Jeschajahu 18 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 18. V. 1. 2. הוי. Unserer Auffassung nach liegt kein Grund vor, „הוי“ anders als in seiner gewöhnlichen Bedeutung: „wehe“ zu nehmen. Über ארץ צלצל כנפים gehen die Ansichten der Erklärer sehr auseinander: Schatten spendende Segel einer großen Schiffahrt treibenden Nation, — Brutstätte der durch ihre Unzahl die Sonne verdunkelnden Vögel, — Land, welches צלצל eine Heuschreckenart völlig bedeckt, — Land, in dem das Waffenklirren der Heeresflügel alles übertönt, — Land der schwirrenden Insektenflügel u. a. m.
Vielleicht dürfte folgendes unsere Annahme nicht ganz unmöglich erscheinen lassen. צל Schatten in Verbindung mit כנפים Flügel kommt wiederholt in unseren heiligen Schriften vor: בצל כנפיך תסתירני (Ps. 17, 8) „birg mich im Schatten deiner Flügel“, ebenso Ps. 36, 8. 57, 2. 63, 8. Ferner wird der Schutz, welcher einem Volke durch ein anderes gewährt wird, als ein Wohnen unter dessen Schatten bezeichnet, so Hesek. 31, 6, 17 u. sonst. Eine ähnliche Verdoppelung, allerdings der beiden letzten Wurzelbuchstaben — die ja bei צלל, da diese ohnehin gleich sind, ausgeschlossen ist —, finden wir in den Worten ירקרק und אדמדם von ירק und אדם. Dort bezeichnet diese Verdoppelung nach Negaim 11, 4 das stärkste Grün und das stärkste Rot. (S. Komm. zu 3. B. M. 13, 49.) Dem entsprechend fassen wir צלצל כנפים als Flügel auf, die starken oder weitreichenden Schatten werfen und glauben, daß unter ארץ צלצל כנפים hier ein mächtiger Staat, eine Großmacht zu verstehen ist, welche die übrigen Völker entweder gänzlich zu unterjochen oder wenigstens unter ihre Oberhoheit zu bringen bestrebt ist, eine Macht, die ihre Interessensphäre möglichst ausdehnen will und anderen Staaten höchstens eine beschränkte Selbständigkeit unter ihrer Suzeränität gestatten möchte, indem sie dieselben zu ihrem „Schutzgebiete“ macht.
Die so gekennzeichnete Macht würde vollständig mit Gog identisch sein können nach der Schilderung, wie sie uns Hesek. 38 gegeben ist. Dort wird eine ganze Reihe von großen Völkern als Gog Heeresfolge leistend aufgezählt; sie hatten sich „ihm angeschlossen“, והיית להם למשמר „damit er ihnen zum Beschützer werde“. Und Gog zieht hinauf gegen Palästina, „gegen das Land, das endlich Ruhe gefunden vor dem Schwerte, dort, wo aus zahlreichen Völkern eingesammelt, auf seinen Bergen, die so lange der Verwüstung verfallen gewesen waren, Israel, das aus den Völkern heimgekehrte, ruhig und sicher wohnt u. s. w.“ Er zieht hinauf in böser Absicht und meint, es werde ihm ein Leichtes sein, dieses „frei und offen ohne Mauern noch Riegel und Tor daliegende Land, in welchem so friedlich und sicher sie alle wohnen“, zu plündern u. s. w. — Auch die in unserem Vers gegebene Andeutung der Lage dieses Landes läßt schon unsere Annahme als möglicherweise richtig erscheinen, wie ja Raschi bereits daran erinnert, daß es dort פרס כוש ופוט אתם heißt.
Dieses mächtige Reich hat nun vernommen, daß das jüdische Volk aus der langen Verbannung heimgekehrt ist und sich anschickt, auf dem Boden seiner alten Heimat sich für ein ruhiges, friedliches Leben einzurichten. Daß da ein neuer Staat sich aufbauen will auf den Trümmern der Vergangenheit, ohne zuvor seine Erlaubnis eingeholt zu haben, oder ohne wenigstens gleich nachher sich seines Schutzes zu versichern, indem seine Bürger ihn um Annahme der Oberhoheit über sie bitten — das erscheint seinem Größenwahn als unmöglich, das kann Gog nicht dulden! Er muß, wie es dort heißt, „seine Hand auf die wieder bewohnten Ruinen legen“. Darum ist sein erstes, Boten übers Meer schleunigst hinzusenden, die sich zu überzeugen haben, ob das ihm schier Unglaubliche auf Wahrheit beruhe und wenn dies der Fall, das jüdische Volk zur Unterwerfung unter seine Oberhoheit aufzufordern. Dieser Zumutung wird selbstverständlich nicht entsprochen. Wohl aber können ihm die zurückgekehrten Sendlinge von den großen Reichtümern des jüdischen Volkes berichten, und diese reizen seine Habgier aufs äußerste. Zugleich wird ihm die Kunde, daß das Land offen und unbefestigt, die Bewohner harmlos, ruhig leben und darum leicht zu bezwingen seien, wie bereits oben bemerkt. Von dieser ersten Sendung der Boten verkündet Hesekiel nichts, wohl aber, daß Gog die Kenntnis der großen Reichtümer Judas den Palästina anwohnenden Völkern verdankt. Er rüstet ein gewaltiges Heer, an Zahl vielleicht noch nie erreicht, und zieht damit gegen das jüdische Volk. Einer so ungeheuren Truppenmenge bedarf er weniger um es zu überwältigen, als לשאת כסף וזהב לקחת מקנה וקנין לשלל שלל גדול ibid. V. 13: „zum Hinwegtragen des Silbers und Goldes, den Herdenbestand mitzunehmen und die bewegliche Habe, zum Fassen der großen Beute“.
השלח וגו'. Die Präsensform mit dem vorgesetzten bestimmten Artikel läßt dieses Aussenden von Eilboten zum Einziehen von Informationen als eine ständig von Gog geübte Gepflogenheit erscheinen, sobald von irgend einer Macht etwas unternommen wird, ohne daß sie zuvor sich seiner Genehmigung vergewissert hätte. ובכלי גמא, das ו bezeichnet die Art der Sendung, „nämlich“ in äußerst leichten Schiffchen aus Rohr (2. B. M. 2, 3), das seiner Natur nach so leicht ist, daß kleine Schiffe daraus gar keinen Tiefgang zu haben, sondern „über Wasser“ zu schweben scheinen, vgl. Job 24, 18: קל הוא על פני מים, wie hier על פני מים, während 1. B. M. 1, 2: על פני המים. לכו וגו' sind die Worte des Propheten, und die Imperativform wie oben 8, 10: עצו עצה וגו' u. s. w. Gehet nur hin u. s. w., euer Vorhaben endet anders als ihr meint! אל גוי וגו' Jesaia schaut aus der fernen Zukunft, in die ihn der Geist Gottes versetzt, aus der späten Zukunft, in welcher Israel bereits aus der Verbannung heimgekehrt sein wird, zurück auf die Zeit des Exils. Er sieht seine Zerstreuten als גוי, als nationale Körperschaft ממשך auseinander gezerrt und gerissen, ומורט bis zur Kahlheit seines schützenden Haarschmucks beraubt (3. B. M. 13, 40). Einen politischen Volkskörper bildete es längst nicht mehr, Menschen und Umstände hatten ihn während seiner Diaspora noch immer mehr in kleinste Teilchen zerrissen und völlig nackt und schutzlos gemacht. Und dennoch fürchtete man diese Zerstreuten selbst in ihrer Vereinzelung noch als עם, als „Gesellschaft“, als Genossenschaft, die עם miteinander durch Abstammung, Religion und geistig-sittliche Anschauungen verwandt ist. Wenn auch Weltfernen ihre Glieder voneinander trennen, man fürchtete sie, obgleich sie ja allüberall nur einen winzig kleinen Bruchteil der allgemeinen Bevölkerung bildeten und in Treue für das Wohl des Landes sorgten, welches sie in seine Mitte aufgenommen oder auch nur „geduldet“ hatte. Denn das war ihnen beim Antritt ihres ersten Exils von Gott zur Pflicht gemacht worden mit den Worten (Jerem. 29, 7): „Fördert das Wohl der Stadt, in welche ich euch als Vertriebene gelangen lasse, und betet für sie zu Gott“. Man fürchtete sie und hatte sie stets so gefürchtet מן הוא von dem ersten Augenblicke ihres Erstehens zu einer Volksfamilie. Hatte doch bereits der Haß eines Pharao (2. B. M. 1, 9) gesprochen: הנה עם בני ישראל וגו' „Seht, ein Volk sind die Söhne Israels, zu zahlreich und mächtig für uns“ — obgleich sie ja damals ein verschwindend kleines Minimum in dem großen ägyptischen Volke ausmachten — und darum aus Furcht Gewaltmaßregeln gegen dieses „Volk“ ergriffen. Ebenso hatte Balak (4. B. M. 22, 35, s. Komm. daselbst und zu V. 9), da Moab vor Israels „Volk מפני העם ungemein angst wurde“, den fremden Seher zu Hilfe gerufen: הנה עם יצא ממצרים: Daß eine in Ägyptens Macht völlig untergegangene Menschenmenge als einheitliches Volk zur Freiheit hat hinausziehen können, um seiner inneren nationalen Aufgabe als עם zu leben, kennzeichnet dieses Volk als ein Unikum, vor welchem sich Balak fürchtet. Das war damals, als es überhaupt noch kein Land besaß und noch kein גוי, keinen Volkskörper unter den Völkerindividuen bildete. So blieb es gefürchtet והלאה auch weiter, nachdem es als Staat mit dem Maßstabe gemessen, den Gott an ein גוי קדוש (2. B. M. 19, 6) anlegt, die Berechtigung seiner Existenz eingebüßt hatte und der Zertrümmerung durch die Feinde preisgegeben war. — גוי קו קו ומבוסה ist stat. constr., wörtlich: eine Nation der mehrfachen Meßschnur und des Niedertretens. מבוסה Hauptwort, vgl. weiter 22, 5. בזאו wie בזזו, wie Ps. 58, 8 ימאסו statt ימססו. נהרים Völkerströme.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. Der Ausgang des mit dieser Botschaft eingeleiteten Unternehmens wird der gesamten Welt die Augen öffnen und als eine alle Menschheit zur Huldigung Gottes auffordernde Offenbarung der göttlichen Allmacht gleich Schofarton vernommen werden, gleich jenem Schofarton, welcher einst Israel das Herablassen Gottes zur sinaitischen Offenbarung ankündigte. כל יושבי תבל. Alle Bewohner תבל der Welt, in welcher bisher nicht Gottes Gesetz, sondern der Menschen Willkür und Selbstsucht das gestaltende Element war, werden in dem Sturze der sich selbst vergötternden Macht Gogs die Erhebung des Gottesgesetzes zum alleinigen Panier für immer erkennen und einsehen, daß, um als שוכני ארץ auf Gottes Erde ruhig und wohnlich weilen zu können, תשמעו sie auf den Schofarruf, der sie zur Nachfolge Gottes einlädt, hören müssen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. 5. אשקוטה mit ו, also wie אֶשְׁקוֹטָה geschrieben, um den Begriff der Ruhe noch voller zu betonen. במכוני ד' מכון ist Jerusalem und der Tempel, bestimmt eine Stätte zu werden und zu sein für Gottes Gegenwart auf Erden. Vgl. מכון לשבתך וגו' (2. B. M. 15, 17). כחם und כעב, bei beiden ist das „כ“ ein vergleichendes. צח von צחה heißt sowohl: klar, leuchtend als auch austrocknen, hier glauben wir es in der letzteren Bedeutung verstehen zu sollen. Vgl. oben 5, 13: צחה צמא, ebenso Jerem. 4, 11: רוח צח שפים במדבר ein Wind, der die Höhen in der Wüste austrocknet. — אור in seiner gewöhnlichen Bedeutung. — Subjekt von וכרת ist Gott, der im vorigen Vers als redend in der ersten Person genannt wurde, hier in der dritten, was häufig so vorkommt. זלזלים kommt sonst nicht wieder vor, נטישות auch Jerem. 5, 10. 48, 32 von נטש ausbreiten, so oben 16, 8: נטשו עברו ים und 4. B. M. 11, 31: ויטש על המחנה. Wir folgten bei der Übersetzung beider Worte רד"ק, der ersteres auf französisch brout übersetzt. התז entweder von תוז oder von תזז, wie את בריתי הפר (1. B. M. 17, 14), von פור abhauen, wovon in der Sprache der Mischnah התין את הראש בבת אחת (Chulin Abschn. 2), mit Anwendung von Druck durchschneiden. הסיר und התז ist Präteritum.
Der Sinn dieser beiden Verse ist klar: Dem gewaltigen Ansturm der von Gog wider die von Gott erwählte Stätte seiner Herrlichkeit auf Erden geführten Völkermenge gegenüber bleibt Gott ganz ruhig (vgl. Ps. 2, 4: יושב בשמים ישחק und Ps. 29, 10: ד' למבול ישב וגו'), er läßt ihn ganz nahe an Jerusalem herankommen. An Gogs Sieg ist kaum ein Zweifel möglich. Schießt ja die Saat des beabsichtigten Bösen üppig empor im Sonnenschein — doch zur Reife wird sie nicht gelangen. Darum ist es ganz gleich, ob Gott ihr Gedeihen durch versengende intensive Glut hemmt oder diese Hitze, scheinbar noch früh genug um die Ernte zu retten, durch das kühlende Naß der Wolke mildert — ehe die Beere zur Reife gelangt, das heißt, ehe das kecke Unternehmen das Ziel erreicht haben wird, trennt Gott die Wurzel und ihre Triebe von dem Weinstocke los, er läßt Gog und die Könige und die Fürsten fallen und hat damit das führerlose Riesenheer mit allem zu ihm Gehörenden — die weithin sich ausbreitenden Ranken — der Vernichtung preisgegeben. Diese erfolgt, wie Hesek. 38, 21 u. f. verkündet, teils durch חרב איש באחיו, dadurch, daß in diesem Heere „jeder das Schwert gegen den Bruder erhebt“, teils durch vom Himmel kommendes göttliches Strafgericht „Pest und Blut“ — „Wolkenbruch, mächtige Hagelsteine, Feuer und Schwefel als Regen herabfallend“!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. יעזבו וגו'. Obgleich Israels Volk sich sofort mit voller Hingebung der Bestattung seiner Feinde widmen und sich auch durch diesen Zug der Humanität (ibid. 39, 12 u. f.) והיה להם לשם die Anerkennung der Allmenschheit erobern wird, verstreicht doch, veranlaßt durch die unendliche Menge der Leichen, eine geraume lange Zeit, während welcher sie den Tieren zur Beute daliegen, wie dies ibid. V. 4 gesagt wird: לעיט צפור כל כנף וחית השדה נתתיך לאכלה „Den Räubern unter dem Geflügel jeglicher Art Beschwingter und den Tieren des Feldes gebe ich dich zum Fraße hin.“ — ולבהמת הארץ. Der Begriff בהמה umfaßt hier wie sonst an vielen Stellen alle vierfüßigen Tiere.
קץ von קיץ, der Wurzel von קיץ Sommer, wie תחרף von חרף, der Wurzel von חרף Winter. Nach der Bedeutung dieser Hauptwörter sind hier beide Verben gebildet. Die Etymologie der Substantiva siehe Komm. zu 1. B. M. 8, 22. עליו wie ועל חרבך תחיה (1. B. M. 27, 40).
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. בעת ההיא. Zu jener Zeit, in der bereits, wie eingangs dieser Erläuterungen bemerkt, ein Teil des jüdischen Volkes durch göttliche Fügung seinem heimatlichen Lande wiedergegeben sein wird, schwindet mit der als Fingerzeig Gottes vollzogenen Vernichtung dieser gewaltigen, Israel bedrohenden Völkermacht der letzte Rest von Feindschaft und Vorurteil gegen es. Die Menschheit erkennt immer mehr, daß die Erwählung und Sendung Israels ein Werk ד' צבא' des Gottes aller Wesen, der die Allmenschheit mit seiner Liebe umfaßt, war, erkennt als Ziel der göttlichen Waltung die Erziehung der Menschheit zur Betätigung des Rechts, des Sittengesetzes, der Menschenliebe und Gotteshuldigung und damit und dadurch Begründung des Heils und Friedens aller Menschen. Mit dieser Erkenntnis fühlt sich die Menschheit zu Israel hingezogen, dessen heldenmütiger, opferfreudiger Ausdauer inmitten der Galuth-Leiden sie ja zum großen Teil diese Einsicht verdankt; denn eben diese siegreiche Ausdauer war ja ein beständiger Hinweis auf die Waltung Gottes, die sich in dem Geschicke des jüdischen Volkes von dessen Beginn bis zur Erfüllung seiner Mission so wunderbar betätigt hatte. Darum wird auch in diesem Verse auf diese Leidensgeschichte nochmals in kurzen Worten hingewiesen.
Einerseits fühlt die Menschheit das Bedürfnis, an dem „עם ממשך ומורט“ nach Kräften wieder gut zu machen, was vergangene Jahrhunderte an ihm gesündigt hatten, andererseits erblickt sie in ihm das geeignetste Objekt ihrer Gotteshuldigung. Verehrt doch auch sie fortan in הר ציון die Stätte, die der Gott aller Menschen sich zu dauernder Kundgebung seiner Gegenwart auf Erden erkoren hat. Da möchte sie gerne mitwirken bei der Neugestaltung des Umkreises, in welchem שם der Name Gottes durch sein Priestervolk verherrlicht werden soll, möchte mit dieser Huldigung sich des göttlichen Wohlwollens würdig machen. Darauf weist der Gebrauch des Wortes שי hin. Es kommt nur hier, Psalm. 76, 12 und 68, 30 vor, an welch letzterer Stelle im Kommentar seine Etymologie zu finden ist. — Weiter 66, 20 wird diese als Huldigungsgabe der Menschheit veranstaltete Heimkehr Israels in sein Land מנחה genannt; spricht der Begriff מנחה doch aus (s. Komm. zu 3. B. M. 2, 1), daß der Darbringer desselben das Dargebrachte als Eigentum des Empfängers betrachte, welches er bisher gleichsam als Lehn in Händen gehalten hatte und nun bereit sei, es dem Lehnsherrn zur Verfügung zu stellen und der weiteren Kundgebung dessen Willens gewärtig zu bleiben.
Bedeutsam heißt es hier nicht גוי ממשך ומורט wie im V. 2, wo die alsdann in Palästina befindlichen Juden bereits als „Volkskörper“ gedacht werden, sondern עם ממשך ומורט. Wir wagen nämlich zu vermuten, daß hier als erste Huldigungsgabe der Menschheit das Heimbringen der zehn Stämme verkündet wird, von deren zeitlichem Aufenthalt wir jeder Kunde entbehren. Als diese in die Verbannung gingen, waren sie schon keine Nation, kein „גוי“ mehr — ihre Exilierung vollzog sich in verschiedenen Zeitabschnitten, wie dies aus dem Buche der Könige und Chroniken hervorgeht. Juda hingegen bildete bis zu der Zeit, da es von den Römern in das Exil getrieben wurde, einen einheitlichen Staat, war noch ein Volkskörper.
ומעם נורא וגו'. Dem Sinne nach „und einen Teil des Volkes“. Das מ hat die Bedeutung des Teilungsartikels und bezeichnet als solcher eine unbestimmte Menge von Sachen oder Personen. In diesem Sinne kommt es nicht selten vor, so u. a. weiter 39, 7 und 2. Könige 10, 18: ומבניך וגו' יקחו. Ferner אשר יתן מזרעו למלך und בתתו מזרעו למלך (3. B. M. 20, 2 und 4), wo ausdrücklich nur ein Teil seiner Kinder gemeint ist, und Hesek. 44, 22: מכהן יקחו nur ein Teil des Priesterstandes darf die dort bezeichnete Heirat schließen. — In unserem Verse ist der dann noch in der Diaspora befindliche Teil von Juda, der noch nicht heimgekehrt war, gemeint — er bildet die Ergänzung des Huldigungstributs, welchen die Gesamtmenschheit Gott darbringt.