Jeschajahu 35 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 35. V. 1. 2. „Und seine Menschenerde sühnt sein Volk.“ Diese Worte fügten die eben angezogenen Verse des ספר ד' dem Satze bei, der die Heimsuchung der bis zuletzt in der Gottentfremdung verharrenden Völker verkündet. Damit ist gesagt, daß die endliche Huldigung der Gottesherrschaft auf Erden in der Besserbehandlung „seines Volkes“ zum Ausdruck gelangen werde, des Volkes, gegen das, gerade weil es als Gottes Herold für Recht, Sitte und Menschlichkeit an die Menschheit gesandt ist, so viel und so schwer gesündigt wurde. Der Antritt des Gottesreichs auf Erden geht Hand in Hand mit dem Aufhören der völkergeschichtlichen Mißhandlung Israels. (Vgl. auch weiter Kap. 66, 20.) Ganz so schließt hier Jesaia dem eben geschilderten Aufhören Edoms die Verheißung des Aufblühens Israels und des Beginns der Heileszeit für die Menschheit an.
Gerade wie im vorhergehenden Kapitel erst später als Objekt von Gottes Zorn Edom genannt wurde, so werden auch hier erst in den letzten Versen die aus dem Exil heimkehrenden Erlösten als diejenigen bezeichnet, die sich des Blühens und Gedeihens zu erfreuen haben.
ישושום u. E. wie ישושו להם. Das suffixum verbi ist zwar gewöhnlich Akkusativ, doch werden nicht gerade selten dadurch auch der Dativ und andere Verhältnisse bezeichnet. So Ps. 5, 5: לא יגרך רע für לך oder אתך; Ps. 35, 12: ישלמוני רעה für לי; 1. Samuel 24, 19: ישלמך טובה für לך; 5. B. M. 8, 16: להיטבך באחריתך für לך; Ps. 35, 8: תבואהו für תבוא עליו; Ps. 44, 18: כל זאת באתנו für באה עלינו; Josua 15, 19: נתתני für נתת לי u. s. f. Akkusativ kann es hier nicht sein, da שוש intransitiv ist. — חבצלת Lilie, nach anderen Narzisse. Die Verwandtschaft des Namens mit בצל Zwiebel weist auf ein Zwiebelgewächs hin. — גילת stat. constr. ohne Angabe des damit Verbundenen dehnt die Beziehung auf das weiteste aus, also bei allen gibt sich laute Freude kund. (גיל lautverw. mit קול.)
ישושום מדבר וציה: Ihnen, den aus der Diaspora Heimkehrenden, wird ihre tausendjährige Exilswanderung durch trostlose Wüstenei und Öde zu einem Quell des Frohsinns; ותגל ערבה und ihr Heimatland, das während ihrer langen Abwesenheit verkümmert wie eine Steppe dalag, bezeugt für alle sichtbar, seine Freude über die Wiederkehr seiner Kinder. — Vgl. weiter 55, 12: ההרים והגבעות יפצחו לפניכם רנה. — ותפרח כחבצלת durch das Blütengewand, in das es sich kleidet.
Sie wissen es, daß sie den lichtigen Paradieseszustand, der sie begrüßt, nur den erziehenden und bessernden Leiden des Galuth-Dunkels, das sie lange umfing, verdanken — und ebenso weiß es das Land, daß es ohne Israel nicht zu wirklicher Blüte kommt: Im dunkeln Schoß der Erde entwickelt sich der Keim der Blume, aber ihren leuchtenden Schmelz empfängt sie erst durch den Sonnenstrahl. פרח תפרח וגו'. Jetzt erst — und das erregt nicht den Neid, sondern die Mitfreude der übrigen Menschheit — erreicht das Land Israel die Paradieses-Herrlichkeit und Pracht, die ihm von Urbeginn an bestimmt war — die majestätische Größe des Libanon, den bis zu den Spitzen der Berge sich hinaufziehenden üppigen Pflanzenwuchs des Karmels und den Frucht- und Blütenreichtum der Saronebene. — הלבנון, הכרמל, השרון mit dem die Persönlichkeit bestimmenden ה.
המה יראו וגו': In der Neugestaltung ihres Geschickes und der herrlichen Entwicklung der Blüte ihrer Heimat erblicken sie die Gegenwart Gottes, die „Herrlichkeit“, die „Ehre“ Gottes. (Vgl. weiter 55, 13: והיה לד' לשם וגו'.) Nirgends erscheint der Eindruck dieser Gegenwart größer und überwältigender als in der Umwandlung trostloser, öder Zustände und Verhältnisse in paradiesische Auen und glückgesegnetes Dasein. Da fühlt sich der Mensch tief durchdrungen von der Überzeugung, daß nicht seine Macht, nicht sein Geist, nicht seine Kunst diese Umwandlung geschaffen, sondern einzig und allein der Wille Gottes, der nicht nur einst die Welt erschaffen, sondern auch heute noch ihr Schöpfer und Meister ist! (Vgl. die Bemerkung zu על כל כבוד חפה oben Kap. 4, 5.)
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. Zu solchem Eden-Heil führt der Leidensweg, den Israel während seines Galuth zu wandeln hat. Aber der Weg ist ein weiter und im Dunkel der Zeiten oft leicht zu verfehlen. Noch gefährlicher sind die sumpfentstiegenen Irrlichter, sie verlocken, sie führen den allzu ängstlichen Wanderer mit Vorliebe vom richtigen Wege ab. — Als Gott hinter dem ersten Menschenpaare die Pforten des Paradieses verschloß, bestellte er die Cherubim zu Wächtern, um für die Menschheit „den Weg zum Baume des Lebens zu wahren“. Auf daß dem Galuth-Volke der Weg zum Heile nicht verloren gehe, verlieh Gottes liebende Fürsorge einem jeden Geschlechte der Exileszeit Männer mit klarem Blick, hingebendem Herzen und zur Selbstaufopferung bereit, als Zeitenwächter und Wegweiser. (Vgl. weiter das zu Kap. 62, 6 Erläuterte.)
An diese, die Führer und Leiter ihrer Zeitgenossen, wendet sich der Prophet und spricht: חזקו festiget, kräftiget die, deren Hände sich als zu schwach zu erweisen drohen, um den besonderen Anforderungen zu genügen, welche eine jede Zeit an die Pflichttreue des Juden stellt. Zu keiner Zeit wird es dem Juden leicht gemacht, gewissenhaft die Gebote der Thora zu erfüllen, aber die Schwierigkeiten, welche sich ihm entgegenstellen, die wechseln je nach der erfinderischen Antipathie seiner Umgebung und deren oft wechselnden Gesetzgebung. „חזקו“ Belehret sie darüber, daß gerade Übung die Muskeln stählt, und der Wille Gottes ihnen die neue Schwierigkeit gesandt habe, um durch deren Überwindung ihre Hände für den Dienst seines heiligen Gesetzes noch mehr zu festigen, und daß Gott es auch sei, der sie bei dieser Übung unterstützt.
וברכים כשלות וגו': Und sehet ihr, daß dem einen oder anderen eurer Brüder der Weg zum Heile zu lange dünkt oder zu beschwerlich — ihr erkennet das an der Lässigkeit, mit der er der Pflicht folgt, an dem Wanken und Schwanken seiner Kniee, die ihn immer häufiger auf Abwege drängen — noch ist er vielleicht zu retten — versuchet es, vielleicht gelingt es eurem ermunternden Zuspruche, ihnen Ausdauer und Stärke zu verleihen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. נמהרי לב sind Menschen, deren gutes, warmes Herz sie zur Übereilung treibt, denen der Verstand oder, wie man zu sagen pflegt, „der Kopf mit dem Herzen durchgeht“. Der Verstand muß dem denkenden gesetzestreuen Juden sagen, daß, da das Abweichen vom Wege der göttlichen Pflichterfüllung uns ins Exil getrieben hat, nur die Rückkehr zu Ihm es zu enden vermag. Aber sein weiches jüdisches Herz, dieses kostbare Erbstück der Pflichtgerechtigkeit unserer Ahnen, fühlt tief die Leiden mit, denen seine Brüder ausgesetzt sind, selbst wenn er für seine Person verhältnismäßig geschützt gegen sie ist; sein Herz wähnt, es müsse kürzere und leichter zu begehende Wege zur Beendigung des Exils geben.
Zu ihnen saget: „חזקו“ (ohne Dagesch, also Kal) Seid fest, bleibet fest in der gewissenhaften Beobachtung der göttlichen Lehre (Berachoth 32b in betreff der an Josua ergangenen Aufforderung חֲזַק: חזק בתורה), das ist das einzige, was ihr zur Beendigung des Galuth tun könnet, אל תיראו fürchtet nicht die Unzulänglichkeit eures Tuns; הנה אלקיכם euer Gott ist da, sieht und prüft richtend euer Tun und das, was an euch gesündigt wird: נקם יבוא die Wiederaufrichtung eures zu Boden geworfenen und mit Füßen getretenen Volksdaseins wird kommen, גמול אלק' (wie oben Kap. 3, 11 גמול ידיו) zur Reife gebracht durch Gott, der auch die Taten der euch umgebenden Völker prüfend richtet — הוא יבוא nur wenn sie von Gott gezeitigt kommt, wird sie euch für immer Rettung und Heil gewähren — הוא bezieht sich u. E. nach auf נקם und גמול, doch könnte es auch auf אלקים Bezug nehmen.
In beiden Fällen dürfte hier der Gedanke zum Ausdruck gelangt sein, der auch unsere Weisen s. A., als sie in Jabne tagten, zur Einführung der vierten Beracha unseres Tischgebetes veranlaßte. Der von Barkochba geleitete Aufstand unter Hadrian hatte sich als unheilvolle Verirrung erwiesen. So lange die um Bethar Gefallenen zu Hunderttausenden unbeerdigt dalagen, waren sie eine ernste, erschütternde Mahnung an das jüdische Volk, nie wieder durch eigene Macht die Wiederherstellung der nationalen Selbständigkeit zu versuchen. Als die Erlaubnis zur Bestattung der Leichen endlich nach Jahren kam, ward sie von der niedergetretenen Nation als Beginn einer besseren Zeit begrüßt. Da galt es, dem jüdischen Volksbewußtsein für alle Zeiten diese Warnung gegenwärtig zu halten und es stets daran zu erinnern, daß es seine nationale Zukunft einzig und allein der göttlichen Waltung anheimzustellen habe. Das geschah, indem der dritten Beracha, der Bitte um den Wiederaufbau Jerusalems, eine vierte beigefügt wurde, die das Bekenntnis ausspricht, daß Gott allein es ist, wie das immer wieder betonte „הוא“ hervorhebt, dem wir alles Gute in Vergangenheit und Gegenwart verdanken, der „unser Erlöser und Hirte“ ist, von dem alles Gute, was wir für die Zukunft erhoffen, wie Entlastung, Rettung, Glück, Segen, Hilfe und Trost“, uns kommen kann und wird. Vgl. Komm. zu „Israels Gebete“, S. 709.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. אז וגו'. Dieses Eingreifen Gottes wird auch dem Teile der Menschheit das Dasein Gottes und seine Waltung zur überzeugenden Gewißheit beweisen, der bis dahin absichtlich seine Augen dieser Einsicht verschlossen hatte, und die göttlichen Anforderungen des Rechts und der Humanität werden nicht weiter taube Ohren finden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. פסח (oben 33, 23 פסחים die Hinkenden, hier פסח, mit Dagesch, der Lahme). Das in dem nächtlichen, so lange andauernden Ringen um seine Existenz erlahmte Jakobs-Volk gewinnt seine Elastizität, die Sprungkraft seiner Sehnen wieder; die mundtot gemachte Menschenfamilie, die keine Stimme hatte in dem Konzerte der Völker, sie jubelt laut ihrer Erlösung entgegen, denn schon reicht ihr die Völkerwüste, in der sie bisher schmachtete, nun selbst den labenden Trunk, und ihr zur Steppe gewordenes Heimatland — s. V. 1 — rüstet sich zu ihrem Empfange.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. 8. והיה השרב. שרב kommt nur hier und weiter Kap. 49, 10 vor. Die Lautverwandschaft mit שרף und סרף (Amos 6, 10) verbrennen einerseits und mit זרב (Job 6, 17 בעת יזרבו wenn sie — die festgefrorenen Bäche — durch Schmelzen flüssig sein sollten) fließen andererseits, läßt es als Bezeichnung eines Phänomens begreifen, welches sich in heißen Ländern, ganz besonders in der Wüste, nicht selten zeigt und im Arabischen mit dem Namen „Serab“ bezeichnet wird. Es besteht darin, daß bei intensiver Sonnenglut die untere, von dem aus dem Boden aufsteigenden Dünsten gebildete Luftschicht sich dem Auge des in gewisser Entfernung Wandernden in flimmernder und zitternder Bewegung darbietet und ihm auf das Täuschendste den Anblick einer im Winde sich kräuselnden, mehr oder minder großen Wasserfläche vorgaukelt. Der vor Durst verschmachtende Wanderer nimmt alle seine Kräfte zusammen, um den „See“ zu erreichen und sinkt, durch die Enttäuschung schwer getroffen, verzweifelt nieder, da die Wasserspiegelung bei der Annäherung verschwindet.
Dieses Phantasiegebilde des Wassers, heißt es hier, wird nun zur Verwirklichung, wird zu Erquickung und Leben spendendem Teiche, und das dürre Land zum Quellengrunde. — צמאון heißt sowohl Durst als davon übertragen die Dürre, das dürstende Land: ומצאי מים לצמאון (Ps. 107, 33).
Irren wir nicht, so dürfte uns in diesem Bilde etwas tief Bedeutsames gesagt sein. Der sterile Boden des Materialismus und des Atheismus produziert nichts, was die Menschheit für die Dauer befriedigen könnte, sie fühlt eine Leere in sich, die immer quälender wird — sie lechzt nach Erquickung, sehnt sich nach etwas Höherem, an dem sie sich erheben und erholen könne, wenn sie verschmachtend zu Boden sinkt. Diese „Sehnsucht nach etwas Höherem“ führt sie zur Schaffung dessen, was sie „Religion“ nennt. Aber diese ihre eigene Schöpfung erweist sich als Luftspiegelung. Man bedient sich freilich zu ihrer Erzeugung des aus der Höhe entlehnten Sonnenstrahls, aber — ihre Basis bilden der Erde entstammende Dünste. Naht sich ihr nach Erholung bedürftig der Erdenwaller, so zerrinnt sie in nichts!
Mit dem Anbruch der Heileszeit aber wird die Erfahrung der Weltgeschichte die Menschheit zu der klaren, reinen Gottesidee führen, und aus der alle Zeiten zum Trunk einladenden Wassersammlung (אגם von גמא schlürfen, mit vorgesetztem individualisierendem א), „seiner heiligen Lehre“, in der Gott selbst alle Bedingungen des Lebens und Gedeihens für die Menschheit gesammelt und offenbart hat, schöpft sie den frischen, erquickenden Trunk, nach dem sie so lange schmachtete. Und so eröffnet sich der verdurstenden Menschheit der Quell des Lebens und Gedeihens.
Mit dem veredelnden Trunke aus ihm schwindet die dem Rechte und der Menschlichkeit hohnsprechende Rohheit und Unmenschlichkeit, בנוה תנים רבצה, der gerade in der „Raubtierhöhle“ am wohlsten war, schwindet die Sittenlosigkeit חציר לקנה וגמא, die da am liebsten Hof hielt, wo Sumpfpflanzen gedeihen. — רבצה: so hat Raschi die Lesart, ohne מפיק im ה, und faßt das Wort als Substantivum auf. Die Wortbildung ist ja nicht ungewöhnlich: רצפה von רצף, רקמה von רקם, רשעה von רשע u. s. f., also רבצה von רבץ ruhig liegen, behagliche Lagerung oder Lagerstätte. Ohnehin dürfte es nicht wohl möglich sein, in diesem Verse ein Wort zu finden, auf welches ein Suff. fem. sich beziehen könnte.
מסלול wie מסלה (oben Kap. 11, 16) eine gebahnte zur Höhe führende Straße. דרך der Weg überhaupt, zunächst der Weg zur individuellen Sittlichkeit. והיה שם. Dort gerade, wo bisher unbändige Verrohung und sittliche Versumpfung geherrscht hatte, wird die erhebende Wirkung auch des ersten Schrittes auf der Bahn zum Heile am meisten in die Augen fallend hervortreten. Dort setzt der Höhenweg zu Gott ein und er beginnt mit der Hebung der individuellen Sittlichkeit. Nur so gelangt die Allmenschheit zu dem „Heiligtum“, welches wiedererstanden auf Zion auch ihrer wartet. Vgl. oben 2, 2 u. f.
לא יעברנו טמא: Ausgeschlossen von ihm ist nur der, der weiter in Unfreiheit sich von tierischen Instinkten beherrschen lassen will, in sittlicher Unreinheit verharren will. והוא למו. Gebahnt ist der Weg למו jenen, die (V. 5) bisher blind gewesen, für die der Eingriff Gottes in die Weltgeschichte operativ von Staar stechender Wirkung war, gebahnt denen, die nun gerne und für immer den Worten Gottes ihr bisher taubes Ohr leihen wollen.
הולך דרך (vgl. Komm. zu 4. B. M. 22, 22 כי הולך הוא). Wer mit festem Willen diesem Ziele zustrebt auf dem Wege, der wird es nicht verfehlen, selbst wenn er nicht mit scharfen Verstandeskräften begabt, gar zu den אוילים gehört, die von den Dingen und ihren Verhältnissen keine klare, richtige Vorstellung haben. אויל verw. mit אפל dunkel. Etym. auch Komm. zu 1. B. M. 17, 19.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. לא יהיה שם אריה. Wie Unlauterkeit und Sittenlosigkeit von diesem Wege ausgeschlossen ist, ebenso auch jene raubtierartige Gesinnung, mit welcher der Starke auf Kosten des Schwachen seine Existenz begründet; auch פריץ חיות (פרץ Bahn brechen, Schranken durchbrechen) die allerkeckste Wildheit, die bisher jeder göttlichen und menschlichen Ordnung spottend alle Schranken durchbrach, wenn es galt, ihren Willen durchzusetzen — auch sie wagt sich nicht mehr hervor. והלכו־גאולים. So schreiten unbehelligt dahin die Erlösten der Allmenschheit, deren sich Gott väterlich angenommen, um sie aus der „Gottesferne“ in seine Nähe zu bringen und sie aus den Fesseln der Sünde und der sinnlichen Leidenschaft zu befreien, die Erlösten, die fortan auch ihrer Gotteskindschaft stets eingedenk bleiben werden. גאולה bezeichnet hauptsächlich eine aus verwandtschaftlichen Motiven vollzogene Erlösung, wie ja גואל der Verwandte heißt.
Wir glauben nämlich unter והלכו גאולים hier die והלכו עמים רבים des bereits oben zitierten Kap. 2, 2 verstehen zu dürfen, die sich entschließen, „zum Hause des Gottes Jakobs“ emporzuwandeln, um durch Jakob mit den Anforderungen vertraut gemacht zu werden, die Gott an die Menschheit zur Lösung ihrer sittlichen Aufgabe gestellt hat, und aus Jakobs Händen die göttlichen sozialen Pflichtenlehren des Rechts und der Humanität zu empfangen, die bestimmt sind, das Fundament des Menschenheils und Völkerfriedens zu bilden.
Es ist das der Teil der Menschheit, von dem weiter Kap. 56, 8 Gott, מקבץ נדחי ישראל der an der Sammlung der Verstoßenen Israels arbeitende Gott, es verheißt: עוד אקבץ עליו לנקבציו „Ich werde noch hinzusammeln zu seinen Versammelten“. Erst im nächsten Verse ist von der Rückkehr der durch Gott zur Freiheit Erlösten Israels die Rede:
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. ופדויי ד' ישבון. Sie kehren nach Zion heim, um dort unentwegt auf dem Boden der heiligen Thora stehend, von ewiger Freude gekrönt zu leben. Ihren heimatlichen Boden (s. oben zu V. 1) finden sie mit allen Zeichen der Freude über ihre Wiederkehr geschmückt, und für sie gibt es fortan keinen Kummer über die trüben Zeiten der Vergangenheit — diese sind es ja gerade, die ihnen die herrlichste Gegenwart erblühen ließen — noch erpressen ihnen ungestillte Wünsche für die Zukunft Seufzer. Kehren sie doch als פדויי ד' heim! פדה ist überwiegend das Freimachen eines Objekts aus einer dasselbe mit einiger Berechtigung umfassenden Macht und zwar so, daß dadurch dem Befreier ein Anrecht an den Befreiten erwächst. So die gesetzlichen Auslösungen von Heiligtümern, so das Freimachen vom Tode und von physischen Leiden, denen der Mensch naturgemäß erliegt, so Israels Erlösung aus Ägypten und endlich hier aus dem Galuth.
Gott hatte, indem er sein Volk, um es zu erziehen, in die Wüste der Völker hinauswies, diesen bis zu einem gewissen Grade scheinbar ein Recht über es eingeräumt. Jetzt, da mit der Besserung und geistig-sittlichen Veredlung seines Volkes der Zweck seines Leidensgeschickes erfüllt ist, löst Gott es aus dieser scheinbaren Hörigkeit aus, daß kein anderer fortan Macht über es habe — und das Lösegeld besteht in der sittlichen Hebung und Belehrung, welche den Völkern durch es geworden und wird. Mit dieser Einlösung und Erlösung gehört Israel wieder ausschließlich Gott an, und seinem Willen, seinem Gesetze beugt es sich fortan für alle Zeiten in unerschütterlicher Treue. Vgl. Komm. zu Ps. 31, 6. 44, 27. 26, 11.
ששון ושמחה nehmen wir als Akkusativ. ונסו: das vorgesetzte Waw ist u. E. ein kopulatives, kein konversives; in dem gleichlautenden Kap. 51, 11 steht wirklich nur נסו.