Jeschajahu 36 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 36. V. 1. Zu wiederholten Malen hatte Jesaia das Leid, welches Gott über Juda durch die assyrische Königsmacht zu seiner Erziehung und Besserung senden würde, zu verkünden. Bereits Achas gegenüber hatte er Kap. 7, 20 diese Invasionen Aschurs vorauszusagen, die in den Tagen seines Sohnes dessen Reich treffen würden, und auch die letzte, die mit Aschurs „Flügelsturz“ (Kap. 8, 8) angesichts des Tempelbergs endende. Dieser letzte Zug samt dem sträflichen Übermut und der Überhebung, die ihn leiten, bildet unter genauer Angabe des Weges, den er nehmen werde, und des plötzlichen Endes, das ihm durch das Eingreifen Gottes bevorsteht, den Inhalt fast des ganzen zehnten Kapitels. Auf Aschurs Fall blickt auch Kap. 30, 27—33 hin, und Kap. 31, 8 und 9 hatte die Vernichtung seines Heeres als nicht durch „Menschenschwert“ erfolgend zu prophezeien.
Nun war das so viele Jahre voraus Geschaute Tatsache geworden. Es wäre unnatürlich, wenn Jesaia der Art und Weise, wie diese Tatsache sich vollzog, in seinen Aufzeichnungen nicht gedacht hätte, um so mehr, als er mit der wunderbaren Errettung Judas zugleich die Heilung Chiskijahus mit ihren auf die Allmacht Gottes hinweisenden „Zeichen“ zu berichten und die herrliche Denkschrift Chiskijahus für ewige Zeiten der Vergessenheit zu entreißen hatte. Ebenso hatte er daran den Bericht über die Botschaft des Königs von Babel an den König von Juda anzuknüpfen, die Veranlassung zur Ankündigung des von Gott beschlossenen babylonischen Exils wurde.
Wir irren wohl nicht, wenn wir darin auch die Ursache erblicken, die חזקיה וסיעתו וגו' (Baba bathra 15a) Chiskijahu und die ihn bei diesem Werke unterstützenden und es nach seinem Tode vollendenden Gelehrten — Raschi das. —, die Ordner des Buches Jesaia, veranlaßte, diese vier Kapitel 36 bis 39 gerade hier einzureihen, da mit dem Kap. 40 die trostbringenden Verheißungen auch für die Befreiung aus dem babylonischen Galuth beginnen, an welche sich diejenige für die endliche dauernde Erlösung aus dem Galuth der Völker anschließt, von der sich auch schon in den vorhergehenden Offenbarungen Schilderungen vorfinden.
Das hier Berichtete finden wir auch im 2. Buche der Könige 18, 13 bis Kap. 20, 19 erzählt unter näherer Angabe des der Sendung Rabschakes Vorangehenden, aber ohne die Denkschrift Chiskijahus. Einzelnes ist dort etwas ausführlicher, anderes dagegen mit kleinen Kürzungen mitgeteilt.
Nicht unwichtig ist es, sich daran zu erinnern, daß der Verfasser des Buches der Könige, wie es uns vorliegt, Jirmijahu ist, (ירמיה כתב ספרו וספר מלכים Baba bathra 15a), der also das Buch Jeschajahu vor sich hatte. Das Buch der Könige ist aber allem Anschein nach eine kompendiöse Geschichte der Ereignisse, die sich in Juda und Israel vollzogen und in dem ספר דברי הימים למלכי ישראל und in dem ספר דברי הימים למלכי יהודה ausführlicher verzeichnet standen. Auf diese Werke, die sich nicht unter unseren heiligen Schriften vorfinden, wird immer wieder im Buche der Könige verwiesen. Möglicherweise bildeten sie auch nur ein Werk, wie aus dem nachstehend zitierten Verse 2. Chron. 32, 32 sowie 25, 26 על ספר מלכי יהודה וישראל und 16, 11 על ספר המלכים ליהודה וישראל, 27, 7. 35, 27. 36, 8 על ספר מלכי ישראל ויהודה hervorzugehen scheint, und dieses eine Werk wäre unter diesen verschiedenen Titeln zitiert, je nachdem von den historischen Begebenheiten des einen oder des anderen Reiches und der Geschichte seiner Könige die Rede ist. — Dies sei nur nebenbei bemerkt, eine eingehendere Untersuchung über diese Möglichkeit wäre hier nicht am Platze.
Außerdem begegnen wir demselben Berichte in 2. Chron. Kap. 32 mit starken Kürzungen und nur einiges zum besseren Verständnis beifügend, so die Schilderung des Eindruckes, welchen die wunderbare Rettung Judas und seines Königs auf die umgebenden Völker machte. Auch dort wird auf das Buch Jesaia, dessen historischer Bericht in dem ספר מלכי יהודה וישראל Aufnahme gefunden habe, im V. 32 verwiesen: ויתר דברי יחזקיהו וחסדיו הנם כתובים בחזון ישעיהו בן אמוץ הנביא על ספר מלכי יהודה וישראל.
Wie oben bereits gesagt, ist es nicht unwichtig, sich zu vergegenwärtigen, daß die Erzählung im Buche der Könige erst von Jirmijahu niedergeschrieben, also späteren Datums ist als die uns vorliegende von Jesaia, denn eine den göttlichen Ursprung der Prophetie negierende Bibelerklärung behauptet das Gegenteil, um nicht zugestehen zu müssen, daß Jesaia das babylonische Exil im voraus geweissagt hat. Diese irrige Behauptung weist schon Luzzato zurück.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. וישלח מלך אשור. Im Buche der Könige wird noch mitgeteilt, daß, nachdem Sanherib gegen Judas feste Städte siegreich vorgegangen war und nun Lachisch belagerte, Chiskijahu ihm seine Unterwerfung melden ließ und sich erbot, den Tribut zu leisten, den er ihm auflegen werde. Der assyrische König verlangte dreihundert Talente Silber und dreißig Talente Gold. Chiskijahu gab alles hin, was er an Gold und Silber hatte. Nach 2. Chron. 32, 2 scheint Sanherib, wenn er es auch nicht direkt aussprach, dennoch weitere Vorkehrungen zu einem Zuge wider Jerusalem getroffen zu haben: ופניו למלחמה על ירושלם seine Front war zum Kriege gegen Jerusalem gerichtet. Darauf traf Chiskijahu, wie in den folgenden Versen berichtet wird, entsprechende Verteidigungsmaßregeln, wie das Verstopfen der Wasserquellen und die Instandsetzung der Mauer u. s. w. Das scheint Sanherib als Vorwand für einen neuen Beutezug gedient zu haben, den er durch die Sendung des Rawschakeh einzuleiten gedachte. Im Buche der Könige werden außer diesem noch Tartan und Raw-Saris als Botschafter genannt, wahrscheinlich war Rawschakeh der Vornehmste, jedenfalls der Sprecher. Im Buche der Chronik steht „עבדיו“, seine Diener, ohne Nennung der Namen.
Jesaia, der es nicht als seine Aufgabe betrachtete, eine Chronik zu verfassen, konnte derartige Einzelheiten füglich fortlassen. Den Zweck, welchen er mit seinem Berichte im Auge hatte, haben wir bereits oben erläutert. Wir brauchen daher auf die Verschiedenheiten der Abfassungen, die wir weiter antreffen, nicht näher einzugehen.
ויעמד בתעלת הברכה העליונה וגו'. Es ist dies die gleiche Örtlichkeit, an welcher Jesaia seiner Zeit Achas anzureden und ihm zum Schlusse seiner Offenbarung auch den Kriegszug Aschurs über Juda zu verkünden hatte. Wie wir dort bemerkten, war diese Örtlichkeit von höchster strategischer Wichtigkeit, ganz besonders aber jetzt, nachdem Chiskijahu die Quellen verstopft hatte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. ושבנא הסופר. Oben zu Kap. 22, 15 haben wir bereits bemerkt, daß der dort so schwer getadelte שבנא nicht mit dem hier erwähnten identisch sein kann und dies eingehend motiviert. Siehe daselbst.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. מה הבטחון. Worauf beruhte deine Zuversicht, als du dich anschicktest, mir Widerstand zu leisten und, 2. Chron. 32, 3—8, bei den Vorbereitungen zum Kampfe den Mut deines Volkes durch den Hinweis auf Gottes Hilfe zu entflammen suchtest.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. 6. אמרתי וגו'. Ich dachte mir gleich, der Hinweis auf Gottes Beistand sei nur eine Phrase — denn du bist zu klug, um nicht einzusehen, daß es zum Kriege eines Planes und einer starken Macht bedarf — in Wirklichkeit war es Ägypten, auf dessen mächtige Hilfe du rechnetest, aber du hast dich verrechnet. Vgl. oben Kap. 30, 1—7. 31, 1—3.
In dieser Auffassung werden wir durch eine kleine Variante im Buche der Könige bestärkt. Dort heißt es statt אָמַרְתִּי: אָמַרְתָּ und statt הנה בָטַחְתָּ: עתה הנה בטחת לְךָ. Damit wird unsere Stelle hier näher erklärt: אָמַרְתָּ Was du sagtest, war nur Lippenwort, nur fürs Volk bestimmt u. s. w., aber für dich vertrautest du auf Ägypten, deine eigene Zuversicht stützte sich auf Ägypten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. וכי תאמר אלי וגו'. Buch der Könige: תאמרון an das Volk. Wenn du nun, da es mit der Aussicht auf Ägyptens Beistand nichts ist, auch mir gegenüber euren Gott als euren Bundesgenossen hinstellen möchtest, so will ich dich eines Besseren belehren. Seinen Beistand habet ihr verwirkt durch den Frevel, den ihr an seinen Altären beginget. Den heidnischen Anschauungen Sanheribs und seines Gesandten war Gott eben auch nur ein Nationalgott der Juden, wie die Götter von Chamas, Arpad und Sefarwajim (V. 19), und zwar der ärmste mit seinem bilderarmen Kultus. Und einem in seinen Ansprüchen so bescheidenen Gott gönnt ihr nicht einmal die Befriedigung dieser, habet ihn vielmehr um seinen Opferdienst auf den „Anhöhen“ gebracht und seinen Huldigungskultus auf den einen einzigen vereinsamten Altar in Jerusalem beschränkt. Das ist eine Gottlosigkeit, die er euch nie und nimmer verzeihen kann!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8—10. התערב Hispael von ערב in der Bedeutung: sich mit jemand in Beziehungen einlassen, wie Prov. 24, 21: עם שונים אל תתערב Mit Änderungssüchtigen lasse dich nicht ein, paktiere nicht mit ihnen. — Durch das Verbot לא ירבה לו סוסים (5. B. M. 17, 16) hatte Juda sicherlich nicht viele des Reitens kundige Männer, die es in den Krieg hätte senden können.
ותבטח לך: wie oben V. 5 bemerkt. ועתה המבלעדי ד'. Ich bin ja gerade der Rächer des Frevels, den ihr gegen euren Nationalgott durch Einreißen seiner Altäre begangen habet, und komme daher als sein Mandatar.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11—15. Zu Kap. 29, 15 und in der Einleitung zu Kap. 30 erläuterten wir, daß sich in Jerusalem eine Partei befand, die zu der Verheißung Gottes, Er werde sie im letzten Momente vor Aschurs Angriffen schützen, kein Vertrauen hatte, dagegen von einem durch ihre diplomatische Klugheit von Ägypten zu erlangenden Schutzbündnis alles erhoffte. Diese Partei war natürlich nicht damit einverstanden, daß Chiskijahu durch die Schutzvorkehrungen, die er traf, Sanherib einen Vorwand zum Angriff lieferte, ehe man der ägyptischen Hilfsaktion versichert war.
Aus der Bitte Eljakims und seiner Genossen, Aramäisch zu reden, ersah Rawschakeh, daß Chiskijahus Vorgehen nicht den ungeteilten Beifall seines ganzen Volkes gefunden hatte. Dies gerade veranlaßte ihn zu dem Versuche, sich direkt an das Volk zu wenden und es zum Ungehorsam und Verrat gegen seinen König zu bestimmen, indem er ihm für diesen Fall sofortige Schonung, sorgenfreies Leben und eine gesicherte Zukunft, wenn auch auf anderem Boden, verhieß.
Diesen Versuch unternahm er mit großer Frechheit und unter Verhöhnung der göttlichen Allmacht, nachdem er schon in seiner Antwort an Eljakim, den Sprecher unter den Würdenträgern Chiskijahus, sich solch obszöner Ausdrücke bedient hatte, daß die Väter unserer Nation für das Lesen dieser Stelle Euphemismen anzuordnen sich veranlaßt fühlten.
Durch das Wort עמכם „mit euch“, das sich auf אדוניך ואליך bezieht, stellte er ausdrücklich auch Chiskijahu und seinen Würdenträgern das gleiche schmähliche Prognostikon für die Fortdauer des Widerstandes gegen seinen Herrn wie dem übrigen Volke.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 16. עשו אתי ברכה. Den Ausdruck ברכה finden wir als Huldigungsgruß ויברך יעקב את פרעה (1. B. M. 47, 7, 10) und als segnende Anerkennung 1. B. M. 32, 27 — Nach Jonathanischer Übersetzung ist hier ברכה mit שלום identisch „machet mit mir Frieden“. Doch ist bei der ersten Auffassung das עשו nicht leicht zu erklären und außerdem müßte es dann wohl לי heißen, und bei letzterer wäre eher עמי nach analogen Stellen, in denen von Friedenszuständen und Friedensschlüssen die Rede ist, zu erwarten gewesen. Wir ziehen daher vor, ברכה in der gewöhnlichen Bedeutung von Segen aufzufassen: Schaffet, bereitet, erwirket bei mir, durch eure Unterwerfung, für euch Segen. Leistet ihr mir Widerstand, so bereitet ihr euch Unsegen; kommet mir entgegen, so macht ihr euer Glück. עשה ist dann ebenfalls in seiner üblichen Bedeutung, wie ועשה חיל באפרתה (Ruth 4, 11) u. s.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17. עד בואי וגו'. Bis ich von meinem Zuge gegen Ägypten zurückkehre, dann nehme ich euch mit, und aus meiner Hand empfanget ihr ein ebenso gutes Land wie das eure, denn ihr würdet dessen ja, wenn ihr in Feindschaft gegen mich verharret, ohnehin verlustig gehen und dabei noch euer Leben einbüßen, wie B. d. Kön. erklärend hinzugefügt wird. Die Versetzung besiegter Völkerschaften auf anderen Grund und Boden war eine bei den Eroberern im Altertume beliebte Maßregel, um deren ganzes Volksdasein hierdurch als eine Schöpfung des Siegers zu dokumentieren und sie auch gleichzeitig von allen Beziehungen mit ihrer früheren Nachbarschaft loszulösen, damit ihnen nie der Gedanke komme, mittelst deren Hilfe die Freiheit wieder erlangen zu können.
Mit dem scheinbaren Pleonasmus ארץ דגן ותירוש ארץ לחם וכרמים dürfte Rawschakeh das Verführerische seines Anerbietens für sie noch verstärkt haben: Zehret nur unbesorgt alles, was euch hier gewachsen ist, auf, ich sorge dafür, daß ihr in dem neuen Heimatlande die Scheunen gefüllt mit Getreide und die Keltern voll des Mostes vorfindet, ihr machet euch dann an die Bestellung des ganz besonders ergiebigen Acker- und Weinlandes und seid, bis die neue Ernte und Lese beginnt, vollauf versorgt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18—22. Keiner der Nationalgötter der Völker hat sein eigenes Land vor Aschur retten können, so nicht die Götter von Chamath, Arpad und Sepharwajim. Diese Götter der Nachbarschaft eures Bruderreichs Schomron wurden auch von diesem als Nationalgötter adoptiert, nachdem es von eurem Gotte abgefallen war, aber sie vermochten auch nicht es zu retten. חמת und ארפד Städte in Aram, ספרוים in Mesopotamien.
ויבא וגו' קרועי בגדים. Mit zerrissenen Kleidern kamen sie zu Chiskijahu. Sie zerrissen ihre Kleider als Zeichen der Trauer und des Schmerzes über die Verhöhnung Gottes und die völlige Gleichstellung Gottes mit den von Menschenhand angefertigten Völkergottheiten (2. Chron. 32, 19). Doch scheinen sie dieses, erst nachdem sie aus der Sehweite Rawschakehs gekommen waren, getan zu haben, um in ihm nicht den Glauben zu erwecken, daß es ihm gelungen sei, ihr und des Volkes Gottvertrauen zu erschüttern und sie nun in hoffnungsloser Verzweiflung ihre Gewänder zerreißen.
Zu ויחרישו וגו' כי מצות וגו' ist noch zu bemerken, daß dieses ein Beweis für die alle Eventualitäten voraus berechnende Klugheit Chiskijahus ist, denn auf eine Ansprache Rawschakehs an das Volk konnte er doch eigentlich nicht gefaßt sein, und doch hatte er selbst für einen solchen Fall Befehl erteilt. Andererseits geht daraus hervor, daß doch die Masse des Volkes sich nicht durch die Machinationen der oben erwähnten Partei in ihrem Vertrauen auf Gott und ihrem Gehorsam gegen ihren König erschüttern ließ.