Jeschajahu 42 ישעיהו

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Haftarot in diesem Kapitel: Bereschit · Wa'era
Haftarah Bereschit Jemeniten und Italiener beginnen hier.
1
הֵ֤ן עַבְדִּי֙ אֶתְמׇךְ־בּ֔וֹ בְּחִירִ֖י רָצְתָ֣ה נַפְשִׁ֑י נָתַ֤תִּי רוּחִי֙ עָלָ֔יו מִשְׁפָּ֖ט לַגּוֹיִ֥ם יוֹצִֽיא׃
BernfeldDu [Israel), mein Knecht, den ich stütze, mein Erkorener, an dem ich Gefallen habe; meinen Geist lege ich auf ihn, dass er den Völkern Recht verkünde.
ZunzSiehe da, mein Knecht, den ich halte, mein Erkorener, (an dem) meine Seele Gefallen hat; meinen Geist lege ich auf ihn, das Recht verkündet er den Völkern.
J. J. HirschSiehe, mein Diener, den ich aufrecht halte, mein Erkorener, den meine Seele gewollt hatte, auf ihn habe ich meinen Geist gegeben, damit er die Verwirklichung des Rechts den Völkern überbringe.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 42. V. 1. 2. Ganz anders verhält es sich mit Israel, das ich dazu erwählt habe, bei der Förderung meiner die Welt beglückenden Ziele mein Mitarbeiter zu sein. Mit meinem Geiste beseelte ich es, das heißt, ich ließ in ihm den ernsten Willen reifen, die Menschheit für die Verwirklichung meines Zedek-Ideals zu gewinnen. — Das ist ja, wie wiederholt bemerkt, die Bedeutung von משפט. — Mit diesem Geiste zugleich stattete ich es mit den für die Erfüllung seiner Sendung notwendigen Verstandeskräften aus:

לא יצעק וגו'. Nicht indem es großes Geschrei von seinem Vorhaben macht, nicht durch laute und aufdringliche Bekehrungsversuche will es בחוץ „auf der Straße“, wo der Verkehr sich konzentriert, Propaganda für die Wahrheiten seiner Sendung machen. — ישא nehmen wir als anheben, anfangen, ähnlich wie oben Kap. 3, 7: ישא ביום ההוא und weiter in unserem Kap. V. 11: ישאו מדבר וגו', doch könnte es auch heißen: „es erhebt nicht und läßt nicht auf der Straße seine Stimme hören“, wogegen aber der scharf trennende Akzent auf ישא spricht.

2
לֹ֥א יִצְעַ֖ק וְלֹ֣א יִשָּׂ֑א וְלֹא־יַשְׁמִ֥יעַ בַּח֖וּץ קוֹלֽוֹ׃
BernfeldEr schreit nicht, er erhebt nicht und läßt draußen nicht hören seine Stimme.
ZunzEr schreiet nicht, er erhebt nicht und läßt nicht draußen hören seine Stimme.
J. J. HirschEr schreit nicht und fängt nicht an und läßt nicht auf der Straße seine Stimme hören.
3
קָנֶ֤ה רָצוּץ֙ לֹ֣א יִשְׁבּ֔וֹר וּפִשְׁתָּ֥ה כֵהָ֖ה לֹ֣א יְכַבֶּ֑נָּה לֶאֱמֶ֖ת יוֹצִ֥יא מִשְׁפָּֽט׃
BernfeldGeknicktes Rohr zerbricht er nicht und dunkelnden Docht löscht er nicht aus; nach Wahrheit verkündet er das Recht.
ZunzGeknicktes Rohr zerbricht er nicht, und dunkelnden Docht löscht er nicht aus; nach Wahrheit verkündet er das Recht.
J. J. HirschGeknicktes Rohr bricht er nicht und den schwach glimmenden Docht löscht er nicht — für die Wahrheit bringt er das Recht zur Ausführung.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. Es weiß, daß es durch den seitens der Menschen seinen Versuchen entgegengebrachten Widerstand nur den völligen Zusammenbruch der bereits geknickt und haltlos gewordenen Zustände der Menschengesellschaft veranlassen würde; es weiß andererseits, daß eine zu starke heftige Luftzuführung das schwache, bescheidene Flämmchen der Erkenntnis, das schon hie und da in der Menschheit sich gezeigt hat, verlöschen würde. Das Licht, welches Geist und Gemüt eines großen Teils der Menschheit zu erleuchten begonnen hat und bei vielen nur noch von schwacher Wirkung und dem Erlöschen gar häufig nahe ist, ist ja auch — und ohne Israels Zutun — dem lodernden Feuer-Gesetze der sinaitischen Offenbarung entlehnt: dieses Licht will und soll es gewiß nicht auslöschen.

לאמת וגו'. Israel soll durch sein Beispiel wirken! Seine Aufgabe ist, das Recht zu verwirklichen, in seinem Leben und seiner Führung allen Ansprüchen, die das göttliche Gesetz an den Juden stellt, mit seiner ganzen Kraft und Hingebung gerecht zu werden streben. Durch immer tiefere Erkenntnis der Pflichten seiner Thora und deren immer treuere Erfüllung wirkt er Beispiel gebend und arbeitet dahin, daß die Wahrheit auf Erden festen Fuß faßt; damit fördert er zugleich das Herannahen der Zeit seiner eigenen Erlösung, denn Hand in Hand mit dem Sieg der Wahrheit im Kreise der Menschheit geht seine Erlösung!

4
לֹ֤א יִכְהֶה֙ וְלֹ֣א יָר֔וּץ עַד־יָשִׂ֥ים בָּאָ֖רֶץ מִשְׁפָּ֑ט וּלְתוֹרָת֖וֹ אִיִּ֥ים יְיַחֵֽלוּ׃ {פ}
BernfeldEr wird nicht müde und nicht entkräftet, bis er das Recht festgestellt auf Erden, und seiner Lehre die Insel harren.
ZunzEr wird nicht müde und nicht entkräftet, bis er das Recht festgestellt auf Erden, und seiner Lehre die Eilande harren.
J. J. HirschEr wird nicht schwach, eilt aber auch nicht, bis daß er auf Erden das Recht begründet haben wird und seiner Lehre die fernen Lande harren werden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. לא יכהה. Zielbewußt soll Israel seinen Gang durch die Zeiten fortsetzen, nicht ermüden und nicht nachlassen in seinem Eifer, ולא ירוץ aber auch nichts übereilen, nicht den Wahn in sich aufkommen lassen, es könne durch materielle Mittel oder durch das Streben nach dem Wohlwollen mächtiger irdischer Potenzen die Erlösung beschleunigen — es hat nur ein Mittel „ישים בארץ משפט“, indem es selbst durch das eigene Beispiel das Recht auf Erden begründen hilft, ולתורתו וגו' die Thora zu seiner Thora macht, so daß ihre Heileswirkungen, in seinem eigenen Leben sich deutlich offenbarend, die Augen der entferntesten Völkergruppen auf sie lenken und in ihnen den Wunsch erregen, die Pflichten des göttlichen Rechts und der Menschenliebe, wie sie seine Thora zu üben lehrt, kennen zu lernen. — ולא ירוץ wird zwar meistens als von der Radix רצץ, wie im vorhergehenden Verse קנה רצוץ, stammend aufgefaßt: als einknicken, zusammenbrechen u. s. w., aber hier in intransitiver Bedeutung und für ירץ stehend genommen, doch scheint uns kein Grund vorzuwalten, es anders als von רוץ in der gewöhnlichen Bedeutung: laufen, eilen u. s. w. aufzufassen.

Haftarah Bereschit Aschkenasim, Sefardim, Chabad, Frankfurt a. M., Lissa (erloschen), Posen (erloschen) und Fes beginnen hier.
5
כֹּה־אָמַ֞ר הָאֵ֣ל ׀ יְהֹוָ֗ה בּוֹרֵ֤א הַשָּׁמַ֙יִם֙ וְנ֣וֹטֵיהֶ֔ם רֹקַ֥ע הָאָ֖רֶץ וְצֶאֱצָאֶ֑יהָ נֹתֵ֤ן נְשָׁמָה֙ לָעָ֣ם עָלֶ֔יהָ וְר֖וּחַ לַהֹלְכִ֥ים בָּֽהּ׃
BernfeldSo spricht Gott, der Herr, der den Himmel erschaffen und ihn ausgespannt, die Erde ausgedehnt mit ihren Sprösslingen, der Odem gibt allen Geschöpfen auf ihr und Lebenshauch denen, die auf ihr wandeln.
ZunzSo spricht Gott der Ewige, der erschaffen die Himmel und sie ausgespannt, die Erde ausgedehnt mit ihren Sprößlingen, der Odem giebt dem Volke auf ihr, und Lebenshauch denen, die auf ihr wandeln.
J. J. HirschSo hat der Allmächtige, Gott, gesprochen, der die Himmel schafft und ihre Horizonte, der der Erde die Ausdehnung gibt und den ihr Entsprossenen, der Seele verleiht dem Volke auf ihr, und Geist den auf ihr Wandelnden:
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. בורא und die folgenden Verba sind Präsens. ונוטיהם: entweder Präsens mit dem auf האל ד' sich beziehenden plur. majestatis: „und der sie neiget“, oder wie wir, da das vorherstehende בורא und das nachfolgende נותן nicht diesen Plural aufweisen, annehmen, im Plural stehendes Hauptwort נוטים (wie שדה צופים u. s.) mit dem pronomen possessivum: „ihre Neigen“, d. h. ihre Horizonte. Der Plural bezeichnet die, je nach dem Standpunkte des Beobachters, verschiedene Kreislinie, in welcher scheinbar der Himmel mit der Erde zusammentrifft.

צאצאיה, von der Wurzel יצא, wie oben Kap. 34, 1: תבל וכל צאצאיה ihre Sprossen, die Menschen. Auch der Mensch ist der Materie nach irdischen Ursprungs. לעם und להולכים: Obgleich jeder Mensch ein Einzelwesen für sich ist, so ist er dennoch geboren und berufen, für die Menschengesellschaft עם zu wirken.

Der Satz dürfte im Zusammenhang mit den vorhergehenden und nachfolgenden Sätzen aussprechen: Dieselbe Allmacht, die einst Himmel und Erde geschaffen, schafft unaufhörlich weiter, gestaltet in jedem Augenblick den Horizont eines jeden Menschen, bestimmt seinen Wirkungskreis, den er zu beherrschen berufen ist; Gott läßt noch heute die leibliche eigenartige Entwicklung des Menschen von der geographischen, klimatischen Lage seines Entstehungsortes beeinflußt sein, aber Er ist es auch, der wie dem ersten Menschen noch heute jedem die Seele einhaucht und ihn mit Geist ausrüstet, auf daß er seiner Aufgabe als Mensch und Glied des Menschenkreises, in dem er sich bewegt, entspreche — so hat Gott Israel seine besondere Aufgabe zugewiesen und seinen Wirkungskreis weit, weit über die Erde ausgedehnt. So

6
אֲנִ֧י יְהֹוָ֛ה קְרָאתִ֥יךָֽ בְצֶ֖דֶק וְאַחְזֵ֣ק בְּיָדֶ֑ךָ וְאֶצׇּרְךָ֗ וְאֶתֶּנְךָ֛ לִבְרִ֥ית עָ֖ם לְא֥וֹר גּוֹיִֽם׃
BernfeldIch, der Herr, habe dich berufen zum Heile und deine Hand gefasst und dich gebildet und dich eingesetzt zum Volk meines Bundes, zum Lichte von Nationen;
ZunzIch, der Ewige, habe dich berufen zum Heile, und deine Hand gefaßt und dich gebildet, und dich eingesetzt zum Bunde für das Volk, zum Lichte von Nationen;
J. J. HirschIch, Gott, ich habe dich um des Rechtes willen berufen und erfasse deine Hand und bewahre dich und bestelle dich für den Bund der Volksgesellschaft, zum Lichte der Nationen:
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. 7. קראתיך בצדק habe ich dich, Israel, für die Verwirklichung meines Rechts auf Erden berufen, (ואחזק und die folgenden Futura drücken das Dauernde des Gesagten aus) ich lasse deine Hand nicht fahren, ich erziehe dich durch mein Gesetz und durch dein von mir geleitetes Geschick und wahre dir die Fähigkeit, deine Aufgabe zu lösen. Erst die Zedek-Idee, die du der Menschheit zur Betätigung zu überbringen hast (V. 1) wird die einzelnen לברית עם zu einem Volksverbande einen, so den inneren Frieden zeitigend. Und vor dem von ihr ausgehenden Lichte לאור גוים werden die Schatten, die den internationalen Verkehr der Staaten immer wieder trüben, dauernd schwinden.

לפקח וגו'. Dieses Licht wird allen Verblendeten die Augen öffnen über die wahren Ziele der Menschheit, und alle Verhältnisse durchleuchtend, ein menschenwürdiges Dasein für alle die schaffen, denen bis dahin Gewalt und Geistesdunkel das Leben zum Kerker gemacht hatten. ברית עם Menschen-Verbrüderung, אור Licht, להוציא ממסגר Freiheit, diese Begriffe, welche aus der Anschauung der Welt geschwunden waren, wird der צדק-Gedanke erst wieder in ihr erwecken. Vgl. das vorhergehende Kap. V. 2.: מי העיר —

7
לִפְקֹ֖חַ עֵינַ֣יִם עִוְר֑וֹת לְהוֹצִ֤יא מִמַּסְגֵּר֙ אַסִּ֔יר מִבֵּ֥ית כֶּ֖לֶא יֹ֥שְׁבֵי חֹֽשֶׁךְ׃
BernfeldBlinde Augen zu öffnen, herauszuführen aus dem Kerker den Gefesselten, aus dem Gefängnishause die Bewohner der Finsternis.
ZunzBlinde Augen zu öffnen, herauszuführen aus dem Kerker den Gefesselten, aus dem Gefängnißhause die Bewohner der Finsterniß.
J. J. Hirschsehend zu machen erblindete Augen, aus dem Kerker den Gefesselten herauszuführen, aus dem Gefängnisse die im Dunkel Sitzenden.
Haftarah Wa'era Romanioten und Karäer beginnen hier.
8
אֲנִ֥י יְהֹוָ֖ה ה֣וּא שְׁמִ֑י וּכְבוֹדִי֙ לְאַחֵ֣ר לֹֽא־אֶתֵּ֔ן וּתְהִלָּתִ֖י לַפְּסִילִֽים׃
BernfeldIch, der Herr, das ist mein Name, und meine Herrlichkeit gebe ich keinem andern, noch meinen Ruhm den Götzenbildern.
ZunzIch, der Ewige, das ist mein Name, und meine Herrlichkeit geb' ich keinem Andern, noch meinen Ruhm den Götzenbildern.
J. J. HirschIch bin Gott, das ist mein Name, und meine Ehre werde ich keinem anderen preisgeben, noch meinen Ruhm den Götzen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. 9. Ich bin Gott und bin es allein! Ich bin der Schöpfer und Gestalter eines jeden Moments des Weltendaseins — das ist die Bedeutung meines Namens ד' — ich führe meine Absichten zum Ziele und werde nicht zugeben, daß die Menschheit die von mir einst verwirklichte endliche Heilesgestaltung auf Erden dem Einfluß von Faktoren zuschreibt, die sie sonst vergöttert. Alles bereits Eingetretene hat sich nach meinem Willen vollzogen, und was ich noch ins Dasein rufe, verkünde ich euch vorher, damit die Welt einst die Überzeugung gewinne, daß es von mir herbeigeführt und nicht etwa dem „Zufall“, resp. dem Wirken der von ihr verehrten Gewalten zu verdanken ist.

9
הָרִאשֹׁנ֖וֹת הִנֵּה־בָ֑אוּ וַֽחֲדָשׁוֹת֙ אֲנִ֣י מַגִּ֔יד בְּטֶ֥רֶם תִּצְמַ֖חְנָה אַשְׁמִ֥יעַ אֶתְכֶֽם׃ {פ}
BernfeldDas Frühere ist eingetroffen, und neues verkünde ich; ehe es hervorkeimt, mache ich es euch kund.
ZunzDas Frühere — siehe, es ist eingetroffen, und Neues verkünde ich; ehe es hervorkeimt, mache ich es euch kund.
J. J. HirschDie früheren Ereignisse, seht, sind eingetroffen, und die neuen, die ich jetzt verkünde, lasse ich euch hören, bevor sie zu keimen beginnen.
10
שִׁ֤ירוּ לַֽיהֹוָה֙ שִׁ֣יר חָדָ֔שׁ תְּהִלָּת֖וֹ מִקְצֵ֣ה הָאָ֑רֶץ יוֹרְדֵ֤י הַיָּם֙ וּמְלֹא֔וֹ אִיִּ֖ים וְיֹשְׁבֵיהֶֽם׃
BernfeldSinget dem Herrn ein neues Lied, [verkündet] seinen Ruhm am Ende der Erde, ihr alle, die ihr das Meer befahret und was es füllt, die Insel und ihre Bewohner!
ZunzSinget dem Ewigen ein neues Lied, einen Ruhm am Ende der Erde, die ihr das Meer befahret und was es füllt, Eilande und ihre Bewohner!
J. J. HirschSinget Gott ein neues Lied, sein Tatenlob vom Ende der Erde, die das Meer befahren und was es füllt, ferne Lande und ihre Bewohner.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10—12. Diese Erkenntnis wird die ganze Menschheit dann zu einem das Walten Gottes in der Geschichte feiernden Sange begeistern. (Die Etym. von שיר s. Komm. zu 1. B. M. 9, 21.) Es ist die Allmenschheit, die, durchdrungen von dem Glücksgefühl der eigenen sittlichen Erhebung und der friedlichen Gestaltung der irdischen Zustände durch das „Zedek“, das Lob der Gottestaten (d. i. תהלה) besingt, die sie zu diesem Ziele geleitet haben. Alle, wo sie auch wohnen, welchen Berufs auch immer sie sind, wie entlegen von den Zentren des Verkehrslebens, ob in Karawanenzügen die Wüste durchquerend oder in den Städten ihrer Oasen hausend oder in einsamen Gehöften — alle Stände, auch die in „stolzen Felsenschlössern“ Hof haltenden, ja sogar die „Spitzen“ der Gesellschaft, die bergeshoch das niedere Volksleben Überragenden, sie alle stimmen ein in den Jubelruf der Menschheit, und begeistert bricht aus ihrem erregten Innern der Vorsatz in weithin schallenden Worten hervor: fortan „Gott die Ehre zu geben“, d. h. einzig und allein seinem Willen zu leben und das bescheidene oder größere Maß ihrer Fähigkeiten, Kräfte und materiellen Potenzen in den Dienst des „Zedek“ zur Beglückung der Mitmenschheit zu stellen.

ומלאו dürfte die Meeresinseln bezeichnen und איים, wie bereits oben bemerkt, die entlegenen Lande. — ישאו wie oben V. 2 erläutert. — קדר als charakteristische Bezeichnung der nicht in Städten wohnenden Bevölkerung. — צוח bezeichnet allerdings in den wenigen Stellen, in denen es in תנ"ך vorkommt, einen Klagelaut, doch kommt es im Munde unserer Weisen überhaupt als lauter Ausbruch innerer Erregung über etwas Gehörtes, als Ruf des Staunens u. dergl. vor: וצווח ריש לקיש ככרוכיא (Kiduschin 44a), וחזי דלא מצוחת עלה בבי מדרש' (Erubin 60a und Abod. sor. 74b). Auch bedeutet das lautverw. שוח häufig geradezu sprechen, reden, sich unterhalten: ישיחי בי (Ps. 69, 13), והולכי על דרך שיחו (Richt. 5, 10) u. sonst. Der צ-Laut drückt nur, wie so häufig, die Nuance des Plötzlichen und Forcierten aus, also צוח sowohl ein von Leid oder Schmerz erpreßter Schrei, als auch der Ausbruch innerer Erregung und Begeisterung, die sich in lauten Worten Luft macht.

11
יִשְׂא֤וּ מִדְבָּר֙ וְעָרָ֔יו חֲצֵרִ֖ים תֵּשֵׁ֣ב קֵדָ֑ר יָרֹ֙נּוּ֙ יֹ֣שְׁבֵי סֶ֔לַע מֵרֹ֥אשׁ הָרִ֖ים יִצְוָֽחוּ׃
BernfeldLaut jubele die Wüste und ihre Städte, die Gehöfte, die der Araber bewohnt, es jauchzen die Bewohner der Felsen, vom Gipfel der Berge her schreien sie auf.
ZunzLaut jubelt die Wüste und ihre Städte, die Gehöfte, die Kedar bewohnt, es jauchzen die Bewohner der Felsen, vom Gipfel der Berge her schreien sie auf.
J. J. HirschEs hebe die Wüste an und ihre Städte, die Gehöfte, die Kedar bewohnt, es jauchzen die ihren Sitz auf Felsen haben, von Bergesgipfel brechen sie in den lauten Ruf aus,
12
יָשִׂ֥ימוּ לַיהֹוָ֖ה כָּב֑וֹד וּתְהִלָּת֖וֹ בָּאִיִּ֥ים יַגִּֽידוּ׃
BernfeldSie geben dem Herrn die Ehre, und seinen Ruhm verkünden sie in den Eilanden.
ZunzSie geben dem Ewigen die Ehre, und einen Ruhm verkünden sie in den Eilanden.
J. J. Hirschdaß sie Gott die Ehre geben und sein Tatenlob in den fernsten Landen verkünden wollen.
13
יְהֹוָה֙ כַּגִּבּ֣וֹר יֵצֵ֔א כְּאִ֥ישׁ מִלְחָמ֖וֹת יָעִ֣יר קִנְאָ֑ה יָרִ֙יעַ֙ אַף־יַצְרִ֔יחַ עַל־אֹיְבָ֖יו יִתְגַּבָּֽר׃ {ס}
BernfeldDer Herr zieht aus wie ein Held, wie ein Kriegsmann facht er den Eifer an, er lärmt, erhebt auch Kriegsgeschrei, gegen seine Feinde erweist er sich mächtig.
ZunzDer Ewige, wie ein Held zieht er aus, wie ein Kriegsmann facht er den Eifer an, er lärmt, erhebt auch Kriegsgeschrei, gegen seine Feinde erweist er sich mächtig.
J. J. HirschGott wird als der Allgewaltige hervortreten, als der Mann der Kriege den Eifer wach werden lassen, Huldigung fordert er, läßt auch laut hinausschallen, daß er über seine Feinde sich als der Allgewaltige zeigen will:
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. Zur Anbahnung dieser Heileszeit wird Gottes erziehende Waltung noch manches Leid über die Menschheit bringen müssen. ד' כגבור יצא vgl. oben Kap. 26, 21: כי הנה ד' יצא ממקומו, hervortreten wird er aus der Zurückgezogenheit, in der er scheinbar den Gang der Weltgeschichte sich selbst überlassen hatte. כאיש מלחמות vgl. Komm. zu ד' איש מלחמה (2. B. M. 15, 3). Er kämpft alle dem Gottesziele widerstehenden sozialen Gewalten, das sind אויביו seine Feinde, nieder. Hier heißt es מלחמות im Plural, weil das hier verkündete Hervortreten Gottes sich wiederholt in den Phasen der Menschengeschichte zeigt. יעיר קנאה: Gott läßt sich sein Eigentum, Israel und die Menschheit, nicht für die Dauer entziehen, wacht eifersüchtig über sein Gut. יָרִיעַ erregt oder fordert Huldigung. — יצריח: Zephan. 1, 14 צרח aufschreien, יצריח ertönen lassen, weithin erschallen lassen. Für den, der hören will, sprechen solche Zeiten welterschütternder Ereignisse, wie sie V. 15 bildlich darstellt, verständlich genug aus, daß על אויביו יתגבר Gott sich in seiner Allmacht offenbaren will.

Haftarah Bereschit Fes enden hier.
14
הֶחֱשֵׁ֙יתִי֙ מֵֽעוֹלָ֔ם אַחֲרִ֖ישׁ אֶתְאַפָּ֑ק כַּיּוֹלֵדָ֣ה אֶפְעֶ֔ה אֶשֹּׁ֥ם וְאֶשְׁאַ֖ף יָֽחַד׃
BernfeldIch habe geschwiegen von je, war still, hielt an mich; wie eine Gebärerin will ich aber nur schreien, schnaufen und anschnauben unaufhörlich,
ZunzIch habe geschwiegen von je, war still, hielt an mich; wie eine Gebärerin will ich (nun) schreien, schnaufen und anschnauben allzumal,
J. J. HirschHabe ich eine Ewigkeit geschwiegen, muß ich deshalb weiter schweigend an mich halten? Aufschreien will ich wie eine Gebärende, fassungslos und gleichzeitig sehnsüchtig verlangend —
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. אפעה, von פעה aufschreien, kommt in תנ"ך nicht wieder vor, wohl aber in dieser Bedeutung bei unseren Weisen, so Chulin 133b: מפעא פעי, Wajikra Raba, Parsch. Emor, 27. Abschnitt: פועה שפיעתם לפני בסיני, der נעשה ונשמע-Ruf, den ihr am Sinai vor mir ausstießet. — אשם, Futur. des Kal von שמם, wie כל עבר עליה ישם (Jerem. 18,16;19,8;49,17), außer sich sein, vor Verwunderung fassungslos sein, hier vor Schmerz. — אשאף von שאף, dem verstärkten שאב, gierig nach etwas verlangen, so ושאף צמים חילם (Job 5, 5), כעבד ישאף צל (das. 7, 2). — יחד bezeichnet hier wie oben 27, 4 das Gleichzeitige zweier Tätigkeiten.

החשתי וגו' spricht die Gottesstimme weiter: Weil ich so lange geschwiegen habe, meinet ihr, ich werde mich immer weiter schweigend verhalten, wenn euer frevelndes Tun das Ins-Leben-Treten der besseren Zeiten zu verhindern sucht. כיולדה אפעה אשום ואשאף יחד: Ein ganz herrliches Bild für die Geburt der Heileszukunft! Laut auf schreit die Kreißende in ihren Wehen, fassungslos, besinnungslos vor unsäglichem Schmerz und sehnt sich doch gleichzeitig auf das Innigste nach dem Wesen, das ihr solche Schmerzen bereitet. ויתעצב אל לבו, heißt es 1. B. M. 6,6. Es tat Gott im Herzen wehe, daß er die Menschheit durch die Sündflut zugrunde gehen lassen mußte, um ein neues Geschlecht für eine segensreiche Entwicklung erstehen zu lassen. So hier: Tief schmerzlich empfindet Gott gleichsam selbst die schmerzhaften Eingriffe, die er vornehmen muß, Geburtswehen sind es, um die Heileszeit ins Leben treten zu lassen; er sehnt den Augenblick herbei, da er die neugeborene Allmenschheit als seine Kinder begrüßen darf!

15
אַחֲרִ֤יב הָרִים֙ וּגְבָע֔וֹת וְכׇל־עֶשְׂבָּ֖ם אוֹבִ֑ישׁ וְשַׂמְתִּ֤י נְהָרוֹת֙ לָאִיִּ֔ים וַאֲגַמִּ֖ים אוֹבִֽישׁ׃
BernfeldVerwüsten Berg und Hügel und all ihr Grün trocknen, umwandeln Ströme in Eilande, und Teiche trockne ich aus.
ZunzVerwüsten Berg und Hügel, und all ihr Grün trocknen, umwandeln Ströme in Eilande und Teiche trockne ich aus.
J. J. HirschIch werde Berge und Hügel verwüsten und allen ihren Kräuterwuchs vertrocknen lassen, ich werde Ströme zu Inseln machen und Teiche austrocknen;
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15. אחריב וגו'. Denn gewaltig und tief eingreifend sind die Umwälzungen, die ich vornehme, und gerade הרים ונבעות, die höchsten und höheren Schichten der Gesellschaft, die empfinden ihre Einwirkungen am meisten. Alles, was sie, denen ja alle Mittel zu wirklicher Kultivierung der Erde zu Gebote standen, im Laufe der vielen Jahrhunderte gezeitigt hatten — war nur עשב, nur „Krautwuchs"; für das menschenwürdige Gedeihen der Menschheit hatten sie nichts getan! Ich lasse ihn vertrocknen, und ihr Kulturfortschritt zeigt sich als Defizit! — (Vergleicht man die Stellen, in denen עשב vorkommt, so bezeichnet es fast durchweg die niederen Gewächse, die eigentlich keiner besonderen Kultur bedürfen.)

Eine ganze Umwandlung tritt zutage, wo sonst alle Quellen der produktiven Tätigkeit das Ergebnis ihres Fleißes hinströmen ließen, da wird alles לאיים zur vereinsamten, „isolierten" Stätte, und אנמים seine Reservoire trocknen aus Mangel an Zufluß ein.

16
וְהוֹלַכְתִּ֣י עִוְרִ֗ים בְּדֶ֙רֶךְ֙ לֹ֣א יָדָ֔עוּ בִּנְתִיב֥וֹת לֹא־יָדְע֖וּ אַדְרִיכֵ֑ם אָשִׂים֩ מַחְשָׁ֨ךְ לִפְנֵיהֶ֜ם לָא֗וֹר וּמַֽעֲקַשִּׁים֙ לְמִישׁ֔וֹר אֵ֚לֶּה הַדְּבָרִ֔ים עֲשִׂיתִ֖ם וְלֹ֥א עֲזַבְתִּֽים׃
BernfeldIch führe Blinde auf einem Wege, den sie nicht gekannt, auf unbekannten Bahnen leite ich sie, wandle Finsternis vor ihnen in Licht und Krümmungen in Ebenen. Das sind die Dinge, die ich oft getan und auch jetzt nicht unterlassen werde.
ZunzUnd führe Blinde auf einem Wege, den sie nicht gekannt, auf unbekannten Bahnen leite ich sie, wandle Finsterniß vor ihnen in Licht, und Krümmungen in Ebenen. Das sind die Dinge, die ich gethan, nicht unterlassen.
J. J. Hirschich werde Blinde führen auf einem Wege, den sie nicht kannten, durch Pfade, die sie nicht kannten, werde ich sie hindurchleiten. Ich werde das Dunkel vor ihnen zum Lichte und die Umwege zur geraden Ebene machen! Dieses sind die Dinge, die ich bewerkstelligt und die ich nicht aufgegeben habe.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. והולכתי וגו'. Durch diese Umwälzungen werden vielen bis dahin Blinden die Augen geöffnet werden über die göttlichen Ziele, die in Wahrheit zum Heile führen, Wege, von deren Dasein sie bis dahin keine Ahnung hatten, werden sie klar vor sich liegen sehen. „Das sie umgebende Dunkel lichte ich und helfe ihnen, alle Schwierigkeiten, die dem Heilesziele meiner Waltung noch entgegenstehen, zu beseitigen."

אלה הדברים. Auf diese Ziele hin habe ich fort und fort gearbeitet, und wenn die Welt meinte החשתי מעולם, ich habe stillschweigend sie sich selbst überlassen, so ist das ein Irrtum, ich habe sie niemals außer acht gelassen oder aufgegeben. —

Es sei uns gestattet, eine Mutmaßung auszusprechen: עֲשִׂיתִם steht ohne das die erste Person bezeichnende י, ist also wie עֲשִׂיתֶם geschrieben; vielleicht soll damit angedeutet sein: „An diesem Heilesfortschritt habet ihr, Israel, zu eurem Teile mitgewirkt!"

Haftarah Bereschit Jemeniten enden hier.
17
נָסֹ֤גוּ אָחוֹר֙ יֵבֹ֣שׁוּ בֹ֔שֶׁת הַבֹּטְחִ֖ים בַּפָּ֑סֶל הָאֹמְרִ֥ים לְמַסֵּכָ֖ה אַתֶּ֥ם אֱלֹהֵֽינוּ׃ {פ}
BernfeldSie treten zurück, sind beschämt, alle, die auf ein Bild vertrauen, die zum Gusswerk sprechen: Ihr seid unsere Götter.
ZunzSie treten zurück, sind beschämt, die auf ein Bild vertrauen, die zum Gußwerke sprechen: Ihr seid unsere Götter.
J. J. HirschZurückgewichen sind, in ihren Erwartungen getäuscht, werden sich schämen, die auf das Götzenbild vertrauen, die zum Gußbilde sprechen: „Ihr seid unser Gott".
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17. Im Gegensatz zu dem Fortschreiten des göttlichen Waltungsplanes bezeugt die ganze Vergangenheit den Rückschritt aller derer, die da wähnten, sich selbst ihre Götter schaffen zu müssen, um das Heil zu erreichen. — נסגו אחור (עבר). Das Resultat ihrer Schöpfungen war immer ein Rückschritt. Und ebenso wird für alle Zukunft יבשו בשת (עתיד) beschämende Enttäuschung ihrer Hoffnungen und Erwartungen ihr Teil werden.

18
הַחֵרְשִׁ֖ים שְׁמָ֑עוּ וְהַעִוְרִ֖ים הַבִּ֥יטוּ לִרְאֽוֹת׃
BernfeldIhr Tauben hört, und ihr Blinden schauet auf, dass ihr sehet!
ZunzIhr Tauben höret, und ihr Blinden schauet auf, daß ihr sehet.
J. J. HirschIhr Tauben, o höret! und ihr Blinden, schauet doch hin um zu sehen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 18—20. החרשים וגו' ist die direkte Apostrophe an alle die, welche bis zuletzt in den großen Umwälzungen der Geschichte nicht Gottes Stimme herausgehört (V. 13), sie nicht als den Mahnruf Gottes erkannt hatten, der die Menschheit auf den richtigen Weg weisen sollte (V. 16). — הביטו לראות, nicht ראו: Wer sich in großer Entfernung von dem Gegenstande, den er sehen will, befindet, muß erst eine Zeitlang intensiv in dessen Richtung blicken, ehe er auch nur seine Umrisse erkennen kann, je länger er dann hinsieht, um so deutlicher wird ihm das Geschaute. So auch hier.

Ihr seid zu weit von dem Ziele meiner Waltung entfernt, wendet euren Blick seiner Richtung zu und ihr werdet es und damit auch eure Bestimmung und Aufgabe erkennen; und vermöget ihr dies nicht sofort, so darf auch das euch nicht entmutigen: מי עור כי אם עבדי Auch Israel, mein Diener und Sendbote, war lange, lange blind für die Ziele seiner Aufgabe und Sendung; wie vieler Belehrung und Erfahrung bedurfte er, um משלם, von seiner Mission voll und ganz durchdrungen, mir ein treuer Diener zu werden. — Die Form משלם, Partiz. des Pual, bezeichnet den jetzigen Zustand als solchen der Vollendung und der Vollkommenheit im Vergleich zu dem früheren, aus dem er hervorgegangen.

ראות רבות. Infin. wie זכור את יום השבת und שמור. Du, Menschheit, hättest so vieles aus der Erfahrung der Weltgeschichte sehen sollen (das ist כתיב ראית: du sahest es auch, aber davon, daß du es gesehen, kam nichts zum Vorschein) ולא תשמר, wie ואביו שמר את הדבר (1. B. M. 37, 11), jedoch du schenktest ihm keine Beachtung, und der עתיד-Form entsprechend, merktest fortdauernd nicht auf. פקח אזנים ולא ישמע, während לא תשמר in der zweiten Person die Menschheit anredet, spricht לא ישמע die dritte Person, von Israel, dem עבד ד' des vorigen Satzes. Israel ward direkt durch mich belehrt und blieb so lange meiner Lehre unzugänglich und vernahm nicht, was die Waltung Gottes in seinem eigenen Geschicke ihm zu sagen hatte. Dieser Hinweis auf die nur schwer und erst nach langer Arbeit beseitigte Unzulänglichkeit des jüdischen Volkes für seine hohe Aufgabe soll die Menschheit ermutigen und ihr die Versicherung bringen, daß sie an ihrer eigenen sittlichen Erhebung nicht verzweifeln dürfe. Vgl. damit oben Kap. 33, 24: ובל יאמר שכן חליתי העם הישב בה נשא עון. Diesen Gedanken führen die nächsten Verse weiter aus:

19
מִ֤י עִוֵּר֙ כִּ֣י אִם־עַבְדִּ֔י וְחֵרֵ֖שׁ כְּמַלְאָכִ֣י אֶשְׁלָ֑ח מִ֤י עִוֵּר֙ כִּמְשֻׁלָּ֔ם וְעִוֵּ֖ר כְּעֶ֥בֶד יְהֹוָֽה׃
BernfeldWer ist blind, wenn nicht der, der mein Knecht sein sollte, und taub wie mein Bote, den ich gesandt? Wer ist blind wie der mir ergeben sein sollte, blind wie der Knecht des Herrn?
ZunzWer ist blind, wenn nicht mein Knecht, und taub wie mein Bote, den ich sende? Wer ist blind wie der Untadlige, blind wie der Knecht des Ewigen?
J. J. HirschWer war blind als mein Diener und so taub wie mein Bote, als ich ihn senden wollte? Wer war so blind wie der jetzt ganz Fertige, so blind wie der Diener Gottes?
20
(ראית) [רָא֥וֹת] רַבּ֖וֹת וְלֹ֣א תִשְׁמֹ֑ר פָּק֥וֹחַ אׇזְנַ֖יִם וְלֹ֥א יִשְׁמָֽע׃
BernfeldVieles schauest du, aber beobachtest nicht; bei offenen Ohren hört er nicht.
ZunzVieles schauest du, aber beobachtest nicht, bei offenen Ohren höret er nicht.
J. J. HirschVieles hattest du zu sehen, aber du merktest nicht auf — mit geöffneten Ohren aber hörte er nicht!
21
יְהֹוָ֥ה חָפֵ֖ץ לְמַ֣עַן צִדְק֑וֹ יַגְדִּ֥יל תּוֹרָ֖ה וְיַאְדִּֽיר׃
BernfeldDer Herr begehrt um seiner Gnade willen, dass groß werde die Lehre und herrlich.
ZunzDer Ewige begehrt um seiner Gnade willen, daß groß werde die Lehre und herrlich.
J. J. HirschGott wollte um seines Rechtes willen, daß er die Thora zur Größe und Machtherrlichkeit bringe;
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 21. חפץ wie Ps. 135, 6: כל אשר חפץ ד'. In Gottes Plan lag es, dem Rechtsbegriff, wie Er ihn verstanden wissen will, „seinem Zedek", recht bald die Geister und Herzen der Menschheit zu gewinnen, um so ihr Heil zu begründen. Zur Verwirklichung dieser Absicht למען sollte Israel durch Treue und völlige Erfüllung der Thora sich des — als Folge derselben — von Gott verheißenen Segens würdig machen. Es hätte dann der staunenden Welt das Beispiel eines weithin leuchtenden Staates des Friedens und Gedeihens so zur Anschauung gebracht, daß dadurch das göttliche Gesetz verherrlicht, und der Menschheit die Größe und Blüte eines auf das Rechtsideal und das Sittengesetz gegründeten Staates gezeigt worden wäre. Damit wäre der Welt der deutlichste und vollgültigste Beweis geliefert worden, daß Recht und Sitte weit geeigneter sind, Basis und Kitt des Staatswesens zu sein, als Macht und Gewalt; und, so hätte Israel durch seinen Gehorsam gegen die Lehre Gottes ihre Größe und das Beglückende ihrer veredelnden Kraft der Menschheit gezeigt. — Unsere Auffassung dieses Verses steht durchaus nicht im Widerspruch mit der bekannten, in der letzten Mischnah von Makoth gegebenen: רצה הקב"ה לזכות את ישראל לפיכך הרבה להם תורה ומצות שנאמר וכו', denn je weitumfassender der Kreis der Pflichten, welche die Thora Israel brachte, um so größer für es das Verdienst ihrer gewissenhaften Erfüllung und der dafür verheißene Segen, welcher die Menschheit die Größe und Herrlichkeit der Gotteslehre hätte erkennen lassen.

Haftarah Bereschit Sefardim, Italiener, Chabad, Frankfurt a. M., Lissa (erloschen) und Posen (erloschen) enden hier.
22
וְהוּא֮ עַם־בָּז֣וּז וְשָׁסוּי֒ הָפֵ֤חַ בַּחוּרִים֙ כֻּלָּ֔ם וּבְבָתֵּ֥י כְלָאִ֖ים הׇחְבָּ֑אוּ הָי֤וּ לָבַז֙ וְאֵ֣ין מַצִּ֔יל מְשִׁסָּ֖ה וְאֵין־אֹמֵ֥ר הָשַֽׁב׃
BernfeldAber es ist ein geraubtes geplündertes Volk, verweht in Höhlen liegen sie alle, und in Gefängnissen sind sie versteckt. Sie sind zur Beute geworden und niemand rettet, geplündert und niemand spricht: Gib zurück!
ZunzAber es ist ein beraubtes, geplündertes Volk, umgarnt in Höhlen liegen sie alle, und in Gefängnissen sind sie versteckt. Sie sind zur Beute geworden, und Niemand rettet, geplündert, und Niemand spricht: Gieb zurück.
J. J. Hirscher aber ward ein beraubtes und ausgeplündertes Volk, angeschnaubt von allen Buben; in Kerker-Wohnungen fanden sie Versteck, sie wurden zur Beute und niemand rettet, zur Plünderung und keiner spricht: Gib zurück.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 22. Allein weil es עור war und חרש, sein eigenes Heil nicht erkannte und der Lehre Gottes sein Ohr verschloß, ward Israel seiner Selbständigkeit beraubt, alle seine Menschenrechte wurden ihm frevelnd genommen. Der Willkür und dem Hohn eines jeden Buben preisgegeben, fanden die Kinder seines Volkes höchstens notdürftigen Schutz in den Kerkerwohnungen der Ghetti, und selbst dort verfielen sie der Plünderung, und niemand nimmt sich ihrer an, keiner tritt auch nur mit einem Worte für sie ein!

Aber selbst in dieser Erniedrigung geht es seiner Mission nicht verlustig, ja durch sie gerade wird es von neuem zum Herold des göttlichen Gesetzes. Dieser Zustand des Elends, in dem sich das jüdische Galuth-Volk befindet, ist die lauteste Offenbarung und Predigt von der unantastbaren Heiligkeit und dem unschätzbaren Werte des göttlichen Gesetzes. Zum Anhören und Begreifen derselben werden die Völker aufgefordert:

23
מִ֥י בָכֶ֖ם יַאֲזִ֣ין זֹ֑את יַקְשִׁ֥ב וְיִשְׁמַ֖ע לְאָחֽוֹר׃
BernfeldWer unter euch mag solches vernehmen, hören und aufhorchen für die Zukunft?
ZunzWer unter euch mag solches vernehmen? hören und aufhorchen für die Folgezeit?
J. J. HirschWer unter euch dieses vernimmt, der merke auf und suche rückwärts gewandt zu verstehen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 23. מי בכם. Welches Volk unter den Zeitgenossen dieser Exilsperiode könnte nicht für sich heilsame Lehre schöpfen aus dem Zustande, in dem sich das jüdische Volk befindet, wenn es aufmerksam den Ursachen nachforschte, welche über es die Nacht hereinbrechen ließen? Es ist dies ein Gedanke, der bereits 5. B. M. 32, 29 u. w. ausgesprochen ward: לו חכמו ישכילו זאת יבינו לאחריתם Wären sie weise, würden sie hierauf ihren Verstand wenden, würden auf ihr eigenes Ende schließen, wenn Gott einst mit ihnen ins Gericht geht. — לאחור s. oben Kap. 41, 23. — Dann würdet ihr es einsehen und sprechen:

24
מִֽי־נָתַ֨ן (למשוסה) [לִמְשִׁסָּ֧ה] יַעֲקֹ֛ב וְיִשְׂרָאֵ֥ל לְבֹזְזִ֖ים הֲל֣וֹא יְהֹוָ֑ה ז֚וּ חָטָ֣אנוּ ל֔וֹ וְלֹֽא־אָב֤וּ בִדְרָכָיו֙ הָל֔וֹךְ וְלֹ֥א שָׁמְע֖וּ בְּתוֹרָתֽוֹ׃
BernfeldWer hat Jakob der Plünderung preisgegeben und Israel den Raubenden? Doch nur der Herr, gegen den wir gesündigt und in dessen Wegen sie nicht wandeln wollten und dessen Lehre sie nicht gehorchten.
ZunzWer hat Jaakob der Plünderung Preis gegeben, und Jisraél den Raubenden? Nicht der Ewige, gegen den wir gesündigt? und in seinen Wegen wollten sie nicht wandeln, und seiner Lehre gehorchten sie nicht.
J. J. HirschWer hat denn Jakob der Plünderung und Israel den Räubern preisgegeben? Ist es nicht Gott, derselbe, gegen den wir gesündigt haben, in dessen Wegen wollten auch sie nicht gehen und gehorchten nicht seiner Lehre!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 24. 25. Wer hat denn dieses Volk in die gedrückte Jakobs-Stellung seiner historischen Erscheinung zusammensinken lassen, dieses Volk, das seiner Bestimmung nach „Israel" sein sollte? Wer ist es denn, der es unserer Willkür überließ? Doch kein anderer als Gott, gegen den auch wir uns versündigt haben! Sind wir etwa besser als sie, gerechter und sittlicher, menschlicher als sie?

ולא אבו וגו'. Was sie uns zur Beute werden ließ, war ja gerade die Weigerung, in den „Wegen Gottes" zu wandeln — (בדרכיו, vgl. oben Kap. 2, 3 das zu ויורנו מדרכיו Erläuterte), und zum Teil sind es ja gerade diese, die auch uns zum Heile führen sollen, — war doch der Ungehorsam gegen die sie wie uns verpflichtenden sozialen Gesetze der göttlichen Lehre. Dieser Treubruch und Ungehorsam gegen Gott veranlaßten ihn, als der Kriegsgewaltige gegen Israels Verirrungen einzuschreiten, seinen Staat zu zertrümmern, so daß es uns anheimfiel — haben wir nicht ebenfalls sein Einschreiten verdient?!

Nachzufügen ist noch: למשסה ist die Lesart, geschrieben jedoch ist es למשוסה, למשסה ist Substantiv von שסם, wie Zephan. 1, 13: והיה חילם למשסה und Jerem. 30, 16: והיו שאסיך למשסה, und bedeutet: zur Plünderung, zur Beraubung. Das כתיב aber למשוסה ist Partiz. des Pual der gleichbedeutenden Wurzel שסה, von der auch das שסוי V. 22 stammt, und würde es dem Sinne nach heißen: Wer hat Jakob dem selbst ausgeraubten Volke preisgegeben u. s. w. Damit dürfte auf das historische Faktum andeutend hingewiesen sein, daß die herrschenden Gewalten, die sich am meisten der Bedrückung und Ausbeutung ihrer eigenen Untertanen schuldig machten, diesen „die Judenschaft" zur Plünderung und Bedrückung überließen: der Jude war eben für sie das Sicherheits-Ventil, durch welches der allzuhoch gespannte Druck des eigenen Volkes sich Luft machen durfte, ohne durch Explosion den Staatenbau zu sprengen. — ותלהטהו, dritte Person weiblich, nimmt Bezug auf מלחמה. — ולא ישים Futurum zur Bezeichnung der Dauer.

25
וַיִּשְׁפֹּ֤ךְ עָלָיו֙ חֵמָ֣ה אַפּ֔וֹ וֶעֱז֖וּז מִלְחָמָ֑ה וַתְּלַהֲטֵ֤הוּ מִסָּבִיב֙ וְלֹ֣א יָדָ֔ע וַתִּבְעַר־בּ֖וֹ וְלֹא־יָשִׂ֥ים עַל־לֵֽב׃
BernfeldDa schüttelte er die Glut seines Zornes über es aus und des Krieges Gewalt, es flammte an ihm rings, es aber merkte nichts, und es brannte an ihm, es aber nahm es nicht zu Herzen.
ZunzDa schüttete er die Glut seines Zornes über ihn aus, und des Krieges Gewalt, und es flammte an ihm rings, er aber merkte nichts und es brannte an ihm, er aber nahm es nicht zu Herzen.
J. J. HirschDa goß er seinen Zorn heiß über es aus und die Härte des Krieges, der umloderte es ringsum, aber es kam nicht zur Erkenntnis, seine Flamme ergriff es selbst, es nahm es sich nicht zu Herzen.