Jeschajahu 26 ישעיהו

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1
בַּיּ֣וֹם הַה֔וּא יוּשַׁ֥ר הַשִּׁיר־הַזֶּ֖ה בְּאֶ֣רֶץ יְהוּדָ֑ה עִ֣יר עׇז־לָ֔נוּ יְשׁוּעָ֥ה יָשִׁ֖ית חוֹמ֥וֹת וָחֵֽל׃
BernfeldAn jenem Tage [nach der Niederlage Sanheribs] wird dieser Gesang im Lande Jehuda gesungen: Eine mächtige Stadt haben wir. [Gott] schafft Sieg, Mauern und Zwinger!
ZunzAn selbigem Tage wird dieser Gesang im Lande Jehudah gesungen: Eine mächtige Stadt haben wir. Er schafft Sieg, Mauern und Zwinger!
J. J. HirschAn jenem Tage wird dieser Gesang im Lande Juda gesungen werden: Die Stadt, die unsere Stärke ausmacht, setzt [Gottes] Hilfe als Mauern und Wall ein.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 26. V. 1. ביום ההוא. In der eben geschilderten Zeit. השיר הזה. Das Gottes Waltung in der Heileszukunft auf Erden besingende Lied heißt immer שיר, Mask., so auch hier. עיר עָז־לָנו. Der Stellung der Akzente nach und unter Berücksichtigung des Bindestrichs konnten wir nicht anders übersetzen. Subjekt von ישית ist עיר, das hier zum prägnanteren Ausdruck der Selbständigkeit als Mask. gedacht ist. — ישועה. Die Hilfe, die einige Verse vorher erwähnt ist נגילה ונשמחה בישועתו; ohnehin gibt es doch nur eine Hilfe und das ist Gottes Hilfe, alles andere verdient diesen Namen nicht, darum bedarf es hier nicht erst der Bezeichnung ישועת ד'.

2
פִּתְח֖וּ שְׁעָרִ֑ים וְיָבֹ֥א גוֹי־צַדִּ֖יק שֹׁמֵ֥ר אֱמֻנִֽים׃
BernfeldTut auf die Pforte [der bisher belagerten Stadt], dass einziehe das gerechte Volk, das die Treue bewahrt.
ZunzThuet auf die Pforten, daß einziehe das gerechte Volk, das bewahret die Treue.
J. J. HirschÖffnet die Tore, daß einziehe das gerechte Volk, das Vertrauenswürdigkeit sich wahrt,
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. פתחו שערים. Israel hatte die Bahn des צדק, des von Gott gelehrten Rechtsideals verlassen, darum mußte es ins Exil wandern, und die Pforten des Rechts, des die Lebensgerechtigkeit fordernden Gesetzesheiligtums Gottes fielen hinter ihm zu. Jetzt, da es durch die Leiden der langen Galuthzeit geläutert und gebessert als גוי צדיק, als ein Volk zurückkehrt, dessen Leben der Huldigung dieses Rechtsideals gewidmet ist, öffnen sich ihm שערי צדק, wie es in dem Hallelliede Ps. 118, 19, 20 heißt. שומר אמונים wie עד אמונים (Prov. 14, 5) und ציר אמונים (das. 13, 17) Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit. Fortan wird das Glück, dem es entgegengeht, nicht die Treue erschüttern können, mit der es im Unglück sich an Gott und sein Gesetz hielt.

3
יֵ֣צֶר סָמ֔וּךְ תִּצֹּ֖ר שָׁל֣וֹם ׀ שָׁל֑וֹם כִּ֥י בְךָ֖ בָּטֽוּחַ׃
BernfeldDen vertrauenden Sinn hütest du [mit] Frieden, Frieden! Denn auf dich vertrauet er.
ZunzDen vertrauenden Sinn hütest du, — (mit) Frieden, Frieden! denn auf dich vertrauet er.
J. J. Hirschdas als Geschöpf der Stütze bedürftig sich fühlt, ihm bewahrest du den Frieden, den Frieden, weil es in dich vertrauensvoll ist.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. יצר סמוך. יצר wie weiter 29, 16: ויצר אמר ליוצרו, Geschöpf, Gebilde. Vgl. übrigens auch Komm. zu 1. B. M. 6, 5. 8, 21. — סמוך wie Ps. 112, 8: סמוך לבו לא יירא gestützt fühlt sich sein Herz. — Israel ist gefeit gegen den Wahn, sich als יוצר, als Schöpfer und Schmied seines Glückes zu betrachten, nicht סומך Stütze und Träger desselben will es sein, es ist יצר Gottes Geschöpf und will nichts anderes sein, es ist סמוך seines Beistands bedürftig und nur durch ihn fühlt es sich gestützt und getragen. Gerade dieses Bewußtsein der eigenen Schwäche, der eigenen Ohnmacht ist seine Stärke, damit reiht es sich all den kleinen und großen Weltenwesen ein, die fallen würden, wenn nicht Gott sie trüge, die aber nicht fallen, weil Gottes Wille sie hält, er, der סומך ד' לכל הנפלים (Ps. 145, 14) allen Fallenden Stütze ist. Mit diesem Bewußtsein zieht es seine ihm von Gott vorgeschriebene Bahn auf Erden, der Sonne am Firmamente gleich und den Sternen, getragen wie sie, und findet wie sie den Frieden עושה שלום במרומיו (Job 25, 2) ja noch mehr שלום שלום, den Doppelfrieden, im eigenen Innern und mit der Außenwelt. Denn wie Israel es gelernt hat, so wird zu der hier besungenen Heileszeit die Allmenschheit nach Jahrtausenden bitterster Geschichtserfahrung zu der Überzeugung kommen, daß der Mensch nicht herrenloser Meister der Welt ist, die sich seinen Launen und Leidenschaften untertänig zu fügen habe, sondern selbst Gottes Geschöpf und als des Schöpfers Diener unter seinem Beistande in der Welt seiner Pflicht zu leben geschaffen sei. Aus dieser Überzeugung aber sprießt der dauernde, ewige Friede hervor, den Gott als das kostbarste Produkt seiner Weltgeschichte einst der Menschheit durch seinen Herold Israel überbringen läßt.

תצור von נצר im Sinne wie נצר חסד לאלפים (2. B. M. 34, 7) aufbewahren. Nicht unmöglich wäre es auch, daß es ein von נצר Sproß gebildetes Verbum ist, dann würde es heißen: Das als gestützt sich fühlende Geschöpf läßest du den Frieden hervortreiben. — בך בטוח kommt nur hier und Ps. 112, 7: בטוח בד' vor, es ist von intensiverer Bedeutung als das activ. partic. בך בוטח, welches nur besagt, er vertraut auf dich, בך בטוח jedoch heißt: ausschließlich in dich ist sein Vertrauen gesetzt und zwar die ganze Summe seines Vertrauens, wörtlich: gesichert fühlt er sich nur durch dich.

4
בִּטְח֥וּ בַיהֹוָ֖ה עֲדֵי־עַ֑ד כִּ֚י בְּיָ֣הּ יְהֹוָ֔ה צ֖וּר עוֹלָמִֽים׃
BernfeldVertrauet auf den Herrn für und für, denn Gott der Herr ist ein ewiger Hort.
ZunzVertrauet auf den Ewigen für und für; denn in Jah, dem Ewigen, ist ein ewiger Hort.
J. J. HirschVertrauet auf Gott bis ans Ziel, denn in י' ד' ruht der Fels der Zeiten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. עדי עד, eigentlich bis ans bis, d. h. bis die göttliche Waltung ihr Ziel erreicht hat. — Der Name י' drückt die Gotteskraft aus, die alles ihr sich Entgegenstellende siegreich bewältigt. Wäre dieses die einzige Weise der göttlichen Waltung, so würde alles auf Erden sich sofort dem Ideale Gottes entsprechend gestalten. Diese Gestaltung wäre alsdann das Produkt der göttlichen Allmacht, der eben nichts widerstehen kann. Allein Gott hat dem Menschen die Willensfreiheit verliehen und damit die Verwirklichung seiner Ideale einer erst in freier Entwicklung, aber darum nicht minder mit absoluter Gewißheit eintretenden Zukunft überwiesen, wie dies ja der Name ד' bezeichnet. In י' ד' liegt die Gewähr für das Eintreffen dieser Heileszukunft, die Sicherheit, daß sie eine solche Gestalt annehmen wird, wie sie Gott von Anfang an vorgezeichnet hat. Der Sinn unseres Satzes ist: Vertrauet auf Gott bis zum endlichen Ziele, denn in der doppelten Weise der Waltung, als י' und als ד', liegt der ewige Halt der Zeiten, der jetzigen Zeit mit allen ihr noch anhaftenden Unvollkommenheiten und der einstigen, in der das Gottesideal auf Erden zur Verwirklichung gelangt. (Vgl. Komm. zu 2. B. M. 15, 2 und 5. B. M. 32, 4.) Denn selbst durch die scheinbar trostlosesten Öden-Zustände auf Erden führt seine Weltleitung unbeirrt und unentwegt die Zeiten den Zielen zu, die er ihnen gesteckt hat, wie dies Ps. 68, 5 begeistert ausspricht: סלו לרכב בערבות בי' שמו Erhebet euch zu Dem empor, der Öden hindurch Welten lenkt mit seinem Namen י'.

5
כִּ֤י הֵשַׁח֙ יֹשְׁבֵ֣י מָר֔וֹם קִרְיָ֖ה נִשְׂגָּבָ֑ה יַשְׁפִּילֶ֤נָּה יַשְׁפִּילָהּ֙ עַד־אֶ֔רֶץ יַגִּיעֶ֖נָּה עַד־עָפָֽר׃
BernfeldEr beugt die Hochthronenden nieder von der ragenden Feste; er erniedrigt sie, erniedrigt sie zur Erde, drückt sie in den Staub nieder.
ZunzDenn er beugt die Bewohner der Höhe, der ragenden Veste, erniedrigt sie, erniedrigt sie zur Erde, drückt sie in den Staub nieder.
J. J. HirschDenn gebeugt hat er die Bewohner der Höhe, die hochragende Burg; er erniedrigt sie, senkt sie bis zur Erde, läßt sie den Staub berühren,
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. 6. כי השח וגו'. Das haben wir jetzt erfahren, sagt Judas heimgekehrte Bevölkerung, haben es erlebt, wie seine Waltung keine Hindernisse kennt, wie er alle Hemmnisse, die hoch bis in die Wolken aufgetürmt unseren Weg sperrten, zu Boden legte und sie durch den Lauf der Ereignisse — תרמסנה רגל — zur festen, gebahnten Straße für uns machte, für uns, die wir bis dahin das ärmste, elendste unter den Völkern gewesen, die wir aus unserer früheren so hohen Weltstellung so tief herabgesunken waren.

6
תִּרְמְסֶ֖נָּה רָ֑גֶל רַגְלֵ֥י עָנִ֖י פַּעֲמֵ֥י דַלִּֽים׃
BernfeldEs zertritt sie der Fuß, selbst die Füße des Armen, die Tritte der Erniedrigten.
ZunzEs zertritt sie der Fuß, die Füße des Armen, die Tritte der Elenden.
J. J. Hirschdaß der Fuß sie niedertrete, die Füße des Armen, die Schritte der Herabgekommenen.
7
אֹ֥רַח לַצַּדִּ֖יק מֵישָׁרִ֑ים יָשָׁ֕ר מַעְגַּ֥ל צַדִּ֖יק תְּפַלֵּֽס׃
BernfeldDer Pfad für den Gerechten ist Redlichkeit, grade richtest du des Gerechten Bahn [lässt seinen Weg gelingen].
ZunzDer Pfad für den Gerechten ist geebnet; gerade richtest du des Gerechten Bahn.
J. J. HirschDer Weg für den Gerechten ist die Geradheit! Du, Gerader, bestimmst wohlerwogen die Laufbahn des Gerechten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. ארח. S. das oben zu 2, 3 Bemerkte. Aus den Erfahrungen unseres Galuth haben wir die Erkenntnis geschöpft, daß es für den sozialen Wandel der Menschen und Völker nur einen Weg gibt, und das ist: die Geradheit. Du, das Urbild aller Geradheit, erwägst und bestimmst von vornherein die Bahn des getreu seiner Pflicht Folgenden, so daß sie zum Ziele führe, mögen auch noch so viele Schwierigkeiten für ihn zu überwinden sein, du bist sein Beistand: הבא לטהר מסייעים אותו. Denn er bedarf deiner ganz besonderen Beihilfe, muß doch der Lebensweg des צדיק sich streng in den Grenzen des צדק, die ihn wie mit einem Kreise umgeben, halten, über die hinaus die עברה, die die Grenzen des Rechts übertretende Sünde beginnt. Vgl. Komm. zu נחני במעגלי צדק (Ps. 23, 3). מעגל, von עגל rund, heißt eigentlich Kreis. — פלס wägen, davon übertragen: erwägen, kommt ganz wie hier von מעגל ausgesagt, Prov. 4, 26 vor: פלס מעגל רגלך erwäge gewissenhaft den Pfad, den dein Fuß zu wandeln hat; ähnlich יפלס נתיב לאפו (Ps. 78, 50).

8
אַ֣ף אֹ֧רַח מִשְׁפָּטֶ֛יךָ יְהֹוָ֖ה קִוִּינ֑וּךָ לְשִׁמְךָ֥ וּלְזִכְרְךָ֖ תַּאֲוַת־נָֽפֶשׁ׃
BernfeldAuch hoffen wir, dich auf der Bahn der Strafe [gegen die Bösen] zu sehen; dass dein Name und dein Ruhm dadurch verbreitet werde, wünscht unsere Seele.
ZunzSelbst auf dem Wege deiner Strafgerichte harrten wir dein, o Ewiger! nach deinem Namen und nach deinem Gedächtniß (war) der Seele Begehr.
J. J. HirschAuch auf dem Wege deiner Strafgerichte haben wir dein, o Gott, gehofft, deinem Namen und deinem Andenken gehörte der Seele Sehnen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. אף ארח משפטיך. Auch da uns dein gerechtes Urteil die Wege der Verbannung gehen hieß, haben wir nur von dir unsere Erlösung erhofft, begriffen wir, daß das Streben unserer Seele fortan kein anderes sein dürfe, als deinen Namen zu heiligen und durch unser eigenes, dir die Treue wahrendes Leben die Gedanken der Menschheit auf dich hinzulenken.

9
נַפְשִׁ֤י אִוִּיתִ֙ךָ֙ בַּלַּ֔יְלָה אַף־רוּחִ֥י בְקִרְבִּ֖י אֲשַׁחֲרֶ֑ךָּ כִּ֞י כַּאֲשֶׁ֤ר מִשְׁפָּטֶ֙יךָ֙ לָאָ֔רֶץ צֶ֥דֶק לָמְד֖וּ יֹשְׁבֵ֥י תֵבֵֽל׃
BernfeldMit ganzer Seele begehre ich dich auch in der Nacht, mein Geist in meinem Innern verlangt nach dir. Denn wie deine Strafgerichte auf der Erde walten, lernten Gerechtigkeit die Bewohner des Erdenrundes.
ZunzMeine Seele begehret dein in der Nacht, auch mein Geist in meinem Innern verlangt nach dir. Denn wie deine Strafgerichte der Erde (galten), lernten Gerechtigkeit die Bewohner des Erdenrunds.
J. J. HirschAls meine Seele hatte ich dich in der Nacht ersehnt, als meinen Geist auch in meinem Innern werde ich dich am Morgen suchen; denn sobald deine Strafgerichte der Erde wurden, lernten Gerechtigkeit die Bewohner der Menschenwelt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. נפשי וגו'. Entwichen war aus mir alles Leben, so daß in der Nacht des Galuth ich dich nicht wahrnahm — du, meine Seele, fehltest mir. Und nun, da der Morgen meiner Freiheit anbrach, sollst du nicht allein die Seele, die mich zum Lebewesen macht, sein, sondern der Geist, der mein Inneres bewegt, all mein Denken und Fühlen, mein Empfinden und Streben leitet und lenkt und die treibende Kraft meines Schaffens und Wirkens ist und bleibt. Gerade mein Galuthgang durch die Zeiten lehrte mich das Ziel deiner Waltung erkennen, צדק ist es, und משפטיך deine Lehrmittel sie verfehlen nimmer ihren Zweck. יושבי תבל. Es lernen's die, denen sonst die Welt als nicht von Gottes Gesetz geleitet und ihm unterstehend erscheint, sondern als der Menschenwillkür überantwortet gilt, es lernen's die, denen Selbstsucht das gestaltende Element der Welt ist, die die Welt als ihre Domäne betrachten. Vgl. Komm. zu Ps. 24, 1. — Diese Erkenntnis will ich fortan im Glücke mir gegenwärtig halten.

10
יֻחַ֤ן רָשָׁע֙ בַּל־לָמַ֣ד צֶ֔דֶק בְּאֶ֥רֶץ נְכֹח֖וֹת יְעַוֵּ֑ל וּבַל־יִרְאֶ֖ה גֵּא֥וּת יְהֹוָֽה׃ {פ}
BernfeldWird aber der Bösewicht geschont, so lernt er nicht Gerechtigkeit, er frevelt vielmehr im Lande der Gradheit, [wenn ihm alles gelingt], und sieht nicht die Majestät des Herrn.
ZunzWird der Bösewicht geschont, so lernt er nicht Gerechtigkeit, frevelt im Lande der Billigkeit und siehet nicht die Majestät des Ewigen.
J. J. HirschWürde dem Gesetzlosen Gnade gewährt, ohne daß er das Recht gelernt hat, so würde er der Zwingherr werden auf der für die Geradheit bestimmten Erde und nimmer die überragende Hoheit Gottes einsehen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. יחן רשע וגו'. Haben משפטיך, das Eingreifen Gottes in das Geschick des Menschen den Frevler zur Besinnung gebracht, so kann sich Gottes חן, das ist Gottes Begabung und Ausstattung mit allen Mitteln und Kräften zur Fortexistenz, selbst ihm gegenüber betätigen, wie dies der Psalmist 34, 17, 18 so herrlich ausspricht: „Gottes Waltung ist wider die Vollbringer des Schlechten, ihr Andenken von der Erde fortzutilgen — auch solche schrien schon, und Gott hat gehört und aus allen ihren Nöten sie gerettet.“ Aber ehe er צדק gelernt hat, kann ihm Gott seine Gnade nicht zuwenden, er würde sie für Schwäche halten und der Zweck des Eingreifens in sein Geschick wäre verfehlt, ja die ihm gespendete Gnade Gottes würde ihn zur Fortsetzung seines frevelhaften Lebens mit vermehrten Mitteln anspornen. יְעַוֵל von עָוֶל Machtmißbrauch. (Etym. s. Komm. zu 3. B. M. 19, 15.) Er würde der מעול (Ps. 71, 4) der Unterjocher, der Tyrann der Erde werden, die doch für Redlichkeit und Geradheit geschaffen ist. נכחות Plural von נכחה: ולא ידעו עשות נכחה (Amos 3, 10) sie verstehen nicht das Gerade zu üben, Geradheit in allen Beziehungen und Verhältnissen.

ובל יראה וגו'. Gottes alles hoch sich dünkende Irdische weit überragende Majestät würde der Frevler nie und nimmer erkennen, nie und nimmer anerkennen.

11
יְהֹוָ֛ה רָ֥מָה יָדְךָ֖ בַּל־יֶחֱזָי֑וּן יֶחֱז֤וּ וְיֵבֹ֙שׁוּ֙ קִנְאַת־עָ֔ם אַף־אֵ֖שׁ צָרֶ֥יךָ תֹאכְלֵֽם׃ {ס}
BernfeldHerr, deine Macht ist zu hoch, deshalb erkennen sie sie nicht. O, dass sie scheuten, und beschämt würden, den Eifer für das Volk, den Feuerzorn, der deine Feinde frisst!
ZunzEwiger, gehoben war deine Hand, — nicht schaueten sie. O daß sie schauen und beschämt seien — den Eifer für das Volk, den Feuerzorn, der deine Feinde frißt!
J. J. HirschGott, hoch zeigte sich deine Hand — sie aber wollen nichts sehen, sie werden aber sehen und sich der Volkseifersucht schämen, wenn das Feuer auch sie als deine Feinde verzehrt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. רמה ידך. Der Akzent ist auf der ersten Silbe, daher ist רמה nicht Adjektiv wie ביד רמה (2. B. M. 33, 3), sondern Präter. wie רמה קרני (1. Sam. 2, 1) und ידנו רמה (5. B. M. 32, 27). An Gelegenheit, Deine Erhabenheit zu schauen, hat es der Menschheit nicht gefehlt. Allein sie will nichts aus den Erfahrungen der früheren Zeit lernen. Aber יחזו ויבשו וגו', es nützt die Menschen nichts, die Augen zu schließen und sich gegen diese Erkenntnis eigensinnig zu sperren, indem sie den Kampf mit Gott wagen — sie drücken sich damit die Brandmarke „צריך“ auf, wollen den Allmächtigen in dem Erreichen seiner Ziele einengen, beschränken, ihn bedrängen — und verfallen als צריך den schmelzenden Feuersgluten, deren sich Gott bei dem großen Läuterungsprozeß zur irdischen Heilesgestaltung bedient.

Was aber ist's, das sie diesen Grabesgang geführt hat? „קנאת עם“ heißt das Leitmotiv für ihren Trauermarsch; Eifersucht, Neid, Mißgunst — dies alles ist ja קנאה — im sozialen Verkehr, im innern Volksleben, und dieselben verderblichen Leidenschaften künstlich gezüchtet auf dem Nährboden des falschen Patriotismus für den Gebrauch im internationalen Verkehr. Klassenneid und Rassenneid wuchsen sich zu Klassenhaß und Rassenhaß aus und wurden die Totengräber der Menschen — zu spät werden sie zu ihrer tiefsten Beschämung und Enttäuschung ihres großen Irrtums inne. Unter den drei Leidenschaften, die nach den Worten unserer Weisen (Spr. d. Väter Abschn. 4 Mischn. 28) „den Menschen aus der Welt schaffen“, ist קנאה die zuerst genannte.

בל יחזיון. Hier drückt die עתיד-Form den Willen aus, wie dies sehr häufig der Fall ist, so oben 1,5: על מה תכו. — אף־אש צריך תאכלם: Schwierig ist die Stellung des Wortes אף. Es ist daher durchaus nicht unmöglich, insbesondere da אף mit אש durch Bindestrich verbunden ist, daß hier אף nicht die Partikel „auch“, sondern das Substantiv Zorn bezeichnet, das ja unzähligemal mit dem Begriff Feuer verknüpft in תנ"ך vorkommt. Da אף Maskul. ist, kann sich תאכלם nicht darauf beziehen und wäre als zweite Person zu verstehen. Zu übersetzen wäre danach: „Wenn mit des Feuers Grimm du sie als deine Feinde vernichtest“.

12
יְהֹוָ֕ה תִּשְׁפֹּ֥ת שָׁל֖וֹם לָ֑נוּ כִּ֛י גַּ֥ם כׇּֽל־מַעֲשֵׂ֖ינוּ פָּעַ֥לְתָּ לָּֽנוּ׃ {ס}
BernfeldHerr, bestelle Frieden für uns, vergilt uns unser Thun, [dass wir dir stets vertraut haben].
ZunzEwiger, du bestellst Frieden für uns; denn all unser Thun vollführest du uns.
J. J. HirschO Gott, du bereitest den Frieden für uns, denn auch alle unsere Taten hast du für uns gewirkt!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. ד' וגו'. Diese Heil und Frieden der Menschheit tötende קנאת עם wird nur durch die tiefgefühlte und klar begriffene Huldigung Gottes als ד' von der Erde gescheucht, als ד', dessen Milde jedes Menschenwesen jeden verrinnenden Zeitmoment seines Daseins verdankt, der allen Menschen ohne Unterschied, sobald sie nur wollen, gleich nahe ist mit seiner Liebe und seiner Vaterhuld. Nur diese Erkenntnis vermag der Erde den Frieden zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk zu schaffen. Vor allem aber uns, die wir so schwer durch die קנאת עם während unserer Galuthzeit zu leiden hatten, kannst nur Du den Frieden herstellen und du gewährst ihn uns, wenn wir durch Gehorsam uns deiner Huld würdig machen.

Nur von deiner als ד' die Menschheit belehrenden und erziehenden Geschichtsleitung haben wir den שלום zu erwarten. Ist doch unser Leben inmitten der Völker selbst ein Mittel in deiner Hand zu ihrer Entwicklung für ihre Heileszukunft. כי גם כל מעשינו: Wann und wo seit unserem Volksdasein, im Heimatlande wie im Exile, wir irgend Wesentliches für die Lösung unserer Aufgabe leisteten, irgend eine Tat, die auch in den Augen der Menschen Anerkennung fand, vollbringen konnten, da warst Du es, der uns dafür mit Kraft und Mitteln ausstattetest, Du bewirktest alle unsere Leistungen. Dafür auch ließest du von Zeit zu Zeit das mitternächtliche Dunkel unserer langen Galuthperiode sich etwas lichten, um uns Gelegenheit und Boden zu geben, durch unser Beispiel im Kreise der Völker für deine Ziele treu wirken zu können.

Verderblicher Wahn war es darum, wenn wir dann meinten, das etwas freundlichere Entgegenkommen der Völker mit die Treue gegen dich brechender Konnivenz bezahlen zu dürfen, durch Dreingabe unserer spezifisch jüdischen Pflichten den unverdienten Haß, mit dem sie uns so lange verfolgt hatten, in Liebe umwandeln zu können. Das erwies sich noch immer und immer als Torheit und Täuschung, und das Dunkel der Exilsnacht vertiefte sich wieder. Nur treues Festhalten an dir und deinem Gesetze bringt uns den Frieden, du allein bewältigst die Schwierigkeiten, die sich ihm entgegenstellen.

תשפות. שפת ordnen, bereiten kommt besonders als Beisetzen des Kochgeräts auf das Feuer zur Speisebereitung vor. שפת הסיר (Ezech. 24, 3), שפת הסיר הגדולה (2. Könige 4, 38). Die Zubereitung des שלום, dieses köstlichsten Gerichts, gelingt nur Gott.

פעלתָ von פעל verw. mit בעל bezeichnet ganz eigentlich das Bewältigen der Stoffe oder Verhältnisse bis zur beabsichtigten Gestaltung. (Komm. zu Ps. 28, 4.)

13
יְהֹוָ֣ה אֱלֹהֵ֔ינוּ בְּעָל֥וּנוּ אֲדֹנִ֖ים זוּלָתֶ֑ךָ לְבַד־בְּךָ֖ נַזְכִּ֥יר שְׁמֶֽךָ׃
BernfeldHerr, unser Gott, geschaltet haben Herren über uns außer dir! doch nur bei dir schwuren wir [bei] deinem Namen.
ZunzEwiger, unser Gott, geschaltet haben Herren über uns außer dir! doch nur bei dir schwuren wir, (bei) deinem Namen.
J. J. HirschGott, unser Gott! Es hatten sich zu unseren Gebietern gemacht Herren außer dir — einzig durch dich konnten wir noch deines Namens gedenken.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. ד' אלקינו, spricht Israel, auf die Jahrhunderte seines Exils zurückblickend, du bist und warst nicht nur ד', sondern auch אלקינו unser Herr, dessen Wort wir zu gehorchen haben, dem allein wir unser Geschick unterstellen. Du bliebst es, wenn sich auch andere Gewalten der Herrschaft über uns bemächtigt hatten und unseren Gehorsam gegen dich zum Verbrechen stempelten, so daß nur בך in dir und durch deinen belebenden Beistand wir den Mut und die Kraft finden konnten, נזכיר שמך dauernd und immer wieder — das liegt in der Futurumform נזכיר —, allen Versprechungen und allen Marterqualen trotzend, uns als deinen Namen tragend zu bekennen.

14
מֵתִים֙ בַּל־יִ֣חְי֔וּ רְפָאִ֖ים בַּל־יָקֻ֑מוּ לָכֵ֤ן פָּקַ֙דְתָּ֙ וַתַּשְׁמִידֵ֔ם וַתְּאַבֵּ֥ד כׇּל־זֵ֖כֶר לָֽמוֹ׃
BernfeldSie sind tot, — dass sie nicht aufleben! — abgeschieden, dass sie nicht erstehen! — Wahrlich, du hast geahndet ihnen vertilgt und vernichtet jegliches Andenken.
ZunzSie sind todt, — daß sie nicht aufleben! abgeschieden, — daß sie nicht erstehen! — weil du geahndet, so hast du sie vertilgt und vernichtet ihnen jegliches Andenken.
J. J. HirschTote waren es, sie sollten nicht leben, Abgeschiedene sind es, die nicht auferstehen werden; dafür hattest du Bestimmung getroffen, als du sie vernichtetest und jede Erinnerung an sie tilgtest.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. מתים בל יחיו. Jene Gewalten, die dir die Herrschaft entreißen wollten, weil sie in uns die Herolde und Vertreter der geistig-sittlichen Güter erblickten, die du in der Welt zur Geltung und Herrschaft gelangen lassen willst, jene Gewalten waren schon damals trotz ihres kraftstrotzenden, machtstolzen, schwertgerüsteten Auftretens in unseren Augen dem Untergang verfallen, bereits moralisch tot, weil sie in Amaleks Gesinnung den Kampf mit deiner Waltung gewagt hatten. Wir wußten, die Devise auf Gottes Thron heißt: „Auslöschen, gänzlich forttilgen werde ich Amaleks Gedächtnis von unter dem Himmel“. Das hattest du ja in unser Wanderbuch (2. B. M. 17, 14) zur ewigen Erinnerung eingeschrieben. — Darauf dürfte das Präterit. des לכן פקדת hinweisen. — Nun sind sie auch dem physischen Tode erlegen und werden nie wieder aufleben, nie wieder aus ihrer Abgeschiedenheit zur Bedeutung erstehen, ja jede Spur ihres Daseins auf Erden erlischt für alle Zeit, um der vollen Anerkennung der göttlichen Wahrheiten die Herrschaft einzuräumen.

15
יָסַ֤פְתָּ לַגּוֹי֙ יְהֹוָ֔ה יָסַ֥פְתָּ לַגּ֖וֹי נִכְבָּ֑דְתָּ רִחַ֖קְתָּ כׇּל־קַצְוֵי־אָֽרֶץ׃ {פ}
BernfeldImmer höher um dieses Volkes willen, o Herr immer höher um dieses Volkes willen hast du dich verherrlicht, bis an die entferntesten Teile der Erde
ZunzImmer höher um dieses Volkes willen, o Ewiger, immer höher um dieses Volkes willen hast du dich verherrlicht, bis fern hin an all die Enden der Erde.
J. J. HirschWachstum aber beschiedest du, o Gott, der Nation, Vermehrung der Nation, durch die du zur Verehrung gelangtest, indem du sie fernsandtest an alle Enden der Erde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15. יספת וגו'. Israel aber, das du als Sendboten dieser Ideen in die weite Welt entsandt hattest, als „Jisreël,“ als über die Erde hingestreute Gottessaat der Wahrheiten (Hosea 2, 2), die nun zur vollen Blüte und Verehrung gelangen — ihm wenden sich jetzt immer mehr die Herzen der Völker zu, es gewinnt die Achtung aller und geht in seinem Heimatlande einem uneingeschränkten Wachstum entgegen. Das scheint durch die Wiederholung des יספת gesagt zu sein. An eine Vermehrung durch Proselyten ist sicherlich nicht gedacht, da eine solche zu keiner Zeit in der Absicht der Sendung Israels lag und für die Zeit, auf welche Jesaia hier hinblickt, nach den Worten unserer Weisen (Jebam. 24 b): אין מקבלין גרים לימות המשיח völlig ausgeschlossen ist.

Daß vor נכבדת und רחקת das pronomen relativum אשר nicht steht, spricht durchaus nicht gegen obige Auffassung; dasselbe fehlt sehr häufig, wie z. B. in עם זו גאלת, עם זו קנית (2. B. M. 15, 13 und 16), בארץ לא להם (1. B. M. 15, 13). Ebensowenig bildet das Fehlen der Präposition אל oder ל vor כל קצוי ארץ einen Einwand dagegen; als Analogien dafür mögen unter anderen dienen: ויעקב ובניו ירדו מצרים (Josua 24, 4), מצרים ירד עמי (weiter 52, 4), רד בית מלך יהודה (Jerem. 22, 1), אשור הלכו (Hos. 7, 11), לנוס ירושלם (2. Chron. 10, 18 und 1. Könige 12, 18).

16
יְהֹוָ֖ה בַּצַּ֣ר פְּקָד֑וּךָ צָק֣וּן לַ֔חַשׁ מוּסָרְךָ֖ לָֽמוֹ׃
BernfeldO Herr, in der Bedrängnis suchten sie dich; im Stillen schütteten sie ihr Herz vor dir aus, als deine Züchtigung sie traf.
ZunzO Ewiger, in der Bedrängniß suchten sie dich; — ausschütteten sie Herzenserguß, da deine Züchtigung sie traf.
J. J. HirschO Gott, in der Not waren sie nur um dich bedacht, sie sprachen es flüsternd aus, eine Zurechtweisung von dir sei sie, die ihnen gebühre.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. Wehmütig, aber doch mit stolzer Befriedigung blickt das Volk der Erlösungszeit zurück auf das Leben der Seinen während des trübsten Galuth. Da, in der größten Not — בַּצַר, nicht nur בְּצַר — war es nicht die Sorge um die eigene bedrohte Existenz, welche sie erfüllte, da פקדוך waren sie um deine Sache, die du ihnen als פקדון anvertraut hattest, bekümmert. Ihnen war die Not, die über sie hereingebrochen, kein zufälliges Ereignis; aus tiefstem Herzen ergoß sich ihnen das stille Bekenntnis, diese Not komme ihnen von dir als wohlverdiente Züchtigung, weil sie nicht hinlänglich treu der ihnen anvertrauten Aufgabe gewartet hätten. Sie waren מצדיק את הדין, begriffen und würdigten die Gerechtigkeit der göttlichen Rechtswaltung, die ihnen solches Weh, solch tiefen Schmerz gesandt hatte und faßten den festen Vorsatz, immer treuer und besser zu werden. Das sprachen sie aus ohne viel Wortgepränge, und ganz leise für sich, entsprechend dem אמרו בלבבכם על משכבכם ודמו des Ps. 4, 5.

צקון ungewöhnliche עבר-Bildung von יצק gießen, in übertragenem Sinne wie in אצק רוחי (weiter 44, 3), הוצק חן (Ps. 45, 3), יצוק עליו (Job 41, 15) u. s. w. Regulär müßte der עבר: יצקו heißen. Das ן ist angehängt, was bei dem עתיד ungemein häufig, beim עבר aber nur einigemal vorkommt. Vielleicht soll hier damit die Person betont werden: sie, im Gegensatz zu ihrer Umgebung, die ihnen die Treue gegen Gottes Gesetz zum Vorwurf machte, sie klagten sich an, nicht gewissenhaft genug in seiner Beobachtung gewesen zu sein. — לחש wie 2. Sam. 12, 19: כי עבדיו מתלחשים daß seine Diener miteinander flüsternd redeten.

17
כְּמ֤וֹ הָרָה֙ תַּקְרִ֣יב לָלֶ֔דֶת תָּחִ֥יל תִּזְעַ֖ק בַּחֲבָלֶ֑יהָ כֵּ֛ן הָיִ֥ינוּ מִפָּנֶ֖יךָ יְהֹוָֽה׃
BernfeldWie eine Schwangere, die dem Gebären nahe ist, kreiset, schreiet in ihren Wehen, also ist es uns ergangen vor dir, o Herr.
ZunzWie eine Schwangere, dem Gebären nahe, kreiset, schreiet in ihren Wehen, also ist es uns ergangen vor dir, o Ewiger.
J. J. HirschWie eine Schwangere die Geburt beschleunigen möchte und doch, wenn sie kreißet, aufschreit in ihren Wehen, so waren wir vor deinem Angesichte, Gott.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17. כמו הרה. Uns waren die Nöte Geburtswehen der Geüla, der Neugeburt unserer Zukunft, der uns verheißenen Heileszeit, die wir so sehnsüchtig herbei wünschten — und doch erpreßten uns die unsäglichen Leiden, die uns quälten, laute Schmerzensschreie — ach Gott! ach Gott! schrien wir, aber unser Schrei war nur ein Flehen um Kraft, die Geburtsstunde glücklich überdauern zu können, nicht eine Bitte um Aufhören der Wehen.

18
הָרִ֣ינוּ חַ֔לְנוּ כְּמ֖וֹ יָלַ֣דְנוּ ר֑וּחַ יְשׁוּעֹת֙ בַּל־נַ֣עֲשֶׂה אֶ֔רֶץ וּבַֽל־יִפְּל֖וּ יֹשְׁבֵ֥י תֵבֵֽל׃
BernfeldWir waren schwanger, haben gekreist — aber als hätten wir Wind geboren. Rettung ist nicht geschehen auf Erden, es stürzten noch nicht die Bewohner des Erdenrundes [Babel].
ZunzWir waren schwanger, haben gekreiset — (aber) als hätten wir Wind geboren. Rettung ist nicht geschehen auf Erden, auf daß nicht sinken die Bewohner des Erdenrundes.
J. J. HirschWir waren schwanger, kreißeten — es war, als hätten wir Wind geboren; weder schufen wir der Erde Heil, noch stürzten die Bewohner der Menschenwelt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 18. הרינו וגו'. Wie oft wurden wir bitter enttäuscht. Wehen waren es, aber falsche, krampfhaft wand sich unser Volkskörper, aber wir hatten uns verrechnet, die Zeit unserer Erlösung war noch nicht da, unser Kreißen war vergeblich — das Heil kam nicht zur Welt.

ישועות בל נעשה ארץ Plural wie פועל ישועות בקרב הארץ (Ps. 74, 12). Die mannigfaltigsten Heilesverleihungen sind das letzte Ziel des göttlichen Wirkens auf Erden, ישע kraftvolles, wahrhaftiges Sein, unter Berücksichtigung der individuellen Natur eines jeden einzelnen ist das Angebinde, welches Gott der Erde durch Israels Sendung zuwenden will. Unsere Mission erschien uns verfehlt, die besondere Aufgabe, um die wir so unendliches Weh zu erdulden hatten, zwecklos — wir konnten die uns umgebende Welt nicht bessern, noch sahen wir die mächtigen Faktoren, in denen wir die Störenfriede der Menschheit erblicken mußten, irgendwie an ihrem unheilbringenden Einflusse Einbuße erleiden. ובל יפלו wie והימים הראשנים יפלו (4. B. M. 6, 12) die früheren Tage entfallen, sind bedeutungslos geworden, zählen nicht mit. Zu יושבי תבל s. das oben V. 9 Ausgeführte.

19
יִֽחְי֣וּ מֵתֶ֔יךָ נְבֵלָתִ֖י יְקוּמ֑וּן הָקִ֨יצוּ וְרַנְּנ֜וּ שֹׁכְנֵ֣י עָפָ֗ר כִּ֣י טַ֤ל אוֹרֹת֙ טַלֶּ֔ךָ וָאָ֖רֶץ רְפָאִ֥ים תַּפִּֽיל׃ {פ}
BernfeldLass aufleben deine Toten, meine Leichen erstehen! Erwachet und jubelt, die ihr ruhet im Staube; denn wie der Tau auf Gräsern [alles emporsprießen lässt] ist dein Tau [des Lebens]; ebenso soll die Erde die Toten wieder herausgeben.
ZunzLaß aufleben deine Todten, meine Leichen erstehen! Erwachet und jubelt, die ihr ruhet im Staube; denn ein Thau auf Pflanzen ist dein Thau, aber zur Erde wirfst du Riesen nieder.
J. J. HirschAufleben werden deine Toten, als mir abgestorben, werden sie auferstehen! Wachet auf und jauchzet, die ihr im Staube ruhet! Denn lichtstreuender Tau ist dein Tau, und die Erde gibt die Hingeschiedenen wieder.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 19. Nun aber ersteht durch deine Kraft alles zu neuem Leben, מתיך die dir Abgestorbenen leben wieder auf zu wahrem wirklichen Leben, נבלתי יקומון ihre Auferstehung ist zugleich die meinige, spricht Israel. So lange die Menschheit dem reinen Menschentum, für das sie Gott geschaffen und mich an sie gesandt hat, abgestorben ist, ist auch mein Leben nur ein halbes, ein Teil meines Selbst liegt mit ihr entseelt im Staube. — Wir möchten bezweifeln, daß נְבֵלָתִי mein Leichnam heißt; da das Suffix an den stat. constr. נִבְלַת angehängt wird, müßte es also dann נִבְלָתִי heißen, wie ja נִבְלָתו, נִבְלָתָה, נִבְלָתָם wiederholt vorkommt. Vielmehr glauben wir, daß נְבֵלָתִי vom partic. נָבֵל (נָבֵל צִיץ weiter 40, 7, והעלה נָבֵל Jerem. 8, 13) gebildet ist, wie גְנֻבְתִי יום וּגְנֻבְתִי לילה (1. B. M. 31, 39), und „als mir abgestorben“ aufzufassen ist. Der Sinn ist übrigens der gleiche.

Die hier verkündete leibliche Auferstehung der Toten fällt mit dem Beginn der Heileszukunft zusammen. Deshalb הקיצו ורננו verheißt der Weckruf Gottes der Menschheit zugleich ungetrübtes, glückliches Leben und lädt sie ein, ihm entgegen zu jubeln in froher Zuversicht.

כי טל אורות. Wenn die aufgehende Sonne ihre Strahlen auf den nachts gefallenen Tau herabsendet, da funkeln die Myriaden Tauperlen auf den Blättern, Gräsern und Blumenkelchen, und in unaussprechlicher Pracht leuchtet die Natur — טלך der Tau aber, mit dem du einst die in Grabesnacht staubgebetteten Ruhenden zu heiterem Tagesdasein erweckst und belebst, er bedarf nicht der Sonne um zu leuchten, er ist selbst טל אור Lichttau, ja noch mehr טל אורות, er läßt nicht nach außen nur die neu erstandene Menschheit in hellstem Lichte erscheinen, er durchleuchtet alle Verhältnisse, streut sein Licht überall hin, erhellt die Geister und Gemüter, bannt das Dunkel aus den Herzenskammern aller Menschen und schafft eine ewig beglückte lichtige Segenszeit auf Erden.

וָאָרֶץ רפאים תפיל wie וְהָאָרֶץ. תפיל wörtlich: wirft aus oder hin, oder legt nieder. Es scheint hiermit angedeutet zu sein: Wie bei der Schöpfung des Menschen die Erde völlig passiv war und Gott ihr den Stoff für das Leibliche am Menschen entnahm, im Gegensatze zu der Schöpfung der Tiere, wo es: תוצא הארץ נפש חיה „es bringe die Erde lebende Wesen hervor“ heißt — so auch bei der Auferstehung dereinst. Was der Erde übergeben worden war, das Leibliche am Menschen, das in ihrem Schoße wieder zu Staub geworden, das gibt sie als רפאים hingeschieden, entseelt zurück, und Gott belebt es mit seinem Lichttau. — Im Komm. zu 1. B. M. 6, 4 wird eine andere Erklärung unseres Verses als möglich gegeben. —

20
לֵ֤ךְ עַמִּי֙ בֹּ֣א בַחֲדָרֶ֔יךָ וּֽסְגֹ֥ר (דלתיך) [דְּלָֽתְךָ֖] בַּעֲדֶ֑ךָ חֲבִ֥י כִמְעַט־רֶ֖גַע עַד־(יעבור)־[יַעֲבׇר־]זָֽעַם׃
BernfeldGehe mein Volk, begib dich in deine Gemächer und verschließe deine Tür hinter dir; verbirg dich einen kurzen Augenblick, bis vorüber ist der Grimm.
ZunzGehe, mein Volk, begieb dich in deine Gemächer und verschließe deine Thür hinter dir; verbirg dich einen kurzen Augenblick, bis vorüber ist der Grimm.
J. J. HirschGehe, mein Volk, gehe ein in deine Kammern und verschließe deine Türe hinter dir, verbirg dich einen kurzen Augenblick, bis der Zorn vorüber sein wird.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 20. Mit dem vorigen Verse endete das V. 1 intonierte Lied. Es schloß nach einem Rückblick auf das Exil und seine bitterernste, aber zugleich erhebende Wirksamkeit, mit dem Weckruf Gottes zur irdischen Glückseligkeit auf ewig. Und nun wendet sich der Prophet an Israel und übergibt ihm im Namen Gottes in einem kurzen Vade mecum einen Leitfaden für diese lange Wanderschaft inmitten der Menschheit.

לך עמי. Gehe, du gehst einen schweren Gang, aber du gehst ihn als עמי, als mein Volk; verbanne ich dich auch aus deinem Lande, meinem Herzen bleibst du doch nahe, auch im Exile bleibst du mein, bleibst du mein Volk. Dieses Bewußtsein soll deinen Mut, soll dich aufrichten und erhalten. Aber es verpflichtet dich zugleich, dich dieses Ehrentitels würdig zu erweisen. Laß mich, laß mein Gesetz den Mittelpunkt bilden, um den du dich als Volk gruppierst, und „hüte den Weg“, den es dich lehrt, indem du im Kreise der Menschheit, zugleich deiner abrahamitischen Bestimmung getreu, es als deine Pflicht betrachtest, „Menschenliebe und Recht zu üben“. (1. B. M. 18, 19.)

Man wird dir mit Undank begegnen, dich verkennen, dich zurückweisen, בא בחדריך bleibe in deinem eigenen Kreise, fühle dich heimisch, zu Hause in deinen Institutionen, laß חדריך deine Räume, in denen du die Gottesnähe findest und Muße und Gelegenheit zu eifriger Erforschung der Anforderungen seines Gesetzes, deine Bet- und Lehrhäuser, wenn es auch keine Prunkgebäude sind, sondern nur bescheidene Kammern, dein liebster Aufenthalt sein.

Man scheidet dich von dem Zusammenleben mit der Menschheit hinter Ghettomauern, versperrt dir alle Türen, die zum Verkehr mit der Außenwelt führen (דלתיך ist Plural geschrieben), läßt höchstens eine Türe dir geöffnet, da man deiner nicht ganz entbehren kann — aber sehne nicht dich hinaus nach dem Treiben der Völker draußen, die eine Türe, die man dir offen ließ, habe nichts Verlockendes für dich, bediene dich ihrer so wenig wie möglich, וסגור דלתך (Singular zu lesen) verschließe du selber sie dir — diese halb freiwillige, halb gezwungene Isolierung ist בעדך, (s. 1. B. M. 7, 16 ויסגר ד' בעדו), ist zu deinem Besten, zu deinem Schutze, sie erhält dich deiner Aufgabe und rettet dich vor den Gefahren, mit denen draußen der Neid und der Haß dich bedrohen.

חבי: weibl. Imper. von חבה verbergen, wovon ונחבתם שמה (Josua 2, 16), להחבה בשדה (2. Könige 7, 12). Der männl. Imper. würde חבה heißen, wie von עלה עֲלֵה: עַם größtenteils männlich, so auch in diesem Satze, סגור, בא, לך, wird hier in חבי weiblich apostrophiert. Es dürfte damit gesagt sein: Die schmachvolle Behandlung, welche die Menschen dir angedeihen lassen, und die du wahrlich nicht um sie verdient hast, könnte dein Blut in Wallung bringen und du könntest, deiner eigenen männlichen Kraft dir bewußt, es unternehmen, dir mutig die Menschenrechte, die man dir vorenthält, zu erkämpfen, oder gar wähnen, dein Exilgeschick durch männhaftes Auftreten mit Gewalt beendigen zu dürfen — חבי begib dich deiner eigenen Mannesstärke und birg dich und alles Deine unter dem Schutz Gottes, des einzig Starken, Er allein kann, er allein wird dein Leid aufhören, deinem Galuth ein Ende machen. Dir freilich erscheint seine Dauer unendlich, und doch ist dieses Galuthgeschick, das Gottes Zürnen über dich verhängte, im Verhältnis zu der ewigen Dauer des Glückszustandes, den es herbeiführen soll, nur כמעט רגע eine kurze Weile: כי רגע באפו חיים ברצונו (Ps. 30, 6) denn ein Augenblick in seinem Zürnen spendet ein ganzes Leben in seinem Wohlgefallen.

21
כִּֽי־הִנֵּ֤ה יְהֹוָה֙ יֹצֵ֣א מִמְּקוֹמ֔וֹ לִפְקֹ֛ד עֲוֺ֥ן יֹֽשֵׁב־הָאָ֖רֶץ עָלָ֑יו וְגִלְּתָ֤ה הָאָ֙רֶץ֙ אֶת־דָּמֶ֔יהָ וְלֹא־תְכַסֶּ֥ה ע֖וֹד עַל־הֲרוּגֶֽיהָ׃ {פ}
BernfeldDenn der Herr tritt heraus aus seinem Orte die Schuld der Erdenbewohner an ihnen zu ahnden; die Erde wird ihr Blut aufdecken und verhüllt nicht mehr ihre Erschagenen. [Das Blut schreiet um Rache und Sühne.]
ZunzDenn siehe, der Ewige tritt heraus aus seinem Orte, die Schuld der Erdenbewohner an ihnen zu ahnden, und aufdeckt die Erde ihr Blut und verhüllt nicht mehr ihre Erschlagenen.
J. J. HirschDenn siehe da, Gott — er tritt aus seiner Stätte hervor, um die Sünde der Erdbevölkerung an ihr zu ahnden, und es deckt die Erde ihre Blutschuld auf und verdeckt nicht mehr ihre Gemordeten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 21. כי הנה ד'. Denn siehe, selbst während seines Zürnens ist er dir doch nahe als י', seine Gnade, sein Erbarmen verläßt dich nicht und lenkt dein Geschick zu deinem Besten. Es wähnt die Welt, Gott kümmere sich nicht um das, was auf Erden vorgeht — man räumt ihm die außerirdische Welt und auf der Erde höchstens die Natur als Stätte seines Waltens ein — die Welt irrt, und gar folgenschwer für sie ist ihr Irrtum. יוצא ממקומו. Er tritt hervor aus seiner vermeintlichen, ihm zugewiesenen Stätte, und nicht erst יצא in der Zukunft, schon jetzt יוצא; die Gestaltung einer jeden Gegenwart ist eine Folge seiner Wirksamkeit, deren Ziel sich immer gleich bleibt. Dieses Ziel aber ist, als י' die Menschheit zu ihrem Heile für die Huldigung Gottes zu erziehen.

Im Dienste dieses Zieles wirkt auch dein Galuthgeschick; nicht vergebens ist dein Dulden, du trägst ja doch die Gottesidee unter die Menschheit hinaus, und diese Gottesidee gewinnt doch Boden. Und feindet man dich deshalb an und versündigt sich schwer an dir — habe ein offenes Auge für den Gang der Weltgeschichte, sie lehrt dich, wie Gott die Frevel ahndet, die man an dir verübt, sie zeigt dir, daß, was Völker an dir verbrochen, sich bitter an ihnen strafte.

וגלתה הארץ וגו'. Das Blut der Tausende und Abertausende unschuldiger, vom Haß und Neid hingeschlachteter Juden sucht Er an ihren Mördern heim, und es hilft ihnen nichts, die Juden als Feinde und Schädlinge der Blüte und des Gedeihens der Erde zu verleumden, und die Wohlfahrt der Erde als Deckmantel für ihren Mord zu benutzen, um diesen Mord als eine rettende Tat zu glorifizieren — die Erde wehrt sich gegen eine solche Mitschuld, sie selbst deckt die Unschuld der auf ihr und vorgeblich ihretwegen Gemordeten auf und läßt sie in hellstem Lichte erscheinen. Mit der Erkenntnis Gottes und seiner Huldigung als ד' gelangt auch Judenheit und Judentum zur Anerkennung auf Erden, wie dies Ende nächsten Kapitels ausgeführt wird.