Jeschajahu 24 ישעיהו

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Haftarot in diesem Kapitel: Behar
1
הִנֵּ֧ה יְהֹוָ֛ה בּוֹקֵ֥ק הָאָ֖רֶץ וּבֽוֹלְקָ֑הּ וְעִוָּ֣ה פָנֶ֔יהָ וְהֵפִ֖יץ יֹשְׁבֶֽיהָ׃
BernfeldDer Herr entleert das Land und verödet es; er wühlt auf seine Oberfläche und zerstreuet seine Bewohner.
ZunzSiehe, der Ewige entleert das Land und verödet es, und wühlet auf seine Oberfläche und zerstreuet seine Bewohner.
J. J. HirschSiehe, Gott ist es, der die Erde leer macht und sie zerklüftet, damit entstellt er ihr Aussehen und zerstreut ihre Bewohner.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 24. V. 1. Während eine ganze Reihe der vorangehenden Kapitel משא, die Last des Geschickes schildert, welche die einzelnen Völker durch ihr rücksichtsloses Streben nach Besitz und Macht und durch die solches begleitenden Folgen, wie Üppigkeit, Hochmut, Gewalt und Entartung sich aufladen, schaut unser Kapitel prüfend die allgemeinen Weltzustände an und forscht nach den Ursachen des physischen und sozialen Niedergangs, den der Seher auf weitem Erdenrunde konstatieren muß. Er erkennt als Grundursache das Fehlen jeder sittlichen Unterlage im Einzel- wie im Staatsleben, schaut, wie erst trübe, ja trübste Erfahrungen die Menschheit zur Erkenntnis des Grundübels, an dem sie leidet, bringen werden. Damit betritt sie den Weg der Besserung, der Heilung des Krankheitszustandes, und diese geht von Zion aus, allerdings erst in später Zeit, wie der Prophet am Ende des Kapitels ausführt.

הנה ד' וגו'. ד' Gott, der die Menschheit für die Unterordnung unter sein Sittengesetz durch alle Gänge der Zeiten erzieht, ihm gehorchen die Gänge der Natur, er bedient sich ihrer für die Erziehung des Menschen. Ein Wink von ihm, und die Erde wird leer, die Erde, die sonst sich für den Menschen mit ihren Erzeugnissen füllte, ihm ihren Ertrag spendend und damit seinen Besitz und seine Macht begründend; sie versagt sie ihm. Der Vermögensstand der Menschen sinkt und die Interessengemeinschaft der Besitzenden spaltet sich, fehlt ihr doch der bindende Kitt, der Besitz. Die zutage tretenden Verhältnisse der Erde nehmen eine ganz andere Gestaltung an, die Menschenerde bekommt ein ganz anderes Gesicht, und zwar nicht zu ihren Gunsten — ein entstelltes, verzerrtes. War doch Besitz im letzten Grunde die Basis der Macht; und die Potenzen des Besitzes und der Macht, die die bestehende Ordnung der Gesellschaft entworfen und aufrecht gehalten hatten, fühlen den Boden, auf dem sie fußten, unter ihren Füßen schwinden — die Ordnung stürzt, und ungeordnet und ohne Gesetz gehen die Menschen auseinander auf die Jagd nach Brot. — בקק leeren. Vgl. oben 19, 3 ונבקה רוח. — ובולקה von בלק, lautverwandt mit פלג trennen, klüften, spalten. — ועוה von עוה krumm sein, sich krümmen, von der geraden oder ebenen Richtung abweichen. Hier Pielform, wörtlich: „er macht, daß ihr Gesicht Runzeln bekommt“ oder „sich verzieht“.

Haftarah Behar Romanioten und Karäer beginnen hier.
2
וְהָיָ֤ה כָעָם֙ כַּכֹּהֵ֔ן כַּעֶ֙בֶד֙ כַּֽאדֹנָ֔יו כַּשִּׁפְחָ֖ה כַּגְּבִרְתָּ֑הּ כַּקּוֹנֶה֙ כַּמּוֹכֵ֔ר כַּמַּלְוֶה֙ כַּלֹּוֶ֔ה כַּנֹּשֶׁ֕ה כַּאֲשֶׁ֖ר נֹשֶׁ֥א בֽוֹ׃
BernfeldEs ergehet dem Volke wie dem Priester, dem Knecht wie seinem Herrn der Magd wie ihrer Gebieterin, dem Käufer wie dem Verkäufer, dem Verleiher wie dem Borger, dem Schuldner wie seinem Gläubiger.
ZunzUnd es ergehet wie dem Volke, so dem Priester, wie dem Knechte, so seinem Herrn, wie der Magd, so ihrer Gebieterin, wie dem Käufer, so dem Verkäufer, wie dem Verleiher, so dem Borger, wie dem Schuldner, so seinem Gläubiger.
J. J. HirschDa wird Volk und Priester gleich, der Knecht und sein Herr, die Magd und ihre Gebieterin, Käufer und Verkäufer, Darleiher und Borger, der Gläubiger wird seinem Schuldner gleich.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. והיה כעם וגו'. Wie der Besitz die Folie der Macht ist, so werden die Rang- und Gesellschaftsunterscheidungen von ihm erzeugt, mit seinem Schwinden schwinden auch diese. Die hier aufgeführten repräsentieren Staat, Kirche, Haus mit den in ihnen sich gestaltenden Gegensätzen: der Geistlichkeit und des Laienstandes, der Herrschaft und der Untertänigkeit, der Selbständigkeit und Abhängigkeit. Dies sind die Potenzen der Macht. Außerdem stellen sie den Verkehr dar mit seinen Gegensätzen: der Produktion und des Konsums, des Kapitals und der Arbeit, des Anspruchs und der Schuld. Dies die Faktoren des Besitzes. Hiermit sind alle gestaltenden Kräfte eines jeden Volkslebens uns vorgeführt, das sich auf Macht und Besitz gründet, um mit künstlichen Mitteln Macht und Besitz anzustreben. Denn dies allein ist das Ziel aller — sie alle wollen zuerst der Natur und sodann einander eine möglichst große Summe von Gütern abgewinnen. Aber an einem Irrtum scheitert ihr Streben, einen Faktor lassen sie bei den Berechnungen, welche sie ihrem unausgesetzten Ringen zugrunde legen, außer acht, und das ist Gott. Sie wähnen, daß nur mechanische und physische Kräfte und Gesetze in Natur und Menschengesellschaft walten, und darum demjenigen, der ihren Zusammenhang am gründlichsten erforscht und sie zu benutzen vermag, also dem Klügsten und Stärksten, der Sieg über die Natur und die Konkurrenz der Menschen gesichert sei. Aber der Gott, den sie bei ihren Kalkulationen nicht als Faktor in Ansatz gebracht haben, der hat als Basis der Stellung des Menschen zur Natur und zum Mitmenschen sein Sittengesetz gegeben, und nur um den Preis der Unterordnung unter dieses verleiht er dem Menschen die Herrschaft über die Natur und den gesellschaftlichen Vereinigungen der Menschen Gedeihen und Bestand. Versagt die Menschheit dem Sittengesetze den Gehorsam, dann versagt die Natur der Menschheit ihren Ertrag, und die künstlichen Schranken, welche die Menschenvereinigungen für die Ordnung der Gesellschaft geschaffen haben, sie verlieren ihre Bedeutung, büßen ihre erhaltende Kraft ein und fallen.

3
הִבּ֧וֹק ׀ תִּבּ֛וֹק הָאָ֖רֶץ וְהִבּ֣וֹז ׀ תִּבֹּ֑ז כִּ֣י יְהֹוָ֔ה דִּבֶּ֖ר אֶת־הַדָּבָ֥ר הַזֶּֽה׃
BernfeldLeer, entleert wird das Land und ausgeplündert; denn der Herr hat dieses Wort geredet.
ZunzLeer, entleert wird das Land, und geplündert, ausgeplündert; denn der Ewige hat dieses Wort geredet.
J. J. HirschImmer leerer wird die Erde und völlig ausgeplündert, denn es ist Gott, der dieses Wort ausgesprochen hat.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. הבוק וגו'. Je knapper der von der Natur gespendete Ertrag, je leerer die Erde wird, je schwerer es ist, die Mittel zu Besitz und Macht zu beschaffen, um so gieriger wirft sich alles auf das Wenige, והבוז תבוז und ein allgemeines Piratentum stürzt alle Ordnung um. כי ד' דבר את הדבר הזה. Wie bereits oben zu 1, 10 kurz bemerkt, ist דבר ד' nicht zunächst das Gesetz, sondern das den Willen und das Verhängnis Gottes überhaupt verkündende Wort. Das Wort Gottes ist kein leerer Schall; jede gegen seinen Willen sich aufbauende soziale Ordnung trägt von Anfang an die Ursache ihres Zusammenbruchs in sich.

4
אָבְלָ֤ה נָֽבְלָה֙ הָאָ֔רֶץ אֻמְלְלָ֥ה נָבְלָ֖ה תֵּבֵ֑ל אֻמְלָ֖לוּ מְר֥וֹם עַם־הָאָֽרֶץ׃
BernfeldEs trauert und welkt die Erde, es schmachtet und welkt das All, es schmachten die Vornehmen des Volkes im Lande.
ZunzEs trauert, welkt die Erde, es schmachtet, welkt das Erdenrund, es schmachten die Hohen des Volkes im Lande.
J. J. HirschEs trauert, es welkt die Erde weil gebrochen, welk ward die Menschenwelt, gebrochen sind, die die Höhenschicht der Bevölkerung der Erde bilden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. אבלה נבלה הארץ. Die Erde trauert und darum welkt sie; nicht hemmt etwa Altersschwäche ihre Kraft, nicht physische Ursachen machen sie welken — froh und freudig möchte und vermöchte sie dem Menschen zu dienen, aber er selbst macht ihr dies unmöglich, weil die sittliche Blüte der Menschheit unmöglich wurde, nachdem der Schaft, der sie tragen soll, אמללה zerknickt, gebrochen ist und נבלה תבל die Menschenwelt moralisch welk geworden, die sittliche Lebenskraft in ihr erstorben ist. — נבל bedeutet ein Schwinden der Lebenskraft, bei Pflanzen: welken, bei Menschen: Leichnam, bei Tieren: Aas. Ebenso das Schwinden der Tatkraft: ermüden und endlich, wie hier, Schwinden der sittlichen Kraft: sittlich entarten. — אמללה gebrochen, geknickt, meistens in übertragenem Sinne physisch, hier sittlich. Die Etymologie siehe Komm. zu Ps. 6, 3. — Das Traurigste aber, weil die Hoffnung auf Besserung kaum gestattend, ist, daß gerade die hohen Schichten, die Spitzen der Gesellschaft, in denen das Menschliche im Menschen zur höchsten Entfaltung gelangen sollte, die entartesten sind. אמללו Plural, מרום Singular: Jeder einzelne von all denen, die zusammen die Oberschicht der Bevölkerung bilden, ist moralisch minderwertig.

5
וְהָאָ֥רֶץ חָנְפָ֖ה תַּ֣חַת יֹשְׁבֶ֑יהָ כִּֽי־עָבְר֤וּ תוֹרֹת֙ חָ֣לְפוּ חֹ֔ק הֵפֵ֖רוּ בְּרִ֥ית עוֹלָֽם׃
BernfeldDer Erdboden war verrucht unter seinen Bewohnern, denn sie haben die Lehre übertreten, überschritten das Gesetz, gebrochen den ewigen Bund.
ZunzDas Land aber war verrucht unter seinen Bewohnern, denn sie haben die Lehren übertreten, überschritten das Gesetz, gebrochen den ewigen Bund.
J. J. HirschUnd die Erde ward trügerisch unter ihren Bewohnern; indem sie die Lehren übertraten, das Gesetz vertauschten, haben sie den für ewig geschlossenen Bund vernichtet.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. והארץ חנפה וגו'. Die Erde täuschte die Erwartung der Menschen. Es war noch derselbe Boden, der unter Gottes Tau und Sonnenstrahl die reichste Fülle des Fruchtsegens zu zeitigen verspricht, allein kein Segenskeim trieb aus ihm zur Freude der Menschen empor, und dem Wenigen, das er produzierte, gebrach es an Mark und Saft. Vgl. Komm. zu 4. B. M. 35, 33.

כי עברו תורות. Die von Gott gegebenen Lehren des Rechts und der Sittlichkeit, der Gottesfurcht und Menschenliebe, die übertrat man im Leben. Ließ man sie auch noch als Theorien unangefochten, führte Religion und Moral, Pflicht und Gewissen sogar salbungsvoll im Munde und bediente sich ihrer als Schild, ja als Waffe gegen andere, so dispensierte ein jeder sich selbst je nach Bedürfnis davon. Das ist das erste Stadium des Niedergangs: Zwiespalt zwischen Praxis und Theorie. Doch dabei bleibt es nicht. Man fühlt sich nicht behaglich bei solchem Widerstreit und begrüßt dankbar seinen Ausgleich. Hat sich erst das praktische Leben im Gegensatz zu dem Sittengesetz aufgebaut, so beseitigt man die alten תורות als unpraktisch und sucht den Widerspruch zwischen Theorie und Praxis dadurch zum Schweigen zu bringen, daß man die Theorie nach der feststehenden Praxis umarbeitet, und so חלפו חוק verkehrte man das Gesetz in sein Gegenteil und erhob das Entgegengesetzte zum Gesetz! So triumphierte die Praxis über die Theorie! Da ward dann Gottesfurcht zum Aberglauben, Redlichkeit Dummheit, Sittlichkeit Feigheit, Menschenliebe eine Schwäche — hingegen Gottesleugnung zur erleuchteten Lebensweisheit, Büberei Klugheit, Sittenlosigkeit Genialität, Bosheit zur Charakterstärke. Damit vollendete sich der moralische Niedergang der Menschheit, und

הפרו ברית עולם sie war es, die Menschen selbst waren es, die das Band zerrissen, welches die Natur mit dem Menschen für ewig verknüpfen soll, den Gottesvertrag brachen, der die Erde dem Menschen unterordnet unter der Bedingung, daß er selbst sich dem Sittengesetze beuge. — Die Etym. von חלף s. Komm. zu 3. B. M. 27, 10. Aus unserem Vers geht hervor, daß die dort bezüglich des Piel und Hifil gegebene Erläuterung auch für den Kal zutrifft. Insbesondere tritt in חלפו חוק das חלף in der Bedeutung umtauschen, ersetzen, Eigentümliche zutage, das durchweg den Tausch von etwas minder Gutem gegen ein Besseres bezeichnet: Das ihnen unbequeme, darum nach ihren Begriffen schlechtere Gesetz vertauschen sie gegen ein, ihre liebgewonnene Lebensweise nicht störendes, ihnen passenderes und darum für sie besseres Gesetz.

6
עַל־כֵּ֗ן אָלָה֙ אָ֣כְלָה אֶ֔רֶץ וַֽיֶּאְשְׁמ֖וּ יֹ֣שְׁבֵי בָ֑הּ עַל־כֵּ֗ן חָרוּ֙ יֹ֣שְׁבֵי אֶ֔רֶץ וְנִשְׁאַ֥ר אֱנ֖וֹשׁ מִזְעָֽר׃
BernfeldDarum verzehrt ein Fluch das Land und es büßen seine Bewohner; darum verminderten sich die Bewohner des Landes, und wenige bleiben übrig.
ZunzDarum verzehrt Fluch das Land und es büßen seine Bewohner; darum dorrten hin die Bewohner des Landes, und übrig bleibt der Leute wenig.
J. J. HirschDeshalb verzehrt Fluch die Erde, weil die sie Bewohnenden schuldbeladen sind, deshalb verzehren sich in Glut die Bewohner der Erde und gesunkene Menschheit bleibt als winziger Rest übrig.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. על כן אלה וגו'. Nicht auf physischem Grunde beruhende Störungen lähmen die Zeugungskraft der Erde. Wenn der Mensch die Kräfte der Erde für seine von Gott ihm angewiesenen Zwecke beansprucht und verwendet, hebt der Mensch die physische Natur in den Dienst der sittlichen Weltzwecke, und dann fördert und segnet Gott die Erde. So aber bringt die Schuld, mit der die Menschheit sich belastet, die Erde um den göttlichen Segen. Darum gebricht es auch dem Wenigen, was sie hervorbringt, an Segen, und על כן חרו deshalb kommt mit allem Abmühen die Menschheit nicht weiter, verzehrt sich vergebens in leidenschaftlicher Glut und büßt bei dem heillosen Ringen ihr besseres Teil ein. על כן אלה וגו' ויאשמו וגו' — על כן חרו וגו' — zeichnet die Kreislinie der Schuld und des Unheils, den circulus vitiosus, in welchem die Welt sich bewegt. — חרו verbrennen, verglühen, so ועצמי חרה מני חרב (Job 30,30), nach חרר von רד"ק. Dann müßte allerdings der Akzent מלעיל stehen; steht er מלרע, wie es mit unserer מסורה übereinstimmt, so wäre die Wurzel חרה wie von וחרה אף ד' (5. B. M. 11, 17). Der Sinn ist derselbe. — אנוש bezeichnet gewöhnlich eine getrübte Menschheitstufe, den Menschen, der nicht mehr auf der Höhe seiner Bestimmung steht. Vgl. Komm. zu 1. B. M. 4, 26.

7
אָבַ֥ל תִּיר֖וֹשׁ אֻמְלְלָה־גָ֑פֶן נֶאֶנְח֖וּ כׇּל־שִׂמְחֵי־לֵֽב׃
BernfeldEs trauert der Most, es schmachtet der Weinstock, es ächzen alle Herzensfrohen.
ZunzEs trauert der Most, es schmachtet der Weinstock, es ächzen alle Herzensfrohe.
J. J. HirschEs trauert der Most, geknickt ist der Weinstock, es seufzen alle, die freudigen Herzens waren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7—9. Wenn die Sittlichkeit dem Leben, und die sittliche Idee dem Bewußtsein abhanden gekommen ist, dann geht auch die wahre Herzensheiterkeit verloren. Mag es noch so lustig hergehen, man das Vergnügen um jeden Preis suchen und erkaufen und ausgelassene „Lustigkeit“ für Freude halten, verschreibt man sich noch so viele Stimulantia, wie Musik, Tanz und Gesang — wirklich herzensfroh wird man nicht. Nicht im Frohsinn, nicht sangesfreudig ergreift man den Kelch des Weins, im Weine sucht man Kummer, Sorge und den nagenden Weltschmerz zu ertränken, aber auch das gelingt nicht. Schon während man sich an ihm berauscht, wird man verbittert und wie übel und elend erst bei der Ernüchterung. משוש תפים die lärmende Pauke, die hauptsächlich durch ihren Rhythmus zum Tanz auffordert, wie wir ja תופים häufig mit מחולות Reigen und Tanz zusammen erwähnt finden. משוש כנור: die mehr lieblich anregende, auf das Gefühl wirkende Harfenmusik.

8
שָׁבַת֙ מְשׂ֣וֹשׂ תֻּפִּ֔ים חָדַ֖ל שְׁא֣וֹן עַלִּיזִ֑ים שָׁבַ֖ת מְשׂ֥וֹשׂ כִּנּֽוֹר׃
BernfeldEs feiert der Jubel der Pauken, aufgehört hat das Getümmel der Fröhlichen, es feiert der Jubel der Zither.
ZunzEs feiert die Wonne der Pauken, aufgehört hat das Getümmel der Fröhlichen, es feiert die Wonne der Zither.
J. J. HirschEs ruht die Lust der Pauken, aufgehört hat das Getümmel der Fröhlichen, es ruht die Lust der Harfe.
9
בַּשִּׁ֖יר לֹ֣א יִשְׁתּוּ־יָ֑יִן יֵמַ֥ר שֵׁכָ֖ר לְשֹׁתָֽיו׃
BernfeldSie trinken keinen Wein mehr beim Gesange, bitter ist der Rauschtrank den Zechern.
ZunzNicht ( mehr) trinken sie Wein beim Gesange, bitter ist der Rauschtrank den Zechern.
J. J. HirschNicht mehr unter Gesang trinkt man den Wein, bitter schmeckt der Rauschtrank seinen Trinkern.
10
נִשְׁבְּרָ֖ה קִרְיַת־תֹּ֑הוּ סֻגַּ֥ר כׇּל־בַּ֖יִת מִבּֽוֹא׃
BernfeldZertrümmert ist die Stadt der Öde, geschlossen jedes Haus, unzugänglich.
ZunzZertrümmert ist die Stadt der Oede, geschlossen jedes Haus, unzugänglich,
J. J. HirschZusammenbricht die Stadt des unklaren Wesens, verschlossen ist jedes Haus, keiner kommt heim.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10—12. Wo alles Pflichtbewußtsein geschwunden und völlige Begriffsverwirrung eingetreten ist, da muß auch das festgefügteste Staats- und Gemeindewesen — קריה — zugrunde gehen an dem תוהו, der Unklarheit, die in der Seele und dem Herzen seiner Mitglieder herrscht. Etym. und Erkl. von תוהו s. Komm. zu 1. B. M. 1, 2. — סגר כל וגו': Sinn und Gefühl für Häuslichkeit und Familie ist erstorben, das Haus gewährt keine Befriedigung, keine Zuflucht mehr aus dem draußen tobenden Kampf ums Dasein, keine Rettung mehr aus der Verkommenheit, in die man immer mehr versinkt — auch von den Zechgelagen kehrt man nicht heim, schläft den Rausch auf der Gasse aus, um dort weiter zu trinken und aufs neue sein Elend zu bejammern! מבוא wie im vorigen Kapitel V. 1. בוא heißt ja vorzugsweise heimkommen.

11
צְוָחָ֥ה עַל־הַיַּ֖יִן בַּחוּצ֑וֹת עָֽרְבָה֙ כׇּל־שִׂמְחָ֔ה גָּלָ֖ה מְשׂ֥וֹשׂ הָאָֽרֶץ׃
BernfeldMitten im Weingelage bricht ein Wehklagen aus auf den Gassen verdüstert ist alle Freude, verwiesen die Wonne des Landes.
ZunzWehklage um Wein auf den Gassen, verdüstert alle Freude, verwiesen die Wonne des Landes.
J. J. HirschWehklage bei dem Wein auf den Gassen, abendlich verdüstert ist alle Freude, ausgewandert des Landes Wonne —
12
נִשְׁאַ֥ר בָּעִ֖יר שַׁמָּ֑ה וּשְׁאִיָּ֖ה יֻכַּת־שָֽׁעַר׃
BernfeldIn der Stadt bleibt Verwüstung zurück, verödet ist das Tor, [das ehemals als Sammelpunkt für die Einwohnerschaft galt].
ZunzIn der Stadt bleibt Verwüstung zurück, und zu Trümmern zerschlagen ist das Thor. . . .
J. J. HirschWas in der Stadt zurückbleibt, ist die Öde, und vor Verödung zerfällt das Tor.
13
כִּ֣י כֹ֥ה יִֽהְיֶ֛ה בְּקֶ֥רֶב הָאָ֖רֶץ בְּת֣וֹךְ הָעַמִּ֑ים כְּנֹ֣קֶף זַ֔יִת כְּעוֹלֵלֹ֖ת אִם־כָּלָ֥ה בָצִֽיר׃
BernfeldDenn also ergeht es inmitten des Landes, unter den Völkern, — wie beim Olivenschlagen, wie zur Nachlese, wenn vorüber die Weinlese; [es bleiben nur sehr wenige].
ZunzDenn also ergeht es inmitten des Landes, unter den Völkern, — wie beim Olivenschlagen, wie zur Nachlese, wann vorüber die Weinlese.
J. J. HirschWenn es so ist, wird es inmitten der Erde mitten unter den Völkern sein wie beim Abschlagen eines Olivenbaumes, wie unfertige Früchte, wenn die Ernte zu Ende ist.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13—15. Inmitten derartig gestalteter Zustände auf Erden schaut Jesaia Israels Zerstreute unter den Völkern lebend. Von ihnen verachtet, als minderwert betrachtet, gering geschätzt wie bei der Ernte unreife Früchte, die es nicht lohnt vom Boden aufzuheben, werden sie Zeugen aller politischen und sozialen Katastrophen und erkennen in ihnen das Walten der die Menschheit erziehenden Gotteshand, die Offenbarung der Gotteshoheit. Diese ist es, der sie überall entgegen jauchzen, auch wenn sie selbst unter der tragischen Geschichtsentwicklung zu leiden haben, dieser גאון ד', die Gotteshoheit, die sich ihnen zuerst, eingreifend in die Weltgeschichte, bei der Vollendung ihrer Erlösung aus Ägypten am Schilfmeere zeigte: כי גאה גאה und וברב גאונך (2. B. M. 15, 1 und 7). — כי כה יהיה kann schon ohne „wenn es so ist“ heißen, wie אם כן (1. B. M. 43, 11) oder הנה כי כן (Ps. 128, 4). יהיה kann sich daher auf das Folgende beziehen. Die נגינה spricht nicht dagegen, wie eine Vergleichung mit anderen Stellen zeigt. Daran, daß als Subjekt Israel zu denken ist, kann kein Zweifel obwalten, ist ja nur von diesem in den nachfolgenden Sätzen die Rede.

על כן באורים וגו'. אור Glut, באור תבעיר (Jech. 5, 2), אורים Feuerstellen, Scheiterhaufen. Müßtet ihr auch, redet der Prophet das Israel der Diaspora an, diese eure Gotteshuldigung und Gottesverehrung mit dem Feuertode, auf Scheiterhaufen bezahlen, fahret fort, Gott zu ehren (vgl. die einleitenden Worte des Komm. zu Ps. 44): מקדש השם sieht er sie, mit ihrem Martyrium für die Aufgabe leben und sterben, die ihnen Gott mit ihrem Namen „Jisra-el“ „Gott wird herrschen“ übertragen hat; er sieht sie mitten unter einer entarteten Umgebung den Namen Gottes heiligen, zu Ehren bringen und, באיי הים weit von der Heimat, durch Meere von ihr getrennt, die Huldigung Gottes als Israels Gott mit dem Tode besiegeln. Dieser Anblick ergreift ihn so, daß er meint, solcher Betätigung der Gottestreue durch Israel müsse der Anbruch der Heileszukunft der Menschheit alsbald folgen.

14
הֵ֛מָּה יִשְׂא֥וּ קוֹלָ֖ם יָרֹ֑נּוּ בִּגְא֣וֹן יְהֹוָ֔ה צָהֲל֖וּ מִיָּֽם׃
BernfeldDiese aber werden ihre Stimme erheben und jauchzen; ob der Herrlichkeit des Herrn jubeln sie vom Meere her.
ZunzDiese erheben ihre Stimme, jauchzen; ob der Herrlichkeit des Ewigen jubeln sie vom Meere her.
J. J. HirschAber gerade sie werden ihre Stimme aufjauchzend erheben, sie, die, wo sich Gottes Erhabenheit zeigte, in Jubel ausbrachen vom Meere her.
15
עַל־כֵּ֥ן בָּאֻרִ֖ים כַּבְּד֣וּ יְהֹוָ֑ה בְּאִיֵּ֣י הַיָּ֔ם שֵׁ֥ם יְהֹוָ֖ה אֱלֹהֵ֥י יִשְׂרָאֵֽל׃ {ס}
BernfeldDarum ehret in den [weiten] heißen Zonen den Herrn, in den Eilanden des Meeres den Namen des Herrn, des Gottes Israels.
ZunzDarum in den Thälern ehret den Ewigen, in den Eilanden des Meeres den Namen des Ewigen, des Gottes Jisraél's.
J. J. HirschDeshalb selbst auf Scheiterhaufen ehret Gott, in meerfernen Landen den Namen Gottes als Gott Israels.
16
מִכְּנַ֨ף הָאָ֜רֶץ זְמִרֹ֤ת שָׁמַ֙עְנוּ֙ צְבִ֣י לַצַּדִּ֔יק וָאֹמַ֛ר רָזִי־לִ֥י רָֽזִי־לִ֖י א֣וֹי לִ֑י בֹּגְדִ֣ים בָּגָ֔דוּ וּבֶ֥גֶד בּוֹגְדִ֖ים בָּגָֽדוּ׃
BernfeldVom Ende der Erde hören wir Gesänge, Preis dem Gerechten, und ich spreche: Ich verschmachte! wehe mir! Räuber rauben, sie hören nicht auf zu rauben.
ZunzVom Saume der Erde hören wir Gesinge, Preis dem Gerechten, und ich spreche: Ich verschmachte, ich verschmachte! wehe mir! Räuber rauben, und Raub rauben Räuber.
J. J. HirschVon dem Aufschwung der Erde haben wir Gesänge vernommen: Verherrlichung wird dem Gerechten! Da sprach ich: mein Geheimnis wird mir, mein Geheimnis wird mir! Doch wehe mir! Treulose sind treulos und an dem Treubruch Treuloser sind sie treulos!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. מכנף הארץ. Von dem Aufschwung, den die Erde einst nehmen wird, haben wir singen hören, aus den alten, vom göttlichen Geiste getragenen Gesängen tönt uns die heitere Verkündigung entgegen, daß die Menschheit einst aus ihrer Gesunkenheit sich aufraffend, beschwingt von dem Streben nach Heil, alles Unrecht, alles Gemeine, Sittenlose tief unter sich lassend, ihren Flug zu Gott emporrichten werde. Haben singen hören (2. Samuel 23, 3 u. f.): אמר אלקי ישראל לי דבר צור ישראל מושל באדם צדיק וגו' Verkündet hat es Israels Gott, zu mir sprach es Israels Hort: Zur Herrschaft gelangt unter den Menschen das Gerechte u. s. w., wie einst auf Erden dem Gerechten der Sieg, die Herrschaft und die Krone zuteil werde. Und „וכפר אדמתו עמו“ schließt die letzte Strophe des alle Zeiten überblickenden Gottesgesanges unseres größten Propheten und Führers (5. B. M. 32, 43) „Und Seine Menschenerde sühnt Sein Volk“, und damit wird ausgesagt, wie, wenn Israel, seines Heroldamtes treu waltend, inmitten der Leiden des Exils ausharrt, endlich gerade durch sein Dulden um der Gottestreue willen die Stimme des Rechts und der Humanität sich immer lauter Gehör schaffen und so Israel führend die Gotteserde zu Ihm emporheben werde.

ואמר וגו'. Da meinte ich, das Geheimnis dieser frohen Zukunft werde sich nun mir enthüllen, die Zeit nahe bereits heran. רז Geheimnis, nach ר' י' קמחי wie וכל רז לא אנס לך (Daniel 4, 6) in dem Sinne wie סוד (Amos 3, 7): כי אם גלה סודו אל עבדיו הנביאים Gott tut nichts, er habe denn seinen Beschluß (der bisher für alle ein Geheimnis war) seinen Dienern, den Propheten offenbart. — Aber wehe mir! Welch ein Weg von Jammer führt zu dieser Zukunft! Ehe dem Gerechten der Kranz der Anerkennung, das Diadem der Herrschaft wird, müssen erst die Wogen des Unrechts, über dem Haupte der Menschheit zusammenbrechend, ihr den Untergang drohen, eher kommt sie nicht zur Anerkennung dessen, worin allein ihre Rettung und ihr Heil — der Idee des Rechts! Ehe צבי לצדיק der Siegespreis dem Gerechten wird, erreicht erst die Treulosigkeit den Höhepunkt — gibt es nur einen Wetteifer auf Erden: wer der Meister im Betrügen ist, schaut Jesaia wehdurchzuckt die Welt voll von Trug, voll von betrogenen Betrügern, schaut die Bewohner der Erde den Gefahren ausgeliefert, welche ihnen durch

17
פַּ֥חַד וָפַ֖חַת וָפָ֑ח עָלֶ֖יךָ יוֹשֵׁ֥ב הָאָֽרֶץ׃
BernfeldGrauen und Grube und Garn kommen über dich, Bewohner das Landes.
ZunzGrauen und Grube und Garn über dich, Bewohner des Landes.
J. J. HirschAngst und Grube und Schlinge über dich, Bewohner der Erde!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17. 18. פחד ופחת ופח drohen. פחד: Die Angst vor dem, was die Zukunft bringt, deren Dunkel er doch mit aller Anstrengung nicht zu durchdringen vermag, die Angst, die den Menschen befällt, wenn er in seinem Innern den Halt verliert, mit sich zerfallen ist.

פחת die Grube: Von Gruben rings umgeben ist des Menschen physische Existenz seitens der Natur, wenn er mit ihr zerfallen, nicht fest steht und dort ihm der Boden unter den Füßen weicht.

פח die Schlinge, die Fallen, welche die Gesellschaft dem Menschen stellt. Bevor das Recht auf Erden siegt, müssen erst die Menschen durch Erfahrung lernen, daß sie durch das Unrecht, die Gesetzlosigkeit, überall ihren Halt verlieren, im Innern, in der Natur und in der Gesellschaft. Wer, um seinem eigenen Gewissen, der mahnenden inneren Stimme zu entfliehen, sich dem sogenannten natürlichen, aller Sittlichkeit entkleideten Leben in die Arme wirft, der geht darin zugrunde; und wer mit Mühe und Not dem Grabe der Natur entronnen, in der Gesellschaft seine Rettung sucht, findet in den Schlingen des sozialen Lebens seinen Untergang. Nimmer kann Natur und Gesellschaft den Halt bieten, den der Mensch nur in seinem Innern zu finden vermag, wenn er es den göttlichen Normen, wenn er es für die Bildung durch das Sittengesetz offen hält. Vergebens suchen die Menschen die Grundpfeiler der Erde zu sichern; von Oben gegeben ist das Gottesgesetz, das allein die Garantien für ihre Festigkeit gewährt, mit seiner Mißachtung beschwören die Menschen den Fluch aus der Höhe herab, der sie erbeben macht. Von Oben wird der Menschheit alles, aus den ארובות ממרום kommt der segenspendende, befruchtende Regen, aus ihnen ergoß sich die Sündflut, welche die entartete Menschenwelt begrub.

18
וְ֠הָיָ֠ה הַנָּ֞ס מִקּ֤וֹל הַפַּ֙חַד֙ יִפֹּ֣ל אֶל־הַפַּ֔חַת וְהָֽעוֹלֶה֙ מִתּ֣וֹךְ הַפַּ֔חַת יִלָּכֵ֖ד בַּפָּ֑ח כִּֽי־אֲרֻבּ֤וֹת מִמָּרוֹם֙ נִפְתָּ֔חוּ וַֽיִּרְעֲשׁ֖וּ מ֥וֹסְדֵי אָֽרֶץ׃
BernfeldWer vor dem Ruf des Grauens flieht, fällt in die Grube, und wer heraufkommt aus der Grube, fängt sich im Garn; denn die Schleusen aus der Höhe sind aufgetan und die Grundfesten der Erde beben.
ZunzUnd es geschieht, wer vor dem Ruf des Grauens flieht, fällt in die Grube, und wer heraufkommt aus der Grube, fängt sich in dem Garne; denn die Schleusen aus der Höhe sind aufgethan und es beben die Grundfesten der Erde.
J. J. HirschDa wird, wer vor der Stimme der Angst flieht, in die Grube stürzen, und wer aus der Grube emporsteigt, in der Schlinge gefangen werden, denn aus der Höhe sind Schleusen geöffnet, darum erbeben die Grundpfeiler der Erde.
19
רֹ֥עָה הִֽתְרֹעֲעָ֖ה הָאָ֑רֶץ פּ֤וֹר הִֽתְפּוֹרְרָה֙ אֶ֔רֶץ מ֥וֹט הִֽתְמוֹטְטָ֖ה אָֽרֶץ׃
BernfeldZerschmettert ist die Erde, zersplittert ist die Erde, erschüttert ist die Erde.
ZunzZerschmettert ist die Erde, zersplittert ist die Erde, erschüttert ist die Erde.
J. J. HirschGebrochen ist, sich selbst erschütternd, die Erde, zerfallen, sich selbst aufreibend, ist die Erde; es schwankt, ihren Halt aufgebend, die Erde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 19. 20. Sind es drei Faktoren, die des Menschen Wohl gefährden פחד ופחת ופח, so zeigt sich bei ihm auch dreifach deren Wirkung: רעה פור מוט, in dem völligen Zusammenbruch des in allen seinen Beziehungen erschütterten Innern des Menschen, in dem physischen Kräfteverfall des aufreibenden Lebens, in dem haltlosen Schwanken des aller Prinzipien entbehrenden sozialen Verkehrs. Aber alle drei Übel hat er selbst verschuldet; deshalb wird hier jedes Verbum noch einmal im התפעל wiederholt: התרעעה התפוררה התמוטטה. Die doppelte Übersetzung, die wir für diese Verba gewählt haben, entspricht den verschiedenen Bedeutungen, in welchen sie in תנ"ך vorkommen, wie תרעם בשבט ברזל (Ps. 2, 9) mit eisernem Stabe brechen; וירא פניו בתרועה (Job 33,26) in Erschütterung, ebenso bei den beiden anderen. — מלונה s. oben 1, 8 ein als Notbehelf brauchbares Nachtlager, hier ist wahrscheinlich ein im Baumgeäst durch zusammengetragene Reiser hergestelltes gemeint, das, einer Hängematte ähnlich, bei jeder Bewegung hin und her schwankt. ולא תוסיף קום. Erst nach allen diesen trüben Erfahrungen wird die Menschheit einsehen, daß alle ihre selbstersonnenen Satzungen ihr Gedeihen und ihre Ordnung nicht sichern können.

20
נ֣וֹעַ תָּנ֤וּעַ אֶ֙רֶץ֙ כַּשִּׁכּ֔וֹר וְהִֽתְנוֹדְדָ֖ה כַּמְּלוּנָ֑ה וְכָבַ֤ד עָלֶ֙יהָ֙ פִּשְׁעָ֔הּ וְנָפְלָ֖ה וְלֹא־תֹסִ֥יף קֽוּם׃ {ס}
BernfeldEs wankt die Erde gleich einem Trunkenen und schwankt hin und her gleich einer Nachthütte; denn es lastet schwer ihre Missetat auf ihr, sie fällt und steht nicht wieder auf.
ZunzEs wankt die Erde gleich einem Trunkenen, und schwankt hin und her gleich einer Nachthütte; denn es lastet schwer ihre Missethat auf ihr, daß sie fällt und nicht wieder aufsteht.
J. J. HirschIn Taumel gerät die Erde gleich einem Trunkenen, schaukelt sich wie ein Schwebelager, schwer lastet ihr Verbrechen auf ihr, sie fällt und wird sich nicht wieder erheben können.
21
וְהָיָה֙ בַּיּ֣וֹם הַה֔וּא יִפְקֹ֧ד יְהֹוָ֛ה עַל־צְבָ֥א הַמָּר֖וֹם בַּמָּר֑וֹם וְעַל־מַלְכֵ֥י הָאֲדָמָ֖ה עַל־הָאֲדָמָֽה׃
BernfeldAn jenem Tage ahndet der Herr an der Schaar der Höhe in der Höhe und an den Königen des Erdbodens auf dem Erdboden.
ZunzUnd es geschiehet, an selbigem Tage ahndet der Ewige an der Schaar der Höhe in der Höhe, und an den Königen des Erdbodens auf dem Erdboden.
J. J. HirschAn jenem Tage wird Gott Musterung halten über das Heer der Höhe in der Höhe und über die Könige der Erde auf der Erde,
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 21—23. Dann wird Gott die Naturgewalten aus der Höhe, die mächtigen Himmelskörper, welche durch die Verirrungen der Menschen ihrer reinen Bestimmung, ihnen die Mittel zur Erfüllung des absoluten göttlichen Sittengesetzes zu liefern, verlustig gegangen waren und von den Menschen vergöttert wurden, zeitweilig in ihrem Einfluß auf die Erde beschränken, sie gleichsam unter Verschluß halten. Damit ist der Menschheit ad oculos bewiesen, daß die Natur nicht selbstherrlich, nicht kraft ihrer eigenen Macht waltet, sondern dem Gesetze Gottes unterworfen ist, dem auch der Mensch Gehorsam schuldet. Erst wenn der Mensch, von dieser Erkenntnis durchdrungen, sich huldigend seinem Schöpfer zu Füßen wirft, werden auch diese gewaltigen Schöpfungen ihrer wahren Bestimmung wiedergegeben, in ihr Amt eingesetzt werden, was in יפקדו ja auch liegt.

Ebenso wird Gott die Machthaber auf Erden, die Gewalten und Dirigenten des sozialen Lebens, welche ihre wahre Aufgabe, die ersten Diener des Sittengesetzes zu sein und die Menschen für die Unterordnung unter dieses zu gewinnen, verkannt und ihre eigene Stellung als Selbstzweck betrachtet hatten, zeitweilig außer Funktion setzen, bis daß sie sich ihrer hohen Mission völlig bewußt geworden sind.

וחפרה וגו'. Dann verblaßt der falsche Glorienschein, mit dem der Gott leugnende Mensch die Natur umgab, unser Sonnensystem, unsere Welt wird als Werk des Schöpfers erkannt, es zählt mit zu dem צבא מרום, zu der Heeresschar dort oben, deren Angehörige von ד' צבאות dem Gotte aller Schöpfungswesen auf ihren Posten gestellte Diener sind, die in Seinem Namen, mit den von Ihm gewährten Mitteln Seine Ziele fördern sollen. Als solche werden sie erkannt werden, wenn Gott durch das auf Zion deponierte Gesetz von Jerusalem ausgehend die Erde beherrschen und die Allmenschheit sich seinem Willen beugen wird.

ונגד זקניו: Die irdischen Größen aber werden darin ihre einzige Größe suchen und finden, daß sie sich als זקניו, als die von ד' צבאות auf ihren Posten berufenen, von ihm geistig ausgestatteten Führer ihrer Mitmenschen fühlen (vgl. 4. B. M. 11, 16, 17, 25) und sich deshalb die Offenbarung seines Willens stets נגד vergegenwärtigen, seine soziale Ordnung, sein Sittengesetz sich immer vor Augen halten werden. כבוד wie Ps. 29, 9: Die Herrlichkeit Gottes, die sich in der Offenbarung seines Gesetzes und seines Waltens kundgibt.

22
וְאֻסְּפ֨וּ אֲסֵפָ֤ה אַסִּיר֙ עַל־בּ֔וֹר וְסֻגְּר֖וּ עַל־מַסְגֵּ֑ר וּמֵרֹ֥ב יָמִ֖ים יִפָּקֵֽדוּ׃
BernfeldSie werden haufenweis versammelt, gefangen in das Gefängnis und im Kerker eingeschlossen, und erst nach langer Zeit sieht man nach ihnen.
ZunzUnd sie werden versammelt, haufenweis gefangen in das Gefängniß, und in Kerker eingeschlossen, und erst nach langer Zeit siehet man nach ihnen.
J. J. Hirschsie werden als Gefangene zum Kerker geführt und unter Verschluß gehalten und erst nach vielen Tagen ihrer Bestimmung wiedergegeben werden.
23
וְחָֽפְרָה֙ הַלְּבָנָ֔ה וּבוֹשָׁ֖ה הַחַמָּ֑ה כִּֽי־מָלַ֞ךְ יְהֹוָ֣ה צְבָא֗וֹת בְּהַ֤ר צִיּוֹן֙ וּבִיר֣וּשָׁלַ֔͏ִם וְנֶ֥גֶד זְקֵנָ֖יו כָּבֽוֹד׃ {פ}
BernfeldEs errötet dann der Mond und schämt sich die Sonne; denn es regiert der Herr Zebaot auf dem Berge Zijon und in Jerusalem, und seine Ältesten erreichen hohe Ehre.
ZunzUnd es erröthet der Mond und schämt sich die Sonne; denn es regiert der Ewige der Heerschaaren auf dem Berge Zijon und in Jeruschalajim, und Angesichts seiner Aeltesten in Herrlichkeit.
J. J. HirschDann aber erbleichet der Mond und schämet sich die Sonne, denn Gott Zebaoth hat die Herrschaft angetreten auf dem Berge Zion und in Jerusalem, und denen, die seine Ältesten sind, bleibt die Offenbarungsherrlichkeit gegenwärtig.
Haftarah Behar Romanioten und Karäer enden hier.