Jeschajahu 27 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 27. V. 1. Die Bildung des Wortes לויתן von der Wurzel לוה, die in zahlreichen Stellen, wie ילוה אישי אלי (1 B. M. 29, 34), וילוו עליך וישרתוך (4. B. M. 18, 2), כל הנלוים עליהם (Esther 9, 27), allgemein den Begriff des Anschließens, des Zugesellens ausdrückt, weist zunächst darauf hin, daß לויתן eine Vereinigung vieler, eine Gesellschaft, bedeutet. Die herrliche Naturschilderung, die (Job 40, 25 u. f.) den לויתן mit dem vorher gezeichneten בהמות zusammenstellt, das, worauf ja auch schon seine Pluralform hinzielt, einen Kollektivbegriff bezeichnet, die „Landtierwelt“, läßt in לויתן uns die „Wassertierwelt“, die Tiergesellschaft der Gewässer erkennen, die wie die Landtierwelt in den hervorragendsten Typen der Größe und Macht, welche in einzelnen Tierarten zerstreut vorkommen, dort geschildert wird.
Zu dem gleichen Ergebnis, daß לויתן die Tierwelt der Gewässer bezeichnet, führt auch Ps. 104, 25, 26: זה הים גדול ורחב ידים שם רמש ואין מספר חיות קטנות עם גדולות שם אניות יהלכון לויתן זה יצרת לשחק בו dieses Meer groß und weit geufert, dort Gewimmel ohne Zahl, kleinste Tiere nebst größten — dort ziehen Schiffe hin, diese Tiergesellschaft aber hast du geschaffen, sich munter darin zu tummeln.
Dem Tierreich entlehnte Bilder zur Bezeichnung von Völkern, Staaten und ihrer Dynastien sind in den Büchern der Propheten wie überhaupt in der heiligen Schrift sehr gebräuchlich. לויתן als bildlicher Ausdruck vom Tierreich auf die Menschheit übertragen, ergibt die Zeichnung derselben als Menschengesellschaft überhaupt, als die staatliche Völkermacht im allgemeinen. Dafür spricht auch die sprachliche Abstammung des Wortes לויתן von לוה, wie bereits bemerkt. Insbesondere bezeichnet aber לוה einen solchen Anschluß, ein solches Band, das durch die Interessenabhängigkeit des einen vom andern sich bildet: לוה ist die spezifische Bezeichnung des Verhältnisses des Schuldners zum Darleiher, des Klientenverhältnisses. Selbst in den oben zitierten und ähnlichen Stellen, wo es in der נפעל-Form mit אל oder על konstruiert auftritt, drückt es jene Verbindung aus, in welcher der Abhängige, seinen Vorteil, seine Befriedigung, sein Heil Suchende zu demjenigen steht, in welchem oder durch welchen er die Erreichung dieser Ziele erhofft.
Daher gibt es kein treffenderes Wort als לויתן zur Bezeichnung der historisch gegebenen Menschengesellschaft, in der ja „Interesse“ der eigentliche Kitt ist, der sie zusammenhält, in der jeder sich an den andern anschließt und anschmiegt, ja gegebenenfalls ihm unterordnet, nur um dadurch für sich selbst die Befriedigung der eigenen Wünsche, die Erreichung der eigenen Ziele zu finden.
Das ist aber nicht die Idee, auf der nach Gottes Waltungsplan die staatliche Völkermacht sich gründen, der Staat sich aufbauen soll; nicht eigenes Interesse, sondern Brudersinn und Pflichtbewußtsein, das Bestreben, zum Glück der Mitmenschen das Seinige beizutragen, mitzuwirken zur Heilesgestaltung der Gesamtheit sollen die treibenden Kräfte sein, die die Menschen zusammenführen, sollen die Basis der Staatenbildung werden und werden sie werden zu der Zeit, auf die unser Prophet hinblickt: Dazu bedarf es aber der völligen Beseitigung jener Interessenpolitik, die in letzter Folge zum Unheile, zur Vernichtung des Schwächeren durch den Stärkeren führt.
Unser Vers kennt nun zweierlei לויתן, zweierlei menschengesellschaftliche Gestaltungen: לויתן נחש בריח und לויתן נחש עקלתון, eine wie ein Riegel innerhalb der für sich im voraus abgesteckten Bahn auf ihr Ziel geradezu losgehende Macht und eine in Schlangenwindungen ihr Ziel erstrebende Macht: somit die Potenz der Gewalt und die Potenz der List in dem historischen Menschenvereine. Zum Staat der Gewalt, die jede Klugheit als Feigheit verschmäht, nur auf ihre Stärke sich stützend, alles ihr Entgegenstehende vernichten will, um die Welt für sich zu erobern, oder zum Staat der Politik, die mit Schlangenklugheit in Schlangenwindungen sich krümmend eben dasselbe Ziel zu erschleichen sucht, welches mit Gewalt zu erringen ihr an Stärke gebricht, sieht der Prophet die Vereinigung der Menschen ausgeartet und verkündet das gewaltsame Einschreiten des göttlichen Gerichts dagegen ביום ההוא an jenem Tage, an welchem, wie die vorhergehenden Kapitel schildern, Gott zur Heilung der Schäden der Menschheit auftreten wird.
בחרבו הקשה וגו'. Die göttliche Allmacht allein vermag diese Schäden auszumerzen, an die im Laufe der Jahrtausende die Anschauungen der Menschen sich derart gewöhnt haben, daß sie ihnen als unheilbare Übel, die man ertragen muß, gelten. קשה hart, unerbittlich muß das Operationsmesser Gottes in den brandig gewordenen Organismus eingreifen, והגדולה והחזקה die weite Ausdehnung des Krankheitsherds bedingt weitreichende, mächtige Instrumente. והרג את התנין. Dem krassen Egoismus und der Herrschsucht, die der Erfolg immer gefräßiger gemacht hat, so daß sie ungeheure Dimensionen annahmen, sich zum תנין, zum Ungetüm auswuchsen, dem in der Menschengesellschaft alle an physischer Kraft oder diplomatischer Schlauheit Schwächeren zur Beute fallen mußten, dem macht Gott ein Ende.
אשר בים. Das Meer mit seinem Gewoge ist eine sehr gebräuchliche Metapher in der heiligen Schrift für die wogende, geräuschvoll und ungestüm sich bewegende Völkermenge, so: oben 17, 12, 13. Ps. 65, 8. 93, 4. Jerem. 6, 23 u. a. Hier dürfte ebenso durch ים die ganze große Menge der Menschheit bezeichnet sein, in welcher das Ungetüm sich bis dahin ungestört in seinem Elemente bewegen konnte. — Vgl. über diesen Vers und die anderen Stellen, in welchen לויתן vorkommt, den Aufsatz „Der Leviathan“ im 8. Jahrgang des „Jeschurun“, in welchem auch die Auffassung unseres Verses durch unsere Weisen Baba bathra 74, b, wie nachstehend folgt, erläutert wird. Dort heißt es:
„Alles, was Gott in seiner Welt geschaffen hat, hat er männlich und weiblich geschaffen, auch לויתן נחש בריח und לויתן נחש עקלתון. Würden sie sich miteinander vermählen, so würden sie die ganze Welt zerstören. Was tat Gott? Er entmannte das männliche und tötete das weibliche und konservierte dies für die Gerechten der Zukunft.“ Würde Gewalt und Politik, Macht und Klugheit sich dauernd miteinander verbinden, sie würden eine ewige, unbezwingbare Universalherrschaft gründen, unter deren Joch alles Leben, alle freie Entwicklung ein Ende hätte. Gott schützt die Welt vor dem Entstehen alles unterjochender, dauernder Weltherrschaften dadurch, daß er der Gewalt Trieb und Fähigkeit nahm, sich mit der ihr zu ihrer Ergänzung fehlenden Klugheit zu gatten, und daß er die Klugheit überhaupt noch nie zur Herrschaft hat kommen lassen.
In der Tat beruht das ganze Geheimnis der Weltgeschichte auf der faktischen Wahrheit, daß jede Macht, zu höchster Potenz als Gewalt erwachsen, blind wird und eben aus Bewußtsein der Stärke Klugheit als ein Attribut der Schwäche verschmäht, eben damit aber sich des einzigen Vehikels beraubt, ihre Existenz zu verewigen: Gewalt verschmäht es, sich mit Geist zu paaren und geht daher entmannt, ohne Zukunft zugrunde. Mächtige Universalherrschaften haben noch selten ihre Gründer überdauert.
Nicht minder historische Wahrheit ist es, daß bisher Herrschaft überhaupt sich nur auf Macht gegründet hat, nie das Geistige herrschend geworden ist, sondern seinen Wert und seine Bedeutung im großen ganzen nur in Mehrung der Macht und Gewalt angewiesen findet und darum zur List und Klugheit entartete. Das wirklich rein Geistige bleibt aufbewahrt für die zu erwartende Zukunft, in welcher es, mit Gerechtigkeit vermählt, den Herrscherthron der Welt besteigen wird. — — —
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. 3. Während für die Neugründung der „Menschengesellschaft“ die göttliche Waltung erst die zu Unrecht wirkenden Prinzipien, die solche „Ungetüme“ erzeugt hatten, beseitigen muß, wie eben geschildert, bedarf sie ביום ההוא „an jenem Tage“, der die Errichtung des jüdischen Staates anbahnt, keines solchen gewaltsamen Einschreitens — die mehrtausendjährige Erziehung, die Gott Israel angedeihen läßt, verfehlt ihre Wirkung nicht. Der כרם, die Gottespflanzung Israels (oben 5, 7), der Weinberg ist bis dahin zum כרם חמר geworden, er trägt bereits in den Trauben fertigen, abgegorenen, abgeklärten Wein. Wenn dieses Weinbergs Produkt der Allmenschheit gereicht wird, dann ist es geläutert, rein! — חָמַר gären, יהמו יחמרו מימיו (Ps. 46, 4). חֶמֶר gegorener Wein, תשתה חמר (5. B. M. 32, 14).
ענו Imperat. im פיעל von ענה, das im Piel peinigen, drücken, schwächen bedeutet. Stimmet an, hebet an, würde ענו heißen, wie עלי באר ענו לה (4. B. M. 21, 17), ענו לד' בתודה (Ps. 147, 7), oder wie ענו בי (1. Samuel 12, 3) zeuget wider mich. — Über die Bedeutung dieser Imperativform s. oben das zu 6, 9 Bemerkte: Peiniget nur, drücket nur mein Volk, ruft Gott den Feinden Israels zu, und versündigt euch an ihm; ihr wollt es vernichten, das gelingt euch nicht, ja sogar ענו לה, der Druck, den ihr auf es ausübt, ist für das Galuthvolk von heilkräftiger Wirkung, von segensreicher Folge, veredelt es und führt es einer glücklichen Zukunft entgegen. Analog dieser Konstruktion mit Dativ statt mit Akkusativ finden wir חנך לנער (Prov. 22, 6), ähnlich ואהבת לרעך כמוך (3. B. M. 19, 18), ואהבת לו וגו' (das. 34).
לה bezieht sich auf כרם, das sonst Maskul., hier aber, um das Leidensgeschick des jüdischen Volkes anzudeuten, weiblich schwach gedacht ist, wie auch im nächsten Verse alles darauf Bezügliche.
אני ד' וגו'. Ich warte seiner, sorge für seine Erhaltung; die Leiden, die Gottes Waltung durch euch über es zu kommen zuläßt, sind selbst der frische, belebende Gesundheitstrank, dessen es zuzeiten bedarf, um sich seiner Aufgabe bewußt zu bleiben. Sie bewirken, daß nicht ernsteste Heimsuchung es an seine Pflicht zu mahnen braucht. Mit ganz wenigen Ausnahmen, deren Ursachen sich aus dem Zusammenhange von selbst ergeben, steht immer יום vor לילה, hier לילה ויום אצרנה: Die Erziehung, die ich während der Leidensnacht des Galuth Israel angedeihen lasse, macht es moralisch stark und gesund, so daß fortan, wenn der Tag des Glückes ihm gekommen sein wird, es nimmer vom Lichte geblendet ausarten, durch Pflichtvergessenheit der erziehenden Strenge Gottes bedürfen wird.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. 5. חמה אין לי. Die Völker wähnen, der bis zur Zornesglut entbrannte Unwille Gottes, der Israel seines Abfalls wegen, wie 5. B. M. 29, 27 voraus angekündigt, seines Landes verwiesen hat, dauere noch fort — Beweis dafür sei die Fortdauer seines Exils. Dagegen spricht Gott, mein Zürnen gegen das jüdische Volk im ganzen ist längst geschwunden, die Leiden, die es erduldete, haben seine Verirrung gesühnt, die Schuld seines Abfalls getilgt. Der einzelne, der trotzig den Kampf gegen mich aufzunehmen wagt — nur einen Schritt brauche ich gegen ihn — בה zu tun und er in seiner Schwäche ist vernichtet. — פשע Schritt: כי כפשע ביני ובין המות (1. Samuel 20, 3). Etym. s. Komm. zu 2. B. M. 12, 11. — יחד, wie אשם ואשאף יחד (weiter 42, 14) oder יחדו אשכבה ואישן (Ps. 4, 9) „ich lege mich nieder und schlafe sogleich ein“, dürfte auch hier die Gleichzeitigkeit mehrerer Tätigkeiten bezeichnen. — Aber selbst solchen prinzipiell Abtrünnigen bin ich jeden Augenblick bereit, sobald sie nur mit umwandeltem Gemüt und Geist sich mir zuwenden, die Hand zum Frieden zu bieten und sie vor der drohenden Vernichtung zu erretten. Vgl. Ps. 34, 17, 18 und Komm. das. —
Nicht „חמה“ veranlaßt die Fortdauer des Galuth, Gottes Weisheit läßt es noch andauern, weil
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. הבאים ישרש יעקב, weil weithin über die Erde zerstreut als das Galuthvolk Jakob, es seiner hohen, heiligen Aufgabe, der Sendbote und Träger der Gottesidee und der Heilesbedingungen an die Allmenschheit zu sein, besser, erfolgreicher gerecht werden kann: וישלכם אל ארץ אחרת, mit einem großen ל geschrieben, heißt es in dem oben zitierten Vers 5. B. M. 29, 27 als ein großes „Lehr- und Wahrzeichen“ für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit hat Gott das jüdische Volk unter die anderen Völkern „geworfen“. Dieses gedrückte Jakobsvolk soll die Wurzel der Heileszukunft der Gesamtmenschheit werden. Aus der Wurzel wächst der Stamm empor; sie ist's, die ihm Saft und Kraft zuführt, die ihm erst die Fähigkeit verleiht, fruchttragend zu werden. Aber diese Säfte und Kräfte muß Jakob einzig und allein dem ureigenen Boden seiner heiligen Lehre entnehmen, nicht fremde Keime in seinem Innern zur Entfaltung bringen, denn an dem Baume seiner Erkenntnis und seines Lebens reift die Heilesfrucht der Menschheit.
Unsichtbar im Dunkel der Erde lebt die Wurzel, muß Verzicht leisten auf den lichten Sonnenschein der Oberwelt; ausgesetzt den nagenden Bissen der Würmer, arbeitet sie in stiller Emsigkeit für das Gedeihen der einstigen goldenen Frucht. Und die Menschen schreiten acht- und gedankenlos über die Wurzel hin, und doch ist sie es, der die Menschen den Segen der köstlichen Labung verdanken. Das ist das getreue Abbild des jüdischen Volkes, des zu Boden getretenen, verkannten „Jakob“ im Exile.
Hat „Jakob“ seine „Wurzel“-Aufgabe gelöst, dann läßt Gott es zum hellen Tageslicht emporwachsen, daß es als „Israel“ blühe. Aber erst muß es im Galuthgeschicke, in der Schule der Leiden sich ertüchtigen und erstarken, erst die Prüfungen Gottes mit Erfolg bestanden haben, — erst mit dem Zeugnis der Reife entläßt es Gott aus der Galuthschule. Dann werden auch die Sonnenstrahlen des Glücks es nicht blenden, und nimmer strauchelnd, wahrt es Gott die Treue, die es im nächtlichen Dunkel des Leids bewährte (s. das V. 3. zu לילה ויום אצרנה Bemerkte). Dann füllt sich die Menschenwelt mit der unter Israels Glückessonne gereiften, der Jakobswurzel entstammenden Segensfrucht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. Seht, spricht der Prophet weiter zu der Israel feindlich umgebenden Völkermenge, daß nicht „Zornesglut“ Gott veranlaßt, eure Ausschreitungen gegen Israel zu dulden, das lehren euch die Blätter der Geschichte. Mittel in der Hand Gottes waren sie zur Erziehung seines Volkes, nicht zu seiner Vernichtung. Wo sind sie alle, alle die Völker, die im Laufe der Jahrhunderte mit teuflischer Lust auf Israel losschlugen? Schlagen konnten sie es, erschlagen nimmer! Aber sie selbst traf das ahndende Gottesgericht tötlich und ließ sie von der Bühne der Geschichte verschwinden. So läßt auch das Hallel-Lied Ps. 118, 18 das Israel des ביום ההוא sprechen: „Gezüchtigt, schwer gezüchtigt hat mich Gottes Allmacht, aber dem Tode hat er mich nicht hingegeben.“ Mit Bienenschwärmen vergleicht dort Israel V. 12 seine Galuthfeinde — der Bienenstich, so sehr er brennt und schmerzt, ist heilbar, aber die Biene selbst, die mit dem Stiche ihren Stachel verlor, stirbt daran.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8—10. בסאסאה, doppeltes סאה, Doppelmaß. תריבנה ist u. E. nach zweite Person weiblich, wie überhaupt alles von V. 2 bis V. 11 als Anrede an die Israel feindlichen Völker aufzufassen ist. Weiblich spricht sie der Prophet an — sie dünken sich Israel gegenüber so überaus gewaltig und stark, dem sie treffenden Gottesfinger gegenüber sind sie schwach wie Weiber (s. V. 1).
בשלחה. Als Gott seinem Volke seine besondere Fürsorge, die allein es vor euren Angriffen schützte, entzog (s. oben 5, 5 הסר משוכתו) ob seiner Verfehlungen gegen Ihn, da gebärdetet ihr euch als die Rechtsvertreter Gottes, nahmet den Prozeß Gottes wider Juda auf (s. oben 3, 13 נצב לריב ד').
הנה ist das lebhafte, zur Äußerung drängende Denken, ebenso kommt es aber auch als gedankenvolle Aussprache vor. Von Gott ist הנה, der Gedanke Gottes, der allem Sein — היה lautverwandt mit הנה — vorangeht. (Vgl. die Etym. „Jeschurun“ 8. Jahrg. S. 120 u. f.) ברוחו הקשה. רוח hier wie sehr oft Femin. und auf רוחו bezieht sich auch das בזאת des folgenden Verses. — ביום קדים. Der babylonische Zerstörer des ersten Tempels kam vom Osten.
Als Sinn dieser drei zusammenhängenden Sätze ergibt sich: Die Macht, die Gottes Erziehungsplan euch Juda gegenüber einräumte, mißbrauchtet ihr, konntet das Maß der Schmerzen und Leiden, die ihm bestimmt waren, nicht hoch genug aufhäufen, ihr wolltet, es solle unter euren Folterqualen seine Seele aushauchen. Und doch kam schon bei der Zertrümmerung des ersten Tempels und des jüdischen Staates der leitende Gedanke Gottes für jeden Aufmerkenden zum Ausdruck, daß durch sie nicht Jakob vernichtet, sondern sein Abweichen (עון) von dem ihm vorgezeichneten Wege der Pflicht gesühnt werden und wiedergewonnenes ernstes Pflichtbewußtsein ihre segensreiche Frucht bilden soll. חטאתו der sträfliche Leichtsinn (חטא verw. mit חתה etwas dem Feuer entziehen), der Jakob hinderte, sein ganzes Wesen von dem אשדת, dem Gesetzesfeuer, durchglühen und weihen zu lassen, wie dies ja im Opfer symbolisch ausgedrückt wurde, — der sollte beseitigt werden. Gehorsam gegen Gott, Heiligung des ganzen Wesens nicht nur für den Moment des Tempelbesuches, sondern für das ganze Leben draußen, sollte der Tempeldienst lehren — aber man hatte seine Bedeutung absichtlich verkannt und mit den Opfergaben im Heiligtum Gottes Ansprüche befriedigen zu können vorgegeben, das äußere Leben wollte man in Gottentfremdung der eigenen Willkür reservieren.
Damit hatte man das Gottesheiligtum entweiht, dem Altar seine Heilung und Heiligung bewirkende Heiligkeit geraubt — da büßten die Steine, aus denen er gefügt war, in den Augen Gottes jeden Wert ein, und zu unbrauchbarem Schutt läßt er sie zerschmettern!
Und nun bedenket: Wenn Gott so sein eigenes, mit seinem Willen gegründetes Heiligtum der Vernichtung preisgab, weil es mißbraucht worden war, so wird er doch gewiß, spricht Jesaia zu den Völkern, euren Götzendienst, das heidnische Unwesen mit seiner alle Sittlichkeit negierenden Naturvergötterung, die bei einzelnen Kulten sich in die widerwärtigsten Akte gemeinster Sinnlichkeit auswuchs, nicht für die Dauer bestehen lassen. Der Dienst der אשרה bildet den vollendetsten Gegensatz zu dem, was der מזבח lehrt: לא תטע לך אשרה כל עץ אצל מזבח ד' וגו' heißt es 5. B. M. 16, 21. —
Wenn עיר בצורה, Jerusalem, die Residenz, der Staat, den Gottes Schutz so gefestigt hatte, wenn נוה die Gotteswohnung, das Tempelheiligtum, נהלת בעוזך אל נוה קדשך (2. B. M. 15, 13) von Ihm der Eroberung durch die Völker preisgegeben wird — עגל Bild der Völker — עגלי עמים (Ps. 68,31) —, daß sie שם den jüdischen Staat völlig abweiden und שם die Gottesstätte durch ihre Niederlassung entweihen können — wenn Gott so streng seines Volkes Leichtsinn ahndet, so wird er sicherlich die Konsequenzen, die Auswüchse eures Götterunwesens, das nicht allein ein Verbrechen gegen Ihn ist, sondern euch allen Sinn für Recht und Menschenliebe raubt und euch völlig entmenscht, mit starker Hand gänzlich vernichten!
סעפיה von סעיף Zweig. Die Grundbedeutung ist: Das, was aus dem Stamm herauswächst, seine Richtung verläßt, daher Verzweigung, סעיף סלע Felsenvorsprung, Felsenriß; עד מתי אתם פסחים על שתי הסעפים (1. Könige 18, 21) wie lange wollet ihr hinken nach zwei Richtungen, ihr verlasset jeden Augenblick die soeben eingeschlagene Richtung; בשעפים מחזיונות לילה — mit ש (Job 4, 13), die Gedankenverzweigungen, in die sich der im Halbschlummer gehegte Gedanke, unkontrolliert durch den Verstand, herauswächst. Hier: die Auswüchse, die fluchwürdigen Folgen der Abgötterei, im ganzen als אשרה gedacht, und deshalb סעפיה.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. קצירה, das Suffix bezieht sich auf עיר בצורה. Der Untergang seines Staates und all das Leid, das er für Israel im Gefolge hat, tötet nicht seine Lebenskraft. Sein Leichtsinn und seine Sünde vernichtete die Ernte, die ein Gottes Willen entsprechendes Leben ihm gezeitigt hätte, allein seine Wurzel ist geblieben, und mit erneutem Eifer arbeitet sie auf eine zukünftige Ernte hin.
Ihr aber fordert mit eurem sittenlosen Unwesen und eurer Unmenschlichkeit gegen Israel das Gottesgericht über euch geradezu heraus — dem schwachen Jakobsvolk gegenüber seid ihr heldenstark, gegenüber dem Verhängnis Gottes Memmen, weibisch schwach, es bricht über euch herein und zerbricht euch! — Der Akzent auf נשים trennt es von dem Folgenden und macht es zum Vokativ.
באות die kommenden Geschehnisse (wie V. 6 הבאים, Mask., die kommenden Geschlechter) werden die Wahrheit aufs hellste beleuchten: Gott läßt sein Volk noch in der Leidensschule des Galuth verweilen, erbarmt sich seiner noch nicht, weil er auch jetzt noch als Schöpfer wirksam ist an der Vollendung der Schöpfung, die es ins Dasein rief, und gerade das Verzögern der Gnadengewährung ist ein Bildungsmittel in der Hand Gottes, um seine Erziehung für seinen hohen Beruf zu fördern. Von störendem Einfluß auf das Gelingen dieser Ausbildung ist der Mangel der Einsicht bei dem jüdischen Volke. — לא עם בינות הוא ist eingeschobener Satz zwischen כי und על כן, welche Partikeln z. B. 1. B. M. 19, 8 und 38, 26 ohne Unterbrechung einander folgen. — Mangel an Erkenntnis seiner hehren Aufgabe לכן גלה עמי מבלי דעת (oben 5, 13) trieb es ins Exil, Mangel an „Einsicht“ בינה (eigentlich Zwischensicht, von בין zwischen) in den Zusammenhang seines Geschickes mit der Lösung seiner Aufgabe verzögert die Beendigung seines Galuth. Für den immer von neuem wiederkehrenden Ausbruch judenfeindlicher Strömungen unter den Völkern sucht man alle möglichen Erklärungen — aber daß sie eine ernste Mahnung Gottes sind, die den Juden an gewissenhaftere Erfüllung der Pflichten seiner heiligen Thora erinnern und die Rückkehr zu dieser bewirken sollen — das will, das kann man nicht „einsehen“. — Im Galuth muß Israel verbleiben, solange es nicht „ein Volk der Einsicht“ geworden ist. —
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. והיה וגו'. Ein solches wird es aber geworden sein ביום ההוא, und dann beseitigt Gottes Vatererbarmen und Gnade alles, was seiner Heimkehr zur alten Heimat entgegensteht.
משבלת הנהר עד נחל מצרים scheint das ganze Vater Abraham 1. B. M. 15, 18 u. f. verheißene Land zu begreifen, dessen völlige Besitznahme erst der Zukunft vorbehalten blieb. Vgl. das oben zu 11, 14 Bemerkte. „הנהר“ ohne nähere Bezeichnung ist der Euphrat. Der Ausdruck יחבט bezeichnet so recht treffend die Weise der göttlichen Waltung, wie sie hier für jene Zeit verkündet wird. חבט bedeutet das Schlagen der Ähren mit einem Stocke, um das Korn hervortreten zu lassen: וגדעון בנו חבט חטים בנת וגו' (Richter 6, 11), ותחבט את אשר לקטה (Ruth 2, 17). Es ist dies eine Art Dreschen, aber ohne Dreschflegel, Gideon wählte diese Art, um durch das Geräusch die Midjaniter nicht herbeizulocken, weshalb er ja auch die Arbeit nicht in der dafür bestimmten Tenne, sondern in der Kelter vornahm. Bei Ruth erforderte das immerhin nicht so große Quantum kein regelrechtes Dreschen. Im nächsten Kapitel V. 27 bezeichnet es במטה יחבט קצח das Schlagen der Kümmeldolde, um den Samen loszutrennen, 5. B. M. 24, 20: כי תחבט זיתך das Abklopfen des Ölbaums, wobei man mit Stöcken gegen die Zweige schlägt, um die reife Olive hinabfallen zu machen. Bei allen dieser Operationen trifft der schlagende Stab die ungenießbare Umhüllung oder Umgebung und befreit damit die genießbare Frucht: das Eingreifen Gottes trifft schmerzhaft Israels Umgebung, ihm aber bringt es Freiheit und Erlösung!
ואתם תלקטו Ihr aber werdet als reife Frucht aufgelesen, gesammelt werden, um die Einheit des einzig Einen der Allmenschheit zu verkünden, und dann werdet ihr in Wahrheit aus dem gedrückten Jakobsvolk zu Söhnen „Israels“, die die alles überragende Hoheit Gottes zur Anerkennung Bringenden, geworden sein. — לאחד Aus dem Zahlwort אחד gebildetes Verbum, das als Einheit verkünden oder einigen heißt; ersteres hier, letzteres Jechesk. 21,21 התאחדי הימיני. — Ähnlich finden wir diese beiden Bedeutungen (außer diesen auch noch vereinen, anschließen) bei יחד לבבי, יחד einige mein Herz (Ps. 86, 11) und nachbiblisch in unseren Gebeten: als die Einheit Gottes verkünden: המיחדים שמו ערב ובקר בכל יום ליחדך באהבה. — Einzeln, je einer, würde nicht אחד אחד mit dem stat. constr. (wie אחד אחיך) ausgedrückt werden, sondern אחד אחד, wie שנים שנים, שבעה שבעה (1. B. M. 7, 3 und 9).
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. Das Erlösungswerk schreitet fort, umfaßt auch die Teile des jüdischen Volkes האבדים die so lange Verlorenen, ganz dem Bewußtsein ihrer Brüder Entschwundenen und die נדחים. Die Wurzel von נדחים ist נדח, worauf das Dagesch im ד hinweist; lautverw. mit נדה entfernen, ist seine Bedeutung intensiver und drückt etwas gewaltsam entfernen, fortstoßen, verstoßen aus (stärker als דחה, der Wurzel von נדחי ישראל, oben 11, 12, s. Erkl. das.). Es heißt aber auch verführen וידיחו את יושבי עירם (5. B. M. 13,14) vom rechten Wege abbringen, und kommt in derselben Form wie hier את שור אחיך או את שיו נדחים (5. B. M. 22, 1) zur Bezeichnung von Tieren vor, die sich verlaufen haben und den Rückweg zu ihrem Herrn nicht finden können. Gewöhnlich ist's die Sucht nach besserem Futter, die sie zum Verlassen des Stalles oder der Hürde verführte. Auch hier halten wir es nicht für unmöglich, daß והנדחים auch die mit umfaßt, die sich haben verführen lassen, die so weit abgekommen sind vom Wege der göttlichen Pflichten, daß sie den Rückweg zum himmlischen Vater nimmer finden können. Auch sie, sie alle ruft der Schofar heim, der Schofar, der Israel einst zum Sinai geleitete, daß es das Gottesgesetz empfange, der am Jom Kippurim des Jobeljahrs zur Freiheit führte und zur Heimkehr auf den angestammten Boden der Väter einlud — alle, alle kehren sie heim für immer zur Urheimat, um dort ihr ganzes Wesen, alles Wirken ihrer Hände und jeden Schritt ihres Lebensweges — das sagt hier והשתחוו, s. Komm. zu 2. B. M. 20, 5 — Gott und der Erfüllung seines Willens zu widmen und sich immer wieder aufs neue dafür zu begeistern in dem auf Morias Höhe wiedererstandenen Gottesheiligtume.