Jeschajahu 28 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 28. V. 1. Von diesem trostreichen Ausblick in die Zukunftsferne wendet sich das Auge des Propheten wieder seiner Gegenwart zu. Da ist es zuerst (V. 1—4) das Reich Israel „Efraim“, auf das es sich richtet. Mit diesem Namen wird es bereits oben 7, 2 u. w. 9, 8 u. w. bezeichnet. Den „Trunkenen Efraims“, die sich vom Gottesgesetze vollständig emanzipiert hatten, ist nicht zu helfen, ihrer wartet baldiger Untergang. Gerade um diese Zeit sieht Jesaia (V. 5, 6) im Reiche Juda eine Gott treue Minorität, bisher unterdrückt, erstarken und gefestigt werden, um den bis dahin auch von dem Zeitenrausch, der Efraim das Verderben gebracht hatte, befangenen, vermeintlichen Männern des Gottesgeistes mit Aussicht auf Erfolg die Spitze zu bieten. Die Verse 7—22 geißeln scharf den schädigenden Einfluß, den diese wahnbenebelten „Priester und Propheten“ auf das ohnehin bereits vom Abfall angekränkelte Volk ausübten und sprechen es aus, daß, wenn einst das Verhängnis über Juda hereinbrechen werde, sie und die ihnen gleichen die ersten sein würden, die es trifft. Den Gott treuen „Überrest“, der auch diese Periode überdauern wird, mahnen die Verse 23—29 in ganz herrlicher Parabel, in Geduld auszuharren und Gott zu vertrauen, eine Mahnung, die zugleich für alle trüben Zeiten, ganz besonders für die der Galuthjahrhunderte ihnen ans Herz gelegt wird.
Im Reiche Israel hatte der Abfall von Gott sogleich mit seiner Gründung begonnen, als sein erster König Jerobeam „aus dem Stamme Efraim“ aus politischen Motiven heidnischen Opferdienst eingeführt hatte (1. Könige 12, 25 u. f.), um den klaffenden Spalt zwischen Israel und Juda noch zu erweitern und unüberbrückbar zu machen. Überdauerte auch die Dynastie dieses Apostaten nicht seinen Sohn, so war doch der Abfall so weit eingerissen, daß die spätere Geschichte dieses Reiches in bezug auf die Gesetzestreue nur wenige lichte Augenblicke bot, ja die Verbrechen Jerobeams durch einen Achab (1. Könige 16, 31) noch übertrumpft wurden, der sogar in seiner Hauptstadt Schomron einen Baalstempel erbaute. Die mahnende Stimme der Gottesboten verhallte ungehört in Israel oder war doch nur von kurz andauernder Wirkung. Äußerlich gelangte dieses Königreich zeitweilig zu Blüte und Machtstellung, der innere Verfall jedoch nahm immer mehr zu.
הוי עטרת וגו'. Einen solchen Moment äußeren Glanzes schaut der Prophet und ruft sein Wehe über die Ruhmeskränze aus, mit welchen die erfolgtrunkenen Führer Efraims sich krönen. Es war ihr Stolz, sich von dem Gottesgesetze emanzipiert zu haben, sie rühmten sich ihres Abfalls, dem allein sie den Erfolg zu verdanken wähnten. Sie sahen nicht, ציץ נבל wie welk bereits die Blume war, mit der sie sich schmückten.
אשר על ראש גיא שמנים. שמן Öl, Fett und davon שמנים ist der Ausdruck für Fruchtbarkeit, Wohlstand, reiche Güterfülle. Von vornherein war Israels Bestimmung (5. B. M. 32, 13) „die Doppelhöhen der irdischen Ziele“ zu ersteigen: höchste materielle Wohlfahrt und höchste geistige wie sittliche Vollendung. Es sollte als leuchtendes Beispiel der Menschheit zeigen, wie ein vollendetes geistig-sittliches Pflichtleben durchaus nicht notwendig ein Verzichten auf die heiteren Lebensgenüsse und das Aufgeben irdischen Glückes voraussetze, wie nicht nur der höchste Grad von Sittlichkeit sich sehr wohl mit dem höchsten Maß irdischen Glückes vertrage, ja wie die Sittlichkeit gerade dann erst ihre höchste Blüte erreicht hat, wenn sie es versteht, die reiche Fülle irdischen Besitzes unter das Diktat des Gottesgesetzes zu stellen, auf daß diese Fülle irdischen Besitzes Mittel zur Förderung alles Guten und Edlen werde und sich so in lauter sittliche Pflichttaten umsetze.
Nicht ein „Jammertal“ soll die Erde werden, sondern ein גיא שמנים, ein Tal gesegneter Fruchtbarkeit und reichsten Gedeihens, aber nicht in der Niedere sich verlieren, sondern zur Höhe der Sittlichkeit sich emporarbeiten. — על ראש Führer, der Erste bei diesem Hinaufstreben sollte Israel sein: zu diesem Zwecke wies ihm Gott ein Land der Fülle, „das von Milch und Honig fließen kann“, an, in welchem es der Menschheit voran den Höhenweg der Pflichterfüllung wandeln sollte. Allein die, denen solch hohe Aufgabe geworden, sie waren הלומי יין, erlagen selbst der Fülle irdischer Genüsse; nicht Mittel zur Lösung ihrer Aufgabe ward ihnen ihr reicher Besitz, sondern das Ziel ihres Lebens. Der Rauschtrank des Erfolgs umnebelte ihre Sinne und ließ sie haltlos von der Höhe ihrer hehren Bestimmung zur Erde herab sinken. — הלומי von הלם niederschlagen, niederschmettern (Richter 5, 22, 26).
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. הנה חזק וגו'. Sie verstanden nicht, sich im Glücke aufrecht zu halten, sie werden im Unglücke auch sogleich zu Boden geschmettert. Fest bleibt beidem gegenüber nur der, der in Gott seine Stärke und seinen Halt sucht. Ihn wirft nicht der Sturm zur Erde nieder, der todbringend über das Land hereinbricht, dessen Vorboten dann ja bereits im transjordanischen Gebiete verheerend gehaust haben werden. הניח ist עבר in der Bedeutung des futurum exact. gerade so wie das הכביד (Kap. 8, 23), welches auf das gleiche historische Faktum hinblickt. — ביד mit Gewalt, mit Macht, wie an vielen anderen Stellen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. Subjekt von תרמסנה sind שכורי אפרים und suff. fem. in תרמסנה gilt ihrer weiblichen Schwäche. Sie schmückten sich nicht nur, wie V. 1 sagt, mit der Krone des Stolzes, sondern betrachteten sich selbst in ihrem Hochmutsdünkel und dem Rausche des Erfolgs als diejenigen, auf welche ihr Volk alle Ursache habe stolz zu sein. Gleich dem Staate, dessen Zierde zu sein sie sich rühmen, gehen sie zugrunde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. ציצת נבל, stat. constr. von ציצה, eines weiblich nicht vorkommenden Wortes, das wohl eine armselige schwache Blüte bedeutet, während die gewöhnliche Bezeichnung für Blüte oder Blume ציץ männlich ist: Dann erweist sich's, daß die Blüte, mit der sie sich schmückten, von vornherein gar armselig war und der, dem sie zum Schmucke gereichen sollte, selbst ein sittlich Welker, moralisch Erstorbener ist. Hat sich ja die ganze Gründung des Reiches Israel von Anfang an als auf dem Abfall von Gott und seinem Gesetze beruhend erwiesen — wie konnte ein so morscher Stamm lebenskräftige Blüte treiben?! Darum war es bei seiner Geburt schon dem Tode verfallen und brach nun zusammen, wie bereits etwa zwanzig Jahre vorher sein zu allererst zum Staatswesen erblühter Teil, das transjordanische Gebiet der zweiundeinhalb Stämme, und mit ihm zugleich das des Nachbarstammes Naftali der Raubgier der assyrischen Könige Pul und Tiglath-Pilleser zur Beute gefallen waren. Vgl. 1. Chron. 5, 26; 2. Könige 15, 29 und das oben zu Kap. 8,22,23 Bemerkte.
Diesen Teil des jüdischen Volkes hatte ja das גיא שמנים, die üppig grünenden Fluren des transjordanischen Landes derart geblendet, daß er ihren verlockenden Reizen nicht zu widerstehen vermochte, und ungeachtet der naheliegenden Gefahr, den geistigen Zusammenhang mit dem Nationalganzen und seinem Heiligtume einzubüßen, den Besitz der fetten Weidegründe, die so reiche Güterfülle versprachen, nicht früh genug antreten konnte. Besitz ging ihnen über alles, selbst, wie unsere Weisen bemerken (vgl. Komm. zu 4. B. M. 32, 16), über Weib und Kind. Diese Überschätzung der materiellen Güter ist ihnen auch nicht gut bekommen — vorzeitig waren sie in deren Besitz gelangt, sie waren auch die ersten, die ihrer und der Heimat verlustig gingen. Sie waren eben unfähig, ihre Aufgabe על ראש גיא שמנים zu lösen. Hierauf dürfte unseres Erachtens nach das כבכורה hinblicken, dessen Suffix sich auf גיא, das Secharja 14, 4 weiblich vorkommt, bezieht. — והיתה geht auch weiter auf כבכורה. Damit ist hier gesagt: Wie eine frühreife, bereits vorsommerlich gezeitigte Frucht ihrer Seltenheit wegen alle Blicke auf sich zieht und mit großer Gier zuerst verspeist wird, so ergeht es dem Gebiete der am Jordan gelegenen Stämme, und ganz das gleiche Schicksal wird den übrigen Teil der zehn Stämme Israels treffen. Diese Verkündigung erfüllte sich im sechsten Regierungsjahre Chiskijahus, des Königs von Juda, wie 2. Könige 18 berichtet wird.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. ביום ההוא. Um diese Zeit hatte Chiskijahu seine segensreiche Wirksamkeit, die Ausmerzung aller heidnischen Mißbräuche in Juda, bereits mit großem Erfolge begonnen. Unter ihm erstarkte die so lange unterdrückte Minorität der Gesetzestreuen, — der Gottesschutz, der sie auch einem Achas gegenüber vor gänzlichem Unterliegen bewahrt hatte, umgibt sie jetzt allen sichtbar mit der Strahlenkrone der Pflichterfüllung und sichert ihrem Tun das Gelingen. Ihnen, die bisher trotz Hohn und Druck auf dem Posten, auf den sie ד' צבא' in der Schar seiner Diener hingestellt hatte, in Festigkeit ausharrend verblieben waren, weist er jetzt die Stellungen an, in welchen sie weiter für ihn zu wirken haben, sie werden die Richter in seinem Volke sein und er wird
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. der Geist der Verwirklichung des Rechts, der sie beseelt und durch den Mund des Vorsitzenden das gerechte Urteil sprechen läßt, dem die ausführende Gewalt alsdann Geltung verschafft. Damit erfüllen sie die ideale Mission, mit der ein jedes Richterkollegium betraut ist, עדת אל einen Gottes-Verein (Ps. 82, 1) zu bilden, der sich nach bester Einsicht und Kraft von nichts anderem als der absolut reinen Rechtskenntnis leiten läßt. Diesem, besonders wenn er von den Inhabern der staatlichen Macht genügend unterstützt wird, gelingt es משיבי מלחמה שערה zu werden (wie השיב את חמתי, 4. B. M. 25, 11), widerstreitende Interessen, die sonst leicht zur Selbsthilfe ihre Zuflucht nehmen würden, weil ihnen das Vertrauen zum Richter fehlt, zu bewegen, sich willig und gerne der friedlichen Entscheidung des vom Geiste des Rechts wie der Billigkeit erfüllten Gerichts zu unterwerfen. — שערה wie לשער. שער das Tor ist in תנ"ך die übliche Bezeichnung für Gerichtsstätte, wie Forum, der Markt, bei uns der dem Lateinischen entlehnte Ausdruck für Gerichtsstätte und Gerichtshof bildet.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. וגם אלה. Daß bis dahin, unter dem Regime eines Achas, die ausführende Gewalt nicht im Dienste des idealen Rechts gestanden hatte, bedarf keiner Erwähnung, aber auch die Priester und die geistigen Leiter der Nation, die sich von der packenden Macht der Prophetie ergriffen wähnten, waren dem Taumel erlegen, der seinen kontagiösen Einfluß von dem israelitischen Reiche aus nach Jerusalem geltend machte. War doch für den jüdischen König selbst der Regierungsmodus der israelitischen Könige Vorbild. „Er ging in dem Wege der Könige Israels“, heißt es von ihm 2. Könige 16, 3. Dort wird auch von dem willigen Gehorsam berichtet, den er für die Einführung seiner Reformen bei dem Priester Uria fand. Ihm und seinesgleichen von der „Geistlichkeit“ war das Verständnis der jüdischen Pflichten abhanden gekommen, und die geschichtlichen Ereignisse, die doch geeignet waren zu ernstem Nachdenken einzuladen, zogen wirkungslos an ihnen vorüber. Alles, was Juda vor allem zu wissen nötig, war ihnen nichts bedeutend, darüber waren sie absolut unwissend, dagegen aber überhaupt von einem solchen Dünkel vorgeschrittener Geistesbildung aufgebläht, daß sie sich für viel zu weise hielten, um noch höherer Belehrung zu bedürfen. „Sie waren die Weisen, sie allein verstanden die Zeit“, wie oben Kapitel 5, 21 sie zeichnet.
Hatten sie auch anfangs vielleicht den Reformbestrebungen mißbilligend oder auch nur mißtrauisch gegenüber gestanden, so machte sie dann das erfolgreiche Umsichgreifen der Reform irre in ihrem Urteile שגו בשכר über die durch den prickelnden Reiz der Neuerung hervorgerufene Sinnes- und Begriffsänderung. Sie waren selbst erfaßt, eingenommen (נבלעו von בלע verschlingen) von dem Weine, der ihnen mundete und der, wie sie meinten, auch recht bekömmlich war. Die Strafe Gottes für den Abfall blieb ja aus; gelegentliche Kalamitäten, in die man durch Angriffe anderer Völker geriet, waren doch „rein politischer“ Natur, — der zwischen ihnen und Juda bestehende Gegensatz würde ohnehin immer mehr schwinden, je mehr das Judentum sich dem Heidentum zu assimilieren „fortschreite“ — so שגו בראה wurden sie an dem „Schauenden Einen“ oder, wie wir vorzogen zu übersetzen, an der Vorsehung irre und פקו פליליה schritten hinaus zu ungehöriger Selbstentscheidung, maßten sich die Bildung des Urteils an, was ihnen ja in keiner Weise zukam: „Denn die Lippen des Priesters sollen die Erkenntnis schützen, und Thora, Lehre, sucht man von seinem Munde, denn Bote Gottes Zebaoth ist er!“ heißt es Maleachi 2, 7.
Mit dem Maßstabe der göttlichen Lehre hat er die Erscheinungen des praktischen Lebens seiner Zeit zu messen und zu prüfen und das gewonnene Urteil dem Volke zu bringen, unbekümmert darum, ob er damit den Beifall der Menge erntet oder sich ihr Mißfallen zuzieht, indem er ihr Gebaren verurteilt. So nur erfüllt er seine Pflicht als „Bote“ Gottes, so nur „schützt“ er die Gotteserkenntnis. Und ebenso der Prophet, dessen Name נביא durch die Lautverwandtschaft mit נבע hervorquellen ja ausspricht, daß er nur der Quell zu sein hat, durch den das Gotteswort zutage tritt; nur aus Gottes Born Geschöpftes hat er als Lebenstrunk dem Volke zu überbringen, nicht das Produkt eigener selbstherrlicher Schöpfung, und wäre es auch noch so sehr nach dem Geschmacke der Menge!
שנו von שנה bezeichnet einen Irrtum, der dadurch veranlaßt wird, daß der Geist von einer Gedankenrichtung oder einem Gegenstande derart eingenommen ist, daß er von anderem abgezogen wird und es außer acht läßt. (Etym. s. Komm. zu 1. B. M. 8, 1.) — שכר dürfte nicht bloß berauschendes Getränk bezeichnen, sondern auch den durch es erzeugten Zustand des Rausches, wie wir dieses ja von יין in ויקץ נח מיינו (1. B. M. 9, 24) finden. — תעו von תעה herumirren, weil man nicht weiß, welche Richtung einzuschlagen ist, so והנה תעה בשדה (1. B. M. 37, 15). פקו von פוק, welches ein die bisherigen geeigneten oder natürlichen Schranken überschreitendes Hinausgehen ausdrückt. Etym. s. Komm. zu Ps. 140, 9. — פליליה von פלל urteilen, richten. Etym. s. Komm. zu 1. B. M. 11, 7.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. כי כל וגו'. Die Folgen dieses Rausches, der weite Kreise der Bevölkerung ergriffen hatte, machten sich in der Verunlauterung des häuslichen Lebens in entwürdigender Weise bemerkbar — auf dem Altar des Hauses, dem Tische, war für das Reine, das Göttliche kein Platz mehr. — קיא von קאה auswerfen, erbrechen. צאה von יצא hinausgehen, austreten, ausscheiden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. את מי וגו'. Keiner will mehr belehrt, keiner vom Besseren überzeugt werden. Von der Erkenntnis der Wahrheiten unserer heiligen Lehre will man nichts wissen, und deren mündlich überlieferten Erläuterung versagt man jedes Gehör. Ammenmärchen sind's, die man Kinder glauben machen kann — „die Milch der frommen Denkart“, die uns für ein Leben der Selbstbeherrschung großziehen will — von der haben wir uns entwöhnt, die „Lehre der Mutter“ (Proverb. 1, 8), mit der uns die Mutterbrust nährte, hat nichts Verlockendes mehr für uns, — „Sittenreinheit und Gottesfurcht“, wir ziehen ihr ein freies, ungebundenes, lustiges Leben vor, kennen keine Furcht, sind ja mündig und viel zu alt für die Mutterbrust und die an der Mutterbrust eingesogenen Ideen! עתיקי משדים kann auch heißen: sind der Mutterbrust Entrückte; die von uns gewählte Übersetzung hat den Vorzug, mehr der grammatischen Form von עתיקי zu entsprechen als die andere, die eher eine passive Form, die aber überhaupt nicht vorkommt, erfordern würde. Die Etymologie von עתק s. Komm. zu 1. B. M. 12, 8.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. כי צו לצו וגו'. Das ganze Gesetz Gottes in seiner Gesamtheit heißt מצוה (5. B. M. 30, 11) und ebenso jedes einzelne Gebot Gottes. Der Ausdruck צו als Hauptwort kommt außer hier nur noch im Munde des mit Jesaia gleichzeitig wirkenden Propheten Hosea 5, 11 vor, da er אפרים dem Reiche Israel gänzlichen Untergang verkündet „כי הואיל הלך אחרי צו“ „denn es hat den Anfang gemacht, selbstgeschaffenem Gesetze zu folgen“. Wie dort צו nichts anderes als Menschensatzung heißen kann, so dürfte auch hier diese Bezeichnung die Leugnung des göttlichen Ursprungs unserer מצות ausdrücken sollen, wie dies ja im V. 13 ausdrücklich gesagt wird.
Nicht מצוה, nicht Gebot Gottes, sondern von Menschen ersonnene Satzung seien die Gebote, für welche die Thora Gehorsam verlange, sagten die Verblendeten, von den Priestern des Abfalls mit solchen Argumenten Verführten. Und diesem Menschenwerke liege nicht einmal eine tief durchdachte höhere Idee zugrunde, sondern Produkt menschlicher Willkür seien diese Gesetze, keines habe einen eigentlichen Zweck im Auge, jede Verordnung sei nur zur Stütze einer anderen, ebenso zweck- und grundlosen, erdacht. Ganz so wie mit den Geboten stehe es auch mit den Verboten. — קו gewöhnlich Meß- oder Richtschnur, wie auch im V. 17, dürfte hier die zum Absperren gespannte Schnur bezeichnen, die Linie, die man nicht überschreiten darf — da solle jedes Verbot, jede Beschränkung nur ein anderes Verbot vor der Gefahr des Übertretenwerdens schützen.
Und um was handle es sich bei dem einen wie bei dem anderen, bei Geboten und Verboten, nicht um die erhabenen, großen, wirklichen Ziele des Lebens — וזעיר שם וגו' um Geringfügiges und Kleinliches hier wie dort! Was und wie man essen oder nicht essen darf, arbeiten oder ruhen soll, kulinarische Vorschriften, veraltete Sanitätsmaßregeln, minutiöse Zeremonialgesetze, wie man sich kleiden, Haar und Bart abnehmen darf oder nicht und dergleichen noch vieles, lauter Kleinigkeiten! Das soll alles den großen, allmächtigen Gott kümmern! Das ist der beste Beweis, daß das Gesetz nur von Menschen gemacht ist!
Das war das Gift, welches falsche Priester und Propheten in das Ohr des Volkes träufelten und das gerne, ja gierig von ihm aufgenommen wurde, weil es ihm schmeichelte und dem praktisch bereits Mode gewordenen Abfall die priesterliche Sanktion erteilte und den Segen spendete. Die Wirkung dieses Giftes war derartig, daß
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. 12. כי בלעגי וגו' wer seinen Volksgenossen gegenüber den göttlichen Ursprung der Gesetze behaupten und sie über das eigentliche Wesen und den unschätzbaren Wert derselben aufklären wollte, zunächst von ihnen für einen Gesinnungsgenossen gehalten werden würde, der sich über diese Gesetze „lustig machen will“. Denn nur ironisch gemeint, nimmer ernst könne es jemandem sein, der von diesen Gesetzen sagt, daß gerade sie dem jüdischen Menschen und einst nach allen fruchtlosen Kämpfen und Mühen sogar der Allmenschheit die durch nichts anderes zu gewinnende Gemüts- und Seelenruhe bringen wollen, ja daß die Unterordnung unter das Diktat des göttlichen Willens allein die wahre Befriedigung und Seligkeit schon hier auf Erden gewähren wolle und gewähren könne. — Das wäre der erste Eindruck, den ein solches unternehmendes Wagnis auf die Hörer machen würde.
Sobald ihnen jedoch klar geworden wäre, daß der Redner im Ernste spreche, würden sie ihn absolut nicht verstehen — als spräche er in einer fremden Sprache — ja sie würden ihm energisch das Gehör verweigern. — Vielleicht bezeichnet der in ולא אבוא hinzugefügte Buchstabe א, der ja das Zeichen der Persönlichkeit ist (s. Komm. zu 1. B. M. 48, 16), die Energie, mit der ihr ganzes Wesen sich gegen das Zuhören sträubt. Ähnlich dürfte auch in der, soviel uns bekannt einzigen Stelle, in der ein solches am Ende eines Verbums hinzugefügtes א vorkommt, Josua 10, 24: ויאמר אל קציני אנשי המלחמה ההלכוא אתו die Energie betont werden, das Einsetzen ihrer ganzen Persönlichkeit, mit der sie Josua Heeresfolge geleistet haben.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. והיה להם וגו'. So kam es, daß דבר ד' des alliebenden, barmherzigen Gottes Gesetzbuch, bei welchem Inhalt und Zweck eines jeden Wortes der Mensch selbst mit seinem ganzen Leben ist, wie dies der Überbringer dieser „Lehre“ noch an seinem letzten Lebenstage: כי לא דבר רק הוא מכם (5. B. M. 32, 47) aussprach — ihnen zu einem von Menschen erklügelten unnützen System kleinlicher, nichts bedeutender Vorschriften und Anordnungen wurde, das nur das eine Ziel verfolge, dem Juden, der so unvernünftig ist, sich nach ihm zu richten, das Leben recht zu erschweren, ihn im Fortschritt zu hemmen und zu Fall zu bringen und zu bewirken, daß die jüdische Nation als solche hinter allen Völkern der Menschheit zurückbleiben müsse. — Ergänzend ist noch zu bemerken, daß die Wiederholung צו לצו צו לצו und קו לקו קו לקו in dem Sinne zu nehmen ist, wie בבקר בבקר (2. B. M. 16, 21. 30, 7 u. in unserm Kap. V. 19) Morgen für Morgen, oder jeden Morgen, ביום השבת ביום השבת (3. B. M. 24, 8 u. s. w.) also: jedes Gebot, jedes Verbot.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. אנשי לצון. Wie die Wurzel von לשון לוש kneten ist und diese als das Organ bezeichnet, welches die Laute zu einem auszusprechenden Worte formt, eigentlich „knetet“, so drückt die צ-Wurzel, wie gewöhnlich im Verhältnis zur ש-Wurzel, auch in לץ und לצון das Gekünstelte der Sprache aus, die Zungengewandtheit. In günstigem Sinne kommt לוץ in מליץ Dolmetscher, Fürsprecher und Dichter vor; ersterer versteht es, Gedanken und Worte aus einer Sprache in die andere gewandt zu übertragen, der zweite: Tatsachen und Umstände so zu gruppieren und darzustellen, daß das Urteil des Richters dadurch beeinflußt wird, und die Dichtkunst schließlich formt sprachgewandt den Gedanken dergestalt, daß er das Gemüt mehr anspricht als in der gewöhnlichen Sprache. Höchst tadelnswert ist aber לץ der Spötter, der לצון die Zungengewandtheit benutzt, um in harmlos klingender Rede etwas Verletzendes zu verstecken, Schlechtes und Gemeines als gut und edel darzustellen, oder Gutes und Heiliges herabzuwürdigen, oder wie hier in salbungsreicher Sprache den göttlichen Ursprung der Thora mit verführerischer Dialektik wegzuleugnen.
משלי העם הזה könnte auch heißen „die dieses Volk beherrschen“. Da aber das die beherrschte Persönlichkeit bezeichnende Wort fast überall in תנ"ך mit ב konstruiert wird: והוא ימשל בך (1. B. M. 3,16), ואתה תמשל בו (das. 4,7), ומשלת בגוים רבים, ובך לא ימשלו (5. B. M. 15, 6) u. s. w., so ziehen wir hier vor, es in der anderen Bedeutung von משל Gleichnis zu nehmen: על כן יאמרו המשלים (4. B. M. 21, 27), also Spruchredner oder Schönredner, die ihr Volk, das doch in dem zu Jerusalem deponierten Gottesgesetze fest wurzeln sollte, durch geschickt angewandte Sophismen, denen sein schlichter Geist nicht gewachsen ist, über seinen Treubruch hinwegtäuschen, ja sogar wagen, diesen Treubruch selbst als Treue und wahre Religiosität heraus zu putzen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15. An diese Irrlehrer wendet sich der Prophet: Ihr brüstet euch mit eurer Klugheit, ihr saget, „wir haben auch den durch den Zusammenstoß mit den Völkern von Gott verkündeten nationalen Tod Judas mit in den Kreis der Berechnung gezogen und uns eben diesen Völkern in Sitte und Denkungsweise völlig assimiliert; mag Juda zu Grabe gehen, wir haben nichts zu fürchten. Was die Völker uns als „Religion“ bringen, das wissen wir wohl, ist Täuschung, aber wir werden schon verstehen, ihnen vorzulügen, daß wir begeisterte Anhänger ihres Glaubens seien. Dies für den Fall, daß das angedrohte Verderben wirklich kommt, aber vielleicht ist diese Vorausverkündigung der Propheten gar nicht wahr, oder sie beruht auf Wahrheit, ist aber bereits in Erfüllung gegangen in dem Mißgeschicke, welches den Nachbarstaat Israel getroffen hat!“ — — Diese letztere in Anrechnung gebrachte Möglichkeit finden wir in dem קרי וכתיב des כי יעבר. Gelesen wird כי יעבר Futur., geschrieben ist כי עבר Präterit.: Das קרי deutet die Art an, wie etwas zu sein scheint, das כתיב die Wirklichkeit. Scheinbar, so sagten sie, kommt es erst, aber in Wirklichkeit ist es schon vorübergegangen. — So klug kombiniert ihr, spricht der Prophet, aber
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 16. לכן וגו' dem gegenüber hat Gott gesprochen, der auch, wenn er ins Gericht geht mit dem Sünder, seine Milde gegen den noch der Besserung Fähigen walten läßt: Was ich in Zion gegründet habe, das hält die Prüfung aus, die ich über Juda bringe, und dauert aus als Eck- und Grundstein des Zukunftsbaues für alle Zeiten. Wer in Gott sein Vertrauen gesetzt hat, wie der im V. 5 gedachte ausdauernde Rest, der verliert nicht die Geduld. — מוסד מוסד; das erste ist Hauptwort in der Bedeutung wie יסוד der Grund, das zweite Zeitwort.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17—19. וישמתי וגו'. Was ganz gegen die vorgeschriebene Baulinie des Rechts von vornherein in falscher Richtung aufgebaut worden, das freilich muß verschwinden; was aber auf dem Boden göttlicher Rechtsordnung gegründet wurde, im Laufe der Zeit durch Mangel an Sorgfalt in etwas aus der gerade emporstrebenden Linie gewichen ist, das bringt Gott mit seiner Milde wieder in die lotrechte Richtung.
Eure Berechnung aber, ihr Volksverführer, wird sich in jeder Beziehung als irrig erweisen — — Gottes Gericht trifft ein, ihr erwartet Schutz bei der „Lüge“, ihr seid zwar Meister in der Verstellung, — dem Verräter, dem Apostaten mißtraut aber auch der Gegner, und so seid ihr und die euch gleichen bei jedem kommenden Verhängnis die Ersten, die ihm in entsetzlicher Weise zur Beute fallen. (Vgl. dafür beispielsweise das oben zu 22,15 in bezug auf שבנא Bemerkte.)
יעה Wegräumen kommt nur noch als Hauptwort in יעים: Geräte zum Wegräumen der Asche im משכן und מקדש vor als Schaufeln. — וכפר: Die Grundbedeutung von כפר ist: die Folgen oder Wirkungen von etwas aufheben. Näheres darüber und die Etym. s. Komm. zu 1. B. M. 6, 14. חזה in V. 15 und חזות hier erklärt sich selbst als ein, in „Voraussicht“ auf etwas in der Zeitenferne Eintretendes, abgeschlossener Vertrag, oder auch aus dem Begriff „Vorsicht“. S. anfangs d. B. zu חזון. — זועה: Rad. זוע Bewegung, ולא זע ממנו (Esther 5, 9) äußere, hier: innere Bewegung, wie im Deutschen: Ent-setzen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 20. Im V. 12 wird das Gottesgesetz selbst und was es dem jüdischen Volke bringen soll מנוחה und מרגעה genannt, Ruhe und Befriedigung von Gemüt und Seele. Jenes und diese hatten ihm die Irrlehrer mit sophistischer Gewandtheit geraubt und ihm dafür geschickt einen Ersatz in die Hände gespielt. In einer treffenden Metapher zeigt Jesaia hier die Unzulänglichkeit dieses Surrogates. Verlaß, Ruhe, Schutz in allen Lagen des Lebens gewährt zu jeder Zeit die Thora, — das Machwerk der Irrlehre ist eine Lagerstätte, vielleicht recht hübsch und zierlich anzusehen bei Tage, im Sonnenschein, — will man aber nach des Tages Mühen und Kämpfen, wenn die Nacht gekommen und die Kälte, ausruhen und sich vor ihr schützen, so erweist sie sich als zu kurz, und zieht man die Glieder ein und macht sich recht klein, so ist die Decke zu schmal, von allen Seiten strömt nächtliche Kälte herein.
Für den Ernst des Lebens gewähren die trügerischen Lehren keine hinlängliche Beruhigung, und sucht man sich und das verfehlte Leben mit dem Bekenntnis der eigenen Kleinheit zu decken, so zieht man sich damit erst recht den Selbstvorwurf zu: „wenn du so winzig, so klein bist, dann war es um so anmaßender von dir, dein Leben eigenwillig, nicht nach Gottes Wünschen gestalten zu wollen“.
מהשתרע von שרע strecken, wovon שרוע (3. B. M. 21, 18) einer, dessen eine Hüfte weiter hervorgestreckt ist als die andere. כהתכנס Hispael von כנס versammeln: Kal, כנוס את כל היהודים (Esther 4, 16) versammle alle Juden, Piel: נדחי ישראל יכנס (Ps. 147, 2) Israels Zerstreute sammelt er wieder ein, hier Hispael: die eigenen Glieder sammeln, d. h. an den Körper hinaufziehen. Das כ in כהתכנס heißt: sobald, wie, als, so כשמע עשו (1. B. M. 27, 34) als Esau hörte, כשמעם (das. 34, 7) sobald sie es hörten u. s. w.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 21. כי כהר וגו'. Unerwartet, plötzlich wird Gott euch erscheinen, wenn er aufsteht, mit euch ins Gericht zu gehen, wie donnerndes Erdbeben grollend euch den Vorwurf entgegenschleudern: Ihr maßet euch an, statt meiner dem Volke sein Gesetz geben zu wollen, ihr gebärdet euch als Diener Gottes — ihr habet ja selbst jeden Zusammenhang mit Gottes Werk verloren, seid ihm und seinem Dienste längst völlig entfremdet. Ihr rühmet euch, die Augen verdrehend, eurer Gottesnähe, behauptet, von seinen Absichten stets unterrichtet zu sein, das habet ihr so oft dem Volke vorgelogen, daß ihr zuletzt es selber glaubtet — um so überraschender wird euch Gottes Hervortreten überwältigen. — לעשות מעשהו und ולעבד עבדתו sind kurze Fragesätze (wie הכל היום im V. 24), denen ebenso kurze Antworten folgen. פרצים Plural von פרץ Durchbruch, Bresche (Amos 4, 3 bezeichnet פרצים die Breschen in der Stadtmauer), auch Riß, durch plötzliches Eingreifen verursachte Niederlage im Kriege, bahnbrechendes Vorgehen. Unsere Übersetzung von הר פרצים entspricht der Jeschurun Jahrg. 9 S. 303 gegebenen Auffassung, die das unerwartete Auftreten Gottes hier in einem Berge zur Anschauung gebracht sieht, der bei Erbeben, in flacher Ebene plötzlich aus der Erde hervorbricht. Andere Erklärer nehmen die Stelle hier als einen Hinweis auf das sichtbare Hervortreten der göttlichen Waltung zu בעל פרצים (wörtlich: „der Herr der Niederlagen“), 1. Chron. 14, 11—17. An diese Niederlage der Philister zu בעל פרצים knüpfte sich weiter der Sieg König Davids, der sie auf Geheiß Gottes verfolgte, und dieser siegreiche Kampf erstreckte sich das ganze Tal hindurch „von Gibeon bis Gasrah“.
Diese Auffassung hat unserer unmaßgeblichen Ansicht nach sehr viel für sich; einmal erklärt sie die Erwähnung von „Gibeon“, und zweitens trat bei בעל פרצים zugleich die Nichtigkeit der heidnischen Gottheiten klar zutage, auch für die Philister, die flüchtend ihre Götter zurückließen, welche dann der Vernichtung anheimfielen. Danach wäre zu übersetzen: Denn wie bei Berg Perazim wird Gott sich erheben, wie im Tale zu Gibeon seinen Zorn äußern: — Nach Targ. Jonathan bezöge sich כהר פרצים und כעמק בגבעון auf das Secharja 14, 5 erwähnte Erdbeben zu König Usiahus Zeit, und auf die Josua 10, 10—14 berichteten Wunder.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 22. אל תתלוצצו, Hispael: Wenn meine Worte euch vielleicht doch nachdenklich gemacht haben, so unterdrücket diese Anregung nicht dadurch, daß ihr euch künstlich zum Spotten aufstachelt, sonst könnte eure Strafe noch härter ausfallen. Andererseits ist euch selbst jetzt noch die Möglichkeit gegeben, euer Geschick zu mildern, denn Gott läßt seine Milde auch dann noch walten, wenn das Gericht auch schon beschlossen ist. — S. auch das oben zu Kap. 10, 23 Bemerkte. — על כל הארץ: So äußert sich Gottes Waltung auf der ganzen Erde, wo er als ד' צבא' Menschen für seinen Dienst erzieht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 23—26. Daran knüpft der Prophet Bitte und Mahnung an die gesetzestreue Minorität, den שאר עמו, in Geduld auszuharren. In Form einer Parabel läßt er sie das Walten der göttlichen Weisheit dem Menschen und der Menschheit gegenüber ahnen. Nicht in einem Tage kommt zur Vollendung, was nach Gottes Willen erstehen soll. Wie der Landmann erst pflügt, ehe er den Samen ausstreut, den Acker öffnet und düngt, wie er aus der Erfahrung gelernt hat, in welcher Weise er die verschiedenen Saaten am besten einsenkt, welche Stelle am geeignetsten für die eine, welche für die andere Erfolg versprechend sei — so verfährt Gott mit dem, den er für ein die göttliche Rechtsordnung verwirklichendes Leben erziehen, den er belehren will. Er bereitet durch das Geschick, das er ihm sendet, ihn vor, befähigt ihn allmählich für die Lösung seiner Aufgabe, weist ihm die dafür passende Stelle an, die dem Menschen freilich häufig nicht als die für ihn geeignetste erscheint — auch das Saatkorn würde vielleicht lieber im hellen Sonnenschein weilen, als sich in die dunkle Nacht des Bodens einsenken zu lassen! — — שורה Adv. von שור maßhalten, wovon משורה das Maß, reihenweise. (Etym. s. Komm. zu 1. B. M. 17, 15.) — נסמן von der Wurzel סמן, die in תנ"ך nicht wieder vorkommt, aber im Talmud sehr häufig ist, heißt: bezeichnet.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 27. Und wie verschieden ist erst die Behandlung, der die gereifte Saat ausgesetzt ist, um sie gebrauchsfähig zu machen; Dill und Kümmel bedürfen keiner schweren, zermalmenden Instrumente, Stab und Rute genügen dafür;
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 28. 29. aber je edler die Frucht, um so mehr hat sie zu erdulden, ehe sie ihre Vollendung erreicht hat. Daher reicht für לחם, für das, was Brot werden soll, noch nicht einmal das Dreschen hin, auch nicht mit den gewichtigsten Vorkehrungen, und noch so lange anhaltend. Das Produkt der edlen Brotfrucht soll ja ganz „fein“ werden, dann erst erfüllt sie ihren Zweck vollends. Durch Dreschen kann nur die unbrauchbare Hülse entfernt werden, die letzte Verfeinerung geschieht durch Mahlen.
So Israel — all das Leid, das über es hinfährt, soll und kann es nur reinigen von allem, was ihm nach der göttlichen Lehre nicht anhaften dürfte; die letzte Verfeinerung aber, deren es zur Erfüllung der Aufgabe, für welche Gott es berufen hat, bedarf —
גם זאת, gerade diese höchste Vollendung, welche den Endzweck all der Leiden, denen es ausgesetzt ist, bildet, diese hat Gott nicht der rohen Gewalt, mit welcher die Völker Israel mißhandeln, überlassen, diese vollzieht Gott selbst!
Freilich הפליא entzieht sich das „Wie“ unserem Begriffsvermögen, aber desto großmächtiger ist die Art und Weise, wie das von Gott Beabsichtigte תושיה (von יש wirklich) Wesen und Gestalt annehmen, zur Tatsache werden wird.
Bei dieser Auffassung ist nur die sonst nicht wieder vorkommende Infinitivform אדוש statt דוש schwierig, doch sind alle älteren Kommentatoren darin einig, daß es dafür mehrfache Analogien gibt. Andere geistreiche Erklärungen dieses Verses sind mehr oder minder schwierig wegen der Akzente und auch weil sie zwischen דוש und דקק keinen Unterschied machen: מדושתי ובן גרני „Mein Dreschkorn und das Kind meiner Tenne“ nennt auch oben Kap. 21, 10 der Prophet Israel (s. dort), hier aber wird noch דק יודק hinzugefügt. יודק und ידקנו, ersteres הפעל letzteres קל von דקק, das die Wurzel von דק fein, dünn ist; hier heißt es fein mahlen, reiben oder stoßen, וידק לעפר (2. Könige 23, 6), הדק ganz fein (2. B. M. 30, 36).
גם זאת מעם ד' צבא' יצאה wie מד' יצא הדבר „von Gott geht die Sache aus“ (1. B. M. 24, 50). Damit ist als Ziel der ganzen jüdischen Geschichte, die höchste Vollendung Israels für seine Aufgabe angegeben; diesem Ziele entgegen soll jeder, der Gott die Treue bewahrt hat, in jeder Zeit geduldig ausharren, wie oben V. 16 המאמין לא יחיש. Das ist's, was der Prophet mit dieser Parabel dem „שאר עמו“ einer jeden Zeit auf das wärmste ans Herz legt.