Jeschajahu 15 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 15. V. 1. Zum richtigen Verständnisse dieses und des nächsten Kapitels ist es nicht unwichtig, sich der charakteristischen Momente zu erinnern, welche die heilige Schrift uns über Moab aufbewahrt. Nicht zum Kampfe veranlagt, strebte Moab nicht nach Waffenruhm, sein ganzes Sinnen war auf Anhäufung von Geld und Gut gerichtet. Dazu bot ihm der üppige Wuchs seines Bodens geeignete Handhabe. Wie schon sein Stammvater Lot bei der Wahl seines Wohnsitzes sich einzig von der lachenden Fruchtbarkeit der Umgebung Sedoms und Amoras leiten ließ und ihretwegen die Laster der Bewohner übersah, so hatte Moab nur das eine Ziel im Auge, recht begütert zu werden. In den Mitteln hierzu war es durchaus nicht wählerisch. Ebensowenig in den Mitteln, seinen gewonnenen Besitz sich zu sichern. Wenn es diesen bedroht glaubte, da kannte es keine verwandtschaftlichen Rücksichten, wie 4. B. M. Kap. 22 bis 25 lehrt; Feigheit und Hinterlist sind die Eigentümlichkeiten seines Charakters. Für die Sicherheit seiner angesammelten Schätze war ihm alles feil, selbst die Ehre seiner eigenen Töchter. Im internationalen Verkehre waren Schroffheit, Härte, Unmenschlichkeit seine hervorragenden Eigenschaften, wie dieses schon 5. B. M. 23, 5 hervorgehoben wird. Dazu kam Hochmut, Machtstolz, blindes Wüten, wie dies das nächste Kapitel und Jerem. 48 rügt. Amos 2, 1 geißelt, unter anderen nicht näher bezeichneten Verbrechen, ihre bodenlose Gemeinheit, die an dem gefallenen Feinde, den man bisher ungemein gefürchtet hatte, grauenhafte Rache nahm. Hierin allein bekundete sich schon die ganze Niedrigkeit ihrer Denkungsart. Da kann es nicht wundernehmen, daß, wie aus unserem Kapitel hervorgeht, Moabs Wachstum mit den Tränen seiner Nachbarn gedüngt war. Scheint doch selbst das Mark des eigenen Landes zugunsten der herrschenden אילים, der Mächtigen, Besitzesstolzen — אילי מואב (2. B. M. 15, 15) aufgesogen und die ganze Provinz ihrer Selbständigkeit und Dispositionsfähigkeit beraubt worden zu sein, um Reichtum und Macht in den beiden Hauptstädten zu zentralisieren. Daher war auch mit der Eroberung von Ar, der Hauptstadt, und Kir, das zugleich die Feste Moabs bildete, mit einem Schlage Moab selbst vernichtet, נדמה des „Seins beraubt“ worden, eben weil mit diesen beiden Plätzen die ganze Bedeutung und alle Hilfsquellen des Landes dem Feinde in die Hand gefallen waren. Darin liegt eben der Unsegen einer Zentralisation, die im Interesse weniger alle materiellen und geistigen Kräfte der Gesamtheit absorbiert.
Der Prophet sieht die zukünftige Katastrophe bereits als eingetreten an und schildert ihre Folgen, er bedient sich deshalb des Präter. כי נדמה, שדד begründet hier das weiter folgende. בליל stat. constr., dem wir nicht selten auch in Verbindung mit Zeitwörtern begegnen, so weiter 30, 29: כליל התקדש חג. נדמה Nifal von דמה, dessen Grundbedeutung „ähnlich sein“ ist. Hier und in noch einigen Stellen bedeutet es den völligen Verlust selbständigen Seins, gleichsam nur noch „Ähnlichkeit“ mit dem Wesen besitzen, welches man früher war, nur noch sein Schatten sein.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. 3. Völlig gebrochen denkt keiner an Widerstand, Moab steigt zum Tempel hinan, nachdem es, wie dies V. 12 des nächsten Kapitels präzisiert, sich vergeblich auf der Anhöhe abgemüht hat und nicht einmal beten kann — und bricht in feiges Weinen aus. — Der Prophet verkündet Moab, daß es für das, was es an Newo und Medwa, seinen Nachbarn, verbrochen hatte, nun büßen, schwer büßen muß, viel zu jammern haben wird. בכל ראשיו וגו'. Dem äußeren Ausdruck des Jammers und der Trauer fällt sein Haupt- und Barthaar zum Opfer. — Manche lesen גדועה, das wäre ein absichtlich gewählter, nicht gebräuchlicher Ausdruck für das Abschneiden des Bartes, wörtlich „abgehackt“, um das Übereilte, Unordentliche zu zeichnen: גדועה לגנאי zur Verunzierung, wie ר' שלמה ב' מלך ז"ל bemerkt. Nach unserer Lesart heißt es hier גרועה wie in Jerem. 48, 37, von גרע weniger werden, abnehmen. ירד בבכי. Es gibt ein Weinen, das den Schmerz lindert, man weint sich aus und fühlt sich erleichtert. Im Gegensatz zu solchem heißt es hier ירד „man sinkt immer mehr hinab“ [in den Schmerz] durch dieses Weinen, deshalb auch בַּבֶּכִי und nicht בְּבֶכִי. Der Schmerz wird tiefer, je mehr man weint. Ähnlich אריד בשיחי (Ps. 55, 3) ich fühle mich nicht erhoben, „ich sinke in Wehmut hinab im Gebete“.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Moabs Bedrückung und hartherzige Gewinnsucht hatte den umliegenden Städten oft bitter weh getan, aber es kannte keine Schonung, wo es galt, seinen Vorteil bis aufs letzte auszunutzen — wenn nun jetzt der Tag des Weinens selbst an „seine Gerüsteten“ herantritt, so hat es sich selbst sein Unglück zuzuschreiben, es hat es wahrlich um seine Nachbarn reichlich verdient. ירעה ist regul. עבר im קל der Wurzel ירע, deren Bedeutung רוע entspricht. Wörtlich: seine Seele oder seine Person hat sich dieses Böse zugefügt.
Diese Auffassung entspricht vollkommen der Tatsache, daß alle V. 2 und 4 genannten Städte in der heiligen Schrift als zum Gebiete Rubens und Gads gehörig vorkommen, und erklärt den Wechsel der Zeiten: ויליל, ותזעק, יריעו und ירעה. Nach der gewöhnlichen Erläuterung, die in diesen Namen moabitische Städte erblickt, würde das Faktum des Jammerns unerklärlicherweise wiederholt berichtet werden und der Wechsel der Zeiten wäre nicht begründet. Aber vor allem liegt für die Annahme, daß diese Städte von Moab den Stämmen Ruben und Gad abgenommen oder von diesen überhaupt nie faktisch besessen worden seien, auch nicht der geringste Anhaltspunkt in unseren Büchern vor. Auf letzteren Umstand macht bereits Gesenius aufmerksam, obgleich auch er der üblichen Erklärung huldigt, ebenso nach ihm Luzzato. Ein anderer sehr gewissenhafter Kommentator Dr. Heinemann, Berlin 1842, versucht die Schwierigkeit dadurch zu überwinden, daß er vermutet, Moab habe vielleicht in dem ihm verbliebenen Lande Städte gleichen Namens wie die s. Z. verlorenen erbaut. Unsere Auffassung hält sich streng an Wortlaut und Akzenten und danach sind die diesbezüglichen Schwierigkeiten hier und im nächsten Kapitel überhaupt nicht vorhanden. Nebenbei bemerkt, wird in den allermeisten Stellen der heiligen Schrift das Weinen um einen Verlust nicht mit על konstruiert, sondern mit dem Akkusativ: ולבכתה (1. B. M. 23, 2); ויבך אותו אביו (das. 37, 35); ויבכו אותו מצרים (das. 50, 3); sogar יבכו את השרפה (3. B. M. 10, 6); ויבכו את אהרן (4. B. M. 20, 29); ובכתה את אביה (5. B. M. 21, 13) und sonst.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. לבי וגו'. Obgleich Moab sein Unglück wohl verdient hat, erregt es doch das Mitgefühl des es verkündenden Sehers. Raschi macht schon auf den Unterschied zwischen einem jüdischen und einem nichtjüdischen Seher aufmerksam. Wie bemüht sich Bileam, Israel, welches ihm nicht den mindesten Anlaß zum Haß gegeben hatte, durch den bekannten teuflischen Rat in Schuld und Unglück zu stürzen, und Jesaia jammert Moabs Geschick, welches durch sein Vorgehen gegen Israel doch genügend verschuldet war!
בריחה. Der allgemeinen Auffassung folgend, haben wir dieses Wort als „Flüchtige“ übersetzt, obgleich dann eigentlich בריחיה stehen müßte. אבן עזרא allerdings möchte es als „Riegel der Tore“, als Festungen erklären, doch gibt auch er die Möglichkeit, es als Flüchtlinge zu nehmen, zu.
Unserer Ansicht nach war bei der Wahl dieser ungewöhnlichen Form für „Flüchtlinge“ deren gewöhnliche Bedeutung als „Riegel“ maßgebend. Allerdings nicht als Torriegel, sondern wie והבריח התיכן בתוך הקרשים מבריח מן הקצה אל הקצה (2. B. M. 26,28) „der mittlere Riegel innerhalb der Bretter riegelt von einem Ende zum anderen“, wo also es die Aufgabe des Riegels ist, den ganzen Bau, die ganze Wohnung zusammenzuhalten. Danach dürfte hier mit dem einen Worte gesagt sein: „Diejenigen, die Moabs Halt sein sollten, sind flüchtig“. Bestärkt wurden wir durch den Umstand, daß בריחה hier ohne das י des Plurals steht, während es normal בריחיה heißen müßte, und in fast sämtlichen Stellen, in welchen das Wort als Riegel in dem zitierten Sinne im 2. B. M. vorkommt, stets dessen Plural ohne „י“ geschrieben ist, so 26,26,27,29; 36,32,34. Damit dürfte der Prophet angedeutet haben, wie er dieses Wort verstanden wissen will.
Diese Auffassung gestattet dann auch eine weniger gezwungene Erklärung des schwierigen עגלת שלשיה, welches vielfach als dreijährige oder drittgeborene Kalbe, oder als drittes Eglath, eine Stadt, welche sonst nirgends vorkommt, genommen wird. Denn in der unseren beiden Kapiteln ähnlichen Offenbarung Jeremias verstehen wir dieses Wort 48, 34 ebenso wie hier.
In Übereinstimmung mit מלבים ז"ל fassen wir עגלת wie ויבא המעגלה (1. Sam. 17, 20) oder 26, 5: ושאול שכב במעגל Saul schlief in dem Kreise, auf. שלשיה von שלש Befehlshaber, Führer, ומבחר שלשיו (2. B. M. 15, 4) zusammen: Der Führerkreis, der militärische Stab. צער, der Ort, nach welchem einst Moabs Stammvater Lot sich flüchtete, lag an der Südseite des Salzmeeres. So weit erstreckte sich die feige Flucht der ratlosen Führer. Allerdings waren diese nicht die ersten, welche die Flucht ergriffen, denn während der „Führerkreis“ erst den Steig nach Luchith — יעלה Singular — erklimmt, sind ihm die übrigen Flüchtigen schon auf dem Wege nach Choronaim voraus, wo sie Geschrei erwecken — יעערו Plural. — Von den beiden Hauptstädten gelangt man erst nach Luchith, dann nach Choronaim, ehe man Zoar erreicht. יעערו ungewöhnliche Pielform von עור erwecken, erregen, wobei statt des ל' הפעל das פ' הפעל verdoppelt ist.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. Der Jammer über den Zusammenbruch wird noch dadurch verstärkt, daß die Feinde die Quellen des Nimrim verschütten und so der dortigen Gegend ihren Wasserzufluß und damit die Fruchtbarkeit auf lange Zeit hinaus unterbinden werden. Eine solche Maßregel finden wir auch von Israel und Juda gegen Moab angewandt (2. Könige 3, 25). In unserem Falle sollte sie das Land um so fühlbarer treffen, als es bereits vorher durch Dürre in seinem Wachstum gelitten hatte, wie dies aus dem Gebrauche des präterit. in יבש, כלה und היה hervorzugehen scheint. Der feindliche Einfall dürfte mehr Beute- und Rachezug gewesen sein, als Eroberungszwecken gedient zu haben. Wer ein Land behalten will, zerstört nicht die Quellen seines Reichtums. Daß das Hauptmotiv Rache war, zeigen auch die nächsten Verse.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. יתרה von יתר übrig bleiben, Überschuß, Gewinn. ופקדתם wie 4. B. M. 16,29: ופקדת כל האדם יפקד עליהם „und das Verhängnis aller Menschen über sie verhängt wird“. Zugleich ersehen wir aus יפקד, daß פקדה männlich ist. יתרה עשה gleich יתרה אשר עשה, wie את הדרך ילכו בה (2. B. M. 18, 20); מדריכך בדרך תלך (weiter 48, 17). Ihr Reichtum reizt die Beutesucht anderer Völker, und die Art und Weise, wie sie ihn durch Ausbeutung ihrer Umgebung vermehren und nicht der Tränen und des Jammers derselben achten, macht, — daß Gottes Gerechtigkeit Trübes über sie verhängt. Wenn auch nicht jetzt, so wird doch die Fruchtbarkeit ihres Bodens einen späteren Feind veranlassen, sie aus dem Lande zu treiben. Nimmt man doch in der Tat an, daß Moabs Bevölkerung später unter den Arabern verschwand. Dem entsprechend haben wir auch נחל הערבים übersetzt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. כי הקיפה וגו'. Wenn im Süden Eglaim jammerte, so war Moab daran schuld und ebenso an dem Jammer des im Norden liegenden Beer Elim. יללתה wörtlich: sein Jammer, das heißt der Jammer über es. Ganz analog mit זעקת סדום ועמרה und הכצעקתה (1. B. M. 18,20, 21), das ja nicht Sedoms und Amoras Geschrei bedeutet, sondern das Geschrei über Sedom und Amora; ebenso עלי קללתך בני (1. B. M. 27, 13) „über mich komme dein Fluch“, welches ja auch nicht den Fluch, den Jakob ausspricht, bedeutet, sondern den über ihn ausgesprochenen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. כי מי דימון. Möglich, daß Dimon den Fluß Arnon bezeichnet, der Moab von Rubens Gebiet trennte und hier bildlich all das Weh gemeint ist, welches Moab Ruben verursacht hatte. „Ihr habt genug Blutschuld auf euch geladen, jetzt wird der Fluß sich von eurem Blute röten.“ אשית dürfte nicht allein auf נוספות, sondern auch weiter auf אריה sich beziehen. „Sowohl für die Entflohenen als auch für die im Lande Verbliebenen bestelle ich den Löwen, der sie vernichtet;“ hiermit dürfte das letzte ihrem Reiche den Garaus machende Strafgericht Gottes gemeint sein.