Jeschajahu 43 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 43. V. 1. ועתה Jetzt aber — im Gegensatz zu ולא ידע und ולא ישים על לב —, da deine Leiden dich deinen Gott haben wieder finden lassen, בוראך יעקב durch deine Jakobsstellung schafft dich Gott aufs neue und bildet dich erzieherisch für deine Bestimmung als Israel aus. — Deshalb, spricht Gott, hast du für alle Zeiten, auch im Exile, nichts zu fürchten. — Während die gewöhnliche Bezeichnung des jüdischen Volkes in der תורה, auch bei der Geschichte seiner Erlösung, העם, עמי oder בני ישראל ist, nennt Gott es in dem Augenblicke, da er Moses befiehlt, die ersten einleitenden Schritte für seine Erlösung zu tun: 2. B. M. 3, 16: לך ואספת את זקני ישראל, und Kap. 4, 23 beauftragt er ihn, zu Pharao zu sprechen: כה אמר ד' בני בכרי ישראל. „בני ישראל", Söhne Israels, erinnert immer wieder an die Aufgabe, die ihnen als Söhne ihres Vaters Israel geworden; in dem Momente, da Gott sich anschickte, sie zu erlösen, nannte er das Volk selbst mit dem Namen „Israel" und gab ihm als solches die Bestimmung „Isra-El", für die Anerkennung der Herrschaft Gottes in der Menschheit zu wirken. (S. weiter das zu Kap. 49, 3 Bemerkte.)
Hier dürfte mit אל תירא כי גאלתיך קראתי בשמך לי אתה auf diesen Moment hingewiesen und damit gesagt sein: Als ich dich aus Ägypten erlöste, sprach ich mit dem Namen, den ich dir als Volk gab, einem Namen, der ja meinen Namen „El" enthält, aus, daß du aufs engste mit mir verbunden bist, und das macht dich als Volk unsterblich — darum hast du nichts zu fürchten. Wie du bei deiner Erlösung das Schilfmeer durchschreiten konntest, und die Fluten des Jarden deinen Weg zu dem dir verheißenen Lande nicht hemmen konnten, so jetzt auf deinem Exilswege:
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. כי תעבר וגו'. Die brandenden Wogen der Zeiten, alle gewaltigen Strömungen der Weltgeschichte durchschreitest du auf dem Wege treuen Pflichtstrebens — sie, die die mächtigsten Staatengefüge von der Bildfläche der Erde hinwegschwemmten, dich vermögen sie nicht wegzuspülen — ich bin bei dir! Und aus allen Feuersgluten, die der Haß und Wahn der Völker rings um dich anschürt, gehst du als Volk unversehrt hervor, weil
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. ich dein Gott bin, du dein Leben nach meinem Willen gestaltest und meiner Waltung dein Geschick anheimstellst — beides liegt in dem Begriff קדוש, — אלקיך ישראל durch meine Thora heilige ich dich und durch die Gestaltung deines Geschickes. Damit מושיעך bin ich dein Helfer, ich läutere dich und erhalte dich. So, als du zum Volk erstehen solltest, bestimmte ich Mizrajim zum כור הברזל (1. Kön. 8, 51: אשר הוצאת ממצרים מתוך כור הברזל), zum eisernen Schmelztigel, der dich zu reinigen und zu läutern hatte von den dir anhaftenden Fehlern und Untugenden. (כור ist ja auch lautverw. mit כפר.) So lenkte ich die Gefahr, die dir durch Sanherib drohte, als er bereits vor Lachisch lag, von dir ab, indem ich ihn, wie ich es Chiskijahu vorher verkündet hatte, die Nachricht vernehmen ließ, daß Tirhakah, der König von Kusch, zum Kriege wider ihn ausgezogen sei. S. oben Kap. 37, 7, 8. — Dafür, daß damals סבא mit כוש verbunden war, spricht weiter Kap. 45, 14; s. das.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. יקרת, נכבדת, אהבתיך dürfte dem Sinne nach mehr als futurum exactum aufzufassen sein. — Die Erfahrung wird dich lehren, daß nur, indem du durch Gehorsam gegen mich in meinen Augen an Wert gewonnen haben wirst, du auch in der Anschauung der Menschen zu Ehre und Geltung gelangt sein wirst. Nicht der Treubruch gegen das göttliche Gesetz erwirbt dir die Achtung der Mitmenschen, sondern die Charakterfestigkeit und die Treue, die du mir inmitten der Leiden des Galuth bewahrt haben wirst. Vgl. יקר בעיני ד' המותה לחסידיו (Ps. 116,15) „Wertvoll ist in Gottes Augen auch das hinsterbende Geschick, das den Ihm sich Weihenden geworden". — ואני אהבתיך Dann wirst du auch begreifen, daß es nur meine innige Liebe zu dir war, die dich durch Leid zu solch sittlicher Höhe erheben wollte, daß die Allmenschheit zu dir emporblicke, um durch das Beispiel, welches du ihr gibst, zu lernen, wie nur durch Übung von Recht und Liebe der Mensch seinem Menschenberufe in allen Lagen und Verhältnissen entsprechen kann. So glauben wir ואתן אדם תחתיך auffassen zu dürfen; אדם wie oben Kap. 6, 12: ורחק ד' את האדם — ולאמים תחת נפשך. Nicht nur für das Einzelleben wird der Menschheit durch dich diese Wahrheit zum Bewußtsein gebracht, in dem von dir ausgestrahlten Impuls des göttlichen Zedek-Ideals wird sie das einzige sichere Fundament für ihre Staatenbildung erkennen. תחת נפשך Willen, Streben, Verlangen, so אל תתנני בנפש אויבי (Ps. 27, 12) u. ä.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5—8. Lebst du so deiner Aufgabe — und darin werde ich dich unterstützen, denn אתך אני bei dir bin ich —, so hast du nichts zu fürchten, dann beschleunige ich das Ende deines Exils und heische von allen Weltgegenden die Herausgabe, die Heimsendung ganz Israels, (auch des Teils, der unserem Bewußtsein längst entschwunden ist, der zehn Stämme) כל — durch den Akzent hervorgehoben — das Ganze, הנקרא בשמי das dann seine innige Zugehörigkeit zu mir (V. 1) bewiesen und den Zweck, für welchen ich es geschaffen und erzogen habe, erfüllt hat, nämlich לכבודי für meine Verherrlichung und Huldigung die Menschheit zu gewinnen.
הוציא ist entweder Imperativ ohne das weibliche י von תני, תכלאי, הביאי oder Infinitiv statt להוציא. Der ganze Satz bildet einen Teil der Aufforderung Gottes an die Menschheit, die mit אומר לצפון תני beginnt. — עם עור weist zum Trost der Menschheit auf die lange Zeit hin, deren es bedurfte, um Israel zu der sittlichen Höhe zu bringen, die es dann erreicht haben wird. Vgl. oben Kap. 42, 19. — ובנותי „meine Töchter" zeigt auf den mächtigen Anteil hin, den das jüdische Weib an der endlichen Lösung der hohen Aufgabe der jüdischen Nation hat. In der Hand der jüdischen Frauen liegt die Zukunft des jüdischen Volkes! Sind sie doch berufen, in das weiche, reine, empfängliche Kindesgemüt die Saat der Gottesfurcht, der Freude an der Pflichterfüllung und die Sehnsucht nach Kenntnis der Thora einzusenken, und ihrer Keime mit solcher Hingebung und Sorgfalt zu warten, daß sie sich zu herrlicher Frucht entwickeln. Wie wir nach den Worten unserer Weisen (Sota 11b) die Erlösung aus Ägypten dem Verdienste der נשים צדקניות, der wahrhaft pflichterfüllten frommen Frauen unseres Volkes zu verdanken hatten, so wird auch für die „דורות", für die Folgegeschlechter die einstige Beendigung des jetzigen Exils die Frucht des stillen, segensreichen Waltens des jüdischen Weibes sein. אין הדורות נגאלין אלא בשכר נשים צדקניות שיש בדור (מדרש רות).
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9—13. So seine Zukunft voraus zu wissen, vermag keines der Völker und zögen sie die Summe der Erfahrung aller Staaten zusammen. Geht ihnen doch selbst für die Geschichte der Vergangenheit das Verständnis ab, ja sie haben nicht einmal Zeugen für die Wahrheit dessen, was sie Geschichte nennen, aufzuweisen.
Ganz anders verhält sich's mit dem, was ich euch sage. Ihr selbst seid Zeugen für mich, ihr, die ihr insgesamt עבדי meine Diener seid; euch habe ich למען תדעו ותאמינו לי וגו' durch Wissen zum Vertrauen und Glauben an mich geführt. Nur Selbsterlebtes bildet das Fundament eurer אמונה: Die Erlösung aus Ägypten, die Offenbarung am Sinai, die wunderbare Ernährung und Führung in der Wüste, die Leitung in das Land eurer Bestimmung, eure Erziehung durch meine Geschicks-Waltung — alles, alles habet ihr selbst erlebt. Und damit euch nie der wahnwitzige Gedanke komme, daß irgend etwas davon nur der „Zufall" herbeigeführt oder etwa eine andere Macht אֵל — לפני לא נוצר אל וגו' ואין מבלעדי מושיע —, darum אנכי הגדתי habe ich alles, was ich für euch und an euch zu tun beabsichtigte, immer euch vorher angekündigt und dann והושעתי euch meine Hilfe zuteil werden lassen und nachher euch zum Bewußtsein gebracht, wem ihr sie verdanket, und so bin ich euch kein Fremder!
Man vergleiche z. B. für והגדתי: bezüglich des גלות und יציאת מצרים und der Besitznahme des Landes 1. B. M. 15, 13: ויאמר לאברם ידע תדע וגו', — bezüglich מתן תורה 2. B. M. 3, 12: תעבדון את האלקים על ההר הזה, — bezüglich des Manna 2. B. M. 16, 8 u. f.: בתת ד' לכם וגו'; und für das והשמעתי bezüglich יציאת מצרים die durch die ganze Gesetzgebung immer wiederkehrenden Hinweise darauf und ebenso bezüglich מתן תורה 2. B. M. 20, 22: אתם ראיתם וגו', 5. B. M. 4, 35 u. f.: אתה הראת לדעת, bezüglich der wunderbaren Führung 5. B. M. 8, 2, 15, 16: וזכרת את כל הדרך — Das vermag nur „Ich", da ich אל der Allmächtige bin und zu jeder Zeit war und bleiben werde, — der war ich auch, מיום als ich durch mein: „es werde Licht" den ersten Tag ins Dasein rief. — מיום entweder von da an, daß es einen Tag gibt, oder vielleicht ähnlich wie oben Kap. 17, 1: מוסר מעיר als noch kein Tag existierte. — ואין מידי מציל ganz wie 5. B. M. 32, 39 nichts kann sich (und nichts kann man) meiner Waltung entziehen, אפעל וגו' und nichts vermag ihre Wirksamkeit aufzuhalten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. 15. So habe ich euch auch eure Erlösung aus Babylon vorher gesagt, als ich קדוש ישראל euch von neuem Gelegenheit geben wollte, euch auf dem Boden eurer Bestimmung zu „heiligen", als ich, um למענכם eure Erlösung einzuleiten, Cyrus den Kriegszug gegen Babylonien unternehmen ließ u. s. w. והורדתי בריחים vgl. oben Kap. 13, 14, 15: איש אל עמו יפנו וגו', כל הנמצא ידקר und das dazu Bemerkte. — וכשדים: sogar die stolzen, mit Reichtum und Macht sich brüstenden Chaldäer. — אני ד' so wirke ich noch heute für euch und bleibe Herr eures Tuns und eures Geschickes. — Über בריחים s. oben Kap. 15, 5: בריחה עד צער.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 16. 17. Wie ich so die Weltgeschichte meinen Zielen zulenke, so vermag auch die Natur dem Wege derer keine Schwierigkeiten zu bieten, die ich ihrer Bestimmung zuführen will. Das habet ihr erfahren. Euch bahnte ich den Weg durch das Schilfmeer, euch zur Seite mußten מים עזים die „widerspenstigen" Wasser, d. h. ja eigentlich עז, — ihre Natur überwindend sich zur Mauer auftürmen, um euch hindurchziehen zu lassen, — ich ließ ruhig, ganz ruhig die gewaltige reisige Macht eurer ägyptischen Feinde eurer Spur folgen — da kehrten die Wassermassen in ihre natürliche Lage zurück und begruben sie, das Lebenslicht Mizrajims auslöschend wie einen Docht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18—21. Doch wenn ich eure endliche Erlösung alsdann gebracht haben werde, so nehmet euch nicht die Denkart und Anschauung von früher zum Muster. Weder die Befreiung aus Ägypten noch die aus Babylonien brachte euren Vorfahren das richtige Verständnis ihrer Aufgabe. Darum eignet euch nicht deren Begriffe, Ansichten und Einsicht an; das liegt ja in התבונן, so עדותיך אתבונן (Ps. 119, 95) ich senke meinen ganzen Sinn in deine Zeugnisse, um aus ihnen Einsicht in die durch sie gelehrten Wahrheiten zu gewinnen. S. Komm. das.
ראשנות und קדמניות entweder die früheren, ehemaligen Zeiten, oder, und das halten wir für noch wahrscheinlicher, ist beides in adverbialer Bedeutung zu nehmen. Finden wir doch auch 1. B. M. 42, 30: דבר האיש אדני הארץ אתנו קשות . . . hat mit uns hart gesprochen; ebenso 1. Sam. 15, 32: וילך אליו אגג מעדנות da ging Agag übermütigen Ganges zu ihm. Dem entsprechend bezeichnen ראשנות und קדמניות die Art und Weise des Denkens und der Begriffsbildung, wie dies V. 22 ausführt. — הנני עשה חדשה: Schon jetzt wirke ich für eine neue Erlösung, der Keim für sie liegt bereits im Schoße der Zukunft. הלא תדעוה ist negative Frage zur Affirmation, wie הלא דוד מסתתר (1. Sam. 23, 19), הלא זה דוד (das. 29, 3, 5), הלא המה (5. B. M. 11, 30), הלא יתעו חרשי רע (Prov. 14, 22) u. sonst viele, also hier: ihr werdet diese Neuschöpfung schon kennen lernen.
אף אשים במדבר וגו': Israels Gang durch die Völkerwüste soll nicht bloß es veredeln und mit dem Geiste meiner Gesetze tränken, auch die übrige Menschheit, ja sogar diejenigen unter ihr, die bisher gleich wilden Tieren gelebt hatten, sollen, von demselben Geist erfüllt, mich verehren lernen. עם זו יצרתי Ist ja der Zweck, für welchen ich dieses Volk geschaffen habe, der, daß es die Allmenschheit für meine Huldigung und Verehrung gewinnen soll, und תהלתי יספרו (יספרו Plural) jeder einzelne dieses Volkes soll dieser Bestimmung im Leben und im Verkehr mit den Menschen nachkommen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 22. Mit Bezug auf das אל תזכרו des V. 18 wird hier ausgeführt, vor welcher irrigen Auffassung seiner Aufgabe Israel sich nach seiner endlichen Erlösung zu hüten habe. תהלתי יספרו lautet die Bestimmung des jüdischen Volkes. — ולא אתי קראת יעקב. Aber als ich dich aus dem babylonischen Exil zurückrief, mit der Bestimmung, den Tempel wieder zu erbauen und auf dem Boden deiner Heimat als Volk zu leben, allerdings nur in abhängiger, unselbständiger „Jakobsgestalt" (vgl. oben Kap. 14, 1 das zu כי ירחם ד' את יעקב Bemerkte) — da verstandest du es nicht, „mich zu verkünden" durch dein Leben. Das babylonische Galuth hatte wohl in vielen Hinsicht bessernd auf dich eingewirkt, jedoch nicht hinreichend, um dich ganz von der irrigen Denkungsweise zu befreien, von der du als „Israel", als selbständiger Staat zur Zeit des ersten Tempels befangen warst. Das Israel von damals gedachte nicht genügend der Verpflichtung, die ihm gerade der Besitz von Land und Unabhängigkeit auferlegte; Israel geworden, vergaß es, daß Gott ihm diese Güter nur gegeben, um sie nach seinem Willen, im Sinne seines Gesetzes zu verwenden, um so seiner Israels-Aufgabe zu leben. Die Anforderungen dieses Gesetzes erschienen ihm als zu viel und zu schwer; Besitz und Freiheit waren ihm Selbstzweck. Durch das Gesetz fühlte es sich in seinem Genußesleben eingeschränkt und durch die Pflichten zwecklos angestrengt und abgemühtet.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 23. 24. Aus dem Kreise der Pflichten, durch deren treue Erfüllung das jüdische Volk Gott hätte verkünden sollen, greift das Prophetenwort den Opferdienst heraus, um gerade an ihm zu zeigen, wie wenig Verständnis Israel einst der göttlichen Pflichtenlehre entgegengebracht hatte. — Vgl. über die Bedeutung der Opfer das oben Kap. 1 zu V. 11 Erläuterte. — Die richtige Gesinnung erst ist es, die das Opfer zum Opfer macht! Annäherung an Gott soll der es Darbringende suchen — das liegt in dem Namen קרבן — und fortan mehr als bisher sein ganzes physisches und seelisches Wesen in den Dienst des göttlichen Gesetzes zu stellen sich im Opfer geloben, das ist die Gesinnung, in der das Opfer dargebracht werden muß. Für deine Erhebung zu wirken, deine Gesinnung zu heiligen, dich zur Betätigung regsten Pflichteifers zu weihen, ist der Zweck des Opfers. Nicht aber, wie du meintest, mir (לא הבאת לי u. s. w.) damit eine besondere Ehre (כבדתני) oder sogar einen besonderen Genuß (הרויתני) zu bereiten. Noch weniger aber habe ich dich „העבדתיך" in meinen Dienst berufen, um mir von dir durch Opfer huldigen zu lassen.
אך העבדתני. Deine falsche Auffassung der Opferlehre ging jedoch noch weiter. Du wähntest, durch Opfer mein Wohlwollen trotz deines leichtsinnigen, gegen mein Gesetz verstoßenden Lebenswandels erringen zu können, — ich sollte, veranlaßt durch deine Opfergaben, dich schützen gegen die Folgen von Sittenlosigkeit und Ausschweifung (חטאותיך), ja deine Abweichungen von der geraden Linie (עונתיך von עוה krümmen), welche meine Thora dir vorgezeichnet, mit meinem Segen begleiten und ihnen Gedeihen und Glück gewähren. — Es liegt in dieser Verirrung eine Hinneigung zu der heidnischen Auffassung, die glaubt, durch Opfer einen bannartigen Einfluß auf die Gottheit ausüben zu können, wie wir dies bei Bileam in seinen Worten אולי יקרה ד' אלי (4. B. M. 23, 3) finden. Vgl. Komm. das.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 25. Opfer können ja überhaupt nur aus Unachtsamkeit und in Unachtsamkeit בשגגה begangene Vergehen sühnen, nie aber mit Bewußtsein der Ungesetzlichkeit begangene Handlungen פשעים, bei ihnen steht das Vergehen außerhalb des Bereichs einer durch Opfer zu suchenden Sühne. Allein אנכי Ich אנכי הוא. Ganz wie bei ד' ד' „Gott bleibt Gott" (2. B. M. 34, 6) ist auch hier das erste Subjekt und das zweite Prädikat. אנכי bezeichnet insbesondere in der Rede Gottes an den Menschen Gott als den dem Angeredeten innig Nahen, der ihn umfaßt, hält und trägt. S. Komm. zu 2. B. M. 20, 2. Hier dürfte damit gesagt sein: Obgleich deine Versündigungen nicht unbewußt, sondern frevelhaft verübt wurden, bleibe Ich doch immer der dir Nahe, dich durch Leid zur Besserung Erziehende — ja selbst deine Missetaten lösche ich damit aus, למעני um meinetwillen, um der hohen, ewigen Ziele willen, die ich mit deiner Erwählung im Auge hatte und stets behalte. Diese Leidenserziehung, die meine dich tragende Liebe dir angedeihen läßt, wird so veredelnd auf dich einwirken, daß ich חטאתיך deiner aus Mangel an Pflichtbewußtsein und Achtsamkeit leichtsinnig begangenen Verfehlungen nicht weiter zu gedenken brauche.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 26. הזכירני Du jedoch darfst ihrer nicht vergessen, du mußt dir deiner Fehler bewußt bleiben, indem du sie vor mir bekennst. נשפטה יחד Nur indem du dadurch meinen Anspruch an deinen Gehorsam voll anerkennst, erwirbst du das Recht, auf meine Verzeihung hoffen zu dürfen. Vgl. oben Kap. 1, 18 die Erläuterung von לכו נא ונוכחה.
Nach unserer Ansicht, die diese ganze Prophezeiung als an das in dem jetzigen, dem letzten Galuth lebende Israel gerichtet auffaßt, entspricht diese Mahnung ganz dem והתודו את עונם ואת עון אבתם וגו' des 3. B. M. 26, 40, dem dann V. 42 das וזכרתי את בריתי וגו' folgt: ספר אתה Indem du dir die Sünden der Vergangenheit vor die Seele rufst, wirst du nach der Erlösung stets bedacht sein, nicht wieder in sie zurück zu fallen, למען תצדק damit du auch im Glücke und in gehobener Volksstellung צדיק bleibst, in jedem Augenblicke mit größter Gewissenhaftigkeit den Pflichten der Thora gerecht wirst.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 27. 28. אביך הראשון וגו'. Sieh, als du zum erstenmal in die Reihe der Königreiche eintratest, da war es dein König, Saul, den ich לנגיד dir zum Führer, „אביך" dir zum Vater bestimmt hatte, damit er dir im Gehorsam gegen mich voranleuchte — da war er es, der dir das Beispiel des Ungehorsams gab. Nicht פשע, nicht frevelnder Trotz und Empörung gegen meinen Willen war es, sondern חטא durch seine hohe Stellung erzeugte Überhebung und Leichtsinn, die in ihm die Meinung aufkommen ließen, er könne mir in anderer Weise dienen, als in der ihm von mir vorgeschriebenen. Er meinte, durch Opfer den strikten Gehorsam gegen mein Gebot ersetzen zu dürfen. Da ließ ich ihm durch den Propheten Samuel seine Verirrung vor die Seele führen (1. Sam. 15, 22): החפץ לד' וגו' Hat wohl Gott Wohlgefallen an Empor- und an Schlachtopfern wie am Gehorsam gegen die Stimme Gottes? הנה שמע מזבח טוב וגו' Siehe, Gehorsam ist das aus dem Schlachtopfer zu gewinnende Gute, Aufmerken mehr als Fett der Widder! Vgl. hierüber auch das oben zu Kap. 1, 12 Bemerkte.
Wir müssen es dahingestellt sein lassen, ob unsere Erklärung von אביך הראשון Anspruch auf Richtigkeit machen kann. Von anderen Kommentatoren wird darunter der erste Mensch, Vater Abraham, Jerobeam, das Geschlecht, welches aus Mizrajim erlöst wurde, der Hohepriester Josua oder sonst hervorragende Führer verstanden, doch auch Saul.
Noch weniger sicher sind wir in der Auffassung von ומליציך פשעו בי. Vielleicht sind darunter unwürdige Priester überhaupt zu verstehen, oder gar solche, die als Hohepriester מליציך deine Fürsprecher sein sollten am יום הכפורים: 3. B. M. 16,17: וכפר בעדו ובעד ביתו ובעד כל קהל ישראל für sich und für ihr Haus und für die ganze Gemeinde Israels Sühne zu erstreben hatten. Unter den Priestern gab es einzelne, die פשעו בי „in offener Empörung gegen mich und mein Gesetz frevelten". Man denke nur an den Priester Uriah, das gefügige Werkzeug der Reformbestrebungen des Königs Achas, und an einzelne durch Bestechung von den seleucidischen Königen ernannte Hohepriester des zweiten Tempels. Jedenfalls dürfte der ganze Vers nur symptomatisch zu verstehen sein und im Anklang an das Vorhergehende zeigen sollen, wie leicht selbst in hoher staatlicher oder priesterlicher Stellung, ja vielmehr gerade in solcher, ein Abweichen von den Geboten der göttlichen Lehre zu befürchten ist und welch schweren, unabsehbaren Folgen dadurch der einzelne wie die Gesamtheit ausgesetzt wird. Derartige Verirrungen haben ja den jüdischen Staat gestürzt, Tempel und Priestertum ihrer Weihe beraubt und vernichtet, das Volk ins Exil getrieben — und sie sind es, die diesen traurigen Zustand andauern lassen, bis die V. 19 als im Werden begriffen bezeichnete Erlösung eingetreten sein wird.
Das ו in ואחלל und ואתנה ist nämlich grammatisch nicht als konversiv auffaßbar, es müßte sonst ואחלל und ואתן heißen, sondern wie ואספר und ואתנה בריתי; die Futurumform drückt, wie häufig, den Zustand der Dauer aus. — שרי קדש und שרי האלקים kommt 1. Chron. 24, 5 als Bezeichnung der Priester vor. ואתנה לחרם יעקב. חרם (s. Komm. zu 3. B. M. 27, 28) heißt eigentlich Netz und bezeichnet übertragen einen Zustand völliger Ab- und Ausgeschlossenheit von andern Beziehungen. Ein solcher absoluter Zustand ist Vernichtung. Relativ ist חרם das, was außer Gebrauch und Benutzung gestellt ist. Hier ist es ganz offenbar in diesem Sinne gemeint. Es präzisiert auf das genaueste den Zustand der Absperrung und Zurückweisung, in dem das „Jakobsvolk" im Galuth, in seiner freien Bewegung gehemmt und der heiligsten Menschenrechte beraubt, gar häufig leben muß.
וישראל לגדופים: Die hohe sittliche Bestimmung „Israels" selbst wird zum Anlaß genommen, um es mit Hohn und Geifer zu überschütten. Man verlacht und verspottet das „auserwählte Volk", das besser sein will als seine Umgebung, — und für seine Tugenden, die auch der Haß nicht leugnen kann, für seine Milde, für die Reinheit seines Familienlebens hat man kein Wort der Anerkennung, man schmäht sie als Knechtessinn, weibische Schwäche, als Feigheit und als angeborene Kraftlosigkeit. Vgl. das weiter zu Kap. 53, 3 Bemerkte.