Jeschajahu 40 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 40. V. 1. 2. Im Anschluß an die im vorhergehenden Kapitel gegebene Verkündigung des babylonischen Exils beginnt mit diesem Kapitel eine Reihe von Trostes-Offenbarungen. Zum Teil gelten sie der Befreiung aus diesem Galuth, in dessen letztem Viertel die Erstürmung Babels durch das medisch-persische Heer unter Cyrus' Befehl erfolgte, welche Juda den Weg zur Heimkehr in sein Land ebnen sollte, um sich dort auf dem Boden seines Gesetzes aufs neue von ihm durchdringen und mit den Gottesideen erfüllen zu lassen. Dadurch sollte es die Fähigkeit erlangen, in der großen Diaspora der „Völkerwüste“ (V. 3) in unverbrüchlicher Treue auszuharren.
Dort, unter Entsagung, unsäglichem Leid und Druck, soll es seine eigene Aufgabe richtig aufzufassen erlernen und, durch sein Beispiel die Völker lehrend, hat es die völlige Reife für ein ewig dauerndes Glück zu gewinnen, zu welchem die endliche Erlösung durch das Walten der göttlichen Weisheit es zu seinem und der Allmenschheit Heile führen wird.
Auf dieses trostreiche Endziel schaut der bei weitem größere Teil der bis zum Schlusse dieses Buches mitgeteilten Offenbarungen hin. Vgl. hierüber das oben zu Kap. 13 und 14 Bemerkte.
Völlig diesem Inhalte entsprechend, ist auch die Sprache hochpoetisch erhaben und erhebend. Man merkt jedem Worte das Glücksgefühl an, das den Propheten durchdringt, die innere Befriedigung, welche es ihm bereitet, seinem Volke eine solch herrliche Zukunft verkünden zu dürfen. Er sonnt, er erwärmt sich förmlich in den Strahlen des aufgehenden Tagesgestirns, das fortan den Lebensweg der Seinen erhellen soll. Er lehrt sie den Hoffnungsstern ausfindig machen, der auch im tiefsten mitternächtlichen Geschickesdunkel ihnen wegweisend leuchtet, er fächelt ihnen erfrischende Morgenluft zu in schwüler Galuthnacht, mit erquickendem Tau kühlt er die brennende Glut der Wunden, die der Unverstand und die Bosheit der Menschen ihnen geschlagen, und zaubert das farbenprächtige Morgenrot der Erlösung vor ihre schmachtenden Augen. In den gleichen warmen, innigen Tönen redet Jesaias Hochgefühl ja auch in den vorhergehenden Offenbarungen, wenn er dabei die Erlösung aus dem babylonischen Exil, aber ganz besonders aus der jetzigen Diaspora zu verkünden hat. (Vgl. die bezüglichen Stellen Kap. 1, 24—27, Kap. 2, 2—4, Kap. 11 und 12, Kap. 26, Kap. 35 u. and.)
נחמו וגו' יאמר. Dieser endlichen Heileszukunft wendet der Prophet hier seine Blicke zu. יאמר ist Futurum. Er hört Gottes Wort einst zu der Menschheit sprechen, sie möge „sein Volk“ trösten. Ihr kommt dies ja zu allererst zu, ist sie es doch, die Israel so viele Jahrhunderte hindurch bitteres Leid zugefügt hat, ist sie es doch, die durch es zur Gotteserkenntnis gelangte und damit zum reinen sie beglückenden Menschentum.
דברו על לב ירושלם, wie 1. B. M. 34, 3: וידבר על לב הנערה, so daß euer Wort entschieden tröstenden Einfluß auf das Herz Jerusalems gewinne. „Jerusalem“ ist hier, wie auch sonst häufig in תנ"ך, als die Mutter des über die weite Erde hinausgesandten Israels gedacht. — אליה. Städtenamen, wie bereits wiederholt bemerkt, sind in der Regel weiblich.
צבאה: צבא hier wohl Heeresdienst, wie Job 7, 1: הלא צבא לאנוש עלי ארץ und Feminium wie Daniel 8, 12: וצבא תנתן. Machet es Israel klar, zeiget ihm durch eure Gewinnung für die Gottesidee, daß es seinen „Heeresdienst“, den es mit seiner Befreiung aus Ägypten einst übernommen hatte — והוצאתי את צבאותי את עמי בני ישראל (2. B. M. 7, 4) und יצאו כל צבאות ד' מארץ מצרים (2. B. M. 12, 41) —, nun geleistet habe. Es sollte als „עמי“ „Jisrael“ sein, durch sein Beispiel die Menschheit für die Anerkennung der „Herrschaft Gottes“ gewinnen: ישר-אל. Diese Aufgabe sieht der Prophet in der Zeit, auf die er hinausschaut, gelöst.
כי נרצה עונה. Im Glücke hatte es dies nicht verstanden, war in Sünde verfallen — diese Schuld seiner Vergangenheit hat es durch sein Exilsleben nun wieder gut gemacht. Vgl. Komm. zu 3. B. M. 26, 41: ואז ירצו את עונם und das. V. 43: והם ירצו וגו'. Im Glücke war Israel gleichgültig gegen Gottes Gesetz geworden; sein Wohlleben, seine Existenz, seine Selbständigkeit im eigenen Lande ward ihm zur Hauptsache, die Erfüllung der Thorapflichten war ihm nebensächlich geworden. Im Galuth und gerade durch das Galuth, unter der Wucht der Leiden, welche der Haß seiner Umgebung ihm um seiner Gottestreue willen bereitete, hatte es gelernt, gegen Wohlleben, Glück und Lebensfreude gleichgültig zu werden und alles zu opfern, um seinem Gesetze die Treue zu wahren, dieses ward ihm zur Hauptsache, ward ihm alles.
Diese felsenfeste Gesetzestreue errang doch endlich die Bewunderung der Völker und lenkte ihre Augen auf Gott, und so ward es Israel möglich, in der Zerstreuung, in welche Gott es wegen seiner Sünden hinausgesandt hatte, seine Aufgabe in weitem, weitem Menschenkreise zu lösen, vielleicht besser und nachhaltiger, als wenn es nie gefehlt hätte. Zugleich erreichte es selbst eine so hohe sittliche Stufe der Reinheit und Seelenstärke, wie sie dem nie Gesunkenen kaum möglich gewesen wäre zu erklimmen. — Siehe darüber unsere Erklärung oben zu Kap. 1, 18. — Diese glückliche Doppelwirkung hatten Israels Verfehlungen durch die erziehende Hand Gottes erzielt, so glauben wir das כי לקחה מיד ד' וגו' verstehen zu dürfen. Rückblickend darf Israel seine getrübte Vergangenheit so anschauen — das ist der Trost, den ihm, wenn es seine Aufgabe gelöst hat, die Völker spenden sollen, so יאמר ד' wird Gott dann sprechen, für jetzt aber
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. קול קורא, Präsens, ruft die Gottesstimme: במדבר „Hinein in die Wüste!“ Der trennende Akzent läßt dieses Wort als den Ausdruck eines selbständigen Gedankens erscheinen. Jesaia sieht Israel noch vor Antritt des schweren Ganges, der es zur Lösung dieser Aufgabe führen wird, und hat für jetzt den Gottesruf zu verkünden, der es in die „Wüste“ sendet. Das Trosteswort des V. 1 soll Israel mit Kraft ausrüsten, all dem unendlich Schweren, welchem der „במדבר“-Ruf es entgegen sendet, mutig entgegen zu gehen. Es sollte ihm die Sicherheit gewähren, daß seine Wanderung durch die Völkerwüste es auch dereinst dem gelobten Lande seiner Bestimmung wieder zuführen werde, wie einstmals der Väter Wüstenwanderung. Es sollte ihm die Gewißheit bringen, daß es „במדבר“ sich wirklich zu dem Gesetzes-Gehorsam emporringen werde, den die Väter in der Wüste durch ihr „נעשה ונשמע“ jubelnd gelobten — aber leider nicht für die Dauer voll betätigten.
Israels Aufgabe במדבר heißt: פנו דרך ד'. פנה im Piel, wie 1. B. M. 24, 31: פניתי הבית, Ps. 80, 10: פנית לפניה, räumen, für etwas Raum schaffen. Räumet alle Hindernisse, die sich dem Erkennen und Betreten des דרך ד' entgegensetzen und das Verharren auf ihm stören, hinweg, das heißt: Anbahnen. — דרך ד' sagt ein Zwiefaches: der Weg, den Gott geht, und derjenige, den Gott uns gehen lassen will, um zu ihm zu gelangen. Im Grunde genommen ist beides derselbe Weg. Durch Übung von Gerechtigkeit, Menschenliebe und durch Selbstbeherrschung gehen wir zu unserem Teile den Weg, der zur Erreichung der großen Ziele seines Waltungsweges führt.
Während מדבר die Wüste ihrer Bodenbeschaffenheit wegen nicht empfänglich für die Saat ist, dürfte ערבה, von ערב durcheinandermischen, mehr unkultiviert daliegendes Land bezeichnen, dessen Boden jedoch ein guter ist. (So glaubten wir auch oben Kap. 35, 1 unter ערבה den seiner eigentlichen Bewohner entbehrenden, sich selbst überlassenen Boden Palästinas während der Dauer der Exilsperiode verstehen zu dürfen.) Es wäre ערבה somit eine Wildnis, in der in wirrem Durcheinander alles üppig aufwächst, wovon der Wind den Samen hingetragen hat — aber es bedürfte anstrengender Tätigkeit und ausdauernden Fleißes, um ausjätend dort Raum zu schaffen für Kulturpflanzen.
Unter den Schwierigkeiten, die sich Israels Kulturaufgabe am beharrlichsten entgegensetzen, ist es vor allem die Unempfänglichkeit gegen die Saat der göttlichen Wahrheit. In Selbstsucht verhärtet, verschließt man sich gegen die Aufnahme der Keime der Menschenliebe, weist jede Regung von Milde als weibische Schwäche mit Entschiedenheit zurück und sucht in der Gefühllosigkeit seinen Mannesstolz.
Sodann: Im Austoben zügellos ungebändigter Leidenschaft fühlt man sich am wohlsten, ist empfänglich für jeden Sinnenreiz, den die Luftströmung der Zeit herbeiträgt — selbst aus weiter Ferne, aber man setzt sich energisch zur Wehr gegen jeden Gedanken, der zu einer Beschränkung der wild wogenden sinnlichen Triebe durch ein Sittengesetz Gottes führen könnte. Für das Gedeihen, ja für die Aufnahme edlerer, geistiger Keime läßt der Wildwuchs der Sinnlichkeit keine Spanne Raumes.
Das hat zur Folge, daß sich die Gesetzgebung aller Zeiten vergebens abmüht, Unrecht und Verbrechen zu beseitigen oder auch nur einzudämmen; dem Ausbruch der Sinnlichkeit leistet die Schranke menschlichen Gesetzes nicht genügend Widerstand, sie durchbricht sie mit unaufhaltbarer Leidenschaft. Sogar schon, um sich die Mittel zum sinnlichen Genuß zu verschaffen, begeht der Mensch die schwersten Verbrechen. Nur wenn sein Sinnesleben sich von dem göttlichen Sittengesetze zügeln läßt, wird auch sein Verkehr mit den Mitmenschen sich der menschlichen Gesetzgebung fügen.
Indem Israel im Galuth sich sein weiches, menschenfreundliches Herz bewahrt und selbst für seine erbarmungslosen Feinde, sobald sie in Not geraten, Mitgefühl und werktätige Hilfe übrig hat, wenn Israels Milde und Menschenliebe sich als schier unerschöpflich erweist, — wenn Reinheit und Keuschheit das jüdische Familienleben derart adelt, daß auch die erbittertsten Gegner keinen Makel daran finden können, — wenn trotz der unsäglichen Beschränkungen, die man für sein Erwerbsleben ersonnen, trotz der Fallen und Fußangeln, die man auf seine Verkehrswege gelegt, es dennoch, wie die Statistik lehrt, nur die geringste Zahl von Verbrechern aufweist: so werden durch sein Beispiel die Augen der Menschen zu Gott gelenkt und die Anbahnung des zu Ihm führenden Weges ist eingeleitet.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Bis dieser Weg aber wirklich betreten und dauernd begangen wird, muß sich in der Denkweise und den Anschauungen der Menschen eine völlige Umwandlung vollziehen. Der Wertmesser der Menschheit muß erst im allgemeinen ein anderer werden; nicht nach Besitz und Stellung, die beide häufig zufällig sind, vielmehr nach seinem Charakter, nach der Entfaltung seiner geistig-sittlichen Eigenschaften, wie sie in seinem Leben, in seinem Wirken zutage treten, ist der Mensch zu schätzen. Dann wird gar mancher und manches bisher als niedrig Verachtete erhöht und vieles bis dahin hoch Verehrte in der Wertschätzung herabsinken. Dann wird das Krumme dem Geraden und alles heimtückisch Kombinierte der redlichen Offenheit weichen müssen. — רכסים: Radix רכס kommt nur noch in וירכסו את החשן (2. B. M. 28, 28; 39, 21) als verbinden und מרכסי איש (Ps. 31, 21) als Ränke, künstlich verschlungene Pläne, vor. Vielleicht bezeichnet es hier, gegenübergestellt בקעה der offen liegenden, leicht zu überschauenden Talebene, versteckte, künstliche Schleichwege. — Die Etym. s. Komm. zu 1. B. M. 12, 5.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. Sind dann nach Änderung der Denkweise die Verhaue beseitigt, die den Menschen den Weg zu Gott versperrten, so weitet sich ihr Blick, und es offenbart sich ihnen in ihrer eigenen Geschichte und ganz besonders in der des jüdischen Volkes die waltende Gegenwart Gottes. Sie erkennen die Wahrheit des von und durch Israel Verkündeten und ersehen an der allem obsiegenden Stärke dieser bahnbrechenden Wahrheit, daß sie göttlichen Ursprungs ist. — כל בשר: Alles Empfindungsfähige, wie Jechesk. 36, 26: לב בשר im Gegensatz zu לב אבן — יחדו einmütig, eines Sinnes.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6—8. קול die Stimme, die V. 3 den Ruf במדבר ertönen ließ, spricht zu dem Propheten: Verkünde Gottes Wort an Israel und die Menschheit. — Subjekt von ואמר ist קול, und ואמר מה אקרא ist die indirekte Anführung der Rede, wie ואתה אמרת בשר אתן להם (4. B. M. 11, 21) oder אלק' דבר בקדשו אעלוזה אחלקה שכם (Ps. 60, 8). S. Komm. — כל הבשר die ganze Menschheit, auch die noch empfindungsfähige. העם: ist das an sie gesandte jüdische Volk. — חציר das nicht tief wurzelnde Gras. — ציץ השדה: die Feldblume, die nicht gesät und gehegt wird von Menschenhand, sondern nur dadurch entstand, daß der Wind zufällig den Keim für sie dorthin trug. Beides dient hier zur bildlichen Bezeichnung der Menschenliebe, die ihre Betätigung dem dem Menschen angeborenen Mitgefühle oder Mitleide oder einer zufälligen augenblicklichen Wallung verdankt.
Sie unterscheidet sich wesentlich von der herrlichen Blume selbstloser Güte und hingebender Liebe für das Wohl des Nebenmenschen, die als Produkt pflichttreuer Pflege und Wartung des eingeborenen Keimes unter dem Diktate Gottes erblüht. Da ist es das Pflichtgefühl, das den Keim immer tiefer und fester wurzeln und zum starken dauernden Stamm erstehen läßt, an dem als edle Pflichttat die Blüte der Humanität zur höchsten Vollendung sich entwickelt.
Was der Prophet von vornherein gleich für den ersten Schritt Israels unter die Völker zu verkünden hat, heißt: Die Menschheit, die für Gott zu gewinnen Israel gesandt ist, gleicht dem rasch verdorrenden Grase, der schnell welkenden Feldblume. Wohl sind die Keime für das Gute, die Gott dem Menschen in die Brust gesenkt, selbst in tiefster Entartung nicht ganz geschwunden, aber auch nicht weiter entwickelt, veredelt worden, und nur Zufall ist es oder rasch verfliegende Regung, wenn sie als Liebeswirken zutage treten, selbst bei denen, die בשר sind, deren ganzes Wesen noch nicht von Selbstsucht verknöchert und verhärtet worden, die noch weicheren Gefühlen zugänglich geblieben sind: Es ist eben doch nur eine Feldblume, was sie zeitigen! Anderen gar ist diese Feldblume ein Unkraut, welches, als den Ertrag des Arbeitsfleißes auf dem Acker der Nation beeinträchtigend, auszujäten ist!
Das rein Menschliche in der Menschheit will nicht recht zur Blüte kommen, denn sie läßt sich nicht vom רוח ד', dem Geiste Gottes, des erbarmungsreichen Allvaters, leiten — „der Hauch Gottes weht gegen sie“, die Richtung, die sie einschlägt, ist eine Ihm entgegengesetzte. Selbst „העם“, das Volk, welches als Sendbote des barmherzigen Gottes unter die Menschen treten soll, um ihnen die Bahn zu Gott zu ebnen, ist noch dem Grase gleich, auch das Gute in ihm bedarf noch sehr der Pflege und Veredlung. Vgl. Baba mezi'ah 30b: דאמר ר' יוחנן לא חרבה ירושלים אלא וגו' שהעמידו דיניהם על דין תורה ולא עבדו לפנים משורת הדין.
Wird so gleich vor Antritt der Sendung der Schwierigkeiten gedacht, welche zu überwinden sind, ehe das Göttliche in der Menschheit zu dauernder Blüte gelangt, so darf der Sendbote an dem endlichen Gelingen seiner Kulturmission nicht verzweifeln. Daß Israel der Träger des דבר אלקינו des „Gotteswortes“ ist, verleiht ihm die Kraft, alles Trübe der Nachtzeit seines Exils zu überdauern und hoffnungsfreudig der Zukunft entgegen zu harren, die unser Gott uns und der Menschheit als die Heileszeit verkündete.
Nur wer sich in Gegensatz zu „unserem Gotte“ stellt, den weht der Gluthauch Gottes an, er wird dem verdorrenden Grase und der welkenden Blume gleich. Wer sich bewußtvoll in den Dienst des göttlichen Wortes stellt und an seiner Verwirklichung mitarbeitet, für den gibt es kein Welken, er selbst und sein Wirken gewinnt Anteil an der Ewigkeit des Wortes, dessen Träger er ist. Ihn erwärmt, ihn begeistert, ihn lenkt dem Ziele zu: der רוח ד', mit dem er sich in gleicher Richtung weiß.
דבר אלקינו ist die Gottesverheißung, die einst auf der ganzen Erde das Heil und den Frieden verwirklicht sehen will. Vgl. oben Kap. 2, 3: כי מציון תצא תורה ודבר ד' מירושלם. Diesem Endziele zu führen alle geschichtlichen Ereignisse, Gott ist es, dessen Waltung sie dahin leitet.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. על הר גבה. Das ist die Wahrheit, die zu allen Zeiten „Zion und Jerusalem“ laut und furchtlos zu verkünden hat. Von dem hohen Gesichtspunkte der göttlichen Lehre ציון und der Gottesverheißung ירו-שלם hat Israel die Weltgeschichte zu betrachten und diese Wahrheit vor allem sich vor die Seele zu rufen. אמרי לערי יהודה: Wo immer auf weiter Erde Judas Söhne wohnen, sollen sie von Zion und Jerusalem den Ruf vernehmen: Sehet, da ist euer Gott!
Wer auf gleichem Niveau, mitten im Gewühl des weltgeschichtlichen Ringens sich befindet, dem erscheint alles in wirrem, dem Zufall überlassenen Durcheinander — von der hohen Warte der Gottestreue sollet ihr erkennen, daß in allen Kämpfen der Völkergeschicke unsichtbar euer Gott waltet, der euch zu Trägern seines Gesetzes und zu Verkündern des Heils der Zukunft erwählt hat und durch alle Geschehnisse die Menschheit für diese erziehen will. Diese Erkenntnis und diese felsenfeste Überzeugung sollen Israel durch alle wechselreichen Gänge seiner Geschichte zu allen Zeiten furchtlos und stark erhalten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. הנה אדנ'. Sehet, auch jetzt im Exil will „der Herr“ euch für seinen Dienst ausbilden, und seine ewige Liebe zu euch zeigt sich gerade in den erziehenden Leiden, die er über euch bringt. Sehet: יבוא Gott kommt näher, zieht ein in den Kreis der Menschheit mit jedem חזק, mit jeder weltgeschichtlichen Größe, welche die Bühne der Zeiten betritt. Ihr selbst unbewußt, dient jede historische Macht und Größe den Zielen Gottes. Der „Starke“ wähnt für sich zu arbeiten, allein לו „für Ihn waltet sein Arm“, bahnt Ihm die Herrschaft an, läßt den Augenblick immer mehr herankommen, in dem die Gemüter der Menschen sich Gott öffnen. רב מחולל כל ושכר כסיל ושכר עברים, heißt es Prov. 26, 10, „Der Weltenmeister bringt alles zum Kreißen, d. h. läßt aus allem Leben erstehen, er verwendet für seinen Dienst den Toren, verwendet selbst Gesetzesübertreter für seinen Dienst.“ Dabei bleibt doch der Tor ein Tor, und der Verbrecher ein Verbrecher, und Gott richtet sein Tun. Dadurch, daß Gottes weise Leitung das töricht oder verbrecherisch Unternommene zum Guten lenkt und es seinem Ziele dienstbar macht, wird die Verantwortlichkeit des Toren und Verbrechers Gott gegenüber nicht gemindert.
הנה שכרו אתו וגו'. Der sittliche Wert oder Unwert der Taten eines solchen „Starken“ unterliegt dem prüfenden Auge Gottes, und je nach seinem Urteil gestaltet sich dessen Lohn.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. Obgleich Gott so die großen, mächtigen Weltgeschicke leitet, verliert er doch dabei keinen Augenblick diejenigen aus den Augen, die zu ihm als ihrem Hirten aufblicken, sich von ihm leiten lassen und seiner Weisung folgen wollen — es ist dies die השגחה פרטית, die liebende Fürsorge für jedes Einzelwesen, das in liebender Verehrung zu ihm das Auge erhebt, wie es Judas Söhne tun. Der Kothurn der Menschengröße tritt ohne Skrupel Tausende von Existenzen zu Boden für die eigene via triumphalis, da heißt es minima non curat prätor — der allmächtige, große Lenker der Welt nimmt sich in seiner unermeßlichen Liebe des Geringsten seiner Menschenwesen an: wie ein Hirte sorgt er für jedes; je schwächer es ist, um so mehr widmet er ihm seine Sorgfalt, und עלות (vgl. Komm. zu 1. B. M. 33, 13 und 1. Sam. 6, 7, 10) den Säugenden, denen die Erhaltung der Zukunft seiner Herde obliegt, ihnen gehört ganz besonders seine Fürsorge. Die Allmenschheit ist Gottes „Herde“ — Israel, besonders das schwache Galuthvolk, das sind die טלאים, die noch schwach auf den Beinen sind, sie umfaßt Gottes helfende Hand und „trägt“ sie. Es lag ursprünglich in Gottes Absicht, es wie einst „auf Adlers Flügeln zu tragen“, so hoch, daß der Feinde Pfeile es nicht zu erreichen vermochten — das freilich hat es durch seinen Ungehorsam verscherzt, aber auch jetzt hilft ihm Gottes liebende Fürsorge. Lebt das jüdische Volk seiner Aufgabe, so bildet es die עלות, die „Säugenden“ unter der „Gottesherde“, aus deren Brüsten die übrige Menschheit die göttliche Wahrheit, Heil und Leben in sich aufnehmen wird. Diese Zuversicht auf die fürsorgende Liebe Gottes soll das Galuthvolk auf seinem Wüstengange zu allen Zeiten stützen und aufrecht erhalten. Der sie ihm einflößte, besitzt auch die Macht, seine Verheißung unter allen Umständen zu erfüllen, denn
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. מי מדד וגו': er allein ist Schöpfer des Weltalls, seine Allmacht ist mit nichts zu vergleichen; als er es ins Dasein rief, stand sein Werdegang vollendet und fertig vor Seinem Geiste da — ermessen, festgestellt, geordnet und erwogen war bereits alles, was zum Ziele Seines Weltenplans führt. (שָׁלִשׁ kommt als Maß nur noch Ps. 80, 6 vor: בדמעות שלש.) Größtes wie Kleinstes schuf seine Hand, und für alle Zeit hält es sich in den Grenzen, die er ihm mit seinem Schöpferwerde gesetzt: die Welten der Himmelssphären vollenden ihren Lauf räumlich wie zeitlich in den Bahnen, die seine „Spanne“ für sie gezeichnet, und kein Atom des Staubes der Erde geht dem „Maße“ verloren, das er für sie bestimmt hat.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. 14. מי תכן את רוח ד' וגו'. Den Geist Gottes, den „Willen“ — denn das heißt ja רוח ebenfalls — den Weltenplan Gottes kann kein Sterblicher begreifen, nicht einmal ahnen, geschweige denn, daß er so vermessen sein dürfte, an ihm zu mäkeln, den Weltenmeister meistern zu wollen. Alles menschliche Wissen stammt von ihm — nur von den Naturgesetzen, die er bestimmt hat, vermag der Mensch durch schärfste Beobachtung ihrer Wirkungen vielleicht eine Ahnung zu gewinnen; sein Weltenplan selbst, der eine Gedanke, der in allen einzelnen Weltgesetzen lebt, der sie alle nur als ein einziges großes, von seinem Willen bestimmtes Gesetz erkennen lassen würde, der entzieht sich für ewig der Einsicht des menschlichen Geistes: „Wer vermäße sich, Ihn den Weg der Erkenntnis zu lehren?!“
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15. 16. Auch ganze Völkerschaften vermögen nicht den Fortschritt seines Weltenplanes zu hemmen — versuchten sie es, sie würden verschwinden, und ihr Schwinden würde so wenig bemerkbar sein, wie der Verlust eines Tropfens aus vollgefülltem Eimer. Das Stäubchen auf der Wagschale gibt keinen Ausschlag, wiegt nicht mit; so läßt Gottes Allmacht ganze Meeresinseln verschwinden, ohne daß die Gestalt der Erde sich ändert!
דק das kleinste Teilchen, das Atom. מר, aus dem Zusammenhang: Tropfen, kommt sonst nicht wieder in diesem Sinne vor. — ולבנון אין די וגו': Heidnischer Wahnwitz wäre der Gedanke, durch Opfer Gott zur Änderung seines Waltungsplanes bewegen zu wollen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17. כל הגוים, nicht כל גוים: die Gesamtheit der Völker. Wäre es denkbar, daß sich alle Nationen zu einer einzigen Macht vereinigten, und diese wäre נגדו, stellte sich ihm gegenüber, — statt den Zielen seiner Waltung zuzustreben, verharrte sie im Gegensatz zu Gott, so schwände diese ganze Macht in nichts zusammen.
נגד heißt zwar gewöhnlich das räumliche Gegenüber, kommt aber auch als das Gegensätzliche vor. So: כי ירט הדרך לנגדי denn der Weg war zu jäh mir entgegen (4. B. M. 22, 32) — בעד רשע לנגדי wie dauernd auch der Gesetzlose mir gegenüber steht (Ps. 39, 2) — אין חכמה ואין תבונה ואין עצה לנגד ד' Im Gegensatz zu Gott gibt es keine Weisheit u. s. w. (Prov. 21, 30) — נגד פני היו die meiner Waltung (meinem Willen) entgegen waren (Hosea 7, 2).
אפס: Die Verneinung des Seins. תהו: das Unklare, Unentschiedene. נחשבו לו wie הלוא נכריות נחשבנו לו (1. B. M. 31, 15) Haben wir doch nur die Bedeutung von Fremden bei ihm.
Wir halten es nicht für unmöglich, daß hier unter אפס die Negation des Daseins Gottes, der Atheismus und unter תהו der Polytheismus zu verstehen ist. Vgl. 1. Sam. 12,21: ולא תסורו כי אחרי התהו וגו' כי תהו המה und weiter 44,9: יצרי פסל כלם תהו. Ein großer Teil der Menschheit schwankt zwischen diesen beiden Wahnideen. Man negiert das Göttliche und verlacht in moralischem Nihilismus den Glauben an alles Höhere und Sittliche; oder man fühlt das Bedürfnis nach etwas Höherem, an das man sich halten, an dem man sich aufrichten könne, aber wähnt, dieses Höhere sich selbst suchen und schaffen zu müssen, und kommt zur Vergötterung der Naturkräfte, zur Abgötterei und Vielgötterei, zu all den heidnischen Irrungen, all den „unklaren“ Vorstellungen, zu welchen jedes Abweichen von der Verehrung des einen einzigen Gottes führt, wie dies in dem eben zitierten Vers im Buche Samuel gesagt ist. Die Einzigkeit des allmächtigen Gottes betont
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18. ואל מי וגו' ומה דמות וגו'. מי fragt nach der Person, מה nach dem Sachlichen. אל' ist der alleinige Schöpfer aller persönlichen Wesen, sie alle sind daher seine Geschöpfe, darum ist es ausgeschlossen, irgend eine Person mit ihm zu vergleichen. Er allein ist aber auch der Schöpfer alles Sachlichen, darum ist es widersinnig, irgend einer seiner Schöpfungen ein Attribut entlehnen zu wollen, um damit den Schöpfer zu bekleiden, geschähe es auch nur, um sich dadurch eine Vorstellung von ihm machen zu können, geschweige denn wenn man irgend ein Geschöpf in Gott-Wesenheit dem Schöpfer zur Seite stellen wollte, um es auch nur annähernd ihm ähnlich zu schätzen.
Die Konsequenzen dieser Wahnideen, wie sie in dem Heidentum als Götterkultus zutage treten, zeichnen mit feiner Ironie die folgenden Verse,
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 19. 20. welche die Herstellung von Götzenbildern schildern. פסל, verw. mit פצל abschälen, weist seiner Grundbedeutung nach auf Skulptur hin und dürfte daher zunächst ein aus Stein oder Holz gefertigtes Bild bedeuten. Die Verallgemeinerung des Begriffs sieht jedoch von der Art der Hervorbringung ab und bezeichnet damit eine jede plastische Darstellung, so hier ein durch Metallguß geformtes Bild.
ירקענו wie וירקעו את פחי הזהב (2. B. M. 39, 3), von רקע ausdehnen, dünnschlagen, hier: mit dünngeschlagenem Golde belegen. — רתקות Ketten, Schnüre, von רתק binden, רתקו בזקים (Nachum 3,10), לא ירתק חבל (Pred. 12, 6). — צרף: lautverw. mit שרף brennen, heißt durch Schmelzen läutern, davon übertragen: jede Bearbeitung erhitzter Metalle. Das erste צרף dürfte die Bezeichnung des Künstlers, das zweite בינוני פועל sein: er schmilzt an, oder lötet an.
המסכן תרומה, von סכן auf etwas große Achtsamkeit richten, davon מסכן der Karge und der zur Kargheit Genötigte: לא במסכנות תאכל בה לחם (5. B. M. 8, 9). Hier: Der Karge muß mit seiner „Hebe“, mit dem, was er für die Befriedigung seines „religiösen Bedürfnisses“ aufwenden darf — der sich seinen „Gott“ nicht aus Gold oder Silber machen kann, der wählt sich wenigstens dauerhaftes, festes Holz aus, damit sein „Gott“ nicht so leicht morsch und faul werde, und engagiert einen „weisen Künstler“, der alle Vorsichtsmaßregeln trifft, um ihn vor dem Umfallen zu bewahren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 21—24. Jesaia weist nun auf die Tatsache hin, daß dieselbe Allmacht Gottes, die die Welt erschuf und noch in ihren physischen Erscheinungen herrscht, auch in der Weltgeschichte walte und sie seinen Zielen zu leite. הלוא תדעו: Zu dieser Erkenntnis müßte euch schon das, was ihr selbst erlebtet, bringen, הלוא תשמעו und die Geschichte eurer Vergangenheit, die ihr von den Vorfahren hörtet. הלוא הגד מראש לכם: Die Wahrheit, daß der Schöpfer und Ordner der physischen Weltordnung auch die sittliche Weltordnung, die Menschengeschichte lenkt, die ist für euch nichts Neues, die lehrt euch bereits der die Weltgeschichte einleitende Satz der Thora (1. B. M. 2, 4, s. Komm.): אלה תולדות השמים והארץ בהבראם ביום עשות ד' אלקים ארץ ושמים. Derselbe Gott, der als אלקים Himmel und Erde geschaffen, er gestaltet als ד' ihre Entwicklung in jedem Augenblicke seinem Ziele entsprechend, und dieses Ziel ist die Menschenerziehung. ד' אלקים ist es, der die Geschichte leitet.
הלוא הבינותם מוסדות הארץ: Muß daraus nicht eure eigene — s. das oben Kap. 11, 2 über בינה Bemerkte — Einsicht die Konsequenz ziehen, daß die sittliche Ordnung der Menschheit die Grundlage ihrer Existenz bildet? Vgl. Sprüche der Väter 1. Abschn. 18. Mischnah: על שלשה דברים העולם קים על האמת ועל הדין ועל השלום Auf drei Dinge ist der Bestand der Welt gegründet, auf Wahrheit, auf Recht und auf Frieden.
הישב וגו' ist Subjektsatz, הנותן וגו' bringt das Prädikat: Derselbe, der das Weltall geschaffen und noch beherrscht, gibt noch heute wie in aller Zukunft Staatenlenker dem Nichts hin, ebenso wie er dies in der Vergangenheit עשה getan hat.
רוזנים, lautverw. mit רסן Zaum. שפט, lautverw. mit שפת etwas an seine Stelle setzen, שפט jemand den ihm zukommenden Platz anweisen. שפטי ארץ: Die gewaltigen Eroberer, die die Grenzen der Völker nach ihrem Gutdünken zu bestimmen unternahmen, wie Sanherib, s. oben Kap. 10, 13 das zu ואסיר גבולת עמים Bemerkte. Für das bessere Verständnis von V. 24 können wir nichts Geeigneteres tun, als die tiefsinnigen Worte zu zitieren, die Dr. Mendel Hirsch זצ"ל in seinen „Haftoroth“ S. 326 dazu bringt: „Diese Waltung ist aber nichts Neues, die ganze Geschichte schon, soweit Israel und die Menschheit damals zurückblicken konnten, hatte diese Wahrheit in eindringlichster Tatsächlichkeit gelehrt. Von den Gottesoffenbarungen an den Ägyptern bis zur Vernichtung des Assyrerheeres vor Jerusalems Mauern — stets dieselbe Gotteshand. Uns aber, die Spätgekommenen, die wir bereits auf zwei Jahrtausende mehr zurückblicken können, erfüllt es mit Schauern der Ehrfurcht, wenn wir diese Jahrtausende im Lichte dieses Prophetenwortes überschauen. Wo ist die Herrlichkeit der Pharaonen, wo die der weltbeherrschenden Ninive und Babylon und die Majestät der gewaltigen Perserkönige? Wo ist das mazedonische Weltreich, wo sind die Dynastien der über dessen Trümmern sich erhebenden Ptolemäer und Seleuciden, wo ist das größte aller Reiche, das römische Weltreich? Und ist es ein Zufall, daß gerade den Gründern der Weltreiche, den gewaltigsten Welteroberern es noch nie vergönnt war, eine Dynastie zu gründen, von Nebukadnezar und Alexander bis zu Cäsar und Napoleon? Lesen wir auf den Leichensteinen aller dieser Größen nicht in der Lapidarschrift der Geschichte die Worte des Propheten: „— auch waren sie nicht gepflanzt, auch nicht gesäet, auch nicht wurzelt in der Erde ihr Stumpf — auch wehte er gegen sie und sie verdorrten, und wie Spreu trug der Sturm sie hinweg — —“?“
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 25. ואל מי וגו' קדוש. Über קדוש s. das oben zu Kap. 6, 3 Bemerkte. Für diese kampflose Hingebung an das Reine und Gute will Gott euch und durch euch die Menschheit gewinnen; diesem Ziele zu lenkt er die Weltgeschichte, deren Gang ebenso in seiner Hand ruht wie die Gänge der Natur.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 26. שאו מרום וגו' blicket zum Himmel auf und schauet die Myriaden der Sternenwelt, sie alle sind צבא ein Heer, in dem jeder einzelne an seinen Posten gestellt Seinem Rufe gehorcht, von der von Ihm gesetzten Ordnung nicht abweicht, dem Ziele zustrebt, welches Er ihm bezeichnet hat. Auch im Reiche der Menschenwelt, die er mit Willensfreiheit begabte, kommt einst die Zeit, in der sich ein jeder nach freiem Entschlusse willig der Förderung des Sittlichen und Guten hingeben wird, und je größer das Maß der ihm gewordenen Fähigkeiten und Kräfte, um so freudiger und wirkungsreicher wird er sie in den Dienst Gottes stellen!
לכלם בשם יקרא. Jeder dieser Sterne ist von Gott mit besonderem Namen genannt, in ganz besonderer Eigenartigkeit gebildet, jedem sein besonderer Beruf geworden, wie dies ja durch קרא בשם ausgedrückt wird. Vgl. Komm. zu 2. B. M. 31, 2: קראתי בשם וגו'.
מרב אונים וגו'. Vielfach werden diese Worte auf Gott bezüglich aufgefaßt, als ob אונו oder כחו stände, von anderen מרב: trotz der Fülle, doch müßte dann u. E. ברב stehen, wie 2. B. M. 14, 18: ברכבו ובפרשיו oder oben 7, 4: בחרי אף. Unseres Erachtens nach dürfte es aufzufassen sein wie 5. B. M. 28, 47: תחת אשר לא עבדת וגו' מרב כל „aus Überfluß an allem“, der Überfluß an allem hätte euch erst recht zu freudigem Gottesdienste veranlassen müssen. Hier: Die Kraftfülle und die Wucht der Stärke, mit der sie der Schöpfer ausgestattet, ermöglicht es ihnen, alle Schwierigkeiten zu überwinden, um dem leisesten Wink Gottes Folge zu leisten. Auch euch hat Gott die Fähigkeit gegeben, eure Aufgabe zu vollbringen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 27. Dieser Aufblick zum Firmamente sollte jeden Kleinmut in dir verscheuchen, und dennoch kommen in deinem Galuthleben Zeiten, in welchen du mutlos zu werden beginnst und sprichst: נסתרה דרכי. „Jakob“ bezeichnet das jüdische Volk, wie bereits wiederholt ausgeführt, nach seinem Leidensgange im Exile; der Name „Jisrael“: Gott wird herrschen, bringt seine hohe Aufgabe und die Gewißheit, daß es diese lösen werde, zum Ausdruck, er besagt, daß die von Jisrael getragenen göttlichen Prinzipien des Rechts und der Humanität auf Erden zur Herrschaft gelangen werden. — דרכי: דרך ist die gewöhnliche Bezeichnung für den Lebenswandel, der sittliche Entwicklungsweg des Menschen: ושם דרך (Ps. 50, 23), לתת לאיש כדרכו (Jerem. 17, 10), היטיבו דרכיכם (Jerem. 26, 13), ויאכלו מפרי דרכם (Prov. 1, 31) u. sonst.
משפטי: das mir Gebührende, die mir dem Rechte nach zukommende Stellung, wie משפט הכהנים (5. B. M. 18, 3), משפט המלך (1. Sam. 8, 11), את משפט המלכה (1. Sam. 10, 25). — Psalm 9, 5 spricht Israel von der Förderung seiner einstigen berechtigten Stellung in der Welt mit den Worten: כי עשית משפטי.
Hier schaut der Prophet auf eine Periode des Exils hin, in der das jüdische Volk glaubt, „דרכי“ sein Wandel auf dem Boden des Gottesgesetzes verdiene bereits eine Bessergestaltung seines Jakobgeschickes und die durch Gott zu bewirkende Wiederaufrichtung seines zu Boden getretenen Rechts. Und darum klagt es, Gott habe sein Auge von ihm abgewandt, schaue nicht die Besserung seiner sittlichen Entwicklung, und deshalb verzagt es und verzweifelt an dem endlichen Siege seiner Jisraels-Aufgabe, die völlig zu lösen es doch nur in geachteter Völkerstellung imstande sein wird.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 28. Deine eigene Erfahrung, und was deine Vergangenheit zu dir spricht, sollte deinen Mut und deine Hoffnung nicht sinken lassen. Spricht nicht aus allem die Gewißheit, daß ד', der in seiner Liebe das Heil der Menschheit begründende Gott, אלקי עולם Gott der Ewigkeit ist, ihm alle Zeiten gehören! עולם heißt in תנ"ך nie Welt. Außer hier kommt der Gottesname in Verbindung mit עולם nur noch 1. B. M. 21, 33 als אל עולם vor. S. das. im Komm. auch die eingehende Forschung über den Grund, aus welchem unsere Weisen uns gewöhnt haben, im Gebete Gott als מלך העולם anzureden und den Begriff Welt durch עולם wiederzugeben. בורא, Präs., unaufhörlich, in jedem Augenblicke, auch eben, während du klagst, schafft er קצות הארץ an den „Enden“, d. i. den Endzielen der irdischen Entwicklung, arbeitet daran, die Verhältnisse auf Erden zu einem gedeihlichen, guten Ende zu führen. Ganz in diesem übertragenen Sinne heißt es Job 26, 14: הן אלה קצות דרכיו Siehe, dieses sind die Enden seiner (Gottes) Wege u. s. w., und ist dort die Schreibweise דרכו, um das Einheitliche der göttlichen Waltungswege zu kennzeichnen.
לא ייעף. Objektiv erleidet seine Wirksamkeit keine Einbuße an Kraft; ולא ייגע wie er selbst keine Mühe für das Schaffen seiner Werke aufzuwenden hat, also kennt er auch keine Ermüdung. ייגע bedeutet sowohl sich bemühen, als auch durch Bemühung ermüden.
אין חקר לתבונתו. Des Menschen Leben und seine Einsicht sind viel zu kurz, um Gottes Weltenplan, der Jahrtausende umfaßt, zu ergründen, törichtes Unterfangen wäre es, wollte der Sterbliche sich dem Wahn hingeben, er könne bestimmen, wann die Zeit für die Verwirklichung der göttlichen Waltungsziele gekommen sein müßte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 29—31. Von seiner Kraft spendet er dem, dessen Kräfte unzulänglich sind; ja die Arbeit im Dienste Gottes stählt und mehrt die Stärke des sich ihr Hingebenden. — Während jedes gegen seinen Plan Arbeiten sich als knabenhaftes Beginnen und unerfahrenes jugendliches Überstürzen — כשול יכשלו — erweist, יחליפו — (חלף) wechseln, ein Austausch des Schlechten gegen Besseres, 3. B. M. 27, 10 לא יחליפנו — tauschen die mit ihrem ganzen Wesen zu Gott Hinstrebenden für die in seinem Dienste verbrauchte Kraft immer wieder neue ein. Die Bedeutung von קוה, der Wurzel von קוי, ist im Kal: Hinströmen, Hinstreben nach etwas. Die Etym. siehe Komm. zu 1. B. M. 1, 9: יקוו המים. קוי ד' sind die, deren Natur, deren ganzes Wesen von selbst ganz zu Gott hinstrebt. Vgl. auch Ps. 37, 9: וקוי ד' המה יירשו ארץ. — יעלו אבר: Hifil, wie ויעלו את הצפרדעים בכל ארץ מצרים (2. B. M. 8, 3), ihnen wachsen, oder wörtlich: sie setzen Adlerflügel an, die sie über alles sie Anfeindende hoch emporheben. ירוצו sie kommen rascher dem Ziele näher und straucheln nicht, wie die sich Überstürzenden, obgleich ילכו sie scheinbar langsam gehen. Zu diesen קוי ד' zählest du, Jakob! Daß du zu ihnen gehörst, dafür zeugt deine eigene Erhaltung, deine Nochexistenz, und sie verbürgt dir deine Zukunft als „Israel“!