Jeschajahu 16 ישעיהו

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1
שִׁלְחוּ־כַ֥ר מֹשֵֽׁל־אֶ֖רֶץ מִסֶּ֣לַע מִדְבָּ֑רָה אֶל־הַ֖ר בַּת־צִיּֽוֹן׃
BernfeldDann werdet ihr senden die Lämmer, die ihr dem Herrscher im Lande zu geben pflegtet, von Sela zur Wüste, zum Berge des Volkes Zijon [als Geschenk].
ZunzSendet die Lämmer des Herrschers im Lande von Sela zur Wüste, zum Berge der Tochter Zijon's.
J. J. HirschSendet den Anführer, der das Land beherrscht vom Fels zur Wüste, hin zum Berge der Tochter Zions.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 16. V. 1. Nachdem Jesaia in dem vorigen Verse auf das allerletzte, Moab vernichtende Strafgericht hingewiesen hat, wendet er sich nun der Zeit zu, in welcher Moab noch in voller Blüte stand, und zeigt Volk und Regent das einzige Mittel zur Abwendung des Verhängnisses. Völlige Änderung ihrer Prinzipien heißt dieses Mittel, und es erfordert Erweichung ihrer durch besitzstolzen Hochmut erzeugten Hartherzigkeit und Bekehrung zu tätiger Milde. Eine solche Umwandlung der Lebensanschauung muß aber von den Spitzen der Nation ausgehen, um alle Teile derselben durchdringen zu können. Mit den herrschenden Maximen muß gebrochen werden und in die leitenden Kreise ein ihnen bisher fremd gebliebener Geist des mit Liebe gepaarten Rechts einziehen.

Um diesen Geist kennen und würdigen zu lernen und sich mit ihm zu beseelen, rät der Prophet, Moabs Herrscher zum Berge der Tochter Zions zu entsenden, dort werde zu der Zeit, auf welche Jesaia hinblickt, dieser Geist in Chiskijahu verkörpert den Thron Davids zieren. Den Eindrücken und Belehrungen, die er dort empfangen würde, verleiht der Prophet selbst Worte (V. 3—5), spricht aber sofort die Überzeugung aus, daß, nach Moabs Antezedenzien zu schließen, es wohl kaum seinem Rate folgen (V. 6) und darum unaufhaltbar der Züchtigung für seine Bedrückung der Nachbarn entgegeneilen werde (V. 7—12). Die Schlußverse 13, 14 besagen, das Gottesgericht sei schon lange beschlossen, werde aber durch Moabs Beteiligung an der Zertrümmerung des jüdischen Reiches beschleunigt, um es alsdann zu völliger Bedeutungslosigkeit herabsinken zu lassen.

שלחו כר. Vielfach wird hier unter כר der Tribut an Lämmern verstanden, welchen der Moabiterkönig Mescha dem Könige von Israel einst gesandt hatte, und angenommen, der Prophet fordere nun Moab auf, diesen Tribut nach Jerusalem zu senden, um sich die Gunst Judas zu gewinnen. Gegen eine solche Auffassung dürfte der Umstand sprechen, daß dieser Tribut zur Zeit Jesaias bereits über 150 Jahre nicht mehr entrichtet worden war, vielleicht sogar das Reich Israel, dem er früher gezollt wurde, nicht mehr existierte, und er überdies nach 2. Könige 3, 4 nicht nur aus 100000 Lämmern כרים, sondern auch aus der gleichen Anzahl Wolle tragender Widder bestanden hatte. Übrigens steht auch nicht למשל, sondern nur משל. — Die Ansicht des רד"ק, daß כר hier in übertragenem Sinne den Anführer bezeichne, wofür er u. a. 2. Könige 11, 19, Jecheskel 4, 2 und 21, 27 zitiert, dürfte vorzuziehen sein. Dies um so mehr, als wir in אילים und עתודים den gleichen Entlehnungen aus dem Tierreiche begegnen: אילי מואב (2. B. M. 15, 15) und עתודי ארץ (oben 14, 9) — siehe dort — und sonst auch, wo die Leitenden, Führenden, Voranwandelnden gemeint sind.

מסלע. Unter סלע dürfte wohl kaum der Name einer Stadt in Moab zu verstehen sein. Als Bezeichnung eines Ortes in Edom wird es 2. Könige 14, 7 erwähnt, und hinzugefügt, daß Amazjahu, der ihn besetzte, ihn Jaktel genannt habe. Da seiner aber als הסלע mit vorgesetztem ה gedacht wird und nach den Einzelheiten, die hierüber 2. Chron. 25, 12 berichtet werden, scheint dieser Ort ein wirklicher Felsen gewesen zu sein. Sollte jedoch bei diesem Felsen eine Stadt mit dem Namen „Sela“ gelegen haben, so war sie jedenfalls zu Edom gehörig, und daß Moab sie Edom abgenommen habe, wird nirgends erwähnt, wie schon Luzzato bemerkt. Der 2. Chron. 20 berichtete Sieg Ammons und Moabs über „die Einwohner des Gebirges Seïr“, durch welchen Gesenius „Sela“ in den Besitz Moabs gekommen zu sein vermutet, fällt in eine frühere Zeit als die oben erzählte Episode. Daher glauben wir, daß מסלע מדברה die Grenzen des Landes bezeichnet, welches „der Anführer beherrscht“, und סלע das Felsengebirge ist, welches südlich von dem, Moabs Grenze im Norden bildenden, Arnon liegt (vgl. 4. B. M. 21, 13 f. und Raschi). Von da aus erstreckte sich sein Gebiet nach Süden bis zur Wüste am Salzmeer. (wie עד לבוא מדברה 1. Chron. 5, 9). Also: Jetzt, da ihr noch im Vollbesitze eures Gebietes seid, entschließet euch zu dieser Sendung!

2
וְהָיָ֥ה כְעוֹף־נוֹדֵ֖ד קֵ֣ן מְשֻׁלָּ֑ח תִּֽהְיֶ֙ינָה֙ בְּנ֣וֹת מוֹאָ֔ב מַעְבָּרֹ֖ת לְאַרְנֽוֹן׃
BernfeldWie ein flüchtiger Vogel, der vom Nest verscheucht, werden die Töchter Moabs an den Furten des Arnon sein, [um vor dem Feinde zu flüchten].
ZunzUnd es geschieht, wie ein flüchtiger Vogel, wie ein verscheuchtes Nest, werden die Töchter Moab's an den Fuhrten des Arnon seyn.
J. J. HirschWird es doch sein, daß, wie ein umherflatternder Vogel, aus dem Neste verscheucht, Moabs Töchterstädte die Übergangspunkte für den Arnon werden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. Denn die Sicherheit, in welche ihr euch einwiegt, wird sich bald als trügerisch erweisen. בנות מואב sind Töchterstädte, wie בחשבון ובכל בנתיה (4. B. M. 21,25) u. f. Gerade das bereits erwähnte System der Zentralisation aller Macht und Intelligenz in die Hauptstädte wird die kleinen Städte gegenüber dem Herannahen einer Gefahr von außen völlig ratlos antreffen. Wie der noch nicht flügge Vogel, sobald er aus dem sicheren Neste gescheucht wird, sich nicht zu helfen weiß, unruhig hin und her flattert und vergebens einen Stützpunkt sucht, so wird es ihnen ergehen, sie werden unfähig sein, den geringsten Widerstand zu leisten.

מעברות לארנון. Ein Feind, der in ein jenseits des Flusses gelegenes Land eindringen will, sucht eine Furt, die nicht besetzt ist, zu erspähen — Moabs Städte, von ihren Bewohnern in ratloser Flucht verlassen, sobald sich nur von weitem am anderen Ufer der Feind zeigt, bieten ihm die schönsten Übergangspunkte über den Arnon.

3
(הביאו) [הָבִ֤יאִי] עֵצָה֙ עֲשׂ֣וּ פְלִילָ֔ה שִׁ֧יתִי כַלַּ֛יִל צִלֵּ֖ךְ בְּת֣וֹךְ צׇהֳרָ֑יִם סַתְּרִי֙ נִדָּחִ֔ים נֹדֵ֖ד אַל־תְּגַלִּֽי׃
Bernfeld[Sie werden mit der Bitte kommen]: Schaffe Rat, übe Recht, gewähre der Nacht gleich deinen Schatten am Mittag, birg die Verstoßenen, den Flüchtigen verrate nicht.
ZunzSchaffe Rath, übe Recht, gewähre der Nacht gleich deinen Schatten am Mittag, birg' die Verstoßenen, den Flüchtigen entdecke nicht.
J. J. HirschBringe Rat heim, bilde dir ein Urteil, mache, als wäre es schon Nacht, deinen Schatten am hellen Mittag, birg Vertriebene, verrate keinen Flüchtling!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. הביאי עצה וגו'. Das כתיב ist הביאו und עשו: für jeden einzelnen, damit er gleich der Gesamtheit beurteilen könne, wie wenig sein und der Nation seitheriges Verhalten den Prinzipien entspricht, welche der eingeholte Rat ihnen zur Aufgabe macht. פלילה von פלל richten, beurteilen, wie ונתן בפללים (2. B. M. 21, 22) nach Richterspruch. בתוך צהרים. Noch steht die Sonne eures Glücks im Zenit, lasset euch von ihr nicht blenden, denket, die Nacht des Unglücks sei über euch hereingebrochen und bekehret euch zur Milde, mahnt der Prophet. Beginnet gut zu machen, was ihr bisher verschuldet habet, und brechet vollends mit den Grundsätzen der internationalen Härte, Schroffheit und Unmenschlichkeit, die euch so lange leiteten. Vgl. Komm. zu 5. B. M. 23, 4—7.

4
יָג֤וּרוּ בָךְ֙ נִדָּחַ֔י מוֹאָ֛ב הֱוִי־סֵ֥תֶר לָ֖מוֹ מִפְּנֵ֣י שׁוֹדֵ֑ד כִּֽי־אָפֵ֤ס הַמֵּץ֙ כָּ֣לָה שֹׁ֔ד תַּ֥מּוּ רֹמֵ֖ס מִן־הָאָֽרֶץ׃ {ס}
BernfeldLass bei dir weilen die Verstoßenen Moabs, sei ihnen ein Schirm vor dem Räuber, bis dass aufhört die Erpressung, ein Ende nimmt die Verheerung, geschwunden sind die Zertreter aus dem Lande.
ZunzLaß bei dir weilen meine Verstoßenen, Moab, sei ihnen ein Schirm vor dem Räuber, bis daß aufhört die Erpressung, ein Ende nimmt die Verheerung, geschwunden sind die Zertreter aus dem Lande,
J. J. HirschLasse bei dir meine Vertriebenen eine Stätte finden, Moab, sei ihnen Schutz vor dem Räuber, denn Erpressung hört auf, Raub geht zu Ende, es schwindet der Gewaltstritt von der Erde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. 5. יגורו בך וגו'. Wenn wieder, wie schon so oft, sich dir Gelegenheit bietet, gegen verscheuchte, vertriebene Juden Gastfreundschaft zu üben und ihnen Schutz zu gewähren, so lasse sie dir nicht entgehen, denn auf Erpressung und Ausbeutung, sei es durch List oder Gewalt, läßt sich für die Dauer kein Staat aufbauen — כלה, אפס, תמו, lauter Präterita, d. h. Erpressung u. s. w. tragen den Keim der eigenen Vernichtung in sich, sie haben keine Zukunft — wohl aber

והוכן בחסד וגו' auf Milde und Wahrheit, wie ihr dies auf dem Berge der Tochter Zions lernen könnt. Tief bedeutsam steht hier בַּחֶסֶד mit bestimmtem, בֶּאֱמֶת mit unbestimmtem Artikel: Wahrheit gibt es nur eine, alles, was von der Wahrheit auch nur um eine Linie breit abweicht, ist unwahr, Milde dagegen ist in den verschiedensten Abstufungen denkbar, denn jede Leistung, die über das strenge Recht hinausgeht, oder jeder Verzicht auf das von demselben Gestattete, ist schon Milde, aber nur durch die von Gott gelehrte erlangt die Staatengründung Dauer und Bestand. Aus חסד und אמת mit einander vereint erblüht צדק das göttliche Recht, und dort wird es gefördert. Dort „im Zelte Davids“, welcher ja selbst der Urenkel einer Tochter Moabs war, die sich von Moabs Grundsätzen losgesagt und die göttlichen Satzungen Israels zu den ihren gemacht hatte, thront das Ideal, dem ihr nachzustreben habet, um gerettet zu werden.

5
וְהוּכַ֤ן בַּחֶ֙סֶד֙ כִּסֵּ֔א וְיָשַׁ֥ב עָלָ֛יו בֶּאֱמֶ֖ת בְּאֹ֣הֶל דָּוִ֑ד שֹׁפֵ֛ט וְדֹרֵ֥שׁ מִשְׁפָּ֖ט וּמְהִ֥ר צֶֽדֶק׃
BernfeldDenn gegründet auf Liebe ist [bei euch] der Thron; auf ihm sitzt mit Treue im Zelte Davids ein Richter, der nach Gebühr trachtet und der Gerechtigkeit kundig ist.
ZunzUnd gegründet wird auf Liebe ein Thron, und darauf sitzet mit Treue im Zelte Dawid's ein Richter, der trachtet nach Gebühr und kundig ist der Gerechtigkeit.
J. J. HirschAber fest gegründet wird ein Thron durch die Milde, und es sitzet auf ihm durch Wahrheit im Zelte Davids ein Richter, der erforscht die Rechtsordnung und ist ein Förderer des Rechts.
6
שָׁמַ֥עְנוּ גְאוֹן־מוֹאָ֖ב גֵּ֣א מְאֹ֑ד גַּאֲוָת֧וֹ וּגְאוֹנ֛וֹ וְעֶבְרָת֖וֹ לֹא־כֵ֥ן בַּדָּֽיו׃
Bernfeld[Aber Israel erwidert auf diese Bitte:] Wir haben vernommen den Hochmut Moabs, es überhebt sich sehr, [wir kennen] seinen Übermut, seinen Hochmut, sein Auffahren, seinen grundlosen Stolz.
ZunzWir haben vernommen den Hochmuth Moab's, er überhebt sich sehr, seinen Uebermuth und seinen Hochmuth und sein Auffahren, seine grundlosen Lügen.
J. J. HirschVernommen haben wir, daß der Hochmut Moabs ins Unermeßliche sich erhebt, sein Stolz und sein Hochmut und seine Ausschreitung — grundlos sind seine Prahlereien.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. Jedoch zu tief wurzeln in euch eure Untugenden, euer Hochmut und euer Stolz, als daß ihr meinen Rat befolgen werdet. שמענו. Nicht ich allein, alle Welt weiß es, und nicht erst jetzt, sondern schon aus der Zeit, da wir aus Ägypten zogen (5. B. M. 23, 4 u. f.).

בדיו Großreden, Prahlen, wie בדיך מתים יחרישו (Job 11, 3). Konkret sind בדים Hebel, Tragstangen, bestimmt einem Gegenstand, der sonst keine Handhabe bietet, als solche zu dienen, um ihn zu heben und zu tragen. Vielleicht heißen davon übertragen Ruhmreden בדים, da mit ihnen der Niedrige, Bedeutungslose bezweckt, sich auf ein höheres Niveau zu heben oder sich ein besseres Fortkommen zu verschaffen. Erst von diesem Begriff abgeleitet dürfte dann בדא mit א eine Lüge erfinden bedeuten: אשר בדא מלבו (1. Könige 12, 33) — לא כן auf keiner Grundlage beruhend, ihrem prahlerischen Gebaren liegt weder Verdienst noch Tapferkeit zugrunde.

7
לָכֵ֗ן יְיֵלִ֥יל מוֹאָ֛ב לְמוֹאָ֖ב כֻּלֹּ֣ה יְיֵלִ֑יל לַאֲשִׁישֵׁ֧י קִיר־חֲרֶ֛שֶׂת תֶּהְגּ֖וּ אַךְ־נְכָאִֽים׃
BernfeldDarum jammert Moab, um Moabs gänzliche Vernichtung jammerte; um die Festen von Kir Hareset seufzt ihr, gänzlich zerschlagen.
ZunzDarum jammert Moab um Moab, allzumal jammert es, um die Vesten von Kir Chareset seufzet ihr, gänzlich zerschlagen.
J. J. HirschDarum muß Moab jammern, weil wegen Moab alles jammern muß! Um die Grundfesten von Kir-Chareseth werdet ihr wimmern, völlig zerschlagen:
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. 8. לכן ייליל מואב וגו'. Gegen die übliche Auffassung: „darum jammert Moab über Moab, alles jammert“, womit die Klage Moabs über sein Geschick ausgedrückt wäre, spricht schon der trennende Akzent auf מואב. Unserer Annahme nach gibt למואב וגו' die Ursache des in den ersten Worten des Satzes Gesagten an und weist nochmals auf die schwere Verschuldung Moabs hin, durch welche es das kommende Unglück verdient haben wird. Siehe das zu V. 4 und 8 des vorigen Kapitels Bemerkte.

לאשישי wie זכרו זאת והתאששו (weiter 46, 8) ermanet euch, festigt euch, oder נפלו אשיותיה (Jerem. 50, 15) die Grundfesten. קיר חרש und קיר חרשת des V. 11 sind nach allgemeiner Annahme identisch mit קיר מואב des vorigen Kapitels. אך נבאים wie אך שמח (5. B. M. 16, 15) nur, durch und durch. אלעלה und שבמה, חשבון gehörten zu Reubens, יעזר zu Gads Gebiet.

כי שדמות וגו'. Den blühenden Wohlstand eurer Nachbarn, der alle Aussicht bot, sich durch deren Fleiß immer mehr auszubreiten und selbst Entferntere zu beglücken, habet ihr, euch als „Herren der Völker“ gebärdend, durch schonungsloses Ausbeuten untergraben und schließlich vernichtet.

8
כִּ֣י שַׁדְמוֹת֩ חֶשְׁבּ֨וֹן אֻמְלָ֜ל גֶּ֣פֶן שִׂבְמָ֗ה בַּעֲלֵ֤י גוֹיִם֙ הָלְמ֣וּ שְׂרוּקֶּ֔יהָ עַד־יַעְזֵ֥ר נָגָ֖עוּ תָּ֣עוּ מִדְבָּ֑ר שְׁלֻ֣חוֹתֶ֔יהָ נִטְּשׁ֖וּ עָ֥בְרוּ יָֽם׃
BernfeldDenn die Fruchtgefilde Hesbons sind welk; der Weinstock Sibmas — die Kriegsmänner von Gojim zerschlugen seine Ranken; bis Jaser reichten sie, erstreckten sich der Wüste zu, ihre Aeste rankten weit über das Meer hin.
ZunzDenn die Fruchtgefilde Cheschbon's sind welk; der Weinstock Sibmah's — der Völker Herren zerschlugen seine Ranken; bis Jaser reichten sie, irrten der Wüste zu, ihre Aeste rankten weit über das Meer hin.
J. J. Hirschweil Cheschbons Gefilde zerknickt liegt, dem Weinstocke Sibmas die Herren der Völker seine Edelreben zerstampften, die bis Jaeser reichten, sich in der Wüste verloren, während seine Ranken sich ausdehnten, das Meer überschritten!
9
עַל־כֵּ֡ן אֶבְכֶּ֞ה בִּבְכִ֤י יַעְזֵר֙ גֶּ֣פֶן שִׂבְמָ֔ה אֲרַיָּ֙וֶךְ֙ דִּמְעָתִ֔י חֶשְׁבּ֖וֹן וְאֶלְעָלֵ֑ה כִּ֧י עַל־קֵיצֵ֛ךְ וְעַל־קְצִירֵ֖ךְ הֵידָ֥ד נָפָֽל׃
BernfeldDarum weine ich mit Jaser um Sibmas Weinstock, ich tränke dich mit meinen Thränen, Hesbon und Elale, denn in deine Fruchtlese und in deine Ernte fällt Schlachtgeschrei.
ZunzDarum beweine ich, im Weinen um Jaser, Sibmah's Weinstock, ich tränke dich mit meinen Thränen Cheschbon und Elaleh; denn in deine Fruchtlese und in deine Ernte fällt Schlachtgeschrei.
J. J. HirschDarum weine ich, stimme mit ein in Jaesers Weinen um den Weinstock Sibmas, dich tränke ich mit meiner Träne, Cheschbon und Elaleh! Weil über deine Lese und deine Ernte der laute Jubel hergefallen ist,
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. 10. על כן וגו'. Darum, spricht der Prophet, wenn Gad (Jaeser) über das von euch seinem Bruder Reuben (Sibma u. s. w.) verursachte Weh weint, so stimme ich mit ein, denn in dem Augenblicke, da ich das über euch hereinbrechende Verhängnis schaue, gedenke ich mit herzbrechendem Schmerze eurer Untaten gegen mein Volk, für welche euch nun die Strafe ereilt.

הידד ist lautes, freudiges Lärmen: im V. 9 der Moabiter, die unter irgend einem nichtigen Rechtstitel sich der Ernte ihrer Nachbarn bemächtigen — in V. 10 der bei ihrer Arbeit munteren Winzer. In dem diesem ähnlichen Kapitel 48 Jeremia werden diese beiden Nüancen des freudigen Lärmens einander schroff gegenübergestellt, um eben das „מדה כנגד מדה“, das Maß für Maß der Strafe zu zeigen: לא ידרך הידד הידד לא הידד „man keltert nicht mit lautem Jubel — Jubel (der Plünderer) ist's, aber nicht Jubel (der Kelterer).“ Da das Glück und Gedeihen der Nachbarn, welches durch Moab gehemmt und zerstört wurde, soeben bildlich als die Blüte des Gefildes und Weinstocks gezeichnet wurde, wird dem entsprechend auch die Vergeltung an den Moment geknüpft, in welchem Moab die Früchte seines selbstsüchtigen Tuns einzuheimsen sich anschickt und „seiner Ernte und Lese“ jede Freude versagt. — Unter ירעע dürfte vielleicht schmetternde Musik zu verstehen sein.

10
וְנֶאֱסַ֨ף שִׂמְחָ֤ה וָגִיל֙ מִן־הַכַּרְמֶ֔ל וּבַכְּרָמִ֥ים לֹֽא־יְרֻנָּ֖ן לֹ֣א יְרֹעָ֑ע יַ֗יִן בַּיְקָבִ֛ים לֹא־יִדְרֹ֥ךְ הַדֹּרֵ֖ךְ הֵידָ֥ד הִשְׁבַּֽתִּי׃
BernfeldDahin ist Freude und Fröhlichkeit aus dem Fruchtgefilde, und in den Weinbergen wird nicht mehr gejauchzt und gelärmt. In den Keltern tritt man nicht mehr den Wein, ein Ende machte ich dem Freudengeschrei.
ZunzDahin ist Freud' und Fröhlichkeit aus dem Fruchtgefilde, und in den Weinbergen wird nicht gejauchzt, nicht gelärmt. Wein in den Keltern tritt nicht der Kelterer, ein Ende mach' ich dem Freudengeschrei.
J. J. Hirschwird Freude und Frohlocken schwinden von dem Fruchtgefilde, wird in den Weinbergen nicht gejubelt und nicht gejauchzet werden, wird Wein in den Kufen nicht der Kelterer keltern — habe ich den lauten Jubel zur Ruhe gebracht!
11
עַל־כֵּן֙ מֵעַ֣י לְמוֹאָ֔ב כַּכִּנּ֖וֹר יֶהֱמ֑וּ וְקִרְבִּ֖י לְקִ֥יר חָֽרֶשׂ׃
BernfeldDarum ist mein Inneres um Moab bewegt gleich den Saiten einer Zither, ich bin tiefgerührt um Kir Heres.
ZunzDarum stöhnen meine Eingeweide um Moab, gleich einer Zither, und mein Inneres um Kir Cheres.
J. J. HirschDarum erzittern um Moab meine Eingeweide gleich einer Harfe und mein Inneres um Kir-Cheres.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. על כן faßt alles Vorhergehende nochmals zusammen: Weil Moab meinem Rate, sich zu bessern, während das Glück ihm noch lächelt, nicht Folge leisten wird, ist sein Verderben nicht aufzuhalten; und ich kann nichts tun, als mich seinetwegen härmen. ככנור. Der Vergleich mit einer Harfe, die ja nicht als Instrument der Klage vorkommt, dürfte weniger den Tönen als den schwingenden Saiten derselben gelten.

12
וְהָיָ֧ה כִֽי־נִרְאָ֛ה כִּֽי־נִלְאָ֥ה מוֹאָ֖ב עַל־הַבָּמָ֑ה וּבָ֧א אֶל־מִקְדָּשׁ֛וֹ לְהִתְפַּלֵּ֖ל וְלֹ֥א יוּכָֽל׃ {ס}
BernfeldNachdem es sich gezeigt, dass Moab vergebens auf den [heiligen] Höhen geweint, gingen sie in das Heiligtum um zu beten; aber es vermochte nicht [sein Schicksal abzuwenden].
ZunzUnd es geschieht, daß erscheint, daß sich abmühet Moab auf der Höhe und gehet in sein Heiligthum, um zu beten, aber nichts vermag.
J. J. HirschUnd wenn es sich erst gezeigt haben wird, daß Moab vergebens sich auf der Anhöhe abgemüht hat, dann kommt es zu seinem Heiligtum um zu beten — aber es kann nicht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. והיה וגו'. Wenn die Gefahr herannaht, versucht es erst sie durch Zauberkünste „auf der Anhöhe“ abzuwenden, wie einst sein König Balak durch den Zauberer Bileam auf den Baals-Höhen (4. B. M. 22, 41). Erst wenn die Zaubermacht versagt, mittels derer es vermeint, das Geschick auch gegen den Willen der Götter meistern zu können, dann flüchtet es in seiner Angst zu ihnen, Besserung zu geloben und zu beten — aber jeder edleren Regung unfähig, hat es selbst das Beten verlernt und es bleibt ihm nichts anderes übrig als, — wie es im V. 2 des vorigen Kapitels heißt — zu weinen!

13
זֶ֣ה הַדָּבָ֗ר אֲשֶׁ֨ר דִּבֶּ֧ר יְהֹוָ֛ה אֶל־מוֹאָ֖ב מֵאָֽז׃
BernfeldDies ist das Wort, dass der Herr geredet über Moab seit langem.
ZunzDies ist das Wort, das der Ewige geredet über Moab vorlängst.
J. J. HirschDas ist das Wort, welches Gott betreffs Moabs von damals her ausgesprochen hat,
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. מאז: bereits zu der Zeit, da Balak Bileam gedungen hatte und dieser wider seinen Willen das Moab einst treffende Gottesgericht zu verkünden hatte.

14
וְעַתָּ֗ה דִּבֶּ֣ר יְהֹוָה֮ לֵאמֹר֒ בְּשָׁלֹ֤שׁ שָׁנִים֙ כִּשְׁנֵ֣י שָׂכִ֔יר וְנִקְלָה֙ כְּב֣וֹד מוֹאָ֔ב בְּכֹ֖ל הֶהָמ֣וֹן הָרָ֑ב וּשְׁאָ֥ר מְעַ֛ט מִזְעָ֖ר ל֥וֹא כַבִּֽיר׃ {פ}
BernfeldJetzt aber redet der Herr also: In drei Jahren, gleich den Dienstjahren eines Löhners, wird gering sein die Herrlichkeit Moabs bei all [seiner] zahlreichen Menge; es bleibt davon nur wenig und unbeträchtlich.
ZunzJetzt aber redet der Ewige also: In drei Jahren, gleich den Dienstjahren eines Löhners, wird gering seyn die Herrlichkeit Moab's bei all ( seiner) zahlreichen Menge, und der Rest ist klein, wenig, unbeträchtlich.
J. J. Hirschjetzt aber hat Gott gesprochen, um zu verkünden: Wegen dreier Jahre wie die Jahre eines Lohnarbeiters wird Moabs Herrlichkeit herabgewürdigt trotz der großen Volksmenge, und der Überrest wird wenig sein, beschränkt, machtlos.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. בשלש שנים וגו'. Wir folgten bei der Übersetzung dieser Worte Raschi, der sie so erläutert: Wegen der drei Jahre, die Moab Sanherib bei der Belagerung Samarias half, als ob es in seinem Solde stehe. Doch konnten wir in תנ"ך für diese Tatsache keinen Beleg finden, wohl aber heißt es 2. Könige 24, 1, 2: „In seinen (Jojakims) Tagen zog Nebukadnezar, der König Babels, hinauf und Jojakim ward ihm dienstbar drei Jahre; er kehrte zurück und empörte sich gegen ihn. Da sandte Gott wider ihn die Scharen der Chaldäer, die Scharen Arams und die Scharen Moabs und die Scharen der Söhne Ammons und entsandte sie wider Juda, es zu vernichten u. s. w.“ Es ist nicht unmöglich, daß, wie diese Vernichtung, auch die drei Jahre andauernde Knechtung Jojakims unter Beihilfe Moabs geschah und darauf unser Vers hinblickt. Auch Jechesk. 25, 8—11 verkündet Strafgerichte Gottes über Moab wegen seiner Schadenfreude bei dem Untergange Judas: הנה ככל הגוים בית יהודה.

ונקלה wie 5. B. M. 25, 3: בכל ההמון הרב, vielleicht: trotz der großen Volksmenge, welche es in den Dienst Nebukadnezars gestellt hatte. Josephus wenigstens erzählt, daß dieser Moab selbst wenige Jahre nach der Zerstörung Jerusalems unterjocht habe.