Jeschajahu 23 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 23. V. 1. Jesaia verkündet in diesem Kapitel das Geschick, welches Tyrus und zugleich Sidon treffen werde, die beiden reichen See- und Handelsstädte Phöniziens. Die Namen dieser Städte, besonders der letzteren, dienen in der heiligen Schrift auch als Bezeichnung für das ganze Land.
Das Volk der „צידונים“ Sidonier gehörte zu den kanaanitischen Stämmen, deren Land für Israel zwar bestimmt war, aber von ihnen nicht in Besitz genommen wurde (Richter 3, 3). Ihr findiger Handelsgeist überbrückte den Ozean und knüpfte überall Handelsverbindungen an, zu deren Ausgangs- und Stützpunkt auf weite Entfernungen hin Kolonien gegründet wurden, so das in diesem Kapitel genannte Tarschisch. Eine bedeutende Handelsflotte verband diese Kolonie mit dem Mutterlande und trug dazu bei, die Reichtümer von Tyrus und Sidon stets zu mehren, denn Ware ward ihnen alles, was nur irgendwie Gewinn versprach — selbst Menschen wurden das Objekt ihres Krämergeistes, der keine Skrupel kannte. Wirft ihnen doch Amos 1, 9 in seinem על שלושה פשעי צור וגו' vor, daß sie selbst die Gefangenen mit ihnen verbündeter Nationen als Sklaven verhandeln. זונה nennt sie unser Kapitel darum wohl nicht allein, weil sie ihr Gewerbe „umherziehend“ und um die Gunst der Völkerschaften „buhlend“ betreiben, sondern um sie als Hetäre zu zeichnen und ihren Gewinn nennt er אתנן Hetärenlohn, denn sie verhandelte die Sittlichkeit als Krämerware, und um Gewinst-Obole war ihr alles feil. Allerdings war dieses nur, wie wir glauben, bis zu der prüfungsreichen Zeit der Fall, welche der Prophet hier für sie ankündigt; nachher trat Besserung ihres Charakters und der Prinzipien ein, die ihren Verkehr leiteten.
Wiederholt im Laufe der Geschichte erregten die aufgespeicherten Schätze in Tyrus den Neid und die Habsucht der umliegenden Nationen und setzten sie deren Angriffen aus. So zog Salmanassar, der König von Aschur, nachdem er das Reich Israel bezwungen hatte, gegen Tyrus und später Nebukadnezar, der Herrscher der Chaldäer, wie dies Jechesk. Kapitel 26—28 weissagte. Auf welchen Angriff unser Kapitel hinblickt, ist nicht mit Sicherheit zu eruieren und gehen die Meinungen der Kommentatoren darüber auseinander. Übrigens schaut Jesaia nicht eine Zerstörung oder gar eine dauernde Vernichtung, sondern nur eine siebzig Jahre währende Schwächung der Macht und den Niedergang des Handels, der im Verhältnis zur früheren Blüte einem völligen Stilliegen gleichkommt.
אניות תרשיש. תרשיש Tarsis oder Tartessus war ein bedeutender Seehafen, eine große Handelsstadt am Atlantischen Ozean gelegen zwischen den beiden Mündungen des heute Guadalquivir (im Altertum Baetis) genannten Stromes der Iberischen Halbinsel. Ihr Name übertrug sich auf das ganze Gebiet der auf der spanischen Halbinsel gelegenen phönizischen Kolonien, auch der am Mittelländischen Meere gegründeten. (Vgl. Komm. zu Ps. 48, 8.) Der ganze Meeresteil scheint übrigens diesen Namen getragen zu haben (s. Raschi zu u. V.). — תרשיש kommt in תנ"ך zuerst als Name eines Enkels von Japhet (1. B. M. 10, 4) vor: ובני יון אלישה ותרשיש כתים ודדנים. אניות תרשיש sind hier wohl die Schiffe der Tarsis und Tyrus gemeinschaftlich gehörenden Handelsflotte. Über das Verhältnis der Kolonie zum Mutterlande läßt sich nichts Sicheres sagen. Trug gewiß, wie Jechesk. 27, 12 erwähnt, der enorme Überfluß an „Silber, Eisen, Zinn und Blei“, dessen sich Tarsis zu erfreuen hatte, zur Vermehrung von Tyrus' Reichtum sehr viel bei, so dürfte der unternehmende Handelsgeist und der mächtige Schutz des Mutterlandes doch wohl hauptsächlich der Nährboden für das Aufblühen der Kolonie gewesen sein.
Hochpoetisch ist die ganze Fassung dieses Kapitels, von herrlichster Sprache getragen wird sowohl der Verfall als die bisherige Blüte von Tyrus und Sidon gezeichnet. Ganz besonders meisterhaft sind die Schlaglichter hingeworfen, die durch wenige Pinselstriche ihre Überhebung und ihren Geldstolz grell beleuchten, fast nur angedeutet die in der Perspektive sich zeigenden Symptome der durch das Unglück gezeitigten Besserung und Veredlung.
כי שדד. Der Prophet sieht die in der Überschrift genannte Stadt Tyrus bereits vom Feinde geplündert; den aus Tarsis kommenden Schiffen ist diese Trauerbotschaft schon unterwegs geworden, die Mannschaft bricht in lauten Jammer aus. מארץ כתים: כתים heißt nach der Überlieferung die altitalische Bevölkerung griechischer Abkunft, daher איטליא של יון Großgriechenland, und ist unter ארץ כתים das Land der Römer zu verstehen, wie 4. B. M. 24, 24: יד כתים die italische Küste am Mittelmeer bezeichnet. Dort erfuhren die Schiffe, was sich in Tyrus begeben hatte.
מבית wie 1. B. M. 6, 14, 2. B. M. 25, 11: מבית ומחוץ, 3. B. M. 14, 41: יקצע מבית, 2. Könige 6, 30: השק על בשרו מבית u. f.: von innen. — מבוא ohne Verkehr, wörtlich: daß man nicht kommt, so auch im nächsten Kapitel V. 10; ähnlich 1. Samuel 25, 26: מבוא בדמים daß du nicht in Blutschuld kommest.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. דומו. Mit der Imperativform wird hier gesagt: das eintretende Verhängnis zwingt euch dazu. S. das zu Kapitel 3, 10 Bemerkte. — Mit Tyrus' Fall wird der Verkehr an der phönizischen Küste wie ausgestorben sein. Der Schwächezustand, dem das Land entgegengeht, wird noch besonders drastisch durch die weibliche Endung von מלאוך, das sich auf das männliche אי bezieht, gekennzeichnet. Der Plural von מלאוך in bezug auf den Singular סחר trotz des nebenstehend gebrauchten Singulars עבר ist bei Worten, die einen Kollektivbegriff ausdrücken, nicht unmöglich, so וירא כל העם וירנו וגו' (3. B. M. 9, 24) u. a. O.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. ובמים רבים wie וירבו המים (1. B. M. 7, 17). רבים ist Präd. שיחור und יאור beides Bezeichnungen für den Nil. Für Tyrus stieg der Nil in Ägypten und überflutete seine Ufer; die Saaten, die er zu fruchtreicher Ernte tränkte, mehrten den Reichtum Phöniziens, das sie aufkaufte und auf seinen Schiffen den Völkern zutrug, dagegen wiederum deren Erzeugnisse einhandelnd. Seine Handelsflotte ward zum wandernden Emporium der Welt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Unvergleichlich ist die Meisterschaft, mit der dieser Vers die Selbstgefälligkeit zeichnet und den Hochmut, der die Brust der Phönizier schwellte: Das Meer, die Ursache ihres Reichtums und ihrer imposanten Machtstellung, sei stolz auf sie und rühme sich prahlerisch der Mutterschaft solch herrlicher Kinder wie Sidon und Tyrus. Nun ist der Augenblick gekommen, in dem du, Sidon, dich dessen zu schämen hast, daß du dem Ozean solche dich verherrlichende Worte in den Mund legtest. בושי s. oben V. 2 דומו. — מעוז הים ist eingeschobener, Sidon anredender Satz. — ולא גדלתי וגו' ist fragend gesprochen, wie ולא יסקלנו (2. B. M. 8, 22).
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. כאשר שמע וגו' und כשמע צר: wie ומלכת שבא שמעת את שמע שלמה (1. Könige 10, 1), oder ושמעו הולך בכל הארץ (Esther 9, 4) der Ruf, der Name, den jemand in der Welt hat. Hier heißt es: Tyrus' kluger Handelsgeist ließ es zu einer ebenso gefürchteten Macht wie das kriegsgerüstete Ägypten werden; man bedurfte seiner, konnte es nicht entbehren und wußte doch, daß man trotz aller Vorsicht seiner Schlauheit nicht gewachsen und leicht übervorteilt war, darum fürchtete man es.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. עברו תרשישה nach Tarsis, woher ihr gekommen seid, ihr Schiffe — hier am Gestade ist es mit dem Handel aus.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. לגור. Seit unvordenklicher Zeit durch aus fernen Landen kommende Einwanderer gegründet war die Stadt, da durften ihre Bewohner sich gewiß als Herren des Landes betrachten, und nun wird ihnen gleichsam der Boden unter den Füßen entzogen, so daß sie in der eigenen Stadt nur als „Fremde weilen“, wie dies ja גור heißt, nur geduldet sind.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. 9. המעטירה. Tyrus setzte in den Kolonien Könige nach eigenem Gutdünken ein, und der Einfluß der reichen Kaufleute wie der Leiter der großen Handelsgesellschaften war ein solch mächtiger, daß man ihnen fürstliche Ehren erwies und Tyrus' Händler die Weltaristokratie bildeten. Die Form נִכְבַּדֵּי ארץ anstatt נִכְבְּדֵי, wie der stat. constr. von נכבדים (4. B. M. 22, 15) heißen würde und wie wir analog ונכבדיהם (ihre Geehrtesten, Ps. 149, 8) hätten erwarten dürfen, scheint auf eine Verstärkung des Begriffs hinzuweisen zu wollen, etwa die „mit Ehren Überhäuften“. Dazu paßt dann auch das להקל כל נכבדי ארץ des nächsten Verses, das sarkastisch von einer Erleichterung spricht, die diesen mit Ehren Überbürdeten dadurch wird, daß man ihnen einen Teil derselben abnimmt. להקל wie והקל מעליך (2. B. M. 18,22) und להקל מעליהם (Jona 1, 4).
לחלל: Um dem Stolz auf Reichtum und Prachtentfaltung jede Weihe zu nehmen, ihn als unberechtigt zu erklären. Wohl gibt es einen Stolz, der berechtigt, ja geweiht ist — zu hoch sich zu dünken um unrecht zu handeln, zu hoch für die Sünde. Wohl gibt es einen Stolz, den Gott liebt גאון יעקב אשר אהב (Ps. 47, 5, s. Komm. das.), wenn Menschen, ihrer eigenen Ohnmacht und Glanzlosigkeit völlig bewußt, doch das sie erhebende Selbstbewußtsein bewahren, anderes kennen, geistige und sittliche Güter, die den wahren Reichtum und die wahre Größe bilden, und durch die Pflege dieser Güter sich des göttlichen Segens und Beistandes würdig zu machen suchen — das ist ein Selbstbewußtsein, ein Stolz, auf den Gott mit Wohlgefallen hinblickt, weil er aus der richtigen Erkenntnis der Menschen- und Völkerbestimmung fließt.
Das ist aber der schreiendste Gegensatz zu Tyrus' גאון כל צבי, welchem Jesaia hier die Existenzberechtigung nimmt; heißt ja חלל ebensowohl physisches als moralisches Töten. Unter den Ursachen, welche das göttliche Strafgericht über Tyrus bringen, und von Jechesk. Kap. 26—28 scharf gerügt werden, nimmt neben dem Größenwahn und der Selbstvergötterung der tyrischen Machthaber der Stolz auf die strahlende Prachtentwicklung eine hervorragende Stelle ein. So heißt es dort u. a. 27, 3: אני כלילת יפי „ich bin der Inbegriff der Schönheit“ und 28, 17: Hochmut schwellte dein Herz ob deiner Schönheit, du verderbtest deine Weisheit, um dein Wesen strahlend zu machen. „Darum (V. 7) siehe bringe ich Fremde über dich, die Kecksten unter den Nationen, die zücken ihre Schwerter wider die Schönheit, die deine Weisheit hergestellt hat, und sie werden dein strahlendes Wesen entweihen.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. עברי: Imper. wie oben V. 2. מזח, nach Ps. 109, 19 und Job 12, 21, wo es ומזיח אפיקים רפה heißt, bezeichnet ein die Lenden fest umschließendes Band, den Gürtel, der das rasche Fortschreiten fördert. Hier sagt der Vers: Dir, Tarsis, bleibt nur noch die Möglichkeit übrig, als Strom dein Land zu durchziehen, Binnenhandel kannst du noch treiben, Welthandel nicht mehr. Was dich bisher stark genug für solchen machte, deine enge Verbindung mit Tyrus' Macht, kann dir jetzt nichts mehr nützen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. 12. כנען war der Vater von צידון (1 B. M. 10, 15). Hier bezeichnet dieser Name Phönizien. מעזניה wie מעזיה, die Quellen seiner Macht läßt Gott versiegen und beide ממלכות, Tyrus und Sidon, sind erschüttert.
המעשקה בתולת בת צידון: Die bisher keinen Herrn über sich hatte, fühlt nun den Druck des Herrendienstes. כתיים ohne das die Richtung angebende ל, ebenso wie לך שב מצרים (2. B. M. 4, 19) oder ויואב שב ירושלים (2. Samuel 20, 22). כתיים mit zwei י geschrieben, aber nicht gelesen — wie Esther 8, 7: ביהודיים, 8, 13. 9, 15: היהודיים — für כתים. Siehe das zu V. 1 Bemerkte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. Wie schon oben bemerkt, steht es nicht fest, auf welches feindliche Unternehmen gegen Phönizien unser Kapitel hinschaut. Auch dieser Vers bietet keinen sicheren Anhaltspunkt für die Ansicht, daß hier als angreifende Macht Babylonien genannt sei. Es ist vielmehr unseres Erachtens nach wahrscheinlich, daß Aschur die angreifende Macht war und Aschur die in seinem Heere dienenden, besonders tapferen כשדים Chaldäer zum Angriff auf Tyrus und Sidon benutzte. Waren doch die großen Heere der damaligen Zeit häufig aus vielen von der führenden Macht abhängigen und darum ihr gestellungspflichtigen Völkerschaften zusammengesetzt. Und ארץ כשדים „das Land der Chaldäer“, Mesopotamien, war erst durch Aschur, welches ihm diese Bewohner anwies, zu einem Volke geworden, sollte seinen Charakter als „לציים“ für Steppenbewohner, für Nomaden bestimmt, behalten und ja nicht zu blühend und mächtig werden, vielmehr immer gedrückt und von Aschur abhängig bleiben. In der Tat währte dieser Zustand seiner Abhängigkeit von Assyrien bis zur Zeit von Merodach-Baladan, der das assyrische Joch abwarf. Als Salmanassar gegen Tyrus zog, stand also ארץ כשדים noch unter der Botmäßigkeit Aschurs, und wenn dieser Zug hier gemeint ist, so würde durch den Hinweis הנה ארץ כשדים das Peinliche der Besiegung für Tyrus noch verstärkt werden durch das beschämende Bewußtsein, einem unselbständigen, einem Vasallenstaat unterlegen zu sein. — יסדה: wies es an, bestimmte es, wie אל מקום זה יסדת להם (Ps. 104, 8). לציים wie תתננו מאכל לעם לציים (Ps. 74, 14) gibt ihn dem zu Wüstenwanderern bestimmten Volke zur Beute. — בחוניו von בחן erproben.
In diesem Verse wechseln wiederholt Einzahl und Mehrzahl, sowie männliche und weibliche Formen miteinander ab. Folgen wir diesem Wechsel ganz ohne Voreingenommenheit, so dürfte gerade er den sonst schwierigen Satz uns klar und verständlich machen: Objekt von יסדה ist ארץ (weibl.) — Subjekt von הקימו und עוררו (Plural) ist ציים. — Das Suffix in בחוניו bezieht sich auf אשור, welches auch Subjekt von שמה ist. Das Suff. in ארמנותיה und in שמה bezieht sich auf צר, der ja dies ganze Kapitel gilt. In diesem Sinne haben wir übersetzt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. מעוזכן: Tyrus, dessen Unterstützung allein euch den Welthandel ermöglichte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15. 16. והיה ביום ההוא. Das Mißgeschick, welches Tyrus um diese Zeit trifft, hat zur Folge, daß es von der stolzen Höhe herabgesunken, siebzig Jahre lang für die übrigen Völker als Macht nicht existierend, in Vergessenheit gerät. Später erholt es sich zwar, muß sich aber der Außenwelt erst wieder in Erinnerung bringen. Leicht wird es ihm nicht, die alten Verbindungen wieder anzuknüpfen und wie früher große Erfolge, reichen Gewinn im Handel zu erzielen. Die Gunst der Völker hat sich inzwischen anderen Handeltreibenden zugewandt, auch wollen die alten Künste, die schlauen Praktiken von damals nicht mehr recht helfen. Wie eine feile Dirne, die ihre Schönheit zu Markte trug, gealtert und verblüht keine Käufer mehr dafür findet, zur Harfe greift, um durch kokettes Spiel und liederlichen Singsang die Sinne zu reizen, um so ihr Lasterleben zu fristen, so muß Tyrus auf neue Mittel und Wege sinnen, um emporzukommen und Kundschaft zu erwerben.
כימי מלך אחד: Auf welchen König oder welche Dynastie diese Worte hinweisen, das bildet den Gegenstand weitläufiger Erörterungen. Manche meinen, es sei damit gesagt, ein Wechsel in der Person oder Dynastie des Königs der Tyrus bezwingenden Macht werde dem Niedergang seiner Blüte Halt gebieten; aber da bleibt immer noch die Lebensdauer oder Regierungszeit von siebzig Jahren schwierig herauszufinden. Raschi hält König David, der dieses Alter erreichte, für den hier bezeichneten König, bemerkt aber selbst, er wisse nicht, was damit gesagt sein soll. Wenn es nicht zu kühn ist, eine von allen Kommentatoren abweichende Erklärung zu geben, möchten wir die Auffassung wagen: Der Vergleich כימי מלך אחד bezieht sich gar nicht auf שבעים שנה, sondern auf ונשכחת צר, auf die Tatsache, daß Tyrus in Vergessenheit gerät. Der Sinn der Vergleichung wäre der: Bei einem Thronwechsel wendet sich alles dem neu aufgehenden Gestirne zu, mag der frühere König auch noch so viele mit Gnadenbeweisen überschüttet haben, er stirbt oder geht in anderer Weise des Thrones verlustig — sie alle streben nach der Gunst seines Nachfolgers, er selbst und was er an ihnen getan hat, ist vergessen. V. 8 wird Tyrus die „Kronenspenderin“ genannt u. s. w., Tyrus sinkt, mit seiner Pracht, seinem Reichtum und Einfluß ist es zu Ende, vergessen ist, was es im Weltverkehr geleistet hat, seiner vergessen auch die, denen es Kronen gespendet und die es gefürstet hat, Tyrus ist ein entthronter König und wird vergessen, wie bei einem Thronwechsel der frühere König und sein Wirken vergessen wird. Wie da sich alles dem neuen Könige huldigend zuwendet, so sucht bei Tyrus' Niedergang der Verkehr sich andere Wege, und seiner gedenkt keiner. Dieser Zustand des Vergessenseins hält siebzig Jahre an.
יהיה לצר wie יהי לך אשר לך (1. B. M. 33, 9) bleibe dir, was dein ist. Überhaupt bezeichnet היה mit ל konstruiert nicht nur den Begriff des Habens dessen, was jemandem zuständig ist, was ihm gehört, sondern auch, was ihm als Aufgabe oder als Mittel zukommt, wie z. B. והיו לכם לזכרון (4. B. M. 10, 10).
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17. 18. Ganz ohne Einwirkung auf Tyrus' Charakter und seine Prinzipien im Handel werden diese siebzig Jahre nicht gewesen sein. Verharrt auch der Prophet dabei, Phöniziens Verkehr ein Buhlen mit allen Staaten der Erde zu nennen, so bezeichnet er ihn doch zunächst nicht mit אתנן (männlich), sondern mit אתננה (weiblich) abgeschwächt, als nicht mehr so ohne jeden Skrupel wie früher. (So finden wir 3. B. M. 12, 4, 5 בדמי טָהֳרָהֿ und על דמי טָהֳרָהֿ, wo es nicht: Geblüt ihrer טהר, ihrer Reinheit bedeutet, sondern in abgeschwächtem Sinne: Geblüt der Reinigung. Da ist das ה nicht ein pron. possesiv., dem nur das Dagesch fehlt, sondern ein Zeichen der weiblichen Form.) Auch wird Tyrus' Sinn fortan nicht ausschließlich auf das Materielle gerichtet sein. Seinem Streben nach Gewinn wird nicht die Gier nach recht großer Habe zugrunde liegen, der Geiz, der sich der eingeheimsten, wohlverwahrten Schätze — יאצר — freut, ohne sie zu verwenden und ohne auch nur anderen einen Blick auf sie zu gönnen, auch nicht die Prunkliebe, die die Geldsäcke oder die eingehandelten Kostbarkeiten zu mächtigen Haufen aufstapelt — יחסן —, um als Geldmacht zu stolzieren und den Neid der anderen zu erregen. Vielmehr erblickt Gott eine durch das erziehende Unglück bewirkte Veredlung der Seele darin, daß nun sein Erwerbstreben von vornherein auch dem Idealen zugewandt sein, die Ethik des Erworbenen stets vor Augen haben wird; die Wohltätigkeit, das Gute, der Segen, welchen der Reichtum zu spenden und zu stiften ermöglicht, wird mit das treibende Agens seines Handels und Verkehrs bleiben.
Diese ideale Seite seines Strebens veranlaßt Jesaia auch, Tyrus' Handel, den er V. 18 wieder סחרה ואתננה (אתנן männlich mit Suffix) genannt hatte, von dem in diesem Worte liegenden Unschönen zu befreien und ihn am Schlusse allein als סחרה zu bezeichnen, mit jenem Namen, der Prov. 31, 17 טעמה כי טוב סחרה die erwerbende Tätigkeit, wenn sie nach den Mitteln zum Wohltun strebt, adelt. (S. Komm. zu Israels Gebeten, S. 288.) Auf fernen Meeren Handel treibend, denkt es der zu Hause Weilenden, denen es unmöglich ist, sich selbst zu ernähren, und macht es sich zur heiligen Pflicht — לפני ד' —, für diese nicht nur auskömmlich, sondern reichlich zu sorgen. — Da wir nirgends in תנ"ך die Worte יושב oder יושבים לפני ד' als Bezeichnung eines gottgefälligen Lebens finden, können wir uns auch hier nicht zu einer solchen von manchen Kommentatoren akzeptierten Auffassung entschließen, um so weniger, als auf ליושבים ein leicht trennender Akzent גרשים steht; wir glauben vielmehr, darunter die Seßhaften, die in der Heimat Bleibenden, und in לפני ד' als Erläuterung zu קדש לד' einen, vor Gott gefaßten Vorsatz, ein Gelöbnis verstehen zu dürfen. Die Etym. von עתיק s. Komm. zu 1. B. M. 12, 8.