Jeschajahu 32 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 32. V. 1. Im V. 6. des vorhergehenden Kapitels war das Reich Juda zur Rückkehr zu Gott und seiner Pflichterfüllung aufgefordert und ihm klar gemacht worden, daß es sich seiner Errettung aus der drohenden Gefahr erst dadurch würdig zu machen habe. Hier nun wird näher ausgeführt, wie diese Besserung eine gründliche, alle Verhältnisse umgestaltende sein müsse. Um aber ein solches Resultat zu erzielen, muß sie von oben beginnen. Unter Achas' Regierung ward dem Abfall die Bahn geebnet gerade durch das schlechte Beispiel und die Verführungskünste der höheren Schichten der Bevölkerung, die darin aber wiederum nur den Ideen der auf dem Throne herrschenden königlichen Macht willig Folge leisteten.
Darum mußte die Initiative für die Regeneration des jüdischen Volkes von höchster Stelle ausgehen — das war die Aufgabe des Königs Chiskijahu, der er mit ganzer Seele und mit dem Aufgebot aller seiner Kraft gerecht zu werden strebte und deren Lösung, in ganz großartiger Weise, seiner Hingebung gelang.
Diese Aufgabe wird hier durch das eine Wort הן לצדק ימלך מלך präzisiert, und mit ihm gelangt die Gesamtforderung zum Ausdruck, welche die פרשת המלך, das Königsstatut (5. B. M. 17, 14—20), an einen jüdischen König stellt. Die Hingebung an „צדק“, das göttliche Rechtsideal, das den Menschen lehrt, in welcher Weise er allen seinen Pflichten gegen Gott und Menschen gerecht zu werden vermag — in der פרשת המלך wird dieses צדק einfach מצוה „Gebot“ genannt —, das Durchdrungensein von diesem צדק und die Wirksamkeit dafür gibt allein dem jüdischen König seine Existenzberechtigung, sie bedingt seine Königswürde und verleiht ihr und seiner Dynastie Dauer.
Die Verwirklichung dieses צדק heißt משפט. Es muß die erste und Hauptsorge des Königs sein, dafür die geeigneten Kräfte als Fürsten und Führer an die Spitze zu stellen, לשרים nur solche zu fürsten, die למשפט ישרו — wovon auch משורה von שור Maß —, deren Charakter und deren Kenntnisse sie befähigen, als „maßgebende“ Personen zu beurteilen, was für die Verwirklichung des göttlichen Rechtsideals zu geschehen hat und die dazu förderlichen „Maßnahmen“ und „Maßregeln“ zu treffen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. Der segensreiche Einfluß eines solchen Regenten wird sich naturgemäß zunächst in seiner Umgebung und erst von dort aus in immer weiteren Kreisen der Bevölkerung bemerkbar machen. Der Geist der Hingebung an die Erfüllung der Pflicht und die Verwirklichung der Rechtsidee durchdringt von oben herab nach und nach die gesamte Beamtenhierarchie und macht sie zu willigen Organen des צדק ומשפט um seiner selbst willen, so daß nicht mehr Egoismus die Triebfeder ihrer Handlungen ist.
והיה איש. Dann betrachtet nicht allein ein jeder dieser von „Rechts wegen“ berufenen richterlichen und ausführenden Angestellten, sondern איש jeder Mann aus dem Volke sich dazu berufen, nach besten Kräften überall, wo es not tut, als Schützer und Wahrer des „Rechts“, als Helfer des Gedrückten und Gekränkten aufzutreten. Nicht allein durch die Negative wirkend erweist sich sein Schutz, indem er durch seine Gegenwart das keck heranstürmende Unrecht und den Wogenanprall der Gewalt hindert, den Schwachen zu überwältigen und er so Schirm und Damm gegen den Frevel bildet, sondern auch positiv segensreich und als Hilfebringer für den Verschmachtenden, ihn mit frischem Lebensmut erfüllend, zeigt sich sein Beistand dem hoffnungslos Gewordenen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. Jene „klugen“ Lebensregeln, die der Egoismus lehrt: „Was dich nicht brennt, das lösche nicht“, „Kümmere dich nur um dich selbst“ oder wie alle diese klugen Ratschläge heißen, die ein bequemes, ungestörtes Leben sichern sollen, werden als irreleitend erkannt werden — man kommt zu der Einsicht, daß mit dem Nichts-sehen- und Nichts-hören-wollen man mitverantwortlich wird für das Unrecht, das geübt wird und für das Elend, welches dadurch ringsum herrscht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Die leichtfertige Übereilung, mit der man aus Bequemlichkeit, um nicht helfen zu müssen, über den Gedrückten, den Unglücklichen mit den Worten den Stab bricht: „er wird es wohl nicht besser verdienen“, wird reiflicher Erwägung und Prüfung der Verhältnisse weichen. Dann wird auch zur Verteidigung des Rechts und zur Hilfe für die Leidenden der als beredter Anwalt überzeugend auftreten, dem sonst aus Scheu vor der Öffentlichkeit die Zunge den Dienst versagte, selbst wenn es galt, Gleichgültiges in Worte zu kleiden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5—7. Es wächst der Mut, der Wahrheit die Ehre zu geben, nur das Gute und den Guten gut zu nennen. Man schätzt auch das „Glück“ eines Menschen nicht allein nach seinem Vermögen, sondern danach, auf welche Weise er zu ihm gelangt ist und wie er es verwendet. Diese Gedanken werden in den nächsten Versen näher ausgeführt.
נבל ist, wie wiederholt erläutert, der sittlich Welke. — נדיב von נדב, lautverw. mit נטף: aus dem Innern herausträufeln, daher נטף Harz, freiwilliges Spenden, dem inneren Herzenstriebe folgend. נדיב ist der Edle, der gern und willig das Gute übt, ohne auch nur einen Moment dabei an sich zu denken.
כילי und im V. 7 כלי kommt sonst nicht wieder vor. Es dürfte vielleicht zusammengesetzt sein aus כל לי „alles muß mein sein“ oder aus כי לי „denn es gehört mir“, und nach der ersten Annahme die Maxime des Habsüchtigen, nach der zweiten die Devise des Selbstsüchtigen zum Ausdruck bringen. Wahrscheinlich aber bezeichnet es den, welchem beide so nahe verwandte Untugenden anhaften. Er kann nicht genug zusammenscharren, und es ist ihm unmöglich, etwas davon für andere zu verwenden. Er sucht sein Glück in dem Besitze — aber er findet es nicht und ist in Wirklichkeit nicht שוע der vom Himmel durch den Besitz Begünstigte. שוע, verwandt mit שבע ,שפע bezeichnet eine Fülle von Gütern, also שוע den Begüterten. Vgl. Komm. zu 2. B. M. 14, 13.
כי נבל וגו'. Der sittlich Welke wird in seiner ganzen Nichtswürdigkeit entlarvt werden, wenn er auch wie bisher seine niedrige Gesinnung, die ihn das Unrecht üben läßt, heuchlerisch maskieren möchte, indem er die Verantwortung dafür Gott zuschiebt und sich als der strikt Gottes Absichten Verwirklichende aufspielt: Es ist ja „Gottes weiser Ratschluß“, wenn ein Mensch durch Hunger oder Durst leidet — wer also ihn in einen solchen Zustand des Mangels versetzen hilft oder ihn darin läßt, wirkt demnach im Sinne der Vorsehung!
So der נבל und ähnlich der כלי. Wer von diesen beiden auf sittlich tieferer Stufe steht, dürfte schwer zu entscheiden sein, da bei dem ersteren die Heuchelei hervorgehoben, bei letzterem aber auf die Verworfenheit in der Wahl der Mittel und Werkzeuge aufmerksam gemacht wird, mit denen er dem Besitze um jeden Preis zustrebt. Ganz planmäßig geht er dabei vor und ist von Anfang an gleich mit allen Spitzfindigkeiten und lügnerischen Einreden ausgerüstet, um auch vor Gericht der etwaigen Klage des von ihm zu Unrecht Geschädigten zu obsiegen, wenn wirklich einmal ein אביון (von אבה gefügig sein), der ja gewohnt ist, seiner Armut halber sich fügen zu müssen, es wagen sollte, ihn, den Reichen und Angesehenen, zu verklagen. Die Voraussetzung der Unwahrscheinlichkeit eines solchen Falles liegt in dem ו des ובדבר ausgedrückt. — משפט wie ואל תבוא במשפט וגו' „Gehe nicht ins Gericht mit deinem Diener“ (Ps. 143, 2), oder ähnlich wie 2. Könige 25, 6: וידבר אתו משפט in der Bedeutung von zur Rechenschaft ziehen, und Jerem. 39, 5 und 52, 9: וידבר אתו משפטים, wo der Plural die für alle einzelnen Momente der Verfehlung Rechenschaft fordernde Untersuchung und die Strenge des ihnen entsprechenden Urteils bezeichnet.
Zu beachten ist noch die Paronomasie von וכליו und כילי und die Schreibweise von עניים, das wie ענוים geschrieben ist. Sie erscheinen als Arme, in ihrer Existenz Abhängige עניים קרי ,עניים כתיב, weil sie die Bescheidenen sind, nicht kühn und keck die frechen Übergriffe der mit אמרי שקר Lügengerede gegen sie Vorgehenden mit gleicher Waffe zurückzuweisen verstehen. Gerade deshalb aber erwählt der כלי sich vorzugsweise solche Menschen zum Opfer. Vgl. Komm. zu Ps. 9, 19.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. יעץ Präter., יקום Futur. Wie der כלי sich das Gelingen des geplanten Bubenstückes durch reifliche Überlegung יעץ von Anfang an gesichert hat, ganz die gleiche Sorgfalt wendet der נדיב der Erreichung der von ihm angestrebten edlen Ziele zu. Damit dürfte der Prophet wohl das höchstmögliche Lob für den Edlen ausgesprochen haben: er geht mit derselben Sorgfalt, ebenso vorbedacht und zielbewußt für das Gute vor, wie der Schlechte für das Böse. Das Gute, das Gottgefällige quillt aus seinem reinen Herzen und aus dem Pflichtgefühl, das ihn erfüllt, hervor, aber nicht überstürzt, nicht der Eingebung des Augenblicks folgend übt er es — er erwägt reiflich, sorgfältig — unter Aufgebot aller seiner Geisteskräfte sucht er die Chancen für die Erfüllung der edlen Zwecke sich zu sichern, dann aber tritt er dafür mit seiner ganzen Persönlichkeit והוא, seine volle Energie entwickelnd, ein und יקום wird nicht eher ruhen, bis er sie erreicht hat.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. Wie zu V. 2 bemerkt, wird die wohltätige Einwirkung, die von dem Regenten ausgeht, zuerst den ihn umgebenden Kreisen zugute kommen. Die Regeneration der hauptstädtischen Bevölkerung wird daher verhältnismäßig bald erfolgen. Aber der Prophet sieht voraus, daß es für die Provinz längerer Zeit bedürfen werde, ehe es Chiskijahus reinigender und auffrischender Tätigkeit gelingt, deren Bewohner aus der bequemen Gleichgültigkeit gegen die Anforderungen des göttlichen Gesetzes, an die sie Achas' Regime gewöhnt hatte, aufzurütteln.
Mahnend und warnend wendet sich daher Jesaia an Judas Städte und macht ihnen in eindringlichen Worten klar, wie unberechtigt die Sorglosigkeit sei, mit der sie in die Zukunft schauen, obgleich sie der göttlichen Lehre nicht achten; er sagt ihnen voraus, daß Gott zur Sühne ihrer Verfehlungen Leid über sie bringen werde: die Invasion Aschurs, die sich dann auch wirklich „über alle befestigten Städte Judas“ ergoß. (2. Könige 18, 13.)
נשים bezeichnet höchst wahrscheinlich, obgleich uns sonst keine analoge Stelle bekannt ist, die größeren Städte der Provinz und בנות, wie häufig in der heiligen Schrift, die von ihnen abhängigen, die Töchterstädte. So faßt es die Jonathanische Übersetzung auf.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. 11. ימים על שנה. Die Akzentuierung spricht dafür, daß die Worte einen besonderen Satzteil bilden und es nicht heißt: ihr werdet Tag und Jahr zittern. Ihr Sinn entspricht unserem „in Jahr und Tag“. — In eurer sträflichen Sorglosigkeit meinet ihr, es müsse alles weiter seinen gewohnten Gang gehen, ob ihr Gott die Treue wahret oder nicht —: erst kommt die Weinlese, und wenn sie beendigt ist, macht ihr euch an die Aussaat für die künftige Ernte. Doch ihr irret euch, die Ernte kommt nicht, aber dafür der Einfall Aschurs in euer Land mit allen seinen Schrecken, Entbehrungen und den Leiden, die er im Gefolge hat. — רגזה ,פשטה und wahrscheinlich auch חגורה sind Infinitive und die angehängten ה vertreten u. E. das sonst vorzusetzende ל: לרנוז לפשט לערות ולחגור. Als Substantiv müßte nicht וחגורה stehen, sondern der Akzent auf der letzten Silbe wie oben 3, 24 חגורה oder 2. Kön. 3, 21 חגורה.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. Durch שדים „Brüste“ den Nahrung spendenden Boden bildlich zu bezeichnen, liegt nicht fern, ganz besonders aber bei ארץ ישראל, das stets als von „Milch“ und Honig fließend geschildert wird. Man sieht die Quellen versiegen, aus denen die Bedingungen der Existenz flossen, und damit zugleich die Aussichten für ein sorglos heiteres Leben schwinden. — In umgekehrter Reihenfolge wie oben wird hier zuerst שדי חמד und dann גפן פריה genannt. Für dieses Jahr war die Weinlese schon beendet, ihr folgte keine Fruchternte. Daher gilt ihr Jammern zuerst dem sofort sich bemerkbar machenden Ausfall der Ernte, und sodann wehklagen sie darüber, daß ihnen im nächsten Jahre der Wein fehlen werde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. 14. Irren wir nicht, so geben uns diese beiden Verse in meisterhaft poetischer Darstellung die Grundlagen an, auf denen allein jüdisches Staats- und Gemeindewesen sich aufbauen kann. Unseres Erachtens nach ist קוץ Subjekt, שמיר Objekt und תעלה Hifil wie תעלה עלותיך (5. B. M. 12, 13, 14) u. s. קוץ und שמיר sind beides Bezeichnungen für Dorngewächse, Distel heißt שית. Die femin. Form von תעלה dürfte gerade die Schwäche, die Unzulänglichkeit des קוץ zur Produktion von etwas anderem als שמיר bezeichnen sollen: Wer Dornen säet, kann nur Dornen ernten.
על אדמת עמי. Den Boden, auf welchem Israel sich als „mein Volk“, als Gottesvolk gedeihlich entwickeln soll, dürft ihr nicht dem Ungefähr überlassen. Recht und Sitte nach der Lehre Gottes senket als Saat in den Boden, der euch trägt, ein, dann erwächst euch Glück und Gedeihen. Gebet ihr euren Wandel mit Gott dem Zufall, dem קרי (3. B. M. 26, 21) anheim, oder verletzet und verwundet ihr im Verkehr eure Mitmenschen durch die Stacheln und Spitzen des Unrechts, so erwartet von eurer Dornen-Aussaat nichts anderes als eine Dornen-Ernte — gar schmerzhaft werden die Dornenstiche Aschurs euer ganzes Wesen heimsuchen.
כי על כל בתי משוש. Zu dem stat. constr. בתי dürfte das nachfolgende קריה zu subintelligieren sein, als ob stünde כי על כל בתי קריה משוש קריה עליזה wie weiter 35, 10 und 51, 11: ושמחת עולם על ראשם. Damit ist die bedeutsame Wahrheit ausgesprochen: Es ist die Aufgabe des jüdischen Staats- und Gemeindewesens, in erster Reihe nach innen für das Gedeihen und Wohl seiner Glieder Sorge zu tragen. Mag Stadt oder Staat nach außen politisch noch so große Erfolge erzielen, noch so hoch angesehen dastehen, zu jubeln haben sie nur dann, wenn sie ihres Teils alles getan haben, damit über alle Häuser Freude sich verbreiten kann, so daß in ihnen Menschen glücklich leben können. — משוש von שוש, lautverw. mit צוץ, der Bezeichnung für das Hervortreiben von Sprossen bei der Pflanze, ist der Ausdruck für das behagliche Gefühl, nicht fruchtlos sich abgemüht zu haben, die Empfindung, vorwärts zu kommen.
Dieses Gefühl darf nicht als ein besonderes Vorrecht der gebietenden Klasse betrachtet, von den Begüterten und Großen monopolisiert werden, sich nicht beschränken auf die Paläste ארמון, die Wohnungen der פראים, der „Frei-Herrn“, der durch nichts Eingeschränkten, Ungebundenen. Vgl. Etym. Komm. zu 1. B. M. 16, 12. Es muß deren Streben sein, dieses Gefühl die breiten Schichten der Bevölkerung durchdringen zu lassen, sie bilden den gewölbten festen Untergrund, auf welchem der Bau des Staates sich erheben kann, der עפל ובחן (עפל, wovon ויעפילו, 4. B. M. 14, 44, trotzig auf etwas bestehen, s. auch Komm. zu 1. B. M. 4, 2, בחן erproben, wovon oben 23, 13 בחוניו) nur so lange stark ist, und wenn Stürme ihn umtosen, die Probe besteht, als das Fundament ungeschwächt ist, die Unterkellerung nicht gelitten hat. Erst das Bewußtsein, für das Wohl der ihnen anvertrauten „Herde“ nach Kräften gesorgt zu haben, darf in den Leitern des Gemeinwesens das Gefühl der Freude aufkommen lassen, erst dann dürfen sie sich als die „freien Herren“ fühlen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15. עד יערה וגו'. עד hier in der Bedeutung von, erst wenn. Das im Nachsatz bezeichnete Geschehnis muß mit seinem Eintreffen warten, „bis“ die mit עד eingeleitete Bedingung erfüllt ist. So 1. M. B. 27, 45: עד שוב אף וגו' ושלחתי וגו' Erst wenn der Zorn u. s. w. schicke ich hin u. s. w. Wogegen das im V. 44: וישבת עמו וגו' עד אשר תשוב וגו' in der gewöhnlichen Bedeutung von „bis“ steht. — Mit solchen grundlegenden Prinzipien will uns „der Geist“ der uns vom Sinai herab durch Gott gewordenen Thora durch ihre משפט וצדקה-Vorschriften erfüllen, wie sogleich der folgende Vers erläuternd ausführt. Von diesem Geiste getränkt, werden Menschenkreise, die jetzt in selbstsüchtiger Herzensdürre wüste und unproduktiv für die Gesamtheit dahinleben, zum fruchtbringenden Gefilde werden, und es wird der einzelne sich zum nützlichen, Segen um sich verbreitenden Gliede des Gemeinwesens entwickeln. Zugleich ergibt sich ein ganz anderer Maßstab für die Wertschätzung des einzelnen als bisher. Nicht nach der äußeren Machtstellung, nicht nach Besitz und Vermögen wird man einen jeden wardeien, vielmehr danach, wie er, geleitet von diesem „Geist aus der Höhe“, die Ziele des Rechts und der Milde zu fördern strebt.
Deshalb werden die wenigen, die bisher bescheiden lebend in selbstlosem Tun für das allgemeine Wohl als „כרמל“ Früchte zeitigend wirkten, nun in der Achtung ihrer Mitbürger und dadurch auch an Zahl „wachsen“ und wie Waldbäume erstarken. Der כתיב ist וְכַרְמֶל, der קרי jedoch וְהַכַּרְמֶל: Auch bisher waren sie כרמל, aber in ihrer Bescheidenheit achtete man ihrer nicht, übersah ihr segensreiches Wirken, jetzt erst läßt man ihre „Persönlichkeit“ zur Geltung kommen, d. i. והכרמל mit dem bestimmten Artikel ה. — Vgl. oben 29, 17.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 16. 17. Durchdringt so משפט, die göttliche Rechtsordnung, und צדקה, die als Pflicht geübte Milde und Menschenliebe alle Kreise des Volkes, auch diejenigen, welche sich bisher als steril erwiesen hatten, so zeigt sich das Heil und Segen spendende Wirken der צדקה in ihrer ganzen Stärke: die צדקה umfaßt den משפט und wird mit ihm zusammen zu einem einzigen Begriff und der heißt wiederum צדקה „Pflichttreue“, das heißt in jedem Augenblicke des Lebens allen Anforderungen der Pflicht gegen Gott und Menschen gerecht werden, das ist הצדקה mit dem ה' הידיעה, die צדקה par excellence. Ihr Erzeugnis aber ist das höchste Gut der menschlichen Gesellschaft, der Friede!
Bedeutsam aber wird מעשה הצדקה noch besonders als עבדת הצדקה hervorgehoben. עבד setzt für die Arbeit den Willen eines anderen, eines Höheren voraus. Nur dann wird der durch צדקה geschaffene שלום die Garantien einer andauernden Ruhe und Sicherheit gewähren, wenn diese צדקה nicht das Produkt einer augenblicklichen Eingebung, einer momentanen tugendhaften Aufwallung ist, sondern als עבודה, als Dienst eines Höheren, als „Gottesdienst“ geübt wird. Über צדקה s. Komm. zu 1. B. M. 15, 6.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18. בנוה שלום wie weiter 33, 20 נוה שאנן das Heiligtum Gottes, für das נוה häufig die Bezeichnung bildet, so 2. B. M. 15, 13, Ps. 79, 7, Jerem. 31, 22. 50, 19. — Seid ihr so bestrebt, euch des Ehrentitels „עמי“ würdig zu machen, fußet euer Volksdasein auf dem Boden des Gesetzesheiligtums, dann ist die „behagliche Ruhe und Zukunftssicherheit“, die V. 9 mit fast denselben Worten getadelt ward, eine berechtigte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 19. וברד Verbalform im Kal. ברדת Infin. von ירד, wie עד רדת חמותיך (5. B. M. 28, 52. — יער figürliche Bezeichnung für staatliche Macht (vgl. oben 10, 18, 19 und 34), hier, wo es היער heißt, für die des jüdischen Reiches, vielleicht zugleich auf V. 15 hinblickend „der Wald“, an dessen Erstarkung ihr nach Kräften mitgearbeitet habet. — Oben 5, 30 wird die Katastrophe, die über Juda und Jerusalem hereinbrechen werde, nach unserer Auffassung als עריפיה aus der Höhe kommende „Niederschläge“ bezeichnet, analog damit wird diese hier „Hagelschlag“ genannt.
Der Prophet schließt dieses Kapitel, in welchem er den bessernden Einfluß Chiskijahus auf Jerusalems Bewohner sofort, auf die der Provinz allerdings erst nach manchen Leidenserfahrungen wirksam voraussieht, mit dem Hinweis darauf, daß die längst verkündete Katastrophe nach göttlichem Ratschlusse dennoch eintreten werde. War sie doch unvermeidlich, da auf Chiskijahu sein Sohn Menasse folgte, der in fünfundfünfzigjähriger Regierungszeit alles tat, um die segensvollen Wirkungen der Tugend und Frömmigkeit seines Vaters zu paralysieren. Immerhin war die kleine Schar derer, die auch unter Achas Gott die Treue gewahrt hatten, unter Chiskijahu so herangewachsen und erstarkt, daß sie auch eines Menasse verderbliche Regierungsperiode überdauern konnte, um bei dem, etwa hundertunddreißig Jahre nach der in unserem Kapitel prädizierten Offenbarung, eingetretenen staatlichen Untergang als Kern der Gott getreuen Judenheit die „Thora“ in das babylonische Exil mit hinauszunehmen und ihre Wurzeln in den Boden der jüdischen Zukunft einzusenken.
Das sagt hier Jesaia: ובברד וגו' Und könnet ihr auch das Unwetter nicht bannen, das euer Staatsgebäude aus seinen Fugen gehen läßt, so daß es stürzt und mit ihm auch Jerusalems stolze Stellung sich senken muß — euer Wirken für das Judentum, ihr Gesetzestreuen, war dennoch nicht vergebens, ihr habet gelernt und habet gelehrt, es nicht von äußerer Geschickesstellung abhängig sein zu lassen, ihr werdet jetzt lernen und lehren, daß es nicht an Judas Scholle gebannt ist:
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 20. אשריכם Auch wenn ihr den Wanderstab in die Hand nehmen müsset, um ins Exil zu gehen, auch dann „ist euer der Heilesfortschritt“. Boden für eure Wirksamkeit findet ihr auch in der Verbannung, und ist nur eine Spur tränkenden Nasses vorhanden, da streuet ihr die Saat der göttlichen Lehre aus. Ob sie keimet, ob sie Wurzeln schlägt — das überlasset ihr ruhig Gott. Ihr wollet ja nichts für euch erringen; — im Dienste Gottes, eures Eigners, sucht ihr als שור, als Pflugstier den Boden urbar zu machen, euch drücket nicht die schwere Last der Saat zur Erde, die ihr seinem Willen gemäß als חמור, als Lasttier unter die Menschheit hinauszutragen habet.
משלחי רגל וגו'. שלח רגל das Strecken des Fußes zum rüstigen Schritt, wie שלח יד Handanlegen. Vgl. hierüber Komm. zu 1. B. M. 49, 14 wie überhaupt über diesen Vers.