Jeschajahu 21 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 21. V. 1. Hatte der Prophet in dem Vorhergehenden bei seinen Zeitgenossen die Hoffnung auf Errettung vor dem drohenden Assyrerschwerte zu erwecken, so schaut er in dem ersten Teile dieses Kapitels auf die spätere Zeit hin, da sich Juda im babylonischen Exil befinden werde, und verkündet in wenigen Worten Babels Sturz durch das medisch-persische Heer unter Cyrus, wie dies eingehend bereits in Kap. 13 und 14 geschehen ist. Damit sollte er wiederum die Hoffnung der in Babels Gefangenschaft Schmachtenden auf baldige Erlösung beleben.
משא מדבר ים. Als „Wüste“ sieht er Babel, zur Wüste geworden durch das Gottesgeschick, wie oben 13, 20 u. f. geschildert. ים der Westen. An den ersten Ursprung Babels, an seine Gründung erinnert er: ויהי בנסעם מקדם (1. B. M. 11, 2, s. Komm. daselbst) „Da war es, als sie vom Osten fortzogen“. Es war die erste Menschengruppe, die dem Osten den Rücken kehrte, um im Westen einen Staat zu gründen. Sich loszusagen vom Osten war ihre Absicht, sie suchten den geistig-sittlichen Zusammenhang mit den Uranfängen der Menschenentwicklung, die im Osten ihre Heimat hatte, zu lösen. Hatten sie auch damals, dem Zwange weichend, den Bau der Stadt und des Turmes aufgeben müssen, so entsagten sie doch nicht dem Begehren, das sie dazu getrieben hatte. Die Tendenz des נעשה לנו שם, der himmelhoch strebenden Ruhmesucht war ihnen verblieben und sie ward die Grundlage auch des stolzen Babel. Sie ward aber auch, da sie unersättlich ist, die Ursache seines Falls, wie eben der Prophet durch Bezeichnung Babels als מדבר ים andeutet.
כסופות בנגב. Die dörrende Glut der Sonne verwandelt die Bodenoberfläche in Staub und lockert ihren Zusammenhang mit der Muttererde, bricht dann der Sturm wirbelnd ein, so reißt er alles mit sich, und seine Verwüstung kennt keine Grenze. So stürmt Cyrus' Heer in Babel ein, und der dort schlummernde Verrat der Edlen, die sich bereits im stillen von dem Dynasten losgesagt hatten, erleichtert dem Eroberer die Einnahme der Hauptstadt, wie wir dies auch aus Kap. 13, 2 zu ersehen glaubten.
ממדבר בא. Aus der Wüste, die nordöstlich Medien von Babylon trennt, kommt der Feind, und der Marsch durch diese öde, rauhe Gegend, die נוראה gefürchtet ist wegen der Gefahren, die dem Wanderer dort durch wilde Tiere drohen, hat ihn nicht zur Milde gestimmt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. חזות קשה. Schwer und hart sieht Jesaia die strafende Gerechtigkeit Gottes Babel treffen, so hart, daß sein menschlich weiches Herz blutet ob des Jammers, den er schaut. הבוגד בוגד וגו' sind die Worte Gottes, die das Schreckensbild motivieren und umrahmen: Babel hat Treubruch und Länderraub sich zum Prinzip gemacht, sich als Lebensaufgabe gesetzt, darum kann nur der völlige Zusammenbruch seiner staatlichen Existenz „all dem Seufzen ein Ende machen“, das es der gequälten Brust der benachbarten Völker erpreßte. Dazu ruft Gott Persien und Medien her. עילם ist Persien, der Name פרס für Persien kommt in תנ"ך erst später vor. צורי Imper. mit weibl. Suffix von צור belagern. Der Akzent ist nach fast allgemeiner Annahme auf dem ר, aber selbst wenn er, wie רש"י angibt, auf dem צ stände, würde das doch keinen Zweifel an der Bedeutung des Wortes aufkommen lassen, da wir eine Analogie auch dafür in שובי שובי השולמית שובי שובי (Cant. 7, 1) finden, welchen Vers רש"י bei seinem Zitat jedenfalls gemeint haben muß, da Ps. 116, 7 שובי steht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. 4. על כן. Über das, was ich geschaut, über das חזות קשה. מלאו bis יולדה ist Zwischensatz. Jesaia identifiziert sich mit dem im babylonischen Exil schmachtenden Juda, und mitfühlend erbebt er unter dem schmerzhaften Leiden seines Volkes, das ihm Babel verursacht, erduldet mit die Geburtswehen, die Judas Wiedergeburt vorangehen, und dennoch schaudert er bei dem namenlosen Jammer, den er über Babel hereinbrechen sieht, dennoch zerreißen ihm die Schmerzenstöne der fallenden Unterdrücker seines Volkes das Ohr, und sein Herz schwankt zwischen Freude und Schaudern. Er sollte sich ja freuen, daß mit Babels Sturz auch für Juda „das Ende seines Seufzens“ kommt und der Tag seiner Befreiung, nach dem es schmachtet, herannaht — aber das Entsetzliche, das er sehen muß, läßt die Freude nicht recht aufkommen und das ersehnte Morgenrot der Erlösung findet das Antlitz des Propheten schreckensbleich.
נעויתי von עוה krümmen, Nifal mit reflexiver Bedeutung, sich krampfhaft winden. Ps. 38, 7: נעויתי שחותי — משמע wie ואזניהם הכבידו משמוע (Secharja 7, 11) ich mache krampfhafte Anstrengung um nicht zu hören, will nicht hören. — נבהלתי מראות wie Ps. 6, 4: ונפשי נבהלה meine Seele ist gelähmt, hier: Bestürzung hat meine Sehnerven gelähmt, ich kann nicht sehen, wie ותכהינה עיניו מראות (1. B. M. 27, 1) — ותכסני פלצות wie (Ps. 55, 6, Etymologie s. das.) ein alles vor sich niederwerfender Schrecken, Entsetzen. — נשף bezeichnet den Übergang von Licht zu Dunkel und umgekehrt, also sowohl Abend- als Morgendämmerung. Vgl. Traktat Berachoth 3, b: תרי נשפי הוו נשף ליליא ואתי יממא נשף יממא ואתי ליליא. Hier ist es die Morgendämmerung, wie Ps. 119, 147: קדמתי בנשף „ich stand schon in der Frühdämmerung auf“. — Subjekt von שם ist פלצות, das wegen der mächtigen Wirkung, die es auf ihn ausübt, hier männlich gedacht ist, obgleich בעתתני, welches nur den Anfang dieser Wirkung schildert, der Regel gemäß, da פלצות weiblich, auch so konjugiert ist.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. צפה ערך וגו' lauter Infinitive in imperativer Bedeutung, wie זכור und שמור in den zehn Geboten oder שמור את חדש האביב (5. B. M. 16, 1). — צפית nach רש"י und רד"ק unter Hinweis auf eine Stelle in בראשית רבא Leuchter oder Lampe. Gebildet ist dieses Wort von צפה schauen, einer Wurzel, der eine ganze Anzahl von Worten entstammen, welche mit „schauen“ verwandte Begriffe zum Ausdruck bringen, so gleich hier צפה leuchten, d. i. das Sehen ermöglichen, מְצַפֶּה Wächter, מִצְפֶּה Warte, besonders in Pielform die Ausschau nach Hilfe, צפיה, בצפיתנו צפינו (Threni 4, 17), ferner צפוי der zur Schau getragene Belag eines Gegenstandes u. a. m.
Das Freudenmahl Belsatzars ist es, auf das Jesaia hinschaut, jenes in trunkene Wildheit ausartende Gelage, bei dem der König seinen Göttern aus den heiligen Gefäßen des Gottestempels zu Jerusalem zutrank, wie Daniel 5 schildert. „In derselben Nacht ward Belsatzar erschlagen“ (ibid. V. 30). — קומו השרים וגו' ist der schrille Aufruf zum Kampf gegen die eindringenden Meder und Perser, der die Schwelgerei jäh unterbricht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6—9. Als Gegensatz zu dem herzzerreißenden Jammer, welcher der Einnahme Babylons folgt, hatte der Prophet soeben die sorglose Sicherheit, der sich Herrscher und Hof in dem Augenblicke vor Eintritt der Katastrophe hingeben, in unübertrefflicher Kürze skizziert. Ebenso kurz und deshalb um so packender ist das Folgende gefaßt. Jesaia wendet sich zu dem Moment zurück, in welchem ihn Gott auf die Warte der Zeiten beruft, um als Personifizierung des jüdischen Exilsvolkes nach der Erlösung auszuschauen, die durch Babels Sturz eingeleitet werden soll.
Er sieht in der Ferne, wohlausgerüstet mit Kriegswagen und Reiterei jeglicher Art, ein Heer — es ist das medisch-persische. Cyrus ist's, der die von Neriglassar befehligte babylonische Kriegsmacht besiegt und für die Dauer schwächt — aber der Hauptstadt Babylon sich nicht naht, keine Anstalten zu ihrer Eroberung macht. Der „Wächter“ hat darum noch nichts zu melden.
Vergebens späht das Auge aus, möchte das siegreiche Heer herannahen sehen — doch vielleicht könnte das Ohr aus weiterer Entfernung den Schall der festauftretenden Truppenmasse heranbringen, als das durch Unebenheiten des Bodens gehemmte Auge sehen kann (vgl. oben 13, 4 קול המון בהרים), er horcht, horcht mit gespanntester Aufmerksamkeit, aber ebenso vergeblich.
Da wendet er sich in mächtigem Aufschrei zu Gott, und — da endlich, nach langem Harren, erschaut er das zum zweitenmal heranrückende Heer der Meder und Perser, und eine kurze Weile darauf kann er die Einnahme der Metropole Babylon durch Cyrus melden und damit den völligen Zusammenbruch des babylonischen Staates.
Aber zwischen Cyrus' Sieg über Neriglassar und der Eroberung Babels liegt ein langer Zeitraum, zum mindesten zehn Jahre. Das wird hier so meisterhaft berichtet.
Nach Jonathan ist durch das doppelte נפלה außer der bei Babels Fall stattgefundenen Zerstörung auch noch eine im Jahre darauf durch von Gott gesandte Naturereignisse verursachte Verwüstung angedeutet. Auf diese blickt bereits, wie eingangs dieser Erläuterungen erwähnt, oben Kap. 13, 20 u. f. hin.
Im einzelnen ist noch nachzufügen: העמד המצפה, der Vergleich des von Gott berufenen Propheten mit dem auf der Warte Ausschau haltenden Wächter kommt wiederholt vor, so על משמרתי אעמדה (Habak. 2, 1). — והקשיב קשב וגו'. קשב heißt nie vermittelst des Gesichtsinns aufmerken, sondern überall aufmerksames Hören, Hinhorchen auf Laute und Gehorchen. רב קשב Meister ist er im Horchen, ihm entgeht auch das leiseste Geräusch nicht. רב Substantiv, wie oben Kap. 19, 20 und in den dort zitierten Stellen. — ויקרא אריה ohne vergleichendes „כ“, wie dies wiederholt vorkommt, gerade um den höchsten Grad einer Ähnlichkeit, die fast bis zur Gleichheit geht, auszudrücken: אש אכלה הוא (5. B. M. 4, 24), הרכם צפור (Ps. 11, 1). ויקרא אריה eigentlich: Da rief er als Löwe, und wäre damit nicht allein die mächtige Stimme des Rufenden, sondern auch seine Löwenstärke, sein Löwenmut, sein unerschrockenes Auftreten im Dienste Gottes gekennzeichnet. — והנה זה בא wie זה שבתה הבית מעט (Ruth 2, 7) im Augenblicke, soeben. — שבר. Das Subjekt von שבר ist ד', dessen im Satz zuvor Erwähnung geschah.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. מדשתי, von דוש dreschen gebildetes Hauptwort, das Ergebnis des Dreschens. Nachdem das Korn durch Dreschen von der Hülse befreit war, wurden die ihm noch anhaftenden Strohteilchen durch das Worfeln von ihm gelöst, dann erst konnte es die Tenne verlassen, in die es vom Felde aus heimgebracht worden.
מדשתי וגו'„ redet der Prophet innig und liebreich Juda an: Du bist der Gegenstand meiner steten erziehenden und bessernden Bemühungen, ich darf daher dich nicht zu sanft berühren, durch zarten Druck gewinnt der Drescher nicht das brauchbare Korn, erst gedroschen und hin und her geworfen muß es werden, um als reines Produkt aus der Tenne hervorzugehen. Die ganze Arbeit meines Lebens, seiner ganzen Aufgabe Erfolg, der einzige Reichtum, den ich anstrebe, ist in dieser Tenne enthalten, aus ihr möchte ich dich geläutert und von allem befreit und gereinigt hervorgehen sehen, was dir nach der Lehre Gottes nicht anhaften dürfte, des Gottes, der, obgleich er als ד' צבא' alle Wesen in Liebe umfängt, dich deiner besonderen „Jisrael“-Aufgabe gewürdigt hat. Harret zu Gott, harret hoffend und auf eure Besserung bedacht ruhig aus in dem einstigen babylonischen Exile, und ihr werdet die erlösenden Worte vernehmen: Gefallen, gefallen ist Babel!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. Das Ende des babylonischen Exils war von Gott fest vorausbestimmt und soeben durch Jesaia angekündigt worden. Durch eine solche, Jahrhunderte vor dem Fall Babels geschehene Verkündigung sollte die ganze geschichtliche Erscheinung des welterobernden, Juda frei machenden Cyrus' die Waltung Gottes in der Völkergeschichte dokumentieren. Es sollten aus dieser Tatsache, aus dieser Erfahrung die späteren und spätesten nach Erlösung schmachtenden Söhne des durch alle Welt zerstreuten Israels die Zuversicht auf die einstige, endliche Erlösung gewinnen, diese Erfahrung sollte ihnen die Bürgschaft dafür werden, daß dieselbe Gotteswaltung, welche die lange voraus verkündete Befreiung aus babylonischer Verbannung herbeigeführt hat, auch die Verheißung der einstigen Erlösung aus der großen, langen Diaspora erfüllen werde. Die Wahrung dieser Zuversicht ist um so notwendiger als in dieses lange, bald zweitausendjährige Galuth kein Prophet uns hinausbegleitete. Tröstend und lehrend, beratend und ermunternd hatte das Wort der zeitgenössischen Propheten das Ohr der babylonischen Exilierten erreicht — die Nachtjahrhunderte der großen Diaspora sind lautlos, der Mund der Prophetie ist mit der Zerstörung des zweiten Tempels verstummt, es schweigt die Prophetenstimme.
Darum nennt Jesaia diese Exilsnacht „דומה“, die schweigende, und ihr Verhängnis ist „משא“, eine deshalb noch schwerer zu tragende Geschickeslast. Nicht wie für jenes Galuth hat Gott durch die Wächter der Zeiten, die Propheten, voraus künden lassen, wann das Galuth Edom zu Ende sein werde. Deshalb vernimmt der Wächter „משעיר“, aus der langen, schier endlosen Periode dieses Galuth Seïr den bang fragenden Ruf: was wird aus der Nacht? zuerst מה מלילה, aus der allgemeinen Nacht? Denn es kann sich's das Galuthvolk nicht verhehlen, daß während vieler Jahrhunderte seiner Leidenszeit nächtliches Dunkel über einem großen Teile der Menschheit, inmitten derer es lebte, lagerte. Krasse Verrohung der Sitten, finsterer Aberglaube, Entmenschung bis zu tierischer Wildheit, gänzliche Unfähigkeit, richtig zu denken, die bis zu Stumpfsinn und zu förmlicher Verdummung ging, drücken dieser mittelalterlichen Periode den Stempel der „Nacht“ auf. Sodann מה מליל? Hier gegenüber dem im stat. absolut. stehenden מלילה hebt der ohne das dazu gehörende Bestimmungswort gebrauchte stat. constr. des מליל die besondere Beziehung hervor, in der diese allgemeine Nacht zu einem bestimmten Teile der Menschheit — Israel — noch außerdem steht. מה מליל fragt, was wird aus der Nacht, unter deren Schrecken Israel ganz besonders zu leiden hat, wann lichtet sich das schaurige Grabesdunkel, welches uns in der allgemeinen Völkernacht ganz besonders umhüllt?
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. אמר שמר entgegnet der Prophet. Der Wächter hat es längst gesagt, so ganz ohne Wächteranweisung ist die Nacht nicht von euch angetreten worden. Und diese Anweisung lautet (5. B. M. 30, 1—10): Und es wird geschehen, wenn über dich alle diese Worte, der Segen und der Fluch, die ich vor dich hingegeben habe, gekommen sein werden, so wirst du dir es zu Herzen nehmen unter allen Völkern, wohin Gott dich verwiesen und wirst ganz bis zu Gott zurückkehren u. s. w., und dann wird Gott sich deiner erbarmen und dich wieder zusammen sammeln aus all den Völkern u. s. w. und dich heimbringen zu dem Lande, das deine Väter einst in Besitz genommen u. s. w. u. s. w. Es gibt dann Gott alle diese Eide über deine Feinde u. s. w. Du aber kehrst zurück und hörst auf die Stimme Gottes u. s. w. Die große schweigende Galuthnacht ist an gar keine bestimmte Zeit geknüpft, der Morgen kommt auf alle Fälle, er kommt infolge des von Gott der Menschheitentwicklung gesteckten Ziels zu der für dieses bestimmten Zeit. Aber ihr könnt den Anbruch eures Morgens, das Ende der Galuthnacht beschleunigen, könnt bewirken, daß der Morgen komme וגם לילה (wie ואש תהיה לילה בו und Feuer war nachts darin, 2. B. M. 40, 38), auch wenn die allgemeine Nacht noch nicht geschwunden, es noch Nacht ist: אם תבעיון Wenn ihr es wollen werdet (das ן hebt die Person hervor), in eurer Hand liegt es, die Nacht zu kürzen; soll sie enden, so wollet nur; und das Zauberwort, das dem jederzeit an der Zeitenpforte harrenden Morgen die Pforte öffnet, heißt „שבו“ kehret zurück zu Gott, אתיו kommet, kommet zu Ihm, der jeden Augenblick bereit ist, euch seine Vaterarme zu öffnen! Vgl. weiter אני ד' בעתה אחישנה Kap. 60, 22.
Tief bedeutsam ist diese kurze Antwort auf den Galuthschrei Israels mit dem Idiom der Galuthsprache gefärbt, אתא, אתיו wie תבעיון, בעיו sind mehr aramäischen Sprachwurzeln entstammend, besonders aber der Form und Schreibweise nach.
Zu ואתה מרבבות קדש (5. B. M. 33, 2) heißt es im Kommentar: Eine Einsicht in die verschiedenen Stellen, in welchen אתה vorkommt, scheint zu ergeben, daß dasselbe vorzugsweise nicht sowohl ein örtliches Hinkommen, das Hinkommen zu einem Orte, sondern das Hinkommen zu einer Person, und zwar insbesondere ein erwartetes Hinkommen ausdrückt. In diesem Sinne scheint hier sowohl אתא als ganz besonders אתיו zu verstehen sein. — וגם kommt häufig in der Bedeutung: und selbst, und sogar, wie hier vor: כי גרשו ממצרים ולא יכלו להתמהמה וגם צדה לא עשו להם (2. B. M. 12, 39). Noch deutlicher tritt dies Josua 7, 11 hervor: חטא ישראל וגם עברו את בריתי וגו' וגם לקחו מן החרם וגם גנבו וגם כחשו וגם שמו בכליהם durch das Hinzugefügte die Bedeutung des Vorstehenden noch gehoben wird: Israel hat gesündigt und sogar u. s. w., jede einzelne Seite dieser begangenen Sünde wird hier durch גם וגם uns noch besonders zum Bewußtsein gebracht und läßt das Verbrechen immer schwerer erscheinen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. Die Ideenverbindung dieses dritten Abschnitts mit dem vorhergehenden dürfte vielleicht in folgendem zu finden sein: 5. B. M. 32, 43 ruft Gott, indem er Israel unter die Völker hinstreut, letzteren zu: הרנינו גוים עמו וגו' Darum, Völker, machet heiter seines Volkes Los, denn das Blut seiner Diener richtet er u. s. w. Gott warnt damit die Völker, Israel in der Verbannung nicht unmenschlich und grausam zu behandeln, ihr ohnehin schweres Geschick nicht zu erschweren, denn jede Verletzung der Anforderungen des Rechts und der Menschlichkeit werde Gott auf die Schuldigen zurückfallen lassen. (Vgl. Komm. das.)
In איכה רבתי wird unter Bezugnahme auf die Stelle hier berichtet, daß bei der Belagerung Jerusalems durch Nebukadnezar eine große Anzahl heldenmütiger jüdischer Jünglinge die feindlichen Reihen durchbrach. In die arabische Wüste gelangt, baten die vor Durst Verschmachtenden, auf menschliche Regung in der Brust der mit ihnen von Vater Abraham her verwandten Araberstämme rechnend, um einen Trunk Wasser. Nachdem man ihren brennenden Durst durch Verabreichung scharfer Speisen noch mehr gereizt hatte — reichte man ihren lechzenden Lippen in grausamem Spotte leere, aufgeblasene Schläuche, und die Armen gingen elend zugrunde. Diese Unmenschlichkeit ist um so krasser und zeugt von großem Hasse gegen Israel, als sonst Gastfreundschaft gerade zu den Tugenden der Nachkommen Ismaels und der Ketura gehört.
Jesaia erhebt hier, etwa hundertunddreißig Jahre vor diesem Geschehnis, warnend seine Stimme, geißelt, da sie unbeachtet geblieben, die stammesverwandten Flüchtlingen gegenüber geübte Lieblosigkeit und verkündet das strafende Geschick, welches der „das Blut seiner Diener rächende Gott“ über diese Stämme kommen läßt. Und diese Strafe erfolgt prompt, noch in demselben Jahre, da die Untat begangen, werden sie von ihr ereilt — und das Werkzeug der über sie verhängten Strafe ist derselbe Nebukadnezar, dem sie unaufgefordert Henkerdienste geleistet hatten.
משא בערב derjenigen Stämme Arabiens, deren Namen in diesen Versen genannt sind: דדן — תימא und קדר. Die beiden letzteren kommen als Söhne Ismaels und דדן als Sohn der Ketura 1. B. M. 25 vor, דדן wird Jerem. 25, 23 neben תימא mit den Völkerschaften erwähnt, die Züchtigung — durch Nebukadnezar — treffen werde. (Eines anderen דדן geschieht 1. B. M. 10, 7 als Enkel von כוש Erwähnung.) קדר kann nach V. 13—16 der hervorragendste unter diesen Stämmen gewesen sein, obgleich 1. B. M. 25, 3 die Söhne Dedans als אשורים ולטושים ולאומים „in die Ebene hin Wohnende, einzeln Gerüstete und Staatengruppen“ bezeichnet werden. Möglicherweise ist auch קדר zugleich der Kollektivname der arabischen Stämme, wie ja לשון קדר im Talmud als Bezeichnung der arabischen Sprache vorkommt.
ביער בערב וגו'. Der Prophet sieht die Dedaniten auf der Wanderschaft, auf der Flucht — gastliche Zelte treffen sie nirgends in der arabischen Wüste an, vom Feinde vernichtet oder mitgeschleppt sind sie alle — wo sollen sie nächtigen, diese Flüchtigen? ביער! ruft er ihnen mit strafendem Spotte zu „Im Walde“ — auch dort läßt sich's zur Nachtzeit ruhen — doch dürften Wälder in Arabien zu den Seltenheiten gehören oder gar nicht vorkommen, wie Luzzato bemerkt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. Themas Bewohner dürsten — „kommet ihnen entgegen, ihr Wasser!“ Sie haben es ja verdient, daß ihnen Gottes Wundermacht einen Wasserborn zeige, wie einst ihrem Stammvater Ismael, haben es ja verdient durch die Liebestat, die sie den Flüchtigen seines Volkes erwiesen.
התיו ist wie אתיו des vorletzten Verses Kal, nur steht hier ה statt א nach Ansicht des רד"ק und ganz analog mit Jerem. 12, 9: התיו לאכלה „kommet zum Fraß“.
בלחמו, nicht nur בלחם wie 5. B. M. 23, 5, mit für ihn hinreichender oder für ihn passender Nahrung, wie Ps. 147, 9: נותן לבהמה לחמה die der Natur eines jeden Tieres entsprechende und zusagende Nahrung. In letzterem Sinne aufgefaßt, wäre damit dann die oben erwähnte überlegte Grausamkeit in der Wahl der verabreichten Speisen angedeutet. — קִדְּמוּ ist Präterit. des Piel, wie לא קִדְּמוּ אתכם (5. B. M. 23,5); wäre es Imperat. im Piel, so müßte es קַדְּמוּ, Imperat. im Kal קִדְמוּ ohne Dagesch geschrieben sein, wie schon der מלבים וצ"ל bemerkt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15. כי וגו' Denn jetzt sind Themas Bewohner selbst auf der Flucht befindlich und auf die Hilfe menschlichen Mitgefühls angewiesen. — נטש, חרב נטושה heißt sich ausbreiten, ויטש על המחנה (4. B. M. 11, 31) weithin reichen, Nebukadnezars Schwert reichte weit hin, sie hatten weit zu fliehen, um ihm zu entgehen, und noch weiter reichte sein Einfluß, „sein gespannter Bogen“. Sie waren tapfere Männer, erlagen aber dennoch der Schwere des Kampfes, sie flohen erst, als ihre Kraft zu Ende gegangen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 16. בעוד שנה. Noch in demselben Jahre, in welchem sie sich solche Unmenschlichkeit zuschulden kommen ließen. כשני שכיר. Ein Lohnarbeiter arbeitet keinen Tag länger als bedungen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17. קשת wahrscheinlich in der Bedeutung von Bogenschütze, wie wir in unserer Sprache von „einem tapferen Degen“ sprechen und den meinen, der ihn führt. — ימעטו nimmt begrifflich Bezug auf גבורי וגו' und steht deshalb im Plural. ד' אלקי ישראל als der die gegen Israel geübte Untat ahndende Richter.