Jeschajahu 33 ישעיהו

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Haftarot in diesem Kapitel: Jitro · Wajera
1
ה֣וֹי שׁוֹדֵ֗ד וְאַתָּה֙ לֹ֣א שָׁד֔וּד וּבוֹגֵ֖ד וְלֹא־בָ֣גְדוּ ב֑וֹ כַּהֲתִֽמְךָ֤ שׁוֹדֵד֙ תּוּשַּׁ֔ד כַּנְּלֹתְךָ֥ לִבְגֹּ֖ד יִבְגְּדוּ־בָֽךְ׃ {ס}
BernfeldO du Zerstörer, der noch nicht zerstört ist, Räuber, den man noch nicht beraubt! Wenn du mit deinem Werk fertig bist, Zerstörer, wirst du zerstört, wenn du den Gipfel erstiegen im Rauben, beraubt man dich.
ZunzWehe dir, Zerstörer, selbst unzerstört, Räuber, den man noch nicht beraubt. Wenn du das Ziel erreicht, Zerstörer, wirst du zerstört, wenn du den Gipfel erstiegen mit Rauben, beraubt man dich.
J. J. HirschWehe dir, Verwüster, der du doch nicht verwüstet wurdest, Treubrecher, dir brachen sie doch nicht die Treue! Wenn du die Verwüstung beendet hast, wirst du verwüstet werden, wenn du am Ziele bist mit dem Treubruche, werden sie dir die Treue brechen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 33. Den trüben Gang ins babylonische Exil hatte soeben das vorausschauende Auge des Propheten Judas Volk antreten sehen, und er hatte ihm trostbringend sein אשריכם zugerufen: Euer ist doch der Fortschritt zum Heile, ihr gottgetreuen Wenigen; den Boden eurer Tätigkeit freilich wechselt ihr, aber nicht die Aufgabe, die euch geworden. Sie wird von euch gelöst, wenn auch Jahrhunderte und Jahrtausende der Verbannung bis zu ihrer völligen Lösung über eure Häupter ziehen werden. Denn Jesaias Blick schaut über die partielle Rückkehr des jüdischen Volkes zur vorübergehenden Herstellung seines Reiches hinaus, die ja nur eine Vorbereitung für die lange, lange Galuthwanderung sein sollte, und sieht, wie alle die Mächte, durch deren Härte Israel so schwer zu leiden hat, obgleich es nichts gegen sie verbrochen hatte, den strafenden Arm der göttlichen Gerechtigkeit zu fühlen haben werden, von Babylons großmächtigem Staate an bis zur dereinstigen, am Ende aller Galuthzeiten erfolgenden Rückkehr Israels zu seiner Urheimat. Alle, alle trifft sie die Vergeltung — aber nicht durch Israel selbst, es duldet still und gottergeben, sondern einen durch den anderen. (V. 1—5.)

Gerade dadurch lichtet sich von Zeit zu Zeit das bange Dunkel der langen Galuthnacht, und Israel kann wieder etwas aufatmen und neue Hoffnung schöpfen. Diese geschichtlichen Erfahrungen festigen seine innerste Überzeugung, daß Gottes alle Phasen der Weltgeschichte sind, und dieses Vertrauen liegt in der Gottesfurcht, welche Israel auf allen seinen Gängen durch die Zeiten sich gerettet hat. (V. 6.)

Dieses Gottvertrauen bewahrt sich das jüdische Volk auch dann, wenn nicht nur rings um es die Nacht wieder schwärzer geworden, sondern auch die Zustände der Gesamtmenschheit trostlos erscheinen und jede Hoffnung auf den endlichen Beginn einer glücklicheren Zeit auf Erden ausgeschlossen ist. Israel verzweifelt nicht, selbst wenn der Genius der Weltgeschichte, wenn die „Engel des Friedens“ verzweifelnd ihr Angesicht verhüllen, weil sie Gottes Waltung in den auf Erden herrschenden Zuständen nicht zu schauen vermögen. (V. 7.)

Der Prophet forscht nach den Ursachen solches Verfalles und erkennt, daß der Mangel des sittlichen Moments, trotz aller Bemühungen um die Hebung des Verkehrs und die Ausbeutung der Schätze und Kräfte der Natur, ihn verschuldet. An diesem Mangel scheitert das Glückesstreben der Völker. Der sich immer wiederholende Schiffbruch ihrer Hoffnungen wird aber endlich den Blick der Menschheit zu Gott wenden. (V. 8—12.)

Bis dahin hat Israel geduldig auszuharren, und während zu den „Gottfernen“ erst durch den Donner der großen geschichtlichen Katastrophen der Begriff von Gott getragen wird, hat es sich seine „Gottesnähe“ zu wahren, um in ihr und durch sie die ganze Tragweite der Entfaltung der Gottesallmacht zu begreifen. Und fallen auch viele der Seinen von der Gottestreue ab, zerreißen sogar, an der Zukunft verzweifelnd, völlig das Band mit einer Gemeinschaft, deren Bestimmung und Geschick auch ihnen in der Gegenwart manches Opfer auferlegt, — das darf Israel nicht beirren, seine Zukunft bleibt gesichert. (V. 13—16.)

Jedoch von dieser Zukunft, ruft der Prophet dem sehnsüchtig ihr entgegenblickenden Israel der Diaspora zu, darfst du dir keine falsche Vorstellung machen. Den jüdischen König in machtstrahlendem Glanze möchtest du sehen als Beherrscher des urheimatlichen Bodens deiner Nation — und der liegt dir doch so fern, und vergebens späht ängstlich dein Auge nach den Vorbedingungen zur Wiederherstellung eines jüdischen Staates. Denn du wähnest, der jüdische Zukunftsstaat, dem doch ewige Dauer verheißen, müsse noch besser ausgerüstet sein mit allen Attributen, die du bisher als Staaten bildend und Staaten erhaltend preisen hörtest. Auf wissenschaftlich präzis und eingehend ausgebildeter Statistik sei ein wahrhaft ergiebiges Finanzwesen zu gründen, damit ununterbrochen und in reichem Maße die Quellen für die Erhaltung und stete Vergrößerung der militärischen Rüstungen fließen. Denn diese seien es, die, unterstützt durch möglichst fein ausgeklügelte und diplomatisch geheim geführte Politik, dem Staate dauerhaften Bestand garantieren. (V. 17—19.)

Nicht also erbaue sich deine Phantasie den jüdischen Staat der Zukunft. Als „Zion“ schaue ihn, die „Burg unserer Bestimmung“, die göttlich gegebenen, für alle Ewigkeit unantastbaren Gesetze unserer Bestimmung mit Schutz umgebend, die Verwirklichung dieses Gesetzes als Staat sichernd, auf ein heiter, froh und glücklich lebendes Volk blickend — das ist das Zion der Zukunft.

Seine Dauer ist eine ewige, und nicht himmelanstrebender Quadersteinmauern bedarf es zu seinem Schutze — ein Zeltbau ist es, der seinen Halt sucht und findet in den unzerreißbaren Banden, die ihn mit den Satzungen verknüpfen, welche Gott als Pfosten des Glücks der Menschheit in den Grund seiner Erde gesetzt hat. Die Staaten der Weltgeschichte kommen nicht zur Ruhe, weil sie „Zelte“ sind, die ihre Pflöcke selbst gesetzt, und sobald sie sich von deren Haltlosigkeit überzeugt haben, immer wieder ausreißen und durch andere ersetzen.

So nicht Zions-Staat, dort herrscht Gottes Majestät! Nicht in Handelsgröße noch in Kriegsmacht sucht der jüdische Staat seinen Stolz und seine Sicherheit, obgleich auch die natürliche Lage solches Streben begünstigen würde, in Gott findet er seinen Stolz und seine Sicherheit. So gelangt das „hinkende“ Jakobsvolk früher zum Ziele als die übrigen Völker. Es freut sich bereits der geistig-sittlichen Errungenschaft, die es aus der langen Galuth-Wanderschaft mit heimbrachte, wenn die übrige Menschheit noch nicht einmal mit der Auftakelung des Glücksschiffes fertig werden konnte, das sie in den Hafen der Ruhe und Sicherheit tragen soll.

Fühlt dann infolge der vielen Enttäuschungen die Brudermenschheit sich unsäglich elend und fürchtet dem Siechtum verfallen zu sein, so ruft ihr der Prophet tröstend zu: Auch euer wartet Gesundung und Heil; seht, auch das Volk, welches dort jetzt so glücklich wohnet, blickt auf eine ganze verirrungsreiche Vergangenheit zurück — seine Gegenwart und seine Zukunft sind getragen von Sündenvergebung!

V. 1. Nicht Habsucht, nicht Eroberungssucht allein ist das Motiv, welches so viele zu feindlichem Vorgehen gegen das jüdische Volk antreibt. Die Lust, den Schwachen die eigene Stärke fühlen zu lassen, die Freude am Bösen, die Zerstörungswut, die Wollust an den Schmerzenszuckungen der Geschlagenen und am liebsten solcher, die wie Israel ihnen nie ein Leid zugefügt hatten, das sind die Leidenschaften, die Jesaia so viel Elend und Jammer über Israel bringen sieht. Er sieht diese Leidenschaften nicht allein in einem Nebukadnezar entfesselt, nicht nur in einem Antiochus Epiphanes bis zur Raserei wüten, sondern auch in all den großen oder mindergroßen Staatsgewalten wie Einzelgrößen der Weltgeschichte während Israels trauriger Galuthzeit.

Nicht immer war es offene Gewalt des שודד, auch geheuchelt freundliches Entgegenkommen des בוגד, der, was ihm an Macht abgeht, durch Hinterlist und Tücke ersetzt, war es, was uns gar viele und gar bittere Schmerzen bereitet hat. Alle diese Verbrechen sieht der Prophet ihre Vergeltung in der Weltgeschichte finden, oft gerade in dem Augenblicke, in welchem der Verbrecher deren Früchte einzuernten sich anschickt. — כהתימך ist Hifil von תמם wie והתמתי טמאתך (Jecheskl. 22, 15), nur statt des Dagesch im ם ein י, es bezeichnet einfach beendigen, aufhören lassen; in כנלתך von נלה, einer Wurzel, die wir nur noch in ולא יטה לארץ מנלם (Job 15, 29) finden, liegt zugleich die erfolgreiche Beendigung, das zum Ziele gelangt sein.

2
יְהֹוָ֥ה חׇנֵּ֖נוּ לְךָ֣ קִוִּ֑ינוּ הֱיֵ֤ה זְרֹעָם֙ לַבְּקָרִ֔ים אַף־יְשׁוּעָתֵ֖נוּ בְּעֵ֥ת צָרָֽה׃
BernfeldHerr, sei uns gnädig! dein harren wir; sei unser Beistand jeglichen Morgen und unsere Hilfe zur Zeit der Not.
ZunzEwiger, sei uns gnädig! dein harren wir! Sei ihr Beistand jeglichen Morgen, und unsere Hülfe zur Zeit der Noth.
J. J. HirschO Gott, schenke uns Gnade, Deiner harren wir, sei nur deren Arm für jeden Tagesanbruch, so ist auch unsere Hilfe da in der Zeit der Not!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. Nicht allein der Prophet schaut diese Vergeltung, auch Israels nach Hilfe ausblickendem Auge entgeht diese Wahrnehmung nicht. — זרעם nimmt Bezug auf das Subjekt von יבגדו בך. — In dem Arm der Mächte, die gegen Israels Glückszerstörer und Quäler in ähnlicher Weise vorgehen, wie diese gegen es selbst, erkennt es die strafende Gerechtigkeit Gottes waltend, die gleichzeitig Israels Geschick Erleichterung bringt. Diese Erleichterung ist den betreffenden Mächten selbst unbewußt und sie lag durchaus nicht in ihrer Absicht, sie verfolgen nur ihre eigenen Ziele, sie lassen sich nur von ihren eigenen Interessen leiten. Und ist es auch nicht gleich die dauernde Rettung, was ihnen זרעם bringt, so mildert er doch immer das Düster der Galuthnacht und läßt solche in der Geschichte stets wiederkehrende Phasen fast wie eine Dämmerung für den Anbruch besserer Tage erscheinen. — Daher der Plural לבקרים.

3
מִקּ֣וֹל הָמ֔וֹן נָדְד֖וּ עַמִּ֑ים מֵר֣וֹמְמֻתֶ֔ךָ נָפְצ֖וּ גּוֹיִֽם׃
BernfeldVor [deiner] Donnerstimme fliehen die Völker, vor deiner Erhebung zerstieben die Nationen.
ZunzVor Donnerstimmen fliehen die Völker, vor deiner Erhebung zerstieben die Nationen.
J. J. HirschSind durch die Donnerstimme des Gewoges Völker in Aufregung geraten, dadurch, daß du dich erhobst, Nationen auseinander gestoben,
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. 4. מקול המון. Diese weltgeschichtlichen Machtverschiebungen werden für die Dauer nicht ohne Eindruck auf die Denkweise der Menschheit bleiben — mit Donnerstimme spricht der wellenartige Auf- und Niedergang der historischen Größenverhältnisse die Wahrheit aus, daß es einen Gott gibt in der Geschichte. Zuerst nach innen — עמים —, die inneren Zustände erregend und in Bewegung setzend, und sodann in der Stellungnahme der Nationen nach außen — גוים — macht sich das Bewußtsein von der erhabenen Waltung Gottes auf Erden bemerkbar. Allianzen der mächtigen Staaten, geschlossen, damit ein jeder von ihnen ungestört durch den anderen sich auf Kosten der schwächeren Völker vergrößern könne, sprengt der Gedanke an רממתך, der Gedanke, daß hoch über allen sich überhebenden irdischen Größen Gottes Gerechtigkeit zum Schutze der Schwachen waltet.

Auch an dem jüdischen Volke möchte man wieder gut machen, was Jahrhunderte lang an ihm gesündigt worden, ואסף שללכם — wie unter anderen in ואת כל שללה תקבץ (5. B. M. 13, 17) was man ihr geraubt —: Was man euch widerrechtlich entzogen, eure Bürgerrechte, eure Menschenrechte, euren guten Namen, euer Gut und Blut, alles möchten die zur Besinnung gekommenen Völker euch dann restituieren. — חסיל kommt als eine Heuschreckenart Joel 1, 4 und 2, 25 u. s. vor, ist wahrscheinlich identisch mit גוב ,גבים, wie Nachum 3, 17 die gefräßigste Heuschrecke genannt wird. חסיל scheint die Heuschrecke nach dem Schaden, der vollständigen Verheerung, die sie anrichtet, zu bezeichnen: 5. B. M. 28, 38 כי יחסלנו הארבה von חסל vernichten, ein Ende bereiten; ebenso wird im Jerus. Targ. ויתם הכסף mit עד תמם וחסיל כספא und mit עד זמן דחסילו übersetzt. משק und שקק wie ובן משק ביתי (1. B. M. 15, 2) der nach meinem Hause sehnsüchtige Erbe, von שקק sich nach etwas sehnen, gierig danach sein, also hier die Freßgier. Haßerfüllter Fanatismus stellte zweien Leidenschaften niedrigster Art einen Freibrief zum Kampfe gegen das unglückliche Jakobsvolk aus: der boshaften Zerstörungswut und der Habgier. Man freute sich des Schadens, den man anrichtete, der Qual, die man uns durch Verheerung unseres schwer erworbenen Besitzes bereitete, und nimmersatte Beutegier feierte die ausgelassensten Orgien auf den Ruinen unserer Wohnstätten.

4
וְאֻסַּ֣ף שְׁלַלְכֶ֔ם אֹ֖סֶף הֶחָסִ֑יל כְּמַשַּׁ֥ק גֵּבִ֖ים שֹׁקֵ֥ק בּֽוֹ׃
BernfeldAufgerafft wurde eure Beute, [ihr Belagerer von Jerusalem], wie man Grillen aufrafft; wie Heuschrecken sich tummeln, tummelt man sich da, [wo das Lager Sanheribs war].
ZunzUnd aufgerafft wird eure Beute, gleichwie man Grillen aufrafft, wie Heuschrecken daher ziehen, zieht man dagegen.
J. J. Hirschso wird gesammelt, was man euch geraubt hat wie Heuschrecken abernten, nach dem man mit der Freßgier von Heuschrecken begehrte.
5
נִשְׂגָּ֣ב יְהֹוָ֔ה כִּ֥י שֹׁכֵ֖ן מָר֑וֹם מִלֵּ֣א צִיּ֔וֹן מִשְׁפָּ֖ט וּצְדָקָֽה׃
BernfeldErhaben ist der Herr; er thront in der Höhe, er hat Zijon erfüllt mit Recht und Gerechtigkeit.
ZunzErhaben ist der Ewige, denn er, in der Höhe thronend, hat Zijon erfüllt mit Recht und Gerechtigkeit.
J. J. HirschHocherhaben steht dann Gott da, auch wenn er in der Höhe thronet, er hat Zion erfüllt mit Recht und Menschenliebe.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. Dann bedarf es nicht erst des Eingreifens Gottes in die Speichen des weltgeschichtlichen Getriebes, als der alles Überragende wird ihn dann die Allmenschheit erkannt haben, dem sie zu gehorchen hat. Von Zion, der Stätte, wo er seinen Willen niedergelegt hat, leiten משפט וצדקה das göttliche Recht und die Gottespflicht der Humanität die Gänge der Geschichte.

6
וְהָיָה֙ אֱמוּנַ֣ת עִתֶּ֔יךָ חֹ֥סֶן יְשׁוּעֹ֖ת חׇכְמַ֣ת וָדָ֑עַת יִרְאַ֥ת יְהֹוָ֖ה הִ֥יא אוֹצָרֽוֹ׃ {פ}
BernfeldEs ist die Sicherheit deines Geschickes, die Dauer des Heils, der Weisheit und Erkenntnis; die Furcht des Herrn ist sein Schatz.
ZunzUnd es ist die Sicherheit deines Geschickes, die Dauer des Heils, Weisheit und Erkenntniß; die Furcht des Ewigen, das ist sein Schatz.
J. J. HirschEs bleibt das Vertrauen, daß Dein die Zeiten sind, die Stärke der Hilfsbestrebungen, der Weisheit und der Erkenntnis — Gottesfurcht ist seine Schatzkammer —
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. והיה: bleibend, wie das in dem Begriff היה liegt, והיו על ויהי ידיו אמונה (2. B. M. 17, 12 und 28, 30) לב אהרן u. s. Während der ganzen traurigen Exilsnacht gewährt lediglich die unerschütterliche Überzeugung, das Vertrauen, daß Gott Herr und Meister aller Zeiten, wie immer sie gestaltet sein mögen, ist und bleibt, dem Streben Israels nach Hilfe, nach Weisheit und Erkenntnis ausdauernde Stärke. Dieses Vertrauen bewahrt es vor dem Gefühl trostloser Hinfälligkeit, wappnet es gegen stupides Hinbrüten über sein tragisches Geschick und behütet es vor irriger Auffassung seiner Aufgabe. Alle Kombinationen zur Erleichterung seiner Lage, alle Bemühungen, das Heil zu erringen, würden, wenn nicht dieses Vertrauen ihr Stützpunkt wäre, ihm nur Unheil bringen; die Weisheit und Erkenntnis, nach der es streben wollte, nicht geleitet von dieser אמונה, würde sich als Torheit erweisen, und nimmer würde es im gegebenen Momente wissen, was er zu tun erfordert.

חכמת stat. constr. ohne nähere Bezeichnung des mit ihm Verbundenen gibt dem Begriffe die allerweiteste Ausdehnung, wie wiederholt erläutert, also hier: Weisheit in jeder Beziehung, in betreff jeglicher Erscheinung. — יראת ד' היא אוצרו: Das Suffix in אוצרו bezieht sich auf אמונה und ist, gerade um dessen Stärke nach besonders zu betonen, männlich gewählt, wie bereits im Anfang dieses Satzes והיה. „Gottesfurcht ist seine Schatzkammer“, lösen wir den Begriff „Schatzkammer“ auf, so heißt dies ja nichts anderes als: Gottesfurcht ist die Kammer, in der dieser Schatz aufbewahrt ist, in der Gottesfurcht liegt Israels Vertrauen. Dieses Vertrauen bewahrt es sich auch in den dunkelsten Zeiten, nicht allein des eigenen Geschicks, sondern auch der allgemeinen Weltlage, Zeiten, in welchen

7
הֵ֚ן אֶרְאֶלָּ֔ם צָעֲק֖וּ חֻ֑צָה מַלְאֲכֵ֣י שָׁל֔וֹם מַ֖ר יִבְכָּיֽוּן׃
BernfeldIhre Helden schrien draußen, die Friedensboten weinten bitterlich.
ZunzSiehe, löwenstark schreien sie draußen, die Friedensboten weinen bitterlich.
J. J. Hirschwahrlich, da ihr „Ich möchte [Gott] schauen“ hinausschreien und nun bitter weinen die Engel des Friedens,
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. הן אראלם selbst die „Engel des Friedens“ verzweifeln, Gott je noch im Menschenkreise zu schauen, und ihren Sehnsuchtsruf nach Gott in die außerirdische Welt hinausschreien. אראלם ist wahrscheinlich zusammengezogen aus אראה להם, wofür auch das Dagesch im ל spricht: Ihr „ich möchte schauen“. — מלאכי שלום ist Subjekt des ganzen Satzes. — Wo Gott wohnt, wohnt der Friede, und im Menschenkreise wohnt der Streit. Vergebens war ihr Mühen, der Menschheit den Frieden zu bringen, ihr tränenumflortes Auge vermag auf Erden keine Stätte mehr für ihr gottgesandtes Wirken zu erspähen.

8
נָשַׁ֣מּוּ מְסִלּ֔וֹת שָׁבַ֖ת עֹבֵ֣ר אֹ֑רַח הֵפֵ֤ר בְּרִית֙ מָאַ֣ס עָרִ֔ים לֹ֥א חָשַׁ֖ב אֱנֽוֹשׁ׃
BernfeldVerödet sind die Straßen, es feiert der Wanderer. Er bricht den Friedensbund, hält gering die Städte, achtet nicht des Menschen.
ZunzVerödet sind die Straßen, es feiert der Wanderer. Er bricht den Bund, hält gering die Städte, achtet nicht des Menschen.
J. J. Hirschda verödet die Straßen liegen, des Pfades Wanderer ruhet, zerstört hat den Bund, verschmäht die Städte, nichts bedacht hat der sittlich gesunkene Mensch.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. 9. Nicht erreicht ist das mit so vielem Aufwand an Zeit und Kraft angestrebte Ziel des gesteigerten Verkehrs, die Menschen einander näher zu bringen, den Austausch ihrer Leistungen und Güter und des aufs äußerste ausgebeuteten Reichtums der Natur zu fördern.

Die Straßen veröden, der Verkehr stockt, denn der Mensch ist sittlich gesunken, ist „אנוש“ geworden (vgl. Komm. zu 1. B. M. 4, 26), hat das Bündnis mit dem Menschenheil und dem Natursegen zerrissen, seine Selbstsucht ließe ihn am liebsten das Leben in den Städten meiden, um jeder Verpflichtung gegen den Nachbar enthoben zu sein. Gedankenlos vernichtete der sittliche Niedergang der Menschheit den Gottesvertrag, der die Erde dem Menschen unterordnet und sie verpflichtet, ihm ihren Reichtum zu spenden unter der Bedingung, daß er selbst sich Gottes Willen beuge. (Vgl. über dieses und das Folgende das oben zu Kap. 24, 4—6 Bemerkte.) Eine sittliche Ordnung regiert die Welt, und nur in ihr gedeiht das Glück der Menschheit, nur dem freudig dem Sittengesetze dienenden Menschen schenkt die Natur ihre Blüte.

Sobald אבל (אבל bezieht sich auf אנוש), sobald sein besseres Selbst über ihn zu trauern hatte — vgl. ונפשו עליו תאבל (Job 14, 22) —, war gebrochen, geknickt die zeugende Kraft der Erde, seine Gesunkenheit verschuldete das Hinsiechen und Hinwelken der Natur. — קמל vgl. oben Kap. 19, 6. — Sinnbildlich für das Gedeihen und Welken der ganzen Erde werden hier die herrlichen Gebirgszüge und fruchtbaren Täler des heiligen Landes erwähnt.

9
אָבַ֤ל אֻמְלְלָה֙ אָ֔רֶץ הֶחְפִּ֥יר לְבָנ֖וֹן קָמַ֑ל הָיָ֤ה הַשָּׁרוֹן֙ כָּֽעֲרָבָ֔ה וְנֹעֵ֥ר בָּשָׁ֖ן וְכַרְמֶֽל׃ {ס}
BernfeldEs trauert, verschmachtet die Erde. Beschämt ist der Libanon und abgewelkt. Saron ist einer Steppe gleich, entblättert sind Baschan und Karmel.
ZunzEs trauert, verschmachtet die Erde, schambedeckt ist Lebanon, abgewelkt. Scharon ist einer Steppe gleich, entblättert ist Baschan und Karmel.
J. J. HirschEr trauerte, da ward zerknickt die Erde, er hat den Libanon zuschanden gemacht, daß er hinsiechte, daß Saron der Steppe gleicht und Baschan und Karmel entblättert stehen. —
10
עַתָּ֥ה אָק֖וּם יֹאמַ֣ר יְהֹוָ֑ה עַתָּה֙ אֵֽרוֹמָ֔ם עַתָּ֖ה אֶנָּשֵֽׂא׃
BernfeldJetzt will ich mich aufmachen, spricht der Herr, jetzt mich erheben, jetzt mich emporrichten.
ZunzJetzt will ich mich aufmachen, spricht der Ewige, jetzt mich erheben, jetzt mich emporrichten.
J. J. HirschJetzt stehe ich auf, spricht Gott, jetzt zeige ich mich als der Höchste, jetzt werde ich hoch gehalten!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. עתה וגו'. Wenn so der Mensch das Traumgebilde seines Glückes, das er ohne Gott und gegen die sittliche Weltordnung errichten wollte, in Nichts sich auflösen sieht, dann spricht Gott, jetzt ist für mich die Zeit gekommen, mich als der von der Höhe aus die irdischen Verhältnisse Leitende zu zeigen, jetzt ist die Menschheit vorbereitet, meiner Erhabenheit inne zu werden und sich gleichsam zum Träger meiner Herrschaft darzubieten.

Es ist zweifelhaft, ob ארומם Hispael oder Nifal ist, אנשא scheint aber ganz regulär gebildeter Nifal zu sein, wie כל גיא ינשא (weiter 40, 4) u. s.

11
תַּהֲר֥וּ חֲשַׁ֖שׁ תֵּ֣לְדוּ קַ֑שׁ רוּחֲכֶ֕ם אֵ֖שׁ תֹּאכַלְכֶֽם׃
BernfeldIhr gehet schwanger, [was ihr vorhabt] ist wie Heu, gebäret [was ihr vollbringt sind] Stoppeln — euer Odem ist ein Feuer, das euch frisst.
ZunzIhr gehet mit Heu schwanger, gebäret Stoppeln — euer Odem ist ein Feuer, das euch frißt.
J. J. HirschGehet ihr schwanger mit Spreu, so gebäret ihr Stoppeln, euer eigener Geist verzehret euch als Feuer —
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. תהרו חשש. חשש kommt nur hier und oben 5, 24 vor. Die Lautverwandtschaft der Wurzel חוש, die ja möglicherweise auch חשש zugrunde liegt, mit חוץ Außenseite und חום schonen weist u. E. darauf hin, daß es die zur Schonung und zum Schutze des Kerns der Getreidefrucht bestimmte Hülle ist, die Spreu. Identisch damit ist מץ von מצץ aussaugen, von dem Gesichtspunkte aus betrachtet, daß die von der Frucht getrennte Spreu die ausgesogene Fruchthülse ist.

Bis zum Erwachen der Menschheit aus dem Traum eines selbst zu schaffenden Glückes wird das Erzeugnis ihres Kreißens immer nur ein negatives, sie enttäuschendes sein. Das, womit sie sich trägt, zu dessen Zeitigung sie ihr ganzes Wesen mit allen Kräften hingibt, ist von Anbeginn nicht die von Gottes Weisheit für die Existenz der Menschheit bestimmte Nährfrucht, ist nur ihre taube Hülse, hat nur deren äußere Bildung und Form, der jeder Kern längst abhanden gekommen ist — mit der enthülsten Spreu geht sie schwanger. Da darf es nicht wundernehmen, daß, was sie gebiert, nicht einmal Strohhalme sind, die vielleicht frische Ähren bringen, sondern nur abgelebte Stoppeln, die erst, wenn der schwere Pflug der Zeiten über sie hinweggegangen ist und sie zu Dünger verarbeitet hat, einer späteren Ernte zugute kommen können. Aber in der Zwischenzeit — wie viele dieser mit leerer Spreu sich Tragenden gehen da erst zugrunde; in ihrem Innern sammelt sich der Zündstoff immer mehr an, und ihr eigener törichter Geist setzt ihn in Brand!

12
וְהָי֥וּ עַמִּ֖ים מִשְׂרְפ֣וֹת שִׂ֑יד קוֹצִ֥ים כְּסוּחִ֖ים בָּאֵ֥שׁ יִצַּֽתּוּ׃ {פ}
BernfeldEure Völker werden zu Kalk verbrannt, wie abgehauene Dornen werden sie im Feuer auflodern.
ZunzUnd Völker werden zu Kalk verbrannt, — abgehauene Dornen werden sie im Feuer auflodern.
J. J. Hirschund es werden Völker Kalkbrandstätten, abgehauene Dornen, die man mit Feuer anzündet.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. והיו עמים. Da müssen erst ganze Völker, deren Ideal in dem Erreichen einer solchen die äußere Form der Heilesgestaltung tragenden politischen Machtgröße bestanden hatte, in sich zusammensinkend untergehen — sie bilden den Kalk für den künftigen Gottesbau des wahren Heils auf Erden; viele jedoch, die jedes idealen Zuges bar nur am Schädigen und Verletzen anderer ihre Freude hatten und darin den Zweck ihres Daseins sahen, sie müssen als die Entwicklung der Heilessaat hindernde Dornen durch das Feuer der göttlichen Allmacht beseitigt werden, wenn Gott sich einst anschickt, das Heil der Menschheit zur Blüte zu bringen. — כסוחים s. o. 5, 24.

Haftarah Jitro Romanioten und Karäer beginnen hier.
13
שִׁמְע֥וּ רְחוֹקִ֖ים אֲשֶׁ֣ר עָשִׂ֑יתִי וּדְע֥וּ קְרוֹבִ֖ים גְּבֻרָתִֽי׃
BernfeldVernehmet, ihr Fernen, was ich getan, und erfahret, ihr Nahen, meine Stärke.
ZunzVernehmet, ihr Fernen, was ich gethan, und erfahret, ihr Nahen, meine Stärke!
J. J. HirschHöret, ihr Fernen, was ich getan habe, aber erkennt ihr Nahen meine Stärke.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. שמעו. Während so die Gott entfremdeten Völkergrößen erst aus den gewaltigen Ereignissen am Ziele der Geschichte die Stimme Gottes, die sie zur Rückkehr einlädt, vernehmen werden, soll Israel auch während seines Exilganges in der „Gottesnähe“, das heißt seiner Aufgabe treu bleiben, sie befähigt es, die Allmacht Gottes גברתי in ihrer ganzen Größe zu verstehen. „Zion“ heißt seine Gottesnähe; auf dem dort niedergelegten Gottesgesetze erhob sich seine Vergangenheit, wird sich seine Zukunft dereinst gründen, durch es und von ihm wird es in jeder wie immer gestalteten Gegenwart getragen. — רחוקים und קרובים hier entspricht ganz dem Ps. 73, 27 und 28 Ausgeführten: כי הנה רחקיך וגו' ואני קרבת אלקים לי טוב וגו'. Die גבורה Gottes aber hat sich gerade darin gezeigt, daß Er den ihm geweihten Tempel der Vernichtung durch die Völker und sein Volk dem Exile preisgab, weil dieses sein Volk seinem Gesetze die Treue gebrochen und seinen Tempel nicht durch den Gehorsam gegen seine Lehren geheiligt hatte. Nicht minder aber betätigt sich seine גבורה während dieses Exiles in der wunderbaren Erhaltung seines Volkes inmitten einer ganzen ihm feindlichen Völkermenge, unter die er es zerstreut, um es dort für die Verwirklichung des Gottesgesetzes auf dem Boden seiner Urheimat zu erziehen. In beiden Erscheinungen zeigt sich dem denkenden Juden גבורת גבורתו die Allmacht Gottes in ihrer höchsten Potenz. Vgl. Traktat Joma 69b: אתא משה וגו' אתא ירמיהו וגו' אתא דניאל וגו' אתו אנשי כנה"ג ואמרו אדרבה זו היא גבורתו וגו'.

14
פָּחֲד֤וּ בְצִיּוֹן֙ חַטָּאִ֔ים אָחֲזָ֥ה רְעָדָ֖ה חֲנֵפִ֑ים מִ֣י ׀ יָג֣וּר לָ֗נוּ אֵ֚שׁ אֽוֹכֵלָ֔ה מִֽי־יָג֥וּר לָ֖נוּ מוֹקְדֵ֥י עוֹלָֽם׃
BernfeldEs zagen in Zijon die Sünder, Zittern ergreift die Bösewöchter. [Sie jammern]: Wer von uns mag weilen bei dem fressenden Feuer? Wer von uns weilen bei den mächtigen Bränden?
ZunzEs zagen in Zijon die Sünder, Zittern ergreift die Ruchlosen; wer von uns mag weilen bei dem fressenden Feuer! wer von uns weilen bei den ewigen Bränden?
J. J. HirschFürchten mochten sich in Zion Sünder, Zittern mochte Heuchler ergreifen: „Wer von uns kann verbleiben bei dem verzehrenden Feuer, wer von uns sich aufhalten auf den ewigen Brandstätten?!“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. Von Beginn seines Volksdaseins wußte Israel, daß es seine nationale Bestimmung nicht in der Entwicklung von Menschengröße und -Macht zu suchen habe, vielmehr darin, wie es sein Name „Israel“ besagt, der Herold der Gottesherrschaft zu werden. Darum hatte und hat vor allen anderen es dem Gesetze Gottes zu gehorchen und so der Herrschaft Gottes zu huldigen.

Allein dieses vom Sinai herab ihm übergebene Gesetz ist אשדת ein „Feuergesetz“, es erleuchtet, es erwärmt, es belebt und verjüngt Israel, solange es sich von ihm durchdringen läßt, aber es zehrt an ihm, sobald es, um Menschengröße und Menschenmacht zu erlangen, ihm die Treue bricht. Es brennt hinweg alle Stützen, durch die Israel gegen Gottes Willen seine Existenz in Zion sichern wollte, es wandert mit ihm ins prüfungsreiche Exil und wird es auch einst heimgeleiten nach Zion.

Gar manchen freilich veranlaßt während dieser Prüfungszeit der Vergleich der gedrückten Lage des jüdischen Volkes mit der prunkvollen nationalen Größe der weltbeherrschenden Völker, sich loszusagen von diesem Feuergesetze. חטא ist, wie wiederholt bemerkt, lautverw. mit חתה: etwas dem Feuer entziehen. Nicht nur חֹטְאִים, sich gelegentlich und nur der augenblicklichen leichtsinnigen Anregung folgend, werden sie zu Sündern, sondern חַטָּאִים mit vollem Bewußtsein und aus Prinzip entziehen sie sich dem Feuergesetze, es soll nicht sie, es soll nicht andere durchglühen, sie werden grundsätzlich seine Gegner und möchten es am liebsten auslöschen. פחדו, פחד feige Furcht, meint der Prophet, und רעדה haltloses Zittern ist es, die solche fahnenflüchtige „Sünder“ zu ihrer Selbstentschuldigung oder zur heuchlerischen Verführung anderer, um für den eigenen Abfall Genossen zu finden, sprechen läßt: Wer kann es uns verübeln, wem können wir es verdenken, wenn man es nicht auszuhalten vermag bei solch verzehrendem Feuer; überall und immer wird der Aufbau unseres Glückes zur Brandstätte gemacht, daran trägt nichts anderes die Schuld als unser Gesetz — wer kann unter solchen Auspizien Jude bleiben? — לנו wer von uns, wer der Unsern, wie הלנו אתה (Josua 5, 13) oder לא ינוס להם נס ולא ימלט להם פליט (Amos 9, 1) Wer von ihnen wird als Flüchtling entfliehen u. s. w.

15
הֹלֵ֣ךְ צְדָק֔וֹת וְדֹבֵ֖ר מֵישָׁרִ֑ים מֹאֵ֞ס בְּבֶ֣צַע מַעֲשַׁקּ֗וֹת נֹעֵ֤ר כַּפָּיו֙ מִתְּמֹ֣ךְ בַּשֹּׁ֔חַד אֹטֵ֤ם אׇזְנוֹ֙ מִשְּׁמֹ֣עַ דָּמִ֔ים וְעֹצֵ֥ם עֵינָ֖יו מֵרְא֥וֹת בְּרָֽע׃
BernfeldWer in Gerechtigkeit wandelt und redlich spricht, wer Gewinn durch Bedrückung verschmäht, wer seine Hände schüttelt, dass sie nicht nach Bestechung greifen, wer sein Ohr verstopft, dass er nicht höre den Blutrat, und sein Auge zudrückt, dass er das Böse nicht schaue;
ZunzWer in Gerechtigkeit wandelt und redlich spricht, wer Gewinn durch Bedrückung verschmähet, wer seine Hände schüttelt, daß sie nicht nach Bestechung greifen, wer sein Ohr verstopfet, daß er nicht höre den Blutrath, und sein Auge zudrückt, daß er das Böse nicht schaue;
J. J. Hirsch„Wer in Pflichttreue wandelt und Geradheit redet, Gewinnst durch Bedrückung verschmäht, seine Hände schüttelt, um Bestechung nicht zu ergreifen, wer sein Ohr verstopft, um nichts von Blutschuld zu hören, und seine Augen schließt, um auf das Böse nicht zu schauen —
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15. 16. Wer, lautet Jesaias Antwort, seinen Pflichten gegen Gott und Menschen — צדקות ist Plural — getreu nachkommt, in Wort und Tat wahr und redlich ist — מישרים ist Plural —, Abscheu und Ekel hat vor allem Unrechten und Gemeinen, wer in einer Welt, in der Gewalt herrscht und der Sinnenlust gefröhnt wird, Verbrechen und sittlich Schlechtes selbst in Vorstellung und Anschauung flieht — der vermißt das nicht, was das Feuer auf der jüdischen Brandstätte an äußerer Machtentfaltung und äußerem Hoheitsglanz verzehrt hat, der wohnt eben durch diese innere Gott und seiner Lehre zugewandte und von Gott getragene sittliche Kraft מרומים ישכן hoch gehoben über allen Wechsel, den die Erde bietet. Seinen felsenfesten Standpunkt vermögen Drohungen nicht zu erschüttern, auf ihm beharrt er trotz aller Verlockungen der Welt und findet dennoch immer die Bedingungen seiner Existenz, „Sein Brot ist gegeben, sein Wasser bleibet treu“. Was er in rüstiger Arbeit und gehorsam den Weisungen der göttlichen Thora erworben, ist ihm „Manna“, eine Gabe Gottes und bereitet ihm köstlichen Genuß, wie bescheiden auch immer es sei, — und folgt er auf seiner Wanderung in der „Wüste der Völker“ treu der „Bundeslade“ nach, so folget ihm getreu der seinen Durst stillende Mirjam-Brunnen nach, wie einst den Ahnen in der Wüste.

Nachzufügen ist noch: נער כפיו מתמך בשחד kann auch heißen „er schüttelt seine Hände, um nichts zu unterstützen durch Bestechung“. Selbst von der Partei, auf deren Seite das Recht ist und die er ohnehin unterstützen würde, nimmt er nichts an. תמך kommt nämlich weit häufiger in der Bedeutung von unterstützen als von anfassen und ergreifen vor. — אטם verstopfen, verschließen, lautverw. mit חתם. — דמים s. das oben zu 1, 15 Bemerkte.

16
ה֚וּא מְרוֹמִ֣ים יִשְׁכֹּ֔ן מְצָד֥וֹת סְלָעִ֖ים מִשְׂגַּבּ֑וֹ לַחְמ֣וֹ נִתָּ֔ן מֵימָ֖יו נֶאֱמָנִֽים׃
BernfeldDer wird auf Höhen wohnen, Felsenfesten sind seine Burg, sein Brot ist ihm gewährt, sein Wasser gesichert.
ZunzDer wird auf Höhen wohnen; Felsenvesten sind seine Burg, sein Brod ist ihm gewährt, sein Wasser gesichert.
J. J. Hirschder wird auf Höhen wohnen, Felsenfesten sind seine Hochburg, sein Brot ist gegeben, sein Wasser bleibet treu!“
Haftarah Wajera Romanioten und Karäer beginnen hier.
17
מֶ֥לֶךְ בְּיׇפְי֖וֹ תֶּחֱזֶ֣ינָה עֵינֶ֑יךָ תִּרְאֶ֖ינָה אֶ֥רֶץ מַרְחַקִּֽים׃
BernfeldDen König in seiner Herrlichkeit werden deine Augen schauen, sie sehen ihn selbst im fernen Lande.
ZunzDen König in seiner Schöne schauen deine Augen, sie sehen fernes Land.
J. J. HirschDen König in seiner Schöne möchten deine Augen schauen, möchten das in Fernen liegende Land sehen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17—19. Dem in der Übersicht oben Gesagten ist nur wenig hinzuzufügen. ספר את המגדלים. Wie im Komm. zu Ps. 48, 13 zur Erklärung des sich dort gleichfalls auf Jerusalem bezüglichen ספרו מגדליה bemerkt ist, heißt ספר (סֵפֶר Buch) vielleicht auch: Buch über etwas führen, also hier der zur sorgfältigen Instandhaltung der Festungen Berufene.

את עם נועז לא תראה. Wenn du dir eine Vorstellung von der Wiederaufrichtung Zions machen willst, so darfst du es dir nicht als עם נועז denken. Oben Kap. 25, 3 werden die aus der Diaspora Heimgekehrten „als Volk unüberwindlich“ genannt, sie sind עָז, יכבדוך עם עָז, sie tragen die Bedingungen ihrer Stärke in sich; daß sie Gottes Willen ehren, macht sie עז widerstandsfähig und unvergänglich, s. das. נועז dagegen ist passiv, Nifalform: künstlich zur Festigkeit gebracht, stark gemacht durch äußere Bedingungen und darum abhängig von diesen äußeren Stützen. עם נועז ist ein Staat, dessen Dasein und Macht sich auf Reichtum und Schätze, militärische Rüstungen oder Ländergröße stützt. Durch diese ist seine Festigkeit und Dauer bedingt, darum ist er nicht עז, sondern נועז, seine Machtstellung ist passiv, abhängig von deren Bestand und Dauer.

Einen zweiten, sonstige Staaten charakterisierenden Faktor wirst du ebenfalls im einstigen jüdischen Staate nicht schauen, sein Name ist Politik. עמקי שפה משמוע: „Zu tiefer Lippe, als daß man sie verstehen könnte“. Man spricht nicht, um verstanden zu werden, sondern um nicht verstanden zu werden. „Die Diplomatie“ — heißt es in dem herrlichen Aufsatze: Das Jerusalem der Zukunft und die Weltgeschichte, 6. Jahrgang Jeschurun, welcher auch großen Teils der Erklärung dieses Kapitels vom 7. Vers an zugrunde liegt — „spricht so tiefer Lippe, daß sie nicht verstanden werden kann und findet dadurch ihre rächende Strafe, daß sie nun נלעג לשון אין בינה von der Zunge des anderen gehöhnt wird; sie meint ihn zu verstehen und wird eben dadurch getäuscht, sie versteht nur, was die Lippe — der äußere Ausdruck — spricht, aber nicht, was die Zunge — die innere Meinung — birgt, (הוות תחשב לשונך, Ps. 52, 4: Was du ausgebrütet, denkt deine Zunge) sie hat שמיעה Verständnis, aber nicht בינה, vermag nicht zwischen den Zeilen zu lesen, diese eigentliche wahrhaftige בינה.“

18
לִבְּךָ֖ יֶהְגֶּ֣ה אֵימָ֑ה אַיֵּ֤ה סֹפֵר֙ אַיֵּ֣ה שֹׁקֵ֔ל אַיֵּ֖ה סֹפֵ֥ר אֶת־הַמִּגְדָּלִֽים׃
BernfeldDu wirst an die Schreckenszeit denken: Wo ist, der zählte, wo ist, der wog, wo, der Türme zählte?
ZunzDein Herz spricht mit Zagen: Wo ist, der zählte, wo ist, der wog, wo, der die Thürme zählte?
J. J. HirschDa sinnet angsterfüllt dein Herz: Wo ist der Zähler, wo der Wäger, wo der die Türme zählet?
Haftarah Wajeschew Romanioten enden hier.
19
אֶת־עַ֥ם נוֹעָ֖ז לֹ֣א תִרְאֶ֑ה עַ֣ם עִמְקֵ֤י שָׂפָה֙ מִשְּׁמ֔וֹעַ נִלְעַ֥ג לָשׁ֖וֹן אֵ֥ין בִּינָֽה׃
BernfeldDas Barbarenvolk siehst du nicht mehr, das Volk dunkler Rede, nicht zu verstehen, stotternder Zunge, ohne Sinn.
ZunzDas Barbarenvolk siehest du nicht mehr, das Volk dunkler Rede, nicht zu verstehen, stotternder Zunge, ohne Sinn.
J. J. HirschEin zur Macht erhobenes Volk wirst du nicht sehen, ein Volk zu tiefer Rede, als daß man sie verstehen könnte und darum von der Sprache gehöhnt, ohne Einsicht bleibend.
20
חֲזֵ֣ה צִיּ֔וֹן קִרְיַ֖ת מוֹעֲדֵ֑נוּ עֵינֶ֩יךָ֩ תִרְאֶ֨ינָה יְרוּשָׁלַ֜͏ִם נָוֶ֣ה שַׁאֲנָ֗ן אֹ֤הֶל בַּל־יִצְעָן֙ בַּל־יִסַּ֤ע יְתֵדֹתָיו֙ לָנֶ֔צַח וְכׇל־חֲבָלָ֖יו בַּל־יִנָּתֵֽקוּ׃
BernfeldSchaue Zijon an, die Stadt unserer festlichen Zusammenkunft, deine Augen werden Jerusalem sehen, eine ruhige Heimat, ein Zelt, das man nicht fortrückt, nimmer werden seine Pflöcke herausgezogen und keines seiner Seile losgerissen.
ZunzSchaue Zijon an, die Stadt unserer Zusammenkunft, deine Augen werden Jeruschalajim sehen, eine ungestörte Heimath, ein Zelt, das man nicht fortrückt, nimmer werden seine Pflöcke herausgezogen, und keines seiner Seile losgerissen.
J. J. HirschSchaue Zion als Stadt unserer Bestimmung, da sehen deine Augen Jerusalem als friedlich ruhende Stätte, als ein Zelt, das nicht aussteckt und immer wieder ausreißt seine Pflöcke und dessen sämtliche Stricke nicht zerrissen werden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 20. 21. Das Zion-Jerusalem sieht seine Aufgabe darin, קרית מועדנו zu sein, als Stadt, als Burg, als Staat „unsere Bestimmung“, unser Gottesgesetz zu umschließen und dessen Verwirklichung an friedlich gesicherter Stätte sein ganzes Dasein zu widmen.

Einer Vermutung wagen wir unter allem Vorbehalte hier Ausdruck zu geben: Aus 2. B. M. 33, 7—11 ist ersichtlich, daß das erste Zelt, welches den Namen אהל מועד trug, unseres großen Lehrers Moses' Wohnzelt war. (S. Komm. das.) Dort bekundete Gott durch das Herabsteigen der Wolkensäule seine Gegenwart im Menschenkreise, dort blieb Gott jedem nahe, der seine Bestimmung, die Erkenntnis des göttlichen Willens כל מבקש ד' suchte. Der einstige jüdische Staat ist קרית מועדנו, nichts anderes als das erweiterte erste אהל מועד, ein Menschenkreis, der seine Bestimmung darin sucht, Gottes Gegenwart auf Erden zu bekunden, — wird er doch hier gleich als אהל בל יצען gezeichnet.

יצען gleich יצע אותן nämlich יתדתיו. יצע ausstrecken, ausbreiten, speziell Lagerstätte bereiten; שק ואפר יצע לרבים (Esther 4, 3), שק ואפר יציע (weiter 58, 5), תחתיך יצע רמה (oben 14, 11) u. s. w. Das Futur. יצען und יסע bezeichnet die stete Wiederholung desselben Vorganges. — אני שיט entweder Ruderschiff, משוט heißt Jechesk. 27, 29 Ruder, oder wie משוט בארץ (Job 1, 7) herumstreifen, Streifschiff, ein zum Kreuzen bestimmtes Kriegsschiff. צי Schiff kommt im Singul. nur hier, im Plural צים nur 4. B. M. 24, 24 und Jechesk. 30, 9 vor. צי אדיר ist entweder, wie wir es übersetzt haben, ein mächtiges Schiff, oder אדיר als Subst. genommen: das Schiff eines Mächtigen, einer Großmacht. Vielleicht ist hier ein Zwiefaches gesagt: Der jüdische Staat sucht seine Größe nicht in der Entwicklung einer großen Handelsflotte noch weniger in der einer Kriegsflotte, obgleich seine Lage förmlich dazu auffordern würde, aber er hat auch nicht die Marinen anderer Staaten zu fürchten, Gott, dem sein ganzes Dasein gewidmet ist, schützt ihn weit besser, als dies die bestgerüstete Marine tun könnte.

21
כִּ֣י אִם־שָׁ֞ם אַדִּ֤יר יְהֹוָה֙ לָ֔נוּ מְקוֹם־נְהָרִ֥ים יְאֹרִ֖ים רַחֲבֵ֣י יָדָ֑יִם בַּל־תֵּ֤לֶךְ בּוֹ֙ אֳנִי־שַׁ֔יִט וְצִ֥י אַדִּ֖יר לֹ֥א יַעַבְרֶֽנּוּ׃
BernfeldDort vielmehr erweiset der Herr sich uns mächtig, die an der Stätte der Ströme und weit gebreiteter Flüsse, darauf kein Ruderschiff ziehet und kein mächtiges Fahrzeug führt darüber hin. [Kein Feind kommt mehr hin.]
ZunzDort vielmehr erweiset der Ewige sich uns mächtig, (dort ist) die Stätte der Ströme weit gebreiteter Flüsse, darauf kein Ruderschiff ziehet, und kein mächtiges Fahrzeug fährt darüber hin.
J. J. HirschDenn wenn dort als „der Machteinzige“ Gott uns ist, wird das Flußgebiet weit geuferter Ströme kein Streifschiff befahren und kein mächtiges Schiff es kreuzen.
22
כִּ֤י יְהֹוָה֙ שֹׁפְטֵ֔נוּ יְהֹוָ֖ה מְחֹקְקֵ֑נוּ יְהֹוָ֥ה מַלְכֵּ֖נוּ ה֥וּא יוֹשִׁיעֵֽנוּ׃
BernfeldDenn der Herr ist unser Richter, der Herr unser Gesetzgeber, der Herr unser König, er wird uns helfen.
ZunzDenn der Ewige ist unser Richter, der Ewige unser Gesetzgeber, der Ewige unser König, er wird uns helfen.
J. J. HirschDenn Gott unser Richter, Gott unser Gesetzgeber, ist Gott unser König, Er wird uns helfen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 22. Gott ist unser Richter, regelt als solcher unser soziales Leben, er ist unser Gesetzgeber מחקקנו, gibt uns das Regime für unsere sittliche Führung — der spezifische Name für alle diese Gesetze ist חקים, von der gleichen Radix wie מחקקנו —, damit wird er zugleich unser König sein, der unser äußeres und inneres Geschick lenkt und leitet, הוא יושיענו so wird er es sein, der יושיענו uns zu unserem wahren Heil verhilft, wie dies im Worte ישע (mit יש verw.) liegt. Dieses ישע, dieses Heils soll sich einst die Allmenschheit im Einzel- wie im Völkerleben erfreuen, seine Vorbedingung ist die Huldigung Gottes als „König, Gesetzgeber und Richter“. Sie ist das leitende Prinzip, welches die Völker in den sicheren Hafen des Heiles führen soll. Allein

Haftarah Wajeschew Karäer enden hier.
23
נִטְּשׁ֖וּ חֲבָלָ֑יִךְ בַּל־יְחַזְּק֤וּ כֵן־תׇּרְנָם֙ בַּל־פָּ֣רְשׂוּ נֵ֔ס אָ֣ז חֻלַּ֤ק עַד־שָׁלָל֙ מַרְבֶּ֔ה פִּסְחִ֖ים בָּ֥זְזוּ בַֽז׃
BernfeldDeine Seile, [o Assyrien], sind gelöst, sie halten nicht ihres Mastbaumes Schaft, sie spannen nicht das Segel. Alsdann teilt man der Plünderung Beute in Menge, selbst Lahme rauben ihren Teil.
ZunzDeine Seile geben nach, sie halten nicht ihres Mastbaumes Schaft, sie spannen nicht das Segel. Alsdann theilt man der Plünderung Beute in Menge. Lahme (auch) rauben ihren Theil.
J. J. HirschDie deine Seile fahren ließen werden nicht einmal das Untergestell ihres Mastbaumes festmachen können, sie werden dann noch nicht das Segel ausgebreitet haben, wenn bereits ein Stück der massenhaften Errungenschaft verteilt worden, welche die „Hinkenden“ als Beute erkämpft hatten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 23. נטשו חבליך sie wollten sich nicht von Gott leiten lassen, ließen darum חבליך die Leitseile Gottes in Stich, um selbständig ihr Lebensschiff zu lenken und — kommen damit nicht über den Anfang hinaus. — כן־תרנם wahrscheinlich wie כן (2. B. M. 30, 18) Untersatz, Basis — auch 1. Könige 7, 29 kommt einmal כן ממעל vor und wird von einzelnen als Basis aufgefaßt — dürfte das an den Kiel nach oben hin befestigte Gebälk bezeichnen, in welches der Mast eingesetzt wird. — 1. B. M. 42, 11 werden כנים אנחנו Menschen genannt, die immer die Richtung innehalten, in der sie sich befinden sollen, demnach könnte hier כן vielleicht die „Richtigstellung“ des Mastes ausdrücken. Der Sinn beider Auffassungen bleibt der gleiche: Nicht einmal über die grundlegenden Prinzipien, die für die Fahrt zum Glück und Heil Richtung gebend sein sollen, vermögen sich die Völker zu einigen. — Gegen die Auffassung, daß hier כן „so“ in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes zu nehmen wäre, spricht der Bindestrich כן־תרנם.

עד־שלל: ein Stück der Beute, wie בבקר יאכל עד (1. B. M. 49, 27). — פסחים ohne Dagesch im ס, die Hinkenden; der Begriff des Lahmseins, der in der Pielform פסחים, liegt, wird durch das fehlende Dagesch abgeschwächt und mehr der Kalform פסחים zögernd und schwankend gehen (1. Könige 18, 21) näher gebracht: also פסחים nicht eigentlich Lahme, aber Hinkende. Gleich seinem Vater Jakob והוא צלע על ירכו (1. B. M. 32, 32) wandert das Galuthvolk, das „Jakobs-Volk“ ohne festen Stand und Gang durch die Geschichte und erreicht dennoch als Erster das der Allmenschheit winkende Heilesziel. Vgl. weiter Kap. 53, 12.

24
וּבַל־יֹאמַ֥ר שָׁכֵ֖ן חָלִ֑יתִי הָעָ֛ם הַיֹּשֵׁ֥ב בָּ֖הּ נְשֻׂ֥א עָוֺֽן׃ {ס}
BernfeldSelbst der Bettlägerige spricht nicht: Ich bin krank. Dem Volke, das darin wohnt, ist seine Schuld erlassen.
ZunzUnd kein Bewohner spreche: Ich bin krank. Dem Volke, das darin wohnt, ist seine Schuld erlassen.
J. J. HirschGleichwohl spreche der Nachbar nicht: „Also bin ich siech!“ Auch dem Volke, welches darin wohnt, ist die Sünde verziehen worden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 24. חליתי חלה bezeichnet nicht nur leibliches Kranksein, vielmehr auch das Gefühl jeder Hemmung des Wohlbefindens, auch des Gemütes, hier des Gesamtwesens, also dem Siechtum sich verfallen fühlen.

נשא ist nicht gleichbedeutend mit נשוי פשע (Ps. 32, 1), welches eine aus נשא und נסה zusammengesetzte Form ist und: gehoben über und erprobt gegen Verbrechen ausdrückt, während נשא עון regul. נשא von בינוני פעול ist: auch ihm ward Vergebung der Schuld.