Jeschajahu 29 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 29. Schloß das vorhergehende Kapitel mit einer Mahnung zum geduldigen Ausharren an den שאר עמו, „den Rest“ der Getreuen unter Chiskijahu, so wendet sich dieses an die Masse des Volkes derselben Zeit. V. 1: Ihr befindet euch in beklagenswertem Irrtum, wenn ihr in der Wiederherstellung des regelmäßigen Opferdienstes allein schon genügende Sicherheit für den Bestand eurer Zukunft erblickt — auch wenn euer Leben nicht den Anforderungen Gottes entspricht. V. 2—5: Eines Besseren belehrt euch die Gefahr, die Gott durch Aschur über euch bringt, das Juda mit Krieg überzieht und Jerusalem belagert; da gehet ihr in euch, werdet ganz kleinlaut, und (V. 6—8) Gott erbarmt sich eurer und vernichtet Sanheribs Heer urplötzlich.
V. 1. אריאל. Jechesk. 43, 15 wird die obere Anhöhe des Altars הראל „Gottesberg“ und seine Oberfläche wie hier אריאל der „Gotteslöwe“ genannt. Auf ihr ruht das vom Himmel niedergestiegene Gottesfeuer, das mit Löwenmacht das ganze leiblich-geistige Wesen der jüdischen Nation, das ihm in den Opfern symbolisch übergeben wird, überwältigt, um es mit all seinem irdischen Sein und Streben in den Dienst Gottes zu stellen. Dies war auch der leitende Gedanke König Davids, als er (2. Samuel 6, 16, 17) die „Gotteslade“ in die עיר דוד, die Davidsstadt Zion, überführte und dort Gott Empor- und Friedensopfer auf dem Altare darbrachte. Die Stätte, welche David sich zum Lager erkoren hatte, sollte קרית אריאל werden — (der stat. constr. קרית nimmt dem Sinne nach auf das vorhergehende אריאל bezug; finden wir doch Obadja 1, 20: וגלות החל הזה, den stat. constr. in Beziehung auf ein überhaupt nicht genanntes Bestimmungswort, das gerade damit als selbstverständlich bezeichnet wird) — zu einer Stadt werden, deren ganzes Leben durch die Flamme des Altars geläutert, dem Gesetzesfeuer geweiht und in allen seinen Beziehungen einzig und allein von dem Gottesgesetze geregelt werde. — Vgl. weiter Kap. 33, 20 קרית מועדנו die unter dem heiligenden Einfluß unserer Festeszeiten stehende Stadt. — Wenn dem so ist, dann wird der Altar seiner Bestimmung gerecht, wenn aber der Gottesdienst mit dem Opferdienste auf dem Altar beendigt sein soll, dann הוי אריאל, dann wehe um ihn, denn er hat nicht geleistet, was Gott von ihm erwartete.
Als Chiskijahu beim Antritt seiner Regierung den unter Achas entweihten Tempel Gottes wieder geheiligt, den Opferdienst nach den Vorschriften der Thora hergestellt und nicht nur Juda, sondern auch die Brüder im Königreiche Israel zur Beteiligung an der Festesfeier eingeladen hatte, da waren ungleich den letzteren, die zum großen Teile nur „mit Gelächter und Hohn seinen Sendboten begegneten“, in Juda Fürsten und Volk einmütig zu dieser Feier bereit, worüber Chiskijahu große Freude empfand, „denn urplötzlich“ war der Umschwung erfolgt (2. Chron. 29 und 30).
Der Anschauung, daß mit der Wiederherstellung des Opferdienstes nun alles gut und der Bestand des jüdischen Staates gesichert sei, tritt der Prophet mit den Worten ספו וגו' entgegen: Wenn ihr nur den Zyklus der Festesopfer ohne Unterbrechung aufrecht erhaltet, meinet ihr, sei für unabsehbare Zeit Judas Fortdauer über allen Zweifel erhaben! ספו von ספה in der Bedeutung: anfügen, häufen, wie עולותיכם ספו (Jerem. 7, 21). — חגים, חג kommt nicht bloß als Fest, sondern auch als Festopfer vor, חלב חגי (2. B. M. 23, 18), אסרו חג (Ps. 118, 27). — ינקפו von נקף, wie von נטר (Jerem. 3, 5) הֲיִנְטור. נקף kommt allerdings in der Bedeutung von Abschlagen vor, aber in: לא תקפו (3. B. M. 19,27), הקיף את העיר (Jos. 6, 3), ויקפו על העיר (2. Könige 6, 14), כי הקיפה הזעקה (oben 15, 8) u. s. w. heißt es entschieden sich im Kreise bewegen, auch abrunden; רד"ק gibt die Möglichkeit zu, daß in allen diesen Stellen die Wurzel nicht יקף, sondern נקף ist.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. והציקותי לאריאל. Hier bezeichnet אריאל die Stadt, wie ja schon im Verse vorher die innige Zusammengehörigkeit, die Altar und Stadt umfassen muß, angedeutet ist. Angsterfüllte Tage muß die Stadt Jerusalem durchmachen, um sich auf ihre Pflicht zu besinnen, „mein zu werden wie der Ariel“, ihr Verkehrsleben mir zu weihen und zu heiligen, wie die Opfer auf dem Ariel. — והיתה לי wie והיו לי הלוים (4. B. M. 3, 45).
V. 3—5 verkünden, welcher Art der beengende Druck sein und welche Wirkung er auf das Volk haben werde: Der Prophet blickt auf die Zernierung Jerusalems durch Sanherib hin (2. Könige 18 und 19), schildert im voraus die Angst und den Kleinmut, der alle ergriff und zur Entsendung einer Gesandtschaft an Sanheribs Feldherrn Rabschakeh veranlaßte, schildert die kleinlaute Sprache der Sendboten und zeigt, wie Not und Sorge demütigend auf die Gott „fremd“ Gewordenen in Jerusalem זריך einwirkten, und die „Machtkecken“ (beide Begriffe liegen ja in עריצים) sich ihrer Schwäche bewußt wurden.
Die Bemerkung, daß die Umwandlung der beiden letztgenannten Kategorien לפתע פתאם eintreten werde, läßt von vornherein befürchten, der damit gegebene Anfang zur Besserung werde nicht nachhaltig sein, wie dies auch wirklich der weitere Verfolg des Kapitels lehrt. — Über פתע und פתאם s. Komm. zu 4. B. M. 6, 9. — כדור Rad. כדר, lautv. mit כתר krönen, גדר umzäunen, heißt etwas rings umgeben, einen Kreis bilden, daher כדור Kreis oder wie oben 22, 18 Ball, Kugel, deren Peripherie das Zentrum nach jeder Richtung hin kreisförmig umgibt. Wörtlich heißt וחניתי כדור עליך „ich lagere einen Kreis um dich“. — מצב von נצב stellen, Wachtposten. — מצרת wie ובנית מצור (5. B. M. 20, 20) Belagerungswerke, wahrscheinlich Mauerbrecher oder Katapulte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6—8. Wenn nach dem natürlichen Verlauf der Dinge jede Aussicht auf Hilfe für dich geschwunden ist, dann erfolgt deine Rettung von Gott, von ד' צבא', dem alle Heere, die Menschengröße um sich schart, unterstehen; — wie ein Traum der Nacht wird alles dahinschwinden, was sich gegen das Gottesheiligtum und dessen Bekenner in Feindschaft verbunden hat. In ihren Träumen sahen sie sich in jener Nacht gewiß siegestrunken und mit gesättigter Beutegier in Jerusalem lagernd — und der Morgen fand sie mit dem Tode ringend.
וכל צביה von צבה anschwellen, wie בטנך צבה (4. B. M. 5, 21) der ganze „Schwall“ der Hilfstruppen, welche sich Sanherib anschlossen. — נפשו wohl wie אל תתנני בנפש צרי (Ps. 27, 12) Verlangen, Begehren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9—13: Diese wunderbare Errettung müßte euch dauernd bessern, müßte euch über die Ursachen-Verbindung, die zwischen eurem inneren Seelenleben und eurem äußeren Geschicke besteht, aufklären, wenn ihr nicht in gedankenloser Verblendung dahin lebtet ohne eure Aufgabe zu begreifen. Daran aber trägt die Unkenntnis des Gottesgesetzes am meisten schuld, sie raubt selbst eurer sogenannten Gottesverehrung den rechten Wert.
V. 9. התמהמהו unter Verdoppelung der ersten zwei Buchstaben von מהה, der Wurzel von מה was?, in Unentschiedenheit zögern, weilen. S. Komm. zu 1. B. M. 19, 16. — תמהו von תמה stutzig werden (Ps. 48, 6), staunen, sich wundern ויתמהו האנשים (1. B. M. 43, 33) u. sonst. — השתעשעו ושעו Beides wahrscheinlich von שעה sich hinwenden, ersteres unter Verdoppelung der ersten beiden Wurzelbuchstaben, sich wiederholt zu etwas hinwenden oder auch mit ihm beschäftigen; אשתעשע בחקתיך (Ps. 119,16), s. auch oben Kap. 11, 8 das zu ושעשע יונק Bemerkte. השתעשעו ist התפעל.
Hier heißt es also: Haltet ein, verweilet, ein Wunder hat sich soeben vor euren Augen vollzogen, gehet nicht rasch darüber hinweg, — denket nach, welche Lehre dieses Wunder euch bringen will, wendet euch eurem Innern zu (oder beschäftiget euch mit euch selbst), untersuchet, ob euer bisheriges Verhalten gegen Gottes Gesetz diese wunderbare Rettung verdiente, und blicket hinüber, schauet euch um nach eurem Brudervolke Israel, welches derselbe Sanherib, als der Vollstrecker des göttlichen Strafgerichts, soeben in die Verbannung getrieben hat.
Allein, שכרו וגו' ruft Jesaia jammernd aus, sie wollen nicht in sich gehen, freudetrunken über ihre Errettung taumeln sie gedankenlos weiter, und die guten Vorsätze, welche der Moment der Gefahr erzeugt hatte, werden vom Wonnerausche der Befreiung im Keime erstickt!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10—13. Als hättet ihr in todähnlicher Betäubung die ganze Zeit verschlafen, so wenig ist euch für das, was sie zur Reife gebracht, irgend ein Verständnis aufgegangen. Als wäret ihr mit Blindheit geschlagen, so sehr verkennet ihr eure Aufgabe als Juden; und doch hatten die Propheten sie euch immer wieder von neuem vor die Augen gehalten, während freilich euren „Gelehrten,“ euren „einsichtigen“, „vorsichtigen“, „umsichtigen“ Vorgesetzten mit der jüdischen Gesinnung zugleich der Schlüssel zum Verständnis der geschichtlichen Vorgänge wie der Gottesschrift abhanden gekommen war, — und doch sollten sie die „Augen der Gemeinde“ sein, wie es 3. B. M. 4, 13 heißt.
Euren vom Zeitgeiste des Achas angekränkelten Schriftgelehrten ward die Thora, sowohl mit dem, was sie als Aufgabe Israels lehrt, wie mit dem, was sie über seine Geschickesgestaltung verkündet, „חזות הכל“, ein versiegeltes Buch; sie wollen, weil ihnen der jüdische Sinn fehlt, es nicht lesen, nichts daraus lernen und schöpfen ihre Geisteserkenntnisse und Anschauungen nicht aus diesem göttlichen Quell.
So verblieb das Gottesbuch nur den Ungelehrten — aber auch ihnen bringt es keine Erleuchtung, sie öffnen es nicht einmal, meinen sie doch, es sei nur für die „Gelehrten“, die Theologen, geschrieben, sie seien ja Laien, keine Schriftkundigen.
Vergessen wir nicht, daß zu der Zeit, auf die Jesaia hinblickt, kaum vierzehn Jahre verstrichen waren, seit Chiskijahu das heidnische Unkraut, welches sein Vater Achas in Juda kultiviert, auszujäten begonnen hatte, um der Anpflanzung der Gotteswahrheit Raum zu schaffen, da waren sicherlich noch nicht alle Schädlingskeime zerstört; und so konnte es kommen, daß Geist und Herz des Volkes im ganzen noch nicht genügend für die jüdischen Elemente gewonnen, und bei vielen die Gottesverehrung mehr äußerlich war.
כי נגש ist Nifal. Im Kommentar zu 5. B. M. 25, 9 wird darauf hingewiesen, daß die Nifalform von נגש überwiegend als ein bescheidenes, schüchterneres Sichnähern vorkommt. Hier würde es demnach die Annäherung als eine zögernde, nur mit innerem Widerstreben erfolgende kennzeichnen. Nach der Lesart, wie sie der jonathanische Targum und ebenso אבן עזרא und andere Kommentatoren haben, stünde נגש von נגש treiben, drängen, dann wäre zu übersetzen: Darum, weil dieses Volk, nur wenn es gezwungen ward, mit seinem Munde u. s. w.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14—16: Darum werde Gott in der wunderbaren Weise, die bisher seine Gestaltung des jüdischen Volkes charakterisierte, fortfahren es zu leiten und seine Dauer zu sichern durch Mittel ganz anderer Art, als die sind, durch welche sonst die Existenz der Völker verbürgt wird, — gerettet wird Juda (V. 17—21) gerade durch das Schwinden seines Reichtums, der in ihm den Hang zur Üppigkeit erweckte und es von der Verfolgung höherer Ziele ablenkte. Einfaches, bescheideneres Leben führt es zur Thora zurück, und in ihrem eifrigen Studium findet es das Glück und die Beseligung, die es seither entbehrte. Es erkennt und beherzigt seine Aufgabe und fällt nicht mehr den Verführungskünsten einzelner machtstrebender Gewissenloser seines Volkes blindlings und wehrlos zur Beute; damit wird die Basis seines Volksdaseins verstärkt.
V. 14—16. הנני יוסף wie הנני יסד im vorhergehenden Kapitel V. 16, nur daß יסד Präter. und יוסף reguläres Futurum ist, wie לא יסף (5. B. M. 25, 3), nicht, wie manche meinen, ungewöhnliche Partizipialform. Wörtlich: Ich bin der, welcher fortfährt u. s. w., oder besser: Ich bin noch der, welcher u. s. w. Eingehende Erklärung von פלא s. Komm. zu 2. B. M. 15, 11. Die Etym. s. Komm. zu 2. B. M. 8, 18.
Die ganze Gründung „dieses Volkes“ war von Anbeginn ein Wunder, d. h. eine absolute Gottestat, die rein aus dem freien allmächtigen Willen Gottes erfolgte und völlig im Gegensatz zum gewöhnlichen Gang der Geschichte, zu der „natürlichen“ Ordnung der Dinge stand.
Sonst gehen die vereinzelt eine Gegend, einen Landstrich bewohnenden Familien, wenn sie zu einer achtunggebietenden Menge herangewachsen sind, zusammen, ziehen rings um sich, so weit sie nur können, die Grenzen ihres Machtbereiches, wählen ein Oberhaupt, eine Regierung, geben sich Verordnungen, regeln ihren Verkehr untereinander durch Gesetze und rüsten sich zum Kampfe gegen jeden, der ihnen den Besitz des Landes streitig machen, ihrer Grenze feindlich nahen könnte.
Ganz anders verfuhr Gott, als er Israel zum Volke schuf. Aus einem festgefügten, von starker Hand organisierten Staate berief er eine seit Jahrhunderten zu Sklavendiensten herabgewürdigte Menschenfamilie zu sich, erzwang durch wunderbare Eingriffe in die Naturordnung ihre Entlassung von ihren Vergewaltigern und schützte sie wiederum in wunderbarer Weise gegen ihre Verfolger, welche die gleichen Meeresfluten begruben, die soeben seinem Winke folgend den Verfolgten die Straße zur Freiheit gebahnt hatten. Dann ließ er sie vierzig Jahre in öder Wüstenei zeltlagern, ernährte sie, sorgte für alle ihre Bedürfnisse ebenfalls ganz gegen die Naturordnung auf „wunderbare“ Weise.
Und während dieser Wüstenwanderung, losgelöst von jedem Zusammenhang mit der übrigen Menschheit, empfingen Israels Söhne von Ihm seine Gesetze, seine Verordnungen, seine Vorschriften für den Verkehr miteinander und mit den übrigen Menschen; diese seine Thora sollte sie zu solch sittlicher Höhe erziehen, daß sie befähigt würden, einst Führer der Gesamtmenschheit zum reinen Menschentum zu werden.
Er gab ihnen auch Weisungen, Anordnungen in betreff des Bodens, des Pflügens, des Säens und der Baumpflanzung, bezüglich der Verwendung des Erntesegens, ein Regulativ über den Besitzwechsel von Acker und Haus — zu einer Zeit, da das Land ihrer Zukunft noch von mächtigen Völkern bewohnt, Völkern, die in Kriegskunst wohlerfahren, dabei von riesenhafter Größe und Stärke jeden Angriffs zu spotten sich berechtigt fühlten. Die an den Besitz des Landes geknüpften Anordnungen freilich sind durch ihn bedingt, alle anderen diesem Volke gewordenen Gesetze und Pflichten wurden, unabhängig von Land und Boden, ihm für alle Zeiten und Verhältnisse gegeben. Gottes Gesetz macht Israel zum Volke und erhält es als Volk, auch wenn es keine Hufe Landes sein eigen nennt, wie es auch allein durch dieses Gesetz zum Volke erstand in der Wüste, ohne Land, ohne Besitz und ohne alle die Genüsse, die der Besitz gewähren kann.
Land, Besitz, Vermögen, Macht sind nur die Kulissen, aber auch ohne sie soll und kann Israel der Leistung vollends gerecht werden, zu welcher es der Welten-Dirigent auf die Bühne der Zeiten berufen hat.
Wie dieses Volkes Gründung ein Wunder gewesen, so blieb auch die ganze Weise, wie Gott sein Geschick leitete, ein Wunder; und so ist seine ganze Existenz, ja die reine Tatsache, daß es noch da ist, ein auf Gott hinweisender Fingerzeig, ein Wunder für die Menschheit, vor allem aber ein Wunder für Israel selbst, tief bedeutsam und geeignet, in ihm das Bewußtsein seiner Gotthörigkeit stets wach zu erhalten.
Darum, weil dieses ganze Volk ein Wunder ist, wird an ihm die ganze Weisheit seiner Weisen zuschanden, wenn sie Kombinationen erklügeln, Pläne schmieden, Allianzen schließen, um seinen gefährdeten Bestand zu sichern, auch dann, wenn es dem Gesetze nicht die Treue wahrt. (Vgl. folgendes Kap. V. 1.) Ist überall jeder Ratschluß von Anbeginn gerichtet, der Gottes Auge zu scheuen hat, wieviel mehr bei diesem Volke, welches Gott in so besonderer Weise leitet. Dabei meinen diese „Einsichtigen“, sie könnten, wie es ihnen den Menschen gegenüber gelingt, auch den Allwissenden täuschen: והיה במחשך es ereignet sich etwas im Dunkeln, keiner weiß, wer es veranlaßte, und es ist doch מעשיהם das Produkt ihrer Handlungen!
הפככם! Das Verkehrteste aber, der Gipfel der Beschränktheit wäre es, wenn dieses Volk an Gottes Waltung den Maßstab menschlichen Könnens anlegen wollte, wenn es, das sein ganzes Dasein einzig dem Schöpfungs-Werde Gottes verdankt, den Meister in seinen Maßnahmen, die sich jeder menschlichen Einsicht entziehen, korrigieren wollte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17. Seht, spricht Gott, was ich jetzt mit euch vorhabe, ist auch ganz gegen den sonstigen „natürlichen“ Gang der Dinge, ist „wunderbar“: Ich will euch erstarken lassen, aber das Mittel, welches ich dazu anwende, erscheint menschlicher Kurzsichtigkeit wie eine Schwächung. Das Grundübel, an dem Juda krankt, ist die Unkenntnis der Thora, an der wiederum die durch den Bodenreichtum geförderte Üppigkeit viel schuld trägt. Aschurs Heer ist nun vernichtet und sein König auf der Flucht in seine Heimat, wo ihn der Tod durch Mörderhand ereilt. Die Schäden aber, die seine wiederholten Einfälle in Juda dem Lande zugefügt haben, werden nicht sobald heilen, ja ich sorge durch Mißwachs dafür, daß sie nicht allzubald ausgeglichen werden. Da werden die Stolzen, die Mächtigen, welche gegen Gottes Gesetz ungemein große Güterkomplexe in ihrer Hand vereinigt halten, die nun entwertet sind, zu einem bescheideneren Leben gezwungen werden. Diese bescheidenere Lebensweise aber wird bessernd auf sie einwirken, sie zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft erziehen: „Der Libanon wird zum fruchttragenden Gefilde werden“.
Diejenigen aber, die bisher, obgleich in bescheidenen Verhältnissen lebend, ohne Egoismus für das allgemeine Wohl Früchte zeitigten, soviel sie nur vermochten, wenn auch oft Undank ihr Lohn und Mißachtung der Großen ihnen zuteil ward, sie werden jetzt in der Achtung ihrer Mitbürger, von denen immer mehr sich ihnen anschließen, wachsen und in ihrer Stellung stark wie des Waldes Bäume werden — aber bescheiden bleiben und nicht „Libanonshöhe“ zu erreichen suchen. — כרמל ist höchstwahrscheinlich hier nicht der Name des Gebirges oder des Berges in Palästina, sondern wie an vielen Stellen die Bezeichnung für fruchtbare Au, Fruchtgefilde, so: oben 10, 18, weiter 32, 15, 16, Micha 7, 14.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18. Dieses Einleben in einfachere Verhältnisse wird dem ganzen jüdischen Volke in allen seinen Gliedern Zeit und Muße für das eifrige „Lernen“ des Gottesgesetzes gewähren und ganz besonders das diesem so förderliche klare, nicht durch die Nichtigkeiten eines anspruchsvollen Lebens absorbierte Denken. Sie werden דברי ספר „das, was das Buch ihnen zu sagen hat“ willig, ja „wissensdurstig“ — שמע lautverw. mit צמא dürsten — in sich aufnehmen, und das „Dunkel“ und die „Finsternis“, welche bis dahin gewisse Kreise absichtlich um sie verbreitet hatten, werden ihre Augen dann leicht durchdringen.
Wissen wir doch, daß unter Chiskijahu die Gesetzeskenntnis eine alle Schichten des jüdischen Volkes erfüllende wurde, wie bereits oben zu Kap. 7, 21 u. f. bemerkt ist. Vgl. überhaupt die dortige Offenbarung mit dieser, sie bezieht sich auf dieselbe Zeit wie unsere Stelle.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 19. ויספו וגו'. Das Eindringen in den Geist der göttlichen Gesetze heiligt das Leben des bescheidenen Kerns der jüdischen Bevölkerung immer mehr und läßt den Fonds der seelischen Befriedigung, welche die praktische Erfüllung der Pflichten stets bereitet, fortwährend wachsen. (שמח freuen ist lautverw. mit צמח wachsen.) Diese innere Freude prägt auch ihrer äußeren Erscheinung den Ausdruck des Frohsinns auf, man sieht es ihnen an, daß sie wirklich glücklich sind, sie, die bisher als die „Ärmsten der Menschen“ unter dem kecken Machtstolz der Gewaltigen so viel zu leiden gehabt hatten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 20. 21. כי אפס עריץ וגו'. Denn mit deren Herrschaft ist es zu Ende, und gleichzeitig mit ihr hat auch der in ihrer Gesellschaft nimmer fehlende לץ aufgehört eine Rolle zu spielen, er, der das von dem Machthaber Verachtete durch „geistreiche“ Witzelei verächtlich zu machen versteht. Zu dieser Schmarotzerfamilie, die sich an dem Machtgewaltigen emporzuranken sucht, gehören auch die שוקדי און und werden mit ihm zugleich verschwinden.
שקד heißt seine ganze Geistestätigkeit mit rastlosem Eifer einem Gegenstande oder einem Zwecke zuwenden, etwas eifrigst betreiben, sein Zustandekommen möglichst beschleunigen. S. darüber Komm. zu 2. B. M. Kapitel 25 zu משקדים bei Besprechung der מנורה, wo auch auf mehrere Stellen, in welchen שקד vorkommt, hingewiesen wird. שוקדי און sind diejenigen, die das Unrecht dadurch eifrigst fördern, daß sie es in ein System bringen und diesem Anhänger zu verschaffen suchen unter den Menschen, welche sie durch gewandte Beherrschung des Wortes leichtsinnig machen und so zur Sünde verleiten: מחטיאי אדם בדבר ihren dialektischen Sophismen ist der schlichte Verstand der Menge nicht gewachsen.
Und wagt es jemand öffentlich „בשער“ für das Wahre und Rechte ernstmahnend aufzutreten, so suchen sie Fehler an ihm zu entdecken, eventuell auch zu erdichten, um ihn zu diskreditieren, ויטו וגו' und diesen Wackeren und Gerechten durch ihre Verdächtigungen so anzuschwärzen, daß sich alles von ihm zurückziehe und er völlig isoliert dastehe. ויטו Hifil von נטה, das im Hifil bedeutet: etwas oder jemand zum Verlassen der geraden oder eingeschlagenen Richtung veranlassen oder zwingen, so להטותה הדרך (4. B. M. 22, 23) sie aus der eingeschlagenen Richtung auf den Weg zurückzulenken, להטות מדין דלים (oben 10, 2), להטות צדיק במשפט (Prov. 18, 5). Hier: Sie suchen den Gerechten aus seiner öffentlichen Wirksamkeit hinauszudrängen durch die Verödung, die sie rings um ihn erzeugen.
יקשון. קש heißt Stoppel, das davon abgeleitete Verbum קשש, die Wurzel von יקשון, bedeutet: Stoppeln ausreuten, auflesen, sammeln, dann allgemein sammeln, auch Hölzer מקשש עצים (4. B. M. 15, 32). Die Stoppeln, die nach der Ernte den Acker bedecken, müssen erst beseitigt werden, bevor von neuem gesät wird. Bildlich bezeichnen sie das den richtigen Gebrauch Störende, den Fortschritt Hemmende, die zu beseitigenden Fehler. So Zephan. 2, 1: התקוששו וקושו leset erst die Stoppeln an euch und dann an anderen ab, d. h. suchet erst eure eigenen zu beseitigenden Fehler hervor und dann tuet dies an anderen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 22—24: So wird das „Haus Jakobs“ seinem Vater auch jetzt keine Schande machen; die Bekenner der Gotteslehre werden in Jakobs-Stellung sich würdig vorbereiten für die einstige Zeit, in der sie auch in hervorragender Glückesstellung der Aufgabe, die ihrem Ahn mit dem Namen „Jisrael“ geworden und ihr Erbe geblieben war, zur Ehre gereichen werden. Die Vorbedingung dafür ist und bleibt: in reiner jüdischer Gesinnung durch „Lernen“ erworbenes richtiges Verständnis der göttlichen Lehre. —
V. 22—24. Derselbe Gott, der einst unseren Ahn Abraham aus seiner Gott entfremdeten Umgebung durch sein לך לך losgelöst und ihn frei gemacht hat von allem, was auf seine hohe Mission störend einwirken könnte, wird dann durch seine „wunderbare Führung dieses Volkes“ den treuen Kern des Hauses Jakob von dem unheilvollen Einfluß der ihn zersetzenden Elemente befreit haben. Vater Jakob wird sich auch jetzt, da der größte Teil seiner Nachkommen, die zehn Stämme, ins Exil wandern mußte, nicht in seiner Hoffnung getäuscht fühlen, daß „ויקרא בהם שמי ושם אבתי אברהם ויצחק“ in seinen Kindern sein und seiner Väter Name genannt werde, mit anderen Worten, daß in ihnen seine und seiner Väter Aufgabe fortleben werde. Selbst jetzt wird er sich seiner Nachkommen nicht zu schämen haben, es verbleibt בקרבו in seinem Schoße, durchweht von seinem Geiste ein bildungsfähiger Keim, מעשה ידי, an dem Gott weiter arbeitet und den er immer mehr entwickelt. Und wenn diese Gesetzestreuen jetzt auch nur als eine bescheidene Jakobsfamilie יקדישו שמי „meinen Namen heiligen“, so verdanken sie dieses Vater Jakob; er ist es, der sie mich fürchten und heiligen lehrte. Sie werden immer mehr erstarken, und wenn sie einst zu „Jisrael“ herangewachsen sind, so werden sie als ילדיו, als „seine Kinder“ den Gott ihres Vaters „Jisrael“ der Menschheit „als allmächtig verkünden“. Damit weicht der Irrtum von der Erde und die Gotteswahrheit besiegt alle widerstrebenden Elemente und wird לקח, findet Aufnahme bei der Allmenschheit. — לקח bezeichnet die „Lehre“ vom Standpunkte des Lernenden, תורה vom Standpunkte des Lehrenden: כי לקח טוב נתתי לכם תורתי וגו' (Prov. 4, 2) Denn eine, wenn aufgenommen, das Gute bringende Lehre habe ich euch gegeben, verlasset meine Lehre nicht.
יחורו: erbleichen, erblassen. Denominativ gebildetes Verbum von חור weiß. חור כרפס (Esther 1, 6). — Über die Doppelbedeutung von עריץ s. oben zu Kap. 8, 12 und 13. — ורגנים von רגן grundlos hetzen, aus Lust an Opposition zum Widerstande gegen eine Autorität aufreizen. ותרגנו באהליכם (5. B. M. 1, 27) und נרגן (Prov. 16, 28) u. f. sind Nifalformen.