֶסְבֹּ֖ל וַאֲמַלֵּֽט׃ {ס}
BernfeldBis in euer Alter bin ich für euch derselbe und bis in euer Greisentum ertrage ich euch; ich habe vollbracht, ich werde euch auch tragen, und ich ertrage und rette.
ZunzUnd bis in das Alter bin ich derselbe und bis in das Greisenthum ertrage ich; ich habe vollbracht, ich auch werde (euch) tragen, und ich ertrage und rette.
J. J. Hirschund bis zum Alter bleibe Ich derselbe und bis zum Greisenalter werde Ich die Last tragen: was Ich geschaffen, das trage Ich auch, und wenn Ich die Last trage, so führe ich die Rettung aus.
5
לְמִ֥י תְדַמְּי֖וּנִי וְתַשְׁו֑וּ וְתַמְשִׁל֖וּנִי וְנִדְמֶֽה׃
BernfeldWem wollt ihr mich vergleichen und ähnlich machen oder gegenüberstellen, dass wir uns glichen?
ZunzWem wollt ihr mich vergleichen und ähnlich machen, und gegenüber stellen, daß wir uns glichen?
J. J. HirschWem wollt ihr mich ähnlich finden und gleichstellen, oder mich vergleichen, daß wir auch nur ähnlich wären?
6
הַזָּלִ֤ים זָהָב֙ מִכִּ֔יס וְכֶ֖סֶף בַּקָּנֶ֣ה יִשְׁקֹ֑לוּ יִשְׂכְּר֤וּ צוֹרֵף֙ וְיַעֲשֵׂ֣הוּ אֵ֔ל יִסְגְּד֖וּ אַף־יִֽשְׁתַּחֲוֽוּ׃
BernfeldJene, die Gold spenden aus dem Beutel und Silber auf der Waage wägen, einen Schmelzer dingen, dass er einen Gott daraus mache, dann vor ihm knien und niederfallen;
ZunzDie Gold schütten aus dem Beutel und Silber auf der Wage darwägen, einen Schmelzer dingen, daß er einen Gott daraus mache, knien und niederfallen;
J. J. HirschSie lassen Gold aus dem Beutel fließen und wägen Silber mit dem Wagbalken ab, dingen einen Metallkünstler, daß er es zu einem Gotte verarbeite, vor dem sie sich verbeugen, ja sogar niederwerfen.
7
יִ֠שָּׂאֻ֠הוּ עַל־כָּתֵ֨ף יִסְבְּלֻ֜הוּ וְיַנִּיחֻ֤הוּ תַחְתָּיו֙ וְיַֽעֲמֹ֔ד מִמְּקוֹמ֖וֹ לֹ֣א יָמִ֑ישׁ אַף־יִצְעַ֤ק אֵלָיו֙ וְלֹ֣א יַעֲנֶ֔ה מִצָּרָת֖וֹ לֹ֥א יוֹשִׁיעֶֽנּוּ׃ {ס}
BernfeldSie tragen ihn auf der Schulter, bürden sich ihn auf und stellen ihn an seinen Platz, da bleibt er stehen, er weicht nicht von seiner Stelle. Er schreit zu ihm, aber er antwortet nicht, aus seiner Not rettet er ihn nicht.
ZunzSie tragen ihn auf der Schulter, bürden sich ihn auf und stellen ihn an seinen Platz, und er bleibt stehen, von seiner Stelle weicht er nicht. Auch schreit er zu ihm, aber er antwortet nicht, aus seiner Roth rettet er ihn nicht.
J. J. HirschSie müssen ihn tragen! Auf die Schulter laden sie ihn sich als Last auf, dann setzen sie ihn nieder an seinen Platz, und da steht er, weicht nicht von seiner Stelle. Sogar wenn er zu ihm schreit, antwortet er nicht, aus seiner Bedrängnis wird er ihm nicht helfen.
8
זִכְרוּ־זֹ֖את וְהִתְאֹשָׁ֑שׁוּ הָשִׁ֥יבוּ פוֹשְׁעִ֖ים עַל־לֵֽב׃
BernfeldBedenket dies und ermannet euch, nehmet es euch, ihr Abtrünnige, zu Herzen.
ZunzBedenket dies und ermannet euch, nehmet es, ihr Abtrünnige, zu Herzen.
J. J. HirschDaran denket und ermannet euch, bringet Abgefallene wieder zur Besinnung!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. והתאששו: Bereits oben Kap. 16, 7 erwähnten wir dieses Wort bei לאשישי קיר חרשת. Daß es denomin. von איש ist, scheint anzunehmen zu sein, wenigstens drückt es vollkommen den Sinn von התחזקו והיו לאנשים aus (1. Sam. 4, 9) „festigt euch und werdet zu Männern“.

זכרו זאת וגו'. Haltet euch die Allmacht Gottes und die Ohnmacht und Nichtigkeit der Götter stets vor Augen, ermannet euch, werdet ganze Juden und festiget euch in der Gottestreue. Und wenn je wieder der Abfall von Gott sich in eurem Volkskreise regen sollte, so lasset ihn nicht aufkommen, tretet ihm mit dem Ernst der Überzeugung entgegen.

השיבו וגו'. Entweder: Der Gedanke an זאת, an die Allmacht Gottes ist dem Bewußtsein der Abtrünnigen entschwunden, führet ihn wieder ihrem Herzen zu, oder: Sie haben die Besinnung vollständig verloren, bringet sie wieder zum Bewußtsein ihres Irrtums und ihrer Pflicht.

Die hier für das aus dem babylonischen Exile heimkehrende Volk bestimmte Ermahnung ist nicht fruchtlos geblieben. Nie wieder, nicht während der Periode des zweiten Tempels, noch später, machte sich der Abfall zum Götzentum im jüdischen Volke, von verschwindend wenigen Ausnahmen abgesehen, irgendwie bemerkbar. Der leidenschaftliche Trieb, der Hang zum Polytheismus, der im Reiche Israel wiederholt zutage getreten ist, der war fortan und blieb für ewig aus Juda verbannt. Das Götzentum hatte seinen verführerischen Reiz für das jüdische Volk gänzlich und für immer verloren! Vgl. die אגדה Joma 69b und Sanhedr. 64a: בייא בייא היינו וכו' nebst der רש"י: זאת הרשעה וגו' תחלת בית שני.

9
זִכְר֥וּ רִאשֹׁנ֖וֹת מֵעוֹלָ֑ם כִּ֣י אָנֹכִ֥י אֵל֙ וְאֵ֣ין ע֔וֹד אֱלֹהִ֖ים וְאֶ֥פֶס כָּמֽוֹנִי׃
BernfeldGedenket des Vergangenen aus der Vorzeit, denn ich bin Gott und keiner sonst, ich bin Gott und nichts ist mir gleich.
ZunzGedenket an Vergangenes aus der Vorzeit; denn ich bin Gott und Keiner sonst, (bin) Gott und nichts ist mir gleich,
J. J. HirschGedenket des Frühesten aus der Urzeit; wie ich der Allmächtige war und noch nichts bestand, so bin ich Gott, und nichts ist mir gleich,
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9—13. זכרו ראשנות מעולם וגו'. Gedenket ferner, wie alles, was sich von je vollzog, mein Werk ist, und wie ich euch alles, was sich in der Zukunft als euer Geschick gestalten sollte, stets verkündet habe, ehe es euch erreichte. So offenbare ich euch auch jetzt bereits meinen Entschluß, Cyrus zu eurer Befreiung aus dem künftigen babylonischen Exile zu berufen. Harret darum dort ruhig aus, die Ausführung meines Ratschlusses wird immer näher heranrücken — er ist unerschütterlich und kann durch nichts aufgehalten oder in weite Ferne gerückt werden, er ist צדקתי Ausfluß meiner Milde, und als solcher eilt er unaufhaltsam seinem Ziele zu. Vgl. im vorhergehenden Kapitel V. 23: יצא מפי צדקה דבר ולא ישוב.

An Einzelheiten haben wir noch nachzufügen: עיט der Raubvogel, dem die Klaue zum Werkzeug und zu tötender Waffe gegeben ist. Wir übersetzten עיט mit Adler als dem Mächtigsten dieser Gattung und zugleich dem höchst Fliegenden, wie wir auch Job 28, 7: נתיב לא ידעו עיט als Adler auffassen. Dort kann es nämlich nicht gut „Raubvogel“ bedeuten, sondern muß den Vogel bezeichnen, der am höchsten fliegt, den Adler, weil in demselben Vers איה der Geier als der mit dem schärfsten Augebegabte Vogel erwähnt wird. Hier ist damit gesagt: Ich rüste Cyrus mit allen Attributen der Stärke aus, um die hochfliegendsten Pläne fassen und ausführen zu können.

עצתי קרי עצתו כתיב: Es ist sein Plan, aber von mir angeregt, ist nichts anderes als das, was דברתי und יצרתי ich verheißen und vorgebildet habe, und nun zur Ausführung bringe durch ihn, mein Werkzeug.

אבירי לב. Menschen, deren Herz schwer zugänglich ist, in deren Gemüt das Vertrauen auf Gott nur schwer Eingang findet. Es sind hier diejenigen gemeint, die nicht so recht an die Erlösung aus Babel glauben wollen, sie für unmöglich oder doch nur in weiter Ferne liegend halten. Wir denken dabei an die Bedeutung von אביר, wie es häufig vorkommt, als mächtig, stark, ja feist und fettgepanzert: בשר אבירים (Ps. 50, 13).

Da aber אבירי לב Ps. 76, 6, s. Kommentar, im Hinblick auf אבר Flügel, Schwinge, als Menschen hochfliegenden Mutes erklärt wird, so könnten auch hier vielleicht darunter die verstanden sein, die sich mit der Idee tragen, sich völlig mit den Babyloniern zu amalgamieren, um sich zu den höchsten Ehrenstellen im Staate emporzuschwingen, nach denen ihr hochstrebendes, ehrgeiziges Herz sich sehnt. Diese wären dann natürlich weit entfernt davon, in der verheißenen Befreiung צדקה eine Wohltat zu erblicken. Für solche würde die Antwort lauten: Eure Berechnung ist falsch, dazu helfe ich euch nicht, nur in Zion gewähre ich meine Hilfe, und nur wenn ihr euren Charakter als ישראל wahret, kommet ihr durch mich zu Ehren. Doch geben wir der ersten Erklärung den Vorzug.

קרבתי וגו'. Meine Milde, die sich in eurer Erlösung aus Babel zeigt, ist euch näher als ihr meinet; die wahre Hilfe aber gewähre ich euch erst in Zion, und wenn ihr eurer Israel-Bestimmung nachlebt, Anteil an meiner eigenen Herrlichkeit, an dem von mir ausgehenden Strahlenglanz!

10
מַגִּ֤יד מֵֽרֵאשִׁית֙ אַחֲרִ֔ית וּמִקֶּ֖דֶם אֲשֶׁ֣ר לֹא־נַֽעֲשׂ֑וּ אֹמֵר֙ עֲצָתִ֣י תָק֔וּם וְכׇל־חֶפְצִ֖י אֶעֱשֶֽׂה׃
BernfeldDer in früher Zeit die spätere verkündet, und in der Urzeit, was noch nicht geschehen; ich spreche: Mein Beschluss wird bestehen und meinen Willen führe ich aus.
ZunzDer in früher Zeit die späte verkündet, und in der Urzeit, was noch nicht geschehen, ich spreche: Mein Entschluß wird bestehen und all meinen Willen führ' ich aus.
J. J. Hirschverkünde von Anfang an das Ende und in der Vorzeit, was noch nicht in Gestaltung begriffen, — spreche: „mein Beschluß soll erstehen und all meinen Willen führe ich aus“ —
11
קֹרֵ֤א מִמִּזְרָח֙ עַ֔יִט מֵאֶ֥רֶץ מֶרְחָ֖ק אִ֣ישׁ (עצתו) [עֲצָתִ֑י] אַף־דִּבַּ֙רְתִּי֙ אַף־אֲבִיאֶ֔נָּה יָצַ֖רְתִּי אַף־אֶעֱשֶֽׂנָּה׃ {ס}
BernfeldIch rufe vom Osten her den Aar, aus fernem Lande den Mann, den ich verheißen; ich hab es verheißen, ich werde es auch kommen lassen; ich hab es entworfen, werde es auch ausführen.
ZunzIch rufe vom Aufgang her den Aar, aus fernem Lande den Mann meines Rathes; ich hab' es verheißen, ich werde es auch kommen lassen, ich hab' es entworfen, werd es auch ausführen.
J. J. Hirschrufe aus dem Osten her den Aar, aus fernem Lande den Mann meines Plans: Wie ich es ausgesprochen habe, so bringe ich es auch, ich habe es vorgebildet, ich führe es auch aus!
12
שִׁמְע֥וּ אֵלַ֖י אַבִּ֣ירֵי לֵ֑ב הָרְחוֹקִ֖ים מִצְּדָקָֽה׃
BernfeldHöret mich, ihr verstockten Herzens, die ihr das Heil so fern glaubt!
ZunzHöret mich, ihr Hartherzigen, die ihr fern seid von Milde!
J. J. HirschHöret auf mich, ihr, deren Herz verstockt ist, die ihr euch ferne wähnt von [meiner] Milde.
13
קֵרַ֤בְתִּי צִדְקָתִי֙ לֹ֣א תִרְחָ֔ק וּתְשׁוּעָתִ֖י לֹ֣א תְאַחֵ֑ר וְנָתַתִּ֤י בְצִיּוֹן֙ תְּשׁוּעָ֔ה לְיִשְׂרָאֵ֖ל תִּפְאַרְתִּֽי׃ {ס}
BernfeldMeine Gnade lasse ich nahen, sie bleibt nicht fern, und mein Sieg soll nicht säumen; ich gebe Zijon Heil, für Israel, das mein Ruhm ist.
ZunzMeine Gnade laß' ich nahen, sie bleibt nicht fern, und mein Sieg soll nicht säumen; und ich gebe Zijon Sieg, Jisraël meinen Ruhm.
J. J. HirschNahe gebracht habe ich schon meine Milde, sie wird nicht mehr ferne bleiben und meine Hilfe sich nicht verzögern. Ich werde Hilfe verleihen in Zion, an Israel meine Herrlichkeit.